15. Japanischer Filmabend SS 2003 Do. 15. Mai 2003

Ich freue mich, Sie wieder im Gästehaus der Universität begrüßen zu dürfen. Wie Sie wohl wissen, findet der japanische Filmabend im Sommersemester in diesem Vortragsraum statt, damit auch die Regensburger Bürgerinnen und Bürger Gelegenheit haben, den Filmabend in der Altstadt zu besuchen. In diesem Jahr ist das Osterfest sehr früh gekommen, so daß das Sommersemester entsprechend früher als sonst begonnen hat. Aber die Filmabende sollen üblicherweise im Mai, Juni und Juli veranstaltet werden. Die Auswahlmöglichkeiten japanischer Spielfilme sind begrenzt, weil nur die mit deutschen Untertiteln überspielten Filme vorgeführt werden können. Außerdem stehen mir allmählich lauter alte Kulturfilme zur Verfügung. Ich bitte Sie um Verständnis dafür und hoffe dennoch, jedesmal einen interessanten Titel für Sie ausgesucht zu haben.
   Der Kulturfilm von heute abend handelt von dem altehrwürdigen Horyuji-Tempel in Nara, stellvertretend für den japanischen Buddhismus im frühen Mittelalter. Bekanntlich gibt es in Japan grundsätzlich drei Religionen: den einheimischen uralten Shintoismus, den im Laufe des 6. Jahrhunderts aus dem Festland entweder über Korea oder direkt aus China überlieferten Buddhismus und das Christentum beider Konfessionen seit der Meiji-Zeit. Der als Moralphilosophie überaus wichtige Konfuzianismus ist nach Japan nicht in ritueller Form wie in China oder Korea überliefert worden, so daß man ihn nicht als eine Religion empfindet. Offen gestanden halte ich in diesem Semester ein Hauptseminar über solche Themen aus der japanischen Geistes- und Kulturgeschichte und habe mich deshalb selbst für den an sich verstaubten Kulturfilm über den ältesten noch erhaltenen buddhistischen Tempel aus Holz interessiert. Er gehört heute zum Weltkulturerbe der UNESCO.
   Einige von Ihnen erinnern sich an Herrn Takao Aoyama, der vor mehr als zehn Jahren als der zweite Lektor für Japanisch hier an der Universität Regensburg unterrichtet hat. Seit einem Jahr ist er nach seiner Emeritierung in Sendai Direktor des EKO-Hauses der Japanischen Kultur e.V. in Düsseldorf. Es handelt sich dabei um ein japanisches Kulturzentrum buddhistischer Ausrichtung. Da er mich freundlicherweise eingeladen hat, habe ich Anfang April an einem japanologisch-sinologischen Symposium bei ihm teilgenommen. Das Kulturhaus befindet sich in einer gut gepflegten schönen Gartenanlage japanischen Stils, und nebenan steht ein echt buddhistischer Tempel der Jodo-Shinshu-Schule.
   Im japanischen Buddhismus ist Jodo-Shinshu als die Lehre vom reinen Land im Jenseits unter dem Volk am meisten verbreitet, während das Zen im strengen Sinne nur eine kleine Schule der geistigen Elite ist. Beide buddhistische Richtungen sind denn auch erst gegen Ende des 12. Jahrhunderts nach der Heian-Zeit entstanden. Dagegen wurde der Horyuji-Tempel am Anfang des 7. Jahrhunderts erbaut, als das japanische Kaiserhaus unter Kronprinz Shotoku Taishi den Buddhismus faktisch zur Staatsreligion erhob. Es war im Jahre 752, daß der Große Buddha im Todaiji-Tempel in Nara eingeweiht wurde. Die Tendai- und Shingon-Schulen des esoterischen Buddhismus, die die höfische Adelskultur der Heian-Zeit stark geprägt haben, wurden in den Jahren 805-806 eingeführt. Der Buddhismus in Japan hat auf diese Weise schon im Mittelalter einen geschichtlichen Entwicklungprozeß vom Kaiserhaus über den Adel zum Volk durchgemacht. Mit dem Horyuji-Tempel hat man es also mit der ersten Phase dieser religiÖsen Entfaltung in der japanischen Geschichte zu tun. Vom bodenständigen Shintoismus weiß man eigentlich, erst nachdem das älteste schriftliche Zeugnis der japanischen Literaturgeschichte Kojiki, d.h. "Geschichte der Begebenheiten im Altertum" im Jahre 712 entstanden war.
   Mit dem heutigen Spielfilm wenden wir uns über tausend Jahre hinweg der unmittelbaren Gegenwart in Japan zu. Der Film ist auf deutsch als "Schau nicht zurück" betitelt, heist aber im japanischen Originaltitel "Doko mademo ikou", das etwa "Wollen wir durch und durch vorwärts gehen!" bedeutet. Wenn man hinzufügt, "ohne zurückzuschauen", dann leuchtet ein, was mit dem deutschen Titel gemeint ist. Es handelt sich dabei um eine noch anfängliche Laufbahn von vier zehnjährigen Jungens im Leben. Es sind vor allem die beiden Schulkinder Akira und Koichi, die im Übergang von der fünften zur sechsten Klasse in der Grundschule äußerlich etwas Unerwartetes erleben und es innerlich zu verkraften haben. Sie sind zwar noch vor der Pubertät, finden sich aber schon in dem schwierigen Alter der heranwachsenden Jugend, da sie noch nicht recht wissen, wie sie mit neuen Lebenserfahrungen fertig werden sollen. Es wird in einer Filmrezension darauf hingewiesen, dieser zweite Film des Regisseurs Shiota Akihiko sei ein sehr nostalgisches, schrulliges Stück in der japanischen Tradition der Filme von Hani Susumu über Unfug in der Kindheit, also gleichsam Lausbubengeschichten eines Wilhelm Busch oder Ludwig Thoma in der deutschen Tradition. Die japanischen Kinder werden jedoch in der gegenwärtigen, emotional armen Form dargestellt.
   Den beiden Jungen Akira und Koichi werden in dieser Jugendgeschichte zwei andere Kinder zugeordnet: Samajima und Shun. Das erstere Schulkind wird dabei merkwürdigerweise nur mit dem Familiennamen genannt, was wohl andeutet, daß es nicht in den eigentlichen Problemkreis der in Frage stehenden Jugendpsychologie gehört. Das letztere Schulkind Shun spielt denn auch eine viel wichtigere, ja geradezu entscheidende Rolle. Samajima ist insofern bedeutend, als er die dicke Freundschaft von Akira und Koichi spaltet und Akira mit Shun viel enger verbindet. Um den Ausgang dieser vertieften Freundschaft vorwegzunehmen, so hinterläßt Shun nach seinem plötzlichen Tod ein Bild, das auf einem Malwettbewerb in der Schule ausgestellt wird. Die zwei Jungen, die darin um einen Teich laufen, sehen den beiden Freunden Shun und Akira sehr ähnlich aus.
   In der Tat scheint Akira eine tiefe Jugendfreundschaft mit Shun gewonnen zu haben. Aber bis so weit ist, mußte er einen zweifachen Abbruch menschlicher Beziehungen erleiden: einmal mit seinem alten guten Freund Koichi und ein andermal mit dem neuen, aber gestorbenen Freund Shun. Bei aller äußerlichen Handlung geht es in dieser Schulgeschichte um einen innerlich schweren Vorgang, den Akira durchmachen muß, um im Leben ein Stück weiterzukommen. Es geht also weder um Mobbing noch um Drogenkriminalität oder ähnliches, auch wenn die ganze Handlung sich in der Schule abspielt. Es gibt heutzutage überall solche schwierige Probleme unter den Jugendlichen, aber sie liegen anscheinend noch außerhalb der Fragestellungen von Shiota Akihiko.
   Der erste Abbruch tritt für Akira in sichtbarer Weise durch einen Klassenwechsel im neuen Schuljahr ein. Daß Schulkameraden in verschiedene Klassen gesteckt werden, bringt erfahrungsgemäß oft ihre Trennung und eine Änderung ihrer Freundschaft mit sich, weil sie sich dadurch allmählich gegenseitig entfremden. Dafür suchen sie allerdings je einen neuen Freund, wie es sowohl bei Akira als auch bei Koichi der Fall ist. Akira schließt mit dem vaterlosen Shun Freundschaft, der mit großem Geschick basteln kann. Dagegen beginnt Koichi mit Samajima, der aus einer anderen Schule neu gekommen ist, herumzulungern. Hier zeigt sich eine gewisse Wahlverwandtschaft unter den vier Jungens, ohne daß sie selbst eine Ahnung davon hätten. So vernachlässigt Akira eines Tages seinen neuen Freund, indem er die Einladung zu Shuns Geburtstag ignoriert und wieder mit seinem alten Freund Koichi spielt. Die beiden Jungen haben mit dem neuen Spiel, Papierflugzeuge mit Raketenfeuerwerken fliegen zu lassen, viel Spaß. Shun geht aber am nächsten Tag zusammen mit seiner geisteskranken Mutter in den Tod.
   Damit tritt für Akira der zweite Abbruch mit den menschlichen Beziehungen ein. Da er schon wegen seines unfreundlichen Verhaltens zu Shuns Einladung Schuldgefühle hatte, ist er von dieser unerklärlichen Tragödie seines neuen Freundes erschüttert. In dieser schlimmen Zeit möchte er wieder mit seinem alten Freund zusammen sein. Er erweist sich insofern als ein feinfühliger Junge, als er noch schlechtes Gewissen hat. Koichi ist jedoch unbekümmert darum mit kleinen Verbrechen beschäftigt, die er zusammen mit seinem neu gewonnenen Freund Samajima begeht. Die Szene, wie die beiden Jungen aus dem Vogelhaus ihrer Schule Hühner stehlen, sie schlachten und dann essen, erinnert mich an die Bildergeschichten von Max und Moritz. Es stellt sich eindeutig heraus, daß die Lebenswege der beiden Schulkinder im Zuge des Klassenwechsels auf eine unsichtbare Weise auseinander gegangen sind. Am Ende müssen sie feststellen, daß ihre Freundschaft nicht mehr das ist, was sie einmal war.
   Ich hoffe, daß ich Ihnen mit meiner Interpretation des in der Fragestellung etwas provokativen Spielfilmes nicht zu viel Vorurteil eingeflößt habe. Genießen Sie bitte unbehelligt diesen angeblich "nostalgischen" Jugendfilm, wie Sie ihn nach dem ebenso nostalgischen Kulturfilm gleich anschauen.