Deutsche Leitseite Japanische Leitseite
Aktuelle Mitteilungen Bibliothek Dokumentations-
archiv
Kultur-
austausch
Aktuelle Mitteilungen Bibliothek Dokumentations-
archiv
Kultur-
austausch
Links Publikationen Goethe-Symposium Links Publikationen Goethe-Symposium

<Kulturaustausch zwischen den deutschsprachigen Ländern und Japan>

  Mein Leben in Japan als Schweizer
          Prof. Dr. Thomas Immoos

Goethes Bedeutung für die japanische Bildungstradition
               Naoji Kimura


Österreichischer Wortschatz in einem deutsch-japanischen Wörterbuch
          Naoji Kimura

Lob der Goethephilologie
       
Unzeitgemäße Betrachtungen über die Germanistik
             Naoji Kimura

Mein Leben in Japan als Schweizer
Prof. Dr. Thomas Immoos

Ein Bericht über meine Begegnung mit Japan entwickelt sich der inneren Logik entsprechend zu einem Ausdruck des Dankes für alles, was mir Japan bot zur Entfaltung meiner Möglichkeiten.

Der "goldene Apfel"

Als ich am 5. Januar 1951 in Kobe landete, erlebte ich die erste grosse Enttäuschung: die Ruinen der ausgebomten Hafenstadt boten auch nicht im Entferntesten eine Erinnerung an die Utopie einer erhöhten, ästhetischen Existenz in einem Land erlesensten Kunstgeschmacks, wie sie mir in den Vorlesungen von Arthur Waley an der Universität von London (SOAS) aufgeleuchtet war.
Am folgenden Tag, als ich Nara besuchte, erlitt ich sogar einen eigentlichen Kulturschock. Die riesigen buddhistischen Götterfiguren, die in den dunkeln Tempeln in strahlendem Gold aufleuchteten, wirkten erschreckend fremd auf mich, ja erweckten sogar eine Art Abscheu. Ich zweifelte, ob mir diese so völlig andersartige Kultur je vertraut werden könnte. Als ich dann am Saruzawa-Teich meinen Bento ass, kam mir sogar der Gedanke, ob es nicht besser wäre, den Koffer gar nicht auszupacken, sondern an die Rückkehr zu denken.
Da erhob sich aber ein kleines Mädchen von einer Nebenbank , kam zu mir, verneigte sich tief und bot mir eine Mandarine an in einer Geste des Opfers, die ich viel später an einer Haniwa-Figur wiedererkannte.
Dass mir gerade in dieser ersten Stunde der Verlorenheit der "goldene Apfel", das Symbol der Vollkommenheit, angeboten wurde, erfüllte mich mit ungeheurer Freude, denn ich fühlte: in diesem Mädchen hat Japan mich angenommen. Ich werde dieses Volk, dieses Land, diese Kultur trotz aller Fremdheit lieben lernen.

Meine ersten 7 Jahre verlebte ich in Morioka in der Iwate Praefektur. Dieses Bergland im Norden gilt als "Tibet Japans", weil altes Brauchtum mit ausserordentlicher Treue bis in die Gegenwart lebendig ist.
Ich besuchte nun die Shinto Feste, in denen Aufführungen von Kult-Drama eine grosse Rolle spielen.

Theologie des Shinto

Das Wesen des Matsuri (Shinto-Fest) ist die Erneuerung der Lebenskraft in Göttern, Menschen und im ganzen Kosmos durch symbolische Riten im Kontext des Weltbildes einer Natur-Religion.
Zu meiner Überraschung entdeckte ich Ähnlichkeiten zum Brauchtum der Folklore in der Schweiz. Bei uns aber ging das Verständnis für den Sinn solcher Riten, die aus der germanischen und keltischen Naturreligion stammen, verloren.
Aus den Shinto Parallelen liess sich aber ihre ursprüngliche Funktion erschliessen.
Der wilde Mann in der Basler Fastnacht , der ein Tännchen in der Hand schwingt, ist sich kaum mehr bewusst, dass er den Vegetationsgott darstellt.
Mir wurde langsam bewusst, dass die Tatsache, dass in Japan religiöse Rituale, damit eng verbunden das Kulttheater, urzeitliche Formen in ununterbrochener Reihenfolge bewahren, ein Referenzsystem für die Religions- und Theatergeschichte der ganzen Menschheit bietet.
Solche Beobachtungen konnte ich bieten im Aufsatz "Archetypen religiöser Erfahrung im Shintofest" und im Photobuch über das "Japanische Theater".
Als ich mich bei Prof. Ueda Kenji nach einer Theologie des Shinto erkundigte, sagte er: "Shinto ist Matsuri". Die Theologie wurde nie in Worte gefasst; sie ist aber im Ritual enthalten.
Seit Jahren versuche ich das Weltbild hinter den Riten zu ergründen, zusammen mit Prof. Mitsuhashi von der Kokugakuin Universität. Letztes Jahr wurde er eingeladen, an der Sorbonne und an der Gregoriana Universität in Rom gerade über dieses Thema Vorlesungen zu halten. Die Arbeit geht weiter.
Vielleicht fällt es schwer zu glauben, dass dieses Studium mir auch ein tieferes Verständnis der katholischen Liturgie eröffnete.
Als ich ein Jahr lang Gastprofessor für Religionswissenschaft an der theologischen Fakultät in Wien war, organisierte ich mit dem Liturgiker Prof. Aufdermaur ein gemeinsames Seminar zum Vergleich der katholischen Liturgie mit dem Ritual des Shinto Matsuri. Im 2. Semester verglichen wir das Kulttheater in verschiedenen Religionen.
Was anderswo nur noch aus alten Dokumenten und seltenen Bräuchen der Folklore erschlossen werden kann, ist in Japan noch Gegenwart im lebendigen Kontext einer Religion.

Ohne meine Verwurzelung im Brauchtum der Innerschweiz , wäre mir der Zugang in diese Welt kaum aufgegangen. (Das Eigene im Fremden entdecken).
Das Noh-Theater erschloss mir sodann ganz neue Dimensionen. In "Itsutsu" erscheint eine junge Frau (ihr Geist) und erzählt, wie sie einst am Brunnenrand als Kind ihre Körpergrösse mit dem Jugendfreund gemessen hatte. Wie sie nun in die Brunnentiefe schaut, erblickt sie aber im Wasser nicht ihr eigenes Gesicht, sondern das seinige. Das entsprach doch genau der Theorie von C.G.Jung, wonach im Unterbewussten das Gegenbild erscheint: Anima bei Mann, Animus bei der Frau, worauf die Möglichkeit der Integration der Persönlichkeit gegeben ist , durch schöpferische Aneignung des Gegenprinzips, die Hauptaufgabe für die zweite Lebenshälfte.
500 Jahre vor C.G. Jung hatte Zeami diese Möglichkeit schon im Noh dargestellt.
Die dadurch angeregte Beschäftigung mit Noh erschloss die Einsicht, dass in den Mugen-Noh, in denen der Geist von Verstorbenen erscheint, ein therapeutischer Prozess abläuft.
Der Hauptspieler (Shite) kann nicht ins Nirvana eingehen, weil seine Seele noch immer von Hass und Groll oder von andern Leidenschaften erfüllt ist. Im Gesang und Tanz enthüllt der Totengeist sein schmerzvolles Schicksal und befreit sich dadurch von seinen negativen Gefühlen, sodass er endlich (geheilt) ins Nirvana eingehen kann, d.h. die Erlösung erfährt, als Befreiung von seinen Neurosen.
Durch meinen Aufsatz "Tiefenpsychologie des Noh" wurden zwei Sanatorien in Chiba angeregt, das Noh-Spiel für die Behandlung von Schizophrenen einzuführen.
Ein anderes schönes Resultat war die Gründung des C.G. Jung Clubs in Japan, dessen erster Präsident ich sein durfte.

Regionalkultur

Zu jungen Jahren hatte ich die Idee entwickelt, eine "Kulturgeschichte der Innerschweiz" zu verfassen, denn es war mir aufgefallen, dass Uri, Schwyz, Ob-und Nidwalden grosse Unterschiede in Eigenart und Begabung aufwiesen. Für dieses Thema hatte ich schon Bücher gesammelt.
Tokyo war natürlich nicht der geeigneteste Ort zur Abfassung einer solchen Abhandlung. Immerhin war mein Blick durch diese Themenstellung gestärkt, sodass ich bei der Analyse der verschiedenen Formen des Kulttheaters in Iwate erkannte, dass man daraus für die Herkunft der Bewohner Schlüsse ziehen konnte, doch kam ich nicht dazu eine "Kulturgeschichte von Iwate" zu verfassen.
Als ich Alt-Konsul Harald Mueller in Osaka von meinem Interesse erzählte, wollte er mir beistehen durch Finanzierung der Schweizer Bibliothek in Tokyo.
Es war mir eine grosse Freude, dass ich an der Universität Tokyo während Jahren je ein Semester über Scweizer Literatur Vorlesungen halten konnte.
Von der Innerschweiz aus gesehen liegt Japan ziemlich am Rande der Welt, aber gerade hier konnte ich meine eigenen Ursprünge, die Eigenart meiner einheimischen Kulturvergangenheit , tiefer verstehen lernen

Im Rückblick erfüllt mich tiefe Dankbarkeit für die Chance, die mir hier geboten wurde, die Anlagen aus meiner Innerschweizer Herkunft gerade in Japan zu entfalten, in diesem "Land der tiefen Brunnen", wo in der Tiefenschicht Ströme aus fernster Vergangenheit unter Kontinenten und Meeren zusammenfinden, sodass in Ost wie in West Gemeinsamkeiten über alles Fremde und Trennende hinweg mehr zu erfühlen als zu erkennen sind.
Zu erklären ist eine solche Erfahrung vielleicht durch die Tatsache, dass Japan und die Innerschweiz ihre Wurzeln in archaische Tiefen hinabsenden.
Offenbar musste ich die ganze Welt durchschweifen, um ganz daheim zu sein.

                                                  


Österreichischer Wortschatz in einem deutsch-japanischen Wörterbuch
Naoji Kimura

Bekanntlich ist ein Fremdsprachenunterricht durch das Normdenken geprägt. Sonst kann man den Studenten weder grammatische Regeln beibringen, noch Richtigkeit in der Rechtschreibung und im Wortgebrauch von ihnen verlagen. In einem deutsch-japanischen Wörterbuch, das wohl nach dem Goetheschen Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre gut "Meister" heißt und inzwischen zu weiten Kreisen der japanischen Studenten einen guten Zugang gefunden hat, gilt deshalb das sogenannte Duden-Deutsch als richtungsweisend. Der aus Wortmaterial aus verschiedenen deutschen Wörterbüchern ausgewählte Wortschatz enthält rund 65.000 Wörter aus der deutschen Gegenwartssprache und wird nicht nur semantisch, sondern auch unter Verwendung der neuen Valenztheorie unter Bezugnahme auf syntaktische Einzelheiten bei Verben und Adjektiven beschrieben. Das Wörterbuch MEISTER enthält allerdings teilweise einen österreichischen Wortschatz, der nach den Angaben in den einschlägigen deutschen Wörterbüchern so bezeichnet wird. Im MEISTER befinden sich auch unter dem landeskundlichen Gesichtspunkt zum erstenmal die Landkarten nicht nur des wiedervereinigten Deutschlands, sondern auch Österreichs und der Schweiz. Früher war es in Japan üblich, unter der Vorherrschaft einer diachronischen Sprachbetrachtung auf den Rückseiten des Buchdeckels eine Landkarte Mittereuropas sowie einen Sprachatlas der deutschen Mundarten anzubringen.

Als ich im Mai 1995 an dem Internationalen Colloquium "Osterreichisches Deutsch" hier an der Universität Graz teilnahm, war ich aber von der Fragestellung "Österreichisches Deutsch oder Österreichisch"" von Prof. Peter Wiesinger, dem jetzigen Präsidenten der IVG, nicht wenig überrascht(1). Hatte ich doch noch nie an so etwas wie das Thema "Das österreichische Deutsch als nationale Variante des Deutschen" gedacht, obwohl mir Wiener Akzente oder österreichischer Wortgebrauch von Jänner, Kassa, inskribieren, heuer usf. schon lange aufgefallen waren. Das Deutsche galt bereits bei Adelung als die Hauptmundart der deutschen Sprache(2); und das sog. Österreichische war für mich wie das Bayerische, das mir nebenbei bemerkt seit meiner Münchner Studienzeit in den Jahren 1959-63 sehr vertraut ist, ein Dialekt der deutschen Sprache, der häufig in der Umgangssprache, aber nicht in der Schriftsprache verwendet wird(3). Selbst in dem Österreichischen Wörterbuch wird sprachgeschichtlich argumentiert: "Österreichisch gehört mit acht Bundesländern dem bairisch-österreichischen Großraum an und hat damit Anteil an den Besonderheiten, die der Baiernstamm auf seinem Territorium ausgebildet hat."(4)

Es gibt zwar in Japan seit mehr als zehn Jahren eine eigene Gesellschaft zur Erforschung der österreichischen Literatur. Auch befindet sich im Institut für die Kultur der deutschsprachigen Länder an der Sophia-Universität, Tokyo, wo ich tätig bin, eine eigene Sektion für Österreich, die mit den Bücherspenden der Österreichischen Botschaft unterhalten wird. Aber die japanischen Literaturwissenschaftler,die übrigens gern österreichische und auch Schweizer Autoren lesen und studieren, sprechen grundsätzlich von deutscher Literatur im Sinne der deutschsprachigen Literatur und haben sich bis jetzt für die Bemühungen etwa von Prof. Walter Weiß oder Prof. Herbert Zeman kaum ernsthaft interessiert (5). Über die vor mehreren Jahren vorgekommene Formulierung auf der Frankfurter Buchmesse "Die deutsche Literatur kommt aus Österreich" haben sie wohl geschmunzelt, aber sie haben dabei mehr an die reichhaltige literarische Tradition seit der Jahrhundertwende gedacht als an sprachliche Eigentümlichkeiten eines Stifter, Schnitzler, Trakl, Thomas Bernhard oder einer Ingeborg Bachmann u.a.m. Denn die japanischen Germanisten wissen genau, daß diese österreichischen Schriftsteller deshalb eine herausragende Geltung in der deutschen Literatur errungen haben, weil sie eben über die Provinzialismen eines Peter Rosegger oder Ludwig Thoma hinaus Allgemeingültiges schrieben.

Ich bin freilich Goetheforscher und kein Sprachwissenschaftler. Aber von den japanischen Linguisten ist mir auch kein einziger bekannt, der sich speziell mit dem Österreichischen beschäftigt hätte, auch wenn er diachronisch auf dem Gebiet der deutschen Sprachgeschichte bzw. Dialektforschung fachwissenschaftlich arbeitet. Nur weil ich in den letzten Jahren lexikographisch an dem Wörterbuch MEISTER gearbeitet habe, erlaube ich mir im folgenden, etwas über den österreichischen Wortschatz zu sagen, wie er in einem deutsch-japanischen Wörterbuch behandelt wird. Es geht dabei vorwiegend um meine Beobachtungen über einzelne Wörter, während syntaktische Fragen, die darüber hinaus bestehen sollen, aus meiner Unkenntnis heraus ganz unberücksichtigt bleiben müssen (6). Ich gehe also davon aus, daß das Verhältnis des Österreichischen zum Deutschen heutzutage im großen und ganzen dem des Amerikanischen zum Englischen analog aufgefaßt werden könnte. Im Laufe des Symposiums ist mir dann allmählich klar geworden, daß bei der scheinbar linguistischen Frage nach einem österreichischen Deutsch die österreichische Identität, um die ein Kulturkritiker wie Friedrich Heer so engagiert gerungen hat (7), in veränderter Form erneut thematisiert wird, und im Zuge dessen Österreichs wirtschaftspolitische Interessen in der EU im Hintergrund stehen, worauf jedoch nicht näher eingegangen werden soll. Denn das Problem würde sich als so kompliziert erweisen, daß man viele andere Themen mehr als das linguistische einbeziehen und ein gesondertes Symposium veranstalten müßte.

In der Anlage der vorliegenden Arbeit findet man nun eine Liste der als österreichisch bezeichneten Wörter aus dem deutsch-japanischen Wörterbuch MEISTER. Sie umfaßt genau 400 Wörter. Diese stellen bei den mit Raster überzogenen Wörtern reine,bzw. in erster Linie österreichische Wörter dar. Bei den anderen Wörtern handelt es sich entweder um solche, die nur mit Strichpunkt oder anderen Kennzeichen im grammatischen Gebrauch oder der Bedeutung nach unterschiedlich gemacht werden, oder um Wörter, die eine spezifisch österreichische Bedeutung haben und von den üblichen Bedeutungen mit einer eigenen Rublik unterschieden werden. Die Liste ist allerdingsnur ein Teil der Gesamtaufstellung, die sich sprachgeographisch wie folgt gliedert,soweit die Stichworte im Wörterbuch selbst so gekennzeichnet sind:

 1. süddeutsch-österreichisch-schweizerische Wörter
 2. ausschließlich österreichische Wörter
 3. ausschließlich schweizerische Wörter
 4. ausschließlich süddeutsche Wörter
 5. süddeutsch-österreichische Wörter
 6. österreichisch-schweizerische Wörter
 7. süddeutsch-schweizerische Wörter
 8. Sonstiges (ostmd., md., westmd., nordd., ital.)

Diese dialektologischen Bezeichnungen stammen aus den einschlägigen Wörterbüchern in Deutschland, wie DUDEN, WAHRIG oder SPRACHBROCKHAUS, sind aber im einzelnen nicht mehr nachweisbar. Da der ins Wörterbuch aufgenommene Wortschatz aus sprachdidaktischem Gesichtspunkt ausgewählt worden ist, kann der Anteil dieser Wörter an dem Gesamtwortschatz der deutschen Sprache willkürlich und zufällig sein.Das Wörterbuch MEISTER ist wie viele andere deutsch-japanische Wörterbücher vor allem für den Deutschunterricht an den Hochschulen gedacht und berücksichtigt etymologische sowie dialektologische Einzelheiten nicht mehr wie Wörterbücher vor einer Generation, die noch weitgehend diachronisch ausgerichtet waren. In die Liste der als österreichisch bezeichneten Wörter müßten also noch viele Wörter aus den Listen des süddeutschen Wortschatzes herangezogen werden. Aber aus technischen Gründen muß ich mich zunächst einmal auf die Austriazismen beschränken. An der Liste der ausschließlich österreichischen Wörter lassen sich formal und inhaltlichetwa zehn Merkmale feststellen. Für diese Merkmale im Unterschied zum Duden- Deutsch sollen aus der Liste entsprechende Beispiele angeführt werden, und zwar zunächst formal gesehen:

1) Das grammatische Geschlecht ist verschieden oder gelegentlich schwankend (8):
das Abszeß (der), das Fruchtbonbon (der), der Gehalt (das), die Germ (der), das Gulasch (der), der Kataster (das), das Keks (der), die Koppel (das), der Marzipan (der), die Plebs (der), der Polster (das), der Queue (das), das Risotto (der), das Sago (der), das Sakko (der), der Samba (die), der Tobel (das).

2) Genitiv- und Pluralformen sind manchmal ebenso unsicher:

die Dreß/Dressen, das Ersparnis, -ses/-se, das Giro, -/Giri, der Granat, -en/ -en, der Hosenlatz, -es/-e, das Inkasso, -s/Inkassi, der Kaktus, -sses/..teen, das Kapital, -s/-ien, der Konteradmiral,-s/räle, der Kumpel, s/-n, der Pfau, -en/-e.

3) Unterschiedliche Schreibungen bzw. Wortformen beim gleichen Wort: 

brenzlig/brenzlich, das Büffet/Buffet, durchwegs/durchweg, detto/dito, färbig (farbig), das Geleise (Gleis), hältig (haltig), hienieden (hiernieden), juridisch (juridistisch), der Kasperl (Kasper), der Kontroller (Kontrolleur), linieren (liniieren), der Luster/Lüster, der Missionar (Missionär), röntgenisieren (röntgen), die Ausschank (Schank), schwulstig (schwülstig), übernächtig (übernächtigt), die Zwetschke (Zwetschge).

4) Elisionen von Vokalen oder Konsonanten bei Adverbien und Substantiven:
das Avis (Aviso), der Dolmetsch (Dolmetscher), im vorhinein (im vornhinein), der Karren (Karre, die), das Offert (Offerte, die), die Oktav (Oktave), präzis (präzise), der Schamott (Schamotte, die), solid (solide), talmin (talmi), sodaß (so daß), umso (um so).

5) Unterschiedliche Wortbildungsbestandteile für ein Wort gleicher Bedeutung:

das Eiklar (Eiweiß), der Erlagschein (Zahlschein), fallweise (gegebenenfalls), der Fußgeher (Fußgänger), die Hausdurchsuchung (Haussuchung), der Kohlrabi Kohlrübe, die), der Lokalaugenschein (Lokaltermin), das Schildkrot (Schildplatt), stempelpflichtig (gebührenpflichtig), strapazierfährig (strapazfähig), weiters (weiter[ hin ]).

Dann kommen inhaltliche Eigentümlichkeiten in Betracht, die in semantischer Art besondere österreichische Verhältnisse in Sitten und Bräuchen widerspiegeln (9):

6) Verschiedene Bedeutungen im Deutschen und im Osterreichischen:
alleinig (alleinstehend), die Akademie (literarische od. Musikalisische Veranstaltung), die Bedienung (Putzfrau, Stelle als Bedienerin), die Beilage (Anlage zu einem Brief), das Billett (Glückwunschkarte), der Einspänner (Kaffeesorte), der Engländer (Süßes Gebäck), der Faulenzer (Linienblatt veralt.), die Fraktion (Ortsteil Vlbg.), komplett (voll, besetzt), leeren (gießen, schütten), markieren (entwerten, selten), die Pragmatik (Beamtendienstordnung), pragmatisieren (fest anstellen), die Rettung (Rettungsdienst; Rettungswagen), die Schoß (Damenrock), der Schwarze (schwarzer Kaffee), der Sektionschef (höchster Ministerialbeamter), der Spitz (leichter Rausch, Zigarettenspitze), der Sturm (junger Wein), tapezieren (auch: Polstermöbel mit Stoff beziehen), die Tasse (Tablett, selten), die Technik (technische Hochschule), transferieren (versetzen, amtspr. veralt.), der Türken (Mais), der Verschleiß (Kleinverkauf; Vertrieb beim Tabakmonopol), der Vorstand (Vorsteher, bes. Bahnhofsvorsteher), das Vorwort (Präposition, schulspr.), das Vorzimmer (Diele).

7) Ausgesprochen österreichische Wörter:

abgängig (vermißt, verschollen), der Abverkauf (Ausverkauf), die Extrawurst (Wurstsorte/Fleischwurst), die Fisole (grüne Bohne), fix (ständig, dauernd), der Fleischhauer (Fleischer), gefinkelt (schlau), die Gelse (die Stechmücke), die Havarie (Unfall eines Kraftfahrzeugs), das Hendl (Hähnchen), der Holzhacker (Holzfäller), der Indian (Truthahn), inliegend (einliegend), inskribieren (einschreiben), die Jause (Zwischenmahlzeit, Vesper), jausen (vespern, Kaffee trinken)), der Journaldienst (Bereitschaftsdienst), das Kaffeehaus, der Landesrat (Minister einer Landesregierung), kundmachen (bekanntmachen), die Marille (Aprikose), der Maturant (Abiturient), der Paradeiser (Tomate), der Powidl (Pflaumenmus), psychiatrieren (auf den Geisteszustand untersuchen), die Ribisel (Johannesbeere), das/der Schlagobers (Sahne), schnofeln (schnüffeln/weinen), sekkant (lästig, zudringlich), die Tabaktrafik (Verkaufsstelle für Tabakwaren), der Trafikant (Besitzer einer Trafik), die Überfuhr (Donaufähre), urgieren (drängen), der Vorzugsschüler (Schüler mit sehr guten Noten), wegzählen (subtrahieren), der Weinhauer (Winzer), das Würstel (Würstchen).

8) Verschiedene Bedeutungen im Süddeutschen und im Österreichischen:
zwicken (südd. kneifen, knapp sein. österr. einen Fahrschein lochen, mit Klammer befestigen)

9) Verschiedene Bedeutungen bei anderen deutschen Dialekten:

die Zille (ostmd. flacher Lastkahn für die Flußschiffahrt, österr. kleiner, flacher Kahn mit einem Ruder)

10) Sonst veraltete Redewengungen, die aber im österreichischen Deutsch gebräuchlich sind:

auslangen (Lebensunterhalt bestreiten können)
der Handkuß (zum Handkuß kommen)
der Schnee (aus dem Jahre Schnee, Anno Schnee, im Jahre Schnee)
der Verstoß (in Verstoß geraten)

Das Österreichische kann nicht immer vom Süddeutschen und dem Schweizerischen unterschieden werden. Das Wort Hendl dürfte z.B. echt österreichisch sein, aber man kann sich das Backhendl auch in München im Restaurant "Wienerwald" jeden Tag gut schmecken lassen. Wenn man diesen gemeinsamen Wortschatz im süddeutschen Sprachraum (1.) hinzufügt, vermehrt sich die Liste der als österreichisch bezeichneten Wörter (2.) etwa um 90 Wörter. Dazu kommen noch 200 süddeutsch-österreichische Wörter (5.) und 55 österreichisch-schweizerische Wörter (6.). Die Gesamtzahl von 745 Wörtern macht mehr als ein Prozent des ins Wörterbuch MEISTER aufgenommenen deutschen Wortschatzes aus.

Es sind in obigen Angaben sicherlich noch manche Fehler enthalten, aber im Wörterbuch findet sich immerhin eine Anzahl spezifisch österreichischer Ausdrücke. Ich glaube, es legt schon ein Zeugnis davon ab, daß das Österreichische in einem deutsch-japanischen Wörterbuch beträchtlich ernstgenommen wird. Mit der Einführung der neuen Regeln für die deutsche Rechtschreibung scheint jedoch eine schwierige Situation eingetreten zu sein. Denn auch das Österreichische Wörterbuch verstand sich bisher als eine Art Duden für das Österreichische. Zu Beginn des Vorworts heißt es klipp und klar: "Die Aufgabe, die es zu erfüllen hat, ist im wesentlichen die alte, bereits in der 1. Auflage 1951 definierte, geblieben: Grundlage der Rechtschreibung in den Schulen und Ämtern Österreichs zu sein. "Ferner wird im Hinblick auf den deutschen Duden nachdrücklich gesagt:

"Das Österreichische Wörterbuch war und ist in erster Linie ein Wörterbuch für die Rechtschreibung. Dies ist schon durch seine Fortführung der Tradition der alten in Österreich eingeführten 'Regeln für die deutsche Rechtschreibung nebst Wörterverzeichnis' (Wien 1902) bedingt. Selbstverständlich wird im Österreichischen Wörterbuch für Österreich keine eigene oder andersartige Orthographie dargeboten. Der Zusammenhang mit der allgemeingültigen deutschen Orthographie und damit die Kongruenz mit der neuesten Auflage des Duden sind maßgeblich."(10)

Inzwischen ist die allerneueste Auflage des Duden 1996 (11) erschienen, in der die für alle deutschsprachigen Länder verbindlichen Richtlinien der künftigen Schreib- und Druckweisen ausführlich und umständlich vorgeschrieben sind, obwohl ein großer Kreis der deutschen Schriftsteller und Journalisten damit nicht einverstanden ist. Wie soll nun das Österreichische als "nationale Variante des Deutschen" mit dieser im deutschen Sprachraum vereinheitlichenden Tendenz für das 21. Jahrhundert fertig werden? Ist es doch im strengen Sinne des Wortes wie das Bayerische und viele andere innerdeutsche Mundarten ein Dialekt in der gesamten deutschen Hochsprache, der geschichtlich wohl berechtigt ist, weiterhin gebraucht, gepflegt und geliebt zu werden, aber offensichtlich zu einer gemeinsamen Verständigung im deutschen Sprachraum nicht geeignet ist. Natürlich gehört das Deutsch, das in der österreichischen Öffentlichkeit wie im Buchwesen oder in den Massenmedien verwendet wird, ohne Zweifel dieser deutschen Hochsprache an. Was österreichische Autoren von Rang sowie die schweizerischen zur Bereicherung dieser deutschen Sprache geleistet haben und leisten, kann doch nicht hoch genug geschätzt werden. Was im Zusammenhang mit der Fragestellung "Österreichisches Deutsch oder Österreichisch" nottut, wäre aus japanischer Sicht eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme dieser bis zur Prager Kanzleisprache reichenden traditionsreichen Nationalsprache Österreichs wie das Bayerische Wörterbuch (1827/37) von Johann Andreas Schmeller.(12)


Anmerkungen

1 Vgl. Richard Schrodt, Diskursanalytische Beobachtungen zum Österreichischen Deutsch. Tagungsunterlage, die einen Überblick über 1.) den österreichisch-nationalen Standpunkt, 2.) den deutsch-integrativen Standpunkt und 3.) den österreichisch-integralen Standpunkt gibt.

2 Vgl. Johann Christoph Adelung, Versuch eines vollständigen grammatisch-kritischen Wörterbuches der Hochdeutschen Mundart, mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der oberdeutschen, in fünf Teilen. 1774-1786.

3 Vgl. Hans Moser, Österreichische Aussprachenormen -- Eine Gefahr für die
sprachliche Einheit des Deutschen? In: Internationales Jahrbuch für Germani stik, Jg. XXI/Heft 1, Bern 1990, S. 8-25.

4 Österreichisches Wörterbuch. Herausgegeben im Auftrag des Bundesministeriums
für Unterricht und Kunst. 35., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Wien 1979, S. 9.

5 Ins Japanische wurde 1983 übersetzt einzig Ernst Joseph Görlich, Einführung in die Geschichte der österreichischen Literatur, 3. Aufl., Wien 1948.

6 Vgl. dazu Muhr, Rudolf (1995): Grammatische und pragmatische Merkmale des Österreichischen Deutsch. In: Muhr/Schrodt/Wiesinger (Hrsg.) Österreichisches Deutsch.
Linguistische, sozialpsychologische und pragmatische Aspekte einer nationalen Variante des Deutschen. Wien 1995. S.208-235.

7 Vgl. Friedrich Heer, Der Kampf um die österreichische Identität. Wien/Köln/ Graz 1981; weiters Muhr, Rudolf (1995): Zur Sprachsituation in Österreich und zum Begriff "Standardsprache" in plurizentrischen Sprachen. Sprache und Identität in Österreich. In: Muhr/Schrodt/Wiesinger (Hrsg.) a.a.O., S. 75-110.

8 Die im Bundesdeutschen üblichen Formen sind bei den Beispielen in diesem Abschnitt und den folgenden in Klammer nachgestellt.

9 Die in Klammer stehenden Angaben sind die österreichischen (Zusatz-)Bedeutungen.


10 Österreichisches Wörterbuch, S. 9 und S. 11.

11 Duden. Die deutsche Rechtschreibung. Das Standardwerk zu allen Fragen der Rechtschreibung auf der Grundlage der neuen amtlichen Rechtschreibregeln. Gültig für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich 1996

12 Vgl. Hermann Kunisch, Johann Andreas Schmellers geistesgeschichtliche Stellung. In: H. Kunisch, Kleine Schriften, Berlin 1968, S. 205-239.


Der Beitrag entnommen aus: Rudolf Muhr und Richard Schrodt(Hrsg.) Österreichisches Deutsch und andere nationale Varietäten plurizentrischer Sprachen in Europa. Materialien und Handbücher zum österreichischen Deutsch und zu Deutsch als Fremdsprache, Band 3. Wien 1997. S. 314-321.

                                                  


Lob der Goethephilologie
Unzeitgemäße Betrachtungen über die Germanistik

                                                                                    
    Japanese
Naoji Kimura

  Aus philologischen Gründen zitiere ich nicht gern aus Eckermanns Gesprächen mit Goethe. Denn der Text ist nicht ganz authentisch, und das darin entworfene politisch sowie religiös allzu konziliante Goethebild verleitet so leicht manche Goethe-Liebhaber zu einer harmo-nischen Interpretation des Dichters.
  Heute kann ich aber aus menschlichen Gründen nicht umhin, trotz meines philologischen Vorbehaltes eine Stelle aus Eckermann zu zitieren. Unter dem 14. März 1830 aüßert sich Goethe über die politische Dichtung während der Befreiungskriege gegen Napoleon: "Wie hätte ich nun Lieder des Hasses schreiben können ohne Haß! - Und, unter uns, ich haßte die Franzosen nicht, wiewohl ich Gott dankte, als wir sie los waren. Wie auch hätte ich, dem nur Kultur und Barbarei Dinge von Bedeutung sind, eine Nation hassen können, die zu den kultiviertesten der ganzen Erde gehört und der ich einen so großen Teil meiner eigenen Bildung verdankte!" Ebenso verdanke ich als Germanist der Bundesrepublik Deutschland fast meine ganze Ausbildung. Deshalb erlaube ich mir, Ihnen zunächst etwas von meinem akademischen Werdegang mitzuteilen, um dann zum Lobe der Goethephilologie unzeitgemäße Betrachtungen über die Germanistik anzustellen.
  Abgesehen davon, daß ich im Jahre 1955 die Germanistik an der von den deutschen Jesuiten gegründeten Sophia-Universität in Tokyo zu studieren begann, habe ich meine philologischen Lehrjahre in München verbringen dürfen, weil mir frühzeitig ein DAAD-Stipendium zuteil wurde. Meine Wanderjahre mit ausgedehnten Vortrags- bzw. Studienreisen durch die weite Welt konnte ich vor allem deshalb antreten, weil ich im Goethejahr 1982 das Glück hatte, einen großartig dotierten Forschungspreis von der Alexander von Humboldt-Stiftung zu erhalten. Und während der langjährigen Lehrtätigkeit an meiner Alma mater konnte ich mehrmals internationale Symposien erfolgreich durchführen, weil das Goethe-Institut Tokyo mich immer finanziell und organisatorisch unterstützt hat. Darüber hinaus habe ich nach meiner Emeritierung im März 2000 das Lektorat für Japanisch an der Universität Regensburg übernehmen können. Wenn mir heute auch noch der ehrenvolle Jacob- und Wilhelm-Grimm-Preis des DAAD verliehen wird, fühle ich mich zu großem Dank verpflichtet, wogegen ich im Leben nichts mehr leisten könnte.
  Dafür leide ich allerdings seit meiner Jugend unter der Schizophrenie zwischen der japanischen und deutschen Sprache. Als Nicht-Muttersprachler kann ich doch diese bilder- und formenreiche Sprache nie richtig erlernen, auch wenn ich ständig Deutsch spreche und schreibe. Zudem gehöre ich als Goethephilologe immer noch zur alten Berliner Schule, die in der deutschen Germanistik längst verschwunden ist. Ich habe sie in meiner Münchner Studentenzeit von meinem hochverehrten Lehrer Hermann Kunisch (1901-1991) mehr oder weniger gründlich gelernt, und eine Nachfolge im Sinne von imitatio stellt gerade im Fernen Osten eine lange Tradition in Forschung und Lehre dar. Nach der konfuzianischen Lehre muß ja ein Schüler immer ein Meter hinter seinem Lehrer gehen, um nicht einmal dessen Schatten zu betreten. Ich bedaure sehr, daß diese schöne Sitte, die den drei Ehrfurchten bei Goethe ohne weiteres zugeordnet werden könnte, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Japan verloren gegangen ist.
  Es geht mir aber im Augenblick vielmehr um die Problematik der Kulturwissenschaften, die mittlerweile die traditionellen Geisteswissenschaften verdrängt zu haben scheinen. Neuerdings spricht man ausdrücklich von Germanistik als Kulturwissenschaft. Aber Germanistik als deutsche Philologie nahm wissenschaftsgeschichtlich ihren Anfang von der Goethephilologie, die ihrerseits auf der Grundlage der klassischen Philologie sowie der Editionen mittelhochdeutscher Handschriften entstanden war. Mit der Berliner Schule ist diese altbewährte philologische Wissenschaftstradition in Deutschland gemeint. Zu ihr gehörten schließlich auch die Brüder Grimm, da sie bekanntlich nach ihrer Entlassung im Jahre 1837 aus Göttingen nach Berlin berufen worden waren. In Japan war es übrigens Umekichi Tanaka (1883-1975), der bereits 1943 eine bahnbrechende Monographie über den Sprachwissenschaftler Jacob Grimm veröffentlicht hat.
  Im Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, dessen erster Band im Jahre 1854 beim Verlag von Salomon Hirzel erschien, befindet sich nun ein 118 Spalten umfassender berühmter Artikel Rudolf Hildebrands (1824-1894) über das Stichwort "Geist". Als ich, wie gesagt, mehr als vor vierzig Jahren in München studierte, habe ich u.a. diesen Artikel methodisch zum Muster genommen. Denn von meinem Doktorvater, der vor dem Krieg über zehn Jahre Mitarbeiter am Grimmschen Deutschen Wörterbuch in Berlin gewesen war, bekam ich für meine Dissertation die Aufgabe, eine Reihe poetologische Stichwörter einschließlich "Geist" in Goethes Briefwechsel mit Schiller und in den Gesprächen mit Eckermann zu untersuchen. Damals war in der Germanistik neben der ästhetisch ausgerichteten werkimmanenten Interpretation eine genaue Wortuntersuchung wie die Begriffsuntersuchung in der Philosophie eine beliebte Methode, wobei eine Dissertation als Gesellenarbeit und eine Habilitationsschrift als Meisterstück für eine Aufnahme in die akademische Zunft angesehen wurden.
  Auf diese Weise arbeitete ich zu Anfang der 60er Jahre am Rande der gesamtdeutschen Zusammenarbeit für das großangelegte Goethe-Wörterbuch, und die deutsche Philologie galt mir ohne jeden Zweifel als eine zuverlässige Disziplin in den Geisteswissenschaften. Im Grimmschen Deutschen Wörterbuch hieß es in der Tat unter dem Stichwort "Geisteswissenschaften", das nach dem Stichwort "Frucht" nicht mehr von Jacob Grimm selbst stammte, lakonisch: "plur. neuerdings im gegensatz zu den naturwissenschaften, also philosophie, geschichte, philologie u.s.w." Im Hinblick auf die Theologie, die ich als Nebenfach studierte, hatte ich gewisses Bedenken, ob sie zu den Geisteswissenschaften gehört oder nicht, und wenn nicht, wie sie sich zu ihnen verhält. Erwies sich mir doch Bibelexegese als Philologie schlechthin, Kirchen- oder Dogmengeschichte als historiographische Disziplinen, und die soge-nannte philosophia perennis als eine Philosophie des christlichen Abendlandes. Immerhin stand in der Vignette von Ludwig Richter auf dem Titelblatt des Grimmschen Deutschen Wörterbuchs als Motto der Anfangsvers des Johannesevangeliums: "im anfang war das wort." Im ersten Teil von Goethes Faust war er literarisch im profanen Sinne herumgedeutet. Da-durch wurde mir glücklicherweise eine geisteswissenschaftliche Brücke vom späten Mittelalter über die Theologie zu Goethe geschlagen.
  Zu meiner Freude und Ermutigung bemerkte Jacob Grimm außerdem in seiner Vorrede: "Göthes und Schillers hohe verdienste um unsere sprache strahlen so glänzend, dasz ihre gelegentlich etwa dargegebne abneigung vor einigen dichtungen des mittelalters, deren gehalt dabei weniger in betracht gekommen sein kann, als zufällige umstände, gar nicht angeschlagen werden darf." (Sp. VI) Durch diesen vermittelnden Hinweis konnte ich mich mit der deutschen bzw. Weimarer Klassik ungeniert beschäftigen, ohne auf mein Interesse für das deutsche Mittelalter verzichten zu müssen. Meine Vorliebe für Goethe wurde dabei durch den editorischen Grundsatz Jacob Grimms nur bestätigt und gefördert. Nach ihm kam es darauf an, in jedem Jahrhundert die mächtigsten und gewaltigsten Zeugen der Sprache zu erfassen und wenigstens ihre größten Werke in das Wörterbuch einzutragen. So nannte er Keisersberg, Luther, Hans Sachs, Fischart sowie Goethe und schrieb für mich richtugsweisend über den zuletzt genannten Dichter: "den vollen gebrauch von Göthes schriften sicherten glücklicher weise die sorgfältigsten vorkehrungen, und besser ist, dasz aus andern vieles als aus ihm weniges abgehe." (Sp. XXXV f.)
  Jacob Grimm benutzte dabei Goethes Ausgabe letzter Hand und verteidigte seine zahlreichen Zitate daraus folgendermaßen: "Hin und wieder wird man der belege zuviel angebracht meinen, namentlich aus Luther und Göthe. doch jenes einflusz auf die sprache, Göthes macht über sie müssen reich und anschaulich vorgeführt werden und selbst in wiederkehrenden redensarten entfaltet jede wendung des ausdrucks eignen reiz. unter ahnungsvoll, unter bethätigen und sonst noch lag es daran, den wachsthum und die befestigung göthischer lieblingswörter recht zu zeigen." (Sp. XXXVII) Dies alles schrieb Jacob Grimm noch vor den Herausgebern der Weimarer Goetheausgabe, die recht eigentlich die Goethephilologie begrün-deten. Wenn der Begründer der Germanistik allen voran Goethe so wertschätzte, hatte ich als angehender Germanist einen guten Grund, mich nach Kräften den Goethe-Studien zu widmen. Auch galt mir die Goethephilologie von Anfang an als eine Art kulturwissen-schaftliche Forschungsdisziplin, zumal ich mit der Sprache Goethes gleichzeitig seine geistige Welt mit verschiedensten Themen studieren konnte und die führenden Geisteswissenschaftler wie Wilhelm Dilthey (1833-1911) oder Eduard Spranger (1882-1963) bedeutende Goethe-bücher geschrieben haben.
  Als Musterbeispiel der Goethephilologie diente mir nicht mehr die Jubiläums-Augabe wie bei der älteren Generation, sondern die Hamburger Ausgabe von Goethes Werken mit ihren zuverlässigen Texten und ihrem vorzüglichen Kommentar. Aber wie ich mich ferner mit der Wissenschaftsgeschichte der Goetheforschung beschäftigte, hat sich bald ein anderer Aspekt der Goethephilologie gezeigt. Es stellte sich heraus, daß sie nicht nur eine höchste Leistung der Geisteswissenschaften darstellte, sondern auch eine ausgesprochene Nationalphilologie war, die sich im Laufe der Jahre für politische Zwecke instrumentalisiern ließ. Da wurde ich in meiner germanistischen Einstellung etwas ideologiekritisch und habe gemerkt, daß nicht der Geist als solcher, sondern mit dem Attribut "deutsch" - also deutscher Geist - in den dreißiger Jahren ebenso problematisch war wie der japanische Geist in Verbindung mit dem Natio-nalismus. In der neueren deutschen Geistesgeschichte liegt diese Umwertung des Geistes vom deutschen Idealismus über die Lebensphilosophie der Jahrhundertwende bis zu Ludwig Klages' (1872-1956) Begriff "Der Geist als Widersacher der Seele" klar auf der Hand.
  Vor einigen Jahren war ich jedoch überrascht zu erfahren, daß es heutzutage im deutschen Sprachraum nicht mehr modern sein soll, von den Geisteswissenschaften zu sprechen, weil der "Geist" obsolet geworden sei. Schon lange spricht man gewiß von der Krise der Geisteswissenschaften im Zusammenhang mit der Legitimationsfrage. Aber der hellsichtige Goethe ließ ein für allemal den in Fausts langem Kleide versteckten Mephistopheles sagen:

         "Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,
         Sucht erst den Geist heraus zu treiben,
         Dann hat er die Teile in seiner Hand,
         Fehlt leider! nur das geistige Band." (V. 1936-1939)

Dies ist im Hinblick auf artes liberales gesagt, aus denen sich später die philosophische Fakultät an den deutschen Universitäten entwickelt hat. Sollte die eben erwähnte Krise wirklich nachvollziehbar sein, so wäre sie gerade symptomatisch dafür, daß man durch zu viel Einzelwissen aus den Geisteswissenschaften den Geist herausgetrieben hat, ohne ein fächerübergreifendes Ganzes mit dem geistigen Band wiederherzustellen. Noch schlimmer wäre es freilich, wenn der Geisteswissenschaftler selber geistlos geworden sein sollte.
  Auf jeden Fall sind m.E. Geisteswissenschaften selbst nicht an ihrer Krise schuld, solange sie ihren wissenschaftlichen Prinzipien treu geblieben sind. Meiner Ansicht nach bestehen diese im Grunde genommen in der genauen Textlektüre und kritischen Auseinandersetzung damit, wie sie vornehmlich in allen Philologien seit eh und je praktiziert wird. Ich bin davon fest überzeugt, daß Sachkommentar und Wahrheitsgehalt bei Benjamin (1892-1940) keine Alternative sind. Die Germanistik sollte also bei aller Methodendebatte unbeirrt deutsche Philologie bleiben, während neue kulturwissenschaftliche Fragestellungen wie Ethnologie, Interkulturalität, Postkolonialismus, Körpersprache, Cultural oder Gender Studies usw. einem institutionell neu einzurichtenden Fachbereich zuzurechnen sind. Vermengung der Wissen-schaftsdisziplinen im Namen der Integration bringt wie die Vermischung der Gattungen in der deutschen Romantik nur Chaos hervor. In Kunst und Literatur kann es sich eventuell schöp-ferisch auswirken, aber sicherlich nicht in den Geisteswissenschaften.
  Aber nicht wegen der angeblichen Modernität verwendet man wohl statt der Geisteswissenschaften den neuen Terminus "Kulturwissenschaft(en)", sondern es muß einen sachlich fundierten Grund dafür geben, wenn er in einer gesellschaftlich radikal veränderten Welt berechtigt ist. Es scheint mir zunächst einmal, daß Kulturwissenschaften im Plural ein mehr empirischer als theoretischer Begriff sind, der nicht nur geistes- , sondern auch sozial- und naturwissenschaftliche Betrachtungsweisen einbezieht. Denn ihre Gegenstandsbereiche lassen sich in der mittels neuer Medien hervorgebrachten und vernetzten Zivilisation von heute nicht mehr deutlich voneinander abgrenzen. In den formal so verstandenen Kulturwissenschaften wird daher eine erneute transkontinentale Betrachtungsweise wie bei Johnann Gottfried Herder auf höherer, d.h. empirisch fundierter, computergestützter Ebene unentbehrlich sein.
  Zwischen Deutschland und Japan bestehen seit den Tagen eines Engelbert Kaempfer (1651-1716) enge kulturelle Beziehungen. Darüber hat gerade der japanische Grimmforscher Umekichi Tanaka sein umfangreiches Hauptwerk als Vermächtnis für die spätere Generation hinterlassen. Wenn die DAAD-Außenstelle Tokyo heute ihr 25jähriges Jubiläum feiert, so freue ich mich, daß ihr Wirkungskreis inzwischen von Japan bis nach Korea und China erweitert worden ist. Dank ihrer Unterstützung ist es doch seit dem IVG-Kongreß 1990 in Tokyo so weit gekommen, daß die chinesischen, koreanischen und japanischen Germanisten auf verschiedenen Tagungen freundschaftlich zusammenarbeiten. Daß sie sich dabei ohne weiteres auf Deutsch verständigen können, spricht eindeutig für die wissenschaftliche Relevanz der deutschen Sprachkultur in Ostasien. Als Jacob Grimm seine Vorrede zum Deutschen Wörterbuch mit folgenden Worten abschloß, hätte er wohl kaum daran gedacht, daß auch ostasiatische Germanisten eines Tages in das Heiligtum der deutschen Sprache einstimmend eintreten würden:
  "Deutsche geliebte landsleute, welches reichs, welches glaubens ihr seiet, tretet ein in die euch allen aufgethane halle eurer angestammten, uralten sprache, lernet und heiliget sie und haltet an ihr, eure volkskraft und dauer hängt in ihr. noch reicht sie über den Rhein in das Elsasz bis nach Lothringen, über die Eider tief in Schleswigholstein, am ostseegestade hin nach Riga und Reval, jenseits der Karpathen in Siebenbürgens altdakisches gebiet. Auch zu euch, ihr ausgewanderten Deutschen, über das salzige meer gelangen wird das buch und euch wehmütige, liebliche gedanken an die heimatsprache eingeben oder befestigen, mit der ihr zugleich unsere und euere dichter hinuber zieht, wie die englischen und spanischen in Amerika ewig fortleben." (Sp. LXVIII)


                                  

Deutsche Leitseite Japanische Leitseite
Aktuelle Mitteilungen Bibliothek Dokumentations-
archiv
Kultur-
austausch
Aktuelle Mitteilungen Bibliothek Dokumentations-
archiv
Kultur-
austausch
Links Publikationen Goethe-Symposium Links Publikationen Goethe-Symposium