7. Japanischer Filmabend WS 01/02 Fr. 1. Feb. 2002

Ich begrüße Sie ganz herzlich zum letzten Japanischen Filmabend im Wintersemester. Dank Ihrer Unterstützung kann ich bald mein zweites Semester als Lektor für Japanisch absolvieren. Es gereicht mir zur Genugtuung, festzustellen, daß das Interesse an japanischer Sprache und Kultur unter den deutschen Studenten wächst, während der Eifer, Deutsch zu lernen, in Japan bedauerlicherweise nachläßt. Ich habe nun die Zuversicht, meine Lehrtätigkeit hier in Regensburg mit Freude fortsetzen zu können. Inzwischen habe ich auch diese Stadt wirklich liebgewonnen und fühle mich in meiner jetzigen Wohnung wie zu Hause, obwohl ich bereits vor vier Jahren ein Semester lang im Gästehaus der Universität gewohnt habe.
  Wie ich Ihnen einmal gesagt habe, wollte ich an den Japanischen Filmabenden eine Reihe Kulturfilme über die japanische Geschichte systematisch vorführen. So habe ich Ihnen in den letzten Monaten Kulturfilme wie "Rollbild der Zeiten. Die Geschichte Japans in Bildern", "Chinesische Schriftzeichen und Buddhismus in Japan" sowie "Das Bunraku-Puppentheater" gezeigt. Das Bunraku-Theater war als ein Beispiel für die bürgerliche Kultur in der Neuzeit Japans gedacht, und zwar sowohl in moralisch-sittlicher als auch in bühnentechnischer Hinsicht. Damals schrieb neben Chikamatsu Monzaemon der bekannte Schriftsteller Ihara Saikaku scharfsinnige literarische Werke mit bürgerlichen Themen, die sich jedoch nicht so leicht veranschaulichen lassen wie ein Puppenspiel.
  Der Kulturfilm von heute abend "Vom 'Karakuri' zur Technologie der Moderne" schließt sich gewissermaßen dem letzteren technischen Gesichtspunkt an. Aber während das Bunraku-Theater wie auch das Noh-Spiel oder das Kabuki-Theater traditionsgebunden ist, richtet der heutige Kulturfilm sein Augenmerk mehr auf den bedeutenden Umwälzungsprozeß im Japan des 19. Jahrhunderts. Am Beispiel des Erfinders Giemon zeigt dieser Film, auf welche Weise man damals in Japan moderne Techniken aus dem Westen übernommen und adaptiert hat. In Japan ist allerdings Hiraga Gennai mit seinen originellen elektrischen Geräten bekannter als der Handwerkerssohn Giemon, der Karakuri-Vorrichtungen für die frühesten Roboter erfand.
  In der Edo-Zeit, also von Mitte des 17. Jahrhunderts bis 1867, war Japan dem Westen gegenüber weitgehend abgeschlossen. Während dieser 'Sakoku' genannten Landesabschließung diente aber den intellektuellen Japanern des Samurai-Standes die einzig zugelassene Fremdsprache Niederländisch dazu, europäische Naturwissenschaften, vor allem die Medizin zu studieren. Dabei haben die zwei deutschen Ärzte im niederländischen Dienste, Engelbert Kaempfer aus Lemgo und Philipp Franz von Siebold aus Würzburg, für die sogenannte Holländische Wissenschaft rangaku eine herausragende Rolle gespielt. Es ist mir schon lange bekannt, daß Siebold seinen ersten Bericht über die japanische Flora um das Jahr 1824 herum in einer Regensburger botanischen Zeitung veröffentlicht hat. Aus Zeitmangel bin ich leider noch nicht dazu gekommen, diesen Zeitungsartikel im Original herauszufinden.
  Im Hintergrund des rangaku spielte sich nicht nur ein naturwissenschaftlich-technischer Umwälzungsprozeß in Japan ab, sondern auch eine entscheidende Zeitenwende in der japanischen Geschichte überhaupt, da drei Faktoren unumgänglich zusammentrafen. Erstens waren es die Kolonialbestrebungen der westlichen Mächte, die sich gegen Mitte des 19. Jahrhunderts auf den ostasiatischen Raum konzentrierten. Das Tokugawa-Shogunat wußte über die verhängnisvollen Folgen des Opiumskrieges auf China genau Bescheid. Zweitens wirkte sich die immer tiefere Einsicht in die europäische Naturwissenschaft auch gesellschaftlich aus. Eine Sozialkritik an dem bestehenden Feudalismus war unvermeidlich. Drittens mußte die lange Landesabschließung, die im Inneren eine soziale Umschichtung im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung herbeiführte und die politische Vormachtstellung des Samurai-Standes unterminierte, von außen unter dem Druck des amerikanischen Geschwaders von Kommandant Perry aufgegeben werden. Mit den 'schwarzen Schiffen' für kurofune sind übrigens eiserne Dampfschiffe gemeint, die die Japaner bis dahin kaum gesehen hatten. Für dieses bedeutsame Thema müßte ich einmal im Rahmen der gegenwartsbezogenen Ostasienwissenschaft ein Hauptseminar abhalten.
  Nun sehen Sie heute endlich wieder einmal einen typisch japanischen Spielfilm. Denn bei dem Film "Nodo jiman" handelt es sich um einen ausgesprochenen Unterhaltungsfilm, der das Alltagsleben der Japaner bzw. ganz banale Themen aus dem japanischen Alltag darstellt. Es kommen darin keine Yakuzas vor, also folglich keine Pistolen, keine brutalen Gewalttaten, keine dubiosen Liebesszenen oder ansonsten keine bombastischen Szenen, die die japanischen Spielfilme anscheinend weltweit interessant machen. Diese werden ja im allgemeinen bewußt für das internationale Publikum hergestellt, um seinem Erwartungshorizont mit allen Mitteln zu entsprechen. Einige von Ihnen, die vor etwa zehn Jahren die ersten Japanischen Filmabende hier erlebt haben, werden sich vielleicht an die Spielfilm-Serie mit dem bekannten Helden "Torasan" erinnert fühlen. Ich kenne einige koreanische Kollegen aus der älteren Generation, die deshalb gern den Japanischen Filmabend in Seoul besucht haben, weil die Torasan-Serie oft vorgeführt wurde. Darin konnten sie mit gewisser Nostalgie noch erkennen, was die Japaner erfreut oder betrübt, was für Leid oder Freuden sie im Alltagsleben haben.
  Diese normalen oder gewöhnlichen Lebensgefühle der Durchschnittsjapaner werden treffsicher anhand des beliebten Fernsehprogramms "Nodo jiman" vom halbstaatlichen Sendeunternehmen NHK erfaßt und zur Darstellung gebracht. "Nodo jiman" ist ein populärer Amateursänger-Wettbewerb im Fernsehen, der jeden Sonntag unmittelbar nach den Mittagsnachrichten ausgestrahlt wird. Der Wettbewerb der Schlager-Liebhaber begann bald nach dem Krieg zunächst als Radioprogramm und wird mittlerweile seit 55 Jahren gesendet. "Nodo jiman" soll somit das am längsten laufende Programm der Welt sein. Es ist in der Tat so beliebt, daß es sogar ein paarmal in Brasilien veranstaltet worden ist. Nodo jiman bedeutet wörtlich "Stolz auf seine Kehle", und jeder Teilnehmer glaubt ein Sänger von Gottes Gnaden zu sein wie die deutschen Meistersinger im 16. Jahrhundert. An dem Wettbewerb nehmen freilich landesweit Mann und Frau, Jung und Alt mit dem Motto "Mit Spaß, Freude und Elan" teil. Man sieht daran, daß er fast notwendigerweise Karaoke als Übungseinrichtung ins Leben gerufen hat.
  Das Programm hat während der Dauer seiner Ausstrahlung schon viel Pathos, einige Tragödien und vor allem Komödien erzeugt. Viele professionelle Sänger und Sangerinnen hatten hier ihr Debüt. Einige der Wettbewerbsteilnehmer lernten sich bei der Show kennen und heirateten später. Ein tapferer Kandidat ergriff sogar die Gelegenheit, seiner Liebsten während der Sendung einen Heiratsantrag zu machen. Es kommt recht oft vor, daß die Teilnehmer nach dem Singen, egal ob mit oder ohne Erfolg, Grüße an die Eltern in der Heimat richten. "Nodo jiman" gilt eben als eine Art Volksfest, in dem jeder sich auf seine Weise nicht nur mit dem Singen, sondern auch mit originellen Kostümen und Gesten belustigt, genau wie Faust in seinem Osterspaziergang gesagt hat: "Hier ist des Volkes wahrer Himmel." Um das japanische Volk kennenzulernen, würde ich Ihnen auch empfehlen, bei einer Reise nach Tokyo unbedingt das Kaminarimon-Tor-Viertel in Asakusa zu besuchen und dann das Fernsehprogramm des NHK "Nodo jiman" einmal zu hören oder vielmehr anzuschauen. Das ist eine lebendige Landeskunde.
  Wie die Teilnehmer an dem Fernsehprogramm des NHK treten in dem Spielfilm "Nodo jiman" einige Figuren mit echt japanischen Charakterzügen auf, die miteinander nichts zu tun haben. Die Schlagersängerin Akagi Reiko, der Arbeitslose Araki Keisuke, die Oberschülerin Takahashi Rika, der alte Pilzezüchter Kotaro und dazu noch ein Taxifahrer oder ein Bauarbeiter, sie alle leben in einer gleichen Stadt, haben aber sonst nichts Gemeinsames. Ihr individuelles Leben entfaltet sich unabhängig voneinander, bis sie zufällig im Amateursänger-Wettbewerb zusammenkommen. Sie führen auf ihre Weise je ein gewöhnliches Dasein in der bürgerlichen Gesellschaft und stellen verschiedene Typen der Durchschnittsjapaner dar. Es gibt dabei viel Lachen und Tränen, und dazu ist der allzu japanische Lebensraum des Nodo jiman sicherlich sehr gut geeignet. Der Film repräsentiert das moderne Japan, gerade weil keine nennenswerten Menschen im guten oder schlechten Sinne darin auftreten. Die Japaner selbst amüsieren sich daran wohl nicht eigens im Kino, aber im Fernsehen zuhause, wie die Italiener in der Commedia dell'Arte die Widerspiegelung ihres eigenen Lebens genießen.
  Zum Schluß möchte ich noch ein Anliegen von mir erwähnen, Ihnen an einem Japanischen Filmabend einmal einen Film über Fukuzawa Yukichi, den Gründer der bekannten Keio-Universität in Tokyo, zu zeigen. Ich habe diesen Farbfilm schon vor einigen Jahren in einem Berliner Symposium "Das Mittelalter in der Gegenwart" vorgeführt, um die Übergangszeit von der Edo-Zeit zur Meiji-Restauration zu demonstrieren. Es ist weder ein Kulturfilm noch ein Spielfilm, sondern eine Verfilmung der Autobiographie von Fukuzawa Yukichi. Leider ist sie für einen Kulturfilm zu lang und nicht unterhaltsam genug für einen Spielfilm. Für heute abend wünsche ich Ihnen vor allen Dingen viel Vergnügen.