17. Japanischer Filmabend SS 2003 Do. 10.
Juli 2003
Ich begrüße Sie ganz herzlich
zu dem in diesem Semester letzten Filmabend
im Gästehaus der Universität. Es
heißt nicht umsonst "Haus der
Begegnung". Während des Sommersemesters
findet diese Veranstaltung des Lektorats
für Japanisch hier im Vortragsraum dreimal
statt, und ich habe jedesmal mit Freude festgestellt,
daß viele Gäste nicht nur die
vorgeführten japanischen Filme genießen,
sondern auch sich über das Wiedersehen
alter Freunde und Bekannten freuen. In der
Altstadt, zumal in den Sommermonaten ist
es schon anders als im Hörsaal der Universität.
Anschließend kann man sich ja noch
in einem Lokal unterhalten. Ich hoffe sehr,
daß der japanische Filmabend mit technischer
Unterstützung der hilfsbereiten deutschen
Japanfreunde noch lange fortgesetzt wird.
Bei dem Kulturfilm von heute
abend "Nippon no Taiko" - man muß
den Titel fast nicht ins Deutsche übersetzen
"Japanische Trommeln" - handelt
es sich um einen vom Japanischen Kultusministerium
preisgekrönten Film für Musikunterricht.
Er richtet sich in erster Linie an die Schüler
und Schülerinnen, deren musikalisches
Empfinden noch im Werden begriffen ist. Denn
für die japanische Jugend ist heutzutage
die westliche, d.h. europäisch-amerikanische
Musik die Musik schlechthin, an die sie sich
von klein auf gewöhnt hat. Die traditionelle
japanische Musik muß sie irgendwann
erst kennen- und schätzen lernen, da
sie in der Schule gar nicht unterrichtet
wird. Dagegen fangen sehr viele japanische
Kinder, besonders Mädchen sehr früh
an, Klavier oder Geige zu spielen.
Es war der bekannte deutsche Arzt Philipp
Franz von Siebold aus Würzburg, der
schon in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts
erstmals ein kleines Klavier nach Japan mitgebracht
hat. Er hat allerdings wahrend seines Aufenthaltes
auf der Insel Dejima bei Nagasaki auch bayerisches
Faßbier regelmäßig kommen
lassen. In der Meiji-Zeit war es unter den
deutschen Militärkapellmeistern in japanischen
Diensten der Schlesier Franz Eckert, der
die japanische Nationalhymne "Kimigayo"
zeitgemäß arrangiert hat. Die
nostalgischen Lieder im schulischen Gesangbuch,
die die ältere Generation in Japan heute
noch gern singt und hört, sind zum großen
Teil deutsche, englische, irische bzw. schottische
oder russische Volkslieder. Außerdem
haben die amerikanischen Missionare schöne
Kirchenlieder in ganz Japan verbreitet. Seit
jenen Tagen ist also der japanische Alltag
durch europäische Musik gepragt.
Aber aufgrund der Annahme, daß
japanische Trommeln einen sehr modernen Charakter
haben, wird in diesem Kulturfilm der Einfluß
untersucht, den die Trommelklänge auf
das Gemüt der Schüler und Schülerinnen
nehmen. Es werden daher zwei Schülerarbeitskreise
zum Thema Trommelspiel vorgestellt, einer
aus einer Tokyoter Mittelschule und einer
aus der benachbarten Saitama-Präfektur.
Wie modern das japanische Trommelspiel sein
kann, habe ich in der Tat vor zwei Jahren
gerade in Regensburg erlebt. Einige von Ihnen
haben sicherlich auch im Mai 2001 in der
Minoritenkirche das wunderbare Trommel-Konzert
des "Shuichi Hidano Wadaiko-Ensembles"
gehört. Das Ensemble hatte wirklich
einen eigenen, unverwechselbar modernen Fusion-Stil
sowie pulsierende Rhythmen und kombinierte
dabei auf faszinierende Weise traditionell
japanische Instrumente und Rhythmen mit Elementen
des Jazz, Pop und Rock.
Von den ländlichen Tänzen
mit Trommeln bis zum modernen Trommelspiel
im Konzert könnte man eine Kulturgeschichte
japanischer Trommeln schreiben und anhand
der Bilder sowie Töne demonstrieren.
Aber in der Mittelschule soll den Schülern
und Schülerinnen im Themen-Schwerpunkt
"Ausdruck und Genießen" die
traditionelle Musik Japans durch Aufführungen
der verschiedenen Trommelspiele näher
gebracht werden. Es wird daher ausdrücklich
gesagt, Ziel des Films sei es, den Schülern
und Schülerinnen einen Bezug zur traditionellen
japanischen Musik zu geben. Um den Jugendlichen
den Zugang zu erleichtern, will der Film
deshalb in seinem Titel "Nihon no Taiko"
das Interesse berücksichtigen, das die
heutige Jugend für das Schlagzeug aufbringt.
Im deutschen Musikunterricht mit Carl Orffs
"Schulwerk" oder mit den Blockflöten
dürfte eine solche Rücksicht nicht
nötig sein.
Was den heutigen Spielfilm anbelangt, so
lautet der japanische Titel genauer "Kikujiro
no Natsu", d.i. "Kikujiros Sommer".
Der Name des Helden erinnert freilich an
den wirklichen Namen von Tora-san, der eigentlich
Torajiro heißt. Wie Tora-san macht
der 52jährige Mann Kikujiro eine Abenteuerreise
des 9jährigen Jungen Masao von Tokyo
nach Toyohashi im mittleren Japan mit. Beide
führen im Grunde in der wohlgeordneten
bürgerlichen Gesellschaft ein Außenseiter-Dasein.
Denn der Junge scheint als Schulkind nicht
besonders brav zu sein und verläßt
einfach die Wohnung seiner Großmutter,
bei der er wohnt, wenn er sich in den Sommerferien
langweilt. Angeblich will er nach seiner
unbekannten Mutter suchen, ein beliebtes
Thema seit alters in Japan.
Dagegen ist Kikujiro im Mannesalter ein Taugenichts.
Er hat doch noch nie in seinem Leben ernsthaft
gearbeitet und lebt von dem, was seine Frau
verdient. Da er ohnehin nichts Sinnvolles
zu tun hat, läßt ihn seine Frau
mit Masao zusammen gehen und gibt ihnen noch
50.000 Yen mit. So verwöhnt eine Japanerin
ihren Ehemann, den sie liebt. Trotz Kikujiros
wenig Vertrauen erweckenden Aussehens und
schlechten Sprachstils beschließt denn
auch Masao, mit ihm zu gehen. So wird die
Handlung des Films eine Art Lausbubengeschichte
eines Erwachsenen, die vom Regisseur Kitano
Takeshi selbst gespielt wird. Bekanntlich
gibt es in Japan zu viele Götter, als
daß ein einziger Gott seinen Platz
finden könnte. Aber vom Engel nach der
christlichen Vorstellung wird im allgemeinen
wie von deus ex machina gern Gebrauch gemacht. Auch in diesem Spielfilm
ist es der Fall, obwohl kein Engel erscheint,
um Masao beim Wiedersehen seiner Mutter zu
helfen.
Die Suche nach seiner Mutter
endet andeutungsweise enttäuschend,
was theatralisch gut so ist. Aber auf dem
Rückweg nach Tokyo passieren viele Abenteuer,
bei denen die beiden eine glückliche
Zeit verleben. Kikujiro führt sie zu
einem Altenheim. Dort sieht er eine alte
Frau, die abseits von den anderen Frauen
sitzt. Ihr Gesicht ist von der gleichen Einsamkeit
überschattet, die auch Masaos unerkannt
gebliebene Mutter zeigt, der Einsamkeit einer
Mutter, die ihr Kind verlassen hat. Ohne
ein Wort an die alte Frau zu richten, verläßt
Kikujiro das Altenheim. Der Sommer neigt
sich dem Ende zu, und es ist Zeit, Abschied
zu nehmen. Kikujiro verspricht Masao, weiterhin
nach seiner Mutter zu suchen.
Wer bisher Spielfilme oder Fernsehfilme
von Kitano Takeshi gesehen hat, wird wohl
von dem Verlauf der Handlung in "Kikujiros
Sommer" einen völlig anderen Eindruck
bekommen haben. Es gibt hier unerwartet keine
Gewalttaten oder Blut-Szenen, wie man sie
nur in japanischen Kinofilmen vorfindet.
Stattdessen ist der bekannte Regisseur mit
seinem achten Werk plötzlich japanisch
im traditionellen Sinne geworden. Die sittsamen
Bürger in Japan wollen natürlich
von einem Spielfilm gut unterhalten werden,
wünschen sich aber besonders in den
Sommerferien, wo Eltern und Kinder oft zu
Hause sind, ein Familienstück, das sie
gemeinsam genießen können. Beliebt
sind vor allem Gespenstergeschichten im modernen
Stil, wie wir sie in den letzten zwei Jahren
im Juli mit den Filmen "Spuk in der
Schule" und "Geisterkneipe"
erlebt haben. Im heißen Sommer möchte
man gern in kalten Schweiß geraten.
Anscheinend wollte Kitano Takeshi einmal
diesem Familienbedürfnis entgegenkommen,
und zwar mit dem echt japanischen Prinzip
"sich viel amüsieren und ein wenig
weinen".
Eine der bekanntesten japanischen Geistergeschichten
ist zweifellos die Geschichte von "Mimi
nashi Hoichi" von Lafcadio Hearn (1850-1904)
mit dem naturalisierten Namen Koizumi Yakumo.
Der amerikanische Schriftsteller irischer
Herkunft schrieb kongenial die alte Geschichte
eines blinden Harfenspielers Hoichi, dem
wegen eines vergessenen Sutratextes mit dem
Pinsel die beiden Ohre durch ein Gespenst
abgerissen wurden. Vor ein paar Jahren habe
ich hier in Regensburg einen interessanten
Fernsehfilm gesehen, der mit Sicherheit durch
diese japanische Geistergeschichte angeregt
und in moderner Weise zu einer Liebesgeschichte
weiter entwickelt worden sein muß.
Nähere Einzelheiten weiß ich nicht
mehr. Aber es handelte sich um einen deutschen
Schriftsteller, der sich auf der Reise nach
Japan in eine Japanerin in Kyoto verliebt
hat. Aus irgendeinem Grund war er am ganzen
Körper mit dem Paternoster kalligraphisch
bemalt. Weil aber etwas gefehlt hat, ist
er erkrankt und hat schwer daran gelitten.
Im übrigen wurde der Regisseur
Kitano Takeshi mit seinem prämierten
Film "Hanabi" berühmt. Er
war Gewinner des "Goldenen Löwen"
bei den Internationalen Filmfestspielen von
Venedig 1997. Von ihm stammen Drehbuch, Regie
und Schnitt des heutigen Films, in dem eine
anrührende Geschichte mit Hilfe ungewöhnlicher
Kreativtät erzählt wird. "Kikujiro"
wurde zu einem der beliebtesten Filme bei
den Festspielen von Cannes im Jahre 1999.
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