9. Japanischer Filmabend SS 2002 Do. 20.
Juni 2002
Ich freue mich, Sie wieder zum Japanischen
Filmabend im Gästehaus der Universität
willkommen heißen zu können. Am
9. Juni hat eine schöne Veranstaltung
im Wolfgang-Saal der Regensburger Domspatzen
stattgefunden. Es handelte sich dabei um
Chormusik - Lyrik - Instrumentalmusik für
klein und groß mit dem Thema "Frühling
in Japan und in Deutschland". Im Mittelpunkt
stand zwar die Kirschblüte in Japan,
aber als Herumgereister in der Welt habe
ich auch auf die rosarote Pfirsichblüte
in China und auf die weiße Birnblüte
in Korea hingewiesen. Die gelben Forsythien
habe ich überall in Ost und West bewundert.
Im Frühling kommen freilich
wieder viele Insekten, besonders Schmetterlinge,
und jedes japanische Kind singt gern nicht
nur das bekannte Lied "Sakura",
sondern auch ein Lied mit dem Titel "Chocho".
Bei der vergangenen Sonntagsveranstaltung
lautete der Text in deutscher Übersetzung:
"Schmetterling, Schmetterling, ruh'
Dich auf der Rapsblüte aus./Wenn Du
sie leid bist, bleib auf der Kirschblüte./Bei
den Kirschblüten, von einer Blüte
zur andern./Verweil und spiel, spiel und
verweil." Das Lied ist anscheinend so
japanisch empfunden, daß die meisten
Japaner gar nicht an seine Herkunft aus Deutschland
denken. Denn seine Melodie ist schon in der
frühen Meiji-Zeit für den Schulgebrauch
dem deutschen Volkslied entnommen: "Hänschen
klein ging allein/in die weite Welt hinein,/Stock
und Hut steht ihm gut,/ist auch wohlgemut."
Es ist aber reiner Zufall, daß
diesmal ein Kulturfilm über einen besonderen
Schmetterling koreanischer Herkunft vorgesehen
war. Offen gestanden habe ich in Korea noch
nie von dem roten Feuerfalter gehört,
oder in Japan in einem Museum einen solchen
Schmetterling gesehen. Erst jetzt erfahre
ich, daß es einen Schmetterling mit
dem schönen Namen "Coreana raphaelis"
gibt. Wenn ich das nächste Mal nach
Wien komme, werde ich versuchen, in dem Naturhistorischen
Museum diesen Falter unter den umfangreichen
Kollektionen herauszufinden. Vor mehr als
zehn Jahren fand in Seoul das erste koreanisch-japanische
Germanistentreffen statt. Als einer der Organisatoren
habe ich aktiv daran mitgewirkt und habe
seitdem viele gute Freunde in Korea, mit
denen ich mich allerdings auf deutsch unterhalte.
Dabei fiel mir auf, daß ein japanischer
Germanist wohl an der Tagung teilgenommen
hat, aber in dem Symposium selbst kaum zu
sehen war. Nun begreife ich, daß der
als Schmetterlingsammler bekannte Kollege
wahrscheinlich auf der Suche nach seltenen
koreanischen Schmetterlingen woanders auf
dem Feld gewesen ist. Wie viele Liebhaber
der deutschen Literatur in Japan hatte er
in seiner Schulzeit Hermann Hesses autobiographische
Erzählung "Jugendgedenken"
in japanischer Übersetzung gelesen und
wurde wie der Schüler Emil darin zum
Sammeleifer angeregt.
In dem Kulturfilm geht es hauptsächlich
darum, die verschiedenen Lebensstadien des
roten Feuerfalters vom Schlüpfen der
Raupen im April bis zum Absterben der Schmetterlinge
nach der Eiablage im Juli zu zeigen. Dann
erwacht mein Interesse als Goetheforscher.
War doch dieser größte Dichter
Deutschlands gleichzeitig ein aufmerksamer
Naturforscher und beobachtete neben der Metamorphose
der Pflanzen auch die Metamorphoese der Insekten
genau. Diese Tatsache wird insofern noch
bedeutsamer, als er auf seiner Italienreise
im Septmber 1786 eine Zwischenstation in
Regensburg deshalb gemacht zu haben scheint,
weil er hier einen bedeutenden Zoologe besuchen
wollte. Es war kein anderer als der Superintendent
Jakob Christian Schäffer, dessen berühmtes
Naturalienkabinett in seiner Wohnung ganz
in der Nähe des Neupfarrplatzes zu besichtigen
war. Die kleine Episode ist allerdings nicht
so bekannt wie die Reiseroute, die Goethe
via Schwandorf und Regenstauf über die
Steinerne Brücke in die Altstadt Regensburgs
führte.
Goethe konnte damals aus Weimar
über Karlsbad schließlich bis
nach Palermo auf der Insel Sizilien fahren.
Der Schmetterling Coreana raphaelis, der
erstmals im Flußtal des Amur-Flusses
und auf der koreanischen Halbinsel entdeckt
wurde, wird jetzt in einem Schutzgebiet im
Norden der japanischen Hauptinsel Honshu
sorgfältig gehütet und läßt,
wie es im Titel heißt, "kleiner
Flügel Klang" immer noch wahrnehmen.
Das japanische Dorf, in dem sich der koreanische
rote Feuerfalter seit der Edo-Zeit tummelt,
ist sicherlich genauso von symbolischer Bedeutung
für die engen historischen Beziehungen
der beiden Länder wie die freundschaftlich
verlaufenden Fußballspiele der Weltmeisterschaft.
Wie weit der Falter in Korea oder auf dem
Grenzgebiet zwischen China und der ehemaligen
UdSSR verbreitet ist, entzieht sich leider
meiner Kenntnis. Wenn ich ein Schmetterling
wäre, flöge ich natürlich
sofort über die Staatsgrenzen hinweg
in das Wunderland der Natur.
Mit dem Spielfilm von heute abend
"So blau ist der Himmel nicht"
kommt man in die Großstadt Tokyo zu
Beginn der 90er Jahre zurück. In Japan
war der Regisseur Emoto Akira zunächst
als Charakter-Darsteller auf Bühne und
Leinwand berühmt, bevor er mit der Verfilmung
dieses surrealen Comic-Strips über das
Leben eines Geschäftsmannes sein Regie-Debüt
gab. Der Vorschlag, den Comic von Tamura
Kazuyoshi zu verfilmen, soll vom verstorbenen
Somai Shinji, einem der bedeutendsten japanischen
Regisseure der 80er Jahre stammen. Emoto
bemüht sich zwar, mit trockenen, lakonischen
Seiten-Hieben zu einem eigenen Stil zu finden,
aber die Zuschauer werden bemerken, daß
sein Stil in diesem Film insgesamt noch ein
wenig ungehobelt wirkt. Das Ende, in dem
der Held Kentaro auf einem Kinderrädchen
davonfährt, könnte man als eine
Spiegelung der heimlichen Sehnsucht so manches
arg belasteten japanischen Geschäftsmannes
nach einer Rückkehr in die Kindheit
verstehen, um die Deutung einer modernen
menschlichen Komödie im lebensmüden
Japan vorwegzunehmen.
In der Tat wohnt er gemeinsam
mit seiner Frau Sawako, seiner Mutter Fumi
und Sohn Shoichi in einem alten Haus, von
dem aus er täglich zur Arbeit pendelt.
Es ist das Leben eines sogenannten Salarymans
in der ganz normalen japanischen Familie.
Doch sobald die Hausfrau aus Lebensüberdruß
etwas unternimmt, gerät seine scheinbar
sichere Welt aus den Fugen. Gerade in den
80er Jahren haben die Bankangestellten kleine
Grundstückbesitzer in Tokyo verführt,
ihre alten Häuser abzureißen und
moderne Bürogebäude oder Appartement-Häuser
zu errichten. Da die Hypothekenbanken dabei
nicht immer erfolgreich waren, hat sich ihr
manchmal unlauteres Immobiliengeschäft
als verhängnisvoll für die japanische
Wirtschaft ausgewirkt. Sie leidet heute noch
mehr oder weniger darunter, was in dem Film
durch die vier Familienmitglieder gesondert
karikiert wird:
Erstens ist Sawako eine typisch
kleinbürgerliche Hausfrau, die zunächst
mit der Entrümpelung des Schuppens im
Hinterhof beginnen muß, der mit lauter
altem Zeug ihrer Schwiegermutter vollgestopft
ist. Ihr Lebenstraum besteht darin, eine
Neureiche zu werden.
Zweitens ist Sohn Shoichi Mitglied
des Baseball-Teams in der Schule und stellt
somit einen Durchschnittsschüler dar,
der nicht gerade fleißig aufs Lernen
eingestellt ist. So entwickelt er die Gewohnheit,
gemeinsam mit seinem übergewichtigen
Freund mit Leib und Seele über Mauern
und Dächer zu balancieren.
Drittens wird Mutter Fumi allmählich
senil und verliert immer häufiger die
Erinnerung daran, wer und wo sie ist. Alzheimer
Krankheit ist jedoch in Japan nicht so sehr
als eine gerontologische Krankheit, sondern
vielmehr als die soziale Krankheit anzusehen,
da die Erwachsenen sich nach Möglichkeit
wieder wie Kinder verhalten möchten.
Zuletzt gilt also viertens Kentaro
als so einer. In seiner Firma wird er in
eine Liebesaffäre verwickelt, so daß
er täglich später nach Hause kommt
und sich von seinen Familienangehörigen
entfremdet. Es scheint, daß seine vom
Bauplan besessene Frau sich gar nicht mehr
um ihn kümmert. Seine alte Mutter kommt
schließlich ins Krankenhaus, und sein
Sohn läuft infolge eines Unfalls mit
übergossenem Lack wie eine bandagierte
Mumie herum. Er ist im eigenen Haus praktisch
ein Fremder.
In dieser Situation muß
Kentaro unversehens erkennen, wie sinnentleert
sein Leben ist. Mit der Erkenntnis tritt
auch eine Einsicht in ihm ein. Am Ende seiner
unsinnigen Liebesaffäre, die sein Familienleben
ruiniert hat, stößt er auf dem
Dach seines Bürogebäudes auf einen
entflogenen Ballon von "Eisen-Mann Nr.
28", einer bekannten Comic-Figur. Diese
Begegnung löst einen Wandel in ihm aus,
aber in dem Augenblick, als die Familie bereit
ist, aus dem alten Haus auszuziehen, setzt
ein merkwürdiges Erdbeben ein, das sein
Haus allein trifft. Er wundert sich, wie
blau der Himmel plötzlich geworden ist.
Der Bedeutungsgehalt des Wortes "blau"
ist auch im Japanischen vieldeutig wie man
im Deutschen sagen kann: "Die Donau
sieht blau aus, wenn man selber blau ist."
Die Jugend heißt beispielsweise auf
japanisch "seishun" und wird mit
den chinesischen Schriftzeichen als blauer
Frühling ausgedrückt. Eine weitere
Deutung, warum der Himmel in dem heutigen
Film nicht so blau ist, möchte ich Ihnen
gern überlassen.
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