2. Japanischer Filmabend im SS 2001 (Do.
21.06.2001)
Ich freue mich, alle Anwesenden als Gäste
zum 2. Japanischen Filmabend im Sommersemester
2001 begrüßen zu dürfen.
Es ist eigentlich ein Zufall, daß heute
der Sommeranfang ist. Aber wie beim letzten
Mal können wir heute abend wieder einen
Spielfilm sehen, der sich im Rahmen einer
Grundschule bewegt und ein Motiv der Geistergeschichte
enthält. Zunächst wird allerdings
üblicherweise ein Kulturfilm gezeigt.
Er behandelt jedoch im Gegensatz zu den traditionellen
Themen der japanischen Kultur technische
Errungenschaften der Gegenwart, nämlich
neue Werkstoffe für die Zukunft, und
darüber ist, wie ich glaube, nicht viel
zu sagen. Technik ist grundsätzlich
so international, daß man nicht mehr
von einem nationalen Standpunkt aus oder
meinetwegen aus einem gewissen Nationalstolz
heraus einen Kulturfilm für das Ausland
herstellen kann.
Umso wichtiger erscheint mir,
über den Spielfilm des heutigen Abends
einige Betrachtungen anzustellen. Der Titel
heißt auf englisch "Happy-Go-Lucky".
Ich weiß nicht, ob der Film von Anfang
an so genannt war, und wie man ihn dann ins
Deutsche übersetzen könnte. Es
ist manchmal sehr suspekt, einfache Dinge
eigens in einer Fremdsprache aussprechen
zu wollen. In japanischer Sprache ist der
Film als "Natsujikan no otona tachi",
d.h. als "die Erwachsenen in der Sommerzeit"
bezeichnet. In Japan kennt man keine Sommerzeit,
aber hier in Deutschland geht die Zeit im
Sommer eine Stunde früher als sonst
vor sich. Dabei wird nach meinem Gefühl
die Zweiteilung des Jahres in Sommer und
Winter wie im mittelalterlichen Minnesang
zugrunde gelegt, erstreckt sich doch die
Sommerzeit in diesem Jahr vom 25. März
bis zum 28. Oktober. In Japan würde
März noch in den Frühling, und
Oktober schon in den Herbst gehören,
auch wenn die vier Jahreszeiten im althergebrachten
japanischen Kalender viel früher als
in Wirklichkeit angesetzt werden.
Wenn trotzdem in dem heutigen
Spielfilm ausdrücklich von der Sommerzeit
die Rede ist, so kommen zweierlei Arten von
Sommer im Leben der Erwachsenen in Betracht.
Denn es ist nicht eindeutig, was mit der
Sommerzeit gemeint ist. Im wörtlichen
Sinne des Wortes wird man sich etwa an Shakespeares
Komödie "Ein Sommernachtstraum"
erinnern. Ansonsten müßte man
bei einer um eine Stunde vorgeschobenen Sommerzeit
an die verfrühten Erwachsenen denken,
die menschlich und geistig noch nicht reif
genug sind, um Erwachsene genannt zu werden.
Oder aber können auch die Jugendlichen
in Frage kommen, die eine Stunde früher
in die heiße Sommerzeit des Lebens,
nämlich in die unreife Pubertätszeit
hineingezogen werden. Dann würde freilich
der Geschlechtsunterschied von Mann und Frau
von entscheidender Bedeutung sein. In den
folgenden Bemerkungen möchte ich von
dieser letzteren Annahme ausgehen.
In dem Spielfilm "Happy-Go-Lucky"
treten einerseits ein Volksschüler Takashi
und sein Vater als Prototypus des Mannes
auf und andererseits seine Mutter und Cousine
als Prototypus der Frau. Der Mann repräsentiert
dabei im Grunde den Versager oder Ver lierer
und die Frau kein "weaker sex",
sondern vielmehr ein stärkeres Wesen.
Für diese männlichen und weiblichen
Menschentypen kennt die europäische
Literatur bzw. Kunst schon lange den Sänger
der griechischen Sage Orpheus und das z.B.
von Edvard Munch gemalte Bild der Frau als
Madonna, Büßerin und Verführerin
zugleich. Und wenn in dem Film eine sog.
"Schlangenfrau" in einer Rückblende
von Takashis Mutter Junko auftritt, so wird
in der europäischen Malerei ein Bild
wie "Dämon Weib" von Franz
v. Stuck in Erinnerung gerufen. Aber so tiefsinnig
werden die beiden Themen leider in einem
japanischen Kinofilm nicht behandelt.
Der Regisseur Nakashima Tetsuya,
der in Japan in erster Linie als Hersteller
der geistreichen Fernsehwerbung bekannt ist,
scheint zu diesem Spielfilm eher von dem
Horror-Manga Schlangenmädchen von Umezu Kazuo angeregt worden zu sein.
Denn die Taschenbuchausgabe dieses Mangas
wird im Nebentitel als "Horror-Theater"
bezeichnet, und der Verlag wirbt mit einer
Preisausschreibung um eine Verfilmung dieser
Horror-Serie. Aber während Takashis
Mutter in ihrer Schulzeit ihrer kranken Mutter
aus dem Weg ging, weil die Leute sagten,
sie sei eine Schlangenfrau, benimmt sie sich
nun selbst wie eine Schlangenfrau, indem
sie die Fernsehserie Tage der Lust gern sieht, ihren von einem jungen Mädchen
verführten Ehemann gewaltsam verjagt
und ihr eigenes Spiegelbild in ihrer Nichte
Natsuko, die für die Titelseite eines
Magazins nackt Modell steht, wiederfindet.
Meiner Meinung nach hat also
Nakashima Tetsuya versucht, das weibliche
Wesen nicht einfach als eine gespenstische
Schlangenfrau, sondern als eine von Natur
dämonische Verführerin hinzustellen.
Insofern ist es ihm in drastischer Weise
gelungen, dem Schlangen-Motiv für die
Frau einen neuen Aspekt abzugewinnen. Aber
bei ihm ist von einer Madonna oder Büßerin
keine Rede, da er angeblich andere Probleme
wie Selbstbestimmung in der Kindheit oder
das Gruppendenken im japanischen Erziehungssystem
vor Augen hatte. Es tut mir nur leid, daß
der Klassenlehrer, der in dem Spielfilm so
etwas seinen Schülern unterweist, Kimura
heißt. Ich bin doch als Hochschullehrer
ganz anders eingestellt, wie meine Studenten
inzwischen wissen.
Das Thema des Versagers oder
Verlierers für den Mann ist in der japanischen
Literaturgeschichte erstmals in der Erzählung
Taketori monogatari aus dem 10. Jahrhundert aufgegriffen worden.
Es handelt sich dabei um eine Geschichte
des im Bambusrohr gefundenen Mädchens
Kaguyahime, um das später fünf
Männer aus den adligen Kreisen freien.
Nachdem es ihnen allen mißlungen ist,
ihre Anforderungen zur Gewinnung ihrer Liebe
jeweils in ihrer komischen Weise zu erfüllen,
fährt sie schließlich in der Vollmondnacht
in den Himmel. Auch wenn es nachgewiesen
ist, daß einzelne märchenhafte
Motive teilweise aus China oder Indien stammen,
erweist sich Taketori monogatari als ein gutes Beispiel für die frühe
Auffassung vom Verhältnis der beiden
Geschlechter zueinander in Japan. Der Mann
muß sich in der Liebe eben bewähren.
Was das Thema der Schlange anbelangt,
so ist die damit verbundene Sage seit alters
in ganz Japan verbreitet. Es war ursprünglich
kein schauererregendes Thema, sondern bildete
einen Sagenkreis um die Ehe-Geschichten des
Menschen mit einem anders gearteten Lebewesen.
Daß die Schlange dabei eine besondere,
ja fast beliebte Rolle gespielt hat, kommt
daher, weil sie als eine Gottheit, genauer
als ein Naturgeist des Gewässers galt.
Sie verwandelt sich in der Sage entweder
zu einem schönen Mädchen oder zu
einem schönen Jüngling und vermählt
sich mit einem Menschen in irgendeiner Weise.
Sie besucht aber ihren Bräutigam bzw.
ihre Braut nur in der Nacht. Wenn sie als
Braut ein Kind erwartet, verbietet sie ihrem
Ehemann strikt, sie bei der Geburt des Kindes
heimlich anzugucken. Er tut es freilich dennoch,
und seine Frau stellt sich als eine Schlange
heraus und muß ins Gewässer fliehen.
Ihre hinterlassene Brut wird meist mit einer
Nadel getötet. Bei dem aus der Schlange
verwandelten Bräutigam wundert sich
seine menschliche Ehefrau, daß er sich
tagsüber nie bei ihr zeigt, und steckt
nach einem nächtlilichen Besuch sein
Kleid mit einem Nähfaden. Am folgenden
Morgen folgt sie dem Faden und findet im
Boden einer tiefen Wasserquelle eine Riesenschlange.
Ihr Kind in der Schwangerschaft wird gleich
abgetrieben. Die Schlange wird dann manchmal
mit dem Pfeil getötet oder an einem
Auge schwer verletzt.
Zu dieser eventuell grausamen
Schlangensage kann sich aber ein anderer
Sagenkreis gesellen, der mit einem Happy-End
abgeschlossen wird. Es sind einige bekannte
Geschichten mit einem schlangenklein geborenen
Kind als Glücksbringer. Die Geschichte
von der im Bambusrohr gefundenen Kaguyahime
gehört gewissermaßen auch dazu,
obwohl sie fünf Männer unglücklich
macht. Tut sie doch ihnen nicht weh, indem
ihre Freier die von ihr aufgestellten schwierigen
Probleme nicht lösen können und
dieses Versagen selbst auf sich nehmen müssen.
Ich weiß nicht, wie gesagt, woher der
englische Titel "Happy-Go-Lucky"
kommt. Aber es ist wohl möglich, daß
der Regisseur Nakashima Tetsuya von dem Horror-Motiv
der Schlangenfrau, das ihm von dem Manga-Verlag
auferlegt war, einen fröhlichen Sommernachtstraum
für den Volksschüler im Pubertätsalter
entwerfen wollte. Denn Takeshi beobachtet
zum Schluß, wie seiner angebeteten
Mitschülerin Tomoko der Felgumschwung
rückwärts doch noch gelingt, und
erzählt uns, alles was er sich von diesem
Sommer erhoffe, sei, daß er ungefähr
drei Zentimeter wachse und daß Tomokos
Busen ein klein bißchen größer
würde. Wenn er so anspruchslos ist,
hat er doch im Leben nichts zu verlieren
und kann zumindest glücklicher werden
als sein Vater, der von seiner Frau nur erwartet,
daß das Abendessen fertig ist. Ich
hoffe, daß der Spielfilm von heute
abend, der kinematographisch recht poetisch
dargestellt ist, Ihnen gut gefällt,
und wünsche Ihnen viel Vergnügen.
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