1. Japanischer Filmabend im SS 2001 (Do. 10.05.2001)

Ich freue mich, als Nachfolger von Herrn Noda alle Gäste zum 1. Japanischen Filmabend im Sommersemester 2001 hier im Vortragsraum des Gästehauses der Universität Regensburg willkommen zu heißen. Inzwischen habe ich schon drei Wochen unterrichtet und hoffe, im Laufe der Zeit eine gute Zusammenarbeit mit Ihnen einleiten zu können. Ich denke dabei nicht nur an die Universitätsangehörigen oder an die Teilnehmer an meinen verschiedenen Sprachkursen, sondern auch an die Regensburger Bürgerinnen und Bürger, die sich freundlicherweise für die japanische Kultur interessieren.
  Um mich Ihnen kurz vorzustellen, so habe ich vor vierzig Jahren sieben Semester in München studiert und habe danach bis zu meiner Emeritierung im vergangenen Jahr 35 Jahre lang an der Sophia-Universität in Tokyo deutsche Sprache und Literatur gelehrt. In diesem "Haus der Begegnung" wohnte ich vor drei Jahren einmal im Sommersemester als Gastprofessor der Germanistik und habe hier auch im vergangenen Wintersemester wieder gewohnt. Ich habe deshalb mehrere japanische Filmabende sowohl in diesem Saal als auch im Hörsaal 3 der Universität erlebt und aufschlußreiche Einführungen von Herrn Noda sowie Filmvorführungen selbst genossen. Jetzt bin ich aber kein Gast mehr, sondern Veranstalter des Filmabends, obwohl die Auswahl der Filme und die Reservierungen des Saals noch von meinem Vorgänger rechtzeitig getroffen worden sind.
  Außerdem kenne ich mich eigentlich in der Welt der Kinofilme gar nicht aus. Ich habe als Germanist bisher immer nur Bücher gelesen und auch selbst etwas geschrieben. Leider gab es in der Goethezeit noch keine Kinematographie, so daß ich keine Gelegenheit hatte, im Rahmen meiner Goethe-Forschung mich mit den Kinofilmen zu beschäftigen. Es gehört aber nun einmal zu meiner Aufgabe als Lektor für Japanisch, während des Semesters neben der Lehrtätigkeit jeden Monat einen Japanischen Filmabend zu veranstalten. Mit freundlicher Unterstützung einiger Japanfreunde in der Uni werde ich nach Kräften versuchen, diesen Filmabend weiterhin so gut wie möglich kulturell und unterhaltsam zu gestalten.
  Wie immer werden heute abend ein Kulturfilm und ein Spielfilm japanischer Produktion vorgeführt. Wie Sie alle wissen, handelt es sich bei den japanischen Kulturfilmen meist entweder um die alte Kunsttradition als solche oder um die lebenden Meister, die sich um die Aufrechterhaltung dieser traditionellen Künste bemühen. In dem Kulturfilm von heute abend "Dekorative Metallarbeit - Die Kunst von Hoseki Okuyama" wird bei spielsweise ein Altmeister der speziellen Metallarbeit in Japan vorgestellt. Wie durch eine tankin genannte traditionelle Technik ein kunstvoller Kessel produziert wird, zeigt der Kulturfilm anschaulich und macht es überflüssig, diese Metallarbeitstechnik mit meinen Worten zu erklären.
  Auch der Spielfilm schließt sich in einem gewissen Sinne der alten Tradition in Japan an, zieht er doch ein altes Motiv der japanischen Geistergeschichten heran. Es war zwar schon in der Edo-Zeit weit verbreitet und beliebt, wurde aber erst durch Lafcadio Hearns novellistische Aufzeichnungen des Kwaidan zum literarischen Rang erhoben. Bekanntlich hat der amerikanische Schriftsteller irischer Herkunft mit dem naturalisierten japanischen Namen Koizumi Yakumo (1850-1904) dieses Werk im Jahre 1904 kurz vor seinem Tode veröffentlicht. Die erste Erzählung "Miminashi Hoichi", d.i. die Geschichte vom blinden Biwa-Spieler Houichi ohne die Ohren, ist sehr bekannt. Hier war die Geistergeschichte zutiefst im buddhistischen Volksglauben verwurzelt, nach dem die noch nicht erlösten Seelen der Verstorbenen gramvoll die Lebenden heimsuchen und diese durch Trugbilder ins Unheil zu verlocken oder ins Verderben zu stürzen suchen. Man sah das einzige wirksame Mittel dagegen in den bestimmten buddhistischen Gebeten. Aber in der Nacht, als der altjapanische Lautenspieler von den Geistern des untergegangenen Heike-Clans zum zweiten mal heimgesucht wurde, hatte der Priester des Tempels übersehen, daß die Ohren des Blinden nicht mit den Gebeten beschrieben waren. Es ist schon eine schauerliche Geschichte und gleichzeitig doch eine Erbauungsgeschichte, weil der blinde Hoichi sich trotz der zerrissenen Ohren den Geistern mit Entschiedenheit widersetzte.
  Eines der merkwürdigsten Phänomene im Japan der Nachkriegszeit besteht m.E. darin,daß die Kinder keine Angst mehr vor den Gespenstern haben. Es hat damit begonnen, daß die Dinosaurier ihnen bis zu den verschiedensten Spielzeugen erniedrigt und so schließlich verharmlost worden sind. Die Geister in der Natur sind ihnen dann durch eine Reihe gelungene Animation-Manga so niedlich gemacht worden, daß sie kein Tremendum, also nichts zu Befürchtendes im religionswissenschaftlichen Sinne mehr darstellen, sondern die japanischen Kinder sie im Verlaufe der Jahrzehnte vielmehr liebgewonnen haben. Die Seelen der Verstorbenen werden schon in der buddhistischen Tradition vieler Familien noch heute verehrt und nie ernsthaft lächerlich gemacht. Aber die niedlichen Ungeheuer wie Pockemon erobern heutzutage weit und breit in der ganzen Welt die Kinder-Phantasie. Auch in unserem Film tritt übrigens ein verwandlungsfähiges Monstrum auf.
  Zuletzt haben die Erwachsenen - man darf nicht vergessen, daß es auch die geschäftstüchtigen Erwachsenen sind, die in Japan auf Kosten der ahnungslosen Kinder mit minderwertigen Erzeugnissen so viel Geld verdienen und schwierige Erziehungsprobleme für Familie und Schule hervorrufen - zumindest die verantwortungsbewußten Erwachsenen, die die Gespenstergeschichten zu einem guten Zweck verwenden wollten, haben versucht, jährlich in den Sommerferien den Schulkindern einen unterhaltsamen pädagogischen Fernsehfilm serienmäßig im NHK, also im halbstaatlichen Sendeunternehmen auszustrahlen. Diese Fernsehfilme waren in der Tat meist köstlich anzuschauen, und ich habe sie gern jedes Jahr mit meinen Kindern gesehen.
  Bei dem Film "Spuk in der Schule" (Gakko no Kaidan) von heute abend meine ich aber zu bemerken, daß die Gespenstergeschichte noch um eine Dimension des Liebesmotivs vertieft oder vermehrt worden ist. Denn neben der äußerlich recht turbulenten Handlung, die sich zwischen dem neuen und alten Schulgebäude unter den Schulkindern abspielt, läuft eine innere Handlung der nicht erfüllten Jugendliebe zwischen dem Klassenlehrer und der Mutter eines Schülers von ihm. Andeutungsvoll für diese parallel verlaufenden Handlungen ist nämlich, daß eingangs der unverheiratete Lehrer Komukai auf dem Weg in die Schule in die junge Yumiko rennt, die ihn doch seit der Grundschule kennt und diesen einstigen Schulkameraden noch jetzt neckt. Symbolisch genug für ihre erste Liebe, die wohl durch die traditionelle, durch die Eltern vermittelte Ehe, die sog. Miai-Kekkon, verhindert wurde, bietet Yumiko ihm am Ende des Filmes ein paar weiße Pfirsiche an. Shinichi lehnt denn auch den Vorschlag seiner Mutter ab, eine arrangierte Ehe einzugehen.
  Die ganze Turbulenz wird allerdings dadurch ausgelöst, daß ein Junge beim Basketball aus Versehen den Kopf einer Haniwa-Figur aus Ton herunterstößt. Bekanntlich wurden Haniwas mit einfachen Menschen- oder Tierfiguren im Altertum um die Gräber der verstorbenen Herrscher aufgestellt. Die zerbrochene Haniwa-Figur bedeutet dann, daß sie der Grund für den Aufruhr ist. Durch das Herunterstoßen des Haniwa-Kopfes ist eben die Seelenruhe eines Mädchens gestört, das am gleichen Tag an einer Knochenkrankheit gestorben ist. Das Mädchen Kaori, das in der Schule herumläuft, stellt sich als der Geist dieses toten Mädchens heraus. Sobald der mit telepathischen Fähigkeiten versehene Junge Kazuo die Haniwa-Figur ins Zentrum seines gezeichneten Mandala setzt, leuchtet es auf und bewirkt, daß alle Geister das alte Schulgebäude verlassen. Zur gleichen Zeit fallen die gefangenen Kinder in das Schulschwimmbecken. Am nächsten Tag versammeln sich die Kinder vor der Schule und stellen sich ordnungsgemäß einander vor, als ob nichts geschehen wäre.
  Ich glaube, diese Doppelstruktur der modernen Geistergeschichte ist wichtig für das Verständnis des inneren tiefenpsychologischen Vorgangs hinter der äußeren verworrenen Handlung im Vordergrund. Freilich soll man eigentlich bei einem Kaidan die unheimlich gespenstische Geschichte nicht im voraus rationell erklärt bekommen. Sonst läuft es einem bei ihrem Anhören, heutzutage beim Anschauen, doch nicht eiskalt über den Rücken, so daß die warme Sommernacht nicht mehr kühl wird. Darauf war ja die alte Gespenstergeschichte vor allem abgezielt. Ich hoffe, daß der Spielfilm durch meine gewisse Interpretation seinen Effekt nicht verloren hat, und wünsche Ihnen viel Vergnügen an dem heutigenFilmabend.