21. Japanischer Filmabend WS 2003/04 Do. 5. Feb. 2004
Ich begrüße Sie zum letzten Mal hier in diesem Hörsaal 3 der Universität neben dem Audimax. Da ich auch im kommenden Sommersemester weiter unterrichte, kann ich den Japanischen Filmabend noch dreimal im Gästehaus der Universität veranstalten. Aber die Atmosphäre ist schon anders, obwohl es mir auch dort im Vortragsraum gut gefällt. Hier habe ich das Gefühl, im Hörsaal einer modernen deutschen Universität Platz zu nehmen und vorwiegend von den Studenten umgeben zu sein. In der Altstadt fühle ich mich eher mit den Regensburger Bürgern und Bürgerinnen freundlich verbunden zu sein. Auf jeden Fall habe ich mich immer glücklich geschätzt, bei jedem Filmabend so viele Gäste begrüßen zu dürfen.
Der Kulturfilm von heute abend beleuchtet mit der Überschrift
"Kunstbilder der Wissenschaft" Naturgeheimnisse, die durch die
Bilder vermittelt einigermaßen für die Menschen begreiflich
werden. Mit der "Wissenschaft" ist in japanischer Sprache in
erster Linie die Naturwissenschaft gemeint, und Kunstbilder sind im Sinne
von künstlich erzielten bzw. hergestellten Darstellungen zu verstehen.
So könnte man wohl sagen, daß die Begriffe "Wissenschaft"
und "Bild" schon seit geraumer Zeit zu einer Einheit verschmolzen
sind. Allerdings haben die Menschen, die außerhalb der fachwissenschaftlichen
Forschung stehen, ein unterschiedliches Verhältnis dazu. Während
sie unter dem konkreten Bild sich leicht etwas vorstellen können,
können sie mit der eigentlich abstrakten Wissenschaft fast nichts
anfangen.
Bei der genannten Einheit von Wissenschaft und Bild handelt
es sich faktisch um die sogenannten Wissenschaftsfilme, die zur Veranschaulichung
von unsichtbaren Naturprozessen produziert werden. Der Kulturfilm zeigt
dies unter drei Aspekten: 1) Sehen heißt glauben, 2) Blick in die
Welt des Mikroskops und 3) Bildaufnahmen bei verschiedenen Aufnahmegeschwindigkeiten.
Als Beispiele für Punkt 1 werden berühmte Forschungsfilmstreifen
wie "Der Lebenszyklus der Zikade" und "Ein Tag im Watt"
(beide aus der Vorkriegszeit) sowie "Das Brüten von Moskitos"
(nach dem Krieg entstanden) herangezogen. Durch diese Bilderwelt soll das
Interesse der Menschen für die Wissenschaft geweckt werden, zumal
der Blick jeweils auf ein faszinierendes Element in ihrer natürlichen
Umwelt gerichtet ist. Bei Punkt 2 geht es um viele mikroskopische kleine
Welten wie: Formbildung von Schneekristallen, das Innere des Erlfritzeneis,
ein weißes Blutkörperchen beim Angriff auf einen Tuberkelbazillus
und Flüßigkeitskristall in seinen eigenartigen Erscheinungsformen.
In Punkt 3 ist zu sehen, wie neue Wirklichkeiten durch die moderne Bildtechnik
entdeckt werden wie z.B. Hochgeschwindigkeitsaufnahmen eines Milchtropfens,
Bewegungen eines Chameleons und einer Libelle sowie Zeitrafferaufnahmen
von Treibeisströmungen.
Der heutige Spielfilm handelt nun von einem Autor, der in der
neueren japanischen Literatur als eine ausgesprochen poetische Gestalt
gilt und wegen seiner phantasievollen Märchen heute noch sehr beliebt
ist. Als die erste Säkularfeier der Geburt Miyazawa Kenjis (1896-1933)
im Jahre 1996 begangen wurde, haben zwei japanische Filmproduzenten Shochiku
und Toei je einen biographischen Kinofilm über den Dichter präsentiert:
"Miyazawa Kenji. Seine Liebe" sowie "Miyazawa Kenji monogatari.
Waga kokoro no ginga tetsudo". Während der erstere Film sein
Leben mit dem Schwerpunkt auf seine Freundes- und Frauenliebe realistisch
darstellte und seiner dichterischen Welt aus dem Weg ging, geht der letztere,
der in der deutschen Übersetzung "Unser Milchstraßenexpreß"
heißt, gleichsam wie Goethes Autobiographie "Dichtung und Wahrheit"
vor. Er bezieht nämlich in die Lebensschilderungen häufig szenische
Einlagen aus den dichterischen Werken ein. Dadurch wirkt der Film auf die
Zuschauer effizient nicht nur als ein wirklichkeitsnaher Spielfilm, sondern
auch wie ein märchenhafter Animationsfilm.
@ Im wirklichen Leben war Miyazawa Kenji ein unverbesserlicher Idealist
mit exzentrischen Charakterzügen. So entwirft er von Jugend an verschiedene
Pläne, um den armen Bauern in seiner Heimat Iwate zu helfen und ihre
Wunschträume von einem besseren Leben zu verwirklichen. Freilich entwickelt
er sich dabei geistig zusehends und schreibt seine äußeren wie
auch inneren Erlebnisse dichterisch in Gedichten und Kunstmärchen
nieder. Er behauptet sogar, die Landwirtschaft wäre gleich wie Musik
und Literatur eine Kunst. Aber sein Vater ist ein Realist und hält
nicht viel von dem Idealismus seines Sohnes, wiewohl er sich diesem gegenüber
liebevoll verhält. Kenjis Leben erweist sich von diesem Standpunkt
aus tatsächlich als
eine Reihe von Scheiterungen. Der angehende Sozialreformer erreicht kaum
etwas von seinem Vorhaben und geht gesundheitlich ruiniert in seinen jungen
Jahren zugrunde. Er ist sich dessen durchaus bewußt und sagt kurz
vor seinem Tode, sein Dichten sei eine Folge seines Irrens gewesen. Wenn
er dazu noch meint, jetzt irre er nicht mehr, scheint er wohl eine menschliche
Reife erlangt zu haben, aber aus einem Dichter ein gewöhnlicher Mensch
geworden zu sein.
Im Innersten war Kenji jedoch tief religiös eingestellt.
Als treuer Anhänger des Lotus-Sutra trat er in Tokyo der sogenannten
Kokuchu-Sekte des Nichiren-Buddhismus bei und ernährte sich in späteren
Jahren vegetarisch. Auch versuchte er in missionarischem Eifer, andere
von seinem Glauben an eine Seelenwanderung zu überzeugen. Er hinterließ
denn auch dafür tausend Exemplare des Lotus-Sutra, die er selbst in
Auftrag gab. Unter seinem Nachlaß befand sich das bekannte Gedicht
von ihm "Ame nimo makezu", das sicherlich nicht nur als ein Requiem
für seine verstorbene liebe Schwester, sondern auch für seinen
eigenen frühen Tod gedacht war. Ich glaube, es wird in allen japanischen
Lehrbüchern zum Schulgebrauch nachgedruckt, so daß es kaum einen
Japaner gibt, der das Gedicht nicht kennte. Deshalb möchte ich es
zuerst im japanischen Originaltext vorlesen und dann in meiner deutschen
Übersetzung zitieren. Der Originaltext lautet auf japanisch:
Ame nimo makezu
Kaze nimo makezu
Yuki nimo natsu no atsusa nimo makenu
Jobu na karada wo mochi
Yoku wa naku
Kesshite okorazu
Itsumo shizukani waratte iru
Ichinichi ni genmai 4gou to
Miso to sukoshi no yasai wo tabe
Arayuru koto wo
Jibun wo kanjo ni irezuni
Yoku mikikishi wakari
Soshite wasurezu
Nohara no hatsu no hayashi no kage no
chiisana kayabuki no koya ni ite
Higashi ni byoki no kodomo areba
Itte kanbyo shite yari
Nishi ni tsukareta haha areba
Itte sono ine no taba wo oi
Minami ni shinisou na hito areba
Itte kowagara nakutemo ii to ii
Kita ni kenka ya soshou ga areba
Tsumaranai kara yamero to ii
Hideri no toki wa namida wo nagashi
Samusa no natsu wa oro oro aruki
Minna ni deku no boo to yobare
Homerare mo sezu
Kuni mo sare zu
Souiu mono ni
Watashi wa
Nari tai
Das Gedicht "Ame nimo makezu" lautet in deutscher Sprache etwa
folgendermaßen:
"Dem Regen zum Trotz/ dem Wind zum Trotz/ mit einem weder
dem Schnee noch der Sommerhitze unterliegenden/ Körper gerüstet/
ohne Habgier/ nie erzürnt/ immer gelassen lächelnd/ an einem
Tag eine kleine Portion ungeschälten Reis/ dazu gesalzten Bohnenqark
und ein bißchen Gemüse gegessen/ alles/ ohne mich in Rechnung
zu ziehen/ gründlich kennen und verstehen/ und auch nicht vergessen/
hinter dem Schatten eines Kieferngehölzes auf dem Feld/ in einer kleinen
Stroh-Hütte wohnend/ wenn im Osten ein krankes Kind da ist/ zur Pflege
eilen/ wenn im Westen eine ermüdete Mutter da ist/ an ihrer Stelle
Reisähren-Bündel tragen/ wenn im Süden jemand im Sterbebett
liegt/ ihm über die Todesangst hinweg helfen/ wenn im Norden Streit
oder Anklage da sind/ von der Sinnlosigkeit abraten/ bei der Dürre
Tränen vergießen/ im kalten Sommer sich hinschleppen/ von allen
Idiot genannt/ weder gelobt/ noch gekümmert/ so einer/ möchte
ich/ werden"
Im übrigen hat es mit dem japanischen Titel des heutigen
Spielfilmes eine besondere Bewandtnis. Das japanische Wort "ginga"
bedeutet wörtlich die Milchstraße. Aber "tetsudo"
steht eigentlich für die Eisenbahn und bezeichnet nicht unbedingt
einen Expreß. Durch das vorangestellte Attribut "waga kokoro
no", d.h. "meines Herzens" erhält "ginga tetsudo"
außerdem eine gezielte Bezugnahme. Es ruft nämlich eine deutliche
Assoziation und Erinnerung an Miyazawa Kenjis Meisternovelle "Ginga
tetsudo no yoru" (Der Nachtzug in der Milchstraße) hervor, deren
Verfilmung für die kosmische Darstellung im japanischen Animationsfilm
richtungsweisend gewesen ist. Hier fährt ein Personenzug durch das
nächtliche Universum in Richtung auf die Milchstraße mit vielen
anderen Sternen.
Die Szene ist zwar nicht so erhaben wie der bestirnte Himmel bei Kant im
Schlußwort der "Kritik der praktischen Vernunft", stellt
aber immerhin einen dichterisch so schönen produktiven Raum dar. Der
Animationsfilm hat sofort einen anderen wie z.B. "Uchu-Senkan Yamato"
(Der Kosmos-Kriegsschiff Yamato) von Matsumoto Reiji angeregt. Heutzutage
gilt die Märchenwelt für viele Japaner als der literarische Raum
schlechthin, weil dort anscheinend noch eine unermeßlich schöne
Welt der Einbildungskraft aufbewahrt ist. Dafür ist vor allem durch
den Animationsfilm "Ginga tetsudo no yoru" ein neuer kosmischer
Raum anstelle volkskundlicher Szenarie wie in Grimms Märchen erschlossen
worden. Ich hoffe, daß Sie ihn auch heute abend etwas genießen
werden.
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