Naoji Kimuras Leitseite
e-mail: naoji-k@hoffman.cc.sophia.ac.jp
Stand: 13.02. 2007
| Höchst merkwürdig ist, daß
von dem menschlichen Wesen das Entgegengesetzte übrigbleibt: Gehäus und Gerüst, worin und womit sich der Geist hienieden genügte, sodann aber die idealen Wirkungen, die in Wort und Tat von ihm ausgingen. Johann Wolfgang von Goethe |

Kopie Goethes
Gartenhaus 1999 Original
Prof. Dr. Naoji Kimura
1934 geboren in Sapporo
1965
Promotion zum Dr. phil. in München
1975
Professor der Germanistik an der Sophia-Universität,
Tokyo
1981
Mitherausgeber des Jahrbuchs für Internationale
Germanistik.
1982
Philipp Franz von Siebold-Preis der Bundesrepublik
Deutschland
1992 Verdienstkreuz 1. Klasse
des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
1995
Ausschuß-Mitglied der IVG
1996
Goethe-Medaille des Goethe-Instituts München
1997
Gastprofessor der Germanistik in Regensburg
(SS)
1997
Korrespondierendes Mitglied der Deutschen
Akademie für Sprache und Dichtung
1998
Leiter des Instituts für die Kultur
der deutschsprachigen Länder
an
der Sophia-Universität
1999
Kuratoriumsmitglied des Deutsch-ostasiatischen
Wissenschaftsforums
in
Baden-Württemberg
2000
Emeritierung. Ehrenprofessor der Sophia-Universität
2001
Japanisches Lektorat an der Universität
Regensburg
Juni 2003 Jacob- und Wilhelm-Grimm-Preis
des DAAD
Juni
2003 Die Goldene Goethe-Medaille der Goethe-Gesellschaft
in Weimar
Nov.
2003 Vorstandsmitglied des Instituts zur
Erforschung und Förderung
österreichischer und internationaler Literaturprozesse (INST)
Dez. 2004 Vizepräsident des INST: Institut zur Erforschung und Förderung
regionaler und transnationaler Kulturprozesse (ab 9.12.2005 umbenannt)
Feb. 2005 Vizeprasident der Deutsch-Japanischen
Gesellschaft in Regensburg e.V.
Publikationen in deutscher Sprache
Goethes Wortgebrauch zur Dichtungstheorie
im Briefwechsel mit Schiller und in den Gesprächen mit Eckermann. Max Hueber
Verlag, München 1965. 238 S.
(Münchner Dissertation. Rezension
in "Germanistik" 8. Jg. 1967)
Jenseits von Weimar. Goethes Weg zum Fernen
Osten. euro-sinica 8. Peter Lang Verlag, Bern 1997. 542 S.
Der "Ferne Westen" Japan. Zehn Kapitel über Mythos und Geschichte Japans. St. Ingbert 2003.
Naoji Kimura / Horst Thomé (Hrsg.): "Wenn Freunde aus der Ferne
kommen" Eine west-östliche Freundschaftsgabe für Zhang Yushu
zum 70. Geburtstag. Peter Lang Verlag. Bern 2005.
Der
ost-westliche Goethe. Deutsche Sprachkultur in Japan. Peter Lang Verlag. Bern
2006.
(Enthalten sind darin nachstehend genannte
Aufsätze)
Sprachprobleme bei der japanischen Bibelübersetzung.
In: Wahrheit und Verkündi gung. Festschrift für Michael Schmaus,
Paderborn 1967, Bd.I, S.237-263.
"Werther" in japanischer Übersetzung.
In: Sprache und Bekenntnis. Festschrift für Hermann Kunisch, Berlin 1971, S.57-77.
Die Wertherwirkung in Japan. In: Japanisches
Goethe-Jahrbuch, Bd.20, Tokyo 1978, S.69-95.
Die Goethe-Rezeption in Japan. In: Japanisches
Goethe-Jahrbuch, Bd. 25, Tokyo 1983, S.1-16.
Goethes Wirkungen in Japan. In: Beiträge
zur deutschen Literatur, Sophia-Universität,
Nr. 22, Tokyo 1985, S.57-74.
Das Christentum als sprachliches Problem
in Japan. Eichstätter Hochschulreden
Nr. 51, München 1986, 21 S.
Über das Generalthema des IVG-Kongresses in
Tokyo 1990. In: Perspektiven und Verfahren interkultureller Germanistik, München
1987, S.251-255.
Probleme der japanischen "Faust"-Übersetzung.
In: Goethe Jahrbuch, 105. Bd., Weimar 1988, S.333-343.
Eine japanische Ausgabe von Taylors Faust-Übersetzung.
In: Japanisches Goethe-Jahrbuch, Bd. 30, Tokyo 1988, S.159-176.
Goethes "Werther" und die japanische
Romantik. In: Beiträge zur deutschen
Literatur, Sophia-Universität, Nr. 25, Tokyo
1988, S.17-35. Wieder abgedruckt in: Fernöstliche
Brückenschläge, Bern 1992, S.213-231.
Goethes Symbolbegriff. In: Das Gold im Wachs.
Festschrift für Thomas Immoos, München 1988, S.331-348.
Goethe und Philipp Franz von Siebold. In:
Chloe. Beihefte zum Daphnis, Bd. 7, Daß eine Nation die ander verstehen
möge. Festschrift für Marian Szyrocki,
Amsterdam 1988, S.391-407.
Die japanische Germanistik im Überblick.
In: Jahrbuch für Internationale Germanistik, Jg. XX/Heft 1, Bern 1989, S.138-154.
Probleme der "Faust"-Rezeption
in Japan. In: Vierhundert Jahre Faust. Rückblick
und Analyse, Tübingen 1989, S.143-155.
"Osterspaziergang" im japanischen
Deutschunterricht. In: Literatur. Verständnis
und Vermittlung. Festschrift für Wilhelm
Gößmann, Düsseldorf 1991,
S.222-234.
Fausts Verwandlung in japanischer Sprache.
In: Studien des Instituts für die Kultur der deutschsprachigen Länder,
Sophia-Universität, Nr.9, Tokyo 1991,
S.20-37 (Langfassung). Kurzfassung in: Übersetzen,
verstehen, Brücken bauen. Geisteswissenschaftliches und literarisches
Übersetzen im internationalen Kulturaustausch, hrsg. von Armin Paul Frank,
Kurt-Jürgen Maaß, Fritz Paul und
Horst Turk. Berlin 1993, S. 587-593.
Carlyle und Goethe. In: Beiträge zur
deutschen Literatur, Sophia-Universität, Nr. 28, Tokyo 1991, S.1-21 (Langfassung).
Kurzfassung in: Symposium "Deutsche Literatur und Sprache aus ostasiatischer Perspektive", Veröffentlichungen des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin,
Bd. 12, Berlin 1992, S.154-164.
Carlyle als Vermittler Goethes in Japan.
In: Symposium "Goethe und die Weltkultur", Veröffentlichungen des Japanisch-Deutschen
Zentrums Berlin, Bd. 15, Berlin 1993, S.72-82.
Japanische Goetheausgaben als Meilensteine
der Goetherezeption. In: Neue Horizonte der Goethe-Forschung. Untersuchungen
zu den Werken Goethes: Faust und Wilhelm Meister, hrsg. v. Chan-Ki Park, Seoul
1993, S.374-386.
Rezeption 'heroischer' deutscher Literatur
in Japan 1933-45. In: Symposium "Diedeutsch-japanischen Beziehungen in den 30er
und 40er Jahren", Veröffentlichungen des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin,
Bd. 17, Berlin 1993, S.93-106 (Kurzfassung). Langfassung in: Formierung
und Fall der Achse Berlin-Tokyo, hrsg. v. Gerhard Krebs/ Bernd Martin, München
1994, S.129-151.
Hufeland und Ogata Koan. In: Japanisches
Goethe-Jahrbuch, Bd. 35, Tokyo 1993, S. 171-190.
Mori Ogai als Faust-Übersetzer. In:
Praxis interkultureller Germanistik. Forschung--Bildung--Politik, hrsg. v. Bernd
Thum/ Gonthier-Louis Fink, München 1994, S.945-958.
Die Wanderschaft bei Goethe. In: Chinesisch-japanisches
Germanistentreffen Beijing 1990. Dokumentation der Tagungsbeiträge.
Beijing 1994, S.64-76.
Marksteine japanischer Überset zungsanthologien.
In: International Anthologies of Literature
in Translation. Göttinger Beiträge
zur internationalen Überset
zungsforschung, Bd. 9, hrsg. v. Harald Kittel,
Berlin 1995, S.93-106.
Der atheistische Humanismus in Japan. In:
Im Dialog der Kulturen. Festschrift für Tschong-Dae Kim, Seoul 1995, S.319-345.
Gestaltung des neuzeitlichen Japans durch
die Jünger der sog. Holländischen Wissenschaft. In: Symposium "Das Mittelalter
in der Gegenwart", Veröffentlichungen des Japanisch-Deutschen Zentrums
Berlin, Bd. 30, Berlin 1996, S.191-202.
Übersetzung als Kulturgeschichte. Japans frühe
Begegnung mit der deutschen Medizin. In:
Blickwinkel. Kulturelle Optik und interkulturelle
Gegenstandskonstitution, hrsg. von Alois
Wierlacher und Georg Stötzel, München
1996,S.903-918.
Literarische Aspekte im japanischen Deutschunterricht.
In: Deutsch in und für Asien. Schriftensammlung der 1. IDV-Regionaltagung
Asien Beijing '94, Beijing 1996. S.67-73.
(Für den nächsten Sammelband vorgesehen)
Goethe auf den Schild heben: Deutsche Kulturpolitik
aus japanischer Perspektive. In: Joachim
Sartorius (Hg.) In dieser Armut - welche
Fülle! Göttingen 1996, S.130-135.
Goethes Bedeutung für die japanische
Bildungstradition. In: Sprache, Literatur und Kommunikation im kulturellen Wandel.
Festschrift für Eijiro Iwasaki. Tokyo 1997, S. 427-440.
Österreichischer Wortschatz in einem deutsch-japanischen
Wörterbuch. In: Rudolf Muhr u. Richard Schrodt (Hrsg.), Österreichisches
Deutsch und andere nationale Varietäten
plurizentrischer Sprachen in Europa. Wien
1997, S.314-329.
Goethes Alterspoetik. In: Goethe Jahrbuch.
Bd. 114. Weimar 1997. S.185-197.
Konfutses Lun Yü in deutscher Übersetzung. In: Beata
Hammerschmid u. Hermann Krapoth (Hrsg.): Übersetzung als kultureller
Prozeß. Rezeption, Projektion und Konstruktion des Fremden. Erich Schmidt
Verlag. Berlin 1998, S.213-227.
Amerikas Einfluß auf die Neuzeit Japans.
Der Fall Kanzo Uchimura. In: Schnittpunkte der Kulturen. Gesammelte Vorträge
des Internationalen Symposions 17.- 22. September 1996, Istanbul/Türkei.
Stuttgart 1998. S.257-269.
Heines Romantische Schule in japanischer Übersetzung. In: Zhang
Yushu (Hrsg.): Heine gehört auch uns. Tagungsband des
Internationalen Heine-Symposiums '97 Beijing. Beijing 1998, S.372-383.
Goethe und die Wiener Moderne. In: Japanisches
Goethe-Jahrbuch, Bd. 40, Tokyo 1998, S.179-194.
Die Anfänge der Goethephilologie in
Wien. In: Studien des Instituts für die Kultur der deutschsprachigen Länder.
Nr.16, Tokyo 1998, S.46-64.
Japan--das Europa im Fernen Osten? ImInternet:
http://www.adis.at/arlt/institut
Kulturwissenschaften in der Klemme. ImInternet:
http://www.adis.at/arlt/institut
Die Internationalität der sog. Japanischen
Romantischen Schule. In: Gesa von Essen/
Horst Turk (Hgg.), Unerledigte Geschichten.
Der literarische Umgang mit Nationalität
und Internationalität. Göttingen
2000. S. 362- 377.
Goethes Begriff der deutschen Nation. In:
Sabine Doering/ Waltraud Maierhofer/ Peter
Philipp Riedl (Hgg.), Resonanzen. Festschrift
für Hans Joachim Kreutzer. Würzburg
2000. S. 141- 151.
Die nationalsozialistische Lyrik in japanischer
Übersetzung. In: Julia Bertschik/ Elisabeth
Emter/ Johannes Graf (Hgg.), Produktivität
des Gegensätzlichen. Festschrift für
Horst Denkler. Tübingen 2000. S. 149-160
Weltliteratur als Weltkultur. In: Studien
des Instituts für die Kultur der deutschsprachigen
Länder. Nr. 17. Sophia-Universität.
Tokyo 1999, S. 31-42
Goethe und die japanische Mentalität.
In: Studien des Instituts für die Kultur
der deutschsprachigen Länder. Nr. 18.
Sophia-Universität. Tokyo 2000, S. 171-185
Goethe im Internet. In: Trans. Internet-Zeitschrift
für Kulturwissenschaften. Nr. 9 (http://www.inst.at/trans/9Nr/kimura9.htm)
Goethes Weg zum Fernen Osten. In: Japanisches
Goethe-Jahrbuch. Tokyo. Bd. 42 (2000). S. 7-23.
Gerhard Schumanns Sonett "Der 30. Januar
1933" -- Das Jahr der politischen Täuschungen.
In: Das Gedichtete behauptet sein Recht.
Festschrift für Walter Gebhard. Hrsg.
von Klaus H. Kiefer, Armin Schäfer und
Hans-Walter Schmidt-Hannisa. Frankfurt a.M.
2001. S. 397-407.
Goethes Wahlverwandtschaften und die japanische
Romantik. In: Friedhelm Marx/Andreas Meier
(Hrsg.), Der europäische Roman zwischen
Aufklärung und Postmoderne. Festschrift
für Jürgen C. Jacobs. Weimar 2001.
S. 51-62.
Literarische Übersetzung als Kanonbildung.
In: Michaela Auer / Ulrich Müller (Hrsg.),
Kanon und Text in interkulturellen Perspektiven:
"Andere Texte anders lesen". Verlag
Hans-Dieter Heinz. Akademischer Verlag Stuttgart
2002. S. 45-55.
Die japanische Geschichte im Gedächtnis
der Götter. In: Herbert Arlt (Hrsg.),
Erinnern und Vergessen als Denkprinzipien.
Röhrig Universitätsverlag. St.
Ingbert 2002. S. 89-99.
Der Berg Fuji in der japanischen Kunst. In:
Herbert Arlt (Hrsg.), Realität und Virtualität
der Berge. Röhrig Universitätsverlag.
St. Ingbert 2002. S. 29-46.
Die virtuelle Geschichte in der japanischen
Mythologie. In: Jura Soyfer. Internationale
Zeitschrift für Kulturwissenschaften
1/2002. S. 9-14.
Kontinentalität und Transkontinentalität
am Beispiel Eurasiens. In: Jura Soyfer. Internationale Zeitschrift für
Kulturwissenschaften 4/2002, S. 3-8. Wien 2003.
Der gespaltene Kontinent Eurasien. In: Ibykus. Zeitschrift für Poesie,
Wissenschaft und Staatskunst, 22. Jg. H. 82/2003, S. 30-32.
Die Entsagung für den totalitaren Staat. Goethes Staatsidee im Japan
der dreißiger Jahre. In: Walter Gebhard (Hrsg.), Ostasienrezeption
im Schatten der Weltkriege. Universalismus und Nationalismus. München
2003, S. 81-94.
Die japanische Goetheforschung im Schatten der völkischen Literaturwissenschaft. Im: Jahrbuch für Internationale Germanistik. Akten des X. Internationalen Germanistenkongresses Wien 2000. Bern 2003, S. 271-276.
Lob der Goethephilologie. Dankrede auf den Jacob- und Wilhelm Grimm-Preis des DAAD. Bonn 2003.
Die japanische Tradition der Liebesgedichte. In: Monika Schmitz-Emans (Hrsg.),
Transkulturelle Rezeption und Konstruktion. Festschrift fur Adrian Hsia.
Synchron Publishers. Heidelberg 2004, S. 121-133.
Auslandsgermanistik als Kulturwissenschaft. In: Zhang Yushu / Horst Thomé
(Hrsg.), Literaturstraße. Chinesisch-deutsches Jahrbuch für
Sprache, Literatur und Kultur. Band 5 (2004), Würzburg 2004, S. 7-20.
Fukuo-Jiden. Lebensschilderungen eines Liberalen in der Meiji-Zeit. In: Naoji
Kimura & Horst Thomé (Hrsg.): gWenn Freunde aus der Ferne kommenh
Eine west-östliche Freundschaftsgabe für Zhang Yushu zum 70. Geburtstag. Peter Lang Verlag. Bern 2005. S. 305-327.
Ein traditionelles Bunraku-Puppentheaterstück im Kulturfilm "Das
Wunder der Tsubosaka-Kannon". In: Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften
Trans Nr. 16, Februar 2006. Sek. 9.1. Erneuerung der literarischen Tradition
durch neue Medien.
Der Goethe-Schiller-Briefwechsel als Kulturerbe der deutschen Klassik. In:
hLiteraturstrasseg. Chinesisch-deutsches Jahrbuch für Sprache, Literatur und Kultur. Band 7. Verlag Königshausen & Neumann. Würzburg 2007, S. 45-57.
Hintergrund der Zen-Rezeption in Europa. In: Walter Gebhard (Hg.), Ostasienrezeption
in der Nachkriegszeit. Kultur-Revolution \ Vergangenheitsbewältigung
\Neuer Aufbruch. Iudicium Verlag.
München 2007, S. 167-190.
(Stand: 3. Febr.
2007)
Beiträge zum Goethejahr 1999
Goethe als Symbol deutscher Kultur
Als man die Feier des hundertjährigen
Geburtstags von Goethe beging, stand nach
Viktor Hehn der Nachruhm des Dichters unter
dem deutschen Volk am niedrigsten.1 Dagegen war es Ende 1899, als Rudolf Huch
sich mit seinem kulturkritischen Büchlein
Mehr Goethe gegen unverhältnismäßig
wenig Goethe-Einfluß durch das Übermaß
an Goethe-Philologie wandte. Nicht so radikal
wie Nietzsche, doch ironisch und satirisch
bemerkte er dazu im 150. Geburtsjahr Goethes:
"Geredet wird in der deutschen Literatur
allerdings sehr viel mehr als genug über
Goethe und sein Werk. Aber das ist die schlechte
Komödie, die schale Ironie, die sich
in der Geschichte der Kunst so gut findet
wie in der großen Welt, daß von
einem wirklichen Einfluß Goethes auf
die Literatur unserer Zeit nichts, aber auch
gar nichts zu spüren ist."2 Nach Max Kommerell betraf diese literarische
Situation vor allem die Jugendbewegung in
der Jahrhundertwende.3
Seitdem hat die Goethe-Feier sich in den
Jahren 1932, 1949 und 1982 wiederholt, und
jedes Mal wurde Goethe in der ganzen Welt
nicht nur als "Repräsentant des
bürgerlichen Zeitalters"4, sondern auch als "Vertreter der Menschheit"
verehrt.5 Mit Recht sprach der Elsässer Ernst
Barthel bereits 1929 von "Goethe als
dem Sinnbild deutscher Kultur". Abgelehnt
wurde im Ausland nur "Goethe der Deutsche"
eines Adolf Bartels zum Goethejahr 1932,
wie Thomas Mann denn auch in seinem Aufsatz
"An die japanische Jugend" aus
dem gleichen Anlaß vor den sogenannten
Provinzlern des Geistes warnte: "Geflissentlich
nennen sie den echten und den wohlfeilen
Weltruhm in einem Atem und meinen so das
Mehr-als-Nationale zugleich mit dem Unter-
und Zwischennationalen zu verunglimpfen."6 Nach den schweren Jahren des Nationalsozialismus
und nach dem Fall der Berliner Mauer ist
man in Deutschland glücklicherweise
wieder so liberal und international eingestellt,
daß beispielsweise im bekannten Kunstfest
Weimar schon eine Veranstaltungsreihe unternommen
worden ist, die eine Brücke zwischen
Traditionsbezügen, Gegenwartsinteresse
und dem Geist der Weimarer Klassik zu schlagen
sucht.7 Vorausgegangen war allerdings ein Symposium
deutscher und japanischer Goetheforscher
zu einem ähnlichen Rahmenthema, das
im Dezember 1991 im Japanisch-Deutschen Zentrum
Berlin stattfand.8 Um die globalen Auswirkungen im Goethejahr
1999 zu erfassen, braucht man im Computer
nur die URL-Adresse: www.goethe-net.de abzurufen.
Wenn Goethe also immer noch weltweit als
Symbol deutscher Kultur gilt, erscheint es
kein Zufall, daß Weimar schon lange
für das 250. Geburtsjahr Goethes zur
Kulturstadt Europas bestimmt worden ist.
Wurde doch die kulturpolitische Bedeutung
dieser Stadt vor aller Augen dadurch offenkundig,
daß ein Jahr nach der Wiedervereinigung
Deutschlands hier das französische Staatsoberhaupt
François Mitterrand im September 1991
mit dem Altbundespräsidenten Richard
von Weizsäcker zusammentraf. Im September
1993 besuchte auch das japanische Kaiserpaar
diese Stadt aus Anlaß einer dreitägigen
Reise nach Berlin, um auf diese Weise der
deutschen Kultur die traditionelle Hochachtung
und geistige Verbundenheit des japanischen
Volkes zu bezeugen. Wie damals die ganze
gebildete Welt an Goethe schrieb und viele
namhafte Wissenschaftler und Künstler
zu ihm nach Weimar wallfahrteten, so hat
man wohl mit solcher Wiederbelebung der Stadt
gerechnet, als man symbolisch genug für
die deutsche Einheit gleich mit der Restaurierung
des Goethe-Schiller-Denkmals vor dem Weimarer
Nationaltheater anfing. Berlin ist mit seinem
welthistorisch bedeutsamen Wahrzeichen Brandenburger
Tor zweifellos die politische Bundeshauptstadt.
Auch steht sie als die Stadt von Wilhelm
und Alexander von Humboldt für das allmählich
vollzogene Zusammenwachsen von "Ossi"
und "Wessi" symbolisch da. Aber
im Sinne des deutschen Föderalismus
soll Weimar offensichtlich kulturelle Hauptstadt
Deutschlands bleiben, während Bonn mit
den vier Institutionen: Deutscher Akademischer
Austauschdienst, Alexander von Humboldt-Stiftung,
Deutsche Forschungsgemeinschaft sowie Inter
Nationes sich als die wissenschaftliche Hauptstadt
Deutschlands erweisen wird. Inzwischen ist
Frankfurt am Main über die wirtschaftliche
Hauptstadt Deutschlands hinaus zu Europas
Finanz-Zentrum geworden.
Es gibt eine weitere deutsche Institution,
die eine andere Aufgabe hat als die obengenannten
wissenschaftlichen Institutionen und nichtsdestoweniger
wichtig ist. In der Tat trägt sie nicht
zu Unrecht den Namen des größten
deutschen Dichters und heißt Goethe-Institut.
Sie ist mit ihrem internationalen Organisationsnetz
in allen Ländern der Welt bekannt wie
Goethe selbst, und ihre Aufgabe besteht darin,
die deutsche Sprache im Ausland zu fördern
und deutsche Kultur unter den Gebildeten
aller Länder zu verbreiten. Es war also
naheliegend und fast selbstverständlich,
daß am 8. Mai 1996 in Weimar ein Goethe-Institut
durch Bundeskanzler Helmut Kohl eröffnet
wurde, und zwar in der stattlichen Residenz
der Frau von Stein, die sowohl dem Goethehaus
am Frauenplan als auch dem Gartenhaus Goethes
so nahe liegt. Dadurch trat das Anliegen
des Goethe-Instituts, sein kulturelles Tor
auch den Nachbarländern in Osteuropa
offenzuhalten, immer deutlicher zutage, so
wie der DAAD gleich nach der Beendigung des
kalten Krieges in Frankfurt an der Oder eine
Universität ohne Campus gründete,
um den deutsch-polnischen akademischen Austausch
so schnell wie möglich zu fördern.
Überhaupt hat der DAAD durch seine überaus
zahlreichen Stipendien die Vorliebe der akademischen
Jugend in der Welt für Deutschland gewonnen,
und die durch die Humboldt-Stiftung geförderten
ausgewiesenen Wissenschaftler verschiedenster
Provenienz haben das freudige Lebensgefühl,
gleichsam einer internationalen Akademie
der Wissenschaften anzugehören. Wenn
Deutschland trotz des Nationalsozialismus
im Ausland immer noch als eine Kulturnation
hochgeachtet und beliebt ist, so verdankt
es dies vor allem dieser auswärtigen
Kulturpolitik, was Japan leider bis heute
weitgehend versäumt hat. Jeder vernünftige
Politiker müßte eigentlich begreifen,
daß es sich dabei um eine Überlebensfrage
einer traditionsreichen Kulturnation handelt.
Freilich ist Deutschland nicht nur in der
Kulturpolitik Vorbild für Japan. In
der Vergangenheitsbewältigung sowie
im Umweltschutz ist es vorbildlich genug,
ferner in der entschiedenen Bereitschaft,
eingedenk des christlichen Abendlandes sich
zu Europa zu bekennen und tatkräftig
für das Zustandekommen der EU einzutreten.
Deshalb hat man sich in Japan über die
Wiedervereinigung Deutschlands wirklich mit
den Deutschen gefreut. Ein Jahr danach bedankte
sich der deutsche Botschafter bei einer Neujahrsfeier
der Japanisch-Deutschen Gesellschaft in Tokyo
dafür, indem er deutsche Gäste
darauf hinwies, die deutsche Einheit sei
nur in Japan vorbehaltlos begrüßt
worden. Was den Japanern, insbesondere den
japanischen Germanisten vielversprechend
vorkam, war die mit der Vereinigung der beiden
Teile Deutschlands einhergehende kulturelle
Bereicherung. Sind doch Frankfurt am Main
und Weimar wieder Städte eines Landes,
so daß auch die japanischen Germanisten,
die sich hauptsächlich mit der Goethezeit
bzw. mit der deutschen Klassik und Romantik
beschäftigten, sich von der Beklommenheit
dispensiert haben fühlen können,
wie sie seinerzeit Thomas Mann bei seiner
Ansprache im Goethejahr 1949 in der Paulskirche
zu Frankfurt am Main überfiel. Sie wußten,
daß die alte Bundesrepublik Deutschland
sich kulturpolitisch viel leisten konnte,
und erwarteten, daß die neue Bundesrepublik
Deutschland noch intensiver oder zumindest
in gleichem Ausmaß ihre kultur-politischen
Aufgaben wahrnehmen würde. Aber angesichts
der schwierigen Wirtschaftslage im Zuge der
Wiedervereinigung werden überall in
Deutschland auf dem Gebiet der Kultur Kürzungen
oder Streichungen vorgenommen, und es ist
vorübergehend sogar eine gespenstische
Stimme vernehmbar geworden: "Goethe
in Geldnot"9, wie wenn einst eines der vier grauen Weiber
im 5. Akt des Faust II dem altgewordenen Helden dies zugeflüstert
hätte. Den Mangel hat Deutschland durch
das Wirtschaftswunder vertrieben, die Schuld
hat es durch sein gewissenhaftes Verhalten
überwunden, und die Sorge ist es durch
die Wiedervereinigung losgeworden. Warum
sollte das vereinigte, kulturell bereicherte
Deutschland von finanzieller Not befallen,
plötzlich verarmt sein? Es war verwunderlich,
daß diese kritische Lage in dem Augenblick
entstanden ist, als die kostspielige politisch-militärische
Spannung zwischen Ost und West aufhörte
zu existieren.
Der wichtigste Partner für das Goethe-Institut
ist natürlich die Japanische Gesellschaft
für Germanistik mit ihren annähernd
2700 Mitgliedern. Da diese grundsätzlich
Hochschulgermanisten sind, ist dabei eine
Koordination der Tätigkeitsbereiche
des DAAD und des Goethe-Instituts unumgänglich,
wenngleich von japanischer Seite manchmal
die gleichen Personen mit den beiden Institutionen
zusammenarbeiten. Eine solche Koordination
ist beispielsweise im März 1989 getroffen
worden, als das sogenannte Tateshina-Ferienseminar,
das das Goethe-Institut Tokyo 30 Jahre lang
finanziell unterstützt hatte, als reiner
Wissenschaftsbereich dem DAAD abgetreten
wurde. Dafür intensivierte das Goethe-Institut
die Zusammenarbeit mit dem Deutschlehrerverband
innerhalb der Japanischen Gesellschaft für
Germanistik und entsandte im Rahmen des integrierten
Deutschlandsemesters zunächst 15 junge
japanische Germanisten für ein halbes
Jahr nach München, beginnend mit dem
September 1980. Nach der Rückkehr haben
sie im Mai 1990 auf einem Symposium der japanischen
Germanistentagung über ihre Erfahrungen
berichtet. Seither finden alle zwei Jahre
in Tokyo hochkarätige Fachseminare für
die Didaktik des Deutschunterrichts statt.10
Im Kulturbereich ist das Angebot des Goethe-Instituts
an Programmen so zahlreich und verschiedenartig,
daß eine Bestandsaufnahme an dieser
Stelle nicht möglich ist. Als Beispiel
sollen nur einige eindrucksvolle Veranstaltungen
angeführt werden: Im Rahmen des VIII.
IVG-Kongresses im August 1990 lud das Goethe-Institut
Tokyo die Münchner Kammerspiele mit
der Faust-Aufführung von Dieter Dorn
in Kooperation mit der IVG ein und veranstaltete
mit der Japa-nischen Goethe-Gesellschaft
zusammen eine Ausstellung "Goethes Faust
in Dokumenten und Originalmanuskripten".
Im Oktober 1990 veranstaltete es dann ein
deutsch-chinesisch-koreanisch-japanisches
Symposium "Faust in Ost und West"
zusammen mit der Sophia-Universität
Tokyo, ein internationales Symposium mit
der Ausstellung "Goethes Faust im Fernen
Osten", das es in der Art noch nie gegeben
hatte.11 Bahnbrechend dafür waren die zwei vorangegangenen
bilateralen Symposien: das koreanisch-japanische
Germanistik-Symposium im April 1989 in Seoul,
an dem das Goethe-Institut Seoul mitwirkte,12 und das chinesisch-japanische Germanistik-Symposium
im März 1990 in Peking, an dem das Goethe-Institut
Peking ebenfalls mitwirkte.13 Eine solche internationale Zusammenarbeit
anläßlich des IVG-Kongresses in
Tokyo führte schließlich zu dem
ersten ostasiatischen Germanistentreffen
im August 1991, das im Japanisch-Deutschen
Zentrum Berlin mit finanzieller Unterstützung
des DAAD und der Humboldt-Stiftung zustande
kam.14 Da auf diesen Tagungen miteinander wie auch
mit den deutschen Teilnehmern ausschließlich
auf deutsch gesprochen wurde, gilt die deutsche
Sprache seitdem unter den ostasiatischen
Germanisten als eine zur Völkerverständigung
dienende und freundschaftstiftende Lingua
franca. Es versteht sich von selbst, daß
sie der deutschen Sprache und den deutschen
Institutionen dafür sehr verbunden sind.
So konnte im August 1994 zum ersten Mal eine
Regionaltagung des Internationalen Deutschlehrer-Verbandes
(IDV) in Peking stattfinden, an der chinesische,
koreanische und japanische Germanisten mit
deutschen, amerikanischen und vielen anderen
ostasiatischen Germanisten bzw. Deutschlehrern
freundschaftlich teilgenommen haben.15 Nach dem darauf folgenden ostasiatischen
Germanistentreffen im August 1997 in Seoul16 ist das nächste für den August
1999 in Fukuoka vorgesehen.
Wenn die deutsche Sprache nicht nur in Osteuropa,
sondern auch in Ostasien kulturell von so
großer Tragweite ist, wird das Teamwork
der Goethe-Institute Tokyo, Seoul und Peking
besonders im Wortbereich notwendig und sinnvoll.
Ein deutscher Wissenschaftler oder Künstler
sollte z.B. seine Vortragsreise auf Einladung
des Goethe-Instituts soweit wie möglich
immer darauf ausrichten, diese Städte
nacheinander zu besuchen. Das wäre für
ihn selbst ein wichtiges Erlebnis, um feine
Unterschiede in den ostasiatischen Kulturen
festzustellen. Oder eine Ausstellung sollte
nach Möglichkeit von Anfang an als eine
Wanderausstellung konzipiert werden. Bei
allen Projekten werden die Germanisten in
China, Korea und Japan, die nunmehr durch
die gemeinsame Sprache Deutsch miteinander
befreundet sind, gern mithelfen. Durch die
weltweite Entwicklung von Internet wird Englisch
zwar immer mehr praktische Kommunikationssprache
unter allen Nationen. Gegen diese Tendenz
ist faktisch nichts zu machen. Selbst deutsche
Naturwissenschaftler und Mediziner publizieren
ihre Abhandlungen in englischer Sprache.17 Auf der anderen Seite behält Französisch
sein Recht als offizielle Konferenz-sprache
in der EU und wird weiterhin in der vornehmen
Gesellschaft gebraucht.
In dieser Situation soll sich Deutsch mindestens
in Japan oder Ostasien traditionsgemäß
als Bildungssprache behaupten. "Quod
si sal evanuerit, in quo salietur?"
Ins geliebte Deutsch Fausts übersetzt
heißt das: "Wenn das Salz schal
wird, womit soll man es dann salzen?"
Genau besehen lautet die in der Satzung verankerte
Bezeichnung des Goethe-Instituts: "zur
Pflege der deutschen Sprache im Ausland und
zur Förderung der internationalen kulturellen
Zusammenarbeit".18 Die deutsche Sprache ist also ein wertvolles
Mittel für das Ziel, einen deutschen
Beitrag zur sich heranbildenden Weltkultur
zu leisten, wie Goethe als erster die Idee
der Weltliteratur ins Auge faßte.19 Die Japaner lieben deswegen den Universalisten
und Weltburger Goethe und schätzen die
deutsche Kulturinstitution mit dem gleichen
Namen in demselben Sinne.
Anmerkungen
1 Vgl. Victor Hehn: Gedanken
über Goethe, 7. Aufl. Berlin 1909. S.
188.
2 Rudolf Huch: Mehr Goethe. 2.
Aufl. München u. Leipzig 1904, S. 10.
3 Vgl. Max Kommerell: Jugend
ohne Goethe. Frankfurt a.M. 1931.
4 Vgl. Thomas Mann: Goethe's
Laufbahn als Schriftsteller. Zwölf Essays
und Reden zu Goethe. Fischer Taschenbuch
5715. S. 7 ff.
5 Vgl. Ralph Waldo Emerson: Vertreter
der Menschheit. 2. Aufl. Jena 1905.
6 Vgl. Thomas Mann: An die japanische
Jugend. In: Goethe-Studien. Japanisch-deutscher
Geistesaustausch. Heft 4. Japanisch-deutsches
Kultur-Institut. Tokyo 1932. S. 5.
7 Vgl. Sichtweisen "Nationalismus
und Weltbürgertum", hrsg. von Stiftung
Weimarer Klassik und DC Bank. Weimar 1994.
8 Vgl. Veröffentlichungen
des JDZB, Bd. 15: Goethe und die Weltkultur.
Berlin 1993.
9 Vgl. Hans Magnus Enzensberger:
Auswärts im Rückwärtsgang.
In: Der
Spiegel 37/1995.
10 Vgl. Deutschunterricht in Japan,
hrsg. von Goethe-Institut Tokyo / Goethe-Institut
Osaka. Tokyo 1992. Vgl. ferner Stefanie Kaufmann:
Die Förderung von Deutsch als Fremdsprache
durch die Goethe-Institute in Japan. In:
Ulrich Ammon (Hg.): Die deutsche Sprache
in Japan. Verwendung und Studium. München
1994.
11 Vgl. Symposium "Goethes Faust
in Ost und West". In: Studien des Instituts
für die Kultur der deutschsprachigen
Länder, Sophia-Universität, Nr.
8. Tokyo 1990.
12 Vgl. Dokumentation des 1. Symposiums
der koreanischen und der japanischen Germanisten:
Rezeption der deutschen Literatur in Japan
und Korea. In: Dogilmunhak. Koreanische Zeitschrift
für Germanistik. 30. Jg. 1989. Heft
42. S. 276-366.
13 Vgl. Chinesisch-japanisches Germanistentreffen
Beijing 1990. Dokumentation der Tagungsbeiträge.
Peking 1994.
14 Vgl. Veröffentlichungen
des JDZB, Bd. 12: Deutsche Literatur und
Sprache aus ostasiatischer Perspektive. Berlin
1992.
15 Vgl. I. IDV - Regionaltagung Asien
Beijing 94. Deutsch in und für Asien.
Dokumentation der Tagungsbeiträge. Peking
1996.
16 Vgl. Asiatische Germanistentagung
1997. Literatur im multimedialen Zeitalter
- Neue Perspektiven der Germanistik in Asien.
2 Bde. Seoul 1998.
17 Vgl. Wolf Peter Klein: Pidgin als
Weltsprache. Der Rückgang des Deutschen
in den Wissenschaften. In: Frankfurter Allgemeine
Zeitung. 14. Okt. 1998, Nr. 238 / Seite N
5.
18 Die symbolische Bedeutung dieser
kulturellen Einrichtung wurde im Goethe-Jahr
1999 erneut bestätigt. Vgl. die Rede,
die der Alt-Bundespräsident Roman Herzog
aus Anlas des 250. Geburtstages von Johann
Wolfgang von Goethe am 14. April 1999 im
Kaisersaal des Frankfurter Römer hielt.
19 Vgl. Bericht vom Symposium "Goethes
Begriff der Weltliteratur". Weimar 18.
bis 21. März 1997, hrsg. von Goethe-Institut
München 1997.
Eine leicht veränderte, mit Anmerkungen
versehene Fassung des Beitrags in: Joachim
Sartorius (Hrsg.) In dieser Armut - welche
Fülle!. Göttingen 1996. S. 130-135.
Goethes Bedeutung in Japan
Wie in der ganzen Welt wird das Goethejahr
1999 auch in Japan gefeiert. Aber wie? Die
Initiative ergriff die Goethe-Gesellschaft
in Japan, indem sie rechtzeitig einen reichhaltigen
Veranstaltungsplan entwarf und mit einer
Aktion für Geldspenden begann. Trotz
der schlechten Wirtschaftslage ist die erforderliche
Summe in einem halben Jahr mit großzügigen
Spenden von Mitgliedern, Germanistikprofessoren,
verschiedenen Firmen sowie Universitäten
und Verlagen leicht erzielt worden. Japanische
Gebildete haben also anscheinend immer noch
viel übrig für Johann Wolfgang
von Goethe, der im allgemeinen als Repräsentant
des bürgerlichen Zeitalters angesehen
wird.
Geplant waren Veranstaltungen in den Städten
Sapporo, Sendai, Tokyo, Matsumoto, Toyama,
Kyoto, Osaka, Tokushima und Fukuoka, also
faktisch landesweit von Norden bis Süden.
Es handelte sich dabei um mannigfaltige Vorträge,
Symposien, Liederabende, Ausstellungen von
Goethe-Übersetzungen und Aufführungen
von Urfaust, - alle Programme wurden detailliert im
Internet angekündigt. Als Höhepunkt
ist ohne Zweifel ein internationales Symposium
"Goethe - Wirkung und Gegenwart"
Ende Oktober 1999 anzusehen, zu dem das Institut
für die Kultur der deutschsprachigen
Länder an der Sophia-Universität
und das Goethe-Institut Referenten aus allen
deutschsprachigen Ländern, den USA,
China und Korea einluden.
Von der Wirkung Goethes in der Vergangenheit
zu sprechen, fällt mir nicht schwer,
wie eine Vielzahl der Goethe betreffenden
Primär- und Sekundärliteratur in
japanischer Sprache bezeugt. Aber seine Wirkung
in der Gegenwart erscheint problematisch
- trotz der eben erwähnten Tatsachen.
Im Grunde sind es relativ wenige Gebildete
der älteren Generation, die sich in
Japan für Goethe engagieren. Es gibt
selbst unter den japanischen Germanisten
nicht sehr viele, die sich wie früher
speziell mit Goethe und mit der Goethezeit
überhaupt beschäftigen. Wie soll
man diese rezeptionsgeschichtliche Situation
am Ende des 20. Jahrhunderts beurteilen?
Es gehört immerhin zum gesunden Menschenverstand
aller japanischen Germanisten, daß
sie etwas von Goethe wissen. Insofern beschäftigen
sie sich im Laufe ihres Studiums mehr oder
weniger mit der Goethezeit und kommen in
ihrer Lehrtätigkeit vielfach darauf
zu sprechen. Es gehört zur Allgemeinbildung
aller japanischen Studenten, daß sie
in der Jugend die wichtigsten Werke der Weltliteratur
gelesen haben müssen, zu denen selbstverständlich
Goethes Faust gerechnet wird. Die Leiden des jungen Werther oder Liebesgedichte Goethes werden viele
von ihnen lesen, ohne aufgefordert zu werden.
Einige Gedichte von ihm sind durch die Lied-Kompositionen
eines Franz Schubert oder Hugo Wolf so bekannt
und beliebt wie Schillers Gedicht "An
die Freude" in der Neunten Symphonie
Beethovens.
Kritisch wird die Kenntis der akademischen
Jugend im Hinblick auf Goethes andere Werke,
vor allem bei seinem eigentlich für
sie so wichtigen Bildungsroman und seinen
klassischen Dramen. Es gibt nämlich
auf dem japanischen Buchhandel keine Taschenbuchausgaben
mehr für Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre, Iphigenie oder Tasso, obwohl alle diese Werke in der 15bändigen
japanischen Goetheausgabe des Ushio-Verlags
enthalten sind. Glücklicher-weise sind
Dichtung und Wahrheit sowie der Roman Die Wahlverwandtschaften immer noch in der bekannten Iwanami-Bücherei
zu finden. Aber die Italienische Reise ist schon lange vergriffen. Da es heutzutage
wirklich eine Zumutung für die Studenten
ist, diese Werke in der deutschen Originalsprache
zu lesen, braucht man im Literaturunterricht
gute japanische Übersetzungen. Leider
ist das nicht mehr der Fall wie bei den anderen
beliebteren Autoren wie Hermann Hesse, Thomas
Mann, Kafka, Rilke u.a.m.
Aber ich bedaure diese japanische "Jugend
ohne Goethe" (Max Kommerell) nicht zu
sehr, finde es vielmehr richtig, daß
sie sich für moderne Autoren interessiert,
weil sie heute mit anderen Problemen konfrontiert
ist als mit denen der Goethezeit. Bedenklich
ist nur, daß sie mit den deutschen
Schriftstellern der unmittelbaren Gegenwart,
selbst mit Böll, Grass oder Martin Walser
fast nichts anzufangen weiß. Dagegen
bleibt es m. E. die Aufgabe für die
japanischen Goetheforscher, die zukunftsträchtige
Bedeutung Goethes auf dem Weg zum 21. Jahrhundert
zu entdecken und deren Glaubwürdigkeit
ihren Studenten begreiflich zu machen.
Der Artikel entnommen dem Ausstellungskatalog
der Frankfurter Buchmesse 1999: Goethe in
1000 Zungen. Eine internationale Buchausstellung
in 45 Sprachen mit über 700 Büchern
aus 55 Ländern.
Wiederholte Spiegelungen
Goethe auf dem Weg zum Fernen Osten
0. Einleitung:
Die von Goethe konzipierte Weltliteratur
kommt durch die Übersetzung sprachlicher
Meisterwerke zustande, was aber ausreichende
Kenntnisse der Ausgangs- und Zielsprache
voraussetzt. Wenn sie noch nicht vorhanden
sind, müssen sie durch andere nonverbale
Kenntnisse wie Medizin oder Naturgeschichte
ergänzt werden, bis eine vertiefte Kommunikation
überhaupt erst möglich wird.1 Es war genau drei hundert Jahre nach der
Ankunft des deutschen Weltreisenden Engelbert
Kaempfers (1651-1716), daß der 8. Weltkongreß
der IVG 1990 in Tokyo stattgefunden hat.
Der Kongreß, dessen Generalthema bezeichnenderweise
"Begegnung mit dem 'Fremden'" hieß,
stand unter dem Zeichen von Goethes bekanntem
Gedicht "Gingo biloba" aus dem
West-östlichen Divan. Das Gedicht wurde nicht nur von Prof. Eijiro
Iwasaki, dem damaligen Präsidenten der
IVG, in seinem Grußwort zum Hauptprogramm
zitiert, sonden die Originalhandschrift wurde
auch im Rahmen einer Faust-Ausstellung mit
den Exponaten aus dem Goethe-Museum Düsseldorf
gezeigt.
Bei der Gelegenheit wurde durch die Herausgabe
einer Sonderbriefmarke eines Mannes gedacht,
der sich in besonderer Weise für die
Einführung der deutschen Literatur nach
Japan verdient gemacht hatte. Es war kein
geringerer als der Dichtergelehrte Mori Ogai
(1862-1922), der ohne Zweifel als Wegbereiter
der Goethe-Rezeption in Japan gilt. Um seine
Bedeutung angemessen einzuschätzen und
seine Leistungen in die ganze Geschichte
der Goethe-Rezeption im Fernen Osten einzuordnen,
muß man aber die lange Vorgeschichte
vor seiner literarischen Tätigkeit kennen.
Da kommt zuerst durch eine entfernte geschichtliche
Beziehung eben Engelbert Kaempfer aus Lemgo,
Westfalen, in den Blick und dann der große
Japanforscher Philipp Franz von Siebold aus
Würzburg (1796-1866), der im Jahre 1823,
also in dem Jahr von Eckermanns Ankunft in
Weimar, als Stabsarzt in niederländischen
Diensten nach Nagasaki gekommen war. Siebold
als solcher hat mit Goethe nichts zu tun,
erscheint jedoch insofern beachtenswert,
als er noch zu Lebzeiten des Dichters nach
Japan kam und sein Förderer Nees von
Esenbeck - er war Präsident der Deutschen
Akademie der Naturforscher Leopoldina --
der botanische Freund Goethes war. Zudem
gehörten seine beiden Onkel Barthel
und Elias zum Schülerkreis des Jenaer
Medizinprofessors Justus Christian Loder
und trafen in Hörsälen ab und zu
mit Goethe zusammen.
1. Engelbert Kaempfer und der Ginkgobaum
im Heidelberger Schloßgarten:
Was die entfernte geschichtliche Beziehung
anbelangt, so steht bekanntlich im Heidelberger
Schloßgarten ein alter Ginkgobaum,
der den alternden Dichter Goethe im September
1815 beim Wiedersehen Marianne von Willemers
zu jenem symbolischen Liebesgedicht angeregt
haben soll. Vor Jahren hat ein Japaner mit
allen Mitteln versucht, das Alter des als
chinesischer Herkunft ausgeschilderten Baumes
zu bestimmen, um so dessen Identität
mit dem von Goethe besungenen Gingo biloba
plausibel zu machen. Nachweisen konnte er
zwar nicht, daß der Baum tatsächlich
Mitte des 18. Jahrhunderts aus Japan über
England nach Deutschland transportiert, also
wörtlich übers Meer übergesetzt
worden sei. Aber es war immerhin kein anderer
als Engelbert Kaempfer, der den Ginkgobaum
in seinem Werk Amoenitates exoticae (1712) - teilweise ins Deutsche übersetzt
unter dem Titel Seltsames Asien -- zum erstenmal in Europa bekannt gemacht
hatte.2 Er hatte die zwei chinesischen Schriftzeichen
für den betreffenden Baum phonetisch
als Ginkyo wiedergegeben, das aber irrtümlich
als Ginkgo gedruckt wurde. Kulturgeschichtlich
geht Goethes geistige Begegnung mit Japan
also letztlich auf diesen deutschen Arzt
zurück.
2. Goethes angebliche Kenntnis von Japan:
Die Beziehungen Kaempfer - Japan - Goethe
bestehen jedoch in einem anderen, merkwürdigen
Zusammenhang und müssen noch philologisch
genau untersucht werden. In der Weimarer
Ausgabe Bd. 42, 2 befindet sich nämlich
ein Goethe zugeschriebener kurzer Aufsatz
mit dem von Eckermann stammenden Titel "Vorschlag
zur Einführung der deutschen Sprache
in Polen". Der undatierte Aufsatz scheint
wegen des angeblichen Plädoyers von
Goethe für eine preußisch-nationale
Kulturpolitik aufgenommen worden zu sein.
Dennoch hat er schon lange die Aufmerksamkeit
japanischer Germanisten bzw. deutscher Japanologen
auf sich gezogen, weil er einen Passus enthält,
der von einem frühen Interesse des Dichters
an Japan Zeugnis abzulegen scheint: "Wir
lesen bei Kämpfer, daß der japanische
Kaiser sich sehr unterhalten gefunden, als
ihm die Holländer ihre gewöhnlichen
Reverenzen, Begegnungen und täglichen
Handlungen vorgespielt."3 Obwohl diese Stelle offensichtlich den Schogun
mit dem Kaiser verwechselt, schien sie zweifellos
dem Bericht Engelbert Kaempfers zu entsprechen,
der sich vom September 1690 bis November
1692 wie später Siebold im Dienst der
niederländisch-ostindischen Kompanie
auf der Insel Dejima in Nagasaki aufhielt.
In seinem posthum erschienenen Hauptwerk
Geschichte und Beschreibung von Japan (1777/79) führte er u.a. über
seine erste Hofreise nach Edo (dem heutigen
Tokyo) aus: "Bald musten wir nämlich
aufstehen und hin und her spatzieren, bald
uns unter einander komplimentiren, dann tanzen,
springen, einen betrunkenen Man vorstellen,
Japanisch stammeln, malen, Holländisch
und Deutsch lesen, singen, die Mäntel
bald um- und wieder wegthun, u.d.gl., ich
an meinem Theile stimte hiebei eine Deutsche
Liebesarie an."4
Die Tatsache, daß Kaempfers Werk nicht
aus seiner deutschen Originalhandschrift,
sondern zuerst in englischer Übersetzung
erschienen war und dann über die französische
Übersetzung dieser englischen Übersetzung
ins Deutsche zurückübertragen wurde,
war damals unbekannt.5 Die echte deutsche Ausgabe wurde nachträglich
von Karl Christian Dohm, dem späteren
Hauslehrer Alexander von Humboldts, besorgt.
Es versteht sich von selbst, daß aus
einer solchen Übersetzungsgeschichte
eine Unmenge Mißverständnisse
über Japan entstanden waren. Unabhängig
davon hat sich inzwischen überraschend
herausgestellt, daß der genannte Aufsatz
im Hinblick auf Goethes Autorschaft sehr
zweifelhaft ist. Dafür führt der
bekannte Goetheforscher Erich Trunz acht
philologische Gründe an und kommt zu
dem Schluß: "Wie die vorstehenden
Ausführungen zeigen, habe ich keinen
handfesten Beweis, um diesen Aufsatz Goethe
abzusprechen, etwa eine Erwähnung in
einem Brief oder dergleichen. Doch Suphan
hatte ebensowenig einen sicheren Beweis,
ihn Goethe zuzusprechen. Da nun der eine
Philologe den Aufsatz Goethe zugesprochen
hat und der andere ihn ihm abspricht, schlage
ich vor, ihn als 'zweifelhaft' zu bezeichnen."6 Demnach ist höchst wahrscheinlich,
daß der Aufsatz von einem Mann stammt,
dem "Goethe einen Gefallen tun wollte
und dem er den Aufsatz durchkorrigiert hat."
3. Berichte über China, Korea und Japan
in Herders Ideen zur Philosophie der
Geschichte der Menschheit:
Die frühere Annahme der Japanologen,
daß Goethe durch Engelbert Kaempfer
die erste ausführlichere Japankenntnis
gewonnen hätte, ist also nicht mehr
stichhaltig, zumindest ist sie sehr fragwürdig
geworden. Goethe bezog seine Kenntnisse über
Japan vielmehr aus Herders geschichtsphilosophischem
Hauptwerk Ideen zur Philosophie der Geschichte der
Menschheit, dessen dritten Teil er im Oktober 1787
während seines zweiten Aufenthaltes
in Rom vom Autor zugeschickt erhielt. In
den Ideen handelt das Elfte Buch im Abschnitt I von
China und im Abschnitt II von Kotschinchina,
Tongking, Laos, Korea, der östlichen
Tatarei und Japan. Herder war freilich mit
der Chinoiserie im Europa des 18. Jahrhunderts
vertraut und setzte seine sieben Seiten langen
Ausführungen über China respektvoll
mit den folgenden Sätzen ein: "Im
östlichen Winkel Asiens unter dem Gebirge
liegt ein Land, das an Alter und Kultur sich
selbst das erste aller Länder, die Mittelblume
der Welt nennet, gewiß aber eins der
ältesten und merkwürdigsten ist,
China. Kleiner als Europa, rühmet es
sich einer größern Anzahl Einwohner,
als im Verhältnis dieser volkreiche
Weltteil hat; denn es zählet in sich
über 25 Millionen und zweimal hunderttausend
steuernde Ackerleute, 1572 große und
kleine Städte, 1193 Kastelle, 3158 steinerne
Brücken, 2796 Tempel, 2606 Klöster,
10 809 alte Gebäude u.f.; welche alle
von den 18 Statthalterschaften, in welche
das Reich geteilt ist, samt Bergen und Flüssen,
Kriegsleuten und Gelehrten, Produkten und
Waren in langen Verzeichnissen jährlich
aufgestellt werden. Mehrere Reisende sind
darüber einig, daß außer
Europa und etwa dem alten Ägypten wohl
kein Land soviel an Wege und Ströme,
an Brücken und Kanäle, selbst an
künstliche Berge und Felsen gewandt
habe als China; die nebst der großen
Mauer alle doch vom geduldigen Fleiß
menschlicher Hände zeugen."7
Über Korea steht dann geschrieben: "Korea
ist durch die Mandschus den Chinesen wirklich
unterworfen, und man vergleiche diese einst
wilde Nation mit ihren nördlichern Nachbarn.
Die Einwohner eines zum Teil so kalten Erdstrichs
sind sanft und milde; in ihren Ergötzungen
und Trauergebräuchen, in Kleidungen
und Häusern, in der Religion und einiger
Liebe zur Wissenschaft ahmen sie wenigstens
den Chinesen nach, von denen auch ihre Regierung
eingerichtet und einige Manufaktur in Gang gebracht worden."8 Die Einwohner Koreas sind von Herder freundlicherweise
als "sanft und milde" bezeichnet.
Denn, wie er sagt, "Mehreren Platz hat
die chinesische Einrichtung nordwärts
gewonnen, und das Land kann sich rühmen,
daß es zur Besänftigung der wilden
Völker dieses ungeheuren Erdstrichs
mehr beigetragen habe als vielleicht die
Europäer in allen Weltteilen."
Dagegen heißt es von Japan etwas kritischer:
"Die Insel indes, an welcher sich die
Chinesen den größten Nebenbuhler
ihres Fleißes erzogen haben, ist Japan.
Die Japaner waren einst Barbaren und ihrem
gewalttätigen, kühnen Charakter
nach gewiß harte und strenge Barbaren;
durch die Nachbarschaft und den Umgang mit
jenem Volk, von dem sie Schrift und Wissenschaften,
Manufakturen und Künste lernten, haben
sie sich zu einem Staat gebildet, der in
manchen Stücken mit China wetteifert
oder es gar übertrifft. Zwar ist dem
Charakter dieser Nation nach sowohl die Regierung
als die Religion härter und grausamer,
auch ist an einen Fortgang zu feinern Wissenschaften,
wie sie Europa treibt, in Japan so wenig
als in China zu denken; wenn aber Kenntnis
und Gebrauch des Landes, wenn Fleiß
im Ackerbau und in nützlichen Künsten,
wenn Handel und Schiffahrt, ja selbst die
rohe Pracht und despotische Ordnung ihrer
Reichsverfassung unleugbar Stufen der Kultur
sind, so hat das stolze Japan diese nur durch
die Chinesen erstiegen."9 Bei diesen Schilderungen wird freilich ein
wertender Unterschied zwischen geistiger
Kultur und technischer Zivilisation gemacht,
wobei Japan wie heute noch vorwiegend aus
dem letzteren Gesichtspunkt beurteilt wird.
Von der koreanischen oder japanischen Literatur
ist natürlich keine Rede. Herder soll
seinerseits als seine Wissensquelle den Nachlaß
Kaempfers teilweise durch Versteigerung erworben
haben. Aber seine Ausführungen sind
viel zu kurz und generalisierend, um Spuren
von dessen Verwendung feststellen zu können.
4. Heinrich Heines illusionärer Dichterruhm
in Japan:
Wenn man umgekehrt die Frage stellt, wann
die Japaner wohl die erste Kunde von Goethe
erhalten haben, so war es Heinrich Heine,
der als erster den Anspruch erhob, früher
als Goethe in Japan bekannt geworden zu sein.
Unter Bezugnahme auf Siebolds Nachfolger
in Nagasaki führt Heine in seinen im
Winter 1854 geschriebenen Geständnissen aus: "Keiner meiner Landsleute hat
in so frühem Alter wie ich den Lorbeer
errungen, und wenn mein Kollege Wolfgang
Goethe wohlgefällig davon singt, 'daß
der Chinese mit zitternder Hand Werthern
und Lotten auf Glas male', so kann ich, soll
doch einmal geprahlt werden, dem chinesischen
Ruhm einen noch weit fabelhaftern, nämlich
einen japanischen, entgegensetzen. Als ich
mich vor etwa zwölf Jahren hier im Hotel
des Princes bei meinem Freunde H. Wörmann
aus Riga befand, stellte mir derselbe einen
Holländer vor, der eben aus Japan gekommen,
dreißig Jahre dort in Nangasaki zugebracht
und begierig wünschte, meine Bekanntschaft
zu machen. Es war der Dr. Bürger, der
jetzt in Leiden mit dem gelehrten Seybold
das große Werk über Japan herausgibt.
Der Holländer erzählte mir, daß
er einen jungen Japanesen Deutsch gelehrt,
der später meine Gedichte in japanischer
Übersetzung drucken ließ, und
dieses sei das erste europäische Buch
gewesen, das in japanischer Sprache erschienen."10
Aber hier täuschte sich Heine durch
das bloße Hörensagen. Alle Nachforschungen
der japanischen Germanisten erwiesen sich
als erfolglos. Vom ersten in japanischer
Sprache erschienenen europäischen Buch
kann auch keine Rede sein, weil Äsops
Parabeln bereits im Jahre 1593 von einem
unbekannten Japaner aus dem Lateinischen
ins Japanische übersetzt wurden.11 In der sog. Kirishitan-Zeit um die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts
hatten die ersten Missionare angefangen,
gleichsam wie bei der Germanenmission christliches
Schrifttum durch Übersetzungen den Japanern
zugänglich zu machen. Soweit man bis
jetzt mit Dokumenten belegen konnte, war
die erste japanische Übersetzung eines
deutschen Literaturwerkes Schillers Wilhelm Tell im Jahre 1880 und dann ebenfalls im Jahre
1882, wenngleich diese beiden Ausgaben nur
unzulängliche Teilübersetzungen
darstellten. Goethes Epos Reineke Fuchs, das erst danach 1884 ins Japanische übertragen
wurde, war offensichtlich durch die demokratische
Freiheitsbewegung veranlaßt. Denn diese
lustig illustrierte Übersetzung erschien
1886 in zweiter Auflage, wurde dann nach
zwei Jahren verboten, erlebte aber 1893 trotzdem
die fünfte Auflage. Ebenso sollte Schillers
Drama im Zuge der Volksrechte-Bewegung als
Kampfmittel gegen die Machtpolitik der neuen
Meiji-Regierung verwendet werden. Merkwürdig
genug wurde die japanische Übersetzung
von Wilhelm Tell später ins Chinesische übersetzt
und daraus wieder ins Koreanische, um gleichfalls
als Kampfmittel gegen den japanischen Nationalismus
eingesetzt zu werden.12
5. Philipp Franz von Siebolds Zitat aus Schillers
Wallenstein:
Interessanterweise zitierte auch schon Philipp
Franz von Siebold auf dem letzten Blatt seines
Journals während meiner Reise nach dem
Kaiserlichen Hofe Jedo im Jahre 1826 fünf Zeilen aus Schillers Wallensteins Tod, um seinen Lebensverdruß auf der engen
Insel Dejima in Nagasaki zum Ausdruck zu
bringen: "Nicht, was lebendig, kraftvoll
sich verkündigt, / ------Das ganz /
Gemeine ist's, das ewig Gestrige, / Was immer
war und immer wiederkehrt, / Und morgen gilt,
weil's heute hat gegolten."13 Nach dem damaligen Stand der japanischen
Bildung, wo man von den europäischen
Sprachen nur das Niederländische lernen
durfte, war es einem Japaner, geschweige
denn einem deutschen Arzt unmöglich,
einen so anspruchsvollen deutschen Text in
ein literaturfähiges Japanisch zu übersetzen.
Es entzieht sich leider jeder Feststellung,
ob Siebold in Gegenwart seiner zahlreichen
japanischen Schüler je von Schiller
oder Goethe gesprochen hätte. Auf jeden
Fall war Schiller wie in Deutschland zunächst
auch in Japan populärer als Goethe,
galt dieser doch in der Umbruchszeit überall
als konservativ und nicht modern für
die vorwärts strebende Jugend.14
6. Die Anfänge der japanischen Goethe-Rezeption
seit der Jahrhundertwende:
Aber im Laufe der letzten Jahrzehnte des
19. Jahrhunderts sollte Goethe an geistigem
Einfluß auf die Japaner den fortschrittlichen
Schiller weit übertreffen. Auch wenn
allmählich andere Dichter wie Heine,
Wilhelm Hauff, E.T.A. Hoffmann, Kleist, Eichendorff,
Theodor Storm, Arthur Schnitzler, Hofmannsthal,
Gerhart Hauptmann u.a.m. ins Japanische übersetzt
wurden, können sie bei weitem nicht
mit Goethe konkurrieren, abgesehen von modernen
Autoren par excellence wie Hermann Hesse,
Thomas Mann, Rilke oder Kafka, die heutzutage
von der akademischen Jugend viel mehr gelesen
werden als Goethe.15 Fragt man nach dem Grund, warum Goethe sich
in Japan so lange einer großen Beliebtheit
erfreut hat, so muß man weiter ausholen
und sich einen Überblick über die
Goethe-Rezeption seit der Meiji-Zeit verschaffen.
Im großen und ganzen läßt
sich schematisch sagen, daß Goethe
von den Japanern in fünf Phasen rezipiert
worden ist, bis er schließlich nach
der Säkularfeier 1932 in allen Kreisen
der japanischen Gebildeten bekannt ist. Man
muß somit als die Leser Goethes 1)
protestantische Denker, 2) Dichter bzw. Schriftsteller,
3) Philosophen, 4) Germanisten und 5) das
breite Lesepublikum voneinander unterscheiden,
um Goethes facettenreiche Wirkungen auf die
Japaner in zeitlicher Reihenfolge zu erkennen.
Dabei spielen die Deutschkenntnisse natürlich
eine entscheidende Rolle. Während Goethe
zuerst in protestantischen, dann in literarischen
Kreisen durch englische Übersetzungen
rezipiert wurde, waren es japanische Philosophen,
die Goethe im deutschen Originaltext zu lesen
anfingen. Es handelte sich dabei hauptsächlich
um Die Leiden des jungen Werther, Dichtung und
Wahrheit, Faust sowie Wilhelm Meisters Lehrjahre. Der tiefsinnige Roman Die Wahlverwandtschaften war in den engeren Kreisen der Schriftsteller
beliebt. Man merkt es daran, daß dieser
heute am meisten geschätzte Roman viel
weniger übersetzt worden ist als der
Werther-Roman. Die Germanisten haben dann dafür
gesorgt, sowohl Goethes sämtliche Werke
als auch die wichtigste Sekundärliteratur
wie Kuno Fischer, Albert Bielschowsky, Friedrich
Gundolf, Hermann August Korff, Georg Simmel,
Fritz Strich, Georg Brandes, Georg Lukács,
Richard Friedenthal, Emil Staiger u.a.m.
für das breite Lesepublikum ins Japanische
zu übersetzen. Die Goethe-Kenntnisse
sind auf diese Weise in ganz Japan immer
mehr verbreitet worden.16
Daß Goethe in einer 1871 erschienenen
Übersetzung des englischen Werkes On Liberty von John Stuart Mill zum erstenmal genannt
wurde, ist in zweierlei Hinsicht von symbolischer
Bedeutung. Denn gerade damals wurde das Augenmerk
der japanischen Machthaber durch den Ausgang
des Preußisch-Französischen Krieges
politisch und wissenschaftlich auf Deutschland
gerichtet, während das Tokugawa-Schogunat
nach Aufhebung der Landesabschließung
mehr an Frankreich orientiert war. Dagegen
haben sich die Liberalen wie Fukuzawa Yukichi
intensiv mit dem Gedankengut der anglo-amerikanischen
Demokratie beschäftigt.17 So wurde Goethe den japanischen Gebildeten
von Anfang an im Kontext der geistigen Freiheit
bzw. des Liberalismus vorgestellt, so daß
sie sich in ihren Neigungen, die westliche
Kultur ohne innere wie äußere
Bindung an das Christentum zu übernehmen,
ungeniert an den größten Dichter
Deutschlands wenden konnten. Goethes Wirkung
in Japan war sicherlich deshalb so groß,
weil sie dem Erwartungshorizont sowie der
Mentalität der Japaner in hohem Maß
entsprach. Zu bemerken ist außerdem,
daß diese japanische Goethe-Rezeption
parallel zur immer höheren Aufwertung
Goethes zum Dichterfürsten und Nationaldichter
im Deutschen Reich vor sich ging. Daraus
ergab sich auch in Japan ein gewisser Goethe-Kult,
der bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges
andauerte. Was sich im Goethejahr 1999 in
der ganzen Welt abspielte, dürfte etwas
anderes als der eigentliche Goethe-Kult gewesen
sein, den Karl Jaspers bereits im Jahre 1947
kritisiert hatte, wenngleich der Alt-Bundespräsident
Roman Herzog in seiner am 14. April 1999
im Kaisersaal des Frankfurter Römer
gehaltenen Rede seine Landsleute vor einer
"unkritischen Idealisierung des Menschen
Goethe" warnen zu müssen glaubte.
7. Mori Ogai als Wegbereiter der Goethe-Rezeption
in Japan:
Allerdings war Uchimura Kanzo, der bedeutendste
von einigen japanischen Protestanten, die
sich relativ früh mit Goethe beschäftigt
hatten, Goethe gegenüber noch kritisch
eingestellt, wie sehr er auch von dessen
Faust als der von Heine so genannten "Welt-Bibel"
eingenommen war. Aber die große Begeisterung
für Goethe wurde fast zu gleicher Zeit
durch den oben genannten Dichtergelehrten
Mori Ogai vorbereitet. Im Unterschied zu
Uchimura Kanzo, der in den USA theologisch
ausgebildet wurde,18 studierte Mori Ogai in den Jahren 1884-1888
in Deutschland Medizin, und zwar bei Hoffmann
in Leipzig, bei Pettenkofer in München
und bei Robert Koch in Berlin. Während
seines Deutschlandaufenthaltes befaßte
sich der literarisch begabte Mediziner eingehend
mit Goethe und bahnte bald nach seiner Heimkehr
durch eine geniale Übersetzung von Goethes
Gedichten, vor allem "Mignons Italienlied",
sowie durch seine eigenen autobiographischen
Novellen und Essays die eigentliche Goethe-Rezeption
in Japan an. Da er aber die Übersetzung
von Werther einem Schüler von ihm überließ
und seine Gesamtübersetzung des Faust erst im Jahre 1913 veröffentlichte,
mußte sich die literarische Jugend
der Meiji-Zeit noch lange mit englischen
Übersetzungen begnügen. Die erste
Werther-Übersetzung in japanischer Sprache
war bereits 1904 erschienen und wurde sicherlich
bei der ersten chinesischen Werther-Übersetzung berücksichtigt, die
Guo Moruo 1922 in Fukuoka erstellte. Als
dieser chinesische Dichtergelehrte 1928 den
ersten Teil des Faust ebenfalls zum erstenmal ins Chinesische
übersetzte, erwähnte er im Vorwort
dankbar die Pionierarbeit Mori Ogais. Den
zweiten Teil veröffentlichte Guo Moruo
erst im Jahre 1947. Soweit ich weiß,
sind danach drei chinesische Faust-Übersetzungen erschienen. Im Koreanischen
gibt es ebenso viele Faust-Übersetzungen wie im Japanischen, deren
frühe Phase einmal von einem koreanischen
Germanisten im Hinblick auf Mori Ogai untersucht
worden ist.19 Es steht geschichtlich fest, daß Goethes
Weg zum Fernen Osten in dieser Weise zunächst
aus Weimar über Japan zu Korea und China
führte. Man darf jedoch nicht übersehen,
daß sein geistiger Einfluß nicht
nur von Mori Ogai, sondern auch von Thomas
Carlyle, Ralph Waldo Emerson oder Matthew
Arnold vermittelt worden war.20 Da Goethe, wie gesagt, zuerst in englischer
Übersetzung gelesen wurde, fand diese
beachtenswerte Beeinflussung auf dem Weg
über England und Amerika zeitlich früher
statt als direkt aus Deutschland.
8. Mori Ogai als Faust-Übersetzer:
Mori Ogai war Arzt, Beamter und Literat.
Als Arzt spezialisierte er sich auf die öffentliche
Hygiene und als Militärarzt stieg er
zu den höchsten Rängen auf, bis
er 1916 pensioniert wurde. Als Literat war
er produktiv in literarischer Übersetzung,
Literaturkritik, Novellen- und Dramenschaffen
sowie Geschichtserzählungen. Als er
aber im Jahre 1917, also mitten im Ersten
Weltkrieg, seine medizinisch-literarische
Laufbahn reflektierte, bemerkte er in einer
kurzen Aufzeichnung: "Als Arzt kam ich
nie in der Öffentlichkeit zur Sprache.
Es war als Literat, daß ich öffentlich
ein wenig gewürdigt wurde." Dabei
war er sich durchaus bewußt, daß
er literarisch nicht besonders erfolgreich
war. Mit philosophischen Aussagen war er
deshalb zurückhaltend, weil die Naturwissenschaft
damals für den Mediziner ein zu disparates
Feld war. Angeregt etwa durch Emil Zola wandte
er sich zwar der Genealogie des Menschen
zu und schrieb in den späteren Jahren
die sog. Geschichtsstücke. Aber er meinte,
er wäre vom Hause aus nicht zur Kunst
und Literatur berufen gewesen und werde von
seinen Kritikern eher als Dilettant betrachtet.
Das ist offenbar die Stimme eines Resignierten,
wiewohl er als Übersetzer des Goetheschen
Faust berühmt war.
Die Gründe für eine solche Haltung
am Ende eines bedeutenden Menschenlebens
lassen sich nur vermutungsweise anführen.
Als 1904 sowohl vom Werther als auch vom Ersten Teil des Faust die erste Übersetzung in japanischer
Sprache erschienen, war Mori Ogai als Militärarzt
auf dem Feldzug im Japanisch-Russischen Krieg.
Diesen epochalen Ereignissen in der literarischen
Welt mußte er im Ausland nur zusehen,
ohne nicht einmal literaturkritische Bemerkungen
machen zu können. Thematisch enthielten
dann die Werke des jungen Goethe durchgehend
etwas, was er als Mensch und Dichter ebenso
auf dem Gewissen haben mußte. Verließ
er doch seine deutsche Geliebte im Grunde
mit Rücksicht auf seine Beamtenkarriere,
wie in seiner Novelle Ballettmädchen angedeutet ist. Die sprachlich schöne
Übersetzung von "Heidenröslein"
mit dem heiklen Liebesmotiv veröffentlichte
er dann auch nur unter einem Pseudonym. Es
wäre ihm nach der Affäre mit Elis
zu peinlich gewesen, den Faust I mit der Gretchen-Handlung selber ins Japanische
zu übersetzen. Aber der renommierteste
Übersetzer der deutschen Literatur in
Japan konnte auch nicht zulassen, daß
ihm jemand mit einer minderwertigen Übersetzung
des gesamten Faust zuvorkommen könnte. Erst so kann man
sein scheinbar gleichgültiges Verhalten
gegenüber der Kritik an den Einzelheiten
seiner Faust- Übersetzung verstehen. Er war philologisch
genügend vorbereitet, erklärte
aber gelassen in einem Essay, er hätte
sich bei der Übersetzung des Faust keine so große Mühe gegeben,
wie man glaubt. Er wollte weder Philologe
noch Germanist sein, sondern als schöpferischer
Übersetzer sich literarisch betätigen.
9. Goethe und die japanischen Philosophen:
Meiner Ansicht nach ist ein vertieftes Goetheverständnis
in der Tat nicht so sehr von den Germanisten,
sondern vielmehr von den japanischen Philosophen
grundgelegt worden. Da sie durch ihr Studium
der deutschen Philosophie ausreichende Deutschkenntnisse
hatten, konnten sie ohne weiteres mit Goethetexten
im Original umgehen. Sie standen dabei unter
dem akademischen Einfluß des Rußlanddeutschen
Raphael von Köber, der in den Jahren
1893-1914 an der Kaiserlichen Universität
Tokyo Vorlesungen über das klassische
Altertum und die deutsche Philosophie hielt.
Auch spielte er vorzüglich Klavier und
verkörperte so die deutsche humanistische
Bildungstradition. Der Philosoph, dessen
zahlreiche Essays seinerzeit von den japanischen
Gebildeten viel gelesen wurden, hatte in
Jena und Heidelberg studiert. Es lag deshalb
nahe, daß auch seine Schüler nach
Heidelberg zum Studium gingen und dort die
lange Tradition der philosophischen Goetheforschung
von Kuno Fischer über Wilhelm Windelband
bis zu Heinrich Rickert kennenlernten. Die
Goethebücher ihrer Lehrer wurden denn
auch bald ins Japanische übersetzt,
und später richteten sie in Kyoto sogar
einen Philosophenweg ein. Nicht zuletzt durch
die bedeutenden Philosophen wie Abe Jiro,
die aus dem Schülerkreis von Köbers
herauswuchsen, gilt Goethe seitdem in weiten
Kreisen der japanischen Gebildeten als der
Weltweise im wörtlichen Sinne, d.h.
ein Weiser in und an der Welt sowie ein Weiser
über diese Welt. Zudem zieht er sie
durch seine offene religiöse Haltung
an, wie er sich am Lebensende als "Hypsistarier"21 bezeichnet hat. Goethes Religiösität
ist kein wertfreier Synkretismus, sondern
eine Form der religiösen Koexistenz,
die wahrhaft den Frieden unter den Menschen
stiftet. Man könnte fast sagen, daß
Goethe im neuzeitlichen Japan nach der Meiji-Restauration
die Rolle gespielt hat, die Shakespeare für
die deutsche Literatur im 18. Jahrhundert
hatte.
10. Übersetzungsprobleme:
Obwohl mittlerweile von und über Goethe
sehr viel ins Japanische übersetzt worden
ist, ist eine Übersetzung aus dem Deutschen
in eine so wesensfremde Sprache stets mit
großen Schwierigkeiten verbunden. Jedesmal,
wenn man ein deutsches Gedicht oder Prosawerk
ins Japanische übersetzt, muß
man über die grammatischen, semantischen
und syntaktischen Unterschiede der beiden
Sprachen hinaus noch einige Eigentümlichkeiten
der japanischen Sprache berücksichtigen.
Es sind Stilunterschiede in der Umgangs-
und Schriftsprache, verschiedene Redewendungen
in der jeweiligen Geschlechtersprache, der
überaus rasche Sprachwandel und die
Grundsatzfrage der Verfremdung oder Entfremdung.
Da aber das Übersetzungsproblem auch
bei der koreanischen oder chinesischen Sprache
im Grunde gleicher bzw. ähnlicher Art
sein dürfte,22 soll im folgenden nur ein einziges, typisch
japanisches Beispiel für diesen Fragenkomplex
angeführt werden.
Ein Haiku-Gedicht des bekannten Dichters
Basho lautet z.B.: "Yuku Haru ya / Tori
naki Uo no / Me wa Namida". Ins Deutsche
übertragen heißt es dem Inhalt
nach ungefähr so: "Vergehender
Frühling! / Vögel schreien / an
den Augen der Fische Tränen." Gefühlsmäßige
Reaktionen auf den Frühling sind traditionsgemäß
zwischen der japanischen Lyrik und etwa dem
Goetheschen "Mailied" oder "Osterspaziergang"
verschieden, auch wenn damit äußerlich
die gleiche Jahreszeit gemeint ist. Selbstverständlich
freuen sich auch die Japaner im Alltagsleben,
daß der Frühling endlich da ist.
Basho trauert aber über das Vergehen
des Frühlings oder trauert dem fast
schon vergangenen Frühling nach. Dieses
feine Trauergefühl wird mit einer unübersetzbaren,
nur mit einem Ausrufungszeichen wiederzugebenden
Partikel "ya" zum Ausdruck gebracht
wie beim anderen bekannteren Haiku: "Furuike
ya / Kawazu tobikomu / Mizu no Oto".
("Alter Teich! / ein Frosch springt
hinein / ein Wassergeräusch.")
Die lyrische Assoziation durch Lebewesen
ist auch in Ost und West, vielleicht sogar
in den einzelnen Nationen des Fernen Ostens
anders, so z.B. bei Vogel, Fisch oder Frosch.
Bei Goethe schweigen die Vöglein im
Walde, und wie in der Ballade "Der Fischer"
werden die Fischlein "in Todesglut hinaufgelockt",
d.h. zum Braten in der Pfanne, wie der Dichter
selbst gelassen erklärt hat. In Grimms
Märchen oder in den Bildergeschichten
von Wilhelm Busch ruft der Froschkönig
vermutlich eine erotische Vorstellung hervor,
nicht aber eine besinnliche Stimmung wie
in der Tuschmalerei. Am meisten japanisch
empfunden sind wohl die Tränen der Fische,
die Herder einfach "stumme Tiere im
Wasser" genannt hat.
Bei dieser sprachlichen Eigentümlichkeit
und Andersartigkeit der poetischen Bilder
ist es daher gar nicht verwunderlich, daß
jeder japanische Übersetzer ein kleines
Gedicht Goethes je nach seinem Stilempfinden
und seiner Schreibweise anders übersetzt
als seine Vorgänger. Wie von einem Lied
Goethes manchmal Dutzende Vertonungen zu
finden sind, entstehen derart ebenso viele
mannigfaltige Übersetzungen in japanischer
Sprache. So gibt es in Japan bekanntlich
mehr als 40 Werther-Übersetzungen, und der Roman wird auch
in Zukunft wegen des relativ raschen Sprachwandels
immer wieder übersetzt werden. Aber
bei jeder guten japanischen Werther-Übersetzung wird man feststellen können,
daß sie sich mit den oben angesprochenen
Sprachproblemen auseinandergesetzt hat. Viel
größer sind die Übersetzungsschwierigkeiten
beim Faust, da doch in dieser Tragödie verschiedene
Versmaße erklingen, die sich in japanischer
Sprache überhaupt nicht wiedergeben
lassen. Der japanischkundige Jesuit Hans
Müller würdigte 1939 in seinem
Aufsatz "Goethe in Japan" das Verdienst
einer guten japanischen Übersetzung
wie folgt: "Die Schwierigkeiten jeder
Übertragung aus der deutschen Dichtersprache
ins Japanische sind naturgemäß
sehr groß. Das Japanische ist nach
Grammatik, Wortfügung, Wortschatz, Begriffsvorstellungen
und seelischer Haltung vom Deutschen so grundverschieden,
daß jede gute Übersetzung eine
hohe künstlerische Leistung darstellt."23 Man könnte diese sachkundige Würdigung
wortwörtlich auf die koreanische oder
chinesische Übersetzung anwenden.
11. Gründe für Goethes Wirkungen
in Japan:
a) Werther
Wirkungsgeschichtlich ist zu fragen, warum
die Japaner so sehr für Goethe, insbesondere
für Werther, Faust, und Goethes Lyrik eingenommen sind. Bei
dieser Fragestellung geht es prinzipiell
darum, an der Art und Weise der Goethe-Rezeption
in Japan charakteristische Züge der
japanischen Mentalität wahrzunehmen.
Denn der Sinn einer rezeptionsgeschichtlichen
Untersuchung besteht eben darin, daß
man an den Wirkungen eines bestimmten Dichters
oder eines dichterischen Werkes die dadurch
angeregten Eigenschaften der Rezipienten
erkennen kann. Dazu sind Werther, Faust und Goethes Lyrik ganz besonders gut geeignet,
da sie thematisch allgemein menschlich sind.
Ein Beispiel für eine vertiefte Werther-Rezeption ist der Literaturkritiker Kamei
Katsuichiro, dessen Hauptwerk die 6bändige
Japanische Geistesgeschichte ist. In seinem 1937 veröffentlichten
Buch Die Menschenbildung. Ein Versuch uber Goethe äußert er sich begeistert für
Werther, weil er die Absolutheit von dessen
Liebe als die Treue zu sich selbst interpretiert
und Werthers Tod als "schön"
im ethischästhetischen Sinne auffaßt.
Es gibt in Japan seit alters eine Ästhetik
des Todes, die die Selbsthingabe an die reine
Idee verherrlicht und in der flüchtigen
Kirschblüte das Symbol des menschlichen
Lebens findet. Eine solche, als schön
empfundene Selbsthingabe bis in den Tod hinein
ist nach traditioneller Auffassung der Japaner
deshalb wertvoll, weil sie nur von wenigen
Menschen vollbracht werden kann.
b) Faust
Das eklatante Beispiel für eine idealistische
Faust-Rezeption in Japan ist der große Goetheforscher
Kinji Kimura, der bis 1948 den Lehrstuhl
für Germanistik an der Universität
Tokyo innehatte und durch seine akademische
Tätigkeit die Blütezeit der japanischen
Goetheforschung herbeiführte. Sein erfolgreichstes
Goethebuch war Der junge Goethe von 1933. Schon in diesem Buch unternahm
er es, Goethes gesamtes Leben und Schaffen
aus dem Daimon in dessen Altersgedicht "Urworte. Orphisch",
aus der "geprägten Form, die lebend
sich entwickelt" zu deuten und ein gewaltiges
Goethebild zu entwerfen. Dabei ließ
sich für ihn diese Form im Sinne der
Entelechie ohne weiteres mit dem sog. faustischen
Streben der dreißiger Jahre in Deutschland
verbinden. Als gläubiger Buddhist konnte
Kinji Kimura jedoch die mystische Erlösung
Fausts mit der buddhistischen Lehre der Kannon, d.h. der Gottheit der Barmherzigkeit in
Einklang bringen. Im Shintoismus ist denn
auch die althergebrachte Vorstellung gang
und gäbe, daß die Sünden
in einem Reinigungsritual ins Meer oder in
einen Fluß hinweggetan werden können,
wie Faust in der "Anmutigen Gegend"
des zweiten Teils im Tau der Lethe ohne Reue
und Buße einfach von seiner Schuld
an Gretchen wiederhergestellt wird. So wird
es ebenfalls beim Mord an Philemon und Baucis
bestellt sein. Wo es keine klare Vorstellung
des personalen Gottes gibt, fehlt eben der
Schuldbegriff, weil man den mythologischen
Göttern oder dem Budda im Nirwana eigentlich
nichts schuldet. In der Tat ist die Schlußszene
des Faust für die meisten nichtchristlichen Japaner
kein Stein des Anstoßes wie bei den
strengen Christen in Europa, sondern vielmehr
die Quelle eines tiefen, fast religiösen
Trostes für ihre geistig-akademischen
Bemühungen. Im Unterschied zur jüdischen
Vorliebe für den Faust schwärmen sie für Goethe jedoch
mehr aus Bildungsfreudigkeit als aus Leiderfahrung.24
c) Lyrik
Über die innere Verwandtschaft der Goetheschen
Lyrik mit der japanischen Poesie brauche
ich vielleicht nach den Bemerkungen über
die Haiku-Gedichte Bashos kein Wort zu verlieren.
Es war kein geringerer als Nishida Kitaro,
einer der bedeutendsten Philosophen Japans,
der in seinem bekannten Aufsatz "Der
metaphysische Hintergrund Goethes" nach
den Ausführungen über den grundsätzlichen
Unterschied zwischen Spinoza und Goethe das
Wesen der Goetheschen Lyrik mit folgenden
Worten beleuchtet hat: "Mit dem Gesagten
hängt es vor allem zusammen, daß
Goethe, trotz seiner Vielseitigkeit, der
größte lyrische Dichter ist. Im
Drama, wo Gestalt notwendig ist, ist jener
Hintergrund wesentlich ein Dreidimensionales.
Von der Lyrik allein weiß man nicht,
woher sie kommt und wohin sie geht; sie muß
ein Überfließen unserer Lebensquelle
sein. Es gibt niemanden, bei dem das Erlebnis
an sich so unmittelbar Dichtung geworden
wäre wie bei Goethe. So, wie er sagt:
'Spät erklingt, was früh erklang,/Glück
und Unglück wird Gesang', ist seine
Dichtung nichts anderes als der unmittelbare
Ausdruck seiner ungewöhnlichen Erlebnisse."25 Der japanische Philosoph war von Goethes
"Wandrers Nachtlied" so tief beeindruckt,
daß er es selbst in sein geliebtes
Japanisch übersetzte und den mit dem
Pinsel geschriebenen Dreizeiler mit der Überschrift
"Goethes Lied" in den Grabstein
seines Freundes Kuki Shuzo einmeißeln
ließ. Dieser 1941 gestorbene Philosoph
hatte seinerseits in einem geistreichen Essay
über die begriffliche Struktur der "Iki"
genannten spezifisch-japanischen Ästhetik
auf "Mignons Italienlied" als Beispiel
für die deutsche Sehnsucht nach dem
Süden hingewiesen.
12) Schlußbetrachtung:
Die hier genannten drei japanischen Goetheverehrer
gehörten alle der älteren Generation
an. Seit dem Kriegsende ist aber eine radikale
Änderung im Geistesleben der Japaner
eingetreten. Sie haben sich im Zuge davon
zusehends vom alten Europa zum neuen Kontinent
Amerika gewandt. Die japanische Bildungstradition,
die vor dem Krieg durch die Begegnung mit
der deutschen Kultur goethischer Prägung
stark gefördert worden ist, bleibt dennoch
im Prinzip bestehen. So wirkt Goethe durch
seine ganze Lebensweisheit unmerklich auf
die japanischen Gebildeten weiter, wenn das
gute Japan analog zum guten Deutschland in
den dreißiger Jahren mit gewissem Recht
angenommen werden darf. Seine Bedeutung für
die Japaner liegt m.E. vor allem in der alle
Widersprüche überwindenden und
völkerverbindenden Kraft seiner Persönlichkeit.
Es war bestimmt kein Zufall, daß die
Weimarer Goethe-Gesellschaft auch im geteilten
Deutschland die einzige gesamtdeutsche Angelegenheit
geblieben ist. Weimar als symbolischer Ort
besagt, daß die großen Geister
Deutschlands im 18. Jahrhundert im Namen
der Humanität in dieser kleinen Stadt
zusammentrafen: Goethe aus Frankfurt am Main,
Schiller aus Marbach, Herder aus Königsberg
/ Riga, Wilhelm und Alexander von Humboldt
aus Berlin u.a.m. Gewiß hatte sich
Goethe in einem der Xenien über die staatliche Zersplitterung
seines Vaterlandes beklagt: "Deutschland?
aber wo liegt es? Ich weiß das Land
nicht zu finden, / Wo das gelehrte beginnt,
hört das politische auf."26 Nach Heinrich Luden soll der Dichter auch
am 13. Dezember 1813 gesagt haben, er habe
oft einen bittern Schmerz empfunden bei dem
Gedanken an das deutsche Volk, das so achtbar
im einzelnen und so miserabel im ganzen sei.
Nicht das deutsche Volk, sondern die deutsche
Nation als das gelehrte Deutschland setzte
sich damals nach Goethes Wortgebrauch aus
einzelnen Gebildeten zusammen. Aber am 3.
Oktober 1990 ereignete sich etwas Unerhörtes
in der deutschen Geschichte: die Wiedervereinigung
Deutschlands ohne blutige Revolution, die
unbedingt Goethes Anerkennung finden müßte.
Hat sich doch das deutsche Volk dadurch vor
ihm als ganzes so achtbar erwiesen. Darüber
hnaus steht die deutsche Einheit auf nationaler
Ebene viel höher als auf einer individuellen
Liebe im Zeichen des Ginkgobaumes. Der eine
Kontinent Eurasien ist halt in Europa und
Asien geteilt, und Asien ist wiederum in
Nah- und Fernost geteilt. Aber das geistige
Erbe Goethes anzutreten, hieße immer,
wie im Taoismus vorgegeben, aufgrund der
polaren Zweiheit die höhere Einheit
in der Steigerung zu erstreben oder die menschliche
Einheit in der kulturellen Mannigfaltigkeit
zu erzielen. Das wäre der eigentliche
Sinn einer allgemeinen Weltliteratur, wie
sie von Goethe zuerst im Jahre 1827 fundiert
wurde. Solange Goethe in die chinesische,
koreanische oder japanische Sprache übersetzt
wird, ist er als ein gern gesehener Gast
dauernd unterwegs zum Fernen Osten, auch
wenn er einmal aus Deutschland vertrieben
werden sollte.
Anmerkungen
1) Näheres vgl. Naoji Kimura: Übersetzung
als Kulturgeschichte. In: Alois Wierlacher
/ Georg Stötzel (Hrsg.), Blickwinkel.
München 1996. S. 903-918. Vgl. ferner
Naoji Kimura: Weltliteratur als Weltkultur.
In: Studien des Instituts für die Kultur
der deutschsprachigen Länder. Nr. 17,
Tokyo 1999, S. 31-42.
2) Vgl. Engelbert Kaempfer: Flora Japonica.
(1712). Reprint des Originals und Kommentar
von Wolfgang Muntschick. Wiesbaden 1913.
S. 103. Vgl. dazu Wolfgang Caesar: Ginkgo
biloba. Ein Baum, der die Zeit besiegte.
In: Deutsche Apother Zeitung. 129. Jahrg.
Nr. 45. 9.11.1989. S. 2430 f.
3) Weimarer Ausgabe. 1. Abt. 42. Band II,
S. 20.
4) Engelbert Kaempfer: Geschichte und Beschreibung
von Japan. Unveränderter
Neudruck. Mit einer Einführung von Hanno
Beck. Stuttgart 1964, II. Bd. S. 285.
5) Über diese Druckgeschichte vgl. Hanno
Beck: Engelbert Kaempfer, der größte
Reisende der Barockzeit und Erschließer
Japans. In: Engelbert Kaempfer (1651-1716)
/ Philipp Franz von Siebold. Gedenkschrift.
Tokyo 1966. S. 1-26: hier S. 19.
6) Erich Trunz: Weimarer Goethe-Studien.
Weimar 1984. S. 98 f.
7) Johann Gottfried Herder: Ideen zur Philosophie
der Geschichte der Menschheit. Wiesbaden
1985. S. 280.
8) Ebd. S. 287.
9) Ebd. S. 287 f.
10) Heinrich Heine: Geständnisse. Geschrieben
im Winter 1854. Werke in vier Bänden.
Die Bibliothek deutscher Klassiker. München
/ Wien 1982. 4. Bd. S. 220.
11) Vgl. Yoshihiro Koga: Rezeption und Veränderung
der Fabeln von Äsop. Überlieferung
der deutschen Übersetzung von Steinhöwel
in Japan. In: Symposium "Das Mittelalter
in der Gegenwart". Veröffentlichungen
des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin,
Bd. 30. Berlin 1996. S. 123-129.
12) Vgl. Seok-Hee Choi: Wilhelm Tell im koreanischen Roman. In: Fernöstliche
Brückenschläge. euro-sinica 3,
hrsg. von Adrian Hsia und Sigfrid Hoefert.
Bern 1992. S. 233-245.
13) Vgl. Friedrich M. Trautz: Schiller -
Thunberg - Siebold. In: Goethe-Jahrbuch Bd.
5, Tokyo 1936. S. 89-102.
14) Über die Goethe-Rezeption in China
vgl. Günther Debon/Adrian Hsia (Hrsg.),
Goethe und China - China und Goethe. euro-sinica
1. Bern 1985.
15) Näheres vgl. den Ausstellungskatalog
zum IVG-Kongreß in Tokyo: Deutsche
Sprache und Literatur in Japan. Ein geschichtlicher
Rückblick. Tokyo 1990. Vgl. ferner Yorio
Nobuoka: Aufnahme der deutschen Literatur
in Japan. In: Keizai-Kenkyu Nr. 104 der Seijo-Universität,
Tokyo 1989, S. 68-94.
16) Vgl. Eiichi Kikuchi: Goethe in Japan.
In: Goethe. Neue Folge des Jahrbuchs der
Goethe-Gesellschaft. 19. Bd. Weimar 1957.
S. 122-137. Vgl. ferner Tezuka Tomio: Goethe
and the Japanese. In: Japan Quarterly. No.
11, Tokyo 1964. S. 481-485.
17) Vgl. Fukuzawa Yukichi: Eine autobiographische
Lebensschilderung. Übersetzt und mit
einer Einleitung von Gerhard Linzbichler.
Tokyo 1971.
18) Vgl. Naoji Kimura: Amerikas Einfluß
auf die Neuzeit Japans. Der Fall Kanzo Uchimura.
In: Nilüfer Kuruyazici et al (Hrsg.),
Schnittpunkte der Kulturen. Stuttgart 1998.
S. 257-269.
19) Vgl. Sung-Ock Kim: Vergleich der Mori
Ogaischen Faust-Übersetzung mit den
Faust-Übersetzungen in koreanischer
Sprache. Organ der Korea-Universität,
Nr. 38. Seoul 1993.
20) Näheres vgl. Naoji Kimura: Jenseits
von Weimar. Bern 1997. Darin I. Teil, 2.
Kapitel: Carlyle als Vermittler Goethes in
Japan. S. 67-98.
21) An Sulpiz Boisseree, 22.3.1831. Vgl.
Goethes Werke. Hamburger Ausgabe. Kommentar
zu den Geheimnissen, Bd. 2, S. 595.
22) Vgl. Die Jahrsschrift Übersetzungforschung Hefte 1-5 des Instituts für Übersetzungsforschung
zur deutschen und koreanischen Literatur.
Seoul 1993-1997 sowie den Ausstellungskatalog
"Goethe-Literatur in japanischer, koreanischer
und chinesischer Sprache", Tokyo 1999.
23) Hans Müller: Goethe in Japan. In:
Monumenta Nipponica 2,II.Tokyo 1939: hier
S. 471.
24) Vgl. Wilfried Barner: Jüdische Goethe-Verehrung
vor 1933. In: Stephane Moses/Albrecht Schöne
(Hrsg.), Juden in der deutschen Literatur.
Suhrkamp taschenbuch 2063. Frankfurt am Main
1986, S. 127-151.
25) Kitaro Nishida: Der metaphysische Hintergrund
Goethes. In: Goethe. Vierteljahresschrift.
3. Bd. Weimar 1938. S. 135-144: hier S. 139.
26) Goethes Werke. Artemis-Gedenkausgabe,
Bd. 2, S. 455.
Meine Heimatstadt Sapporo
Ich freue mich, in meiner Wahlheimat München
wieder einmal über meine Heimatstadt
Sapporo sprechen zu dürfen, habe ich
doch in den Jahren 1959-62 sieben Semester
lang an der Universität München
Germanistik studiert und hatte bereits im
Goethejahr 1982 die Gelegenheit, auf Einladung
der Deutsch-Japanischen Gesellschaft in Bayern
einen Vortrag zum zehnjährigen Bestehen
der Städtepartnerschaft zwischen München
und Sapporo zu halten. Damals habe ich mir
erlaubt, zuerst über meine Jugend in
Sapporo und dann über Sapporo als eine
lebensfrohe Bierstadt zu sprechen, zumal
der erste Deutsche, der nach Sapporo kam,
ein Münchner Braumeister gewesen sein
soll. Der einheimische Ingenieur, der zur
Gründung der ersten japanischen Brauerei
berufen wurde, hatte allerdings an der Bierfirma
Tivoli in Berlin seine Ausbildung erfahren.
Im kommenden Juni findet das erste Vorrundenspiel
der deutschen Nationalmannschaft bei der
Fußball-Weltmeisterschaft 2002 in Sapporo
statt. Aber ich verstehe nicht viel davon.
Heute möchte ich Ihnen vielmehr geschichtlich
etwas über das alte Sapporo als eine
christliche Kulturstadt vortragen, weil dieser
Aspekt in der überaus rapiden Entwicklung
der Stadt verschüttet zu werden droht.
Das neue Sapporo mit dem modernsten Fußball-Stadion
ist freilich zu groß, um christlich
genannt werden zu können. Symbolisch
genug ist das im Mai 2001 fertig gestellte
Stadion als "Sapporo-Dome" bezeichnet
worden. Heutzutage ist die Stadt als eine
"bezaubernde Stadt der vier Jahreszeiten",
insbesondere des Schneefestes international
bekannt und hat eine Bevölkerung von
1,800,000, indem sie nach dem Zweiten Weltkrieg
zusehends umliegende Gebiete und Dörfer
eingemeindet hat. Vor dem Krieg bestand sie
lediglich aus den jetzigen drei Bezirken
in der Mitte sowie im Norden und Osten, und
ihre Einwohnerzahl betrug 200,000 bis höchstens
300,000. Außerdem verlor das japanische
Christentum in den Kriegsjahren wegen der
nationalistisch gerichteten politischen Unterdrückung
viel an Bedeutung. Aber seit der Gründung
im Jahre 1869 ist Sapporo vergleichsweise
stark christlich geprägt gewesen, wie
die Tatsache dafür spricht, daß
es heute noch in der Stadt 38 protestantische
Kirchen verschiedener Konfessionen, 9 katholische
Kirchen sowie 8 Klöster und darüber
hinaus eine russisch-orthodoxe Haristos-Kirche
gibt. Das kommt daher, weil Sapporo bei der
Modernisierung Japans aus geschichtlichen
Gründen einen Sonderweg gegangen ist.
Im Jahre 1869, also schon ein Jahr nach der
Meiji-Restauration gab die japanische Regierung
das Startzeichen, die hauptsächlich
von den Ainu bewohnte nördlichste Insel
Ezo zu erschließen, und hat die althergebrachte
Bezeichnung Ezo (ŚĪ) zu Hokkaido umbenannt.
Die zwei Schriftzeichen "Ezo" lauteten
nämlich in chinesischer Lesart "kai"
und wurden mit dem Schriftzeichen für
das Meer "umi" bzw. "kai"
ersetzt. Dann setzte man das Schriftzeichen
für den Norden "kita" bzw.
"hoku", das durch eine Assimilation
"hokku" ausgesprochen wird, voran
und fügte das Schriftzeichen für
den Weg "michi" bzw. "do"
wie die alte Landstraße "Tokaido"
auf der Hauptinsel Honshu hinzu. Daraus ergab
sich die Bezeichnung "Hokkaido"
für die Insel im Norden, als deren Regierungssitz
Sapporo von Anfang an bestimmt war. Außerdem
war Sapporo ursprünglich in der Ainu-Sprache
der Name des Flusses, der heute "Toyohiragawa"
heißt, und wurde mit verschiedenen
Schriftzeichen geschrieben, bis die jetzige
Schreibweise sich durchgesetzt hat. Wenn
ein älterer Bürger von Sapporo
z.B. den Ortsnamen mit den Schriftzeichen
"Tsukimasu""Tsukissappu"
ausspricht, kennt er noch die Etymologie
des Ortsnamens aus der Ainu-Sprache.
Zur Erschließung Hokkaidos wurden wie
überhaupt in ganz Japan Berater und
Fachleute aus dem Ausland, besonders aus
Amerika gerufen. Dafür arbeitete vor
allem der zuständige Gouverneur Kuroda
Kiyotaka mit Hores Kepron eng zusammen, wovon
ihre 1967 zur Säkularfeier Hokkaidos
errichteten Bronzestatuen im Odori-Park lebendiges
Zeugnis ablegen. Im Zuge davon wurde denn
auch 1876 die Landwirtschaftshochschule Sapporo
gegründet, die zunächst noch zur
Kaiserlichen Universität Tohoku in Sendai
gehörte. Der Uhrenturm Tokeidai, der
schon lange als Wahrzeichen von Sapporo gilt,
wurde 1878 als Exerzierhaus dieser Hochschule
in amerikanischem Stil aus Holz gebaut. Sie
war Vorläufer der Hokkaido-Universität
und sollte nicht nur für den Ausbau
einer modernen Industrie, sondern auch kulturell
für die Entwicklung der Hauptstadt Hokkaidos
eine entscheidende Rolle spielen. Bekanntlich
war der erste amerikanische Lehrer William
Smith Clark (1826-86) aus dem Amherst College,
Massachusetts USA, ein Laienmissionar. Obwohl
er sich nur neun Monate in Sapporo aufhielt,
haben sämtliche 16 Schüler des
ersten Jahrgangs sowie 15 des zweiten Jahrgangs
an der Landwirtschaftshochschule unter seinem
geistigen Einfluß beim Abschied von
ihm ein sogenanntes "Covenant of Believers
in Jesus" unterschrieben. Getauft wurden
sie danach zum Teil von dem amerikanischen
Methodistenmissionar Merriman Colbert Harris
(1846-1921). Unter ihnen befanden sich u.a.
Uchimura Kanzo, Nitobe Inazo und Miyabe Kingo,
die für die Verbreitung des Protestantismus
in Japan von großer Bedeutung geworden
sind. Auch der spätere Rektor der Hokkaido-Universität,
Sato Shosuke, war ihr christlicher Studienfreund.
Aus ihnen und ihrem Schülerkreis ging
ein so andauernder Einfluß hervor,
daß man kirchengeschichtlich neben
den zwei christlichen Banden in Yokohama
und Kumamoto vom Sapporo-Band im japanischen
Christentum gesprochen hat. In der Aula des
Amherst Colleges hängt übrigens
ein Porträtgemälde von Niijima
Jo, dem Gründer der Doshisha-Universität
in Kyoto, und das Porträtgemälde
von Uchimura Kanzo befindet sich an der Eingangshalle
zur Bibliothek. Ich konnte die beiden Bilder
vor einigen Jahren durch freundliche Vermittlung
der dortigen Germanistin Frau Prof. Ute Brandes
besichtigen.
Der bekannte Literaturkritiker Kamei Katsuichiro,
der selbst aus Hakodate in dem relativ frühzeitig
erschlossenen Gebiet Hokkaidos stammt, charakterisierte
in seinem Essay "Genealogie der Hokkaido-Literatur"
(1954) das literarische Schaffen von Hokkaido
mit drei Stichworten: Puritanismus in Sapporo,
Realismus in Otaru und Romantizismus in Hakodate.
Nach seiner Meinung stellen sie zugleich
drei Formen des Frontiergeistes in Hokkaido
dar, wobei die Landwirtschaftshochschule
Sapporo als Urquelle der Verknüpfung
von Puritanismus und Konfuzianismus in Japan
angesehen wird. In der Tat kann man an den
Fotos von damals feststellen, daß das
Stadtbild Sapporos vor dem Krieg durch mehrere
westlich-moderne Kirchengebäude um den
heutigen Odori-Park herum stark geprägt
war. Leider sind sie im Laufe der Zeit gänzlich
umgebaut oder anderswohin verlegt worden.
Der breite Grüngürtel, der in der
Mitte der Stadt von Ost nach West verläuft,
wurde 1870 eigentlich als Brandschutz angelegt
und spielte auch für das kulturelle
Leben der Stadt immer schon eine zentrale
Rolle. Da die christlichen Kirchen, die vorwiegend
von den aufgeschlossenen Professoren der
Landwirtschaftshochschule Sapporo geleitet
wurden, eine sogenannte Sonntagsschule für
die Allgemeinbildung sowie einen Kindergarten
eingerichtet hatten, wurden diese pädagogischen
Anstalten auch von den nichtchristlichen,
aber bildungsfreudigen Jugendlichen der meist
wohlhabenden Bürger gut besucht. Das
trug selbstverständlich dazu bei, daß
Sapporo innerlich immer christlicher und
äußerlich immer westlicher ausgestaltet
wurde. In diesem Sinne könnte man die
neue protestantische Stadt Sapporo im Norden
der alten katholischen Stadt Nagasaki im
Süden auf der Insel Kyushu gegenüberstellen.
Akutagawa Ryunosuke, Autor der bekannten
Erzählung "Rashomon", schwärmte
wie der Dichtergelehrte Kinoshita Mokutaro
mehr von Nagasaki.
Die christliche Mission in Hokkaido begann
nach der Meiji-Restauration in der für
westliche Mächte eröffneten Hafenstadt
Hakodate, nachdem 1873 das Christenverbot
in Japan faktisch aufgehoben worden war.
Aber schon im Jahre 1847 hatte der römische
Papst die Pariser Missionsgesellschaft damit
beauftragt, die katholische Kirche aus der
Xirishitan-Zeit im 16. Jahrhundert wieder
aufzubauen. Zunächst waren es deshalb
ein paar katholische Priester, die in dem
französischen und russischen Konsulat
ihre Landsleute betreuten. Dann kamen auch
anglikanische Pfarrer. So erbaute man in
Hakodate relativ früh protestantische,
katholische und russisch-orthodoxe Kirchen,
und von dort her kamen die ersten Missionare
nach Sapporo. Aber während Hakodate
schon seit der Edo-Zeit durch den Matsumae-Clan
eine engere Beziehung zur Hauptinsel Honshu
und somit zur alten Tradition Japans hatte,
gab es in der reinen Kolonialstadt Sapporo
keine althergebrachte Kulturtradition mit
ihren buddhistischen Tempeln und shintoistischen
Schreinen oder auch mit konfuzianischen Clan-Schulen.
Für Kult und Kultur des Ainu-Volkes
hatten die japanischen Einwanderer kaum interessiert,
auch wenn seine Sprache tiefgreifende Spuren
auf viele Ortsnamen hinterlassen hat. Immerhin
hat der japanische Japanologe Kindaichi Kyosuku
das mündlich überlieferte Volksepos
der Ainu "Yukara" mit großer
Mühe aufgezeichnet und durch seine Übersetzung
für die Nachwelt gerettet. Diese Traditionslosigkeit,
die sich gewissermaßen heute noch auswirkt,
war ohne Zweifel ein Grund dafür, warum
das Christentum in Sapporo sogar auf der
Basis einer staatlichen Hochschule so fest
Wurzel schlagen konnte. Dazu kam, daß
die Söhne der getauften oder christlich
beeinflußten Bürger sich mit dem
Studium der Landwirtschaft befleißigten
und vielfach zum Weiterstudium nach Amerika
fuhren. Nach der Rückkehr waren sie
in Landwirtschaft, Industrie und Handel meist
führend tätig und verhalfen der
Stadt sowohl zum Wohlstand als auch zur kulturellen
Entwicklung. Aus den Kindern dieser reichen
und gebildeten Familien sind denn auch wieder
eine Reihe namhafte Schriftsteller, Künstler
und Musiker von Sapporo hervorgegangen, ganz
zu schweigen von den Wissenschaftlern, die
akademische Lehrer an der Hokkaido-Universität
geworden sind.
Die protestantischen Missionare wurden unmittelbar
von dem sogenannten American Board aus Yokohama
oder Tokyo nach Sapporo entsandt. Es war
jedoch der englische Missionar Archdeacon
John Batchelor (1854-1944), der 1877 zuerst
nach Hakodate entsandt wurde und nach mehrjährigen
sprachlich-praktischen Vorbereitungen sich
in Sapporo besonders für die Ainu einsetzte.
Er war noch als Student Missionary von der
sogenannten Church Missionary Society (S.M.S)
der anglikanischen Kirche beauftragt, seinem
Vorgänger Pfarrer Walter Dening zur
Seite zu stehen. In den Jahren 1892-1940
betreute er die Ainu in einem von den japanischen
Ärzten für sie eingerichteten Krankenhaus,
bildete ein paar japanische Missionare für
das Ainu-Volk aus und gründete zuletzt
1924 mit finnanzieller Unterstützung
von Fürst Tokugawa aufgrund einer Sondergenehmigung
der Verwaltungsbehörde von Hokkaido
eine eigene Fortbildungsschule für die
Jugendlichen des Ainu-Volkes. Er hatte auch
ein Wörterbuch der Ainu-Sprache verfaßt
und bemühte sich um dessen verbesserte
Auflage, bis er 1940 als Engländer das
antiwestlich gewordene Japan verlassen mußte.
Es dürfte auf seine missionarische Tätigkeit
zurückzuführen sein, daß
die Engländerin Isabella Bird 1878 eine
Fahrt in die entlegenen Wohngebiete der Ainu
unternahm und einen historisch wertvollen
Reisebericht, wie er soeben von Frau Alexandra
Schmidt vorgestellt worden ist, hinterließ.
Der katholische Missionar, der erstmals im
Jahre 1880 kurz nach Sapporo kam, war der
Franzose Alfred Pettier aus Hakodate. Bald
darauf begann 1881 Jean Urbain Faurie (1847-1915)
als einer der elf Missionare der Pariser
Missionsgesellschaft mit seiner Missionsarbeit
in Sapporo, und zwei Jahre danach wurden
5 Japaner und Japanerinnen von ihm getauft.
Es war im Jahre 1898, daß die erste
katholische Kirche in Sapporo, die heute
noch existierende Kitaichijyo-kyokai aus
Holz, mit einem steinernen Pfarrhaus zusammen
erbaut wurde. Missionarisch tätig waren
sonst Patres Henri Lafon und Jacues Ernest
Billiet. Der französische Bischof Alexandre
Berlioz fuhr damals nach Europa, um noch
mehr Ordensleute zur Missionarsarbeit in
Sapporo zu werben, und gewann Franziskaner
und Franziskanerinnen. Die Franziskaner,
unter ihnen der spätere deutsche Bischof
Wenzeslaus Kinold, kamen also im Jahre 1907
nach Sapporo und gründeten im nördlichen
Teil der Stadt ein Kloster als Stützpunkt
für eine schulische Tätigkeit,
und die franziskanische Äbtissin Guadeloupe
mit ihren 6 Ordensschwestern hat im Jahre
1911 ein Krankenhaus namens Tenshi-in (=
Engelshaus) mit 30 Betten gegründet.
Pater Faurie war übrigens ein botanisierender
Missionar. Während Philipp Franz von
Siebold aus Würzburg hauptsächlich
im Südwesten Japans die bis dahin unbekannte
Pflanzenwelt erforschte, hat der französische
Missionar in Hokkaido 700 neue Arten der
japanischen Flora entdeckt. Nach ihm benannte
Pflanzen zählen etwa 70 wie Fauria oder
Fauriella, und seine umfangreiche Kollektion
ist im botanischen Institut der Kyoto-Universität
aufbewahrt.
Bischof Kinold war 1871 in Giershagen, Westfalen,
geboren und wurde 1891 im Frauenberg-Kloster
bei Fulda Franziskaner. Zum Priester geweiht
wurde er im Jahre 1897. Auf Anregung von
Bischof Berlioz hin, der den Franziskanergeneral
in Rom eigens gebeten hatte, ein paar Missionare
nach Hokkaido zu entsenden, kam Kinold, wie
gesagt 1907, mit Maurice Bertin nach Sapporo.
Als er zunächst im Jahre 1915 Generalvikar
der Diozöse Sapporo wurde, gab es eine
einzige oben genannte Kirche Kitaichijyo-kyokai
mit 586 Gläubigen. Er gründete
aber 1925 die Fuji-Mädchenschule, daneben
ein theologisches Seminar zur Ausbildung
japanischer Priester sowie die Kosei-Jünglingsschule,
ein Krankenhaus, eine Druckerei und dazu
noch einen Kindergarten. Bis er 1941 mit
70 Jahren von einem japanischen Bischof abgelöst
wurde, errichtete er schließlich 13
Kirchen in Hokkaido, davon 4 in Sapporo in
allen vier Himmelsrichtungen. Er ist 1952
mit 81 Jahren in dem Krankenhaus Tenshi-in
gestorben. Zu erwähnen ist noch, daß
ein deutscher Pater Gerhard Huber 1937 Generalvikar
des Franzis-kanerordens in Sapporo geworden
ist. Aber nähere Einzelheiten über
seine Tätigkeit entziehen sich leider
meiner Kenntnis.
Bei der Gründung der Mädchenschule
standen dem Bischof Kinold drei deutsche
Ordensschwestern zur Seite. Die eine Franziskanerin
Xavera Rehme (1889-1982) aus Osterkappeln
bei Osnabrück wurde Schuldirektorin,
und bei ihr hat offen gestanden meine Mutter
studiert. Die anderen zwei Schwestern hießen
Reineria und Liboria, und sie kümmerten
sich um mich in einem katholischen Kindergarten.
Damals habe ich noch den deutschen Pater
Hilarius Schmelz mit dem naturalisierten
Namen Hirayo Shumei gekannt. Er war einer
der ersten Missionare, die sich in Sapporo
für Sozialwerke engagiert haben. Ansonsten
erinnere ich mich flüchtig an Pater
Euseibius Breitung, der ein sehr nützliches
Deutsch-Japanisches Wörterbuch in chinesischen
Schriftzeichen und Umschreibung in Romaji
zusammenstellte. Es erschien zu Ostern 1936
und wurde bis 1993 wiederholt nachgedruckt.
Im Nachwort des Verfassers zu der 2. verbesserten
und wesentlich vermehrten Auflage von 1947
heißt es: "Das Wort ist indifferent
zum Guten wie zum Bösen. Der eine gebraucht
es, um das Gute, das in seinem Herzen ruht,
andern mitzuteilen und ihnen zu helfen, besser
zu werden; der andere, um mit dem Bösen,
das dort nistet, andere zu vergiften und
schlechter zu machen." Ich habe diese
Worte während meiner langen Lehrtätigkeit
immer beherzigt. In meiner Studentenzeit
an der von den deutschen Jesuiten gegründeten
Sophia-Universität in Tokyo habe ich
dann den gelehrten Franziskaner Titus Ziegler
aus Sapporo als den nach dem Tod von Johannes
Kraus SJ beauftragten Herausgeber der mehrbändigen
katholischen Enzyklopädie in japanischer
Sprache kennengelernt.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hat es in
Sapporo auf diese Weise eine katholische
Kirche, eine russisch-orthodoxe Kirche und
fünf protestantische Kirchen bzw. Konfessionen
gebeben. Die früheste protestantische
Kirche war die anglikanische, die sich mit
der Ankunft von John Batchelor in Sapporo
etablierte. Aber im Vergleich mit den anderen
amerikanisch beein-flußten protestantischen
Kirchen wie der congregational-, presbiterian-
oder methodist-church war ihr Wirkungskreis
sehr beschränkt, zumal Batchelor besonders
an der Ainu-Mission interessiert war. Im
Jahre 1901 erregte eine ältere dieser
Kirchen mit der Umbenennung "Unabhängige
Kirche" ein großes Aufsehen in
der japanischen Christenheit, da sie den
Verzicht auf Taufakt und Abendmahl, also
eine Kirche ohne alle Liturgie erklärte.
Fast zu gleicher Zeit begann Uchimura Kanzo
in Tokyo, ein sogenanntes kirchenfreies Christentum
"Mukyokai-ha" zu begründen.
Es war der Anfang eines undogmatischen Kulturchristentums
in Japan, das nicht geringzuschätzen
ist, weil es sich meiner Meinung nach ohne
weiteres mit der humanistischen Tradition
seit der deutschen Klassik und Romantik verbinden
läßt. Es ist doch allgemein bekannt,
wie sehr sich japanische Germanisten mit
der deutschen Literatur und Philosophie dieser
Ausrichtung beschäftigt und durch ihre
fleißige Übersetzungsarbeit die
japanischen Gebildeten damit vertraut gemacht
haben. Nietzsche ist zwar immer noch einer
der beliebtesten deutschen Philosophen in
Japan, aber er ist im Grunde genommen ein
Goethe-Verehrer gewesen.
In der Städtepartnerschaft zwischen
München und Sapporo werden sich künftig
weder Bier freundschaft noch christliche
Gemeinsamkeit als effizient erweisen. Auch
eine gewisse Begeisterung bei dem Vorrundenspiel
dürfte vorübergehend sein, obwohl
es in dem neuesten Heft des Japan-Magazins
heißt: "Die Affinität japanischer
Fußball-Fans zu Deutschland ist groß,
trugen doch Stars wie Pierre Littbarski,
Uwe Bein, Michael Rummenigge oder Guido Buchwald
bei der Einführung der professionellen
'J-League' Anfang der 90er Jahre in hohem
Maße zur Popularisierung des japanischen
Fußballs bei." (Simone Mennemeier)
Das Schneefestival wurde sicherlich seit
den Olympischen Winterspielen 1972, in denen
die Partnerschaft der beiden Städte
geschlossen wurde, international berühmt.
Aber das Festival der Kunst aus Schnee und
Eis dauert nur ganze sechs Tage, und das
Winterwunderland auf dem Odori-Park ist dann
wieder verschwunden. Eine Städtepartnerschaft
muß selbstverständlich auf dauerhafterer
Basis fundiert werden. Glücklicherweise
ist die Universität München nicht
zuletzt durch die Namen Geschwister Scholl
in ganz Japan bekannt. Für den Kulturaustausch
verfügt sie seit Jahren über ein
eigenes Japan-Zentrum, und speziell für
die Städtepartnerschaft gibt es auch
ein gut funkionierendes Austauschprogramm
zwischen den beiden Universitäten von
München und Sapporo. In der Hinsicht
mache ich mir keine Sorgen.
Was ich mir persönlich für meine
Heimatstadt wünschte, wäre eine
Moralunterstützung von seiten der traditionsreichen
Stadt München. Es ist mir bange zuzusehen,
wie schnell sich Sapporo im Namen des angeblichen
Frontiergeistes entwickelt, ohne die alte
geistige Tradition genügend zu beachten.
Beunruhigend war es schon, daß Anfang
der 90er Jahre die bedeutendste ortsansässige
Bank zur Förderung von Handel und Industrie
Hokkaidos Konkurs machte. Sie existiert nicht
mehr. In den letzten zwei Jahren ist dann
das größte Molkereiunternehmen
von Hokkaido, dessen Gründer doch ein
ehrlicher Christ war, wegen Kundenbetrügereien
in Verruf geraten. Der echte Frontiergeist
vom einstigen Sapporo scheint im Verschwinden
zu sein. Er wird ja desto mehr verdünnt,
je größer die Stadt wird. So finde
ich wirklich immer weniger von dem alten
Stadtbild, das ich von Jugend auf kannte,
jedesmal wenn ich nach Sapporo komme. Dagegen
hat sich München in den letzten 40 Jahren
nicht wesentlich geändert und ist doch
lebendig geblieben. Ich hoffe also aufrichtig,
daß München sich Sapporo gegenüber
ungeniert wie eine ältere Schwester
benimmt und die jüngere nicht immer
verwöhnt.
Haiku für die Jugend
Vor vierig Jahren, als ich nach einem dreieinhalbjährigen
Studienaufenthalt in München nach Japan
zurückfuhr, damals noch mit einem französischen
Passagierschiff durch den Suez- Kanal, habe
ich u.a. eine deutsche Langspielplatte mitgenommen.
Sie hatte den schönen Titel "Klingendes
Kinderland", gesungen von Regensburger
Domspatzen, und meine Kinder sind mit diesen
deutschen Melodien sowie mit den Bildergeschichten
von Wilhelm Busch aufgewachsen, ohne noch
ein einziges Wort darin zu verstehen. Als
das Domspatzenchor vor zwei Jahren eine Konzertreise
nach Japan machte, ist meine inzwischen erwachsene
Tochter mit meiner Frau im Juli ins Tokioter
Konzert gegangen. Das war für sie eine
wunderbare Wiederbegegnung mit ihrer Kindheit.
Ich selbst war im Sommersemester 1997 Gastprofessor
der Germanistik an der Universität Regensburg
und gebe wieder seit drei Semestern Japanischunterricht.
Während des Semesters ver