13. Japanischer Filmabend WS 02/03 Do. 9. Jan. 2003

In dem bereits begonnenen Jahr 2003 haben wir nach dem fernöstlichen Tierkreis das Jahr des Schafes, und ich möchte Sie heute zum neuen Jahr ausnahmsweise auf japanisch begrüßen:
  Shinnen omedeto gozaimasu". Denn viele von den deutschen Gästen verstehen schon als Japanfreunde Japanisch, und die Teilnehmer an meinen Sprachkursen haben in der ersten Stunde des Jahres 2003 diese Redewendung gelernt. Die japanischen Gäste haben dann sicher erneut erlebt, wie gut eine Muttersprache ist, wenn man besonders im Ausland lebt. Nicht zuletzt, um es wiederholt zu erleben, besuchen sie wohl den Japanischen Filmabend, an dem ein japanischer Spielfilm in der Originalsprache mit deutschen Untertiteln vorgeführt wird. Ich würde mich auch in diesem Jahr gerne bemühen, Ihnen allen interessante japanische Filme zu zeigen.
  Der Drachen, von dem der heutige Kulturfilm handelt, ist im deutschen Sprachgebrauch etwas anders als der Drache. Dieser ist in Europa ein Feuer speiendes Fabeltier von echsenartiger Gestalt oder Mischgestalt aus Vogel, Schlange und Löwe. Im Japanischen heißt er "Ryu". Ich erinnere mich hier an einen lustigen japanischen Germanistikstudenten, der sich ausschließlich für den Drachen in der deutschen Literatur interessiert hat, um so die unterschiedlichen Vorstellungen von diesem Fabeltier in Ost und West zu vergleichen. Der Drache als eine achtköpfige riesengroße Schlange ist schon in der japanischen Mythologie bekannt, während der chinesische Drache mit fünf Krallen den Kaiser symbolisiert und unter den Wolken im Himmel fliegt.
  Dagegen bezeichnet der Drachen ein Spielzeug aus Bambusgerüst und japanischem Papier, das man in die Luft steigen läßt. Im Japanischen heißt das Spiel zwar "Takoage" und assoziiert eine Vorstellung vom Oktopoden, wird aber mit einem anderen Schriftzeichen als für den Achtfüßler "Tako" ausgedrückt. Das Spiel ist uralt und soll in der Heian-Zeit aus China zuerst nach Nagasaki überliefert worden sein. Merkwürdigerweise hieß es seit alters in der Kinki-Gegend um den Biwasee "Ika", also Tintenfisch, obwohl in einigen Gegenden ebenfalls andere Bezeichnungen dazu verwendet wurden. Wenn auch immer weniger, wird das traditionelle Kinderspiel heute noch, insbesondere zum Neujahr, an den Flußufern oder auf dem Feld praktiziert. Freilich ist das Drachenfliegen als Hanggleiten heutzutage unter den jungen Japanern moderner.
  Wie man in dem Kulturfilm "Drachen in Japan" beobachten kann, gibt es mannigfaltige Drachen verschiedener Formen und Größe. Ursprünglich hatte der Drachen eine Vogelgestalt, wurde aber in der Edo-Zeit mit dem sogenannten "Yakko-Dako" mit verkürzter Menschen-gestalt ersetzt, auf dem verschiedenste Bildmotive, vor allem aus dem Ukiyo-e, bemalt waren. Führend wurde jedoch das viereckige, sogenannte "Kaku-Dako", das auf der Papierfläche entweder ein Bild eines Daruma-Mönchs oder Samurai hatte, oder mit einem Schriftzeichen wie Tiger, Drache usf. versehen war. Offenbar standen dahinter die Schaulust der Zuschauer oder der Repräsentationsdrang der Hersteller bzw. Spieler. Gleichzeitig zeigte sich aber auch die spielerische Schadenfreude, den Bindfaden des anderen Drachen kämpferisch zu zer-reissen oder einen herabfallenden fremden Drachen mit dem eigenen Bindfaden zu klauen.
  Beim Spielfilm von heute abend "Nabbies Liebe" ist der Originaltitel insofern von großer Bedeutung, als es nicht von Nabbie no "Ai", sondern von "Koi" die Rede ist. Denn im Japanischen unterscheidet man genau zwischen den beiden Arten von Liebe, wie man auf deutsch sagt: "Sie hat sich in jemand verliebt" oder "Sie liebt ihn." Es handelt sich also bei dem Spielfilm darum, daß eine Frau namens Nabbie in jemand jahrzehnte lang verliebt war, obwohl sie so lange verheiratet war. Es fragt sich, ob sie ihren Ehemann wirklich geliebt hat oder nicht. In Japan, wo früher so viele junge Ehen von den Eltern arrangiert wurden, ist die Ehe manchmal nicht so sehr eine Sache der Geschlechterliebe, sondern vielmehr eine Familien-angelegenheit gewesen. Im Laufe der Zeit ist wohl oft zwischen den Ehegatten eine echte Liebe erwacht, die sich in eine glückliche Liebe entwickeln kann. Im japanischen Wortgebrauch gilt eine solche Liebe als "Ai", aber nicht als "Koi", und die Geschlechterliebe führt leider nicht immer zu einer glücklichen Ehe, wie man es aus so vielen Romanen aller Zeiten weiß.
  Die Weltliteratur ist in der Tat voll von derartigen Liebesgeschichten, die meist wie z.B. in Gottfried Kellers Novelle "Romeo und Julia auf dem Dorfe" einen tragischen Ausgang nehmen. In Johann Peter Hebels "Kalendergeschichten" befindet sich ein seltener Fall, wo eine tragische Liebe glücklich endet. In seiner bekannten Novelle "Unverhofftes Wiedersehen", die nur ein paar Seiten umfaßt, wird erzählt, wie ein junger Bergmann kurz vor der Hochzeit am Morgen seine Verlobte zum letztenmal geküßt hat, um nie wieder von der Arbeit zurückzukommen. Nach fünfzig Jahren wird tief unter der Erde im Bergwasser ein Bergmann tot aufgefunden. Er sah so jugendlich aus wie an jenem Morgen, als er seine Braut beim Abschied zur Arbeit geküßt hatte. Niemand im Dorf kannte ihn außer einer Alten mit der Krücke, die herbeigerufen wurde. Sie erkannte ihn und schätzte sich glücklich, ihren Bräutigam noch einmal im Leben gesehen zu haben. Als die Einzige, die ihm angehörte, nahm sie ihn in ihre Wohnung bis zur Bestattung auf und hoffte bald neben ihm zu ruhen. In ihrem Zimmer lag immer noch ein schwarzes Halstuch, das sie einst als Hochzeitsgeschenk für ihn mit rotem Rand umsäumt hatte.
  Es könnte eventuell absurd erscheinen, eines der Meisterwerke in der deutschen Literatur zum Vergleich mit einem japanischen Unterhaltungsfilm heranziehen zu wollen. Ich bin aber von Haus aus Germanist und konnte nicht umhin, daran zu denken, als ich in dem heutigen Spielfilm eine Liebesgeschichte vorfand, in der eine Wiederbegegnung von zwei Geliebten nach sechzig Jahren thematisiert wird. Vielleicht zeigen sich darin nicht nur ein großer Zeitenunterschied zwischen der deutschen Romantik und dem modernen Japan, sondern auch ein wesentlicher Unterschied in der Mentalität zwischen Ost und West. Aber ich möchte nicht weiter darüber philosophieren. Auf jeden Fall scheinen viele Japaner, besonders der älteren Generation, von dem Film sehr angetan zu sein.
  Der Regisseur Yuji Nakae, der selbst aus Okinawa stammt, hat die schöne Insel Agunijima in seiner Heimat zum landschaftlichen Hintergrund von zwei Liebesgeschichten einer jungen Heimkehrerin und ihrer Großmutter gewählt. Ich bin noch nie in Okinawa gewesen, und die ganze Natur- und Kulturlandschaft von dort ist mir fremd. Es sind wohl auch viele Japaner, die mit ihr nicht vertraut sind und sie insofern wie ein exotisches Ausland in der tropischen See empfinden, obwohl dort schon Japanisch gesprochen wird. Dieses Japanisch ist allerdings wieder so stark vom Dialekt geprägt, daß manche Wörter sowie Redewendungen im Film sogar für die japanischen Zuschauer mit japanischen Untertiteln versehen werden müssen. Es ist genau so wie in China. Ich habe mich zuerst sehr gewundert, daß viele chinesisch gesprochene oder gesungene Programme im Pekinger Fernsehen mit synchron wiedergegebenen Texten ausgestattet waren. Chinesische Umgangssprache in Shanghai soll schon in Peking nicht ohne weiteres verstanden werden können.
  Bei dem Film "Nabbies Liebe" handelt es sich um die leidenschaftliche Liebe einer alten Frau, die ihrer Jugendliebe sechzig Jahre lang in ihrem Herzen treu geblieben ist. Die Handlung dieser eigentlichen Liebesgeschichte besteht darin, daß die Oma Nabbie, die eines Tages einen Besuch ihrer Enkelin Nanako aus Tokyo bekommt, zu gleicher Zeit ihren alten Geliebten Sanra nach langer Zeit wiedersieht und mit ihm die Insel verläßt. Ihr Jugendfreund war seinerzeit nach Brasilien gefahren, weil ihr eine Ehe mit ihm aus Familiengründen versagt worden war. Sie hat aber das Feuer ihrer Liebe zu ihm auch während ihrer Ehe mit einem eingeheirateten jüngeren Mann Keitatsu in ihrem Herzensgrund aufbewahrt. Wie ihre Jugendliebe vor sechzig Jahren ausgesehen haben mag, wird trotz der großen Zeitenänderung in der Jugendliebe ihrer jungen Enkelin zum Kapitän der Fähre angedeutet. Es sind also in Goethes Wort "wiederholte Spiegelungen" in der allgemein menschlichen Liebe zwischen Mann und Frau. Die erste Liebe wird meist deshalb nicht erfüllt, weil die Jugend wie bei Hermann Hesse für immer schön bleiben soll. Wird sie dennoch nach langen Jahren erfüllt, so kann zumindest ihre Schönheit verloren gehen.
  Die Darstellerin einer solchen Liebe, Taira Tomi, ist schon lange durch ihr Auftreten in einem beliebten Fernsehdrama beim japanischen halbstaatlichen Fernsehunternehmen NHK bekannt. Ebenso bekannt ist auch Noborikawa Seijin, der die Rolle ihres gutmütigen Ehemannes spielt, als meisterhafter Sänger der Volksmelodien von Okinawa. Ich hoffe, daß Sie dieses tropische Paradies auf den Inseln Okinawas inmitten des schneebedeckten Winters in Regensburg wie einen Sommernachtstraum genießen werden.