10. Japanischer Filmabend SS 2002 Mi. 17. Juli 2002

Ich begrüße Sie wieder zum Japanischen Filmabend im Gästehaus der Universität sehr herzlich. In Deutschland gibt es zwar keine Regenzeit wie in Japan, aber das Wetter ist vergleichsweise so unbeständig und wechselhaft, daß man eventuell im Juni schwitzen und im Juli frieren muß. Hoffentlich haben wir in den bald beginnenden Sommerferien durchgehend gutes Ausgehwetter. Ich persönlich werde im August nach Peking und im September nach Seoul fliegen, um dann nur kurz einen Abstecher nach Tokyo zu machen. Da die Fußball-Weltmeisterschaft mittlerweile zu Ende ging, dürfte das Feuer der Begeisterung sowohl in Korea als auch in Japan nicht mehr zu spüren sein. Ich freue mich mit meinen Landsleuten, daß die deutsche Nationalmannschaft in Sapporo mit dem ersten Sieg anfing und zuletzt in Yokohama die Vizeweltmeisterschaft errungen hat.
  Was den japanischen Sommer kennzeichnet, ist vielmehr das Schauspiel des Feuerwerks am Ufer eines großen Flusses oder Sees, wo die Zuschauer eine abendliche Kühle suchen. Wie es in der Beschreibung heißt, trifft man im Sommer überall in Japan auf Feuerwerke, die ihre schillernden Figuren in den nächtlichen Himmel malen. Heutzutage sieht man in den japanischen Städten leider immer weniger das leuchtende Sternenzelt. Desto mehr erfreut man sich der künstlichen Farben in wunderschönen Darbietungen, die für Momente die sommerliche Hitze oder Schwüle noch am Abend vergessen machen. Die in Japan weitverbreitete Klimaanlage erweist sich manchmal als gesundheitsschädlich, wenn man zu lange in einem klimatisierten Raum arbeitet. Aber beim Feuerwerk am Abend erholt man sich ohne weiteres von allen Anstrengungen des heißen Tages.
  Über das Feuerwerk, das im Japanischen hanabi, d.h. "Blumen des Feuers" genannt wird, läßt sich geschichtlich vieles sagen. Denn die Kunst des Feuerwerks wurde wie viele andere Dinge mit dem Schießpulver aus China überliefert und hat sich durch Bemühungen japanischer Pyrotechniker seit der frühen Edo-Zeit, also in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu einer eigenen Tradition weiterentwickelt. Der Kulturfilm von heute abend liefert uns einige faszinierende Einblicke in ihre Welt, indem er technische Einzelheiten erklärt, wie und warum sich diese Kunst speziell in Japan entwickeln konnte. Ursprünglich wurde das Feuerwerk 1717 bei der sog. Flußeröffnung im Ryogoku-Viertel der alten Edo verwendet und sollte dazu dienen, mit seinem Geräusch die bösen Geister zu vertreiben. Die Wohnungsviertel an dem Sumida-Fluß wurden aber immer dichter besiedelt, so daß die Flußeröffnung mit dem Feuerwerk im Laufe der Zeit eingestellt werden mußte. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist sie allmählich in die Provinzstädte verlegt worden. Wir können jetzt deshalb überall in Japan bezaubernde Hanabi-Darbietungen genießen, wie sie uns im Anschluß an die technische Erörterung in farbenprächtigen Bildern präsentiert werden.
  Zum japanischen Sommer gehören aber außer der Abendkühle mit dem Feuerwerk auch Geister- oder Gespenstergeschichten. Früher waren sie wirklich Schauergeschichten mit den schauderhaften Motiven, die sich meist im Friedhof oder an den Mordtatsorten abspielten. Zugrunde lag ihnen gemeinsam eine althergebrachte Vorstellung der japanischen Volksreligion, die bekanntlich im Verlauf der Jahrhunderte durch eine Vermengung von Buddhismus und Shintoismus entstanden ist. Es handelte sich dabei um den goryo shinko genannten, volkstümlichen Glauben, daß die Seelen der unglücklich Verstorbenen oder gar durch die fremde Hand Getöteten so lange als böse Geister zwischen Diesseits und Jenseits herumtreiben, bis sie von ihrem Leiden bzw. Gram erlöst werden. Man fürchtete sich freilich vor ihrem Fluch, der den Lebenden viel Unheil bringen könnte.
  Dieser Glaube beruhte wiederum auf einer lange herrschenden Vorstellung der japanischen Volksreligion, daß die Seele das wertvollste Sein des Menschen darstellt und deshalb auch unsterblich ist. Solange die Seele an einem Menschen oder an einem Ding behaftet ist, erweist sich der Mensch oder das Ding als lebendig bzw. wirksam und wird wertgeschätzt. Aber wenn die Seele sich von ihm trennt, wird der Mensch oder das Ding wertlos und stirbt ab. Nach dem von dieser Seelenauffassung abgeleiteten und weiterentwickelten Ahnenglauben sorei shinko verliert der im vollendeten Lebensjahr glücklich gestorbene Mensch nach 50 Jahren von seinen irdischen Überresten losgelöst seine Individualität und geht in den überindividuellen Ahnengeist auf. Auch wenn der Körper zugrunde ging, ist die Seele unsterblich und setzt das Leben in dem danach geborenen Kind fort. Der japanische Volksglaube goryo shinko ist also eine eigentümliche Ahnenverehrung mit der dualistischen Vorstellung einer Seelenwanderung.
  Aber in der Wirklichkeit stirbt der Mensch nicht immer auf glückliche Weise. Es gibt Todesfälle in früher Jugend, durch einen unvorhergesehenen Unfall, im Kriegsdienst oder auch durch den Selbstmord. In solchen Fällen geht der Körper allein unerwartet verloren, während der Mensch eigentlich im Einklang von Seele und Körper sein bestimmtes Lebensjahr erreicht und glücklich stirbt. So wurde die Seele, die plötzlich ihres Körpers verlustig ging, als ohne Halt in der Luft schwebend erachtet. Die schwebende Seele des Gestorbenen sucht dann nach einem seelenlosen Körper, um darein hineinzuschlüpfen oder versucht unter Umständen, aus einem lebenden Menschen dessen Seele zu vertreiben und von seinem Körper Besitz zu ergreifen. So fürchteten sich die Japaner vor den Seelen der unglücklich Verstorbenen und haben diese körperlosen Seelen seit der Heian-Zeit als mononoke oder yurei bezeichnet. Der Name "Prinzessin Mononoke" ist in Deutschland durch einen japanischen Animationsfilm schon lange bekannt, und das Wort yurei ist eben in dem Titel des heutigen Spielfilms Izakaya yurei enthalten. Izakaya bedeutet dabei Kneipe oder Lokal, aber ich bin nicht ganz sicher, ob yurei sich mit den Geistern angemessen übersetzen läßt, zumal es im deutschen Volksfest eine feste Vorstellung von der Geisterbahn gibt. Das Wort "Gespenst" scheint mir besser geeignet zu sein.
  Die meisten Japaner denken allerdings nicht mehr an einen solchen geistesgeschichtlichen Hintergrund, wenn sie von yurei sprechen. Als Gebildete oder Intellektuelle hätten sie auch keinen althergebrachten Volksglauben mehr. Aber merkwürdigerweise finde ich in dem Spielfilm "Die Geisterkneipe" fast die gleiche Vorstellung von der Seelenwanderung, wie sie eben beschrieben worden ist. Man könnte in der veränderten Situation, wo das Problem der ehelichen Treue hinzukommt, von einem Schema sprechen, das darin auf die menschlichen Beziehungen in grotesker Weise angewendet wird. Die Seele der verstorbenen Frau kommt hier nicht zur Ruhe, solange sie sich nicht mit ihrem Gram ausgetobt hat.
  Nach diesem Schema spielt Shizuko, die verstorbene Ehefrau des Kneipenbesitzers Sotaro, die Hauptrolle. Sotaro hatte ihr am Sterbebett versprochen, nie wieder zu heiraten. Es geht dabei um ein Versprechen auf Treu und Glaube. Wenn Sotaro seine Versprechung trotzdem nicht halten sollte, wäre es im juristischen Sinne wohl kein Ehebruch, aber für Shizuko doch ein unverzeihlicher Wortbruch. Da er bald in eine arrangierte Heirat mit der jungen Satoko einwilligt, gilt Shizuko jedenfalls als unglücklich gestorben und ist zu betrachten als eine schwebende Seele, die gern in einen fremden Körper hineinschlüpfen möchte, um den Einklang von Seele und Körper wiederherzustellen. Bei ihr bekommt jedoch das Motiv der Rache eine noch größere Bedeutung. Shizuko kehrt als Geist zurück, um ihr Unwesen mit dem neuvermählten Paar zu treiben.
  Der buddhistische Priester, bei dem Sotaro Rat sucht, weiß aber nicht mehr, worum es eigentlich geht. Nachdem er über Shizukos Grab berufsmäßig Sutren gelesen hat, leiht er Sotaro ein Gemälde, das als Tor zum Reich der Toten dient und als Falle für Shizuko verwendet werden soll. Es gelingt aber Sotaro und seiner zweiten Frau Satoko nicht, Shizuko mit der Bildrolle zum Reich der Toten wegzuschaffen. Daß Shizuko aus Rache die Gestalt Satokos annimmt, deutet den motivischen Zusammenhang mit dem althergebrachten Volksglauben an, auch wenn sie nun als Gespenst, d.h. als lockendes Trugbild erscheint. Nachher wird denn auch ausdrücklich davon die Rede, daß Shizuko erneut in Satokos Körper schlüpft, um dieser trotz allem zu helfen. Im Grunde liebt sie Sotaro immer noch und hilft ihm sowie seiner neuen Ehefrau mit einer gewünschten Information. Dadurch verliert sie aber die Möglichkeit, unter den Lebenden zu verweilen. Nachdem sie noch einmal in Satokos Körper zurückgekehrt ist, um sich von ihr und Sotaro zu verabschieden, läßt sie die beiden von nun an in Frieden ihr neues Leben genießen. Das ist ein modernes Happy end in einem Spielfilm, der sich nur äußerlich einer alten Gespenstergeschichte bedient. "Die Geisterkneipe" war in der Tat eine der besten Komödien des Jahres 1994. Gemäß dem Stil der Produktionsgesellschaft Shochiku ist der Film, ohne zur Farce zu verkommen, eine Mischung aus einer Komödie und einem leicht nostalgischen Sinn für Gemeinschaft, trotz des durch die Geschichte über Tod und Trennung hervorgerufenen düsteren Untertons.
  Zum Schluß wünsche ich Ihnen an diesem Filmabend viel Vergnügen.