20. Japanischer Filmabend WS 2003/04 Do.8.Jan.2004

  Zum neuen Jahr 2004 begrüße ich Sie ganz besonders und heiße Sie wieder zum japanischen Filmabend willkommen. Im vergangenen Jahr sind mehr als einmal Pannen bei der Filmvorführung passiert. Aber dank der technischen Unterstützung meiner deutschen Freunde konnte ich sie immer glücklich bewältigen. Durch Ihren häufigen Besuch des Filmabends haben Sie mir auch sehr viel zum Erfolg verholfen. Ich danke Ihnen herzlich dafür und hoffe, daß es auch in diesem Jahr so freundlich weiter geht. Voraussichtlich werde ich noch ein Semester unterrichten.
  Wie Sie wohl wissen, halte ich neben dem japanischen Sprachkurs ein Hauptseminar über die Landeskunde Japans. Alle Themen, die in den letzten drei Jahren mehr oder weniger ausführlich behandelt wurden, sind auf meiner Homepage in der Rubrik "Nachrichten aus Regensburg" angeführt. Im laufenden Wintersemester veranstalte ich ebenfalls einen Kurs über Computer-Japanisch. In der Universitätsbibliothek steht mir ein technisch gut eingerichteter Multimedia-Hörsaal zur Verfügung, so daß verschiedene Webseiten in japanischer Sprache ohne weiteres abgerufen werden können.
  Im Rahmen dieser Lehrveranstaltung hatte ich vor einigen Wochen Gelegenheit, den japanischen Animationsfilm "Sen to Chihiro no Kamikakushi" anzuschauen. Ein französischer Student, der im Grundkurs Japanisch lernt, hatte eine DVD-Version des Filmes mitgebracht und wollte den Kursteilnehmern etwas davon mitteilen. Aber alle waren davon sehr eingenommen und haben den Film schließlich über die Unterrichtsstunden hinaus bis zum Ende sehen wollen. Wenn ein Unterricht oft mittels eines so vergnüglichen Animationsfilmes stattfinden könnte, wäre er natürlich wunderbar. Um ihm einen lehrhaften Charakter zu verleihen, mußte ich zumindest hinzufügen, daß der deutsche Titel, der etwa "Eine Reise in das Zauberland" hieß und somit sicherlich auf "Alice in Wonderland" anspielen wollte, gar nicht dem japanischen Wort "Kamikakushi" entspricht.
  Das Wort wird mit den zwei chinesischen Schriftzeichen "kami" (= einer der Götter) und "kakusu" (= verbergen) geschrieben und geht auf eine volkstümliche Vorstellung im japanischen Mittelalter zurück. Wenn nämlich jemand auf eine schleierhafte Weise von der Dorfgemeinde plötzlich verschwand, um nie wieder aufzutauchen oder erst nach langer Zeit unerwartet zurückzukommen, führte man es auf ein Versteckspiel der unerklärlichen Wesen zurück und sprach davon, daß die Götter ihn vor den Menschen verborgen hätten. So war es auch mit dem anderen Animationsfilm "Die Prinzessin Mononoke" des gleiches Regisseurs Miyazaki Hayao. Das Wort "mononoke" bedeutet nach einer religiösen Vorstellung besonders der Heian-Zeit ein geisterhaftes Unwesen und bezeichnet den Zustand einer Besessenheit durch böse Geister, die man durch mysteriöse Rituale und Gebete zu auszutreiben suchte. Es ist merkwürdig, daß solche alte Vorstellungen mithilfe der modernsten Filmtechnik wieder belebt werden.
  Der heutige Kulturfilm handelt von "Weltsport Judo" mit der Überschrift "Körper und Geist". Da dieser Kampfsport eben weitweit verbreitet und beliebt ist, erübrigt sich, daß ich näher auf seinen geschichtlichen Hintergrund sowie sein Training in der Gegenwart eingehe. Es ist eigentlich erstaunlich, daß Kano Jigoro, der als Vater aller Judoka gilt, erst vor etwa 100 Jahren gelebt hat. Denn der waffenlose Kampf der Samurai, wörtlich "Jujitsu" (= weiche Kunst) genannt, war neben der Schwertkunst, dem Kenjyutsu, oder der Kunst des Bogenschießens, dem Kyujyutsu, Jahrhunderte lang praktiziert worden. Kanos Verdienste bestehen darin, daraus einen modernen Sport entwickelt zu haben, der mit möglichst geringem Kraftaufwand ein möglichst großes Maß an Selbstverteidigung bietet. Es handelt sich dabei nicht nur um die Kräftigung des Körpers, sondern auch um eine Ausbildung von Geist und Charakter einer Person, die dieser Sportart nachgeht. Deshalb wird diese wie alle traditionellen Künste Japans nunmehr mit dem Schriftzeichen für den Weg als "Judo" bezeichnet.
  Überhaupt hängen Korper und Geist sowohl im leib-seelischen Dualismus als auch im Parallelismus von beidem irgendwie eng zusammen. So läßt sich der Mensch vor allem an den Gesichtszügen immer psychosomatisch beobachten. Beim Spielfilm von heute abend "Das Gesicht" handelt es sich um einen Krimi über die entschlossene Freiheitsuche einer Frau, deren innere Beschaffenheit sich deutlich am Gesicht widerspiegelt. Die Hauptrolle wird denn auch von Fujiyama Naomi gespielt, die in Japan als Theaterschauspielerin bekannt ist und mit dieser Rolle ihr Film-Debüt gab. So macht die Heldin Masako, die als eine recht unbeholfene und verschlossene Frau Ende Dreißig auftritt, im Verlauf der kriminellen Handlung nach ihrer Mordtat verschiedene Wandlungen durch. Zunächst erscheint sie betont häßlich im Kontrast zu ihrer schönen Schwester. Aber nachdem sie sie nach dem Tod ihrer Mutter in heftigen Streitigkeiten umgebracht hat, ändert sie sich in schweren Lebenserlebnissen, und ihr Gesicht wird auf der Flucht doch schöner. Von der Polizei verfolgt, schwimmt sie schließlich in die Weiten des Ozeans hinein, während die Inselbewohner unter dem Klang der Trommeln zu einem Sommerfest strömen. Alles in allem stellt ihr Leben ein Spiel der Gesichtszüge dar.
  Im übrigen denke ich hier in Deutschland über die kulturelle Bedeutung japanischer Filmproduktion nach. Offen gestanden gehe ich in Japan kaum ins Kino. Ich habe dafür keine Zeit. Japanischen Spielfilme sehe und erlebe ich meist im Fernsehprogramm des halbstaatlichen Rundfunkunternehmens NHK. Es gibt de facto viele Sendungen mit mannigfaltigen Kulturfilmen, aber man spricht heutzutage mehr von Dokumentarfilmen. Bei den kommerziellen Sendern werden die Unterhaltungsfilme zu oft bzw. zu lange durch die Werbung unterbrochen, so daß vielfach das Interesse daran verloren geht. Eine moralische Bemerkung wie "Folgende Sendung ist für die Jugendlichen unter 16 Jahren nicht geeignet" wird grundsätzlich nicht angebracht, da die ziemlich strenge Zensur schon vorher vorgenommen worden ist. Anscheinend werden erotische Liebesszenen im japanischen Fernsehen viel strenger kontrolliert als brutale Gewaltszenen. Amerikanische Spielfilme sieht man ansonsten viel mehr als französiche oder andere ausländische, merkwürdigerweise kaum einen deutschen Spielfilm, es sei denn aus den Goldenen zwanziger Jahren als schöne Erinnerungen an die gute alte Zeit. Aber hier muß man deshalb kein vorschnelles Urteil fällen, weil die Filmprogramme mittlerweile weitgehend auf die Satellitensendungen verwiesen worden sind. Die meisten Filmliebhaber sind wohl hier zu Hause.
  Was ich vom Japanischen Kulturinstitut Köln zur Verfügung gestellt bekomme, sind grundsätzlich moderne Spielfilme japanischer Produktion, die nach bestimmten Kriterien ausgewählt und mit deutschen Untertiteln versehen worden sind. Es sind schon eine Menge Spielfilme aufgelistet, aber sie sind zu einen guten Teil älteren Datums, und ich bin nicht sicher, wieweit sie noch das heutige Publikum in Deutschland ansprechen. Bei den Kulurfilmen ist der Vorrat viel dürftiger. Sie sind zum großen Teil schon veraltet oder überholt. Neue werden wohl auch nicht mehr hergestellt, wird doch die Kultur heutzutage im Ausland anders vermittelt als früher. Kulturfilme dürften im Laufe der Zeit durch neue Medien, vor allem mittels Beamer projezierte CD-ROM oder Webseiten im Internet ersetzt werden.
  Was tagtäglich im deutschen Fernsehen mit so vielen Kanälen angeboten wird, sind japanische Animationsfilme. Neben dem Manga scheinen sie die japanische Kultur der Gegenwart in Europa zu repräsentieren. Ich finde auch ab und zu seriöse Studien darüber in deutscher oder englischer Sprache, weiß aber noch nicht, wieweit sie als kulturwissenschaftliche Leistungen ernst genommen werden sollen. In meinem Seminar ist einmal ein sehr gutes Referat gehalten worden. Ich habe den Referenten mit der Einschätzung gelobt: "Sie haben aus der japanischen Subkultur eine deutsche Hochkultur gemacht." Nebenbei bemerkt hat in der japanischen Germanistik kaum jemand über die Bildergeschichten von Wilhelm Busch gearbeitet, obwohl er in der deutschen Literaturgeschichte ordentlich erwähnt wird. Es ist leider eine Episode geblieben, daß eine deutschkundige Jugendschriftstellerin "Max und Moritz" sowie die Erzählung "Eduards Traum" vor Jahren ins Japanische übersetzte.
  Zu Anfang des neuen Jahres habe ich mir erlaubt, einen Rückblick auf die von mir in den letzten drei Jahren veranstalteten japanischen Filmabende zu werfen. Zu gegebener Zeit soll auch eine Liste aller vorgeführten Kultur- und Spielfilme erstellt werden. In den ersten Semestern haben mir zwei Mathematiker, Herr Heinz und Herr Rupprecht, bei der Filmvorführung geholfen. Ich bin sehr stolz darauf, daß die beiden inzwischen glänzend promoviert haben. Zur Zeit unterstützen mich ein Student der Wirtschaftsinformatik, Herr Firsching, und ein Student der Physik, Herr Pöpperl, beim japanischen Filmabend, und hinter ihnen steht immer Herr Werner Sowa als technischer Berater. Bei dieser Gelegenheit möchte ich ihnen allen meinen herzlichen Dank aussprechen.