Naoji Kimuras Leitseite

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Stand: 13.02. 2007




Höchst merkwürdig ist, daß von dem menschlichen Wesen das
Entgegengesetzte übrigbleibt:  Gehäus und Gerüst, worin und
womit sich der Geist hienieden genügte, sodann aber die  idealen
Wirkungen, die in Wort und Tat von ihm ausgingen.



                                                        Johann Wolfgang von Goethe





Kopie                                      Goethes Gartenhaus 1999                                         Original


Kurzbiographie

Publikationen in deutscher Sprache

Beiträge zum Goethejahr 1999

Wiederholte Spiegelungen

Miszellen

Dankreden

Nachrichten aus Regensburg

Goethe-Literatur in japanischer, koreanischer und chinesischer Sprache






Prof. Dr. Naoji Kimura
       
1934 geboren in Sapporo
       1965 Promotion zum Dr. phil. in München
       1975 Professor der Germanistik an der Sophia-Universität, Tokyo
       1981 Mitherausgeber des Jahrbuchs für Internationale Germanistik.
       1982 Philipp Franz von Siebold-Preis der Bundesrepublik Deutschland
       1992 Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
       1995 Ausschuß-Mitglied der IVG
       1996 Goethe-Medaille des Goethe-Instituts München
       1997 Gastprofessor der Germanistik in Regensburg (SS)
       1997 Korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung

       1998 Leiter des Instituts für die Kultur der deutschsprachigen Länder
               an der Sophia-Universität
       1999 Kuratoriumsmitglied des Deutsch-ostasiatischen Wissenschaftsforums
               in Baden-Württemberg
       2000 Emeritierung. Ehrenprofessor der Sophia-Universität
       2001 Japanisches Lektorat an der Universität Regensburg
       Juni 2003 Jacob- und Wilhelm-Grimm-Preis des DAAD
       Juni 2003 Die Goldene Goethe-Medaille der Goethe-Gesellschaft in Weimar
       Nov. 2003 Vorstandsmitglied des Instituts zur Erforschung und Förderung
              österreichischer und internationaler Literaturprozesse (INST)
       
Dez. 2004 Vizepräsident des INST: Institut zur Erforschung und Förderung
              regionaler und transnationaler Kulturprozesse (ab 9.12.2005 umbenannt)
       Feb. 2005 Vizeprasident der Deutsch-Japanischen Gesellschaft in Regensburg e.V.

 



Publikationen in deutscher Sprache

Goethes Wortgebrauch zur Dichtungstheorie im Briefwechsel mit Schiller und in den Gesprächen mit Eckermann. Max Hueber Verlag, München 1965. 238 S.
 (Münchner Dissertation. Rezension in "Germanistik" 8. Jg. 1967)

Jenseits von Weimar. Goethes Weg zum Fernen Osten. euro-sinica 8. Peter Lang Verlag, Bern 1997. 542 S.

Der "Ferne Westen" Japan. Zehn Kapitel über Mythos und Geschichte Japans. St. Ingbert 2003.

Naoji Kimura / Horst Thomé (Hrsg.): "Wenn Freunde aus der Ferne kommen" Eine west-östliche Freundschaftsgabe für Zhang Yushu zum 70. Geburtstag. Peter Lang Verlag. Bern 2005.

Der ost-westliche Goethe. Deutsche Sprachkultur in Japan. Peter Lang Verlag. Bern 2006.

(Enthalten sind darin nachstehend genannte Aufsätze)

Sprachprobleme bei der japanischen Bibelübersetzung. In: Wahrheit und Verkündi gung. Festschrift für Michael Schmaus, Paderborn 1967, Bd.I, S.237-263.


"Werther" in japanischer Übersetzung. In: Sprache und Bekenntnis. Festschrift für Hermann Kunisch, Berlin 1971, S.57-77.

Die Wertherwirkung in Japan. In: Japanisches Goethe-Jahrbuch, Bd.20, Tokyo 1978, S.69-95.


Die Goethe-Rezeption in Japan. In: Japanisches Goethe-Jahrbuch, Bd. 25, Tokyo 1983, S.1-16.


Goethes Wirkungen in Japan. In: Beiträge zur deutschen Literatur, Sophia-Universität, Nr. 22, Tokyo 1985, S.57-74.


Das Christentum als sprachliches Problem in Japan. Eichstätter Hochschulreden Nr. 51, München 1986, 21 S.

Über das Generalthema des IVG-Kongresses in Tokyo 1990. In: Perspektiven und Verfahren interkultureller Germanistik, München 1987, S.251-255.

Probleme der japanischen "Faust"-Übersetzung. In: Goethe Jahrbuch, 105. Bd., Weimar 1988, S.333-343.

Eine japanische Ausgabe von Taylors Faust-Übersetzung. In: Japanisches Goethe-Jahrbuch, Bd. 30, Tokyo 1988, S.159-176.

Goethes "Werther" und die japanische Romantik. In: Beiträge zur deutschen Literatur, Sophia-Universität, Nr. 25, Tokyo 1988, S.17-35. Wieder abgedruckt in: Fernöstliche Brückenschläge, Bern 1992, S.213-231.

Goethes Symbolbegriff. In: Das Gold im Wachs. Festschrift für Thomas Immoos, München 1988, S.331-348.

Goethe und Philipp Franz von Siebold. In: Chloe. Beihefte zum Daphnis, Bd. 7, Daß eine Nation die ander verstehen möge. Festschrift für Marian Szyrocki, Amsterdam 1988, S.391-407.

Die japanische Germanistik im Überblick. In: Jahrbuch für Internationale Germanistik, Jg. XX/Heft 1, Bern 1989, S.138-154.

Probleme der "Faust"-Rezeption in Japan. In: Vierhundert Jahre Faust. Rückblick und Analyse, Tübingen 1989, S.143-155.

"Osterspaziergang" im japanischen Deutschunterricht. In: Literatur. Verständnis und Vermittlung. Festschrift für Wilhelm Gößmann, Düsseldorf 1991, S.222-234.

Fausts Verwandlung in japanischer Sprache. In: Studien des Instituts für die Kultur der deutschsprachigen Länder, Sophia-Universität, Nr.9, Tokyo 1991, S.20-37 (Langfassung). Kurzfassung in: Übersetzen, verstehen, Brücken bauen. Geisteswissenschaftliches und literarisches Übersetzen im internationalen Kulturaustausch, hrsg. von Armin Paul Frank, Kurt-Jürgen Maaß, Fritz Paul und Horst Turk. Berlin 1993, S. 587-593.

Carlyle und Goethe. In: Beiträge zur deutschen Literatur, Sophia-Universität, Nr. 28, Tokyo 1991, S.1-21 (Langfassung). Kurzfassung in: Symposium "Deutsche Literatur und Sprache aus ostasiatischer Perspektive", Veröffentlichungen des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin, Bd. 12, Berlin 1992, S.154-164.

Carlyle als Vermittler Goethes in Japan. In: Symposium "Goethe und die Weltkultur", Veröffentlichungen des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin, Bd. 15, Berlin 1993, S.72-82.

Japanische Goetheausgaben als Meilensteine der Goetherezeption. In: Neue Horizonte der Goethe-Forschung. Untersuchungen zu den Werken Goethes: Faust und Wilhelm Meister, hrsg. v. Chan-Ki Park, Seoul 1993, S.374-386.

Rezeption 'heroischer' deutscher Literatur in Japan 1933-45. In: Symposium "Diedeutsch-japanischen Beziehungen in den 30er und 40er Jahren", Veröffentlichungen des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin, Bd. 17, Berlin 1993, S.93-106 (Kurzfassung). Langfassung in: Formierung und Fall der Achse Berlin-Tokyo, hrsg. v. Gerhard Krebs/ Bernd Martin, München 1994, S.129-151.

Hufeland und Ogata Koan. In: Japanisches Goethe-Jahrbuch, Bd. 35, Tokyo 1993, S. 171-190.

Mori Ogai als Faust-Übersetzer. In: Praxis interkultureller Germanistik. Forschung--Bildung--Politik, hrsg. v. Bernd Thum/ Gonthier-Louis Fink, München 1994, S.945-958.

Die Wanderschaft bei Goethe. In: Chinesisch-japanisches Germanistentreffen Beijing 1990. Dokumentation der Tagungsbeiträge. Beijing 1994, S.64-76.

Marksteine japanischer Überset zungsanthologien. In: International Anthologies of Literature in Translation. Göttinger Beiträge zur internationalen Überset zungsforschung, Bd. 9, hrsg. v. Harald Kittel, Berlin 1995, S.93-106.

Der atheistische Humanismus in Japan. In: Im Dialog der Kulturen. Festschrift für Tschong-Dae Kim, Seoul 1995, S.319-345.

Gestaltung des neuzeitlichen Japans durch die Jünger der sog. Holländischen Wissenschaft. In: Symposium "Das Mittelalter in der Gegenwart", Veröffentlichungen des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin, Bd. 30, Berlin 1996, S.191-202.

Übersetzung als Kulturgeschichte. Japans frühe Begegnung mit der deutschen Medizin. In: Blickwinkel. Kulturelle Optik und interkulturelle Gegenstandskonstitution, hrsg. von Alois Wierlacher und Georg Stötzel, München 1996,S.903-918.

Literarische Aspekte im japanischen Deutschunterricht. In: Deutsch in und für Asien. Schriftensammlung der 1. IDV-Regionaltagung Asien Beijing '94, Beijing 1996. S.67-73.

(Für den nächsten Sammelband vorgesehen)
Goethe auf den Schild heben: Deutsche Kulturpolitik aus japanischer Perspektive. In: Joachim Sartorius (Hg.) In dieser Armut - welche Fülle! Göttingen 1996, S.130-135.

Goethes Bedeutung für die japanische Bildungstradition. In: Sprache, Literatur und Kommunikation im kulturellen Wandel. Festschrift für Eijiro Iwasaki. Tokyo 1997, S. 427-440.

Österreichischer Wortschatz in einem deutsch-japanischen Wörterbuch. In: Rudolf Muhr u. Richard Schrodt (Hrsg.), Österreichisches Deutsch und andere nationale Varietäten plurizentrischer Sprachen in Europa. Wien 1997, S.314-329.

Goethes Alterspoetik. In: Goethe Jahrbuch. Bd. 114. Weimar 1997. S.185-197.

Konfutses Lun Yü in deutscher Übersetzung. In: Beata Hammerschmid u. Hermann Krapoth (Hrsg.): Übersetzung als kultureller Prozeß. Rezeption, Projektion und Konstruktion des Fremden. Erich Schmidt Verlag. Berlin 1998, S.213-227.

Amerikas Einfluß auf die Neuzeit Japans. Der Fall Kanzo Uchimura. In: Schnittpunkte der Kulturen. Gesammelte Vorträge des Internationalen Symposions 17.- 22. September 1996, Istanbul/Türkei. Stuttgart 1998. S.257-269.

Heines Romantische Schule in japanischer Übersetzung. In: Zhang Yushu (Hrsg.): Heine gehört auch uns. Tagungsband des Internationalen Heine-Symposiums '97 Beijing. Beijing 1998, S.372-383.

Goethe und die Wiener Moderne. In: Japanisches Goethe-Jahrbuch, Bd. 40, Tokyo 1998, S.179-194.

Die Anfänge der Goethephilologie in Wien. In: Studien des Instituts für die Kultur der deutschsprachigen Länder. Nr.16, Tokyo 1998, S.46-64.

Japan--das Europa im Fernen Osten? ImInternet: http://www.adis.at/arlt/institut

Kulturwissenschaften in der Klemme. ImInternet: http://www.adis.at/arlt/institut

Die Internationalität der sog. Japanischen Romantischen Schule. In: Gesa von Essen/ Horst Turk (Hgg.), Unerledigte Geschichten. Der literarische Umgang mit Nationalität und Internationalität. Göttingen 2000. S. 362- 377.

Goethes Begriff der deutschen Nation. In: Sabine Doering/ Waltraud Maierhofer/ Peter Philipp Riedl (Hgg.), Resonanzen. Festschrift für Hans Joachim Kreutzer. Würzburg 2000. S. 141- 151.

Die nationalsozialistische Lyrik in japanischer Übersetzung. In: Julia Bertschik/ Elisabeth Emter/ Johannes Graf (Hgg.), Produktivität des Gegensätzlichen. Festschrift für Horst Denkler. Tübingen 2000. S. 149-160

Weltliteratur als Weltkultur. In: Studien des Instituts für die Kultur der deutschsprachigen Länder. Nr. 17. Sophia-Universität. Tokyo 1999, S. 31-42

Goethe und die japanische Mentalität. In: Studien des Instituts für die Kultur der deutschsprachigen Länder. Nr. 18. Sophia-Universität. Tokyo 2000, S. 171-185

Goethe im Internet. In: Trans. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften. Nr. 9 (http://www.inst.at/trans/9Nr/kimura9.htm)

Goethes Weg zum Fernen Osten. In: Japanisches Goethe-Jahrbuch. Tokyo. Bd. 42 (2000). S. 7-23.

Gerhard Schumanns Sonett "Der 30. Januar 1933" -- Das Jahr der politischen Täuschungen. In: Das Gedichtete behauptet sein Recht. Festschrift für Walter Gebhard. Hrsg. von Klaus H. Kiefer, Armin Schäfer und Hans-Walter Schmidt-Hannisa. Frankfurt a.M. 2001. S. 397-407.

Goethes Wahlverwandtschaften und die japanische Romantik. In: Friedhelm Marx/Andreas Meier (Hrsg.), Der europäische Roman zwischen Aufklärung und Postmoderne. Festschrift für Jürgen C. Jacobs. Weimar 2001. S. 51-62.

Literarische Übersetzung als Kanonbildung. In: Michaela Auer / Ulrich Müller (Hrsg.), Kanon und Text in interkulturellen Perspektiven: "Andere Texte anders lesen". Verlag Hans-Dieter Heinz. Akademischer Verlag Stuttgart 2002. S. 45-55.

Die japanische Geschichte im Gedächtnis der Götter. In: Herbert Arlt (Hrsg.), Erinnern und Vergessen als Denkprinzipien. Röhrig Universitätsverlag. St. Ingbert 2002. S. 89-99.

Der Berg Fuji in der japanischen Kunst. In: Herbert Arlt (Hrsg.), Realität und Virtualität der Berge. Röhrig Universitätsverlag. St. Ingbert 2002. S. 29-46.

Die virtuelle Geschichte in der japanischen Mythologie. In: Jura Soyfer. Internationale Zeitschrift für Kulturwissenschaften 1/2002. S. 9-14.

Kontinentalität und Transkontinentalität am Beispiel Eurasiens. In: Jura Soyfer. Internationale Zeitschrift für Kulturwissenschaften 4/2002, S. 3-8. Wien 2003.

Der gespaltene Kontinent Eurasien. In: Ibykus. Zeitschrift für Poesie, Wissenschaft und Staatskunst, 22. Jg. H. 82/2003, S. 30-32.

Die Entsagung für den totalitaren Staat. Goethes Staatsidee im Japan der dreißiger Jahre. In: Walter Gebhard (Hrsg.), Ostasienrezeption im Schatten der Weltkriege. Universalismus und Nationalismus. München 2003, S. 81-94.

Die japanische Goetheforschung im Schatten der völkischen Literaturwissenschaft. Im: Jahrbuch für Internationale Germanistik. Akten des X. Internationalen Germanistenkongresses Wien 2000. Bern 2003, S. 271-276.

Lob der Goethephilologie. Dankrede auf den Jacob- und Wilhelm Grimm-Preis des DAAD. Bonn 2003.

Die japanische Tradition der Liebesgedichte. In: Monika Schmitz-Emans (Hrsg.), Transkulturelle Rezeption und Konstruktion. Festschrift fur Adrian Hsia. Synchron Publishers. Heidelberg 2004, S. 121-133.

Auslandsgermanistik als Kulturwissenschaft. In: Zhang Yushu / Horst Thomé (Hrsg.), Literaturstraße. Chinesisch-deutsches Jahrbuch für Sprache, Literatur und Kultur. Band 5 (2004), Würzburg 2004, S. 7-20.

Fukuo-Jiden. Lebensschilderungen eines Liberalen in der Meiji-Zeit. In: Naoji Kimura & Horst Thomé (Hrsg.): gWenn Freunde aus der Ferne kommenh Eine west-östliche Freundschaftsgabe für Zhang Yushu zum 70. Geburtstag. Peter Lang Verlag. Bern 2005. S. 305-327.

Ein traditionelles Bunraku-Puppentheaterstück im Kulturfilm "Das Wunder der Tsubosaka-Kannon". In: Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften Trans Nr. 16, Februar 2006. Sek. 9.1. Erneuerung der literarischen Tradition durch neue Medien.


Der Goethe-Schiller-Briefwechsel als Kulturerbe der deutschen Klassik. In:
hLiteraturstrasseg. Chinesisch-deutsches Jahrbuch für Sprache, Literatur und Kultur. Band 7. Verlag Königshausen & Neumann. Würzburg 2007, S. 45-57.

Hintergrund der Zen-Rezeption in Europa. In: Walter Gebhard (Hg.), Ostasienrezeption in der Nachkriegszeit. Kultur-Revolution \ Vergangenheitsbewältigung \Neuer Aufbruch. Iudicium Verlag.
München 2007, S. 167-190.


(Stand: 3. Febr. 2007)


Beiträge zum Goethejahr 1999

Goethe als Symbol deutscher Kultur

Als man die Feier des hundertjährigen Geburtstags von Goethe beging, stand nach Viktor Hehn der Nachruhm des Dichters unter dem deutschen Volk am niedrigsten.1 Dagegen war es Ende 1899, als Rudolf Huch sich mit seinem kulturkritischen Büchlein Mehr Goethe gegen unverhältnismäßig wenig Goethe-Einfluß durch das Übermaß an Goethe-Philologie wandte. Nicht so radikal wie Nietzsche, doch ironisch und satirisch bemerkte er dazu im 150. Geburtsjahr Goethes: "Geredet wird in der deutschen Literatur allerdings sehr viel mehr als genug über Goethe und sein Werk. Aber das ist die schlechte Komödie, die schale Ironie, die sich in der Geschichte der Kunst so gut findet wie in der großen Welt, daß von einem wirklichen Einfluß Goethes auf die Literatur unserer Zeit nichts, aber auch gar nichts zu spüren ist."2 Nach Max Kommerell betraf diese literarische Situation vor allem die Jugendbewegung in der Jahrhundertwende.3

Seitdem hat die Goethe-Feier sich in den Jahren 1932, 1949 und 1982 wiederholt, und jedes Mal wurde Goethe in der ganzen Welt nicht nur als "Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters"4, sondern auch als "Vertreter der Menschheit" verehrt.5 Mit Recht sprach der Elsässer Ernst Barthel bereits 1929 von "Goethe als dem Sinnbild deutscher Kultur". Abgelehnt wurde im Ausland nur "Goethe der Deutsche" eines Adolf Bartels zum Goethejahr 1932, wie Thomas Mann denn auch in seinem Aufsatz "An die japanische Jugend" aus dem gleichen Anlaß vor den sogenannten Provinzlern des Geistes warnte: "Geflissentlich nennen sie den echten und den wohlfeilen Weltruhm in einem Atem und meinen so das Mehr-als-Nationale zugleich mit dem Unter- und Zwischennationalen zu verunglimpfen."6 Nach den schweren Jahren des Nationalsozialismus und nach dem Fall der Berliner Mauer ist man in Deutschland glücklicherweise wieder so liberal und international eingestellt, daß beispielsweise im bekannten Kunstfest Weimar schon eine Veranstaltungsreihe unternommen worden ist, die eine Brücke zwischen Traditionsbezügen, Gegenwartsinteresse und dem Geist der Weimarer Klassik zu schlagen sucht.7 Vorausgegangen war allerdings ein Symposium deutscher und japanischer Goetheforscher zu einem ähnlichen Rahmenthema, das im Dezember 1991 im Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin stattfand.8 Um die globalen Auswirkungen im Goethejahr 1999 zu erfassen, braucht man im Computer nur die URL-Adresse: www.goethe-net.de abzurufen.

Wenn Goethe also immer noch weltweit als Symbol deutscher Kultur gilt, erscheint es kein Zufall, daß Weimar schon lange für das 250. Geburtsjahr Goethes zur Kulturstadt Europas bestimmt worden ist. Wurde doch die kulturpolitische Bedeutung dieser Stadt vor aller Augen dadurch offenkundig, daß ein Jahr nach der Wiedervereinigung Deutschlands hier das französische Staatsoberhaupt François Mitterrand im September 1991 mit dem Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker zusammentraf. Im September 1993 besuchte auch das japanische Kaiserpaar diese Stadt aus Anlaß einer dreitägigen Reise nach Berlin, um auf diese Weise der deutschen Kultur die traditionelle Hochachtung und geistige Verbundenheit des japanischen Volkes zu bezeugen. Wie damals die ganze gebildete Welt an Goethe schrieb und viele namhafte Wissenschaftler und Künstler zu ihm nach Weimar wallfahrteten, so hat man wohl mit solcher Wiederbelebung der Stadt gerechnet, als man symbolisch genug für die deutsche Einheit gleich mit der Restaurierung des Goethe-Schiller-Denkmals vor dem Weimarer Nationaltheater anfing. Berlin ist mit seinem welthistorisch bedeutsamen Wahrzeichen Brandenburger Tor zweifellos die politische Bundeshauptstadt. Auch steht sie als die Stadt von Wilhelm und Alexander von Humboldt für das allmählich vollzogene Zusammenwachsen von "Ossi" und "Wessi" symbolisch da. Aber im Sinne des deutschen Föderalismus soll Weimar offensichtlich kulturelle Hauptstadt Deutschlands bleiben, während Bonn mit den vier Institutionen: Deutscher Akademischer Austauschdienst, Alexander von Humboldt-Stiftung, Deutsche Forschungsgemeinschaft sowie Inter Nationes sich als die wissenschaftliche Hauptstadt Deutschlands erweisen wird. Inzwischen ist Frankfurt am Main über die wirtschaftliche Hauptstadt Deutschlands hinaus zu Europas Finanz-Zentrum geworden.

Es gibt eine weitere deutsche Institution, die eine andere Aufgabe hat als die obengenannten wissenschaftlichen Institutionen und nichtsdestoweniger wichtig ist. In der Tat trägt sie nicht zu Unrecht den Namen des größten deutschen Dichters und heißt Goethe-Institut. Sie ist mit ihrem internationalen Organisationsnetz in allen Ländern der Welt bekannt wie Goethe selbst, und ihre Aufgabe besteht darin, die deutsche Sprache im Ausland zu fördern und deutsche Kultur unter den Gebildeten aller Länder zu verbreiten. Es war also naheliegend und fast selbstverständlich, daß am 8. Mai 1996 in Weimar ein Goethe-Institut durch Bundeskanzler Helmut Kohl eröffnet wurde, und zwar in der stattlichen Residenz der Frau von Stein, die sowohl dem Goethehaus am Frauenplan als auch dem Gartenhaus Goethes so nahe liegt. Dadurch trat das Anliegen des Goethe-Instituts, sein kulturelles Tor auch den Nachbarländern in Osteuropa offenzuhalten, immer deutlicher zutage, so wie der DAAD gleich nach der Beendigung des kalten Krieges in Frankfurt an der Oder eine Universität ohne Campus gründete, um den deutsch-polnischen akademischen Austausch so schnell wie möglich zu fördern. Überhaupt hat der DAAD durch seine überaus zahlreichen Stipendien die Vorliebe der akademischen Jugend in der Welt für Deutschland gewonnen, und die durch die Humboldt-Stiftung geförderten ausgewiesenen Wissenschaftler verschiedenster Provenienz haben das freudige Lebensgefühl, gleichsam einer internationalen Akademie der Wissenschaften anzugehören. Wenn Deutschland trotz des Nationalsozialismus im Ausland immer noch als eine Kulturnation hochgeachtet und beliebt ist, so verdankt es dies vor allem dieser auswärtigen Kulturpolitik, was Japan leider bis heute weitgehend versäumt hat. Jeder vernünftige Politiker müßte eigentlich begreifen, daß es sich dabei um eine Überlebensfrage einer traditionsreichen Kulturnation handelt.

Freilich ist Deutschland nicht nur in der Kulturpolitik Vorbild für Japan. In der Vergangenheitsbewältigung sowie im Umweltschutz ist es vorbildlich genug, ferner in der entschiedenen Bereitschaft, eingedenk des christlichen Abendlandes sich zu Europa zu bekennen und tatkräftig für das Zustandekommen der EU einzutreten. Deshalb hat man sich in Japan über die Wiedervereinigung Deutschlands wirklich mit den Deutschen gefreut. Ein Jahr danach bedankte sich der deutsche Botschafter bei einer Neujahrsfeier der Japanisch-Deutschen Gesellschaft in Tokyo dafür, indem er deutsche Gäste darauf hinwies, die deutsche Einheit sei nur in Japan vorbehaltlos begrüßt worden. Was den Japanern, insbesondere den japanischen Germanisten vielversprechend vorkam, war die mit der Vereinigung der beiden Teile Deutschlands einhergehende kulturelle Bereicherung. Sind doch Frankfurt am Main und Weimar wieder Städte eines Landes, so daß auch die japanischen Germanisten, die sich hauptsächlich mit der Goethezeit bzw. mit der deutschen Klassik und Romantik beschäftigten, sich von der Beklommenheit dispensiert haben fühlen können, wie sie seinerzeit Thomas Mann bei seiner Ansprache im Goethejahr 1949 in der Paulskirche zu Frankfurt am Main überfiel. Sie wußten, daß die alte Bundesrepublik Deutschland sich kulturpolitisch viel leisten konnte, und erwarteten, daß die neue Bundesrepublik Deutschland noch intensiver oder zumindest in gleichem Ausmaß ihre kultur-politischen Aufgaben wahrnehmen würde. Aber angesichts der schwierigen Wirtschaftslage im Zuge der Wiedervereinigung werden überall in Deutschland auf dem Gebiet der Kultur Kürzungen oder Streichungen vorgenommen, und es ist vorübergehend sogar eine gespenstische Stimme vernehmbar geworden: "Goethe in Geldnot"9, wie wenn einst eines der vier grauen Weiber im 5. Akt des Faust II dem altgewordenen Helden dies zugeflüstert hätte. Den Mangel hat Deutschland durch das Wirtschaftswunder vertrieben, die Schuld hat es durch sein gewissenhaftes Verhalten überwunden, und die Sorge ist es durch die Wiedervereinigung losgeworden. Warum sollte das vereinigte, kulturell bereicherte Deutschland von finanzieller Not befallen, plötzlich verarmt sein? Es war verwunderlich, daß diese kritische Lage in dem Augenblick entstanden ist, als die kostspielige politisch-militärische Spannung zwischen Ost und West aufhörte zu existieren.

Der wichtigste Partner für das Goethe-Institut ist natürlich die Japanische Gesellschaft für Germanistik mit ihren annähernd 2700 Mitgliedern. Da diese grundsätzlich Hochschulgermanisten sind, ist dabei eine Koordination der Tätigkeitsbereiche des DAAD und des Goethe-Instituts unumgänglich, wenngleich von japanischer Seite manchmal die gleichen Personen mit den beiden Institutionen zusammenarbeiten. Eine solche Koordination ist beispielsweise im März 1989 getroffen worden, als das sogenannte Tateshina-Ferienseminar, das das Goethe-Institut Tokyo 30 Jahre lang finanziell unterstützt hatte, als reiner Wissenschaftsbereich dem DAAD abgetreten wurde. Dafür intensivierte das Goethe-Institut die Zusammenarbeit mit dem Deutschlehrerverband innerhalb der Japanischen Gesellschaft für Germanistik und entsandte im Rahmen des integrierten Deutschlandsemesters zunächst 15 junge japanische Germanisten für ein halbes Jahr nach München, beginnend mit dem September 1980. Nach der Rückkehr haben sie im Mai 1990 auf einem Symposium der japanischen Germanistentagung über ihre Erfahrungen berichtet. Seither finden alle zwei Jahre in Tokyo hochkarätige Fachseminare für die Didaktik des Deutschunterrichts statt.10

Im Kulturbereich ist das Angebot des Goethe-Instituts an Programmen so zahlreich und verschiedenartig, daß eine Bestandsaufnahme an dieser Stelle nicht möglich ist. Als Beispiel sollen nur einige eindrucksvolle Veranstaltungen angeführt werden: Im Rahmen des VIII. IVG-Kongresses im August 1990 lud das Goethe-Institut Tokyo die Münchner Kammerspiele mit der Faust-Aufführung von Dieter Dorn in Kooperation mit der IVG ein und veranstaltete mit der Japa-nischen Goethe-Gesellschaft zusammen eine Ausstellung "Goethes Faust in Dokumenten und Originalmanuskripten". Im Oktober 1990 veranstaltete es dann ein deutsch-chinesisch-koreanisch-japanisches Symposium "Faust in Ost und West" zusammen mit der Sophia-Universität Tokyo, ein internationales Symposium mit der Ausstellung "Goethes Faust im Fernen Osten", das es in der Art noch nie gegeben hatte.11 Bahnbrechend dafür waren die zwei vorangegangenen bilateralen Symposien: das koreanisch-japanische Germanistik-Symposium im April 1989 in Seoul, an dem das Goethe-Institut Seoul mitwirkte,12 und das chinesisch-japanische Germanistik-Symposium im März 1990 in Peking, an dem das Goethe-Institut Peking ebenfalls mitwirkte.13 Eine solche internationale Zusammenarbeit anläßlich des IVG-Kongresses in Tokyo führte schließlich zu dem ersten ostasiatischen Germanistentreffen im August 1991, das im Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin mit finanzieller Unterstützung des DAAD und der Humboldt-Stiftung zustande kam.14 Da auf diesen Tagungen miteinander wie auch mit den deutschen Teilnehmern ausschließlich auf deutsch gesprochen wurde, gilt die deutsche Sprache seitdem unter den ostasiatischen Germanisten als eine zur Völkerverständigung dienende und freundschaftstiftende Lingua franca. Es versteht sich von selbst, daß sie der deutschen Sprache und den deutschen Institutionen dafür sehr verbunden sind. So konnte im August 1994 zum ersten Mal eine Regionaltagung des Internationalen Deutschlehrer-Verbandes (IDV) in Peking stattfinden, an der chinesische, koreanische und japanische Germanisten mit deutschen, amerikanischen und vielen anderen ostasiatischen Germanisten bzw. Deutschlehrern freundschaftlich teilgenommen haben.15 Nach dem darauf folgenden ostasiatischen Germanistentreffen im August 1997 in Seoul16 ist das nächste für den August 1999 in Fukuoka vorgesehen.

Wenn die deutsche Sprache nicht nur in Osteuropa, sondern auch in Ostasien kulturell von so großer Tragweite ist, wird das Teamwork der Goethe-Institute Tokyo, Seoul und Peking besonders im Wortbereich notwendig und sinnvoll. Ein deutscher Wissenschaftler oder Künstler sollte z.B. seine Vortragsreise auf Einladung des Goethe-Instituts soweit wie möglich immer darauf ausrichten, diese Städte nacheinander zu besuchen. Das wäre für ihn selbst ein wichtiges Erlebnis, um feine Unterschiede in den ostasiatischen Kulturen festzustellen. Oder eine Ausstellung sollte nach Möglichkeit von Anfang an als eine Wanderausstellung konzipiert werden. Bei allen Projekten werden die Germanisten in China, Korea und Japan, die nunmehr durch die gemeinsame Sprache Deutsch miteinander befreundet sind, gern mithelfen. Durch die weltweite Entwicklung von Internet wird Englisch zwar immer mehr praktische Kommunikationssprache unter allen Nationen. Gegen diese Tendenz ist faktisch nichts zu machen. Selbst deutsche Naturwissenschaftler und Mediziner publizieren ihre Abhandlungen in englischer Sprache.17 Auf der anderen Seite behält Französisch sein Recht als offizielle Konferenz-sprache in der EU und wird weiterhin in der vornehmen Gesellschaft gebraucht.

In dieser Situation soll sich Deutsch mindestens in Japan oder Ostasien traditionsgemäß als Bildungssprache behaupten. "Quod si sal evanuerit, in quo salietur?" Ins geliebte Deutsch Fausts übersetzt heißt das: "Wenn das Salz schal wird, womit soll man es dann salzen?" Genau besehen lautet die in der Satzung verankerte Bezeichnung des Goethe-Instituts: "zur Pflege der deutschen Sprache im Ausland und zur Förderung der internationalen kulturellen Zusammenarbeit".18 Die deutsche Sprache ist also ein wertvolles Mittel für das Ziel, einen deutschen Beitrag zur sich heranbildenden Weltkultur zu leisten, wie Goethe als erster die Idee der Weltliteratur ins Auge faßte.19 Die Japaner lieben deswegen den Universalisten und Weltburger Goethe und schätzen die deutsche Kulturinstitution mit dem gleichen Namen in demselben Sinne.


Anmerkungen

1   Vgl. Victor Hehn: Gedanken über Goethe, 7. Aufl. Berlin 1909. S. 188.

2   Rudolf Huch: Mehr Goethe. 2. Aufl. München u. Leipzig 1904, S. 10.

3   Vgl. Max Kommerell: Jugend ohne Goethe. Frankfurt a.M. 1931.

4   Vgl. Thomas Mann: Goethe's Laufbahn als Schriftsteller. Zwölf Essays und Reden zu Goethe. Fischer Taschenbuch 5715. S. 7 ff.

5   Vgl. Ralph Waldo Emerson: Vertreter der Menschheit. 2. Aufl. Jena 1905.

6   Vgl. Thomas Mann: An die japanische Jugend. In: Goethe-Studien. Japanisch-deutscher Geistesaustausch. Heft 4. Japanisch-deutsches Kultur-Institut. Tokyo 1932. S. 5.

7   Vgl. Sichtweisen "Nationalismus und Weltbürgertum", hrsg. von Stiftung Weimarer Klassik und DC Bank. Weimar 1994.

8   Vgl. Veröffentlichungen des JDZB, Bd. 15: Goethe und die Weltkultur. Berlin 1993.

9   Vgl. Hans Magnus Enzensberger: Auswärts im Rückwärtsgang. In: Der
Spiegel 37/1995.

10  Vgl. Deutschunterricht in Japan, hrsg. von Goethe-Institut Tokyo / Goethe-Institut Osaka. Tokyo 1992. Vgl. ferner Stefanie Kaufmann: Die Förderung von Deutsch als Fremdsprache durch die Goethe-Institute in Japan. In: Ulrich Ammon (Hg.): Die deutsche Sprache in Japan. Verwendung und Studium. München 1994.

11  Vgl. Symposium "Goethes Faust in Ost und West". In: Studien des Instituts für die Kultur der deutschsprachigen Länder, Sophia-Universität, Nr. 8. Tokyo 1990.

12  Vgl. Dokumentation des 1. Symposiums der koreanischen und der japanischen Germanisten: Rezeption der deutschen Literatur in Japan und Korea. In: Dogilmunhak. Koreanische Zeitschrift für Germanistik. 30. Jg. 1989. Heft 42. S. 276-366.

13  Vgl. Chinesisch-japanisches Germanistentreffen Beijing 1990. Dokumentation der Tagungsbeiträge. Peking 1994.

14  Vgl. Veröffentlichungen des JDZB, Bd. 12: Deutsche Literatur und Sprache aus ostasiatischer Perspektive. Berlin 1992.

15  Vgl. I. IDV - Regionaltagung Asien Beijing 94. Deutsch in und für Asien.
Dokumentation der Tagungsbeiträge. Peking 1996.

16  Vgl. Asiatische Germanistentagung 1997. Literatur im multimedialen Zeitalter - Neue Perspektiven der Germanistik in Asien. 2 Bde. Seoul 1998.

17  Vgl. Wolf Peter Klein: Pidgin als Weltsprache. Der Rückgang des Deutschen in den Wissenschaften. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 14. Okt. 1998, Nr. 238 / Seite N 5.

18  Die symbolische Bedeutung dieser kulturellen Einrichtung wurde im Goethe-Jahr 1999 erneut bestätigt. Vgl. die Rede, die der Alt-Bundespräsident Roman Herzog aus Anlas des 250. Geburtstages von Johann Wolfgang von Goethe am 14. April 1999 im Kaisersaal des Frankfurter Römer hielt.

19  Vgl. Bericht vom Symposium "Goethes Begriff der Weltliteratur". Weimar 18. bis 21. März 1997, hrsg. von Goethe-Institut München 1997.

Eine leicht veränderte, mit Anmerkungen versehene Fassung des Beitrags in: Joachim Sartorius (Hrsg.) In dieser Armut - welche Fülle!. Göttingen 1996. S. 130-135.




Goethes Bedeutung in Japan

Wie in der ganzen Welt wird das Goethejahr 1999 auch in Japan gefeiert. Aber wie? Die Initiative ergriff die Goethe-Gesellschaft in Japan, indem sie rechtzeitig einen reichhaltigen Veranstaltungsplan entwarf und mit einer Aktion für Geldspenden begann. Trotz der schlechten Wirtschaftslage ist die erforderliche Summe in einem halben Jahr mit großzügigen Spenden von Mitgliedern, Germanistikprofessoren, verschiedenen Firmen sowie Universitäten und Verlagen leicht erzielt worden. Japanische Gebildete haben also anscheinend immer noch viel übrig für Johann Wolfgang von Goethe, der im allgemeinen als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters angesehen wird.

Geplant waren Veranstaltungen in den Städten Sapporo, Sendai, Tokyo, Matsumoto, Toyama, Kyoto, Osaka, Tokushima und Fukuoka, also faktisch landesweit von Norden bis Süden. Es handelte sich dabei um mannigfaltige Vorträge, Symposien, Liederabende, Ausstellungen von Goethe-Übersetzungen und Aufführungen von Urfaust, - alle Programme wurden detailliert im Internet angekündigt. Als Höhepunkt ist ohne Zweifel ein internationales Symposium "Goethe - Wirkung und Gegenwart" Ende Oktober 1999 anzusehen, zu dem das Institut für die Kultur der deutschsprachigen Länder an der Sophia-Universität und das Goethe-Institut Referenten aus allen deutschsprachigen Ländern, den USA, China und Korea einluden.

Von der Wirkung Goethes in der Vergangenheit zu sprechen, fällt mir nicht schwer, wie eine Vielzahl der Goethe betreffenden Primär- und Sekundärliteratur in japanischer Sprache bezeugt. Aber seine Wirkung in der Gegenwart erscheint problematisch - trotz der eben erwähnten Tatsachen. Im Grunde sind es relativ wenige Gebildete der älteren Generation, die sich in Japan für Goethe engagieren. Es gibt selbst unter den japanischen Germanisten nicht sehr viele, die sich wie früher speziell mit Goethe und mit der Goethezeit überhaupt beschäftigen. Wie soll man diese rezeptionsgeschichtliche Situation am Ende des 20. Jahrhunderts beurteilen?

Es gehört immerhin zum gesunden Menschenverstand aller japanischen Germanisten, daß sie etwas von Goethe wissen. Insofern beschäftigen sie sich im Laufe ihres Studiums mehr oder weniger mit der Goethezeit und kommen in ihrer Lehrtätigkeit vielfach darauf zu sprechen. Es gehört zur Allgemeinbildung aller japanischen Studenten, daß sie in der Jugend die wichtigsten Werke der Weltliteratur gelesen haben müssen, zu denen selbstverständlich Goethes Faust gerechnet wird. Die Leiden des jungen Werther oder Liebesgedichte Goethes werden viele von ihnen lesen, ohne aufgefordert zu werden. Einige Gedichte von ihm sind durch die Lied-Kompositionen eines Franz Schubert oder Hugo Wolf so bekannt und beliebt wie Schillers Gedicht "An die Freude" in der Neunten Symphonie Beethovens.

Kritisch wird die Kenntis der akademischen Jugend im Hinblick auf Goethes andere Werke, vor allem bei seinem eigentlich für sie so wichtigen Bildungsroman und seinen klassischen Dramen. Es gibt nämlich auf dem japanischen Buchhandel keine Taschenbuchausgaben mehr für Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre, Iphigenie oder Tasso, obwohl alle diese Werke in der 15bändigen japanischen Goetheausgabe des Ushio-Verlags enthalten sind. Glücklicher-weise sind Dichtung und Wahrheit sowie der Roman Die Wahlverwandtschaften immer noch in der bekannten Iwanami-Bücherei zu finden. Aber die Italienische Reise ist schon lange vergriffen. Da es heutzutage wirklich eine Zumutung für die Studenten ist, diese Werke in der deutschen Originalsprache zu lesen, braucht man im Literaturunterricht gute japanische Übersetzungen. Leider ist das nicht mehr der Fall wie bei den anderen beliebteren Autoren wie Hermann Hesse, Thomas Mann, Kafka, Rilke u.a.m.

Aber ich bedaure diese japanische "Jugend ohne Goethe" (Max Kommerell) nicht zu sehr, finde es vielmehr richtig, daß sie sich für moderne Autoren interessiert, weil sie heute mit anderen Problemen konfrontiert ist als mit denen der Goethezeit. Bedenklich ist nur, daß sie mit den deutschen Schriftstellern der unmittelbaren Gegenwart, selbst mit Böll, Grass oder Martin Walser fast nichts anzufangen weiß. Dagegen bleibt es m. E. die Aufgabe für die japanischen Goetheforscher, die zukunftsträchtige Bedeutung Goethes auf dem Weg zum 21. Jahrhundert zu entdecken und deren Glaubwürdigkeit ihren Studenten begreiflich zu machen.

Der Artikel entnommen dem Ausstellungskatalog der Frankfurter Buchmesse 1999: Goethe in 1000 Zungen. Eine internationale Buchausstellung in 45 Sprachen mit über 700 Büchern aus 55 Ländern.




Wiederholte Spiegelungen


Goethe auf dem Weg zum Fernen Osten

0. Einleitung:
Die von Goethe konzipierte Weltliteratur kommt durch die Übersetzung sprachlicher Meisterwerke zustande, was aber ausreichende Kenntnisse der Ausgangs- und Zielsprache voraussetzt. Wenn sie noch nicht vorhanden sind, müssen sie durch andere nonverbale Kenntnisse wie Medizin oder Naturgeschichte ergänzt werden, bis eine vertiefte Kommunikation überhaupt erst möglich wird.1 Es war genau drei hundert Jahre nach der Ankunft des deutschen Weltreisenden Engelbert Kaempfers (1651-1716), daß der 8. Weltkongreß der IVG 1990 in Tokyo stattgefunden hat. Der Kongreß, dessen Generalthema bezeichnenderweise "Begegnung mit dem 'Fremden'" hieß, stand unter dem Zeichen von Goethes bekanntem Gedicht "Gingo biloba" aus dem West-östlichen Divan. Das Gedicht wurde nicht nur von Prof. Eijiro Iwasaki, dem damaligen Präsidenten der IVG, in seinem Grußwort zum Hauptprogramm zitiert, sonden die Originalhandschrift wurde auch im Rahmen einer Faust-Ausstellung mit den Exponaten aus dem Goethe-Museum Düsseldorf gezeigt.

Bei der Gelegenheit wurde durch die Herausgabe einer Sonderbriefmarke eines Mannes gedacht, der sich in besonderer Weise für die Einführung der deutschen Literatur nach Japan verdient gemacht hatte. Es war kein geringerer als der Dichtergelehrte Mori Ogai (1862-1922), der ohne Zweifel als Wegbereiter der Goethe-Rezeption in Japan gilt. Um seine Bedeutung angemessen einzuschätzen und seine Leistungen in die ganze Geschichte der Goethe-Rezeption im Fernen Osten einzuordnen, muß man aber die lange Vorgeschichte vor seiner literarischen Tätigkeit kennen. Da kommt zuerst durch eine entfernte geschichtliche Beziehung eben Engelbert Kaempfer aus Lemgo, Westfalen, in den Blick und dann der große Japanforscher Philipp Franz von Siebold aus Würzburg (1796-1866), der im Jahre 1823, also in dem Jahr von Eckermanns Ankunft in Weimar, als Stabsarzt in niederländischen Diensten nach Nagasaki gekommen war. Siebold als solcher hat mit Goethe nichts zu tun, erscheint jedoch insofern beachtenswert, als er noch zu Lebzeiten des Dichters nach Japan kam und sein Förderer Nees von Esenbeck - er war Präsident der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina -- der botanische Freund Goethes war. Zudem gehörten seine beiden Onkel Barthel und Elias zum Schülerkreis des Jenaer Medizinprofessors Justus Christian Loder und trafen in Hörsälen ab und zu mit Goethe zusammen.

1. Engelbert Kaempfer und der Ginkgobaum im Heidelberger Schloßgarten:
Was die entfernte geschichtliche Beziehung anbelangt, so steht bekanntlich im Heidelberger Schloßgarten ein alter Ginkgobaum, der den alternden Dichter Goethe im September 1815 beim Wiedersehen Marianne von Willemers zu jenem symbolischen Liebesgedicht angeregt haben soll. Vor Jahren hat ein Japaner mit allen Mitteln versucht, das Alter des als chinesischer Herkunft ausgeschilderten Baumes zu bestimmen, um so dessen Identität mit dem von Goethe besungenen Gingo biloba plausibel zu machen. Nachweisen konnte er zwar nicht, daß der Baum tatsächlich Mitte des 18. Jahrhunderts aus Japan über England nach Deutschland transportiert, also wörtlich übers Meer übergesetzt worden sei. Aber es war immerhin kein anderer als Engelbert Kaempfer, der den Ginkgobaum in seinem Werk Amoenitates exoticae (1712) - teilweise ins Deutsche übersetzt unter dem Titel Seltsames Asien -- zum erstenmal in Europa bekannt gemacht hatte.2 Er hatte die zwei chinesischen Schriftzeichen für den betreffenden Baum phonetisch als Ginkyo wiedergegeben, das aber irrtümlich als Ginkgo gedruckt wurde. Kulturgeschichtlich geht Goethes geistige Begegnung mit Japan also letztlich auf diesen deutschen Arzt zurück.

2. Goethes angebliche Kenntnis von Japan:
Die Beziehungen Kaempfer - Japan - Goethe bestehen jedoch in einem anderen, merkwürdigen Zusammenhang und müssen noch philologisch genau untersucht werden. In der Weimarer Ausgabe Bd. 42, 2 befindet sich nämlich ein Goethe zugeschriebener kurzer Aufsatz mit dem von Eckermann stammenden Titel "Vorschlag zur Einführung der deutschen Sprache in Polen". Der undatierte Aufsatz scheint wegen des angeblichen Plädoyers von Goethe für eine preußisch-nationale Kulturpolitik aufgenommen worden zu sein. Dennoch hat er schon lange die Aufmerksamkeit japanischer Germanisten bzw. deutscher Japanologen auf sich gezogen, weil er einen Passus enthält, der von einem frühen Interesse des Dichters an Japan Zeugnis abzulegen scheint: "Wir lesen bei Kämpfer, daß der japanische Kaiser sich sehr unterhalten gefunden, als ihm die Holländer ihre gewöhnlichen Reverenzen, Begegnungen und täglichen Handlungen vorgespielt."3 Obwohl diese Stelle offensichtlich den Schogun mit dem Kaiser verwechselt, schien sie zweifellos dem Bericht Engelbert Kaempfers zu entsprechen, der sich vom September 1690 bis November 1692 wie später Siebold im Dienst der niederländisch-ostindischen Kompanie auf der Insel Dejima in Nagasaki aufhielt. In seinem posthum erschienenen Hauptwerk Geschichte und Beschreibung von Japan (1777/79) führte er u.a. über seine erste Hofreise nach Edo (dem heutigen Tokyo) aus: "Bald musten wir nämlich aufstehen und hin und her spatzieren, bald uns unter einander komplimentiren, dann tanzen, springen, einen betrunkenen Man vorstellen, Japanisch stammeln, malen, Holländisch und Deutsch lesen, singen, die Mäntel bald um- und wieder wegthun, u.d.gl., ich an meinem Theile stimte hiebei eine Deutsche Liebesarie an."4

Die Tatsache, daß Kaempfers Werk nicht aus seiner deutschen Originalhandschrift, sondern zuerst in englischer Übersetzung erschienen war und dann über die französische Übersetzung dieser englischen Übersetzung ins Deutsche zurückübertragen wurde, war damals unbekannt.5 Die echte deutsche Ausgabe wurde nachträglich von Karl Christian Dohm, dem späteren Hauslehrer Alexander von Humboldts, besorgt. Es versteht sich von selbst, daß aus einer solchen Übersetzungsgeschichte eine Unmenge Mißverständnisse über Japan entstanden waren. Unabhängig davon hat sich inzwischen überraschend herausgestellt, daß der genannte Aufsatz im Hinblick auf Goethes Autorschaft sehr zweifelhaft ist. Dafür führt der bekannte Goetheforscher Erich Trunz acht philologische Gründe an und kommt zu dem Schluß: "Wie die vorstehenden Ausführungen zeigen, habe ich keinen handfesten Beweis, um diesen Aufsatz Goethe abzusprechen, etwa eine Erwähnung in einem Brief oder dergleichen. Doch Suphan hatte ebensowenig einen sicheren Beweis, ihn Goethe zuzusprechen. Da nun der eine Philologe den Aufsatz Goethe zugesprochen hat und der andere ihn ihm abspricht, schlage ich vor, ihn als 'zweifelhaft' zu bezeichnen."6 Demnach ist höchst wahrscheinlich, daß der Aufsatz von einem Mann stammt, dem "Goethe einen Gefallen tun wollte und dem er den Aufsatz durchkorrigiert hat."

3. Berichte über China, Korea und Japan in Herders Ideen zur Philosophie der
Geschichte der Menschheit
:
Die frühere Annahme der Japanologen, daß Goethe durch Engelbert Kaempfer die erste ausführlichere Japankenntnis gewonnen hätte, ist also nicht mehr stichhaltig, zumindest ist sie sehr fragwürdig geworden. Goethe bezog seine Kenntnisse über Japan vielmehr aus Herders geschichtsphilosophischem Hauptwerk Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, dessen dritten Teil er im Oktober 1787 während seines zweiten Aufenthaltes in Rom vom Autor zugeschickt erhielt. In den Ideen handelt das Elfte Buch im Abschnitt I von China und im Abschnitt II von Kotschinchina, Tongking, Laos, Korea, der östlichen Tatarei und Japan. Herder war freilich mit der Chinoiserie im Europa des 18. Jahrhunderts vertraut und setzte seine sieben Seiten langen Ausführungen über China respektvoll mit den folgenden Sätzen ein: "Im östlichen Winkel Asiens unter dem Gebirge liegt ein Land, das an Alter und Kultur sich selbst das erste aller Länder, die Mittelblume der Welt nennet, gewiß aber eins der ältesten und merkwürdigsten ist, China. Kleiner als Europa, rühmet es sich einer größern Anzahl Einwohner, als im Verhältnis dieser volkreiche Weltteil hat; denn es zählet in sich über 25 Millionen und zweimal hunderttausend steuernde Ackerleute, 1572 große und kleine Städte, 1193 Kastelle, 3158 steinerne Brücken, 2796 Tempel, 2606 Klöster, 10 809 alte Gebäude u.f.; welche alle von den 18 Statthalterschaften, in welche das Reich geteilt ist, samt Bergen und Flüssen, Kriegsleuten und Gelehrten, Produkten und Waren in langen Verzeichnissen jährlich aufgestellt werden. Mehrere Reisende sind darüber einig, daß außer Europa und etwa dem alten Ägypten wohl kein Land soviel an Wege und Ströme, an Brücken und Kanäle, selbst an künstliche Berge und Felsen gewandt habe als China; die nebst der großen Mauer alle doch vom geduldigen Fleiß menschlicher Hände zeugen."7

Über Korea steht dann geschrieben: "Korea ist durch die Mandschus den Chinesen wirklich unterworfen, und man vergleiche diese einst wilde Nation mit ihren nördlichern Nachbarn. Die Einwohner eines zum Teil so kalten Erdstrichs sind sanft und milde; in ihren Ergötzungen und Trauergebräuchen, in Kleidungen und Häusern, in der Religion und einiger Liebe zur Wissenschaft ahmen sie wenigstens den Chinesen nach, von denen auch ihre Regierung eingerichtet und einige Manufaktur in Gang gebracht worden."8 Die Einwohner Koreas sind von Herder freundlicherweise als "sanft und milde" bezeichnet. Denn, wie er sagt, "Mehreren Platz hat die chinesische Einrichtung nordwärts gewonnen, und das Land kann sich rühmen, daß es zur Besänftigung der wilden Völker dieses ungeheuren Erdstrichs mehr beigetragen habe als vielleicht die Europäer in allen Weltteilen."

Dagegen heißt es von Japan etwas kritischer: "Die Insel indes, an welcher sich die Chinesen den größten Nebenbuhler ihres Fleißes erzogen haben, ist Japan. Die Japaner waren einst Barbaren und ihrem gewalttätigen, kühnen Charakter nach gewiß harte und strenge Barbaren; durch die Nachbarschaft und den Umgang mit jenem Volk, von dem sie Schrift und Wissenschaften, Manufakturen und Künste lernten, haben sie sich zu einem Staat gebildet, der in manchen Stücken mit China wetteifert oder es gar übertrifft. Zwar ist dem Charakter dieser Nation nach sowohl die Regierung als die Religion härter und grausamer, auch ist an einen Fortgang zu feinern Wissenschaften, wie sie Europa treibt, in Japan so wenig als in China zu denken; wenn aber Kenntnis und Gebrauch des Landes, wenn Fleiß im Ackerbau und in nützlichen Künsten, wenn Handel und Schiffahrt, ja selbst die rohe Pracht und despotische Ordnung ihrer Reichsverfassung unleugbar Stufen der Kultur sind, so hat das stolze Japan diese nur durch die Chinesen erstiegen."9 Bei diesen Schilderungen wird freilich ein wertender Unterschied zwischen geistiger Kultur und technischer Zivilisation gemacht, wobei Japan wie heute noch vorwiegend aus dem letzteren Gesichtspunkt beurteilt wird. Von der koreanischen oder japanischen Literatur ist natürlich keine Rede. Herder soll seinerseits als seine Wissensquelle den Nachlaß Kaempfers teilweise durch Versteigerung erworben haben. Aber seine Ausführungen sind viel zu kurz und generalisierend, um Spuren von dessen Verwendung feststellen zu können.

4. Heinrich Heines illusionärer Dichterruhm in Japan:
Wenn man umgekehrt die Frage stellt, wann die Japaner wohl die erste Kunde von Goethe erhalten haben, so war es Heinrich Heine, der als erster den Anspruch erhob, früher als Goethe in Japan bekannt geworden zu sein. Unter Bezugnahme auf Siebolds Nachfolger in Nagasaki führt Heine in seinen im Winter 1854 geschriebenen Geständnissen aus: "Keiner meiner Landsleute hat in so frühem Alter wie ich den Lorbeer errungen, und wenn mein Kollege Wolfgang Goethe wohlgefällig davon singt, 'daß der Chinese mit zitternder Hand Werthern und Lotten auf Glas male', so kann ich, soll doch einmal geprahlt werden, dem chinesischen Ruhm einen noch weit fabelhaftern, nämlich einen japanischen, entgegensetzen. Als ich mich vor etwa zwölf Jahren hier im Hotel des Princes bei meinem Freunde H. Wörmann aus Riga befand, stellte mir derselbe einen Holländer vor, der eben aus Japan gekommen, dreißig Jahre dort in Nangasaki zugebracht und begierig wünschte, meine Bekanntschaft zu machen. Es war der Dr. Bürger, der jetzt in Leiden mit dem gelehrten Seybold das große Werk über Japan herausgibt. Der Holländer erzählte mir, daß er einen jungen Japanesen Deutsch gelehrt, der später meine Gedichte in japanischer Übersetzung drucken ließ, und dieses sei das erste europäische Buch gewesen, das in japanischer Sprache erschienen."10

Aber hier täuschte sich Heine durch das bloße Hörensagen. Alle Nachforschungen der japanischen Germanisten erwiesen sich als erfolglos. Vom ersten in japanischer Sprache erschienenen europäischen Buch kann auch keine Rede sein, weil Äsops Parabeln bereits im Jahre 1593 von einem unbekannten Japaner aus dem Lateinischen ins Japanische übersetzt wurden.11 In der sog. Kirishitan-Zeit um die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts hatten die ersten Missionare angefangen, gleichsam wie bei der Germanenmission christliches Schrifttum durch Übersetzungen den Japanern zugänglich zu machen. Soweit man bis jetzt mit Dokumenten belegen konnte, war die erste japanische Übersetzung eines deutschen Literaturwerkes Schillers Wilhelm Tell im Jahre 1880 und dann ebenfalls im Jahre 1882, wenngleich diese beiden Ausgaben nur unzulängliche Teilübersetzungen darstellten. Goethes Epos Reineke Fuchs, das erst danach 1884 ins Japanische übertragen wurde, war offensichtlich durch die demokratische Freiheitsbewegung veranlaßt. Denn diese lustig illustrierte Übersetzung erschien 1886 in zweiter Auflage, wurde dann nach zwei Jahren verboten, erlebte aber 1893 trotzdem die fünfte Auflage. Ebenso sollte Schillers Drama im Zuge der Volksrechte-Bewegung als Kampfmittel gegen die Machtpolitik der neuen Meiji-Regierung verwendet werden. Merkwürdig genug wurde die japanische Übersetzung von Wilhelm Tell später ins Chinesische übersetzt und daraus wieder ins Koreanische, um gleichfalls als Kampfmittel gegen den japanischen Nationalismus eingesetzt zu werden.12

5. Philipp Franz von Siebolds Zitat aus Schillers Wallenstein:
Interessanterweise zitierte auch schon Philipp Franz von Siebold auf dem letzten Blatt seines Journals während meiner Reise nach dem Kaiserlichen Hofe Jedo im Jahre 1826 fünf Zeilen aus Schillers Wallensteins Tod, um seinen Lebensverdruß auf der engen Insel Dejima in Nagasaki zum Ausdruck zu bringen: "Nicht, was lebendig, kraftvoll sich verkündigt, / ------Das ganz / Gemeine ist's, das ewig Gestrige, / Was immer war und immer wiederkehrt, / Und morgen gilt, weil's heute hat gegolten."13 Nach dem damaligen Stand der japanischen Bildung, wo man von den europäischen Sprachen nur das Niederländische lernen durfte, war es einem Japaner, geschweige denn einem deutschen Arzt unmöglich, einen so anspruchsvollen deutschen Text in ein literaturfähiges Japanisch zu übersetzen. Es entzieht sich leider jeder Feststellung, ob Siebold in Gegenwart seiner zahlreichen japanischen Schüler je von Schiller oder Goethe gesprochen hätte. Auf jeden Fall war Schiller wie in Deutschland zunächst auch in Japan populärer als Goethe, galt dieser doch in der Umbruchszeit überall als konservativ und nicht modern für die vorwärts strebende Jugend.14

6. Die Anfänge der japanischen Goethe-Rezeption seit der Jahrhundertwende:
Aber im Laufe der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts sollte Goethe an geistigem Einfluß auf die Japaner den fortschrittlichen Schiller weit übertreffen. Auch wenn allmählich andere Dichter wie Heine, Wilhelm Hauff, E.T.A. Hoffmann, Kleist, Eichendorff, Theodor Storm, Arthur Schnitzler, Hofmannsthal, Gerhart Hauptmann u.a.m. ins Japanische übersetzt wurden, können sie bei weitem nicht mit Goethe konkurrieren, abgesehen von modernen Autoren par excellence wie Hermann Hesse, Thomas Mann, Rilke oder Kafka, die heutzutage von der akademischen Jugend viel mehr gelesen werden als Goethe.15 Fragt man nach dem Grund, warum Goethe sich in Japan so lange einer großen Beliebtheit erfreut hat, so muß man weiter ausholen und sich einen Überblick über die Goethe-Rezeption seit der Meiji-Zeit verschaffen. Im großen und ganzen läßt sich schematisch sagen, daß Goethe von den Japanern in fünf Phasen rezipiert worden ist, bis er schließlich nach der Säkularfeier 1932 in allen Kreisen der japanischen Gebildeten bekannt ist. Man muß somit als die Leser Goethes 1) protestantische Denker, 2) Dichter bzw. Schriftsteller, 3) Philosophen, 4) Germanisten und 5) das breite Lesepublikum voneinander unterscheiden, um Goethes facettenreiche Wirkungen auf die Japaner in zeitlicher Reihenfolge zu erkennen. Dabei spielen die Deutschkenntnisse natürlich eine entscheidende Rolle. Während Goethe zuerst in protestantischen, dann in literarischen Kreisen durch englische Übersetzungen rezipiert wurde, waren es japanische Philosophen, die Goethe im deutschen Originaltext zu lesen anfingen. Es handelte sich dabei hauptsächlich um Die Leiden des jungen Werther, Dichtung und Wahrheit, Faust sowie Wilhelm Meisters Lehrjahre. Der tiefsinnige Roman Die Wahlverwandtschaften war in den engeren Kreisen der Schriftsteller beliebt. Man merkt es daran, daß dieser heute am meisten geschätzte Roman viel weniger übersetzt worden ist als der Werther-Roman. Die Germanisten haben dann dafür gesorgt, sowohl Goethes sämtliche Werke als auch die wichtigste Sekundärliteratur wie Kuno Fischer, Albert Bielschowsky, Friedrich Gundolf, Hermann August Korff, Georg Simmel, Fritz Strich, Georg Brandes, Georg Lukács, Richard Friedenthal, Emil Staiger u.a.m. für das breite Lesepublikum ins Japanische zu übersetzen. Die Goethe-Kenntnisse sind auf diese Weise in ganz Japan immer mehr verbreitet worden.16

Daß Goethe in einer 1871 erschienenen Übersetzung des englischen Werkes On Liberty von John Stuart Mill zum erstenmal genannt wurde, ist in zweierlei Hinsicht von symbolischer Bedeutung. Denn gerade damals wurde das Augenmerk der japanischen Machthaber durch den Ausgang des Preußisch-Französischen Krieges politisch und wissenschaftlich auf Deutschland gerichtet, während das Tokugawa-Schogunat nach Aufhebung der Landesabschließung mehr an Frankreich orientiert war. Dagegen haben sich die Liberalen wie Fukuzawa Yukichi intensiv mit dem Gedankengut der anglo-amerikanischen Demokratie beschäftigt.17 So wurde Goethe den japanischen Gebildeten von Anfang an im Kontext der geistigen Freiheit bzw. des Liberalismus vorgestellt, so daß sie sich in ihren Neigungen, die westliche Kultur ohne innere wie äußere Bindung an das Christentum zu übernehmen, ungeniert an den größten Dichter Deutschlands wenden konnten. Goethes Wirkung in Japan war sicherlich deshalb so groß, weil sie dem Erwartungshorizont sowie der Mentalität der Japaner in hohem Maß entsprach. Zu bemerken ist außerdem, daß diese japanische Goethe-Rezeption parallel zur immer höheren Aufwertung Goethes zum Dichterfürsten und Nationaldichter im Deutschen Reich vor sich ging. Daraus ergab sich auch in Japan ein gewisser Goethe-Kult, der bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges andauerte. Was sich im Goethejahr 1999 in der ganzen Welt abspielte, dürfte etwas anderes als der eigentliche Goethe-Kult gewesen sein, den Karl Jaspers bereits im Jahre 1947 kritisiert hatte, wenngleich der Alt-Bundespräsident Roman Herzog in seiner am 14. April 1999 im Kaisersaal des Frankfurter Römer gehaltenen Rede seine Landsleute vor einer "unkritischen Idealisierung des Menschen Goethe" warnen zu müssen glaubte.

7. Mori Ogai als Wegbereiter der Goethe-Rezeption in Japan:
Allerdings war Uchimura Kanzo, der bedeutendste von einigen japanischen Protestanten, die sich relativ früh mit Goethe beschäftigt hatten, Goethe gegenüber noch kritisch eingestellt, wie sehr er auch von dessen Faust als der von Heine so genannten "Welt-Bibel" eingenommen war. Aber die große Begeisterung für Goethe wurde fast zu gleicher Zeit durch den oben genannten Dichtergelehrten Mori Ogai vorbereitet. Im Unterschied zu Uchimura Kanzo, der in den USA theologisch ausgebildet wurde,18 studierte Mori Ogai in den Jahren 1884-1888 in Deutschland Medizin, und zwar bei Hoffmann in Leipzig, bei Pettenkofer in München und bei Robert Koch in Berlin. Während seines Deutschlandaufenthaltes befaßte sich der literarisch begabte Mediziner eingehend mit Goethe und bahnte bald nach seiner Heimkehr durch eine geniale Übersetzung von Goethes Gedichten, vor allem "Mignons Italienlied", sowie durch seine eigenen autobiographischen Novellen und Essays die eigentliche Goethe-Rezeption in Japan an. Da er aber die Übersetzung von Werther einem Schüler von ihm überließ und seine Gesamtübersetzung des Faust erst im Jahre 1913 veröffentlichte, mußte sich die literarische Jugend der Meiji-Zeit noch lange mit englischen Übersetzungen begnügen. Die erste Werther-Übersetzung in japanischer Sprache war bereits 1904 erschienen und wurde sicherlich bei der ersten chinesischen Werther-Übersetzung berücksichtigt, die Guo Moruo 1922 in Fukuoka erstellte. Als dieser chinesische Dichtergelehrte 1928 den ersten Teil des Faust ebenfalls zum erstenmal ins Chinesische übersetzte, erwähnte er im Vorwort dankbar die Pionierarbeit Mori Ogais. Den zweiten Teil veröffentlichte Guo Moruo erst im Jahre 1947. Soweit ich weiß, sind danach drei chinesische Faust-Übersetzungen erschienen. Im Koreanischen gibt es ebenso viele Faust-Übersetzungen wie im Japanischen, deren frühe Phase einmal von einem koreanischen Germanisten im Hinblick auf Mori Ogai untersucht worden ist.19 Es steht geschichtlich fest, daß Goethes Weg zum Fernen Osten in dieser Weise zunächst aus Weimar über Japan zu Korea und China führte. Man darf jedoch nicht übersehen, daß sein geistiger Einfluß nicht nur von Mori Ogai, sondern auch von Thomas Carlyle, Ralph Waldo Emerson oder Matthew Arnold vermittelt worden war.20 Da Goethe, wie gesagt, zuerst in englischer Übersetzung gelesen wurde, fand diese beachtenswerte Beeinflussung auf dem Weg über England und Amerika zeitlich früher statt als direkt aus Deutschland.

8. Mori Ogai als Faust-Übersetzer:
Mori Ogai war Arzt, Beamter und Literat. Als Arzt spezialisierte er sich auf die öffentliche Hygiene und als Militärarzt stieg er zu den höchsten Rängen auf, bis er 1916 pensioniert wurde. Als Literat war er produktiv in literarischer Übersetzung, Literaturkritik, Novellen- und Dramenschaffen sowie Geschichtserzählungen. Als er aber im Jahre 1917, also mitten im Ersten Weltkrieg, seine medizinisch-literarische Laufbahn reflektierte, bemerkte er in einer kurzen Aufzeichnung: "Als Arzt kam ich nie in der Öffentlichkeit zur Sprache. Es war als Literat, daß ich öffentlich ein wenig gewürdigt wurde." Dabei war er sich durchaus bewußt, daß er literarisch nicht besonders erfolgreich war. Mit philosophischen Aussagen war er deshalb zurückhaltend, weil die Naturwissenschaft damals für den Mediziner ein zu disparates Feld war. Angeregt etwa durch Emil Zola wandte er sich zwar der Genealogie des Menschen zu und schrieb in den späteren Jahren die sog. Geschichtsstücke. Aber er meinte, er wäre vom Hause aus nicht zur Kunst und Literatur berufen gewesen und werde von seinen Kritikern eher als Dilettant betrachtet. Das ist offenbar die Stimme eines Resignierten, wiewohl er als Übersetzer des Goetheschen Faust berühmt war.

Die Gründe für eine solche Haltung am Ende eines bedeutenden Menschenlebens lassen sich nur vermutungsweise anführen. Als 1904 sowohl vom Werther als auch vom Ersten Teil des Faust die erste Übersetzung in japanischer Sprache erschienen, war Mori Ogai als Militärarzt auf dem Feldzug im Japanisch-Russischen Krieg. Diesen epochalen Ereignissen in der literarischen Welt mußte er im Ausland nur zusehen, ohne nicht einmal literaturkritische Bemerkungen machen zu können. Thematisch enthielten dann die Werke des jungen Goethe durchgehend etwas, was er als Mensch und Dichter ebenso auf dem Gewissen haben mußte. Verließ er doch seine deutsche Geliebte im Grunde mit Rücksicht auf seine Beamtenkarriere, wie in seiner Novelle Ballettmädchen angedeutet ist. Die sprachlich schöne Übersetzung von "Heidenröslein" mit dem heiklen Liebesmotiv veröffentlichte er dann auch nur unter einem Pseudonym. Es wäre ihm nach der Affäre mit Elis zu peinlich gewesen, den Faust I mit der Gretchen-Handlung selber ins Japanische zu übersetzen. Aber der renommierteste Übersetzer der deutschen Literatur in Japan konnte auch nicht zulassen, daß ihm jemand mit einer minderwertigen Übersetzung des gesamten Faust zuvorkommen könnte. Erst so kann man sein scheinbar gleichgültiges Verhalten gegenüber der Kritik an den Einzelheiten seiner Faust- Übersetzung verstehen. Er war philologisch genügend vorbereitet, erklärte aber gelassen in einem Essay, er hätte sich bei der Übersetzung des Faust keine so große Mühe gegeben, wie man glaubt. Er wollte weder Philologe noch Germanist sein, sondern als schöpferischer Übersetzer sich literarisch betätigen.

9. Goethe und die japanischen Philosophen:
Meiner Ansicht nach ist ein vertieftes Goetheverständnis in der Tat nicht so sehr von den Germanisten, sondern vielmehr von den japanischen Philosophen grundgelegt worden. Da sie durch ihr Studium der deutschen Philosophie ausreichende Deutschkenntnisse hatten, konnten sie ohne weiteres mit Goethetexten im Original umgehen. Sie standen dabei unter dem akademischen Einfluß des Rußlanddeutschen Raphael von Köber, der in den Jahren 1893-1914 an der Kaiserlichen Universität Tokyo Vorlesungen über das klassische Altertum und die deutsche Philosophie hielt. Auch spielte er vorzüglich Klavier und verkörperte so die deutsche humanistische Bildungstradition. Der Philosoph, dessen zahlreiche Essays seinerzeit von den japanischen Gebildeten viel gelesen wurden, hatte in Jena und Heidelberg studiert. Es lag deshalb nahe, daß auch seine Schüler nach Heidelberg zum Studium gingen und dort die lange Tradition der philosophischen Goetheforschung von Kuno Fischer über Wilhelm Windelband bis zu Heinrich Rickert kennenlernten. Die Goethebücher ihrer Lehrer wurden denn auch bald ins Japanische übersetzt, und später richteten sie in Kyoto sogar einen Philosophenweg ein. Nicht zuletzt durch die bedeutenden Philosophen wie Abe Jiro, die aus dem Schülerkreis von Köbers herauswuchsen, gilt Goethe seitdem in weiten Kreisen der japanischen Gebildeten als der Weltweise im wörtlichen Sinne, d.h. ein Weiser in und an der Welt sowie ein Weiser über diese Welt. Zudem zieht er sie durch seine offene religiöse Haltung an, wie er sich am Lebensende als "Hypsistarier"21 bezeichnet hat. Goethes Religiösität ist kein wertfreier Synkretismus, sondern eine Form der religiösen Koexistenz, die wahrhaft den Frieden unter den Menschen stiftet. Man könnte fast sagen, daß Goethe im neuzeitlichen Japan nach der Meiji-Restauration die Rolle gespielt hat, die Shakespeare für die deutsche Literatur im 18. Jahrhundert hatte.

10. Übersetzungsprobleme:
Obwohl mittlerweile von und über Goethe sehr viel ins Japanische übersetzt worden ist, ist eine Übersetzung aus dem Deutschen in eine so wesensfremde Sprache stets mit großen Schwierigkeiten verbunden. Jedesmal, wenn man ein deutsches Gedicht oder Prosawerk ins Japanische übersetzt, muß man über die grammatischen, semantischen und syntaktischen Unterschiede der beiden Sprachen hinaus noch einige Eigentümlichkeiten der japanischen Sprache berücksichtigen. Es sind Stilunterschiede in der Umgangs- und Schriftsprache, verschiedene Redewendungen in der jeweiligen Geschlechtersprache, der überaus rasche Sprachwandel und die Grundsatzfrage der Verfremdung oder Entfremdung. Da aber das Übersetzungsproblem auch bei der koreanischen oder chinesischen Sprache im Grunde gleicher bzw. ähnlicher Art sein dürfte,22 soll im folgenden nur ein einziges, typisch japanisches Beispiel für diesen Fragenkomplex angeführt werden.

Ein Haiku-Gedicht des bekannten Dichters Basho lautet z.B.: "Yuku Haru ya / Tori naki Uo no / Me wa Namida". Ins Deutsche übertragen heißt es dem Inhalt nach ungefähr so: "Vergehender Frühling! / Vögel schreien / an den Augen der Fische Tränen." Gefühlsmäßige Reaktionen auf den Frühling sind traditionsgemäß zwischen der japanischen Lyrik und etwa dem Goetheschen "Mailied" oder "Osterspaziergang" verschieden, auch wenn damit äußerlich die gleiche Jahreszeit gemeint ist. Selbstverständlich freuen sich auch die Japaner im Alltagsleben, daß der Frühling endlich da ist. Basho trauert aber über das Vergehen des Frühlings oder trauert dem fast schon vergangenen Frühling nach. Dieses feine Trauergefühl wird mit einer unübersetzbaren, nur mit einem Ausrufungszeichen wiederzugebenden Partikel "ya" zum Ausdruck gebracht wie beim anderen bekannteren Haiku: "Furuike ya / Kawazu tobikomu / Mizu no Oto". ("Alter Teich! / ein Frosch springt hinein / ein Wassergeräusch.") Die lyrische Assoziation durch Lebewesen ist auch in Ost und West, vielleicht sogar in den einzelnen Nationen des Fernen Ostens anders, so z.B. bei Vogel, Fisch oder Frosch. Bei Goethe schweigen die Vöglein im Walde, und wie in der Ballade "Der Fischer" werden die Fischlein "in Todesglut hinaufgelockt", d.h. zum Braten in der Pfanne, wie der Dichter selbst gelassen erklärt hat. In Grimms Märchen oder in den Bildergeschichten von Wilhelm Busch ruft der Froschkönig vermutlich eine erotische Vorstellung hervor, nicht aber eine besinnliche Stimmung wie in der Tuschmalerei. Am meisten japanisch empfunden sind wohl die Tränen der Fische, die Herder einfach "stumme Tiere im Wasser" genannt hat.

Bei dieser sprachlichen Eigentümlichkeit und Andersartigkeit der poetischen Bilder ist es daher gar nicht verwunderlich, daß jeder japanische Übersetzer ein kleines Gedicht Goethes je nach seinem Stilempfinden und seiner Schreibweise anders übersetzt als seine Vorgänger. Wie von einem Lied Goethes manchmal Dutzende Vertonungen zu finden sind, entstehen derart ebenso viele mannigfaltige Übersetzungen in japanischer Sprache. So gibt es in Japan bekanntlich mehr als 40 Werther-Übersetzungen, und der Roman wird auch in Zukunft wegen des relativ raschen Sprachwandels immer wieder übersetzt werden. Aber bei jeder guten japanischen Werther-Übersetzung wird man feststellen können, daß sie sich mit den oben angesprochenen Sprachproblemen auseinandergesetzt hat. Viel größer sind die Übersetzungsschwierigkeiten beim Faust, da doch in dieser Tragödie verschiedene Versmaße erklingen, die sich in japanischer Sprache überhaupt nicht wiedergeben lassen. Der japanischkundige Jesuit Hans Müller würdigte 1939 in seinem Aufsatz "Goethe in Japan" das Verdienst einer guten japanischen Übersetzung wie folgt: "Die Schwierigkeiten jeder Übertragung aus der deutschen Dichtersprache ins Japanische sind naturgemäß sehr groß. Das Japanische ist nach Grammatik, Wortfügung, Wortschatz, Begriffsvorstellungen und seelischer Haltung vom Deutschen so grundverschieden, daß jede gute Übersetzung eine hohe künstlerische Leistung darstellt."23 Man könnte diese sachkundige Würdigung wortwörtlich auf die koreanische oder chinesische Übersetzung anwenden.

11. Gründe für Goethes Wirkungen in Japan:
a) Werther
Wirkungsgeschichtlich ist zu fragen, warum die Japaner so sehr für Goethe, insbesondere für Werther, Faust, und Goethes Lyrik eingenommen sind. Bei dieser Fragestellung geht es prinzipiell darum, an der Art und Weise der Goethe-Rezeption in Japan charakteristische Züge der japanischen Mentalität wahrzunehmen. Denn der Sinn einer rezeptionsgeschichtlichen Untersuchung besteht eben darin, daß man an den Wirkungen eines bestimmten Dichters oder eines dichterischen Werkes die dadurch angeregten Eigenschaften der Rezipienten erkennen kann. Dazu sind Werther, Faust und Goethes Lyrik ganz besonders gut geeignet, da sie thematisch allgemein menschlich sind. Ein Beispiel für eine vertiefte Werther-Rezeption ist der Literaturkritiker Kamei Katsuichiro, dessen Hauptwerk die 6bändige Japanische Geistesgeschichte ist. In seinem 1937 veröffentlichten Buch Die Menschenbildung. Ein Versuch uber Goethe äußert er sich begeistert für Werther, weil er die Absolutheit von dessen Liebe als die Treue zu sich selbst interpretiert und Werthers Tod als "schön" im ethischästhetischen Sinne auffaßt. Es gibt in Japan seit alters eine Ästhetik des Todes, die die Selbsthingabe an die reine Idee verherrlicht und in der flüchtigen Kirschblüte das Symbol des menschlichen Lebens findet. Eine solche, als schön empfundene Selbsthingabe bis in den Tod hinein ist nach traditioneller Auffassung der Japaner deshalb wertvoll, weil sie nur von wenigen Menschen vollbracht werden kann.
b) Faust
Das eklatante Beispiel für eine idealistische Faust-Rezeption in Japan ist der große Goetheforscher Kinji Kimura, der bis 1948 den Lehrstuhl für Germanistik an der Universität Tokyo innehatte und durch seine akademische Tätigkeit die Blütezeit der japanischen Goetheforschung herbeiführte. Sein erfolgreichstes Goethebuch war Der junge Goethe von 1933. Schon in diesem Buch unternahm er es, Goethes gesamtes Leben und Schaffen aus dem Daimon in dessen Altersgedicht "Urworte. Orphisch", aus der "geprägten Form, die lebend sich entwickelt" zu deuten und ein gewaltiges Goethebild zu entwerfen. Dabei ließ sich für ihn diese Form im Sinne der Entelechie ohne weiteres mit dem sog. faustischen Streben der dreißiger Jahre in Deutschland verbinden. Als gläubiger Buddhist konnte Kinji Kimura jedoch die mystische Erlösung Fausts mit der buddhistischen Lehre der Kannon, d.h. der Gottheit der Barmherzigkeit in Einklang bringen. Im Shintoismus ist denn auch die althergebrachte Vorstellung gang und gäbe, daß die Sünden in einem Reinigungsritual ins Meer oder in einen Fluß hinweggetan werden können, wie Faust in der "Anmutigen Gegend" des zweiten Teils im Tau der Lethe ohne Reue und Buße einfach von seiner Schuld an Gretchen wiederhergestellt wird. So wird es ebenfalls beim Mord an Philemon und Baucis bestellt sein. Wo es keine klare Vorstellung des personalen Gottes gibt, fehlt eben der Schuldbegriff, weil man den mythologischen Göttern oder dem Budda im Nirwana eigentlich nichts schuldet. In der Tat ist die Schlußszene des Faust für die meisten nichtchristlichen Japaner kein Stein des Anstoßes wie bei den strengen Christen in Europa, sondern vielmehr die Quelle eines tiefen, fast religiösen Trostes für ihre geistig-akademischen Bemühungen. Im Unterschied zur jüdischen Vorliebe für den Faust schwärmen sie für Goethe jedoch mehr aus Bildungsfreudigkeit als aus Leiderfahrung.24
c) Lyrik
Über die innere Verwandtschaft der Goetheschen Lyrik mit der japanischen Poesie brauche ich vielleicht nach den Bemerkungen über die Haiku-Gedichte Bashos kein Wort zu verlieren. Es war kein geringerer als Nishida Kitaro, einer der bedeutendsten Philosophen Japans, der in seinem bekannten Aufsatz "Der metaphysische Hintergrund Goethes" nach den Ausführungen über den grundsätzlichen Unterschied zwischen Spinoza und Goethe das Wesen der Goetheschen Lyrik mit folgenden Worten beleuchtet hat: "Mit dem Gesagten hängt es vor allem zusammen, daß Goethe, trotz seiner Vielseitigkeit, der größte lyrische Dichter ist. Im Drama, wo Gestalt notwendig ist, ist jener Hintergrund wesentlich ein Dreidimensionales. Von der Lyrik allein weiß man nicht, woher sie kommt und wohin sie geht; sie muß ein Überfließen unserer Lebensquelle sein. Es gibt niemanden, bei dem das Erlebnis an sich so unmittelbar Dichtung geworden wäre wie bei Goethe. So, wie er sagt: 'Spät erklingt, was früh erklang,/Glück und Unglück wird Gesang', ist seine Dichtung nichts anderes als der unmittelbare Ausdruck seiner ungewöhnlichen Erlebnisse."25 Der japanische Philosoph war von Goethes "Wandrers Nachtlied" so tief beeindruckt, daß er es selbst in sein geliebtes Japanisch übersetzte und den mit dem Pinsel geschriebenen Dreizeiler mit der Überschrift "Goethes Lied" in den Grabstein seines Freundes Kuki Shuzo einmeißeln ließ. Dieser 1941 gestorbene Philosoph hatte seinerseits in einem geistreichen Essay über die begriffliche Struktur der "Iki" genannten spezifisch-japanischen Ästhetik auf "Mignons Italienlied" als Beispiel für die deutsche Sehnsucht nach dem Süden hingewiesen.

12) Schlußbetrachtung:

Die hier genannten drei japanischen Goetheverehrer gehörten alle der älteren Generation an. Seit dem Kriegsende ist aber eine radikale Änderung im Geistesleben der Japaner eingetreten. Sie haben sich im Zuge davon zusehends vom alten Europa zum neuen Kontinent Amerika gewandt. Die japanische Bildungstradition, die vor dem Krieg durch die Begegnung mit der deutschen Kultur goethischer Prägung stark gefördert worden ist, bleibt dennoch im Prinzip bestehen. So wirkt Goethe durch seine ganze Lebensweisheit unmerklich auf die japanischen Gebildeten weiter, wenn das gute Japan analog zum guten Deutschland in den dreißiger Jahren mit gewissem Recht angenommen werden darf. Seine Bedeutung für die Japaner liegt m.E. vor allem in der alle Widersprüche überwindenden und völkerverbindenden Kraft seiner Persönlichkeit. Es war bestimmt kein Zufall, daß die Weimarer Goethe-Gesellschaft auch im geteilten Deutschland die einzige gesamtdeutsche Angelegenheit geblieben ist. Weimar als symbolischer Ort besagt, daß die großen Geister Deutschlands im 18. Jahrhundert im Namen der Humanität in dieser kleinen Stadt zusammentrafen: Goethe aus Frankfurt am Main, Schiller aus Marbach, Herder aus Königsberg / Riga, Wilhelm und Alexander von Humboldt aus Berlin u.a.m. Gewiß hatte sich Goethe in einem der Xenien über die staatliche Zersplitterung seines Vaterlandes beklagt: "Deutschland? aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden, / Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf."26 Nach Heinrich Luden soll der Dichter auch am 13. Dezember 1813 gesagt haben, er habe oft einen bittern Schmerz empfunden bei dem Gedanken an das deutsche Volk, das so achtbar im einzelnen und so miserabel im ganzen sei.

Nicht das deutsche Volk, sondern die deutsche Nation als das gelehrte Deutschland setzte sich damals nach Goethes Wortgebrauch aus einzelnen Gebildeten zusammen. Aber am 3. Oktober 1990 ereignete sich etwas Unerhörtes in der deutschen Geschichte: die Wiedervereinigung Deutschlands ohne blutige Revolution, die unbedingt Goethes Anerkennung finden müßte. Hat sich doch das deutsche Volk dadurch vor ihm als ganzes so achtbar erwiesen. Darüber hnaus steht die deutsche Einheit auf nationaler Ebene viel höher als auf einer individuellen Liebe im Zeichen des Ginkgobaumes. Der eine Kontinent Eurasien ist halt in Europa und Asien geteilt, und Asien ist wiederum in Nah- und Fernost geteilt. Aber das geistige Erbe Goethes anzutreten, hieße immer, wie im Taoismus vorgegeben, aufgrund der polaren Zweiheit die höhere Einheit in der Steigerung zu erstreben oder die menschliche Einheit in der kulturellen Mannigfaltigkeit zu erzielen. Das wäre der eigentliche Sinn einer allgemeinen Weltliteratur, wie sie von Goethe zuerst im Jahre 1827 fundiert wurde. Solange Goethe in die chinesische, koreanische oder japanische Sprache übersetzt wird, ist er als ein gern gesehener Gast dauernd unterwegs zum Fernen Osten, auch wenn er einmal aus Deutschland vertrieben werden sollte.

Anmerkungen

1) Näheres vgl. Naoji Kimura: Übersetzung als Kulturgeschichte. In: Alois Wierlacher / Georg Stötzel (Hrsg.), Blickwinkel. München 1996. S. 903-918. Vgl. ferner Naoji Kimura: Weltliteratur als Weltkultur. In: Studien des Instituts für die Kultur der deutschsprachigen Länder. Nr. 17, Tokyo 1999, S. 31-42.
2) Vgl. Engelbert Kaempfer: Flora Japonica. (1712). Reprint des Originals und Kommentar von Wolfgang Muntschick. Wiesbaden 1913. S. 103. Vgl. dazu Wolfgang Caesar: Ginkgo biloba. Ein Baum, der die Zeit besiegte. In: Deutsche Apother Zeitung. 129. Jahrg. Nr. 45. 9.11.1989. S. 2430 f.
3) Weimarer Ausgabe. 1. Abt. 42. Band II, S. 20.
4) Engelbert Kaempfer: Geschichte und Beschreibung von Japan. Unveränderter
Neudruck. Mit einer Einführung von Hanno Beck. Stuttgart 1964, II. Bd. S. 285.
5) Über diese Druckgeschichte vgl. Hanno Beck: Engelbert Kaempfer, der größte Reisende der Barockzeit und Erschließer Japans. In: Engelbert Kaempfer (1651-1716) / Philipp Franz von Siebold. Gedenkschrift. Tokyo 1966. S. 1-26: hier S. 19.
6) Erich Trunz: Weimarer Goethe-Studien. Weimar 1984. S. 98 f.
7) Johann Gottfried Herder: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Wiesbaden 1985. S. 280.
8) Ebd. S. 287.
9) Ebd. S. 287 f.
10) Heinrich Heine: Geständnisse. Geschrieben im Winter 1854. Werke in vier Bänden. Die Bibliothek deutscher Klassiker. München / Wien 1982. 4. Bd. S. 220.
11) Vgl. Yoshihiro Koga: Rezeption und Veränderung der Fabeln von Äsop. Überlieferung der deutschen Übersetzung von Steinhöwel in Japan. In: Symposium "Das Mittelalter in der Gegenwart". Veröffentlichungen des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin, Bd. 30. Berlin 1996. S. 123-129.
12) Vgl. Seok-Hee Choi: Wilhelm Tell im koreanischen Roman. In: Fernöstliche Brückenschläge. euro-sinica 3, hrsg. von Adrian Hsia und Sigfrid Hoefert. Bern 1992. S. 233-245.
13) Vgl. Friedrich M. Trautz: Schiller - Thunberg - Siebold. In: Goethe-Jahrbuch Bd. 5, Tokyo 1936. S. 89-102.
14) Über die Goethe-Rezeption in China vgl. Günther Debon/Adrian Hsia (Hrsg.), Goethe und China - China und Goethe. euro-sinica 1. Bern 1985.
15) Näheres vgl. den Ausstellungskatalog zum IVG-Kongreß in Tokyo: Deutsche Sprache und Literatur in Japan. Ein geschichtlicher Rückblick. Tokyo 1990. Vgl. ferner Yorio Nobuoka: Aufnahme der deutschen Literatur in Japan. In: Keizai-Kenkyu Nr. 104 der Seijo-Universität, Tokyo 1989, S. 68-94.
16) Vgl. Eiichi Kikuchi: Goethe in Japan. In: Goethe. Neue Folge des Jahrbuchs der Goethe-Gesellschaft. 19. Bd. Weimar 1957. S. 122-137. Vgl. ferner Tezuka Tomio: Goethe and the Japanese. In: Japan Quarterly. No. 11, Tokyo 1964. S. 481-485.
17) Vgl. Fukuzawa Yukichi: Eine autobiographische Lebensschilderung. Übersetzt und mit einer Einleitung von Gerhard Linzbichler. Tokyo 1971.
18) Vgl. Naoji Kimura: Amerikas Einfluß auf die Neuzeit Japans. Der Fall Kanzo Uchimura. In: Nilüfer Kuruyazici et al (Hrsg.), Schnittpunkte der Kulturen. Stuttgart 1998. S. 257-269.
19) Vgl. Sung-Ock Kim: Vergleich der Mori Ogaischen Faust-Übersetzung mit den Faust-Übersetzungen in koreanischer Sprache. Organ der Korea-Universität, Nr. 38. Seoul 1993.
20) Näheres vgl. Naoji Kimura: Jenseits von Weimar. Bern 1997. Darin I. Teil, 2. Kapitel: Carlyle als Vermittler Goethes in Japan. S. 67-98.
21) An Sulpiz Boisseree, 22.3.1831. Vgl. Goethes Werke. Hamburger Ausgabe. Kommentar zu den Geheimnissen, Bd. 2, S. 595.
22) Vgl. Die Jahrsschrift Übersetzungforschung Hefte 1-5 des Instituts für Übersetzungsforschung zur deutschen und koreanischen Literatur. Seoul 1993-1997 sowie den Ausstellungskatalog "Goethe-Literatur in japanischer, koreanischer und chinesischer Sprache", Tokyo 1999.
23) Hans Müller: Goethe in Japan. In: Monumenta Nipponica 2,II.Tokyo 1939: hier S. 471.
24) Vgl. Wilfried Barner: Jüdische Goethe-Verehrung vor 1933. In: Stephane Moses/Albrecht Schöne (Hrsg.), Juden in der deutschen Literatur. Suhrkamp taschenbuch 2063. Frankfurt am Main 1986, S. 127-151.
25) Kitaro Nishida: Der metaphysische Hintergrund Goethes. In: Goethe. Vierteljahresschrift. 3. Bd. Weimar 1938. S. 135-144: hier S. 139.
26) Goethes Werke. Artemis-Gedenkausgabe, Bd. 2, S. 455.

Meine Heimatstadt Sapporo

Ich freue mich, in meiner Wahlheimat München wieder einmal über meine Heimatstadt Sapporo sprechen zu dürfen, habe ich doch in den Jahren 1959-62 sieben Semester lang an der Universität München Germanistik studiert und hatte bereits im Goethejahr 1982 die Gelegenheit, auf Einladung der Deutsch-Japanischen Gesellschaft in Bayern einen Vortrag zum zehnjährigen Bestehen der Städtepartnerschaft zwischen München und Sapporo zu halten. Damals habe ich mir erlaubt, zuerst über meine Jugend in Sapporo und dann über Sapporo als eine lebensfrohe Bierstadt zu sprechen, zumal der erste Deutsche, der nach Sapporo kam, ein Münchner Braumeister gewesen sein soll. Der einheimische Ingenieur, der zur Gründung der ersten japanischen Brauerei berufen wurde, hatte allerdings an der Bierfirma Tivoli in Berlin seine Ausbildung erfahren. Im kommenden Juni findet das erste Vorrundenspiel der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2002 in Sapporo statt. Aber ich verstehe nicht viel davon. Heute möchte ich Ihnen vielmehr geschichtlich etwas über das alte Sapporo als eine christliche Kulturstadt vortragen, weil dieser Aspekt in der überaus rapiden Entwicklung der Stadt verschüttet zu werden droht.

Das neue Sapporo mit dem modernsten Fußball-Stadion ist freilich zu groß, um christlich genannt werden zu können. Symbolisch genug ist das im Mai 2001 fertig gestellte Stadion als "Sapporo-Dome" bezeichnet worden. Heutzutage ist die Stadt als eine "bezaubernde Stadt der vier Jahreszeiten", insbesondere des Schneefestes international bekannt und hat eine Bevölkerung von 1,800,000, indem sie nach dem Zweiten Weltkrieg zusehends umliegende Gebiete und Dörfer eingemeindet hat. Vor dem Krieg bestand sie lediglich aus den jetzigen drei Bezirken in der Mitte sowie im Norden und Osten, und ihre Einwohnerzahl betrug 200,000 bis höchstens 300,000. Außerdem verlor das japanische Christentum in den Kriegsjahren wegen der nationalistisch gerichteten politischen Unterdrückung viel an Bedeutung. Aber seit der Gründung im Jahre 1869 ist Sapporo vergleichsweise stark christlich geprägt gewesen, wie die Tatsache dafür spricht, daß es heute noch in der Stadt 38 protestantische Kirchen verschiedener Konfessionen, 9 katholische Kirchen sowie 8 Klöster und darüber hinaus eine russisch-orthodoxe Haristos-Kirche gibt. Das kommt daher, weil Sapporo bei der Modernisierung Japans aus geschichtlichen Gründen einen Sonderweg gegangen ist.

Im Jahre 1869, also schon ein Jahr nach der Meiji-Restauration gab die japanische Regierung das Startzeichen, die hauptsächlich von den Ainu bewohnte nördlichste Insel Ezo zu erschließen, und hat die althergebrachte Bezeichnung Ezo (‰ŚˆĪ) zu Hokkaido umbenannt. Die zwei Schriftzeichen "Ezo" lauteten nämlich in chinesischer Lesart "kai" und wurden mit dem Schriftzeichen für das Meer "umi" bzw. "kai" ersetzt. Dann setzte man das Schriftzeichen für den Norden "kita" bzw. "hoku", das durch eine Assimilation "hokku" ausgesprochen wird, voran und fügte das Schriftzeichen für den Weg "michi" bzw. "do" wie die alte Landstraße "Tokaido" auf der Hauptinsel Honshu hinzu. Daraus ergab sich die Bezeichnung "Hokkaido" für die Insel im Norden, als deren Regierungssitz Sapporo von Anfang an bestimmt war. Außerdem war Sapporo ursprünglich in der Ainu-Sprache der Name des Flusses, der heute "Toyohiragawa" heißt, und wurde mit verschiedenen Schriftzeichen geschrieben, bis die jetzige Schreibweise sich durchgesetzt hat. Wenn ein älterer Bürger von Sapporo z.B. den Ortsnamen mit den Schriftzeichen "Tsukimasu""Tsukissappu" ausspricht, kennt er noch die Etymologie des Ortsnamens aus der Ainu-Sprache.

Zur Erschließung Hokkaidos wurden wie überhaupt in ganz Japan Berater und Fachleute aus dem Ausland, besonders aus Amerika gerufen. Dafür arbeitete vor allem der zuständige Gouverneur Kuroda Kiyotaka mit Hores Kepron eng zusammen, wovon ihre 1967 zur Säkularfeier Hokkaidos errichteten Bronzestatuen im Odori-Park lebendiges Zeugnis ablegen. Im Zuge davon wurde denn auch 1876 die Landwirtschaftshochschule Sapporo gegründet, die zunächst noch zur Kaiserlichen Universität Tohoku in Sendai gehörte. Der Uhrenturm Tokeidai, der schon lange als Wahrzeichen von Sapporo gilt, wurde 1878 als Exerzierhaus dieser Hochschule in amerikanischem Stil aus Holz gebaut. Sie war Vorläufer der Hokkaido-Universität und sollte nicht nur für den Ausbau einer modernen Industrie, sondern auch kulturell für die Entwicklung der Hauptstadt Hokkaidos eine entscheidende Rolle spielen. Bekanntlich war der erste amerikanische Lehrer William Smith Clark (1826-86) aus dem Amherst College, Massachusetts USA, ein Laienmissionar. Obwohl er sich nur neun Monate in Sapporo aufhielt, haben sämtliche 16 Schüler des ersten Jahrgangs sowie 15 des zweiten Jahrgangs an der Landwirtschaftshochschule unter seinem geistigen Einfluß beim Abschied von ihm ein sogenanntes "Covenant of Believers in Jesus" unterschrieben. Getauft wurden sie danach zum Teil von dem amerikanischen Methodistenmissionar Merriman Colbert Harris (1846-1921). Unter ihnen befanden sich u.a. Uchimura Kanzo, Nitobe Inazo und Miyabe Kingo, die für die Verbreitung des Protestantismus in Japan von großer Bedeutung geworden sind. Auch der spätere Rektor der Hokkaido-Universität, Sato Shosuke, war ihr christlicher Studienfreund. Aus ihnen und ihrem Schülerkreis ging ein so andauernder Einfluß hervor, daß man kirchengeschichtlich neben den zwei christlichen Banden in Yokohama und Kumamoto vom Sapporo-Band im japanischen Christentum gesprochen hat. In der Aula des Amherst Colleges hängt übrigens ein Porträtgemälde von Niijima Jo, dem Gründer der Doshisha-Universität in Kyoto, und das Porträtgemälde von Uchimura Kanzo befindet sich an der Eingangshalle zur Bibliothek. Ich konnte die beiden Bilder vor einigen Jahren durch freundliche Vermittlung der dortigen Germanistin Frau Prof. Ute Brandes besichtigen.

Der bekannte Literaturkritiker Kamei Katsuichiro, der selbst aus Hakodate in dem relativ frühzeitig erschlossenen Gebiet Hokkaidos stammt, charakterisierte in seinem Essay "Genealogie der Hokkaido-Literatur" (1954) das literarische Schaffen von Hokkaido mit drei Stichworten: Puritanismus in Sapporo, Realismus in Otaru und Romantizismus in Hakodate. Nach seiner Meinung stellen sie zugleich drei Formen des Frontiergeistes in Hokkaido dar, wobei die Landwirtschaftshochschule Sapporo als Urquelle der Verknüpfung von Puritanismus und Konfuzianismus in Japan angesehen wird. In der Tat kann man an den Fotos von damals feststellen, daß das Stadtbild Sapporos vor dem Krieg durch mehrere westlich-moderne Kirchengebäude um den heutigen Odori-Park herum stark geprägt war. Leider sind sie im Laufe der Zeit gänzlich umgebaut oder anderswohin verlegt worden. Der breite Grüngürtel, der in der Mitte der Stadt von Ost nach West verläuft, wurde 1870 eigentlich als Brandschutz angelegt und spielte auch für das kulturelle Leben der Stadt immer schon eine zentrale Rolle. Da die christlichen Kirchen, die vorwiegend von den aufgeschlossenen Professoren der Landwirtschaftshochschule Sapporo geleitet wurden, eine sogenannte Sonntagsschule für die Allgemeinbildung sowie einen Kindergarten eingerichtet hatten, wurden diese pädagogischen Anstalten auch von den nichtchristlichen, aber bildungsfreudigen Jugendlichen der meist wohlhabenden Bürger gut besucht. Das trug selbstverständlich dazu bei, daß Sapporo innerlich immer christlicher und äußerlich immer westlicher ausgestaltet wurde. In diesem Sinne könnte man die neue protestantische Stadt Sapporo im Norden der alten katholischen Stadt Nagasaki im Süden auf der Insel Kyushu gegenüberstellen. Akutagawa Ryunosuke, Autor der bekannten Erzählung "Rashomon", schwärmte wie der Dichtergelehrte Kinoshita Mokutaro mehr von Nagasaki.

Die christliche Mission in Hokkaido begann nach der Meiji-Restauration in der für westliche Mächte eröffneten Hafenstadt Hakodate, nachdem 1873 das Christenverbot in Japan faktisch aufgehoben worden war. Aber schon im Jahre 1847 hatte der römische Papst die Pariser Missionsgesellschaft damit beauftragt, die katholische Kirche aus der Xirishitan-Zeit im 16. Jahrhundert wieder aufzubauen. Zunächst waren es deshalb ein paar katholische Priester, die in dem französischen und russischen Konsulat ihre Landsleute betreuten. Dann kamen auch anglikanische Pfarrer. So erbaute man in Hakodate relativ früh protestantische, katholische und russisch-orthodoxe Kirchen, und von dort her kamen die ersten Missionare nach Sapporo. Aber während Hakodate schon seit der Edo-Zeit durch den Matsumae-Clan eine engere Beziehung zur Hauptinsel Honshu und somit zur alten Tradition Japans hatte, gab es in der reinen Kolonialstadt Sapporo keine althergebrachte Kulturtradition mit ihren buddhistischen Tempeln und shintoistischen Schreinen oder auch mit konfuzianischen Clan-Schulen. Für Kult und Kultur des Ainu-Volkes hatten die japanischen Einwanderer kaum interessiert, auch wenn seine Sprache tiefgreifende Spuren auf viele Ortsnamen hinterlassen hat. Immerhin hat der japanische Japanologe Kindaichi Kyosuku das mündlich überlieferte Volksepos der Ainu "Yukara" mit großer Mühe aufgezeichnet und durch seine Übersetzung für die Nachwelt gerettet. Diese Traditionslosigkeit, die sich gewissermaßen heute noch auswirkt, war ohne Zweifel ein Grund dafür, warum das Christentum in Sapporo sogar auf der Basis einer staatlichen Hochschule so fest Wurzel schlagen konnte. Dazu kam, daß die Söhne der getauften oder christlich beeinflußten Bürger sich mit dem Studium der Landwirtschaft befleißigten und vielfach zum Weiterstudium nach Amerika fuhren. Nach der Rückkehr waren sie in Landwirtschaft, Industrie und Handel meist führend tätig und verhalfen der Stadt sowohl zum Wohlstand als auch zur kulturellen Entwicklung. Aus den Kindern dieser reichen und gebildeten Familien sind denn auch wieder eine Reihe namhafte Schriftsteller, Künstler und Musiker von Sapporo hervorgegangen, ganz zu schweigen von den Wissenschaftlern, die akademische Lehrer an der Hokkaido-Universität geworden sind.

Die protestantischen Missionare wurden unmittelbar von dem sogenannten American Board aus Yokohama oder Tokyo nach Sapporo entsandt. Es war jedoch der englische Missionar Archdeacon John Batchelor (1854-1944), der 1877 zuerst nach Hakodate entsandt wurde und nach mehrjährigen sprachlich-praktischen Vorbereitungen sich in Sapporo besonders für die Ainu einsetzte. Er war noch als Student Missionary von der sogenannten Church Missionary Society (S.M.S) der anglikanischen Kirche beauftragt, seinem Vorgänger Pfarrer Walter Dening zur Seite zu stehen. In den Jahren 1892-1940 betreute er die Ainu in einem von den japanischen Ärzten für sie eingerichteten Krankenhaus, bildete ein paar japanische Missionare für das Ainu-Volk aus und gründete zuletzt 1924 mit finnanzieller Unterstützung von Fürst Tokugawa aufgrund einer Sondergenehmigung der Verwaltungsbehörde von Hokkaido eine eigene Fortbildungsschule für die Jugendlichen des Ainu-Volkes. Er hatte auch ein Wörterbuch der Ainu-Sprache verfaßt und bemühte sich um dessen verbesserte Auflage, bis er 1940 als Engländer das antiwestlich gewordene Japan verlassen mußte. Es dürfte auf seine missionarische Tätigkeit zurückzuführen sein, daß die Engländerin Isabella Bird 1878 eine Fahrt in die entlegenen Wohngebiete der Ainu unternahm und einen historisch wertvollen Reisebericht, wie er soeben von Frau Alexandra Schmidt vorgestellt worden ist, hinterließ.

Der katholische Missionar, der erstmals im Jahre 1880 kurz nach Sapporo kam, war der Franzose Alfred Pettier aus Hakodate. Bald darauf begann 1881 Jean Urbain Faurie (1847-1915) als einer der elf Missionare der Pariser Missionsgesellschaft mit seiner Missionsarbeit in Sapporo, und zwei Jahre danach wurden 5 Japaner und Japanerinnen von ihm getauft. Es war im Jahre 1898, daß die erste katholische Kirche in Sapporo, die heute noch existierende Kitaichijyo-kyokai aus Holz, mit einem steinernen Pfarrhaus zusammen erbaut wurde. Missionarisch tätig waren sonst Patres Henri Lafon und Jacues Ernest Billiet. Der französische Bischof Alexandre Berlioz fuhr damals nach Europa, um noch mehr Ordensleute zur Missionarsarbeit in Sapporo zu werben, und gewann Franziskaner und Franziskanerinnen. Die Franziskaner, unter ihnen der spätere deutsche Bischof Wenzeslaus Kinold, kamen also im Jahre 1907 nach Sapporo und gründeten im nördlichen Teil der Stadt ein Kloster als Stützpunkt für eine schulische Tätigkeit, und die franziskanische Äbtissin Guadeloupe mit ihren 6 Ordensschwestern hat im Jahre 1911 ein Krankenhaus namens Tenshi-in (= Engelshaus) mit 30 Betten gegründet. Pater Faurie war übrigens ein botanisierender Missionar. Während Philipp Franz von Siebold aus Würzburg hauptsächlich im Südwesten Japans die bis dahin unbekannte Pflanzenwelt erforschte, hat der französische Missionar in Hokkaido 700 neue Arten der japanischen Flora entdeckt. Nach ihm benannte Pflanzen zählen etwa 70 wie Fauria oder Fauriella, und seine umfangreiche Kollektion ist im botanischen Institut der Kyoto-Universität aufbewahrt.

Bischof Kinold war 1871 in Giershagen, Westfalen, geboren und wurde 1891 im Frauenberg-Kloster bei Fulda Franziskaner. Zum Priester geweiht wurde er im Jahre 1897. Auf Anregung von Bischof Berlioz hin, der den Franziskanergeneral in Rom eigens gebeten hatte, ein paar Missionare nach Hokkaido zu entsenden, kam Kinold, wie gesagt 1907, mit Maurice Bertin nach Sapporo. Als er zunächst im Jahre 1915 Generalvikar der Diozöse Sapporo wurde, gab es eine einzige oben genannte Kirche Kitaichijyo-kyokai mit 586 Gläubigen. Er gründete aber 1925 die Fuji-Mädchenschule, daneben ein theologisches Seminar zur Ausbildung japanischer Priester sowie die Kosei-Jünglingsschule, ein Krankenhaus, eine Druckerei und dazu noch einen Kindergarten. Bis er 1941 mit 70 Jahren von einem japanischen Bischof abgelöst wurde, errichtete er schließlich 13 Kirchen in Hokkaido, davon 4 in Sapporo in allen vier Himmelsrichtungen. Er ist 1952 mit 81 Jahren in dem Krankenhaus Tenshi-in gestorben. Zu erwähnen ist noch, daß ein deutscher Pater Gerhard Huber 1937 Generalvikar des Franzis-kanerordens in Sapporo geworden ist. Aber nähere Einzelheiten über seine Tätigkeit entziehen sich leider meiner Kenntnis.

Bei der Gründung der Mädchenschule standen dem Bischof Kinold drei deutsche Ordensschwestern zur Seite. Die eine Franziskanerin Xavera Rehme (1889-1982) aus Osterkappeln bei Osnabrück wurde Schuldirektorin, und bei ihr hat offen gestanden meine Mutter studiert. Die anderen zwei Schwestern hießen Reineria und Liboria, und sie kümmerten sich um mich in einem katholischen Kindergarten. Damals habe ich noch den deutschen Pater Hilarius Schmelz mit dem naturalisierten Namen Hirayo Shumei gekannt. Er war einer der ersten Missionare, die sich in Sapporo für Sozialwerke engagiert haben. Ansonsten erinnere ich mich flüchtig an Pater Euseibius Breitung, der ein sehr nützliches Deutsch-Japanisches Wörterbuch in chinesischen Schriftzeichen und Umschreibung in Romaji zusammenstellte. Es erschien zu Ostern 1936 und wurde bis 1993 wiederholt nachgedruckt. Im Nachwort des Verfassers zu der 2. verbesserten und wesentlich vermehrten Auflage von 1947 heißt es: "Das Wort ist indifferent zum Guten wie zum Bösen. Der eine gebraucht es, um das Gute, das in seinem Herzen ruht, andern mitzuteilen und ihnen zu helfen, besser zu werden; der andere, um mit dem Bösen, das dort nistet, andere zu vergiften und schlechter zu machen." Ich habe diese Worte während meiner langen Lehrtätigkeit immer beherzigt. In meiner Studentenzeit an der von den deutschen Jesuiten gegründeten Sophia-Universität in Tokyo habe ich dann den gelehrten Franziskaner Titus Ziegler aus Sapporo als den nach dem Tod von Johannes Kraus SJ beauftragten Herausgeber der mehrbändigen katholischen Enzyklopädie in japanischer Sprache kennengelernt.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hat es in Sapporo auf diese Weise eine katholische Kirche, eine russisch-orthodoxe Kirche und fünf protestantische Kirchen bzw. Konfessionen gebeben. Die früheste protestantische Kirche war die anglikanische, die sich mit der Ankunft von John Batchelor in Sapporo etablierte. Aber im Vergleich mit den anderen amerikanisch beein-flußten protestantischen Kirchen wie der congregational-, presbiterian- oder methodist-church war ihr Wirkungskreis sehr beschränkt, zumal Batchelor besonders an der Ainu-Mission interessiert war. Im Jahre 1901 erregte eine ältere dieser Kirchen mit der Umbenennung "Unabhängige Kirche" ein großes Aufsehen in der japanischen Christenheit, da sie den Verzicht auf Taufakt und Abendmahl, also eine Kirche ohne alle Liturgie erklärte. Fast zu gleicher Zeit begann Uchimura Kanzo in Tokyo, ein sogenanntes kirchenfreies Christentum "Mukyokai-ha" zu begründen. Es war der Anfang eines undogmatischen Kulturchristentums in Japan, das nicht geringzuschätzen ist, weil es sich meiner Meinung nach ohne weiteres mit der humanistischen Tradition seit der deutschen Klassik und Romantik verbinden läßt. Es ist doch allgemein bekannt, wie sehr sich japanische Germanisten mit der deutschen Literatur und Philosophie dieser Ausrichtung beschäftigt und durch ihre fleißige Übersetzungsarbeit die japanischen Gebildeten damit vertraut gemacht haben. Nietzsche ist zwar immer noch einer der beliebtesten deutschen Philosophen in Japan, aber er ist im Grunde genommen ein Goethe-Verehrer gewesen.

In der Städtepartnerschaft zwischen München und Sapporo werden sich künftig weder Bier freundschaft noch christliche Gemeinsamkeit als effizient erweisen. Auch eine gewisse Begeisterung bei dem Vorrundenspiel dürfte vorübergehend sein, obwohl es in dem neuesten Heft des Japan-Magazins heißt: "Die Affinität japanischer Fußball-Fans zu Deutschland ist groß, trugen doch Stars wie Pierre Littbarski, Uwe Bein, Michael Rummenigge oder Guido Buchwald bei der Einführung der professionellen 'J-League' Anfang der 90er Jahre in hohem Maße zur Popularisierung des japanischen Fußballs bei." (Simone Mennemeier) Das Schneefestival wurde sicherlich seit den Olympischen Winterspielen 1972, in denen die Partnerschaft der beiden Städte geschlossen wurde, international berühmt. Aber das Festival der Kunst aus Schnee und Eis dauert nur ganze sechs Tage, und das Winterwunderland auf dem Odori-Park ist dann wieder verschwunden. Eine Städtepartnerschaft muß selbstverständlich auf dauerhafterer Basis fundiert werden. Glücklicherweise ist die Universität München nicht zuletzt durch die Namen Geschwister Scholl in ganz Japan bekannt. Für den Kulturaustausch verfügt sie seit Jahren über ein eigenes Japan-Zentrum, und speziell für die Städtepartnerschaft gibt es auch ein gut funkionierendes Austauschprogramm zwischen den beiden Universitäten von München und Sapporo. In der Hinsicht mache ich mir keine Sorgen.

Was ich mir persönlich für meine Heimatstadt wünschte, wäre eine Moralunterstützung von seiten der traditionsreichen Stadt München. Es ist mir bange zuzusehen, wie schnell sich Sapporo im Namen des angeblichen Frontiergeistes entwickelt, ohne die alte geistige Tradition genügend zu beachten. Beunruhigend war es schon, daß Anfang der 90er Jahre die bedeutendste ortsansässige Bank zur Förderung von Handel und Industrie Hokkaidos Konkurs machte. Sie existiert nicht mehr. In den letzten zwei Jahren ist dann das größte Molkereiunternehmen von Hokkaido, dessen Gründer doch ein ehrlicher Christ war, wegen Kundenbetrügereien in Verruf geraten. Der echte Frontiergeist vom einstigen Sapporo scheint im Verschwinden zu sein. Er wird ja desto mehr verdünnt, je größer die Stadt wird. So finde ich wirklich immer weniger von dem alten Stadtbild, das ich von Jugend auf kannte, jedesmal wenn ich nach Sapporo komme. Dagegen hat sich München in den letzten 40 Jahren nicht wesentlich geändert und ist doch lebendig geblieben. Ich hoffe also aufrichtig, daß München sich Sapporo gegenüber ungeniert wie eine ältere Schwester benimmt und die jüngere nicht immer verwöhnt.

Haiku für die Jugend

Vor vierig Jahren, als ich nach einem dreieinhalbjährigen Studienaufenthalt in München nach Japan zurückfuhr, damals noch mit einem französischen Passagierschiff durch den Suez- Kanal, habe ich u.a. eine deutsche Langspielplatte mitgenommen. Sie hatte den schönen Titel "Klingendes Kinderland", gesungen von Regensburger Domspatzen, und meine Kinder sind mit diesen deutschen Melodien sowie mit den Bildergeschichten von Wilhelm Busch aufgewachsen, ohne noch ein einziges Wort darin zu verstehen. Als das Domspatzenchor vor zwei Jahren eine Konzertreise nach Japan machte, ist meine inzwischen erwachsene Tochter mit meiner Frau im Juli ins Tokioter Konzert gegangen. Das war für sie eine wunderbare Wiederbegegnung mit ihrer Kindheit.
Ich selbst war im Sommersemester 1997 Gastprofessor der Germanistik an der Universität Regensburg und gebe wieder seit drei Semestern Japanischunterricht. Während des Semesters ver