6. Japanischer Filmabend im Wintersemester 01/02 Do.10.Jan.2002

Wie immer begrüße ich Sie alle herzlich zum Japanischen Filmabend. Ich bedanke mich vor allem für Ihre freundliche Zusammenarbeit im vergangenen Jahr und möchte Ihnen zunächst ein glückliches neues Jahr wünschen. Nach dem traditionellen Tierkreis in Ostasien hat man 2002 das Jahr des Pferdes. Es freut mich deshalb, daß Regensburg nicht nur durch seine gut erhaltene mittelalterliche Altstadt, sondern auch durch seine ausgezeichnete Reitschule bekannt ist. So steige ich denn auch täglich an der Bushaltestelle "Rennplatz Nord" ein und aus.
  Im Nachhinein fällt mir ein, daß wir im Schlangenjahr 2001 zufällig den Spielfilm "Happy-Go-Lucky" gesehen haben, in dem das Motiv der sog. Schlangenfrau für das nunmehr als "weaker sex" geltende männliche Wesen eine bedeutsame Rolle spielte. Ich müßte dann in diesem Jahr irgendeinen japanischen Spielfilm ausfindig machen, in dem das edle Tier Pferd als solches oder symbolisch für die Würde des Menschen auftritt. Das Wort "Mensch" kommt ja etymologisch vom Mann her. Im Deutschen gibt es Redewendungen wie "das beste Pferd im Stall", "sich aufs hohe Pferd setzen" oder "vom Pferd auf den Esel kommen", die alle, ob gut oder schlecht, die männliche Qualität zum Ausdruck bringen. Ähnlich gibt es eine Reihe chinesische sprichwörtliche Redensarten. Aber das japanische Wort baka für "dumm", das mit den chinesischen Schriftzeichen für Pferd und Reh geschrieben wird, ist bloß eine lautgetreue Umschreibung des Sanskrits "baka". Es fällt somit auf den letzten sechsten Typus des sog. Rikusho in der chinesischen Wortbildungslehre.
  Der Kulturfilm von heute abend handelt von dem traditionell japanischen Bunraku-Puppentheater. Die Bühnenkunst des Bunraku-Theaters ist auf dem Programmblatt so ausführlich beschrieben, daß ich eigentlich wenig zu erklären brauche. Außerdem stehen Ihnen Restexemplare der Zeitschrift "Japan Magazin" mit dem Schwerpunkt Bunraku zur Verfügung, die ich von dem Dieter Born Verlag geschenkt bekommen habe. Einige von Ihnen werden sich auch an die Konzertveranstaltung mit traditionell japanischer Musik erinnern, die HANATEMARI TRIO am 20. Juni 2001 in der Minoritenkirche, Regensburg, gegeben hat. Bei der Gelegenheit war ein sogenannter Sujoruri-Gastauftritt mit dem Programm "Dramatischer Epengesang mit Lautenbegleitung" da. Die Aufführenden gehörten dem berühmten Ensemble des Staatlichen Bunraku-Theaters in Osaka an. Im Bunraku werden die Szenen des dramatischen Epengesanges, der von gidayu genannten Rezitatoren vorgetragen und von einer dreisaitigen Laute shamisen begleitet wird, von Puppenspielern veranschaulicht. Dagegen stellte Sujoruri die rezitativ vorgetragene Form des Bunraku ohne Puppen dar, wie das Wort su "roh" bzw. "unverarbeitet" bedeutet und das Wort joruri die Begleitmusik bezeichnet.
  Faßt man umgekehrt die Puppenführung ins Auge, so heißt die Puppe auf japanisch ningyo und bedeutet hitogata, nämlich die menschliche Gestalt. Bunraku nennt man also auch Ningyo joruri. Seit alters glaubte man in Japan, daß die hitogata sowohl im religiösen Ritual als auch im Puppentheater durch den Aufführenden bzw. Darsteller beseelt werde. Das japanische Puppentheater war daher ursprünglich nicht als Kinderspiel gedacht. So diente es im Bunraku der künstlerischen Darstellung einer dramatischen Handlung. Es ist zwar übertrieben, Chikamatsu Monzaemon als Japans Shakespeare zu bezeichnen. Aber er gilt zweifellos als der bedeutendste Autor des Bunraku-Theaters, dem es gelang, ein Meisterwerk wie Der Doppel-selbstmord zu Sonezaki zu schreiben. Der Doppelselbstmord zweier Liebenden heißt im Japanischen shinju. Die psychischen und gesellschaftlichen Beweggründe, die überhaupt zum Liebestod von Mann und Frau führen, sind in Ost und West sicherlich grundverschieden, zumal religiös-moralische Voraussetzungen hier und dort anders sind. Ein Filmabend ist leider nicht der Ort, darauf einzugehen. Es wäre aber aufschlußreich, sich einmal gründlich mit diesem Problem zu beschäftigen.
  Auch hinsichtlich des Puppentheaters ist ein vergleichendes Studium recht interessant. Bekanntlich besteht in der deutschen Literatur eine lange Tradition vom Faust-Puppenspiel bis zum Kasperletheater. Von literaturtheoretischer Bedeutung ist insbesondere Heinrich von Kleists programmatischer Essay "Über das Marionettentheater". Abgesehen davon, daß der Dichter selbst mit der schwer kranken Henriette Vogel einen Doppelselbstmord beging, liegt es nahe, Chikamatsu und Kleist zum Vergleich heranzuziehen. In der Auffassung vom Unbewußten in der Kunst, wie es im Marionettentheater-Essay hervorgehoben wird, ist die innere Verwandtschaft mit dem Bunraku-Theater bemerkbar. Daß drei Puppenspieler die Puppen für das Publikum sichtbar und wie aus einer Seele manipulieren, ist gewiß bühnentechnisch einmalig in der Theatergeschichte.
  Merkwürdigerweise greift der heutige Spielfilm "Ah, Frühling" des im September 2001 verstorbenen Regisseurs SOMAI Shinji wieder das Thema der menschlichen Beziehungen auf, das dem letzten Film "Lebensbande" zugrunde lag. Darüber hinaus verbindet ein spezielles Vatermotiv den Spielfilm SOMAI Shinjis mit dem vorletzten Film "Betteln um Liebe", in dem die Vaterliebe einer von der Mutter mißhandelten Tochter immer stärker erwachte. So hat man also fast den Eindruck, daß die Japaner heutzutage ihr inneres Bedürfnis nach den Familien- banden nicht über der Mutter, sondern über dem Vater erfüllen. Die Geschichte beginnt in der Tat mit dem Erscheinen von Hiroshis Vater Sadaichi, von dem seine Mutter vorgemacht hatte, der Vater sei seit Jahren tot. Sadaichi bringt scheinbar nichts als Ärger in das wohl geordnete Vorstadtleben von Hiroshi und seiner Familie. Hiroshis anhaltende Verzweiflung verwandelt sich allmählich in Zuneigung, bis er schließlich erkennt, daß Sadaichi sein Vater ist. Als Sasaichi stirbt, trauert die ganze Familie über den Verlust. Die vielen bleibenden Erinnerungen sind nur ein schwacher Trost.
  Der Ausgangspunkt ist der, daß Sadaichi in den Augen seiner Ehefrau ein schlechter Vater und miserabler Ehemann gewesen ist. Ein Versager darf aber in der Erfolgsgesellschaft nicht existieren. Seine Frau möchte ihn gern vergessen und von ihrem Sohn fern halten, der ein bürgerliches Lebensideal in der japanischen Gesellschaft Schritt für Schritt erreicht. Es besteht üblicherweise darin, eine renommierte Universität zu absolvieren, eine wohlhabende Frau zu heiraten und eine Karriere in einer namhaften Firma zu machen. Wenn der Sohn versagt hat, ergibt sich eine andere Situation in der Familie. Er wird durch die Eltern aus seiner Familie herausgeworfen und bereitet ihnen dafür immer mehr Schwierigkeiten, um sich an ihnen direkt oder indirekt zu rächen. So etwas kommt aber schon recht häufig vor und wäre vielleicht allzu banal für das Publikum, das etwas Pikanteres sehen möchte. Das Verhältnis von Vater und Sohn zueinander muß also effektvoll umgedreht werden. Deshalb muß Sadaichi ein schlechter Vater werden und das Familienglück seines Sohnes stören.
  Im Laufe der Geschichte stellt sich aber heraus, daß Sadaichi trotz allem seine menschliche Substanz unversehrt bewahrt hat, während die glänzende Karriere seines Sohnes allmählich ruiniert wird. Um wohl dem Sohn nicht zu schaden, dementiert er nicht einmal die Behauptung seiner listigen Ehefrau, Hiroshi sei gar nicht Sadaichis Sohn, da sie vor Hiroshis Geburt einige Affären gehabt habe. Sie will nicht nur alles Vergangene vergessen oder verdrängen, sondern es sogar verfälschen. Dagegen bemüht sich Hiroshi, den Weg des redlichen Erinnerns zu gehen. Als er noch in dem Glauben gelassen war, sein Vater sei bereits vor Jahren gestorben, rüttelte einiges von dem, was Sadaichi erzählt hatte, alte Erinnerungen wach. Schließlich hört Hiroshi bei einem Krankenbesuch Sadaichi ein altes Seemannslied singen, an das er sich ganz deutlich aus seiner Kindheit erinnert. Er ist plötzlich ganz sicher, daß der sterbende Mann vor ihm tatsächlich sein Vater ist. Diese Überzeugung beruht nicht etwa auf einer biologischen DNA-Untersuchung, sondern auf einer geistigen Erinnerung, die echt menschlich ist.
  Zuletzt bleibt nur noch die Frage nach dem Sinn der Schlußszene, in der Hiroshi mit Rührung entdeckt, wie aus den von Sadaichi liebevoll gehüteten Hühnereiern Küken ausschlüpfen. Dieses natürliche Symbol für das neu erstandene Leben hängt freilich mit dem Filmtitel "Ah, Frühling" zusammen und deutet an, warum Hiroshi und seine Mutter nach der Kremation Sadaichis Asche in der Nähe seines Geburtsortes ins Meer streuen. Nach der alten buddhistischen Vorstellung geht der Mensch in die Erde zurück, weil er aus der Erde geboren wurde. Dagegen glauben die Christen, der Mensch sei aus dem Himmel gekommen, kehre deshalb in den Himmel zurück, und warten nach dem Tode unter der Erde auf die Auferstehung. Die meisten Japaner, die nicht mehr Buddhisten sind, aber auch keine Christen werden, denken vielmehr wieder an die Palingenesie wie im deutschen 18. Jahrhundert. Die Wiedergeburt in diesem Sinne ist für sie eine Hoffnung nach dem Sterben. Wahrscheinlich war es auch bei Herrn SOMAI Shinji der Fall, als er noch zwei Jahre vor seinem Tode diesen heiteren Spielfilm drehte.