12. Japanischer Filmabend WS 2002 Do. 5.
Dez. 2002
Ich heiße Sie wieder zum Japanischen
Filmabend herzlich willkommen und möchte
gleich in medias res kommen, zumal der Spielfilm
von heute abend etwas länger ist als
sonst. Als Bibliophile besitze ich viele
Bücher, die ich im Laufe der Jahrzehnte
in den Antiquariaten in verschiedenen deutschen
Städten aufgetrieben habe. Da ist oft
eigens vermerkt, daß sie auf holzfreiem
Papier aus Japan gedruckt wurden. Zum Beispiel
hat das 1913 in Berlin erschienene Buch von
Wilhelm Hertz "Goethes Naturphilosophie
im Faust", das ich kürzlich in
Bonn gekauft habe, den Vermerk "Von
dieser Ausgabe auf japanischem Papier wurden
250 handschriftlich numerierte Exemplare
hergestellt. Dieses Exemplar trägt die
Nr. 199". Japanisches Papier galt damals
zweifellos als qualitativ wertvoll. So hoch
geschätzt und beliebt war es also einst
in Deutschland.
Holzfreies Papier als solches
wird aus Zellstoff, d.h. chemisch aufbereiteten
Fasern, hergestellt. Dagegen wird das sogenannte
Japanpapier in einem deutschen Lexikon folgendermaßen
erklärt: "handgeschöpftes
Papier aus Japan, das durch Verwendung ungewöhnlich
langer Fasern (u.a. Bastfasern des Maulbeerbaums)
besonders weich, fest und schmiegsam ist."
Damit ist gewiß "Washi" gemeint,
worunter man im Unterschied zum europäischen
Papier "Yoshi" oder genauer "Seiyoshi"
japanisches Papier im allgemeinen versteht.
Wie man das japanische Washi
nach althergebrachter Weise herstellt, wird
in dem heutigen Kulturfilm anschaulich gezeigt.
Deshalb brauche ich nicht näher darauf
einzugehen. Aber es handelt sich hierbei
um eine besondere Papierart "Echizen
Hosho", die wohl sprachlich einer Erklärung
bedarf. Die Echizen-Region liegt ca. 180
km westlich von Tokyo, d.h. mit anderen Worten,
sie liegt nördlich von Kyoto bzw. etwas
südlich von Kanazawa und entspricht
ungefähr der Fukui-Präfektur von
heute. Das Wort "Hosho" steht für
Papier hoher Qualität "Houshogami"
und besteht aus zwei chinesischen Schriftzeichen
für "tatematsuru" (überreichen)
und "sho" (Schrift). Daher kommt
es, daß der Kaiserliche Hof und die
buddhistischen Tempel jahrhunderte lang dieses
Papier gebrauchten, um die dauerhafte Aufbewahrung
ihrer Aufzeichnungen zu gewährleisten.
Die europäische Kulturgeschichte
des Papiers aus Papyrus und Pergament ist
den deutschen Gästen wohl bekannt. Das
erste aus fasrigen Streifen bestehende Papier
wurde um 100 v. Chr. in China hergestellt,
soll aber erst im Jahre 610 durch den koreanischen
Mönch Doncho nach Japan überliefert
worden sein. Dann wurde es nach japanischer
Eigenart technisch immer weiter entwickelt
und verfeinert, so daß man schon in
der Nara- und Heian-Zeit sehr gutes Papier
zur Verfügung hatte. Es wurde nicht
nur in verschiedenen Regionen Japans wie
Echizen, Mino oder Tosa auf der Insel Shikoku
reichlich hergestellt, sondern es gab in
Kyoto auch eine "Kanya-in" genannte
staatliche Anstalt für handgemachtes
japanisches Papier. Die Nachfrage nach Papier
nahm in der Edo-Zeit rasant zu, da die bürgerliche
Kultur besonders mit ihrer Unterhaltungsliteratur
aufblüte.
Über den Spielfilm "Osaka
Story" ließe sich eigentlich sehr
viel sagen, ist doch Osaka neben Kyoto und
Tokyo eine der traditionsreichsten Grosstadte
in Japan. Ich bin zwar schon oft in Osaka
gewesen, aber meist nur wegen des Antiquariatenviertels
in der Nahe des Hauptbahnhofs und kenne mich
leider nicht so gut aus wie in Kyoto. Obwohl
ich aus Sapporo im Norden Japans stamme,
wohne ich schon über vierzig Jahre in
Tokyo mit dreimaligen längeren Aufenthalten
in München und Regensburg. Ich verzichte
also darauf, über die Stadt Osaka, vor
allem über die Mentalität seiner
Bevölkerung zu sprechen, die sich von
der der Bevölkerung in Tokyo beträchtlich
unterscheiden soll.
Nur auf eines möchte ich
Sie aufmerksam machen. Es gibt auch in der
japanischen Sprache wie überall in der
Welt verschiedene Dialekte. Diese lassen
sich aber im großen und ganzen in zwei
Mundarten einteilen: Kansai-ben und Kanto-ben,
wenn auch die letztere Bezeichnung weniger
gebräuchlich ist, weil sie stillschweigend
für die Standard-Sprache gehalten wird.
Dabei gilt Kansai-ben als die Mundart im
westlichen Japan um Osaka herum, und die
Sprache, die in Kanto, d.h. im östlichen
Japan um Tokyo herum gesprochen wird, gilt
im allgemeinen nicht als Mundart, sondern
als eine Art Hochjapanisch. In Hokkaido mit
der Hauptstadt Sapporo ist der Dialekt nicht
so stark ausgeprägt wie in den traditionsreichen
Regionen, da sich dort wie die einstige deutsche
Kanzleisprache in Prag eine Mischsprache
aus den Einwandern von ganz Japan herausgebildet
hat.
So wird denn auch in dem Spielfilm
mit dem japanischen Titel "Osaka Monogatari"
ständig Kansai-ben, speziell Osaka-Dialekt
gesprochen, ohne den das Leben in Osaka unvorstellbar
und unmöglich wäre wie das Oktoberfest
ohne Bayerisch. Wenn im japanischen Fernsehen
oder Rundfunk Osaka-ben gesprochen wird,
kann ich freilich alles verstehen und die
gemütliche Stimmung des Sprachtons gut
nachvollziehen. Aber nachahmen möchte
ich es nicht, könnte ich vielleicht
auch nicht so sprechen, wenn ich nicht jahrelang
in Osaka gelebt hätte. Merkwürdigerweise
haben meine Studenten aus Kansai mit mir
in Tokyo fast normales Japanisch gesprochen,
aber untereinander immer nur im Kansai-ben.
Wahrscheinlich benutzen sie es als Identifikationsmerkmal
und diskriminieren die anderen, die ihren
Jargon nicht sprechen können.
Der Spielfilm, der im Jahr 1999
hergestellt und wenige Jahre darauf mit deutschen
Untertiteln synchronisiert wurde, spielt
in Osaka in unmittelbarer Zeit-Nähe.
Der bekannte Regisseur Ichikawa Jun scheint
dabei die Stadt in perspektivischer Spiegelung
von außen und innen sowie einst und
jetzt darstellen zu wollen. Denn ein bekümmerter
Teenager, ein 14-jähriges Mädchen
namens Wakana, versucht seine Eltern zu finden,
und dazwischen gibt es schöne Montagen
vom Alltagsleben in Osaka aus der Sicht eines
jungen Mädchens. Es gehört zur
Tradition theatralischer Unterhaltung von
Osaka, daß ein Mann und eine Frau oft
in ehelicher Gemeinschaft als Komiker im
literarischen Kakarett auftreten. So arbeiten
auch die Eltern von Wakana seit 20 Jahren
ohne viel Erfolg. In einem solchen Fall sieht
das unglückliche Familienleben in der
Tat oft so aus, daß die Eltern sich
zu Hause unaufhörlich streiten, und
da die Ehefrau meist stärker ist, droht
der Vater, die Familie zu verlassen. Darunter
leidet natürlich die Tochter, zumal
sie sich konzentriert auf die Aufnahmeprüfung
für eine Oberschule vorbereiten muß.
Nach dem japanischen Bildungssystem lernt
sie im zweiten Jahr der Mittelschule.
Die Geschichte von Ryusuke, Wakanas
Vater, spielt sich so banal und frivol wie
überall in der japanischen Gesellschaft
ab. Er verliebt sich in eine jüngere
Frau, zieht von seiner Frau geschieden in
eine nahegelegene Wohnung und wird schließlich
von der jungen Frau verlassen. Verzweifelt
fängt Ryusuke an, stark zu trinken,
und verschwindet eines Tages. Befremdend
ist es wohl für die nichtjapanischen
Zuschauer, daß die geschiedenen Eheleute
als Komiker immer noch in Arbeitsgemeinschaft
geblieben sind und die Mutter Wakanas, Harumi,
sich sogar des Babys der jungen Geliebten
ihres untreuen Mannes annimmt. Es sind eben
die untrennbaren Bande menschlicher Verhältnisse
in der althergebrachten kleinbürgerlichen
Welt von Osaka. Auch Wakana beschließt,
den Vater, der faktisch sie selbst verlassen
hat, zu finden. Damit beginnt denn auch für
sie ein neues Leben.
Auf der Suche nach ihrem Vater
trifft Wakana Menschen, die seine Jugendfreunde
waren und ihr viel von seiner Jugend zu erzählen
wissen. Auf diese Weise lernt sie ihren eigenen
Vater von einer anderen Perspektive kennen
als von ihrer Mutter, die mit ihm ein zwiespältiges
Leben in Ehe und Beruf geführt hat.
Schließlich findet sie Ryusuke in einem
Krankenhaus, wo er nach einem Autounfall
behandelt wird. Typisch japanisch kommt hier
die Familie wieder zusammen, aber der Vater
stirbt einen Monat später. Wakana hat
in ihrer Mittelschulzeit viel erlebt, als
ein junges Mädchen in der Pubertät
vielleicht zu viel. Aber in ihrer Zukunft
liegt zunächst noch die Oberschulzeit,
und im Anschluß daran das Studentenleben,
das viel größere Probleme mit
sich bringen kann. So wird das Alte im Leben
Osakas von einem Teenager beleuchtet, und
das Neue durch seine verschiedenen Erlebnisse
in die Zukunft projiziert. "Osaka Story"
ist also nicht nur die Geschichte einer versagten
älteren Generation, sondern auch die
Geschichte einer Jugend, die hoffnungsvoll
der Zukunft entgegensieht.
Im übrigen gibt es in Osaka
eine eigene Tradition des sogenannten Kamigata-Engei.
Kamigata ist eine andere Bezeichnung für
Kansai im Unterschied zu Edo, dem heutigen
Tokyo, und Engei bedeutet Entertainment oder
Unterhaltung. Es sind traditionelle Redekünste
wie Rakugo und Manzai, die selbstverständlich
auch in Tokyo mit unterschiedlichen Nuancen
und Pointen praktiziert werden. Was Ryusuke
und Harumi in dem Spielfilm als lustige Dialoge
vortragen, ist eben das Manzai modernen Zuschnitts
a la Osaka. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen.
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