22. Japanischer Filmabend SS 2004 Do. 11. Mai 2004
Ich freue mich, Sie im Gästehaus der Universität wieder begrüßen
zu können. Der Japanische Filmabend findet hiermit zum zweiundzwanzigsten
Mal statt. Wenn heutzutage in Deutschland im Rundfunk oder Fernsehen von
Kultur die Rede ist, spielt der Kinofilm neben Musik und Theater eine bedeutende
Rolle. So habe ich seit Aufnahme meiner Lehrtätigkeit im Lektorat
für Japanisch diese meine neue Aufgabe, während des Semesters
jeden Monat einen Filmabend zu veranstalten, ernsthaft wahrgenommen. Er
ist in diesem Sommersemester noch zweimal vorgesehen. Ich hoffe, daß
er trotz allem auch im Wintersemester fortgesetzt werden kann.
Zum Semesterbeginn wollte ich Ihnen wieder einmal etwas über die Geschichte
Japans zeigen, und zwar in Gegenüberstellung von Edo-Zeit und Neuzeit
kurz vor der Meiji-Restauration im Jahre 1868. Bei dem Kulturfilm handelt
es sich nämlich um eine buddhistische Wundergeschichte "Tsubosaka-Kannon
Reigenki", die seit alters im Bunraku-Puppenspiel oder im Kabuki-Theater
gern gespielt wird, und beim Spielfilm um eine Verfilmung der Autobiographie
von Fukuzawa Yukichi, dem Gründer der Keio-Universität in Tokyo,
der vor allen andern den Weg zum modernen Japan angebahnt hat. Der Einakter
mit dem deutschen Titel "Das Wunder vom Tsubosaka-Tempel" wurde
im Jahre 1877 von Danpei Toyosawa und Chikajo geschrieben und handelt von
der rührenden Liebe zwischen einem blinden Musiklehrer und seiner
Ehefrau. Über eine solche fromme Liebesgeschichte ist freilich eine
weitere Erklärung überflüssig.
Dagegen braucht der heutige Spielfilm "Der Weg nach Japan" schon
eine Erläuterung, da er als filmische Darstellung einer Lebensgeschichte
nicht unbedingt texttreu ist wie bei allen Dramatisierungen von Literaturwerken.
Fukuzawa Yukichi gilt zweifellos als einer der besten aufklärerisch-liberalen
Denker in der Meiji-Zeit, aufklärerisch in dem Sinne, daß er
vom anglo-amerikanischen Pragmatismus sehr eingenommen war, und liberal,
insofern er nichts von dem japanischen Traditionalismus hielt. Diesen persönlichen
Werdegang diktierte Fukuzawa im Mai 1898 zu Ende und veröffentlichte
seine autobiographische Lebensschilderung als Fukuo-Jiden im Laufe des
gleichen Jahres. Er erlitt bald darauf einen Gehirnschlag und konnte seine
Selbstbiographie nicht mehr ergänzen oder stilistisch verbessern.
Immerhin gilt sie als Meisterwerk der literarischen Gattung Autobiographie.
Fukuzawa Yukichi wurde 1835 als Sohn eines Samurai niederen Standes vom
Nakatsu-Clan in Kyushu auf dessen Handelsniederlassung in Osaka geboren.
Aber nach dem unerwarteten Tode seines Vaters im folgenden Jahr mußte
er seine Kindheit bis 1853 mit Mutter und vier Geschwistern in Nakatsu
verbringen. Sein Leben ist fortan im großen und ganzen durch vier
bedeutende Epochen markiert: 1) Kindheit in Nakatsu, Lehrzeit in Nagasaki
(1854) und Ausbildung in Osaka (1855); 2) Übersiedlung nach Edo und
drei Auslandsreisen nach Amerika (1860), durch Europa (1862) sowie nochmals
nach Amerika (1867); 3) Meiji-Restauration in Edo (1868); 4) Gründung
der Keio-Universität in Tokyo (1858/68).
Bekanntlich beginnt ein Gedicht Goethes zur Selbstcharakteristik: ?Vom
Vater hab' ich die Statur,/ Des Lebens ernstes Führen,/ Von Mütterchen
die Frohnatur/ Und Lust zu fabulieren." Mehr oder weniger ähnlich
setzt Fukuzawa Yukichis Autobiographie mit der Schilderung seiner Eltern
ein. Dabei erklärt er das Feudalsystem als den Feind seines Vaters
und macht die Suche nach der Freiheit im Leben zum Leitmotiv seiner ganzen
Selbstbiographie. Yukichi erbte von seinem Vater nicht nur eine literarisch-wissenschaftliche
Begabung, sondern übernahm auch eine entschiedene Kritik an dem jahrhundertealten
Feudalwesen in Japan. Dagegen scheint er von seiner Mutter eine Disziplin
ohne Strenge gelernt zu haben. Yukichi wurde faktisch nicht von seinem
Vater, sondern von seiner Mutter erzogen und verdankte ihr seine lautere
Gesinnung sowie ernsthafte Lebensführung. Um die Bildung Yukichis
kümmerte sich die Mutter allerdings nicht besonders.
Über das erste Lernen der chinesischen Schriften in einer Privatschule
wird in drei Abschnitten berichtet: ?Als ich 14 oder 15 Jahre alt war,
schämte ich mich wohl, das ich der einzige war, der nicht lesen konnte,
während es alle anderen Kinder in der Nachbarschaft beherrschten.
Ich fürchtete mich, sie konnten dies erfahren. So bekam ich Lust,
selbst lesen zu lernen und ich begann, eine ländliche Privatschule
zu besuchen." Bei der Lekture in der Chinakunde ging es selbstverständlich
um vier Bücher und fünf Sutren: ?Erst mit 14 oder 15 Jahren mit
dem Lernen in der Schule zu beginnen, war mir äußerst unangenehm.
Die anderen Schüler lasen bereits Schi-king, Buch der Lieder, oder
Schu-king, Buch der Urkunden. Ich aber mußte mich noch mit dem richtigen
Lesen von Meng-tse herumplagen."
Auf diese Weise treten in seiner Autobiogrphie allmählich Charakterzüge
zutage, die Fukuzawa Yukichis von Natur praktisch veranlagte, aber im Grunde
konfuzianisch gebildete Individualität ausmachen. Im Laufe der Jahre
eignete er sich gewis eine reichhaltige Bildung von seiten der europäischen
Wissenschaften an und distanzierte sich immer mehr von seiner ursprunglichen
Ausbildung in der herkömmlichen Tradition des Samurai-Standes. Aber
in seiner ethischen Haltung war er m.E. im Grunde genommen konfuzianisch.
Nachdem der junge Fukuzawa außerdem eine subjektive Frömmigkeit
zum Buddhismus bei seiner Mutter und eine formalistische Einhaltung der
konfuzianischen Lehren bei seinem älteren Bruder erlebt hatte, hegte
er bei allem Respekt vor der natürlichen Ethik Zweifel an der althergebrachten
religiösen Tradition in Japan. Veranlaßt durch ein heftiges
Schimpfen seines Bruders überlegt er sich: ?Sollte das Drauftreten
auf ein Blatt Papier mit dem Namen des Fürsten wirklich so etwas Schlimmes
sein, wie mein Bruder sagt, so wäre es interessant zu wissen, was
geschähe, wenn man auf ein Papierblatt mit dem Namen Gottes trate."
Als er an einem verborgenen Orte den Versuch machte, ereignete sich nichts.
Der Spielfilm setzt faktisch mit diesem entscheidenden Zeitpunkt ein. Er
nahm dann den Zettel mit in den Abort und stellte fest, das doch wieder
nichts passierte. Mit fortschreitendem Alter wurde er noch kühner
und gelangte zu der Überzeugung, daß die sogeannten Gottesstrafen,
von denen die alten Leute gerne sprachen, reine Lügerei seien. In
der Tat fand er im Tabernakel des Schreines im Hause seines Adoptivvaters
nur einen Stein. Er nahm ihn heraus und legte an dessen Stelle einen anderen
hinein. Auch bei seinem Nachbar öffnete er das Tabernakel des Inari-Schreines.
Hier lag ein Holzplättchen als Sinnbild der Inari-Gottheit drinnen.
Er nahm es an sich und warf es weg. Trotzdem wurde bald darauf das Inarifest
wie ublich vom Volk gefeiert. Aus der Religionskritik daran ging der japanische
Aufklärer Fukuzawa Yukichi in der Mitte des 19. Jahrhunderts hervor
Im Jahre 1854 gelang es Yukichi, zum Studium der europäischen Schule
?Yogaku" seine Heimat zu verlassen, und damit begann seine Lehrzeit
in Nagasaki. Im Vorjahr war Commodore Perry mit seinem amerikanischen Geschwader
?Kurofune" nach Japan gekommen. In den größeren Städten
betrieb man schon seit rund 100 Jahren die sogenannte Holländische
Wissenschaft ?Rangaku", doch in einer Provinzstadt wie Nakatsu bekam
man keine fremdländischen Buchstaben oder gar Texte zu Gesicht. In
Nagasaki studierte zu jener Zeit der Sohn des höchsten Clanbeamten,
Okudaira Iki, der in dem Film einfachheitshalber Fukuzawas Freund genannt
wird.
Als der längere Verbleib in Nagasaki schwierig wurde, wollte Fukuzawa
zum Weiterstudium nach Edo gehen. Aber durch eine glückliche Fügung
konnte er im März 1855 bei dem damals bedeutendsten Arzt Ogata Koan
in Osaka eine gründliche Ausbildung erfahren. Im Jahre 1858 siedelte
dann Fukuzawa, 25 Jahre alt, von Osaka nach Edo über. Der Edo-Hof
des Fürsten Okudaira hatte ihn dorthin berufen, um ihn an der gerade
errichteten Clan-Schule für Holländisch-Studium unterrichten
zu lassen. Aber es stellte sich zu seiner Beunruhigung heraus, das das
Holländische mittlerweile in Edo untauglich geworden war. Im folgenden
Jahr, als der sogenannte Funf-Staaten-Vertrag inkraft trat und der Hafen
von Yokohama für den Ausenhandel geöffnet wurde, begab er sich
einmal in diese Stadt und mußte erleben, daß er sich mit den
Ausländern nicht verständigen konnte.
Nach grosen Anfangsschwierigkeiten hatte sich der junge Fukuzawa für
ein Alleinstudium entschlossen, suchte aber nach einem Freund zum Englischlernen
und konnte sich endlich zurecht finden. Ein Gutteil seiner Holländischkenntnisse
erwies sich für die Lektüre des Englischen als sehr nützlich.
Für die Anfänge des Englischunterrichts in Japan leistete er
wieder etwas Entscheidendes. Die Einsicht Fukuzawas, das dem Englischen
in Zukunft eine sehr große Bedeutung zukommen würde, bewahrheitete
sich schon in seinem zweiten Jahr in Edo. Daß das Tokugawa-Shogunat
nach der 250jährigen Landesabschließung im Winter 1859 den Entschluß
faßte, ein Schiff mit japanischer Besatzung nach Amerika zu entsenden,
war etwas, was es seit Bestehen des Landes noch nicht gegeben hatte.
Der innenpolitische Übergang von der Shogunats- zur neuen Meiji-Regierung
konnte bei der komplizierten diplomatischen Situation nicht so leicht erfolgen.
In den Kriegswirren waren die Unterrichtsstätten des Tokugawa-Shogunates
alle zugrunde gegangen und die Lehrer auch verschwunden. Die neue Regierung
hatte keine Zeit, um sich mit Schulfragen zu beschäftigen und so war
damals die von Fukuzawa gegründete Keio-Gijuku die einzige Unterrichtsinstitution
in ganz Japan. Auch war sie die einzige Schule, wo europäische Wissen-schaften
unterrichtet wurden, da das erste Kultusministerium in den ersten 5 oder
6 Jahren der Meiji-Zeit auf dem Gebiet des Unterrichtswesens nichts getan
hatte.
Dies ist also eine skizzenhafte Wiedergabe der Lebensschilderungen von
Fukuzawa Yukichi, die den zeitgeschichtlichen Hintergrund des Filmes "Der
Weg nach Japan" bilden. Ich hoffe, daß Sie nun eine gewisse
Vorstellung vom Modernisierungsprozes Japans gewonnen haben, und wünsche
Ihnen viel Vergnügen.