18. Japanischer Filmabend WS 2003/04 Mi.
5. Nov. 2003
Ich freue mich, Sie wieder im Hörsaal
der Universität zum Japanischen Filmabend
begrüßen zu können. Zu meiner
Freude merke ich, daß in diesem Wintersemester
viel mehr Studenten da sind als sonst. Für
japanische Sprachkurse haben sich in der
Tat so viele Teilnehmer angemeldet wie noch
nie zuvor. Ich bin sehr froh darüber
und werde mich nach Kräften bemühen,
meine Lehrveranstaltungen möglichst
interessant zu gestalten. Ich werde Ihnen
z.B. das sogenannte Computer-Japanisch in
einem gut ausgestatteten Multimedia-Raum
nun laufend in jedem Semester anbieten. Hier
geht es vor allem darum, wie man technisch
mit japanischen Webseiten umgeht und einfache
japanische Sätze mit alphabetischer
Romaji-Eingabe schreibt. E-Mail kann man
ohne weiteres in Romaji schicken.
Als eine erfreuliche Neuigkeit in den vergangenen
Sommerferien kann ich Ihnen mitteilen, daß
vom Japanischen Generalkonsulat in München
eine Reihe japanischer Kulturfilme der Universität
Regensburg geschenkt worden sind. Bisher
haben wir für den Filmabend nicht nur
einen Spielfilm mit deutschen Untertiteln,
sondern auch einen Kulturfilm in englischer
oder deutscher Sprache immer vom Japanischen
Kulturinstitut Köln zur Verfügung
gestellt bekommen, und so wird es auch in
Zukunft bleiben. Aber sobald die geschenkten
Kulturfilme katalogisiert worden sind, können
sie vom Filmarchiv der UB wie die Bücher
zu jederzeit ausgeliehen werden. Ich werde
auch bald eine Liste von ihnen erstellen
lassen, so daß die Interessenten in
der Uni leichten Zugang dazu haben.
Ansonsten möchte ich Ihnen,
meine Damen und Herren, etwas näher
erklären, warum ich für heute abend
einen Kulturfilm "Kunsthandwerk der
Edo-Zeit" ausgewählt habe. Wie
einige von Ihnen wissen, behandle ich in
diesem Semester im Rahmen der Landeskunde
Japans das Erbe der Edo-Zeit. Es handelt
sich dabei um die Probleme im alten Japan
wie Landesabschließung "Sakoku",
Moralkodex der Führungsschicht "Bushido",
die sog. Holländische Wissenschaft "Rangaku",
Zen in der japanischen Kunst, die bürgerliche
Kultur "Ukiyo-e" oder "Haiku",
die Volkserziehung im "Terakoya"
und schließlich um die Landesöffnung
durch die Ankunft des amerikanischen Geschwaders
"Kurofune". Im kommenden Sommersemester,
vielleicht im letzten Semester meiner Lehrtätigkeit
hier in Regensburg werde ich den Modernisierungsprozeß
in der Meiji-Zeit aufgreifen, um verschiedene
Gegensätzlichkeiten im modernen Japan
verständlich zu machen.
In der Beschreibung des heutigen
Kulturfilmes ist die Edo-Zeit als eine Geschichtsperiode
vom Jahr 1603 bis 1867 anberaumt. Im Jahre
1600 trug Tokugawa Ieyasu (1542-1616) in
der entscheidenden Schlacht von Sekigahara
in Zentraljapan den Sieg davon und ließ
sich 1603 vom Kaiser zum erblichen Shogun
ernennen und sicherte damit seiner Familie
die tatsächliche Regierungsgewalt über
ganz Japan. Der japanische Kaiser war bis
zur Meiji-Restauration als eine ideelle Macht
nur dem Namen nach das Staatsoberhaupt und
hatte auch weiterhin seinen Sitz in der alten
Hauptstadt des Landes, Kyoto, während
die Shogune der Tokugawa-Familie, die seit
1590 in Edo, dem heutigen Tokyo, residiert
hatten, nunmehr von hier aus das Land verwalteten.
Aber Ieyasu trat schon 1605 seinem Sohn Hidetada
das Shogunat ab und zog sich zwei Jahre darauf
nach Sunpu, dem heutigen Shizuoka, zurück,
bis er im Jahre 1616 starb. Es war erst im
Jahre 1615, daß sein eigentlicher Kontrahent,
die Toyotomi-Familie, endgültig zugrunde
ging.
Von der Edo-Zeit läßt
sich generell folgendes mit Recht sagen:
"Über Weisung des ersten Tokugawa-Shoguns,
Ieyasu, lebte Japan, seit 1603 von den erblichen
Shogunen der Tokugawa-Familie regiert, still
und im Kokon seiner Abgeschiedenheit am Geschehen
in der weiten Welt vorbei. In der rund 250
Jahre dauernden Absperrungszeit von ausländischen
Einflüssen, während der im Lande
Friede herrschte, entwickelten sich Kultur,
Kunst und Wissenschaften zu einer für
mittelalterlich feudale Verhältnisse
erstaunlichen Höhe und großartiger
Blüte." (Gerhard Linzbichler in
der Einleitung zu seiner Übersetzung
von Fukuzawa Yukichis Autobiographie, Tokyo
1971, S. 3) Historisch ist es also von Bedeutung,
zu fragen, wie einerseits die außenpolitischen
Maßnahmen für die Landesabschließung
getroffen wurden, und wie sich andererseits
die japanische Kultur unter diesen besonderen
Bedingungen entwickelt hat.
Bekanntlich begann die christliche
Mission in Japan im Jahre 1549. Es war die
erste Begegnung der Japaner mit dem Westen,
die zunächst in freundlicher Zusammenarbeit
vor sich ging. Aber nicht so sehr aus religiösen,
als vielmehr aus politischen Gründen
wurden die spanischen und portugiesischen
Missionare unter der Regierung von Toyotomi
Hideyoshi im Jahre 1587 des Landes verwiesen,
und zehn Jahre danach kam es in Nagasaki
zum Märtyrertod der 26 Christen, die
heutzutage offiziell als die Heiligen verehrt
werden. Merkwürdigerweise ließ
Tokugawa Ieyasu noch im Jahr 1601 die Erbauung
einer christlichen Kirche in Edo zu, verbot
aber 1612 in seiner unmittelbaren Domäne
das Christentum. Sein Nachfolger, Shogun
Hidetada, veranlaßte zwar 1613 den
Daimyo Date Masamune von Sendai, dessen Vasallen
Hasekura Tsunenaga nach Spanien zu entsenden,
verbannte aber im folgenden Jahr den christlichen
Daimyo Takayama Ukon u.a.m. Die Christenverfolgung
erreichte 1622 in der Massenhinrichtung in
Nagasaki ihren Höhepunkt. Im Jahre 1633
wurde dann die strengste Strafe über
die Einreise von christlichen Missionaren
verhängt.
Parallel dazu wurden verschiedene
Maßnahmen schrittweise in die Wege
geleitet. Im Jahre 1616 wurde das Einlaufen
von Schiffen außer aus China auf die
Häfen Nagasaki und Hirado eingeschränkt.
Diese erste Stufe der Landesabschließung
wurde dadurch abgeschlossen, daß 1624
das Einfahren von spanischen Schiffen verboten
und den Einheimischen außer mit einem
staatlichen Sonderauftrag Auslandsreisen
sowie Rückkehr aus dem Ausland untersagt
wurden. Die zweite Stufe bildeten 1634 die
Errichtung der winzigen künstlichen
Insel Dejima bei Nagasaki sowie 1635 das
Totalverbot der Auslandsreisen für die
Japaner. In der abschließenden dritten
Stufe wurden 1636 die Portugiesen auf die
Insel Dejima verwiesen, 1639 das Einfahren
portugiesischer Schiffe verboten und schließlich
1641 die Faktorei der Holländer auf
die Insel Dejima verlegt. So wurde also die
Landesabschließung "Sakoku"
bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts innenpolitisch
vollbracht, bis sie im Jahre 1854 faktisch
durch Commodore Perry aufgehoben wurde.
Während der "Sakoku"-Periode
wandten sich die japanischen Intellektuellen,
d.h. junge Samurai meist aus dem niederen
Stand vergleichbar wie ritterliche Ministerialen
im deutschen Mittelalter, der sogenannten
Holländischen Wissenschaft zu. Für
sie stellte die kleine Handelsstation der
Holländer auf der Insel Dejima das einzige
Fenster zur westlichen Welt dar. Neben ihnen
gab es Intellektuelle bürgerlicher Herkunft,
die sich von der chinesischen Klassik ab-
und der einheimischen Tradition der Dichtung
zuwandten. Sie wurden auf diese Weise Jünger
der sogenannten Nationalen Schule der Altphilologie
und bereiteten den japanischen Nationalismus
in der Meiji-Zeit vor. Aber es gehört
zu einem anderen Kapitel, die beiden, in
der Geisteshaltung von fortschrittlich und
konservativ entgegengesetzten Wissenschaftsbereiche
zu recherchieren. Im Hinblick auf den heutigen
Kulturfilm geht es nur um die bürgerliche
Kunst der Edo-Zeit.
Die Blütezeit bürgerlicher
Kultur in der politisch etablierten Edo-Zeit,
die sich von der zweiten Hälfte des
17. Jahrhunderts bis zur ersten Hälfte
des 18. Jahrhunderts erstreckt, wird als
"Genroku-Jidai" bezeichnet. Geographisch
war die traditionsreiche Gegend von Kyoto
und Osaka, also das "Kamigata" genannte Westjapan im Kulturschaffen
noch führend. Edo als Hauptstadt des
Tokugawa-Shogunats spielte erst allmählich
eine größere Rolle. In der Genroku-Kultur
waren verbürgerlichte Samurai und reiche
Kaufleute tonangebend, aber auch das Volk
konnte die Gunst ihres Kulturschaffens genießen.
Infolge der Landesabschließung wurde
der Einfluß westlicher Kultur immer
geringer und das traditionelle Japan konnte
sich zur fast gesättigten Reife entwickeln.
Im Zuge des Fortschritts der Drucktechnik
wurden auch Bücher unter dem Volk weit
verbreitet. Da es keinen Bürgerkrieg
mehr gab, genoß man das Leben an Leib
und Seele.
Während die konfuzianische
Moralphilosophie für die Führungsschicht
und der Geist der Philologie für die
Gebildetenkreise richtungsweisend waren,
suchte man in der bürgerlichen Kunst
und Literatur grundsätzlich nach Menschlichkeit.
So stammen alle klassischen Künste Japans,
die schon lange in der ganzen Welt bekannt
und beliebt sind, aus jener Zeit: Kabuki-Theater,
Puppenspiel Bunraku, Farbholzschnitt Ukiyo-e,
Haiku-Dichtung usw. Diese einigermaßen
ambivalente Kultur von damals wollte man
in Deutschland durch zwei Ausstellungen veranschaulichen.
Zum einen war es die Ausstellung "Shogun. Kunstschätze und Lebensstil
eines japanischen Fürsten der Shogun-Zeit",
die im Jahre 1985 im Haus der Kunst München
gezeigt wurde. Zum anderen war es die Ausstellung
"Im Schatten des Shogun. Kunst und Kultur
im Japan der Edo-Zeit", die vor zwei
Jahren im Historischen Museum von Regensburg
mit Farbholzschnitten der Sammlung Winzinger
(Regensburg) und Objekten der Sammlung Siebold
(München) veranstaltet wurde. In den
Kunsthandwerken, die wir heute abend in dem
Kulturfilm näher betrachten, spiegelt
sich ebenfalls das Leben des japanischen
Volkes im 18. Jahrhundert wider.
Zum Schluß möchte
ich noch eine kurze Bemerkung über den
anschließenden Spielfilm "Der
Nebendarsteller" machen. In dem japanischen
Originaltitel "Sanmon Yakusha" entspricht "Sanmon" ungefähr dem deutschen Begriff von "drei Groschen", und "Yakusha" bedeutet im pejorativen Sinne
einen Schauspieler etwa im Kabuki-Theater.
So spricht man auch von "Sanmon Shosetsu"
- Shosetsu ist eine Novelle - oder von "Sanmon Bunshi" - Bunshi ist kein Schriftsteller,
sondern nur ein Literat. Sanmon Yakusha bleibt
also von Natur immer der Nebendarsteller
neben dem Helden und kann nie ein Star werden.
Trotzdem ist er heimlich auf seine unentbehliche
Nebenrolle im Theater oder Film stolz und
verachtet oft die schlechte Darstellung der
Hauptperson. Der heutige Spielfilm, der anläßlich
des 50. Geburtstags der japanischen Produktionsgesellschaft
Kindai eiga Kyokai ("Gesellschaft für Modernen Film")
entstand, ist nicht nur ein biographischer
Film des Schauspielers Tonoyama Taiji, sondern
auch eine Filmographie des Regisseurs Shindo
Kaneto selbst, weil er mit diesem so lange
zusammenarbeitete. Man könnte da hinter
die Kulissen der japanischen Filmproduktion
schauen. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen.
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