11. Japanischer Filmabend WS 02/03 Do. 7.
Nov. 2002
Ich begrüße Sie sehr herzlich
zum Japanischen Filmabend im Wintersemester
02/03. Ich freue mich, daß er wieder
im Hörsaal der Universität stattfindet.
Für die Studenten ist es sicher leichter,
hierher zu kommen als zum Vortragsraum des
Gästehauses in die Altstadt zu fahren.
Erfreulicherweise werden meine Sprachkurse
für Japanisch drei Wochen nach dem Semesterbeginn
allmählich gut besucht. Ich danke allen
Teilnehmern erneut für ihr reges Interesse
an der japanischen Sprache und Kultur. Wie
Sie wissen, ist Japan eigentlich kein isoliertes
Land, auch wenn es sprachlich für manche
Europäer immer noch ein hermetisch abgeschlossenes
Land darstellt. So bin ich in den vergangenen
Sommerferien zwei Wochen in China und eine
Woche in Korea gewesen und habe mich mit
meinen dortigen Kollegen eingehend uber die
Germanistik in Ostasien unterhalten. Wir
können uns ohne weiteres auf deutsch
verständigen.
Einige von Ihnen erinnern sich
wohl daran, daß genau vor einem Jahr
ein Kulturfilm "Rollbild der Zeiten
- Die Geschichte Japans in Bildern"
in diesem Hörsaal gezeigt wurde. Im
Dezember 2001 wurde dann im Anschluß
daran der andere Kulturfilm "Vom asiatischen
Festland - Chinesische Schriftzeichen und
Buddhismus in Japan" vorgeführt.
Heute möchte ich Ihnen einen dritten
Kulturfilm in dieser geschichtlichen Serie
zeigen, zumal ich gerade als Einführung
in meine Landeskunde Japans einen Überblick
über die japanische Geographie und Geschichte
zu geben versucht habe. Beim heutigen Kulturfilm
"Mit dem Wind von Süden" handelt
es sich, wie es im Nebentitel heißt,
um "Europas erste Einwirkungen auf die
japanische Kultur". Es geht also um
Japans erste Begegnung mit der europäischen
Kultur nach einer über tausend Jahre
andauernden Fühlungnahme mit China und
Korea mit deren konfuzianischer und buddhistischer
Kultur.
Beachtenswert ist, daß
Japans Begegnung mit westlicher Kultur auf
dem Weg über den Süden stattfand,
nämlich nicht mehr über die koreanische
Halbinsel oder direkt übers Meer aus
dem chinesischen Festland, sondern eben mit
dem Wind aus Südostasien. Es war das
Zeitalter der großen Seefahrer von
Portugal und Spanien. Bekanntlich glaubte
Christoph Kolumbus, über den Atlantik
den westlichen Seeweg nach Indien finden
zu können, und entdeckte auf seiner
1. Reise in spanischen Diensten (1492/93)
die Bahama-Insel Guanahani sowie Kuba und
Haiti. Dagegen erreichten die Portugiesen
Ende des 15. Jahrhunderts das Kap der Guten
Hoffnung von Afrika, und Vasco da Gama gelangte
1497/98 auf dem Seeweg nach Indien.
Ein halbes Jahrhundert danach
ereignete sich ein zunächst zufälliger
Vorfall, der sich dann als von größter
Bedeutung für das Japan des späten
Mittelalters erweisen sollte. Damit ist das
folgenschwere Ereignis gemeint, daß
im August 1543 ein Schiff mit drei portugiesischen
Seeleuten an Bord bei der Insel Tanegashima
strandete. Die Insel liegt südlich von
Kyushu und ist an sich gar nicht so wichtig.
Aber die drei Portugiesen, die als die ersten
Besucher aus dem Westen gelten, brachten
die ersten primitiven Handfeuerwaffen. Die
Einfuhr der Feuerwaffen beeinflußte
in der Tat den Lauf der japanischen Geschichte
in der kriegerischen Übergangszeit von
der Kamakura- zur Edo-Zeit nachhaltig. Seitdem
wurden die Portugiesen und Spanier als Namban-jin bezeichnet, die "Fremde aus dem Süden"
bedeuten. Als später die Holländer
als die einzigen Europäer sich im Japan
der Landesabschließung aufhalten durften,
wurden sie Koomo, "Rothaarige" genannt.
Die eigentliche spanisch-portugiesische
Zeit, die "Kirixitan-Zeit" heißt,
setzte ein, als der spanische Jesuit Franz
Xaver im Jahre 1549 den japanischen Boden
in Kagoshima betrat. So kam die japanische
Kultur erstmals mit dem Christentum in Berührung.
Da die Reformation in Deutschland bereits
durch Martin Luther eingeleitet worden war,
wurde die Missionsarbeit des Jesuitenordens
unter der Leitung von Ignatius von Loyola
zweifellos im Zuge der Gegenreformation in
Angriff genommen. Die Japaner hatten freilich
noch keine Ahnung davon, und die ersten Christen
in Japan bekehrten sich faktisch zum katholischen
Glauben. Aber wie in Südamerika gingen
die Missionare doch mit Handelsleuten Hand
in Hand, was heikle Probleme nicht nur religiöser,
sondern auch militärischer Art in der
japanischen Gesellschaft entstehen ließ.
Der Kulturfilm von heute abend beschränkt
sich allerdings auf den kulturellen Einfluß
Europas, der im 17. Jahrhundert vorübergehend
eine Blütezeit der sogenannten Namban-Kultur
in Japan hervorgebracht hat.
Was den heutigen Spielfilm "Die
goldenen Tage des Films" anbelangt,
so spielt er in den Jahren 1933/34, als die
japanische Filmproduktion Shochiku noch nicht
nach Ofuna umgezogen war, sondern in den
Kamata-Filmstudios arbeitete. Der Film zeichnet
denn auch das Leben der Menschen nach, die
in diesen Gründerjahren der japanischen
Kinofilme ganz für den Film lebten.
So heißt der Originaltitel in japanischer
Sprache "Kinema no tenchi", wörtlich
auf deutsch "Himmel und Erde der Kinematographie".
Der Regisseur Yamada Yoji ist besonders für
seine Reihe der Torasan-Filme bekannt und
beliebt. In den Filmen dieser Reihe spielen
neben dem Helden Atsumi Kiyoshi regelmäßig
Shimojo Masami, Misaki Chieko oder Sato Gajiro.
Aber in dem Film "Kinema no tenchi"
spielt die Schauspielerin Arimori Narimi
neben Nakai Kiichi oder Baisho Chieko die
Hauptrolle. Damals war die Zeit gerade dabei,
daß der Stummfilm nach und nach durch
den Tonfilm ersetzt wurde.
Im Frühjahr 1933 arbeitete
Tanaka Koharu in einem Kino namens Teikokukan
in Asakusa als Verkäuferin. Die schöne
junge Frau wird von dem Regisseur Ogura Kinnosuke
entdeckt. Als sie sich bald darauf in die
Studios von Ogura begab, war er mitten in
der Regiearbeit. Da eine vorgesehene Darstellerin
unerwartet am Mitspielen gehindert war, sollte
Koharu gleich deren Rolle übernehmen.
Als Laie kann sie selbstverständlich
noch nicht so gut spielen. Überhaupt
war das Erlebnis der Kamata-Studios für
sie etwas ganz Neues. Im augenblicklichen
Zorn entläßt Ogura sofort Koharu
von der Rolle, und sie verzichtet auch irritiert
darauf, eine Schauspielerin zu werden. Aber
am folgenden Tag kommt Oguras Regieassistent
Shimada Kenjiro und teilt ihr im Auftrag
des Regisseurs mit, sie möchte ihm doch
seine Ungezogenheit verzeihen und sich die
Sache noch einmal überlegen. Der Regieassistent
verliebt sich scheinbar bald in sie, aber
die Liebesgeschichte in diesem Film ist von
nebensachlicher Bedeutung. Sowohl Ogura als
auch Shimada sind im Grunde nur mit der Produktion
der Spielfilme engagiert und wollen deshalb
Koharu in die Studios zuruckholen. Immerhin
versucht sie es erneut mit der Schauspielerei.
Aber für Koharu gibt es
glücklicherweise eine menschlich wärmere,
kleinbürgerliche Welt, die durch eine
Nachbarin Yuki und ihren kränkelnden
Vater Kihachi in einem Miethaus verkörpert
ist. Ihre Mutter hatte sie bei dem schrecklichen
Kanto-Erdbeben im Jahr 1923 verloren. Das
Verhältnis von Vater und Tochter ist
ja nach dem Ödipus-Komplex interessanter
als das von Mutter und Tochter. Anstelle
der Mutter tritt dann vielfach eine Nachbarin
auf wie Martha zu Gretchen in Goethes "Faust".
So läuft Koharu nach ihrem ersten Scheitern
weinend nach Hause und schildert ihrer Nachbarin
vertrauensvoll alle Einzelheiten. Auf der
anderen Seite sagt Kihachi, der in jungen
Jahren der Liebling einer Wanderschauspielgruppe
war, seiner tief enttäuschten Tochter
verständnisvoll: "Es gibt zwar
viele junge Mädchen, die Schauspielerin
werden wollen, aber nur wenige, die wir dazu
machen wollen." Damit deutet er an,
daß er Koharu gern zu einer Schauspielerin
machen möchte, wie seine verstorbene
Frau die beste Schauspielerin der Wandertruppe
war. Dementsprechend kommt eine neue Chance
für Koharu wie herbeigezaubert wieder.
Da die Schauspielerin Kawashima Sumie mit
ihrem Liebhaber auf und davon lief, soll
Koharu für sie einspringen. Aber beim
Drehen eines großen Filmprojekts fühlt
sie sich nicht gewachsen, die Hauptrolle
zu spielen. Sie leidet sehr darunter, an
die Grenzen ihres schauspielerischen Könnens
gestoßen zu sein. Hier ermuntert Kihachi
seine entmutigte Tochter wieder, indem er
ihr von seiner Liebe zu ihrer Mutter erzählt,
die eine Schauspielerin war. Als der Film
"Treibende Pflanze" erfolgreich
gedreht wurde, schaut er sich den Film mit
der Nachbarin in dem überfüllten
Kino von Asakusa an und entschläft sanft
in Vaterglück.
In der deutschen Literaturgeschichte
ist eine Gattung "bürgerliches
Trauerspiel" im 18. Jahrhundert bekannt.
Im japanischen bürgerlichen Unterhaltungsfilm
darf es aber kein Trauerspiel geben. Er soll
fast immer eine Tragikomödie sein, da
die Zuschauer im japanischen Kino nicht nur
weinen, sondern auch lachen mochten. Er kann
dabei ruhig etwas moralisierend aussehen,
weil das Publikum innerlich auch irgendwie
erbaut werden möchte. In diesem Sinne
erinnert der Schluß des nostalgischen
Spielfilmes "Die goldenen Tage des Films"
zumindest mich persönlich an den Film
Chaplins "Limelight". Auf jeden
Fall hoffe ich, daß der neuartige Torasan-Film
Ihnen gut gefällt, und wünsche
Ihnen viel Vergnügung.
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