23. Japanischer Filmabend SS 2004 Mi.9.Juni 2004

Ich begrüße Sie sehr herzlich wieder zum japanischen Filmabend. Ich freue mich mit Ihnen, daß es in diesen Tagen endlich sonnig und wärmer geworden ist. Der Sommer ließ sich in diesem Jahr lange auf sich warten. Als ich vor ein paar Wochen in Sankt Petersburg war, war es wärmer als hier. In Tokyo soll am 6. Juni der Beginn der Regenzeit im Wetterbericht angekündigt worden sein. Es ist eine Übergangszeit vom Frühling zum Hochsommer, die man in Deutschland gar nicht kennt. Von dem japanischen Ausdruck "Tsuyu" allein wird man schön etwas deprimiert. Dagegen ist der schone Monat Mai mit der japanischen Übersetzung "uruwashi no gogatsu" zusammen sprachlich wunderschön. Ich hoffe, diese schöne Jahreszeit in den kommenden Wochen noch nachholen zu können.
Heute abend möchte ich Ihnen einen vielleicht interessanten Kulturfilm zeigen. Es handelt sich dabei um die Nationalsport-Halle Kokugikan in Tokyo. Wie Sie wohl alle wissen, ist Sumo-Ringkampf der Nationalsport Japans, und dieses Sumo wird mehrmals im Jahr je zwei Wochen gespielt. Es ist bei den Japanern, vor allem bei den Frauen wirklich sehr beliebt. Doch ich bin sehr überrascht festzustellen, daß es auch in Deutschland viele Liebhaber von Sumo gibt. Sonst würde man hier nicht regelmäßig im Fernsehen eine Zusammenfassung sämtlicher Kampfspiele von jenen dicken Männern ausstrahlen. Es wird dabei erstaunlicherweise über alle Sumo-Techniken in japanischer Terminologie gesprochen.
  Vor einigen Jahren habe ich auf Einladung eines Verlages zum erstenmal Sumo im Kokugikan gesehen. Die Eintrittskarte kostet so viel, daß ein armer Germanistikprofessor sich kaum leisten könnte. Aber in großer Entfernung könnte ich nicht genau erkennen, was da gekämpft worden ist. Der Ringkampf war ja meist in einem Augenblick vorbei. Im Fernsehen sehe ich alles viel besser. Auch beim Baseball-Spiel ist es genau so. Ich wäre also lieber zu Hause geblieben, da ich keine Zeit habe, die gleichen Kampf-Spiele zweimal zu sehen. Es lohnte sich aber, es einmal auf fremde Kosten zu erleben.
  Neben einer architektonischen Präsentation der Kokugikan-Halle beschäftigt sich der Kulturfilm freilich mit der Geschichte des Sumo-Sports, wobei er sowohl über das Leben der Sumo-Kämpfer als auch über berühmte Kämpfer der Vergangenheit berichtet. Es ist allgemein bekannt, das die Sumo-Kämpfer meist gutmütige junge Männer sind und außerhalb des Kampfspiels gern singen und lachen. Sie können auch gut kochen, so daß sie nach Beendigung ihres harten Berufs oft ein japanisches Restaurant aufmachen. Daß der Sumo-Ringkampf ursprünglich ein Spiel vor den japanischen Göttern war, sieht man an dem aus dem Seidenfaden geflochtenen Seilwerk mit Papierstreifen, das Yokozuna, der ranghöchste Sumo-Kämpfer, um die Hüfte herum anhat. Im Shintoismus werden uralte große Bäume oder seltene große Gesteine in gleicher Weise als heilige Gegenstände verehrt.
  Was den Spielfilm von heute abend anbelangt, so erinnert man sich bei seinem Titel "Der kürzeste Brief an die Mutter" an die bekannten Zeilen "Osen nakasu na uma koyase". Ein Bauer schrieb nämlich einmal aus seiner Reise an seine Ehefrau: sie soll sich um das Töchterlein Osen kümmern, daß es nicht schreit, und sie soll auch das Pferd gut füttern. In deutscher Übersetzung sind die Zeilen viel länger geworden, aber sie gelten seit langem als Musterbeispiel für einen lakaonischen Briefstil im Japanischen. Sicherlich angeregt dadurch, hat eine Kleinstadt in der Präfektir Fukui vor etwa 15 Jahren einen Wettbewerb mit dem Motto "Der kürzeste Brief an die Mutter" ausgeschrieben. Da mehr als 2500 kurz gefaßte Briefe verschiedenen Inhalts eingesandt wurden, hat die Stadt eine Auswahl von etwa 350 ausgezeichneten Zeilen in Buchform publiziert und hat in der Öffentlichkeit einen guten Anklang gefunden. Preisgekrönt wurde u.a. der Brief mit den Zeilen: "Mutter, bist du glücklich mit ihm? Vater sagte nichts und starb ruhig."
Nun ist man selbstverständlich neugierig geworden, was für ein menschliches Schicksal dahinter steckt, und hat daraus ein Drehbuch für einen Spielfilm erstellt. Als Anlaß zur Teilnahme an dem Wettbewerb wird im Film eine Fiktion erfunden. Hiroshi leiht sich den Laptop seiner Schwester Maki und entdeckt diese kurze Nachricht an die Mutter, die sie vor achtzehn Jahren verlassen hat. So verdichtet sich die episodenhafte Erzählung nach und nach zur Hintergrundgeschichte dieser kurzen Nachricht.
Der Spielfilm beginnt und endet mit derselben Einstellung. Tae, die Mutter der Geschwister, liest die Karten, die Norio - der Mann, wegen dem sie ihre Familie verlassen hat - an seine Mutter geschrieben hat. Am Ende stellt sich heraus, daß Norio tot ist und Tae selbst diese Karten geschrieben hat, um Norios Mutter nicht zu beunruhigen. Aber diese weiß bereits, daß ihr Sohn tot ist, und bittet ihre Quasi-Schwiegertocher Tae, ihr doch eigene Briefe zu schreiben. Diese Handlung bleibt allerdings nur andeutungsweise im Hintergrund. Die Mutter war doch nicht glücklich.
  Von diesen Parallelhandlungen soll die Haupthandlung in groben Zügen nacherzählt werden. Der Vater hatte nie über die Trennung von seiner Frau gesprochen und verstarb kürzlich nach einem Schlaganfall. Inzwischen arbeitet Maki für eine Dekorationsfirma in Matsumoto in der Präfektur Nagano, und ihr Bruder ist Student in Tokyo. Die Geschwister treffen sich anläßlich der Bestattung des Vaters in Matsumoto. Kurz darauf beschließt Hiroshi, seine Mutter zu suchen. Er findet sie schließlich in einer Bar in Tokyo, in der sie als Wirtin arbeitet. Er kommt mit ihr nach einigen anfänglichen Schwierigkeiten zurecht. Sie würde auch gerne ihre Tochter treffen, aber es ist nicht so leicht wie das Mutter-Sohn-Verhaltnis. Bei einem Besuch in Tokyo findet Maki ihre Mutter in Hiroshis Wohnung. Sie ist überrascht und empört. Als Tochter kann sie der Mutter ihr Weggehen nicht verzeihen und schickt sie fort. Doch ihr Chef Sakata, den sie mag, vermittelt zwischen Mutter und Tochter, und sie versöhnen sich. Der Film endet damit, daß Tae auf das Angebot eingeht, in Singapur eine Bar zu übernehmen, und sich auf dem Weg dorthin befindet. Sie ist glücklich, das Verhältnis zu ihren Kindern geklärt zu haben.
Meiner Ansicht nach zeigt sich an dieser alltäglichen Liebesgeschichte ein Aspekt der traditionellen Liebesauffassung in der japanischen Literatur. Um etwas weit auszuholen, so lieben die Götter in der japanischen Mythologie noch mehr als in der griechischen Mythologie. So ist es schon der Fall in dem ältesten Schriftwerk der japanischen Literatur, nämlich im Kojiki, d.h. "Geschichte der Begebenheiten im Altertum", das erst im Jahre 712 im Auftrag des japanischen Kaiserhauses niedergeschrieben wurde. Dieser Geschichtsmythos, der die Entstehung des Landes der aufgehenden Sonne schildert und seine ununterbrochene Herrscherlinie zu legitimieren sucht, ist im Verlauf der mythologischen Schilderungen voll von Liebesabenteuern der himmlischen Götter und irdischen Kaiser, die angeblich göttlicher Herkunft sind. Er bildet gleichzeitig die Grundlage der althergebrachten Naturreligion, die als Shintoismus bis heute unter den weiten Kreisen des Volkes verbreitet ist.
Es geht aber im Hinblick auf die literarische Tradition vor allem um das erste göttliche Paar Izanagi und Izanami, das nach einer kurzen Weltschöpfungsgeschichte auf der Regenbogenbrücke aus dem Himmel die Hauptinseln Japans gezeugt und geboren hat. Obwohl die beiden Gottheiten zuerst im Auftrag der himmlischen Götter durch das Herumrühren der chaotischen Salzflut mit einem Juwelen-Speer eine Insel schuf, fragten sie einander nach ihrem Geschlechtscharakteristikum, sobald sie vom Himmel auf diese Insel herabstiegen. Die männliche Gottheit Izanagi fragt seine jüngere Schwester Izanami, wie ihr Körper gebildet sei. Darauf antwortet sie: "Mein Körper wächst und wächst immerfort, aber eine Stelle ist vorhanden, die nicht immerzu wachst." Da spricht er: "Mein Körper wächst immer und wächst, aber eine Stelle ist vorhanden, die im Übermase wächst. Daher wird es gut sein, daß ich diese im Übermaße wachsende Stelle meines Körpers in die nicht beständig wachsende Stelle deines Körpers hineinstecke und so zeugend Länder hervorbringe." Darauf antwortet sie auch unumwunden: "Das wird so gut sein." Danach vollzog das erste Ehepaar in der japanischen Mythologie einen Zeugungsakt, versagte aber deshalb, weil die Frau zuerst den Mann ansprach.
  Der frühere Hamburger Japanologe Oscar Benl, dessen Augenmerk in einer Anthologie auf die Liebesgeschichten gerichtet ist, weist hellsichtig insbesondere auf diese uralte japanische Problematik der Geschlechterliebe hin: "Bereits die Erschaffung der japanischen Inseln durch das göttliche Ur-Ehepaar Izanagi und Izanami begann mit einer Liebeswerbung, doch mißrieten die Geschöpfe zunächst, weil die Frau die ersten zärtlichen Worte sprach, und es muste, nunmehr vom Manne eingeleitet, das Zeremoniell wiederholt werden." Von litera-rischer Bedeutung ist, daß das Verb izanau, das den beiden Namen Izanagi und Izanami zugrundeliegt, "einladen, auffordern" bedeutet. Wörtlich heißen sie "Einladender Herr" und "Einladendes Weib", so daß die männliche Gottheit Izanagi sich wirklich als der Umwerbende und seine jüngere Schwester Izanami als die Umworbene erweist.
Auch in dem Spielfilm verläßt Tae ihre Familie und läuft ihrem Geliebten nach, was aber faktisch bedeutet, daß sie zuerst einen Mann liebt. Deshalb kann sie nach der japanischen Tradition nicht glücklich werden. Es wäre ein interessantes Problem für eine weitere komparatistische Untersuchung. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen.