8. Japanischer Filmabend SS 2002 Do.16. Mai.
2002
Ich begrüße Sie recht herzlich
zum achten Japanischen Filmabend, der während
meiner Lehrtätigkeit hier in Regensburg
veranstaltet wird. Der Filmabend findet im
Sommersemester wieder im Vortragsraum des
Gästehauses der Universität statt.
Ich fürchte zwar, daß einige von
Ihnen Schwierigkeiten mit dem Parkplatz gehabt
haben, aber ich hoffe, daß Sie nach
der Filmvorführung noch einen schönen
Abend in der vertrauten Altstadt genießen
werden. Da ich sonst nur an der Donau entlang
mit dem Bus zur Uni vorbeifahre, freue ich
mich selbst, wieder einmal in der Unteren
Bachgasse zu sein.
In letzter Zeit habe ich als
Japaner wegen des schrecklichen Ereignisses
in Erfurt schlechtes Gewissen gehabt. Denn
wenn von den sehr negativen Wirkungen der
brutalen Fernsehfilme oder Computerspiele
auf die Jugend die Rede ist, sind doch die
Japaner zu einem guten Teil daran schuld,
weil sie in den letzten Jahrzehnten solche
Erzeugnisse skrupellos in der ganzen Welt
verbreitet haben. Auf Kosten der Jugendlichen,
die ahnungslos mit den virtuellen Gewalttaten
in den japanischen Videos spielen, haben
sie ja Geld verdient und verdienen heute
noch. Freund-licherweise kritisieren die
besorgten deutschen Politiker nicht explizit
die japanischen Computerspiele. Um so mehr
müßte ich öffentlich darauf
hinweisen und die japanischen Produzenten
dazu veranlassen, von ihren jugendverderberischen
Gewalt-Videos Abstand zu nehmen.
Auf der anderen Seite gibt es
selbstverständlich auch in Japan gute
Spiel- oder Fernsehfilme, die nicht gerade
zur ausgesprochenen Unterhaltung, wohl aber
zu unterhaltsam-pädagogischen Zwecken
hergestellt werden. So sind beispielsweise
im Jahre 1997 15 Spiel- bzw. Kurzfilme von
der Kulturbehörde des japanischen Kultusministeriums
mit einem Förderpreis ausgezeichnet
worden. Der Spielfilm von heute abend "Laß
dein Lächeln hier" war eben einer
von diesen als besonders gut empfohlenen
Filmen japanischer Produktion. Es ist eigentlich
reiner Zufall, daß der Spielfilm, der
schon einmal im Februar 2000 im Hörsaal
der Universität vorgeführt wurde,
heute noch einmal gezeigt wird. Da die neuen
synchronisierten Filme in deutscher Fassung
mir erst im Wintersemester von dem Japanischen
Kulturinstitut Köln zur Verfügung
gestellt werden, hatte ich aus der alten
Liste eine Auswahl zu treffen, wobei ich
mich für den anziehenden Titel des Filmes
interessiert habe und ihn gerne mit Ihnen
zusammen anschauen wollte. Nun stellt sich
zu meiner Freude heraus, daß es sich
dabei um einen Jugendfilm handelt, der ein
an sich schwieriges Familienproblem vor dem
Hintergrund der schönen Naturlandschaft
zu einer menschlich aussichtsreichen und
verheißungsvollen Lösung führt.
Der japanische Originaltitel
des Filmes heißt, wörtlich übersetzt,
"Das Lächeln umarmend", und
dieses Lächeln beginnt mit einem krebskranken
Familienvater und wird nach seinem Tod von
seinem Sohn sowie seiner früheren Schülerin
auf das Leben der Überbliebenen weitergetragen.
Dieser Film mit dem englischen Titel "Cherish
his smile", der einige Zeit in kleinen
Kinos gezeigt wurde, ist also eher ein Erziehungsfilm
für Kinder als eine Unterhaltung für
die Erwachsenen. Er beruht gewiß auf
einer Erzählung der kanadischen Schriftstellerin
Jean Little, ist aber durch den Koproduzenten
Iwanami Productions, eine angesehene Produktions-gesellschaft
im Bereich Erziehungs- und Dokumentarfilme,
auch für die japanische Jugend ansprechend,
d.h. allgemein menschlich geworden. Im Unterschied
zum virtuellen Animationsfilm treten darin
reale Kinder auf und setzen sich mit jugendlichem
Elan mit den Problemen von Leben und Tod
oder Pubertät und Mobbing auseinander,
was schließlich auch die Eltern angeht.
Im Mittelpunkt der Handlung steht
ein Idealbild des Lehrers, und sein Lächeln
ist das Symbol für die Hilfsbereitschaft.
Als Beispiel dafür betreut der Lehrer
Jun eine elternlose Schülerin Shiho
mit menschlicher Wärme. Er ist gleichzeitig
ein vertrauenerweckender guter Familien-vater,
dem sein Sohn Shota in die Arme laufen konnte,
um sich trösten zu lassen. Als es fast
feststeht, daß er an Krebs sterben
muß, erhält er eines Tages den
unerwarteten Besuch von Shiho. Sie hat in
der Hoffnung, ihrerseits ihm helfen zu können,
so wie er ihr in der Ver-gangenheit geholfen
hatte, einen dreistündigen Fußweg
auf sich genommen, um ihn zu besuchen. Sie
fragt ihren kranken Lehrer: "Sie haben
mir gesagt, ich solle ein SOS senden, wenn
ich in Schwierigkeiten bin. Haben Sie mir
jetzt eins gesandt?" Jun schüttelt
den Kopf und antwortet: "Ich wollte
gerade eins abschicken. Dann kamen Sie und
nun ist alles gut." Durch ihren Besuch
aufgemuntert, beschließt der noch immer
schwache Jun, Shota und dessen jüngere
Schwester Sayaka am nächsten Tag zum
Fischen mitzunehmen. An seinem geheimen Angelplatz
bittet er Shota, ein Freund von Shiho zu
sein. Die gleichsam testamentarische Bitte
des Vaters kommt freilich Shota seltsam vor,
und er lehnt ab.
Wie der Lehrer wegen Krebskrankheit
in die Lage versetzt wird, seiner früheren
Schülerin ein SOS zu senden, so gerät
auch seine Frau Hiroko in die Situation,
nicht nur an seiner Stelle von dem Großvater
Shihos unterstützt zu werden, sondern
auch an ihren eigenen Sohn ein SOS zu schicken.
Er fordert sie denn auch auf, in seine Arme
zu laufen, so wie es sein Vater früher
immer mit ihm gemacht hatte. In diesem Augenblick
muß in seinem Innern das pädagogische
Verantwortungsbewußtsein erwacht sein,
selbst einen Lehrerberuf ergreifen zu müssen.
In der Tat kehrt Shota 17 Jahre später
als Lehrer in seine Heimatstadt zurück.
Der Anlaß dazu war Sayakas Hochzeit,
und er schenkt ihr den Eisvogel, den ihr
Vater kurz vor seinem Tod geschnitzt hatte.
Was aus Shotas Mitgefühl für seine
Klassenkameradin Shiho geworden ist, bleibt
offen. Wie in Hermann Hesses Erzählung
"Schön ist die Jugend" soll
seine jugendliche Zuneigung für den
Schützling seines verstorbenen Vaters
unausgesprochen bleiben. Wenn aber Shiho
einmal seine Hilfe braucht, wird er sie zumindest
lächelnd auffordern, in seinen Armen
einen Trost zu suchen.
Bei dem vorangehenden Kulturfilm
geht es übrigens um eine wörtlich
köstliche Kultur-geschichte aus der
Perspektive "Süßes aus Japan".
Wie Sie wohl alle wissen, wird das japanische
Essen im allgemeinen ästhetisch schön
zubereitet. Auf einem Germanistik-Symposium
in Kyushuu sagte mir einmal eine korealische
Kollegin: "Die Japaner essen mit den
Augen." Damit wollte sie ironisch andeuten,
daß das hübsch aussehende Mittagsessen
sogar für eine Dame zu wenig war. Ein
anderer koreanischer Kollege bewunderte immer
wieder, wie schön bemalt und mannigfaltig
gestaltet japanisches Tischgeschirr ist,
auch wenn die Kunst der Keramik historisch
aus Korea nach Japan überliefert worden
ist. So ist es auch mit Japans Süßigkeiten.
In alten Zeiten bestanden sie ausschließlich
aus Trockenobst verschiedenster Sorten, wie
die Schriftzeichen kashi etymologisch den Fruchtkern bedeuten. Spricht
man heute etwas altertümlich von mizugashi, so sind damit saftige Früchte gemeint.
Wie die literarische Kultur überhaupt,
also Schrift, Konfuzianimus oder Buddhismus
wurden Süßigkeiten im eigentlichen
Sinne zuerst aus dem Festland, d.h. aus China
zum Japan der Heian-Zeit überbracht.
Im Menü des Kaiserhofes waren schon
acht verschiedene Süßigkeiten
als Nachspeise angeführt. Sie sollen
allerdings eher salzig als süß
gewesen sein, weil Zucker damals noch nicht
bekannt war. Im Laufe der Zeit wurden sie
ebenfalls unter dem Volk verbreitet, indem
sie entweder aus Reispulver oder gekochtem
Reis mit Kräutern hergestellt wurden.
Die eigentümliche Sitte in Japan, Reiskuchen
mochi zwischen zwei Laubblättern gefaltet
zu genießen, hat sich auch frühzeitig
eingebürgert. In der Kamakura-Zeit wurden
verschiedene Sorten von gekneteten Süßigkeiten
aus Bohnenpulver wie yokan entwickelt. Zucker wurde erst in der Muromachi-Zeit,
also im 15. Jahrhundert eingeführt.
Es war in der Edo-Zeit, daß die heute
in ganz Japan, besonders an den Badeorten
mit Heißquelle beliebte Dampfnudel
manju erfunden wurde. Die ersten europäischen
Süßigkeiten haben die spanischen
und portugieschen Missionare in der zweiten
Hälfte des 16. Jahrhunderts mitgebracht.
Da aber die Einzelheiten der
Kulturgeschichte von japanischen Süßigkeiten
in dem Ein-ladungsblatt zum Filmabend beschrieben
sind, möchte ich Ihnen zum Schluß
eine kleine Episode aus den missionarischen
Bemühungen, das Vaterunser ins Japanische
zu übersetzen, erzählen. Als das
Gebet des Herrn zuerst aus dem Latein ins
Japanische übersetzt werden sollte,
kannte man in Japan noch nicht das Brot.
Die Missionare haben es deshalb mit mochi wiedergegeben, damit die Japaner sich unter
dem Wort etwas vorstellen und seine religiöse
Bedeutung begreifen konnten. Dementsprechend
versuchten sie die symbolische Bedeutung
des Weins im Abendmahl mit sake verständlich zu machen. Dagegen bereitet
nicht das Paternoster, sondern der Paternoster den japanischen Studenten gewisse
Sprachschwierigkeiten. Diese Sonderform des
Aufzugs, bei der mehrere Fahrkörbe an
zwei endlosen Ketten hängend stetig
umlaufen, ist heutzutage wohl nur noch in
der Mensa der Universität Wien zu sehen.
Ich hoffe also auf jeden Fall,
daß die beiden Filme von heute abend
Ihnen gut gefallen.
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