5. Japanischer Filmabend im Wintersemester 01/02 (Do. 6.12.2001)

Ich freue mich, alle Anwesenden wieder zum japanischen Filmabend begrüßen zu dürfen. Ich mache mir allerdings Sorge, ob Sie heute am Nikolaustag in der Familie oder in den Freundeskreisen nicht etwas anderes vorgehabt haben. Ich bin Ihnen umso mehr dankbar, daß Sie trotzdem zu dieser Veranstaltung im Hörsaal der von der Stadtmitte entfernten Universität gekommen sind. Wie im vergangenen November bereits erwähnt, erlaube ich mir auch diesmal, Ihnen einen Kulturfilm als Anschauungsmaterial zu meiner Landeskunde Japans zu zeigen. Es handelt sich dabei um einen Ausschnitt aus der Frühgeschichte Japans, der sich auf die fortgeschrittenen chinesischen und koreanischen Kulturen "Vom asiatischen Festland" im Haupttitel bezieht. Es geht also, wie es im Nebentitel detailliert heißt, um "Chinesische Schriftzeichen und Buddhismus in Japan".
  Wie einige von Ihnen bereits wissen, habe ich eine besondere Vorliebe für die chinesischen Schriftzeichen als das kulturelle Band in Ostasien und habe hier in Regensburg angefangen, die seit meiner Schulzeit vernachlässigte Kalligraphie wieder zu üben. Wie bewunderswert die Schönheit der chinesischen Schrift ist, werden Sie vielleicht gleichfalls heute abend erneut erleben und bekommen hoffentlich Lust, möglichst viele Kanji zu erlernen. Ich bin schon oft in China gewesen und habe mehrmals auf der Chinesischen Mauer gestanden. Aber ich bin noch mehr beeindruckt von einem Museum in Xian, der ehemaligen Kaiserstadt Choan, in der so viele Japaner im Mittelalter studierten. Dort befinden sich zahlreiche Steintafeln, auf denen die heiligen Schriften der chinesischen Klassik in Kanji eingemeißelt sind.
  Im Hinblick auf den Buddhismus in Japan kann man nicht genug darauf hinweisen, daß er nicht im ursprünglichen Sanskrit, sondern von Anfang an in chinesischer Übersetzung, und zwar als Mahayana-Buddhismus, das sogenannte Große Fahrzeug, nach Japan überliefert worden ist. Heutzutage ist der japanische Zen-Budhismus in der ganzen Welt bekannt, so sehr, daß man den Eindruck hat, es gäbe keine anderen Richtungen bzw. Strömungen im japanischen Buddhismus. Aber Zen stellt innerhalb des Buddhismus in Japan nur eine Sekte für die mönchische Elite dar. Er ist in Japan erst in den dreißiger Jahren durch die nationalsozialistische Kulturpolitik mit der deutschen Mystik in Verbindung gebracht worden, und in Deutschland interpretiert man ihn ohne Zusammenhang mit der geschichtlichen Entwicklung des japanischen Buddhismus. Die buddhistischen Tempel oder Buddhafiguren in dem Kulturfilm gehören doch zu einem guten Teil den anderen Sekten des japanischen Buddhismus, die im Verlauf der japanischen Geschichte von größerer Bedeutung für Politik, Kunstgeschichte sowie Sitten und Bräuche gewesen sind. In den weiten Kreisen des japanischen Volkes erweist sich m.E. Jodoshinshu als die einflußreichste buddhistische Sekte mit ihrer auf das reine Land im Jenseits gerichteten Erlösungslehre eines Shinran-Shonin.
  Im übrigen habe ich in China erlebt, daß die Tempel des Taoismus wie buddhistische Tempel aussehen, obwohl man sich unter dem Taoismus gewöhnlich eine philosophische Weltanschauung vorstellt. Ebenso praktiziert man im chinesischen Konfuzianismus, der für die japanischen Gebildeten vor allem eine Moralphilosophie ist, bei verschiedenen Gelegenheiten Riten, die fast religiösen Feiern ähneln. Dazu kommt, daß es in China auch moslemische Tempel gibt. Im Festland-China habe ich noch keinen lamaistischen Tempel gesehen. Dagegen erscheint der Buddhismus in Japan bei aller Verschiedenheit der Lehren oder religiöser Strömungen in ihren Tempeln ziemlich gleich. Man kann ihn denn auch beim ersten Anblick manchmal nicht von den shintoistischen Schreinen unterscheiden. Freilich ist der eigentlich fremde Buddhismus schon in der Heian-Zeit mit dem bodenständigen Shintoismus zusammengeschmolzen, so daß man heute noch im buddhistischen Tempel gleichzeitig einen kleinen Schrein oder im shintoistischen Schrein unverkennbare Buddafiguren oder Einrichtungen finden kann. Es ist nicht einmal der radikalen antibuddhistischen Bewegung nach der Meiji-Restauration gelungen, beide Elemente streng voneinander zu trennen.
  Bei dem Spielfilm "Lebensbande" von heute abend geht man wohl am besten von dem Schluß der Handlung aus, da es sich um ein sog. "suspense drama" oder einen verfilmten Kriminalroman handelt. Wie in dem letzten Film "Betteln um Liebe" steht auch in diesem Spielfilm im Hintergrund ein Waisenheim, in dem die Lebensbande des gleichen Schicksals drei Menschen lebenslänglich miteinander verbinden: Ise Takaaki, Direktor einer Handelsfirma, Chikako, Hostess in einer Bar auf der Ginza-Straße, und Shinji, Besitzer eines kleinen Restaurants. Die Freundschaft zwischen den drei ehemaligen Waisen hat all die Jahre überdauert und unterstützt einander in gut gemeinter verbrecherlischer Weise. Es stellt sich zunächst heraus, daß Ise Takaaki ein falscher Name von Haga Yoshiro ist. Denn Ise erschoß vor zehn Jahren unerkannt seinen verhaßten Vater und änderte seinen Namen, um seine geliebte Halbschwester Kaoru zu schützen.
  Sein richtger Name droht aber dem Polizeikommissar Sako offenbar zu werden, als Chikako und Shinji mit der gleichen Pistole den Journalisten Okabori umbringen, weil er hinter die Beziehung zwischen Kaoru und Ise kommt und den Verlobten der beruhmten Violinistin Kaoru erpreßt. Auch Sako kommt schließlich hinter die Beziehung zwischen den drei Waisen und Ises wahre Identität. Ise hat Angst, Shinji und Chikako zu verlieren und das Glück und den Erfolg seiner Halbschwester zu zerstören. Es liegt nahe, daß die Polizei den begangenen Mord an seinem Vater mit dem Mord seiner Freunde an Okabori in Zusammenhang bringt. Er beschließt, die Aufmerksamkeit der Polizei durch einen neuen Mord abzulenken, und hat vor, die Waffe auf sich selbst zu richten, nachdem er einen berüchtigten Verbrecher erschossen hat. Trotz heftiger Einwände Kyokos, der Ehefrau des Verbrechers, führt Ise seinen Plan durch. Er wird bei dem Mordanschlag schwer verletzt und schleppt sich mit letzter Kraft zum Hafen Yaizu, wo ein Boot für ihn bereitsteht, das ihn aus Japan schmuggeln soll. Im letzten Moment wird er von Sako gestellt, doch er stirbt noch an Ort und Stelle in Kyokos Armen.
  Ise erschoß seinen Vater, weil dieser seine geliebte Mutter bis zum Selbstmord gequält hatte, und während Chikako ihrem alten Freund Ise zuliebe mithilfe von Shinji ihren Liebhaber Okabori erschoß, stirbt Ise in den Armen der Ehefrau eines von ihm erschossenen Verbrechers. Sein Opfer verhindert angeblich einen Skandal um seine Halbschwester Kaoru. Im Nachspann sehen wir, wie Sako Kaoru auf ihrer Hochzeitsfeier ein Blumenbukett überreicht und eine Flöte, die ihrem Halbbruder gehörte. Man fragt sich, wozu diese Mordgeschichte im doppelten Sinne geschrieben worden ist. Dieser Kriminalfilm ist wörtlich eine Mordgeschichte, in der drei Menschen umgebracht werden und der Täter mit dem Vorhaben des Selbstmordes stirbt. In dem übertragenen Sinne der mörderlich wundervollen Geschichte ist der Film jedoch darüber hinaus wohl als ein Geschehnis gewisser Menschlichkeit gedacht. Das Thema handelte auf jeden Fall von den Lebensbanden, und im Mittelpunkt des Dramas soll ein Mann stehen, der sich für die opfert, die er liebt. Das Thema scheint also letzten Endes einen Opfertod aus Liebe zu beinhalten. Es gibt ja ein japanisches Sprichwort "Nusubitonimo sanbu no ri", im Deutschen würde es ungefähr heißen: "Auch die Diebe haben ein Wort der Rechtfertigung." Wahrscheinlich soll man einen Unterhaltungsfilm mit einem beliebten Hauptdarsteller nicht so ernst nehmen.
  Da ich aber nun einmal daran bin, mich mehr oder weniger mit dem Inhalt des jeweiligen Spielfilmes auseinanderzusetzen, möchte ich zum Schluß einige Betrachtungen zum Yakuza anstellen. Ise Takaaki steht doch in unmittelbarer Verbindung dazu, da er einige Restaurants und Clubs in Tokyo betreibt und für die Yakuza-Gang Sasaki Geld wäscht. Wie der verkommene Samurai und die puppenartige Geisha ist der grausame Yakuza eines der beliebtesten Themen in der japanischen Filmproduktion. Die Gestalt des Sektenpriesters in dem Spielfilm des Sommersemesters gehörte annähernd dazu. Mit dem anständigen Alltagsleben der Bürger in Japan oder mit den dunklen Kapiteln der neueren Geschichte Japans kann man keine Unterhaltungsfilme für internationale Zuschauer herstellen. Einen Kinofilm wie "Pearl Harbor" können wohl die Amerikaner, aber nicht die Japaner selbst produzieren. Infolge dessen greift man lieber entweder phantastische Themen für die Animationsfilme oder obengenannte bombastische Themen auf, um des Erfolgs sicher zu sein. Dem stehen freilich die traditionellen, psychologisch komplexen Themen im Bunraku, Kabuki oder Noh-Theater gegenüber und rufen durch die krasse Gegensatzlichkeit einen starken Eindruck der Unbegreifbarkeit der Japaner hervor. Ich fürchte aber auch, daß der Geschmack des japanischen Publikums an den Spielfilmen wie "Die Trapp Familie" schon längst verloren gegangen ist. Das letzte Urteil über den heutigen Spielfilm möchte ich mir deshalb ersparen und wünsche Ihnen nur viel Vergnügen.