16. Japanischer Filmabend SS 2003 Di. 10. Jun 2003

Ich begrüße Sie wieder ganz herzlich im Gästehaus der Universität. Aus technischen Gründen findet der Filmabend dieses Monats ausnahmsweise etwas früher als sonst statt. Nach Möglichkeit soll er jeden Monat donnerstags veranstaltet werden, was denn auch für den kommenden Juli vorgesehen ist. Ich bitte Sie um Verständnis dafür. Es ist heute nach dem Pfingstmontag vorlesungsfrei. Die Studenten dürften also für den morgigen Unterricht schon zurückgekehrt sein. In meiner Münchner Studienzeit vor vierzig Jahren hatte man noch die ganze Woche Pfingstferien, so daß z.B. die Hauptversammlung der Goethe-Gesellschaft in Weimar alle zwei Jahre immer in der Pfingstwoche veranstaltet wurde. Man kann leider nicht mehr daran teilnehmen, ohne mindestens ein paar Unterrichtsstunden ausfallen zu lassen. Dafür hat man nach der Wiedervereinignung die Möglichkeit, jederzeit in die Stadt der Weimarer Klassik zu fahren. Die benachbarte Stadt Jena ist auch mittlerweile sehr schön geworden, zumal die ICE an dem merkwürdigen Bahnhof "Jena-Paradies" Aufenthalt macht.
  Der Kulturfilm von heute abend lautet im japanischen Originaltitel "Mokuhanga - sono Giho to Hensen", und ihm folgt erst die deutsche Überschrift "Jahrhunderte des Holzschnittdrucks - seine traditionelle Technik und Geschichte". So bekannt ist der japanische Holzschnittdruck in Europa, und besonders in Deutschland ist der Farbholzschnitt Ukiyo-e sehr beliebt. Eine der bekanntesten Ukiyoe-Sammlungen befindet sich gerade in Regensburg, und aus dieser sogenannten Sammlung Winzinger ist vor zwei Jahren zusammen mit Objekten der Sammlung Siebold (München) eine Ausstellung "Im Schatten des Shogun" im Historischen Museum veranstaltet worden. Es handelte sich dabei um Kunst und Kultur im Japan der Edo-Zeit (1603-1868). Einige von Ihnen haben sie sicherlich besucht. Zur Erinnerung möchte ich gern aus dem Prospekt über die erfolgreiche Ausstellung einiges zitieren. Zur Geschichte der Epoche hieß es:
  "Eines der Charakteristika der Edo-Zeit, einer langen Periode des Friedens, war die Entstehung eines städtischen Bürgertums. In dessen Händen konzentrierte sich bald der Reichtum des Landes, während es politisch machtlos blieb. Dieses Bürgertum stellte seinen Reichtum selbstbewußt zur Schau und entwickelte dabei eine Kultur der Feste und Vergnügungen, die in der Welt ihresgleichen sucht."
  Im Anschluß daran war bemerkt, daß die bürgerlichen Künstler der Großstädte, vor allem in Edo, dem heutigen Tokyo, buchstäblich im Schatten des Shogun, seines Polizeiapparates und seiner Bürokratie lebten. So wird darauf hingewiesen, daß die Zensur eine selbstverständliche Realität war und Kritik an der Regierung und dem Shogun schlimme Folgen hatte. Es war genauso wie bei den deutschen Duodezfürsten im 17. und 18. Jahrhundert. Der Shogun der Tokugawa-Regierung hatte allerdings eine zentrale Herrschermacht über ganz Japan inne und regierte gleichsam wie ein absolutistischer Monarch oder Reichsverweser.
  Die neue Erfahrungswelt des jungen Bürgertums ist wie in der Kunst der niederländischen Malerfamilie Bruegel in der Farbholzschnittkunst Ukiyo-e aufbewahrt. Der große Japanforscher Philipp Franz von Siebold brachte aus Japan nicht nur eine Menge Exponate über die japanische Flora und Fauna, sondern auch bereits eine Anzahl Farbholzschnitte nach Deutschland, bevor sie nach der Meiji-Restauration im Jahre 1868 in großer Menge durch amerikanische und europäische Kunstliebhaber gesammelt wurden. In der Meiji-Zeit, wo es um die Gründung eines modernen Industriestaates ging, hatte man in Japan auf die darin dargestellte Welt der luxuriösen Kurtisanen und des populären Kabuki-Theaters nicht viel Wert gelegt. Damals wollte man auch mit dem traditionellen Buddhismus radikal brechen, um den Shintoismus mithilfe der konfuzianischen Moralphilosophie zur Grundlage einer tennoistischen Theokratie auszugestalten. Als kleines Schulkind habe ich diesen japanischen Nationalismus in der Kriegszeit mit erlebt.
  Ukiyo-e bedeutet, wie es in dem Prospekt erklärt wird, wörtlich "Bilder aus der fließenden vergänglichen Welt". Im Buddhismus der früheren Zeiten hatte man für das Wort "Uki" ein anderes Schriftzeichen "bitter-verdrießlich" mit dem gleichen Laut verwendet. Für die wirtschaftlich engagierten Bürger, die in der Politik wirklich nichts zu sagen hatten, blieb nichts anderes übrig, als dieses bittere Leben im Fluß der Vergänglichkeit mit Vergnügungen zu versüßen, also nach dem Horazischen Prinzip carpe diem! "Pflücke (genieße) den Tag!". Derartiges lehrte freilich der Konfuzianismus nicht, der der Führungsschicht des Samurai-Standes ihren Moralkodex vorschrieb. Wenn ein Samurai sich dennoch einem solchen Leben hingegeben hat, wie es Ihara Saikaku kritisch darstellte, so galt er moralisch verkommen. Ansonsten mußte er seinen sozialen Lebensstand aufgeben und sich dem Volk gleichstellen und verbürgerlichen, auch wenn er nicht gerade ein hedonistisches Leben verbringen wollte. So war der Haiku-Dichter Matsuo Basho ursprünglich ein Samurai niederen Standes, und Chikamatsu Monzaemon, der bedeutende Texte zum Puppenspiel-Theater Bunraku schrieb, hatte früher als Samurai dem kaiserlichen Hof in Kyoto gedient.
  Über beliebte Themen im Ukiyo-e, etwa Kurtisanenmode, Landschaftsmalerei der vier Jahreszeiten, stilisierte Porträts der Schauspieler, Gegenstände aus dem alltäglichen Leben, Buch-Illustrationen oder auch erotische Darstellungen, brauche ich hier nicht eigens zu erläutern. In deutscher Sprache gibt es Fachliteratur genug darüber. Der heutige Kulturfilm geht vielmehr auf die Vorgeschichte der Farbholzschnitte ein und stellt traditionelle Technik des Holzschnittdrucks in Japan seit dem 6. Jahrhunderts vor. So zeigt der Film die Entwicklung der Holzschnittkunst von ihrem ersten Erscheinen in den buddhistischen Schriften über eine 1608 erstmals illustrierte Buchausgabe der am Ende des 9. Jahrhunderts entstandenen Liebesgeschichte Ise Monogatari bis zu den Ukiyoe-Drucken im 18. Jahrhundert. Der Film vermittelt zwar einen Überblick über den technischen Prozeß bei der Herstellung eines Holzschnittdrucks in der japanischen Tradition. Diese stellt aber bloß einen Teilaspkekt der Holzschnittkunst dar, die in der ganzen Welt verbreitet war. Die großartige Schedelsche Ausgabe einer illustrierten Weltchronik war doch bereits im Jahre 1493 in Nürnberg erschienen.
  Der Spielfilm mit dem deutschen Titel "Adrenalinstoß" beruht nun auf dem Originaltitel "Adrenalin-Drive". Unter dem "Drive" stellt man sich im Japanischen eine Spazierfahrt mit dem Auto vor, während das deutsche Wort "Stoß" wahrscheinlich eine Vorstellung von einem raschen oder kräftigen Vorwärtsfahren suggeriert. Insofern erweist sich der deutsche Titel als irgendwie verwandt mit dem Spielfilm im vergangenen Monat, der "Doko mademo ikou", d.h. etwa "Wollen wir durch und durch vorwärts gehen, ohne zurückzuschauen!" hieß. Durch das hinzugefügte Wort "Adrenalin" kommt freilich ein jugendlicher Schwung im menschlichen Leben, ist es doch ein Hormon des Nebennierenmarks, das den Blutzuckerspiegel erhöht und den Blutdruck steigert. Wenn in einem japanischen Werbetext das Moment des Drives hervorgehoben wird und von einer Liebesgeschichte der rasend fahrenden Jugend die Rede ist, so fühle ich mich irgendwie an James Deans bekannten Spielfilm "Die Revolte ohne Grund" - auf japanisch "Riyuu naki Hankou" - erinnert.
  Die Handlung des Filmes läuft jedenfalls darauf hinaus, daß ein charakterschwacher Angestellter Suzuki und eine bescheidene Krankenschwester Shizuko anläßlich eines unglücklichen Zusammenstoßes mit einem Yakuza-Wagen in ein spannendes Verfolgungsdrama um eine Summe Geld verstrickt werden und sich schließlich verlieben. Das Ganze stellt sich auf diese Weise als eine phantastische Komödie mit dem Happy End des schüchternen jungen Paares heraus. Aber der Regisseur Yaguchi Shinobu, der mit zwei der fähigsten jungen Stars Japans zusammenarbeitet, läßt in die zunehmend absurder werdenden Situationen seiner Drehbücher eine bezwingende Dosis Realität einfließen. Ando Masanobu in der Rolle von Suzuki spielt tatsächlich in einer tollen Darstellung einen Verlierer, der aus seinem Schneckenhaus herauskommt. Der Fernsehstar Ishida Hikari ist seine perfekte Partnerin, die ihre dümmlich wirkende Brille und ihr duckmäuserisches Verhalten im Handumdrehen ablegt.
  Im übrigen soll der Spielfilm "Adrenalinstoß" im Berliner Filmfestival 1999 einen guten Anklang gefunden und vom deutschen FM-Sender Radio Friz einen Goldener Lehmann-Preis erhalten haben. Damals war ich noch in Tokyo und konnte so etwas auf gelegentlichen Durchreisen in Deutschland nicht erfahren. Seit ein paar Jahren, wo ich hier in Regensburg wohne, staune ich nur über die bedeutende Rolle, die die Kinolfilme im Kulturbereich Deutschlands spielen. Im geteilten Deuschland hatte ich gedacht, das wäre wohl besonders in West-Berlin auf die Teilung bzw. Geschlossenheit der Stadt zurückzuführen. Aber heute noch geht man trotz des Fernsehens anscheinend öfter ins Kino. Mit dem Japanischen Filmabend eröffne ich ja auch gewissermaßen ein kleines Kino. Ich danke Ihnen erneut für Ihren Besuch und wünsche Ihnen viel Vergnügen.