<Kulturaustausch zwischen den deutschsprachigen Ländern und Japan>
Mein Leben in Japan als Schweizer
Prof. Dr. Thomas Immoos
Goethes Bedeutung für die japanische Bildungstradition
Naoji Kimura
Österreichischer Wortschatz in einem deutsch-japanischen Wörterbuch
Naoji Kimura
Lob der Goethephilologie
Unzeitgemäße Betrachtungen über die Germanistik
Naoji Kimura
Mein Leben in Japan als Schweizer
Prof. Dr. Thomas Immoos
Ein Bericht über meine Begegnung mit
Japan entwickelt sich der inneren Logik entsprechend
zu einem Ausdruck des Dankes für alles,
was mir Japan bot zur Entfaltung meiner Möglichkeiten.
Der "goldene Apfel"
Als ich am 5. Januar 1951 in Kobe landete,
erlebte ich die erste grosse Enttäuschung:
die Ruinen der ausgebomten Hafenstadt boten
auch nicht im Entferntesten eine Erinnerung
an die Utopie einer erhöhten, ästhetischen
Existenz in einem Land erlesensten Kunstgeschmacks,
wie sie mir in den Vorlesungen von Arthur
Waley an der Universität von London
(SOAS) aufgeleuchtet war.
Am folgenden Tag, als ich Nara besuchte,
erlitt ich sogar einen eigentlichen Kulturschock.
Die riesigen buddhistischen Götterfiguren,
die in den dunkeln Tempeln in strahlendem
Gold aufleuchteten, wirkten erschreckend
fremd auf mich, ja erweckten sogar eine Art
Abscheu. Ich zweifelte, ob mir diese so völlig
andersartige Kultur je vertraut werden könnte.
Als ich dann am Saruzawa-Teich meinen Bento ass, kam mir sogar der Gedanke, ob es nicht
besser wäre, den Koffer gar nicht auszupacken,
sondern an die Rückkehr zu denken.
Da erhob sich aber ein kleines Mädchen
von einer Nebenbank , kam zu mir, verneigte
sich tief und bot mir eine Mandarine an in
einer Geste des Opfers, die ich viel später
an einer Haniwa-Figur wiedererkannte.
Dass mir gerade in dieser ersten Stunde der
Verlorenheit der "goldene Apfel",
das Symbol der Vollkommenheit, angeboten
wurde, erfüllte mich mit ungeheurer
Freude, denn ich fühlte: in diesem Mädchen
hat Japan mich angenommen. Ich werde dieses
Volk, dieses Land, diese Kultur trotz aller
Fremdheit lieben lernen.
Meine ersten 7 Jahre verlebte ich in Morioka
in der Iwate Praefektur. Dieses Bergland im Norden gilt
als "Tibet Japans", weil altes
Brauchtum mit ausserordentlicher Treue bis
in die Gegenwart lebendig ist.
Ich besuchte nun die Shinto Feste, in denen Aufführungen von Kult-Drama
eine grosse Rolle spielen.
Theologie des Shinto
Das Wesen des Matsuri (Shinto-Fest) ist die Erneuerung der Lebenskraft
in Göttern, Menschen und im ganzen Kosmos
durch symbolische Riten im Kontext des Weltbildes
einer Natur-Religion.
Zu meiner Überraschung entdeckte ich
Ähnlichkeiten zum Brauchtum der Folklore
in der Schweiz. Bei uns aber ging das Verständnis
für den Sinn solcher Riten, die aus
der germanischen und keltischen Naturreligion
stammen, verloren.
Aus den Shinto Parallelen liess sich aber
ihre ursprüngliche Funktion erschliessen.
Der wilde Mann in der Basler Fastnacht ,
der ein Tännchen in der Hand schwingt,
ist sich kaum mehr bewusst, dass er den Vegetationsgott
darstellt.
Mir wurde langsam bewusst, dass die Tatsache,
dass in Japan religiöse Rituale, damit
eng verbunden das Kulttheater, urzeitliche
Formen in ununterbrochener Reihenfolge bewahren,
ein Referenzsystem für die Religions-
und Theatergeschichte der ganzen Menschheit
bietet.
Solche Beobachtungen konnte ich bieten im
Aufsatz "Archetypen religiöser
Erfahrung im Shintofest" und im Photobuch über das
"Japanische Theater".
Als ich mich bei Prof. Ueda Kenji nach einer
Theologie des Shinto erkundigte, sagte er:
"Shinto ist Matsuri". Die Theologie wurde nie in Worte
gefasst; sie ist aber im Ritual enthalten.
Seit Jahren versuche ich das Weltbild hinter
den Riten zu ergründen, zusammen mit
Prof. Mitsuhashi von der Kokugakuin Universität.
Letztes Jahr wurde er eingeladen, an der
Sorbonne und an der Gregoriana Universität
in Rom gerade über dieses Thema Vorlesungen
zu halten. Die Arbeit geht weiter.
Vielleicht fällt es schwer zu glauben,
dass dieses Studium mir auch ein tieferes
Verständnis der katholischen Liturgie
eröffnete.
Als ich ein Jahr lang Gastprofessor für
Religionswissenschaft an der theologischen
Fakultät in Wien war, organisierte ich
mit dem Liturgiker Prof. Aufdermaur ein gemeinsames
Seminar zum Vergleich der katholischen Liturgie
mit dem Ritual des Shinto Matsuri. Im 2. Semester verglichen wir das Kulttheater
in verschiedenen Religionen.
Was anderswo nur noch aus alten Dokumenten
und seltenen Bräuchen der Folklore erschlossen
werden kann, ist in Japan noch Gegenwart
im lebendigen Kontext einer Religion.
Ohne meine Verwurzelung im Brauchtum der
Innerschweiz , wäre mir der Zugang in
diese Welt kaum aufgegangen. (Das Eigene
im Fremden entdecken).
Das Noh-Theater erschloss mir sodann ganz neue Dimensionen.
In "Itsutsu" erscheint eine junge Frau (ihr Geist)
und erzählt, wie sie einst am Brunnenrand
als Kind ihre Körpergrösse mit
dem Jugendfreund gemessen hatte. Wie sie
nun in die Brunnentiefe schaut, erblickt
sie aber im Wasser nicht ihr eigenes Gesicht,
sondern das seinige. Das entsprach doch genau
der Theorie von C.G.Jung, wonach im Unterbewussten
das Gegenbild erscheint: Anima bei Mann,
Animus bei der Frau, worauf die Möglichkeit
der Integration der Persönlichkeit gegeben
ist , durch schöpferische Aneignung
des Gegenprinzips, die Hauptaufgabe für
die zweite Lebenshälfte.
500 Jahre vor C.G. Jung hatte Zeami diese Möglichkeit schon im Noh dargestellt.
Die dadurch angeregte Beschäftigung
mit Noh erschloss die Einsicht, dass in den Mugen-Noh, in denen der Geist von Verstorbenen erscheint,
ein therapeutischer Prozess abläuft.
Der Hauptspieler (Shite) kann nicht ins Nirvana eingehen, weil seine
Seele noch immer von Hass und Groll oder
von andern Leidenschaften erfüllt ist.
Im Gesang und Tanz enthüllt der Totengeist
sein schmerzvolles Schicksal und befreit
sich dadurch von seinen negativen Gefühlen,
sodass er endlich (geheilt) ins Nirvana eingehen
kann, d.h. die Erlösung erfährt,
als Befreiung von seinen Neurosen.
Durch meinen Aufsatz "Tiefenpsychologie
des Noh" wurden zwei Sanatorien in Chiba angeregt,
das Noh-Spiel für die Behandlung von Schizophrenen
einzuführen.
Ein anderes schönes Resultat war die
Gründung des C.G. Jung Clubs in Japan,
dessen erster Präsident ich sein durfte.
Regionalkultur
Zu jungen Jahren hatte ich die Idee entwickelt,
eine "Kulturgeschichte der Innerschweiz"
zu verfassen, denn es war mir aufgefallen,
dass Uri, Schwyz, Ob-und Nidwalden grosse
Unterschiede in Eigenart und Begabung aufwiesen.
Für dieses Thema hatte ich schon Bücher
gesammelt.
Tokyo war natürlich nicht der geeigneteste
Ort zur Abfassung einer solchen Abhandlung.
Immerhin war mein Blick durch diese Themenstellung
gestärkt, sodass ich bei der Analyse
der verschiedenen Formen des Kulttheaters
in Iwate erkannte, dass man daraus für
die Herkunft der Bewohner Schlüsse ziehen
konnte, doch kam ich nicht dazu eine "Kulturgeschichte
von Iwate" zu verfassen.
Als ich Alt-Konsul Harald Mueller in Osaka
von meinem Interesse erzählte, wollte
er mir beistehen durch Finanzierung der Schweizer
Bibliothek in Tokyo.
Es war mir eine grosse Freude, dass ich an
der Universität Tokyo während Jahren
je ein Semester über Scweizer Literatur
Vorlesungen halten konnte.
Von der Innerschweiz aus gesehen liegt Japan
ziemlich am Rande der Welt, aber gerade hier
konnte ich meine eigenen Ursprünge,
die Eigenart meiner einheimischen Kulturvergangenheit
, tiefer verstehen lernen
Im Rückblick erfüllt mich tiefe
Dankbarkeit für die Chance, die mir
hier geboten wurde, die Anlagen aus meiner
Innerschweizer Herkunft gerade in Japan zu
entfalten, in diesem "Land der tiefen
Brunnen", wo in der Tiefenschicht Ströme
aus fernster Vergangenheit unter Kontinenten
und Meeren zusammenfinden, sodass in Ost
wie in West Gemeinsamkeiten über alles
Fremde und Trennende hinweg mehr zu erfühlen
als zu erkennen sind.
Zu erklären ist eine solche Erfahrung
vielleicht durch die Tatsache, dass Japan
und die Innerschweiz ihre Wurzeln in archaische
Tiefen hinabsenden.
Offenbar musste ich die ganze Welt durchschweifen,
um ganz daheim zu sein.
Österreichischer Wortschatz in einem
deutsch-japanischen Wörterbuch
Naoji Kimura
Bekanntlich ist ein Fremdsprachenunterricht
durch das Normdenken geprägt. Sonst
kann man den Studenten weder grammatische
Regeln beibringen, noch Richtigkeit in der
Rechtschreibung und im Wortgebrauch von ihnen
verlagen. In einem deutsch-japanischen Wörterbuch,
das wohl nach dem Goetheschen Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre gut "Meister" heißt und
inzwischen zu weiten Kreisen der japanischen
Studenten einen guten Zugang gefunden hat,
gilt deshalb das sogenannte Duden-Deutsch
als richtungsweisend. Der aus Wortmaterial
aus verschiedenen deutschen Wörterbüchern
ausgewählte Wortschatz
enthält rund 65.000 Wörter aus
der deutschen Gegenwartssprache und wird
nicht nur semantisch, sondern auch unter
Verwendung der neuen Valenztheorie unter
Bezugnahme auf syntaktische Einzelheiten
bei Verben und Adjektiven beschrieben. Das
Wörterbuch
MEISTER enthält allerdings teilweise
einen österreichischen Wortschatz, der
nach den Angaben in den einschlägigen
deutschen Wörterbüchern so bezeichnet
wird. Im MEISTER befinden sich auch unter
dem landeskundlichen Gesichtspunkt zum erstenmal
die Landkarten nicht nur des wiedervereinigten
Deutschlands, sondern auch Österreichs
und der Schweiz. Früher war es in Japan
üblich, unter der Vorherrschaft einer
diachronischen Sprachbetrachtung auf den
Rückseiten des Buchdeckels eine Landkarte
Mittereuropas sowie einen Sprachatlas der
deutschen Mundarten anzubringen.
Als ich im Mai 1995 an dem Internationalen
Colloquium "Osterreichisches Deutsch"
hier an der Universität Graz teilnahm,
war ich aber von der Fragestellung "Österreichisches
Deutsch oder Österreichisch""
von Prof. Peter Wiesinger, dem jetzigen Präsidenten
der IVG, nicht wenig überrascht(1).
Hatte ich doch noch nie an so etwas wie das
Thema "Das österreichische Deutsch
als nationale Variante des Deutschen"
gedacht, obwohl mir Wiener Akzente oder österreichischer
Wortgebrauch von Jänner, Kassa, inskribieren, heuer usf. schon lange aufgefallen waren. Das
Deutsche galt bereits bei Adelung als die
Hauptmundart der deutschen Sprache(2); und
das sog. Österreichische war für
mich wie das Bayerische, das mir nebenbei
bemerkt seit meiner Münchner Studienzeit
in den Jahren 1959-63 sehr vertraut ist,
ein Dialekt der deutschen Sprache, der häufig
in der Umgangssprache, aber nicht in der
Schriftsprache verwendet wird(3). Selbst
in dem Österreichischen Wörterbuch
wird sprachgeschichtlich argumentiert: "Österreichisch
gehört mit acht Bundesländern dem
bairisch-österreichischen Großraum
an und hat damit Anteil an den Besonderheiten,
die der Baiernstamm auf seinem Territorium
ausgebildet hat."(4)
Es gibt zwar in Japan seit mehr als zehn
Jahren eine eigene Gesellschaft zur Erforschung
der österreichischen Literatur. Auch
befindet sich im Institut für die Kultur
der deutschsprachigen Länder an der
Sophia-Universität, Tokyo, wo ich tätig
bin, eine eigene Sektion für Österreich,
die mit den Bücherspenden der Österreichischen
Botschaft unterhalten wird. Aber die japanischen
Literaturwissenschaftler,die übrigens
gern österreichische und auch Schweizer
Autoren lesen und studieren, sprechen grundsätzlich von deutscher
Literatur im Sinne der deutschsprachigen
Literatur und haben sich bis jetzt für
die Bemühungen etwa von Prof. Walter
Weiß oder Prof. Herbert Zeman kaum
ernsthaft interessiert (5). Über die
vor mehreren Jahren vorgekommene Formulierung
auf der Frankfurter Buchmesse "Die deutsche
Literatur kommt aus Österreich"
haben sie wohl geschmunzelt, aber sie haben
dabei mehr an die reichhaltige literarische
Tradition seit der Jahrhundertwende gedacht
als an sprachliche Eigentümlichkeiten
eines Stifter, Schnitzler, Trakl, Thomas
Bernhard oder einer Ingeborg Bachmann u.a.m.
Denn die japanischen Germanisten wissen genau, daß diese österreichischen
Schriftsteller deshalb eine herausragende
Geltung in der deutschen Literatur errungen
haben, weil sie eben über die Provinzialismen
eines Peter Rosegger oder Ludwig Thoma hinaus
Allgemeingültiges schrieben.
Ich bin freilich Goetheforscher und kein
Sprachwissenschaftler. Aber von den japanischen
Linguisten ist mir auch kein einziger bekannt,
der sich speziell mit dem Österreichischen
beschäftigt hätte, auch wenn er
diachronisch auf dem Gebiet der deutschen
Sprachgeschichte bzw. Dialektforschung fachwissenschaftlich
arbeitet. Nur weil ich in den letzten Jahren
lexikographisch an dem Wörterbuch MEISTER
gearbeitet habe, erlaube ich mir im folgenden,
etwas über den österreichischen
Wortschatz zu sagen, wie er in einem deutsch-japanischen
Wörterbuch behandelt wird. Es geht dabei
vorwiegend um meine Beobachtungen über
einzelne Wörter, während syntaktische
Fragen, die darüber hinaus bestehen
sollen, aus meiner Unkenntnis heraus ganz
unberücksichtigt bleiben müssen
(6). Ich gehe also davon aus, daß das
Verhältnis des Österreichischen
zum Deutschen heutzutage im großen
und ganzen dem des Amerikanischen zum Englischen
analog aufgefaßt werden könnte.
Im Laufe des Symposiums ist mir dann allmählich
klar geworden, daß bei der scheinbar
linguistischen Frage nach einem österreichischen
Deutsch die österreichische Identität,
um die ein Kulturkritiker wie Friedrich Heer
so engagiert gerungen hat (7), in veränderter
Form erneut thematisiert wird, und im Zuge
dessen Österreichs wirtschaftspolitische
Interessen in der EU im Hintergrund stehen,
worauf jedoch nicht näher eingegangen
werden soll. Denn das Problem würde
sich als so kompliziert erweisen, daß
man viele andere Themen mehr als das linguistische
einbeziehen und ein gesondertes Symposium
veranstalten müßte.
In der Anlage der vorliegenden Arbeit findet
man nun eine Liste der als österreichisch
bezeichneten Wörter aus dem deutsch-japanischen
Wörterbuch MEISTER. Sie umfaßt
genau 400 Wörter. Diese stellen bei
den mit Raster überzogenen Wörtern
reine,bzw. in erster Linie österreichische
Wörter dar. Bei den anderen Wörtern
handelt es sich entweder um solche, die nur mit Strichpunkt
oder anderen Kennzeichen im grammatischen
Gebrauch oder der Bedeutung nach unterschiedlich
gemacht werden, oder um Wörter, die
eine spezifisch österreichische Bedeutung
haben und von den üblichen Bedeutungen
mit einer eigenen Rublik unterschieden werden.
Die Liste ist allerdingsnur ein Teil der
Gesamtaufstellung, die sich sprachgeographisch
wie folgt gliedert,soweit die Stichworte
im Wörterbuch selbst so gekennzeichnet
sind:
1. süddeutsch-österreichisch-schweizerische
Wörter
2. ausschließlich österreichische
Wörter
3. ausschließlich schweizerische
Wörter
4. ausschließlich süddeutsche
Wörter
5. süddeutsch-österreichische
Wörter
6. österreichisch-schweizerische Wörter
7. süddeutsch-schweizerische Wörter
8. Sonstiges (ostmd., md., westmd., nordd.,
ital.)
Diese dialektologischen Bezeichnungen stammen
aus den einschlägigen Wörterbüchern in Deutschland, wie DUDEN, WAHRIG oder
SPRACHBROCKHAUS, sind aber im einzelnen nicht
mehr nachweisbar. Da der ins Wörterbuch
aufgenommene Wortschatz aus sprachdidaktischem
Gesichtspunkt ausgewählt worden ist,
kann der Anteil dieser Wörter an dem
Gesamtwortschatz der deutschen Sprache willkürlich
und zufällig sein.Das Wörterbuch
MEISTER ist wie viele andere deutsch-japanische
Wörterbücher vor allem für
den Deutschunterricht an den Hochschulen
gedacht und berücksichtigt etymologische
sowie dialektologische Einzelheiten nicht
mehr wie Wörterbücher vor einer
Generation, die noch weitgehend diachronisch
ausgerichtet waren. In die Liste der als
österreichisch bezeichneten Wörter
müßten also noch viele Wörter
aus den Listen des süddeutschen Wortschatzes
herangezogen werden. Aber aus technischen
Gründen muß ich mich zunächst
einmal auf die Austriazismen beschränken.
An der Liste der ausschließlich österreichischen
Wörter lassen sich formal und inhaltlichetwa
zehn Merkmale feststellen. Für diese
Merkmale im Unterschied zum Duden- Deutsch
sollen aus der Liste entsprechende Beispiele
angeführt werden, und zwar zunächst
formal gesehen:
1) Das grammatische Geschlecht ist verschieden
oder gelegentlich schwankend (8):
das Abszeß (der), das Fruchtbonbon
(der), der Gehalt (das), die Germ (der),
das Gulasch (der), der Kataster (das), das
Keks (der), die Koppel (das), der Marzipan
(der), die Plebs (der), der Polster (das),
der Queue (das), das Risotto (der), das Sago
(der), das Sakko (der), der Samba (die),
der Tobel (das).
2) Genitiv- und Pluralformen sind manchmal
ebenso unsicher:
die Dreß/Dressen, das Ersparnis, -ses/-se,
das Giro, -/Giri, der Granat, -en/ -en, der
Hosenlatz, -es/-e, das Inkasso, -s/Inkassi,
der Kaktus, -sses/..teen, das Kapital, -s/-ien,
der Konteradmiral,-s/räle, der Kumpel,
s/-n, der Pfau, -en/-e.
3) Unterschiedliche Schreibungen bzw. Wortformen
beim gleichen Wort:
brenzlig/brenzlich, das Büffet/Buffet,
durchwegs/durchweg, detto/dito, färbig
(farbig), das Geleise (Gleis), hältig
(haltig), hienieden (hiernieden), juridisch
(juridistisch), der Kasperl (Kasper), der
Kontroller (Kontrolleur), linieren (liniieren),
der Luster/Lüster, der Missionar (Missionär),
röntgenisieren (röntgen), die Ausschank
(Schank), schwulstig (schwülstig), übernächtig
(übernächtigt), die Zwetschke (Zwetschge).
4) Elisionen von Vokalen oder Konsonanten
bei Adverbien und Substantiven:
das Avis (Aviso), der Dolmetsch (Dolmetscher),
im vorhinein (im vornhinein), der Karren
(Karre, die), das Offert (Offerte, die),
die Oktav (Oktave), präzis (präzise),
der Schamott (Schamotte, die), solid (solide),
talmin (talmi), sodaß (so daß),
umso (um so).
5) Unterschiedliche Wortbildungsbestandteile
für ein Wort gleicher Bedeutung:
das Eiklar (Eiweiß), der Erlagschein
(Zahlschein), fallweise (gegebenenfalls),
der Fußgeher (Fußgänger),
die Hausdurchsuchung (Haussuchung), der Kohlrabi
Kohlrübe, die), der Lokalaugenschein
(Lokaltermin), das Schildkrot (Schildplatt),
stempelpflichtig (gebührenpflichtig),
strapazierfährig (strapazfähig),
weiters (weiter[ hin ]).
Dann kommen inhaltliche Eigentümlichkeiten
in Betracht, die in semantischer Art besondere
österreichische Verhältnisse in
Sitten und Bräuchen widerspiegeln (9):
6) Verschiedene Bedeutungen im Deutschen
und im Osterreichischen:
alleinig (alleinstehend), die Akademie (literarische
od. Musikalisische Veranstaltung), die Bedienung
(Putzfrau, Stelle als Bedienerin), die Beilage
(Anlage zu einem Brief), das Billett (Glückwunschkarte),
der Einspänner (Kaffeesorte), der Engländer
(Süßes Gebäck), der Faulenzer
(Linienblatt veralt.), die Fraktion (Ortsteil
Vlbg.), komplett (voll, besetzt), leeren
(gießen, schütten), markieren
(entwerten, selten), die Pragmatik (Beamtendienstordnung),
pragmatisieren (fest anstellen), die Rettung
(Rettungsdienst; Rettungswagen), die Schoß
(Damenrock), der Schwarze (schwarzer Kaffee),
der Sektionschef (höchster Ministerialbeamter),
der Spitz (leichter Rausch, Zigarettenspitze),
der Sturm (junger Wein), tapezieren (auch:
Polstermöbel mit Stoff beziehen), die
Tasse (Tablett, selten), die Technik (technische
Hochschule), transferieren (versetzen, amtspr.
veralt.), der Türken (Mais), der Verschleiß
(Kleinverkauf; Vertrieb beim Tabakmonopol), der Vorstand (Vorsteher, bes. Bahnhofsvorsteher),
das Vorwort (Präposition, schulspr.),
das Vorzimmer (Diele).
7) Ausgesprochen österreichische Wörter:
abgängig (vermißt, verschollen),
der Abverkauf (Ausverkauf), die Extrawurst
(Wurstsorte/Fleischwurst), die Fisole (grüne
Bohne), fix (ständig, dauernd), der
Fleischhauer (Fleischer), gefinkelt (schlau),
die Gelse (die Stechmücke), die Havarie
(Unfall eines Kraftfahrzeugs), das Hendl
(Hähnchen), der Holzhacker (Holzfäller),
der Indian (Truthahn), inliegend (einliegend),
inskribieren (einschreiben), die Jause (Zwischenmahlzeit,
Vesper), jausen (vespern, Kaffee trinken)),
der Journaldienst (Bereitschaftsdienst),
das Kaffeehaus, der Landesrat (Minister einer
Landesregierung), kundmachen (bekanntmachen),
die Marille (Aprikose), der Maturant (Abiturient),
der Paradeiser (Tomate), der Powidl (Pflaumenmus),
psychiatrieren (auf den Geisteszustand untersuchen),
die Ribisel (Johannesbeere), das/der Schlagobers
(Sahne), schnofeln (schnüffeln/weinen),
sekkant (lästig, zudringlich), die Tabaktrafik
(Verkaufsstelle für Tabakwaren), der
Trafikant (Besitzer einer Trafik), die Überfuhr
(Donaufähre), urgieren (drängen),
der Vorzugsschüler (Schüler mit
sehr guten Noten), wegzählen (subtrahieren),
der Weinhauer (Winzer), das Würstel
(Würstchen).
8) Verschiedene Bedeutungen im Süddeutschen
und im Österreichischen:
zwicken (südd. kneifen, knapp sein. österr. einen Fahrschein
lochen, mit Klammer befestigen)
9) Verschiedene Bedeutungen bei anderen deutschen
Dialekten:
die Zille (ostmd. flacher Lastkahn für die Flußschiffahrt,
österr. kleiner, flacher Kahn mit einem
Ruder)
10) Sonst veraltete Redewengungen, die aber
im österreichischen Deutsch gebräuchlich
sind:
auslangen (Lebensunterhalt bestreiten können)
der Handkuß (zum Handkuß kommen)
der Schnee (aus dem Jahre Schnee, Anno Schnee, im Jahre
Schnee)
der Verstoß (in Verstoß geraten)
Das Österreichische kann nicht immer
vom Süddeutschen und dem Schweizerischen
unterschieden werden. Das Wort Hendl dürfte z.B. echt österreichisch
sein, aber man kann sich das Backhendl auch in München im Restaurant "Wienerwald"
jeden Tag gut schmecken lassen. Wenn man
diesen gemeinsamen Wortschatz im süddeutschen
Sprachraum (1.) hinzufügt, vermehrt
sich die Liste der als österreichisch
bezeichneten Wörter (2.) etwa um 90
Wörter. Dazu kommen noch 200 süddeutsch-österreichische
Wörter (5.) und 55 österreichisch-schweizerische
Wörter (6.). Die Gesamtzahl von 745
Wörtern macht mehr als ein Prozent des
ins Wörterbuch MEISTER aufgenommenen
deutschen Wortschatzes aus.
Es sind in obigen Angaben sicherlich noch
manche Fehler enthalten, aber im Wörterbuch
findet sich immerhin eine Anzahl spezifisch
österreichischer Ausdrücke. Ich
glaube, es legt schon ein Zeugnis davon ab,
daß das Österreichische in einem
deutsch-japanischen Wörterbuch beträchtlich
ernstgenommen wird. Mit der Einführung
der neuen Regeln für die deutsche Rechtschreibung
scheint jedoch eine schwierige Situation
eingetreten zu sein. Denn auch das Österreichische
Wörterbuch verstand sich bisher als eine Art Duden
für das Österreichische. Zu Beginn
des Vorworts heißt es klipp und klar:
"Die Aufgabe, die es zu erfüllen
hat, ist im wesentlichen die alte, bereits
in der 1. Auflage 1951 definierte, geblieben:
Grundlage der Rechtschreibung in den Schulen
und Ämtern Österreichs zu sein.
"Ferner wird im Hinblick auf den deutschen
Duden nachdrücklich gesagt:
"Das Österreichische Wörterbuch
war und ist in erster Linie ein Wörterbuch
für die Rechtschreibung. Dies ist schon durch seine
Fortführung der Tradition der alten in Österreich eingeführten
'Regeln für die deutsche Rechtschreibung
nebst Wörterverzeichnis' (Wien 1902) bedingt.
Selbstverständlich wird im Österreichischen Wörterbuch für Österreich
keine eigene oder andersartige Orthographie
dargeboten. Der Zusammenhang mit der allgemeingültigen
deutschen Orthographie und damit die Kongruenz mit der neuesten
Auflage des Duden sind maßgeblich."(10)
Inzwischen ist die allerneueste Auflage des
Duden 1996 (11) erschienen, in der die für
alle deutschsprachigen Länder verbindlichen
Richtlinien der künftigen Schreib- und
Druckweisen ausführlich und umständlich
vorgeschrieben sind, obwohl ein großer
Kreis der deutschen Schriftsteller und Journalisten
damit nicht einverstanden ist. Wie soll nun
das Österreichische als "nationale
Variante des Deutschen" mit dieser im
deutschen Sprachraum vereinheitlichenden
Tendenz für das 21. Jahrhundert fertig
werden? Ist es doch im strengen Sinne des
Wortes wie das Bayerische und viele andere
innerdeutsche Mundarten ein Dialekt in der
gesamten deutschen Hochsprache, der geschichtlich
wohl berechtigt ist, weiterhin gebraucht,
gepflegt und geliebt zu werden, aber offensichtlich
zu einer gemeinsamen Verständigung im
deutschen Sprachraum nicht geeignet ist.
Natürlich gehört das Deutsch, das
in der österreichischen Öffentlichkeit
wie im Buchwesen oder in den Massenmedien
verwendet wird, ohne Zweifel dieser deutschen
Hochsprache an. Was österreichische
Autoren von Rang sowie die schweizerischen
zur Bereicherung dieser deutschen Sprache
geleistet haben und leisten, kann doch nicht
hoch genug geschätzt werden. Was im
Zusammenhang mit der Fragestellung "Österreichisches
Deutsch oder Österreichisch" nottut,
wäre aus japanischer Sicht eine wissenschaftliche
Bestandsaufnahme dieser bis zur Prager Kanzleisprache
reichenden traditionsreichen Nationalsprache
Österreichs wie das Bayerische Wörterbuch (1827/37) von Johann Andreas Schmeller.(12)
Anmerkungen
1 Vgl. Richard Schrodt, Diskursanalytische
Beobachtungen zum Österreichischen Deutsch. Tagungsunterlage, die einen Überblick
über 1.) den österreichisch-nationalen
Standpunkt, 2.) den deutsch-integrativen
Standpunkt und 3.) den österreichisch-integralen
Standpunkt gibt.
2 Vgl. Johann Christoph Adelung, Versuch
eines vollständigen grammatisch-kritischen Wörterbuches der Hochdeutschen Mundart,
mit beständiger Vergleichung der übrigen
Mundarten, besonders aber der oberdeutschen,
in fünf Teilen. 1774-1786.
3 Vgl. Hans Moser, Österreichische Aussprachenormen
-- Eine Gefahr für die sprachliche Einheit des Deutschen? In: Internationales
Jahrbuch für Germani stik, Jg. XXI/Heft 1, Bern 1990, S. 8-25.
4 Österreichisches Wörterbuch.
Herausgegeben im Auftrag des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst. 35., völlig
neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Wien 1979, S. 9.
5 Ins Japanische wurde 1983 übersetzt
einzig Ernst Joseph Görlich, Einführung
in die Geschichte der österreichischen
Literatur, 3. Aufl., Wien 1948.
6 Vgl. dazu Muhr, Rudolf (1995): Grammatische
und pragmatische Merkmale des Österreichischen
Deutsch. In: Muhr/Schrodt/Wiesinger (Hrsg.)
Österreichisches Deutsch. Linguistische, sozialpsychologische und pragmatische
Aspekte einer nationalen Variante des Deutschen.
Wien 1995. S.208-235.
7 Vgl. Friedrich Heer, Der Kampf um die österreichische
Identität. Wien/Köln/ Graz 1981; weiters Muhr, Rudolf (1995): Zur
Sprachsituation in Österreich und zum
Begriff "Standardsprache" in plurizentrischen
Sprachen. Sprache und Identität in Österreich.
In: Muhr/Schrodt/Wiesinger (Hrsg.) a.a.O.,
S. 75-110.
8 Die im Bundesdeutschen üblichen Formen
sind bei den Beispielen in diesem Abschnitt
und den folgenden in Klammer nachgestellt.
9 Die in Klammer stehenden Angaben sind die
österreichischen (Zusatz-)Bedeutungen.
10 Österreichisches Wörterbuch,
S. 9 und S. 11.
11 Duden. Die deutsche Rechtschreibung. Das
Standardwerk zu allen Fragen der Rechtschreibung
auf der Grundlage der neuen amtlichen Rechtschreibregeln.
Gültig für Deutschland, Österreich
und die Schweiz. Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich
1996
12 Vgl. Hermann Kunisch, Johann Andreas Schmellers
geistesgeschichtliche Stellung. In: H. Kunisch,
Kleine Schriften, Berlin 1968, S. 205-239.
Der Beitrag entnommen aus: Rudolf Muhr und
Richard Schrodt(Hrsg.) Österreichisches Deutsch und andere nationale Varietäten
plurizentrischer Sprachen in Europa. Materialien
und Handbücher zum österreichischen
Deutsch und zu Deutsch als Fremdsprache,
Band 3. Wien 1997. S. 314-321.
Lob der Goethephilologie
Unzeitgemäße Betrachtungen über
die Germanistik
Japanese
Naoji Kimura
Aus philologischen Gründen
zitiere ich nicht gern aus Eckermanns Gesprächen mit Goethe. Denn der Text ist nicht ganz authentisch,
und das darin entworfene politisch sowie
religiös allzu konziliante Goethebild
verleitet so leicht manche Goethe-Liebhaber
zu einer harmo-nischen Interpretation des
Dichters.
Heute kann ich aber aus menschlichen
Gründen nicht umhin, trotz meines philologischen
Vorbehaltes eine Stelle aus Eckermann zu
zitieren. Unter dem 14. März 1830 aüßert
sich Goethe über die politische Dichtung
während der Befreiungskriege gegen Napoleon:
"Wie hätte ich nun Lieder des Hasses
schreiben können ohne Haß! - Und,
unter uns, ich haßte die Franzosen
nicht, wiewohl ich Gott dankte, als wir sie
los waren. Wie auch hätte ich, dem nur
Kultur und Barbarei Dinge von Bedeutung sind,
eine Nation hassen können, die zu den
kultiviertesten der ganzen Erde gehört
und der ich einen so großen Teil meiner
eigenen Bildung verdankte!" Ebenso verdanke
ich als Germanist der Bundesrepublik Deutschland
fast meine ganze Ausbildung. Deshalb erlaube
ich mir, Ihnen zunächst etwas von meinem
akademischen Werdegang mitzuteilen, um dann
zum Lobe der Goethephilologie unzeitgemäße
Betrachtungen über die Germanistik anzustellen.
Abgesehen davon, daß ich
im Jahre 1955 die Germanistik an der von
den deutschen Jesuiten gegründeten Sophia-Universität
in Tokyo zu studieren begann, habe ich meine
philologischen Lehrjahre in München
verbringen dürfen, weil mir frühzeitig
ein DAAD-Stipendium zuteil wurde. Meine Wanderjahre
mit ausgedehnten Vortrags- bzw. Studienreisen
durch die weite Welt konnte ich vor allem
deshalb antreten, weil ich im Goethejahr
1982 das Glück hatte, einen großartig
dotierten Forschungspreis von der Alexander
von Humboldt-Stiftung zu erhalten. Und während
der langjährigen Lehrtätigkeit
an meiner Alma mater konnte ich mehrmals
internationale Symposien erfolgreich durchführen,
weil das Goethe-Institut Tokyo mich immer
finanziell und organisatorisch unterstützt
hat. Darüber hinaus habe ich nach meiner
Emeritierung im März 2000 das Lektorat
für Japanisch an der Universität
Regensburg übernehmen können. Wenn
mir heute auch noch der ehrenvolle Jacob-
und Wilhelm-Grimm-Preis des DAAD verliehen
wird, fühle ich mich zu großem
Dank verpflichtet, wogegen ich im Leben nichts
mehr leisten könnte.
Dafür leide ich allerdings
seit meiner Jugend unter der Schizophrenie
zwischen der japanischen und deutschen Sprache.
Als Nicht-Muttersprachler kann ich doch diese
bilder- und formenreiche Sprache nie richtig
erlernen, auch wenn ich ständig Deutsch
spreche und schreibe. Zudem gehöre ich
als Goethephilologe immer noch zur alten
Berliner Schule, die in der deutschen Germanistik
längst verschwunden ist. Ich habe sie
in meiner Münchner Studentenzeit von
meinem hochverehrten Lehrer Hermann Kunisch
(1901-1991) mehr oder weniger gründlich
gelernt, und eine Nachfolge im Sinne von
imitatio stellt gerade im Fernen Osten eine lange
Tradition in Forschung und Lehre dar. Nach
der konfuzianischen Lehre muß ja ein
Schüler immer ein Meter hinter seinem
Lehrer gehen, um nicht einmal dessen Schatten
zu betreten. Ich bedaure sehr, daß
diese schöne Sitte, die den drei Ehrfurchten
bei Goethe ohne weiteres zugeordnet werden
könnte, nicht nur in Deutschland, sondern
auch in Japan verloren gegangen ist.
Es geht mir aber im Augenblick
vielmehr um die Problematik der Kulturwissenschaften,
die mittlerweile die traditionellen Geisteswissenschaften
verdrängt zu haben scheinen. Neuerdings
spricht man ausdrücklich von Germanistik
als Kulturwissenschaft. Aber Germanistik
als deutsche Philologie nahm wissenschaftsgeschichtlich
ihren Anfang von der Goethephilologie, die
ihrerseits auf der Grundlage der klassischen
Philologie sowie der Editionen mittelhochdeutscher
Handschriften entstanden war. Mit der Berliner
Schule ist diese altbewährte philologische
Wissenschaftstradition in Deutschland gemeint.
Zu ihr gehörten schließlich auch
die Brüder Grimm, da sie bekanntlich
nach ihrer Entlassung im Jahre 1837 aus Göttingen
nach Berlin berufen worden waren. In Japan
war es übrigens Umekichi Tanaka (1883-1975),
der bereits 1943 eine bahnbrechende Monographie
über den Sprachwissenschaftler Jacob
Grimm veröffentlicht hat.
Im Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, dessen
erster Band im Jahre 1854 beim Verlag von
Salomon Hirzel erschien, befindet sich nun
ein 118 Spalten umfassender berühmter
Artikel Rudolf Hildebrands (1824-1894) über
das Stichwort "Geist". Als ich,
wie gesagt, mehr als vor vierzig Jahren in
München studierte, habe ich u.a. diesen
Artikel methodisch zum Muster genommen. Denn
von meinem Doktorvater, der vor dem Krieg
über zehn Jahre Mitarbeiter am Grimmschen
Deutschen Wörterbuch in Berlin gewesen war, bekam ich für
meine Dissertation die Aufgabe, eine Reihe
poetologische Stichwörter einschließlich
"Geist" in Goethes Briefwechsel
mit Schiller und in den Gesprächen mit
Eckermann zu untersuchen. Damals war in der
Germanistik neben der ästhetisch ausgerichteten
werkimmanenten Interpretation eine genaue
Wortuntersuchung wie die Begriffsuntersuchung
in der Philosophie eine beliebte Methode,
wobei eine Dissertation als Gesellenarbeit
und eine Habilitationsschrift als Meisterstück
für eine Aufnahme in die akademische
Zunft angesehen wurden.
Auf diese Weise arbeitete ich
zu Anfang der 60er Jahre am Rande der gesamtdeutschen
Zusammenarbeit für das großangelegte
Goethe-Wörterbuch, und die deutsche Philologie galt mir ohne
jeden Zweifel als eine zuverlässige
Disziplin in den Geisteswissenschaften. Im
Grimmschen Deutschen Wörterbuch hieß es in der Tat unter dem Stichwort
"Geisteswissenschaften", das nach
dem Stichwort "Frucht" nicht mehr
von Jacob Grimm selbst stammte, lakonisch:
"plur. neuerdings im gegensatz zu den
naturwissenschaften, also philosophie, geschichte,
philologie u.s.w." Im Hinblick auf die
Theologie, die ich als Nebenfach studierte,
hatte ich gewisses Bedenken, ob sie zu den
Geisteswissenschaften gehört oder nicht,
und wenn nicht, wie sie sich zu ihnen verhält.
Erwies sich mir doch Bibelexegese als Philologie
schlechthin, Kirchen- oder Dogmengeschichte
als historiographische Disziplinen, und die
soge-nannte philosophia perennis als eine Philosophie des christlichen Abendlandes.
Immerhin stand in der Vignette von Ludwig
Richter auf dem Titelblatt des Grimmschen
Deutschen Wörterbuchs als Motto der Anfangsvers des Johannesevangeliums:
"im anfang war das wort." Im ersten
Teil von Goethes Faust war er literarisch im profanen Sinne herumgedeutet.
Da-durch wurde mir glücklicherweise
eine geisteswissenschaftliche Brücke
vom späten Mittelalter über die
Theologie zu Goethe geschlagen.
Zu meiner Freude und Ermutigung
bemerkte Jacob Grimm außerdem in seiner
Vorrede: "Göthes und Schillers
hohe verdienste um unsere sprache strahlen
so glänzend, dasz ihre gelegentlich
etwa dargegebne abneigung vor einigen dichtungen
des mittelalters, deren gehalt dabei weniger
in betracht gekommen sein kann, als zufällige
umstände, gar nicht angeschlagen werden
darf." (Sp. VI) Durch diesen vermittelnden
Hinweis konnte ich mich mit der deutschen
bzw. Weimarer Klassik ungeniert beschäftigen,
ohne auf mein Interesse für das deutsche
Mittelalter verzichten zu müssen. Meine
Vorliebe für Goethe wurde dabei durch
den editorischen Grundsatz Jacob Grimms nur
bestätigt und gefördert. Nach ihm
kam es darauf an, in jedem Jahrhundert die
mächtigsten und gewaltigsten Zeugen
der Sprache zu erfassen und wenigstens ihre
größten Werke in das Wörterbuch
einzutragen. So nannte er Keisersberg, Luther,
Hans Sachs, Fischart sowie Goethe und schrieb
für mich richtugsweisend über den
zuletzt genannten Dichter: "den vollen
gebrauch von Göthes schriften sicherten
glücklicher weise die sorgfältigsten
vorkehrungen, und besser ist, dasz aus andern
vieles als aus ihm weniges abgehe."
(Sp. XXXV f.)
Jacob Grimm benutzte dabei Goethes
Ausgabe letzter Hand und verteidigte seine zahlreichen Zitate
daraus folgendermaßen: "Hin und
wieder wird man der belege zuviel angebracht
meinen, namentlich aus Luther und Göthe.
doch jenes einflusz auf die sprache, Göthes
macht über sie müssen reich und
anschaulich vorgeführt werden und selbst
in wiederkehrenden redensarten entfaltet
jede wendung des ausdrucks eignen reiz. unter
ahnungsvoll, unter bethätigen und sonst
noch lag es daran, den wachsthum und die
befestigung göthischer lieblingswörter
recht zu zeigen." (Sp. XXXVII) Dies
alles schrieb Jacob Grimm noch vor den Herausgebern
der Weimarer Goetheausgabe, die recht eigentlich die Goethephilologie
begrün-deten. Wenn der Begründer
der Germanistik allen voran Goethe so wertschätzte,
hatte ich als angehender Germanist einen
guten Grund, mich nach Kräften den Goethe-Studien
zu widmen. Auch galt mir die Goethephilologie
von Anfang an als eine Art kulturwissen-schaftliche
Forschungsdisziplin, zumal ich mit der Sprache
Goethes gleichzeitig seine geistige Welt
mit verschiedensten Themen studieren konnte
und die führenden Geisteswissenschaftler
wie Wilhelm Dilthey (1833-1911) oder Eduard
Spranger (1882-1963) bedeutende Goethe-bücher
geschrieben haben.
Als Musterbeispiel der Goethephilologie
diente mir nicht mehr die Jubiläums-Augabe wie bei der älteren Generation, sondern
die Hamburger Ausgabe von Goethes Werken mit ihren zuverlässigen
Texten und ihrem vorzüglichen Kommentar.
Aber wie ich mich ferner mit der Wissenschaftsgeschichte
der Goetheforschung beschäftigte, hat
sich bald ein anderer Aspekt der Goethephilologie
gezeigt. Es stellte sich heraus, daß
sie nicht nur eine höchste Leistung
der Geisteswissenschaften darstellte, sondern
auch eine ausgesprochene Nationalphilologie
war, die sich im Laufe der Jahre für
politische Zwecke instrumentalisiern ließ.
Da wurde ich in meiner germanistischen Einstellung
etwas ideologiekritisch und habe gemerkt,
daß nicht der Geist als solcher, sondern
mit dem Attribut "deutsch" - also
deutscher Geist - in den dreißiger
Jahren ebenso problematisch war wie der japanische
Geist in Verbindung mit dem Natio-nalismus.
In der neueren deutschen Geistesgeschichte
liegt diese Umwertung des Geistes vom deutschen
Idealismus über die Lebensphilosophie
der Jahrhundertwende bis zu Ludwig Klages'
(1872-1956) Begriff "Der Geist als Widersacher
der Seele" klar auf der Hand.
Vor einigen Jahren war ich jedoch
überrascht zu erfahren, daß es
heutzutage im deutschen Sprachraum nicht
mehr modern sein soll, von den Geisteswissenschaften
zu sprechen, weil der "Geist" obsolet
geworden sei. Schon lange spricht man gewiß
von der Krise der Geisteswissenschaften im
Zusammenhang mit der Legitimationsfrage.
Aber der hellsichtige Goethe ließ ein
für allemal den in Fausts langem Kleide
versteckten Mephistopheles sagen:
"Wer
will was Lebendigs erkennen und beschreiben,
Sucht
erst den Geist heraus zu treiben,
Dann
hat er die Teile in seiner Hand,
Fehlt
leider! nur das geistige Band." (V.
1936-1939)
Dies ist im Hinblick auf artes liberales gesagt, aus denen sich später die philosophische
Fakultät an den deutschen Universitäten
entwickelt hat. Sollte die eben erwähnte
Krise wirklich nachvollziehbar sein, so wäre
sie gerade symptomatisch dafür, daß
man durch zu viel Einzelwissen aus den Geisteswissenschaften
den Geist herausgetrieben hat, ohne ein fächerübergreifendes
Ganzes mit dem geistigen Band wiederherzustellen.
Noch schlimmer wäre es freilich, wenn
der Geisteswissenschaftler selber geistlos
geworden sein sollte.
Auf jeden Fall sind m.E. Geisteswissenschaften
selbst nicht an ihrer Krise schuld, solange
sie ihren wissenschaftlichen Prinzipien treu
geblieben sind. Meiner Ansicht nach bestehen
diese im Grunde genommen in der genauen Textlektüre
und kritischen Auseinandersetzung damit,
wie sie vornehmlich in allen Philologien
seit eh und je praktiziert wird. Ich bin
davon fest überzeugt, daß Sachkommentar
und Wahrheitsgehalt bei Benjamin (1892-1940)
keine Alternative sind. Die Germanistik sollte
also bei aller Methodendebatte unbeirrt deutsche
Philologie bleiben, während neue kulturwissenschaftliche
Fragestellungen wie Ethnologie, Interkulturalität,
Postkolonialismus, Körpersprache, Cultural
oder Gender Studies usw. einem institutionell
neu einzurichtenden Fachbereich zuzurechnen
sind. Vermengung der Wissen-schaftsdisziplinen
im Namen der Integration bringt wie die Vermischung
der Gattungen in der deutschen Romantik nur
Chaos hervor. In Kunst und Literatur kann
es sich eventuell schöp-ferisch auswirken,
aber sicherlich nicht in den Geisteswissenschaften.
Aber nicht wegen der angeblichen
Modernität verwendet man wohl statt
der Geisteswissenschaften den neuen Terminus
"Kulturwissenschaft(en)", sondern
es muß einen sachlich fundierten Grund
dafür geben, wenn er in einer gesellschaftlich
radikal veränderten Welt berechtigt
ist. Es scheint mir zunächst einmal,
daß Kulturwissenschaften im Plural
ein mehr empirischer als theoretischer Begriff
sind, der nicht nur geistes- , sondern auch
sozial- und naturwissenschaftliche Betrachtungsweisen
einbezieht. Denn ihre Gegenstandsbereiche
lassen sich in der mittels neuer Medien hervorgebrachten
und vernetzten Zivilisation von heute nicht
mehr deutlich voneinander abgrenzen. In den
formal so verstandenen Kulturwissenschaften
wird daher eine erneute transkontinentale
Betrachtungsweise wie bei Johnann Gottfried
Herder auf höherer, d.h. empirisch fundierter,
computergestützter Ebene unentbehrlich
sein.
Zwischen Deutschland und Japan
bestehen seit den Tagen eines Engelbert Kaempfer
(1651-1716) enge kulturelle Beziehungen.
Darüber hat gerade der japanische Grimmforscher
Umekichi Tanaka sein umfangreiches Hauptwerk
als Vermächtnis für die spätere
Generation hinterlassen. Wenn die DAAD-Außenstelle
Tokyo heute ihr 25jähriges Jubiläum
feiert, so freue ich mich, daß ihr
Wirkungskreis inzwischen von Japan bis nach
Korea und China erweitert worden ist. Dank
ihrer Unterstützung ist es doch seit
dem IVG-Kongreß 1990 in Tokyo so weit
gekommen, daß die chinesischen, koreanischen
und japanischen Germanisten auf verschiedenen
Tagungen freundschaftlich zusammenarbeiten.
Daß sie sich dabei ohne weiteres auf
Deutsch verständigen können, spricht
eindeutig für die wissenschaftliche
Relevanz der deutschen Sprachkultur in Ostasien.
Als Jacob Grimm seine Vorrede zum Deutschen Wörterbuch mit folgenden Worten abschloß, hätte
er wohl kaum daran gedacht, daß auch
ostasiatische Germanisten eines Tages in
das Heiligtum der deutschen Sprache einstimmend
eintreten würden:
"Deutsche geliebte landsleute,
welches reichs, welches glaubens ihr seiet,
tretet ein in die euch allen aufgethane halle
eurer angestammten, uralten sprache, lernet
und heiliget sie und haltet an ihr, eure
volkskraft und dauer hängt in ihr. noch
reicht sie über den Rhein in das Elsasz
bis nach Lothringen, über die Eider
tief in Schleswigholstein, am ostseegestade
hin nach Riga und Reval, jenseits der Karpathen
in Siebenbürgens altdakisches gebiet.
Auch zu euch, ihr ausgewanderten Deutschen,
über das salzige meer gelangen wird
das buch und euch wehmütige, liebliche
gedanken an die heimatsprache eingeben oder
befestigen, mit der ihr zugleich unsere und
euere dichter hinuber zieht, wie die englischen
und spanischen in Amerika ewig fortleben."
(Sp. LXVIII)