19. Japanischer Filmabend WS 2003/04 Do.4.Dez.2003

Ich begrüße Sie wieder herzlich zum japanischen Filmabend im Hörsaal H3 der Universität. Der Monat Dezember heißt auf japanisch "Shiwasu", das bedeutet, daß es im letzten Monat des Jahres so viel zu tun gibt, daß sogar der Altmeister, auf chinesisch "Laosu", der sonst würdig genug langsam schreitet, hastig zu laufen beginnt. Leider muß ich das ganze Jahr hindurch herumlaufen, tue es aber gern, solange ich gesundheitlich dazu imstande bin. Nach christlicher Tradition ist der Mensch homo viator, und die japanische Tradition der Wanderschaft seit Saigyo, Basho und Shimazaki Toson geht literaturgeschichtlich auf die chinesische Eremitendichtung eines Li Tai-po im 8. Jahrhundert zurück. Ich bin seit Anfang der 60er Jahre Pendler zwischen Deutschland und Japan und denke, ein Wanderer im Goetheschen Sinne zu sein, obwohl er nicht mehr als der größte Deutsche angesehen wird. Aber es wäre zu schade, wenn er nicht mehr als der größte deutsche Dichter gelten sollte.
  Vor einer Woche, am 27. November, habe ich im Runtingersaal in der Keplerstraße den ersten Vortragsabend des sogenannten "Forum Mittelalter" besucht. Es ging dabei um die Steinerne Brücke mit dem Nebentitel "Brücken bauen zwischen Einst und Jetzt für die Zukunft Regensburgs". Da Regensburg als die Stadt der Türme bekannt ist, wird auch dieses Thema im Laufe des Wintersemesters sicherlich behandelt werden. Sie sind zwar keine Türme der ritterlichen Burgen, sondern sozusagen imponierende Fassaden der Patrizierhäuser. Ich kann mich aber an keinen derartigen Turm in Japan erinnern. Was man "tower" nennt, sind meist Fernsehtürme im Stil des Berliner Funkturms oder Tokyo-Tower als eine verspätete Nachahmung von Pariser Eiffelturm. Im Lande des Erdbebens konnte man ja früher kein hohes Gebäude aus Holz bauen. Es gibt in Japan heute noch grundsätzlich keine hölzernen Häuser mit drei Stockwerken.
  Dafür gibt es in verschiedenen japanischen Städten im Original erhalten gebliebene oder im Beton wiederhergestellte Burgen, die mit ihrer Gartenanlage so schön sind, daß sie auch Schlösser genannt werden könnten. Abgesehen von der ehemaligen Burg Edo, die heute Kaiserpalast in Tokyo ist, sowie von dem Schloß Nijo, die Tokugawa Ieyasu angeblich als seine zeitweilige Residenz in Kyoto errichten lies, sind es z.B. Burgen in Himeji, Matsumoto, Shizuoka, Nagoya oder Osaka. Am schonsten ist ohne Zweifel die um 1609 von seinem Lehnsherrn Ikeda Terumasa fertiggestellte Himeji-Burg, zumal sie in der damaligen Form gut erhalten ist. Sie gehört mit Recht zum Weltkulturerbe.
  Die wiederhergestellte Burg Kanazawa habe ich noch nicht gesehen. Als ich anläßlich einer Germanistentagung ein paar mal in Kanazawa war, befand sich noch die Undergraduate-Fakultät für Allgemeinbildung auf dem Grundstück der früheren Burg, die nur aus dem Haupteingang und der Außenmauer bestand. Sie wurde in der Kriegszeit stark bombardiert, weil dort ein japanisches Heer stationiert war. Später wurden alle vereinzelten Fakultäten auf den jetzigen Campus in einem entlegenen Bezirk integriert. Aufgrund eines Austauschprogramms haben dort einige Regensburger Studenten verschiedener Fachrichtung in den letzten Jahren studiert. Ich glaube, sie haben hauptsächlich Japanisch gelernt.
  Von der Himeji-Burg, die der heutige Kulturfilm als traditionelle Kunstwerke Japans besonders aus architektonischem Gesichtspunkt im einzelnen behandelt, kann man wohl ihre raffinierte Anlage und Schönheit bewundern. Bezeichnenderweise wird sie mit einem Seidenreiher verglichen, wie das von den Japanern beliebte Schloß Neuschwanstein die Vorstellung von einem Schwan impliziert. Aber an historischer Bedeutung steht sie hinter der Wartburg im Thüringer Wald weit zurück. In der Hinsicht ist meiner Meinung nach die von Toyotomi Hideyoshi errichtete Burg Osaka viel wichtiger. Sie ist aber durch den Sommerfeldzug im Jahre 1615 mit der Toyotomi-Familie zugrunde gegangen und nach dem vielfältigen Wiederaufbau noch einmal durch die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg total abgebrannt.
  Dagegen wurde die Burg Edo bei der Meiji-Restauration im Jahre 1868 von der Zerstörung verschont, weil der letzte Shogun Tokugawa Yoshinobu ohne Blutvergießen seine Herrschermacht an den Tenno zurückgab. Eine japanische Burg müßte man also nicht nur bautechnisch oder ästhetisch, sondern auch geschichtlich betrachten. Im Katalog der Ausstellung "Shogun. Kunstschätze und Lebensstil eines japanischen Fürsten der Shogun-Zeit", die vor zwanzig Jahren im Haus der Kunst München veranstaltet wurde, wird die historische Bedeutung eines Schlosses bzw. einer Burg folgendermaßen erklärt: "Im Zentrum des Lehnsgutes eines Daimyo stand das Schloß. Es wurde als erstes errichtet, wenn das Lehen verliehen war. Unmittelbar an die Schloßmauern grenzten die Wohnhäuser der Gefolgsleute, Kaufleute und Handwerker an, die eigentliche Burgstadt."
  Im Dezember erwacht in Japan, wie gesagt, die Erinnerung an die alte chinesische Schultraditon wieder. Darüber hinaus denkt man mehr im breiten Publikum als in den Gebildetenkreisen an etwas anderes, nämlich an die 47 herrenlosen Samurai, die sich nach jahrlangen Mühsalen im Jahre 1702 endlich für ihren in Schmach gestorbenen Dienstherrn gerächt und die Todesstrafe durch Harakiri gelassen auf sich genommen haben. Da dieses historische Ereignis aus der Edo-Zeit jedes Jahr um diese Zeit auf dem Theater oder im Kino bzw. Fernsehen wiederholt gespielt wird, muß man annehmen, daß es irgendetwas Ansprechendes enthält, was das japanische Volk innerlich tief ergreift. Es ist eine Frage der fast unbewußten Mentalität, die sich in volkstümlichen Gemütsregungen sprachlos artikuliert.
  Als ich beim "Forum Mittelalter" zum Schluß noch epensängerische Präsentation des Donauübergangs aus dem "Nibelungenlied" hörte, habe ich denn auch etwas von dem damaligen Lebensgefühl empfunden. Im Japanischen gibt es drei Übersetzungen des "Nibelungenliedes", und ich habe es in meiner Münchner Studentenzeit im mittelhochdeutschen Originaltext durchgelesen. Um zu demonstrieren, wie tief eine solche Mentalität sitzt und gelegentlich zutage tritt, möchte ich Ihnen ein Beispiel aus einem völlig andersartigen Werk des deutschen Mittelalters anführen. Bekanntlich war Meister Eckhart ein Mystiker im Dominikaner Orden. Er stammte aber aus einem ritterlichen Geschlecht in der Gegend von Erfurt. Wohl deshalb sagt er einmal in seinem "Buch der göttlichen Tröstung": "Es ist ein Zeichen, daß der König oder ein Fürst einem Ritter wohl vertraut, wenn er ihn in den Kampf sendet. Ich habe einen Herrn gesehen, der bisweilen, wenn er jemand in sein Gesinde aufgenommen hatte, diesen bei Nacht aussandte und ihn dann selbst anritt und mit ihm focht. Und es geschah einst, daß er beinahe getötet ward von einem, den er auf solche Weise erproben wollte; und diesen Knecht hatte er danach viel lieber als vorher."
  Von dem heutigen Kulturfilm kann ich ohne weiteres zum Spielfilm "Die Regenwand weicht" übergehen. Denn der Schauplatz ist eine japanische Burgstadt in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, genauer in der Kyoho-Ära (1716-1744), in der die sogenannte Kyoho-Reform unter der Regierung von Shogun Yoshimune durchgeführt wurde. Die Reform zielte darauf, dem durch Luxus und Reichtum der bürgerlichen Genroku-Kultur verweichlichten Zeitgeist entgegen das alte sittlich-gediegene Samurai-Ethos wiederherzustellen. Dazu wurden traditionelle Künste im Kampf, vor allem die Schwertkunst gepflegt und gefördert, um so mehr, als die Samurai im Zuge des immerwährenden Friedens durch die Abschließungspolitik des Tokugawa-Shogunats nicht mehr zu kämpfen brauchten. Sie bildeten faktisch ein mehr oder weniger tüchtiges Beamtentum entweder in der Zentralregierung des Shogunats oder in der Clan-Regierung des jeweiligen Territorialfürsten Daimyo.
  Sie wurden dabei immer ärmer, weil ihre Vergütung nicht mit Bargeld, sondern mit einer bestimmten Menge Reis geleistet wurde. Wenn die Reisernte zu gut war, wurde der Verkaufspreis von Reis so niedrig, daß nur die Kaufleute mit großen Lagern davon profitierten. Bei der Dürre, die gerade in der Kyoho-Ära wiederholt eintrat, gab es im Gegenteil zu wenig Reis, auch wenn der Preis rapide stieg. Infolgedessen mußten sie schließlich oft bei den reichen Kaufleuten Schulden machen. Wenn sie ihre Schulden nicht mehr zurückbezahlen konnten, mußten sie eventuell den Samurai-Stand verlassen, um entweder als Raubritter zu existieren oder ein verkommenes Bürgerdasein in der Stadt zu führen. Daß das ausgebeutete Volk auf dem Lande noch mehr unter Hungersnot zu leiden hatte, versteht sich von selbst. Es war damals, daß Aoki Konyo sich im Auftrag des Shogun Yoshimune bemühte, die Süßkartoffeln landesweit zu züchten. Das Wanderleben des herrenlosen Helden in dem Spielfilm von heute abend ist aus diesem sozialen Hintergrund zu verstehen.
  Der bekannte Regisseur Kurosawa Akira verfilmte gern das raubritterliche Leben des verkommenen Samurai wie z.B. in dem Film ?Sieben Samurai" und verbreitete zu meinem Leidwesen eine irreführende Vorstellung vom japanischen Samurai in der ganzen Welt. Als er am 6. September 1998 starb, hinterließ er aber ein Drehbuch nach einer Erzählung Yamamoto Shugoros, das offensichtlich ein anderes Bild des Samurai zu vermitteln versuchte. Er war sich doch durchaus einer Parallelität zwischen der Genroku-Zeit und der gegenwärtigen Gesellschaft Japans. So wollte er nach einer Notiz von ihm in diesem Film den sittlich-gediegenen Geist der Kyoho-Reform wieder hervorheben und als ein Musterbeispiel dafür ein menschenfreundliches Ehepaar aus dem Samurai-Stand schildern. Die Ehefrau ist der Meinung, daß ihr Mann nicht unbedingt eine Anstellung bei einem Dienstherrn finden muß, da der Sinn seines Lebens darin besteht, den Mitmenschen eine Hoffnung zu geben, anstatt seine Rivalen bei der Arbeitssuche zu verdrängen. Korosawa hoffte auf diese Weise den Zuschauern nach dem Kinobesuch eine innere Heiterkeit gleichsam wie schönes Wetter nach dem Regen zu bereiten. Ich wünsche Ihnen auch in diesem Sinne viel Vergnügen.