14. Japanischer Filmabend WS 02/03 Do. 6.
Feb. 2003
Herzlich willkommen zum letzten Japanischen
Filmabend im Wintersemester 02/03! Offen
gestanden freue ich mich mit den Studenten,
daß die Semesterferien de facto ab
morgen beginnen. Obwohl der Japanischunterricht
mir viel Freude bereitet, habe ich als Germanist
doch noch viel zu schreiben, was mir leider
während des Semesters ziemlich schwerfällt.
Freilich beschäftige ich mich nicht
mehr mit rein germanistischen Themen, sondern
schreibe über komparatistische Probleme
der Kultur- und Geistesgeschichte in deutscher
Sprache. Insofern bin ich schon seit zwei
Jahren notgedrungen mehr Japanologe als Germanist.
Aber hier in Regensburg habe ich das Glück,
täglich vom deutschen Mittelalter umgeben
zu sein, wie der bekannte Regensburger Historiker
Prof. Horst Fuhrmann ein Buch mit dem Titel
"Überall ist Mittelalter. Von der
Gegenwart einer vergangenen Zeit" geschrieben
hat.
Der heutige Kulturfilm "Nomura
Manzo" mit dem Nebentitel "Seele
und Schauspielkunst des Kyogen" bezieht
sich ebenfalls auf das japanische Mittelalter.
Bildet doch die traditionelle japanische
Komödie Kyogen, als deren Meister Nomura
Manzo gilt, seit alters ein Vor- bzw. Zwischenspiel
des Noh-Theaters, das im 14. Jahrhundert
entstanden ist und sich schon lange weltweit
eines hohen Ansehens erfreut. "Vorspiel
auf dem Theater" in Goethes Faust hängt zwar entstehunsgeschichtlich
mit dem Vorspiel in dem Drama Sakuntala des altindischen Dichters Kalidasa zusammen,
gehört aber auch gewissermaßen
in die griechische Tradition der tragischen
Tetralogien, in denen nach Goethes Auffassung
das Tragische in einem Satyrspiel aufgelöst
wird. Ebenso könnte man auf eine ähnliche
Weise der Ernsthaftigkeit des No-Theaters
das amüsante Lustspiel von Kyogen gegenüberstellen.
Nomura Manzo VII, der bedeutendste
Kyogen-Schauspieler der Gegenwart, stammt
aus einer Künstlerfamilie, die eine
Geschichte von drei hundert Jahren hat. Wie
es in den traditionellen Künsten Japans
üblich ist, hat er von seinem Vater
Nomura Manzo VI den altehrwürdigen Namen
geerbt. Dem Vater sowie dem Sohn wurde denn
auch der Ehrentitel von "Lebendem Nationalschatz"
verliehen. Was Kyogen eigentlich ist, wird
anhand des bekanntesten Stücks zwischen
dem scheinbar einfältigen Diener Taro
Kaja und seinem Feudalherrn demonstriert.
Taro Kaja ist sozusagen ein Hofnarr, den
sein Dienstherr zum besten haben will, der
aber dessen schlechten Witz verdreht und
zuletzt lächerlich zu machen weiß.
So basiert Kyogen in der Tat auf witzigen
Dialogen, die mit einer komischen Gestik
und Spieltechnik lebhaft geführt werden.
In dem Kulturfilm wird ebenfalls
gezeigt, wie die Schüler von Nomura
Manzo VII ausgebildet werden. Erst so kann
diese noch mittelalterliche Form der japanischen
Komödie seit dem Heian-zeitlichen Sarugaku
an die nächste Generation tradiert werden.
Aus den volkstümlichen Tanz- und Varietedarbietungen
hat sich aber das hochstilisierte No-Theater
entwickelt. Gerade der Sohn des Meisters,
Jahrgang 1959, scheint zu versuchen, die
tradierte Schauspielkunst seiner Familie
zu erneuern oder zu erweitern. Gewiß
hat er im Jahre 1995 den Namen des Nomura
Mannojo V geerbt, aber vertritt einen neuen
Stil des sogenannten "Gakugeki",
d.h. des Musiktheaters, indem er in seiner
gesamtkünstlerischen Tätigkeit,
fünf Genres von Produktion, Regie, Forschung,
Dramaturgie und Schauspieler umfaßt.
Er hat z.B. die Schlußfeier der Winterparalympic
1998 in Nagano inszeniert. Wohin das führt,
ist noch abzusehen.
Beim Spielfilm von heute abend
"Tora-san gesteht", auf japanisch
"Torasan no kokuhaku" handelt es
sich, wie Sie wohl vermuten, um die 44. Episode
der Torasan-Serie, deren Obertitel "It's
tough to be a man" (Otoko wa tsuraiyo)
lautet. Die bisher längste Serie in
der Geschichte des Films hat in der Figur
des Helden ein historisches Vorbild aus der
Edo-Zeit, genannt Edokko. Es heißt
soviel wie "Kind aus Edo" und charakterisiert
vor allem die Mentalität der im alten
Tokyo geborenen Kleinbürger. Es kommt
also darauf an, wieweit diese Menschen typologisch
die Japaner schlechthin darstellen. Auch
in Japan gibt es wie in Deutschland verschiedene
Menschentypen je nach den Provinzen, woher
man kommt. Sie sprechen auch verschiedene
Dialekte, wenn sie nicht gerade öffentlich
auftreten müssen.
Immerhin scheint Torasan mehr
als ein Edokko zu sein. Denn bis der Hauptdarsteller
Atsumi Kiyoshi vor einigen Jahren starb,
ist die Torasan-Serie bekannt und beliebt
gewesen wegen ihrer nostalgischen Darstellung
von Leutseligkeit und Gastfreundschaft in
den ländlichen Bezirken. Bereist seit
1969 erfindet der Regisseur Yamada Yoji immer
wieder neue Geschichten zu dieser Serie.
Nur einmal hat er in dem im vergangenen November
vorgeführten Spielfilm "Die goldenen
Tage des Films" den Helden neben der
weniger bekannten Hauptdarstellerin zu einer
Nebenfigur gemacht. Ansonsten wird gesagt,
an den phantasievollen Erzählungen über
den Stadtmenschen, der immer wieder mit den
Schwierigkeiten des Lebens konfrontiert wird,
hätten sich Generationen von Japanern
ergötzt.
Das Hauptthema der Torasan-Serie
beruht im Grunde auf Gegensätzen von
Stadt und Dorf, wohlhabenden Menschen und
armen Kleinbürgern sowie Egoismus und
Opferbereitschaft. Dafür werden typisch
japanische Geschichten aus dem Alltagsleben
immer wieder filmisch erzählt. Die Handlung
des heutigen Filmes läßt sich
folgendermaßen nacherzählen: In
Tottori, einer Präfektur am Japanischen
Meer im Westjapan, trifft Torasan unvermutet
Izumi aus Nagoya, die Freundin seines Neffen
Mizuo. Sie ist von zu Hause weggelaufen,
weil sie sich mit dem neuen Freund ihrer
Mutter nicht versteht. In Tokyo hat sie vergeblich
versucht, einen Job zu finden. Nun wandert
sie ziellos durch ein Dorf in Tottori, und
ihre Freude ist groß, als sie auf Torasan
stößt und sich von ihm trösten
lassen kann. Sie genießen auch die
Gastfreundschaft der Dorfbewohner. Hier enthüllt
Torasan der bekümmerten jungen Frau
ein Geheimnis. Im Mittelpunkt der Handlung
steht eben dieses Geständnis des Helden.
Am nächsten Tag läuft ihnen bei
einem Strandspaziergang Mizuo über den
Weg, der sich auf die Suche nach Izumi gemacht
hatte. Alle drei sind überglücklich
und besuchen eine von Torasans Exfreundinnen,
mit der Torasan wie üblich flirtet.
Einige Zeit später am Neujahrstag, als
Mizuo und Izumi sich in Tokyo treffen, ist
Torasan schon längst wieder auf einer
seiner Verkaufsreisen unterwegs.
Es sind eigentlich zwei Parallelhandlungen:
einerseits eine Liebesgeschichte zwischen
Izumi und Mizuo, andererseits ein Wanderleben
von Torasan mit seinen zahlreichen Freundinnen
nacheinander. Als erfahrener Mann kann Torasan
nicht nur dem jungen Liebespaar taktvoll
beistehen, wie der Vater Kihachi der enttäuschten
Pflegetochter Koharu in dem Spielfilm "Die
goldenen Tage des Films", sondern er
hat auch selbst ein schmerzliches Jugenderlebnis
mit der Liebe, daß nämlich sein
Vater einst eine Affäre mit einer Geisha
hatte. Dies zu erfahren, verhilft Izumi dazu,
mehr Verständnis für ihre eigene
Mutter aufzubringen, und sie kehrt schließlich
nach Hause zurück, während Torasan
die Vergänglichkeit der Liebe wieder
einmal erfahren muß. Denn eine seiner
Exfreundinnen, die er mit dem glücklichen
Liebespaar Izumi und Mizuo in einer Dorfkneipe
besucht, ist zu seinem Schock schon Witwe
geworden. Das macht natüurlich die beiden
jungen Leute sehr nachdenklich. Es ist symbolisch
genug, daß sie später in Tokyo
am Neujahrstag ihre Freundschaft und Liebe
erneuern. Die dauerhafte Liebe braucht ein
Zuhause.
Im übrigen habe ich im Sommersemester
2002 ein Hauptseminar über die japanische
Mentalität im Spiegel der Gegenwartsliteratur
gehalten. Glücklicherweise konnte ich
dabei u.a. deutsche Übersetzungen in
Oscar Benls Sammelband Der Kirschblütenzweig. Japanische Liebesgeschichten
aus tausend Jahren (München 1965) verwenden. In der weltbekannten
Geschichte des Prinzen Genji Genji-monogatari, die schon wegen des Umfangs des Liebesromans
nicht berücksichtigt werden konnte,
erweist sich Prinz Genji als Prototyp des
Playboys in der japanischen Literatur. Neben
ihm gibt es allerdings anders gesinnte Männer,
wie sie der amerikanische Japanologe Ivan
Morris in seinem Buch Samurai oder Von der Würde des Scheiterns.
Tragische Helden in der Geschichte Japans (Frankfurt am Main 1989) herausgearbeitet
hat. Aber bei den Frauen war die Vergänglichkeit
der Liebe besonders in dem Tagebuch der Izumi
Shikibu tief empfunden. Goethe setzte das
dritte Gedicht "Aussöhnung"
seiner Trilogie der Leidenschaft mit dem Vers ein: "Die Leidenschaft
bringt Leiden!" Genau so
war es der Fall bei der Hofdame Izumi Shikibu
im japanischen Mittelalter. Sie litt unter
der Leidenschaft ihrer Liebe so sehr, daß
sie sich literarisch wohl einen Namen gemacht,
aber menschlich zugrunde ging.
Wie Sie sehen, hat es einen langen
sozilalgeschichtlichen Hintergrund seit der
Heian-Zeit, daß Torasan auf seinen
Verkaufsreisen gern mit seinen Exfreundinnen
flirtet. Aber ich habe das Gefühl, daß
mit dem Aufkommen der japanischen Animationsfilme
eine völlig neue Generation in Japan
herangewachsen ist, die sich nicht mehr nach
der alten Liebestradition orientiert. Die
Urteile darüber möchte ich Ihnen
jedoch überlassen.
![]()