4. Japanischer Filmabend im Wintersemester 01/02 (Do. 8.11.2001)

Ich begrüße Sie sehr herzlich zum Japanischen Filmabend, der im Wintersemester wieder im Hörsaal der Universität stattfinden kann. Ich freue mich besonders, neben den alten Freunden und Bekannten auch neue Teilnehmer an meinen Japanischkursen willkommen heißen zu können. Im Wintersemester kann der Filmabend wie üblich viermal, also im November, Dezember, Januar und auch noch im Februar veranstaltet werden. Im Sommersemester war es nur dreimal im Gästehaus der Universität Regensburg in der Altstadt. Herr Rupprecht und Herr Heinz, beide Mathematiker, die sehr gut Japanisch können, sind dankenswerterweise bereit, bei der Filmvorführung weiterhin technisch zusammenzuarbeiten.
  Wie einige von Ihnen selbst mitgemacht haben, hatte ich vor ein paar Wochen in der Einführung zu meiner Landeskunde Japans einen Überblick auf die japanische Geschichte zu geben. So habe ich mir gedacht, für den Kulturfilm möglichst einen solchen auszuwählen, der meiner Lehrveranstaltung der sog. gegenwartsbezogenen Ostasienwissenschaft als Anschauungsmaterial dienen könnte. Dazu schien mir der heutige Kulturfilm "Die Geschichte Japans in Bildern" sehr gut geeignet zu sein. Wenn meine Japanischkurse im Rahmen der Studien-begleitenden Fremdsprachenausbildung abgehalten werden, kann doch der Kulturfilm von nun an zweckmaßig im Anschlus an ein Seminarthema vorgeführt werden.
   Bei dem eigentlichen Titel "Rollbild der Zeiten" handelt es sich um die Bezeichnung für die mittelalterliche Technik der sogenannten Emaki. Die bekanntesten Beispiele dafür sind "Genjimonogatari-Emai", "Shigisan-Engi-Emaki" oder "Chojyu-Giga" aus der Heian-Zeit. Diese langen, horizontal von rechts nach links ausgebreiteten Bildrollen erzählen traditionsgemas eine häufig durch Text untermalte Geschichte in Bildern. In einem derartigen filmischen Rollbild wird also die Geschichte des japanischen Volkes demonstriert, die sich von der vorgeschichtlichen Jomon-Zeit der Schnurkeramiken über sämtliche Epochen des japanischen Mittelalters sowie der Neuzeit bis zur Gegenwart erstreckt.
  Der Kulturfilm präsentiert auf diese Weise in der Hauptsache szenische Ausschnitte aus der japanischen Geschichte, die vor allem mit der seit den Anfängen der Staatsbildung ununterbrochenen Herrscherlinie des Kaiserhauses zutiefst verbunden ist. Seine politische Herr-schaft fand freilich mit der Niederlage im Zweiten Weltkrieg ihr endgültiges Ende. Aber die Stellung des Kaisers als Symbol der Nation ist durch die japanische Staatsverfassung nach wie vor gesichert. Worauf es zurückzuführen ist, kann man nicht verstehen, ohne auf die komplexe japanische Geistesgeschickte zurückzublicken, die nicht mehr in Bildern dargestellt werden kann. Dafür müste man eben Japanisch lernen und eventuell an meinem Seminar mit verschiedenen kritischen Fragestellungen teilnehmen.
  Denn der japanische Nationalismus, der der Militärherrschaft seit der Meiji-Zeit zugrunde lag, ist gar nicht zu begreifen und auch nicht zu verhindern, wenn man sich nicht eingehend mit den fünf Hauptstromungen im Geistesleben der Japaner beschäftigt und sich damit auseinandergesetzt hat. Sie bestehen erstens im Shintoismus mit seinem Geschichtsmythos, zweitens im Buddhismus mit seinem Ästhetizismus, drittens im Konfuzianismus als Moralkodex für die Führungsschicht, viertens im aufklärerischen Utilitarismus und fünftens im intellektuellen Marxismus. Dabei spielt das Christentum beider Konfessionen in der Öffentlichkeit keine bedeutende Rolle. Es wird im allgemeinen wohl von den japanischen Gebildeten geachtet, wird aber in weiten Kreisen des Volkes nie Wurzel fassen können. Steht es doch in radikalem Gegensatz zum traditionellen Shintoismus, der heute noch die Grundlage aller Sitten und Bräuche in Japan bildet. Er ist trotz allem deshalb ernstzunehmen, weil er nicht nur die bodenständige Naturreligion Japans darstellt, sondern auch Urquell des japanischen Nationalismus gewesen ist. Wie verhängnisvoll er sich in der japanischen Geschichte vor dem Krieg ausgewirkt hat, brauche ich nicht eigens hervorzuheben.
   Was nun den Spielfilm von heute abend anbelangt, so heißt er in Deutsch "Betteln um Liebe". Der japanische Titel lautet "Ai o kou hito" und läßt sich wörtlich als "der Mann oder die Frau, der/die um Liebe bittet" wiedergeben. Im japanischen Wort hito kommt ja wie man im Deutschen der Geschlechtsunterschied nicht zum Ausdruck. In dem Spielfilm geht es aber insofern um eine Frau, als die Witwe Yamaoka Terue die Hauptfigur ist. Das Verb "betteln" statt "bitten" kommt mir dann nach meinem Sprachgefühl etwas zu stark vor, oder gar ein wenig erniedrigend, auch wenn das Liebesbedürfnis dadurch deutlicher zutage treten könnte. Schließlich fragt sich, um was für Liebe es sich bei diesem Film handelt. Es gibt immerhin verschiedene Liebe zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und Kindern, unter Freunden usw. Um es vorwegzunehmen, so geht es in dem Spielfilm vordergründig um die Liebe der Tochter zum verstorbenen Vater, im Hintergrund aber um ihre Suche nach der Mutterliebe, da sie in der Kindheit von ihrer Mutter mißhandelt wurde. Es geht also um ein tiefenpsychologisches Problem des Traumas, das in Japan im Zusammenhang mit der Jugenderziehung in der Familie oder Schule vielfach aufgegriffen wird.
  Die Handlung des Filmes umfaßt drei Generationen. Die Hauptfigur Terue, die zur mittleren Generation gehört, wird von ihrer eigenen Tochter Migusa, vermutlich im gleichen Alter wie sie damals, mit psychoanalytischem Blick beobachtet, wenn die verwitwete Mutter auf der Suche nach der wahren Elternliebe an die unbekannten Großeltern von Migusa denkt. Dabei ist Terues Vater schon lange tot, während ihre Mutter Toyoko mittlerweile zum drittenmal verheiratet war. Obwohl die Tochter jetzt nicht einmal weiß, wo die Asche ihres verstorbenen Vaters Fumio liegt, besitzt sie seinen Spiegel zum treuen Gedenken. Sie scheint zwar beim ersten Stiefvater einigermaßen glücklich gewesen zu sein, zumal sie vom Kinderheim zu ihrer Mutter zurückkommen konnte, und der zweite Stiefvater behandelte sie ebenfalls sehr gut, wenn auch nicht ohne Interesse an einem heranwachsenden Mädchen. Aber sie mochte die beiden Stiefväter im Grunde nicht gern leiden. Sie war in der Jugend auf die Liebe ihrer Mutter angewiesen. Da sie jedoch von ihrer Mutter mißhandelt wird, ja sogar geschlagen wird, wenn sie sich vor den Augen ihres zweiten Stiefvaters nicht umziehen will, verläßt sie bald nach dem Schulabschlus die Mutter, als diese sich von ihm trennt.
  Viele Jahre später reist Terue mit ihrer Tochter bis nach Taiwan, um ein paar Anhaltspunkte über den Verbleib der Überreste ihres Vaters von der Familie ihres Onkels zu bekommen. Aber sie müssen feststellen, daß man ihnen aus verständlichen Gründen nicht helfen möchte. Hier zeigt sich andeutungsweise und auf überpersönlicher Ebene das neuerdings viel erörterte Thema von Erinnern und Vergessen als Denkprinzipien. Viele Japaner haben nämlich längst vergessen, daß Japan in den Jahren 1895-1945 mit machtpolitischen Mitteln Taiwan als Kolonie besaß, und erinnern sich kaum mehr daran, daß die Japaner heute noch dort Verwandte haben könnten. Die Asche ist m.E. auch ein Symbol dafür. Schließlich erfährt Terue beim Besuch eines alten Freundes von Fumio einiges über die Umstände ihrer Geburt. Anstatt die Asche des verstorbenen Vaters zu finden, weiß sie nun, daß Toyoko und Fumio ihre leiblichen Eltern sind. In der Kinderpsychologie ist es bekannt genug, daß die Jugendlichen im Pubertätsalter manchmal einen solchen Zweifel haben, und die Gewißheit über die echte Elternschaft führt sie ins zuversichtliche Leben zurück.
  Nach der exotischen Taiwanreise sagt Migusa deshalb zu ihrer Mutter: "Du suchst nicht nach der Asche deines Vaters, in Wirklichkeit bist du auf der Suche nach Großmutter." Man kann natürlich "nach Großmutter" ohne weiteres mit "nach deiner Mutter" ersetzen. Ihrer tiefen Sehnsucht nach der Mutterliebe bewußt geworden, entschließt sich die Tochter, nach vielen Jahren ihre einmal verlassene Mutter wiederzusehen. Hier spielt sich wieder ein in Japan traditionell sehr beliebtes Motiv ab. In typisch japanischer Art und Weise, das Offensichtliche unausgesprochen zu lassen, geben sich Terue und Toyoko nicht zu erkennen, obwohl sie beide genau wissen, wem sie gegenüber stehen. Diese Haltung ist keine verstellte Sturheit, sondern erweist sich vielmehr als wahre Liebe zwischen Mutter und Tochter. Die innere Erschütterung kann Terue nur ihrer eigenen Tochter auf dem Weg nach Hause ausschütten. Als sie später den Geburtsort ihres Vaters, also nicht sein Grab, besucht, erkennt sie, daß es keinen Grund mehr gibt an Trauma zu leiden. So hat sie vom inneren Tod wieder zum Leben gefunden. Das ist ein tragisches Happyend im japanischen Sinne.
  Im übrigen war es ursprünglich vorgesehen, in diesem Monat einen Spielfilm von Somai Shinji "Ah, Frühling" vorzuführen. Da aber der Regisseur im vergangenen September unerwartet an Krebs verstorben ist, sollte der Film mit allen seinen Werken zusammen zuerst in Köln gezeigt werden. Bei dieser Gelegenheit möchten wir dankbar seiner gedenken.