3. Japanischer Filmabend im Sommersemester
2001 (Do. 19.07.2001)
Ich darf Sie zum dritten Japanischen
Filmabend im Sommersemester 2001 herzlich
begrüßen. In Japan soll
die Regenzeit kaum noch aufgehört haben,
während gerade um diese Zeit in den
japanischen Hochschulen Sommerferien beginnen.
Jedes Jahr wiederholen sich bald darauf
die Gedenktage an die Atombombenabwürfe
vom 6. August in Hiroshima sowie vom 9. August
in Nagasaki, die zur bedingungslosen Kapitulation
Japans am 15. August 1945 führen sollten.
Im Rahmen dieser geschichtlichen Ereignisse
von größter Tragweite war es wohl
vorgesehen, daß heute statt eines üblichen
Kulturfilmes ein Dokumentarfilm über
die Atombomben-Explosion in Nagasaki vor
50 Jahren gezeigt wird. So lautet sein
Titel "An einem schicksalhaften Tag
in dieser Schule".
In der Tat erlebte die Menschheit
an diesen zwei Tagen etwas Unerhortes in
ihrer Geschichte. Damals sind nicht
nur so viele Menschen ums Leben gekommen,
sondern leiden auch unzählige Menschen
heute noch unter den psychischen und physischen
Nachwirkungen der Atombomben-Explosionen.
Diese schmerzliche Tatsache stellt
die Japaner seither beständig vor zwei
schwere Aufgaben: einerseits medizinische
Forschung über die atomaren Krankheiten,
andererseits Verantwortlichkeit für
die Geschehnisse. Es sind im Grunde
genommen sozial und politisch gravierende
Probleme, mit denen sie sich eigentlich im
Sinne der Vergangenheitsbewältigung
auseinandersetzen müssen. Denn
die Japaner sind Opfer und Täter zugleich.
Sie dürfen sich also nicht darüber
hinwegtäuschen, daß sie selbst
dieses Schicksal herbeigeführt haben.
Daß sie aber immer nur gegen
den Einsatz atomarer Waffen auf Zivilisten
protestieren wollen, ohne über Ursache
und Anlaß des Atombombenangriffs durch
die USA geschichtlich nachzudenken, hängt
meiner Meinung nach zutiefst mit ihrer althergebrachten
Religiosität zusammen, die nicht unbedingt
das Schuldproblem ernstnimmt.
Mit dieser religionswissenschaftlich
sehr komplexen Problematik habe ich freilich
auf den heutigen Spielfilm "Geburt eines
Sektenpriesters" zu sprechen kommen.
Da die Handlung als solche nicht wie
in einem Kriminalroman von entscheidender
Bedeutung sein dürfte, finden Sie diesmal
ausnahmsweise den ganzen Inhalt des Filmes
in der Beschreibung zum Einladungsblatt.
Es handelt sich dabei um eine Verfilmung
eines parodistischen Romans von Beat Takeshi,
d.i. dem heute als Filmregisseur bekannten
KITANO Takeshi. Er schildert darin
an einem eklatanten Beispiel die Entstehung
der sog. Neureligionen, die im Unterschied
zu den traditionellen Religionen Japans nach
dem Zweiten Weltkrieg, besonders aber in
den letzten Jahrzehnten unter den jungen
Leuten wie Pilze aus der Erde geschossen
sind. Es liegt nahe, daß die
alten Religionen buddhistischen oder shintoistischen
Gepräges heutzutage nicht mehr attraktiv
genug sind für die japanische Jugend.
Auffällig ist jedoch, daß
sie anscheinend immer noch große religiöse
Bedürfnisse haben und diese nicht wie
früher in verschiedenen Lehren der Philosophie,
sondern vielmehr in den esoterischen Übungen
der neugegründeten religiösen Sekten
zu erfüllen suchen.
Um diesem merkwürdigen Phänomen
im gegenwärtigen Geisteleben in Japan
gerecht zu werden, gibt es wohl etwa drei
Fragestellungen: 1) psychologische, 2) soziologische
und nicht zuletzt 3) geistesgeschichtliche.
Sind doch alle geistigen und kulturellen
Phänomene in der Gegenwart aus den Entwicklungen
und Verwicklungen in der Vergangenheit hervorgegangen,
und nur die Lösungsversuche für
ihre Probleme erweisen sich als zukunftsweisend
in ihrem Erfolg oder Mißlingen. Bei
dem Spielfilm "Geburt eines Sektenpriesters"
geht es allerdings hauptsächlich um
eine psychologische Analyse des spezifisch
religiösen Phänomens in der japanischen
Gesellschaft. Geht man in die Religionsgeschichte
zurück, so finden sich jedoch zahlreiche
ähnliche Erscheinungen, und ihre Entstehung
läßt sich aus religionswissenschaftlichen
Voraussetzungen ziemlich sachgerecht ergründen.
1) Psychologisch geht es zunächst
unvoreingenommen und naiv vor sich: Im technischen
Zeitalter, wo alles scheinbar rational erklärt
und gehandhabt wird, interessiert sich ein
junger Mensch wie der Held des Spielfilmes
TAKAYAMA Kazuo für naturwissenschaftlich
unerklärbare, irrationale Dinge, um
im vagen Sinne des Wortes religiös zu
sein. Eine Heilung eines gelähmten
Menschen kommt z.B. auch im christlichen
Neuen Testament vor. Kazuo schaut sie
bald als einen Trick durch, schließt
sich aber dieser religiösen Gemeinschaft
an und setzt sich für den angeblich
neuen Glauben tatkräftig ein, da er
darin eine Möglichkeit erblickt, seinen
persönlichen Ehrgeiz für Karriere
und Macht zu befriedigen. So erreicht
er schließlich sein Ziel, indem der
machtlos gewordene alte Sekten-Führer
durch ihn ersetzt wird.
2) Es gibt aber, soziologisch
gesehen, auch Leute, die aus einem solchen
pseudoreligiösen Glaubenseifer wirtschaftliche
Nutzen zu ziehen wissen. Es ist beispielsweise
Shiba, der mit dem Buchhalter der Gemeinschaft
Go zusammen einen alten Mann zu einem "Propheten"
verwandelt hat und mit diesem Sekten-Führer
sein eigenes Geschaft treibt. Dieser
vorgebliche Sekten-Führer fällt
seinerseits in die psychologische Versuchung,
mit Hilfe des Jugend-Führers Komamura
sich von seinen Hintermännern zu verselbständigen.
Er wird deshalb einmal von dem verärgerten
Shiba herausgeworfen, wird aber von diesem
wieder zum "Propheten" einer neuen
Religion gemacht, nachdem Kazuo als Sekten-Führer
seine feste Anhängerschaft gewonnen
hat. Bei der Gründung einer Neureligion
in Japan läßt sich also ein soziologischer
Prozeß wie bei der Zucht der Bienenkõnigin
beobachten.
3) Der Grund, warum die sog.
Neureligionen auf diese Weise im Nachkriegsjapan
immer wieder entstanden sind, besteht einmal
darin, das eine religiöse Körperschaft
nach dem japanischen Gesetz steuerrechtlich
begünstigt ist. Das verführte
sicherlich manche Leute dazu, wie gesagt,
im Namen der Religion einen persönlichen
Ehrgeiz zu befriedigen und darüber hinaus
wirtschaftliche Gewinne zu erzielen. Diese
Umstände fachwissenschaftlich zu erforschen,
gehört aber zur Aufgabe der Religionssoziologie.
Worauf ich Sie heute im Zusammenhang
mit dem Spielfilm "Geburt eines Sektenpriesters"
aufmerksam machen möchte, bezieht sich
eher auf den geistesgeschichtlichen Hintergrund.
Bekanntlich hat Japan seit der Meiji-Zeit
fast alles aus Europa und Amerika übernommen,
aber nur nicht das Christentum beider Konfessionen.
Obwohl eine geistige Elite vom Christentum
zumindest kulturell nicht wenig beeinflußt
ist, hält das japanische Volk als solches
bis heute an seiner religiösen Tradition
fest, und gerade aus diesem traditionellen
Nährboden wachsen offensichtlich so
zahlreiche Neureligionen.
Im großen und ganzen läßt
sich wohl sagen, das die althergebrachte
Volksfrömmigkeit in Japan einen Mischmasch
von shintoistischen sowie buddhistischen
Sitten und Bräuchen darstellt. Als
der Buddhismus im 6. Jahrhundert aus China
über Korea nach Japan herübergebracht
wurde, haben schon die gelehrten Mönche
versucht, ihn mit der einheimischen, bodenständigen
Naturreligion in Einklang zu bringen, indem
sie erklärten, shintoistische Götter
seien mannigfaltige Erscheinungen der einen
Buddha-Natur, die in allen Lebewesen innewohne.
Es war im Jahre 604, das der in der
japanischen Geschichte so bedeutsame Kronprinz
Shotokutaishi die Staatsverfassung aus 17
Artikeln verkündete, die mit dem bekannten
ersten Artikel einsetzte: "Wertvoll
ist die Gefügigkeit, und es soll dafür
gesorgt werden, daß kein Widerstand
da ist..." Der zweite Artikel
lautete sodann: "Drei Schätze sollen
hochgeachtet werden. Die drei Schätze
sind Buddha, Gesetz und Monche, nämlich
Anfang und Ende von vier Leben, d.h. aller
Lebewesen, das höchste Prinzip alles
Staatswesens. Welche Welt, welcher
Mensch achtet nicht dieses Gesetz hoch?
Der Mensch ist nicht so schlecht, daß
er sich als unbelehrbar erwiese. Wie
könnte das Verkehrte berichtigt werden,
es sei denn durch diese drei Schätze?"
Wie der römische Kaiser
Konstantinus im Jahre 337 im Sterbebett die
christliche Taufe empfing und die Voraussetzung
dafür schuf, daß das Christentum
im Jahre 391 zur Staatsreligion des Römischen
Imperiums bestimmt wurde, so erklärte
Shotokutaishi aus der shintoistischen Kaiserfamilie
de facto den Buddhismus als die Staatsreligion
Japans. Daraus ergab sich die ständige
Vermischung von Shintoismus und Buddhismus
durch das ganze japanische Mittelalter bis
zur Edo-Zeit. Im Jahre 1868 erließ
zwar die neue Meiji-Regierung ein Dekret
zur strikten Trennung der beiden Religionen.
Sie wollte dadurch den Shintoismus
zur einzigen Staatsreligion für eine
Theokratie erheben. Aber die jahrhundertealte
Tradition der japanischen Volksfrömmigkeit
war praktisch nicht wieder rückgangig
zu machen. Ihre Ausrichtung auf weltliches
Wohlergehen ist bis heute erhalten geblieben,
so daß jeder volkstümliche Schrein
bzw. Tempel zu jeder Angelegenheit des Lebens
nutzbringende Amulette bereithält.
So konnte denn auch jederzeit ein neuer Sektenpriester
auftreten. Ich hoffe, dasdie Zuschauer
sich heute abend mehr oder weniger davon
überzeugen können.