Goethe und die chinesische Klassik
Prof. Zhang Yushu, Beijing
In Goethes
venezianischen Epigrammen, die einst als periphere zweitrangige Produkte
galten, weil sie nicht in das kanonische
Goethe-Bild paßten1, finden sich folgende Zeilen, die für
Chinesen nicht unbedeutend sind:
| "Hat mich Europa gelobt, was hat mir Europa gegeben? | ||
| Nichts! Ich habe, wie schwer! meine Gedichte bezahlt. | ||
| Deutschland ahmte mich nach, und Frankreich mochte mich lesen. | ||
| England! freundlich empfingst du den zerrütteten Gast. | ||
| Doch was fördert es mich, daß auch sogar der Chinese | ||
| Malet, mit ängstlicher Hand, Werthern und Lotten aufs Glas."2 | ||
Daß China als das einzige, nichteuropäische
Land von Goethe hier als Beispiel für
seine Popularität ausgewählt wurde,
beweist, daß ihm China trotz der großen
geographischen Entfernung doch nahe lag und
er seit langem ein lebhaftes Interesse für
dieses Land im Fernen Osten hegte.
Es ist Marco Polo, der ihm China erschlossen
hat. "Dieser vorzügliche
Mann" [...] "führt uns
in die fremdartigsten Verhältnisse,
worüber wir, da sie beinahe fabelhaft
aussehen, in Verwunderung, in Erstaunen geraten."3 Die Reisebeschreibungen von Marco
Polo erweckten in ihm die Neugierde, das
Wunderland China mit so viel materiellen
Herrlichkeiten und Reichtümern kennenzulernen,
aber die geistigen Güter wurden ihm
durch die chinesische Literatur erschlossen,
die er aus menschlicher Sicht bewertete und
bewunderte. Das näher zu untersuchen,
könnte dazu beitragen, einige menschliche
und künstlerische Aspekte dieses großen
Dichters neu zu beleuchten, dessen 250.Geburtstag
zu feiern wir alle heute hier versammelt
sind.
Was Goethe das Wesen der Chinesen und die
inneren Verhältnisse von China offenbart
hatte, sind hauptsächlich zwei chinesische
Romane, von denen der eine in seinem Gespräch
mit Eckermann am 31. Januar 1827 erwähnt
wurde. Das ist Hao Qiu zuan4, genauer gesagt, ist eine deutsche Übersetzung
der englischen Übersetzung dieses chinesischen
Romans, die im Jahre 1766 in Leipzig herausgekommen
ist.
Nach dem Urteil des englischen Herausgebers
über diesen Roman soll diese Schrift
(der Roman) "eine der vorzüglichsten
bei den Chinesen" sein. Aber dieser
für Chinesen vorzügliche Roman
sei "nach den Gesetzen der europäischen
Kritik" in gewissem Sinne tadelnswert:
"Alle Kenner sind darin einig, daß
fast in allen chinesischen Werken des Geschmacks
eine gewisse Niedrigkeit und Armut des Genies
anzutreffen sei." "Diese
Niedrigkeit ihres Genies kann der knechtischen
Unterwürfigkeit und Furcht vor allen
Neuerungen zugeschrieben werden, welche die
Denkungsart der Chinesen sklavisch, ihren
Geist stumpf, und ihre Einbildungskraft seicht
machet."5
Und wie ist der Roman eigentlich?
Der Held des Romans, ein ritterlicher junger
Mann namens Tie Zhongyu entlarvt die Machenschaften
des Sohnes eines einflußreichen Adligen,
der mit allen Machenschaften Bingxin, die
Tochter eines strafversetzten Beamten zu
entführen trachtete. Kurz darauf
geriet er in die Falle dieses Sohnes und
erkrankte schwer. Von Dankbarkeit und
zärtlichen Gefühlen getrieben,
faßte Binxin ohne Bedenken den Entschluß,
den ritterlichen Jüngling aus der tödlichen
Falle zu retten. Sie kümmerte
sich selbst um den fremden Kranken und ließ
ihn in ihrem Schloß unterbringen. Nach
seiner Genesung lud sie ihn sogar zum Abendessen
zu zweit ein. Auf diese Art und Weise
hat das Mädchen entschieden gegen die
Konventionen verstoßen. Diese
jungen Leute verliebten sich innfolge ihrer
gegenseitigen Hilfe ineinander und mußten
sich vernünftigerweise trennen. Der
zweite Teil des Romans schildert, daß
das junge Liebespaar schließlich doch
die Möglichkeit bekam, zu heiraten,
aber sich in der Hochzeitsnacht noch Enthaltsamkeit
aufzwingen mußte, aus Angst vor den
bösen Leuten, die sich mit ihrer Niederlage
nicht abfinden wollten. Tatsächlich
wurde dieses junge Ehepaar von ihnen beim
Kaiser angezeigt: sie beide hätten schon
vor der Ehe ein unsittliches Verhältnis
gehabt. Das Mädchen verteidigte
sich mit einer bewegenden Petition an den
Kaiser, in der sie mit überzeugenden
Worten die ganze Geschichte erzählte
und ihre Unschuld betonte. Als Beweis
dafür erwähnte sie, daß sie
immer noch Jungfrau sei. Der Kaiser
ließ das Mädchen durch die Kaiserin
untersuchen. Als die Keuschheit Bingxins
offenbar wurde, war selbst der Kaiser beeindruckt.
Er ordnete eine zweite, jetzt aber
echte Heirat an und verhalf damit dem Paar,
"das wahre Sittlichkeit über Scheinmoral
setzte"6, am Ende doch noch zu seinem Glück.
Die Liebe dieses chinesischen Liebespaares
wird hier so zurückhaltend geschildert,
daß sich der Verfasser von Werther sicherlich wundern würde. Ein
Liebespaar verbrachte plaudernd und trinkend
in einem Saal eine Nacht, ohne sich Intimitäten
zu erlauben. ªAuch in der Hochzeitsnacht
konnten sie sich so gut beherrschen, daß
die Braut auch Monate später ihre Keuschkeit
zeigen konnte. Aber das Urteil von
Goethe über diesen Roman ist ganz anders
als das des englischen Herausgebers.
Auf die Frage von Eckermann, ob dieser chinesische
Roman sehr fremdartig aussehe, antwortet
Goethe: "Nicht so sehr als man glauben
sollte [...] Die Menschen denken, handeln
und empfinden fast ebenso wie wir, und man
fühlt sich sehr bald als ihresgleichen,
nur daß bei ihnen alles klarer, reinlicher
und sittlicher zugeht. Es ist bei ihnen
alles verständig, bürgerlich, ohne
große Leidenschaft und poetischen Schwung
und hat dadurch viele Ähnlichkeit mit
meinem Hermann und Dorothea."7
Hettner nannte Hermann und Dorothea "ein durch und durch deutsches Gedicht,
warm aus dem tiefsten Gemüt gequollen,
von Grund aus volkstümlich."8 Die Personen in diesem Idyllion "erscheinen
uns von Anbeginn wie alte liebe Bekannte,
denen wir schon oft im Leben begegneten."9 Aber was uns besonders interessant
erscheint, ist die Heldin dieses Werks Dorothea,
die Hettner eine "heldenhafte Mädchengestalt"
nennt.10 Es ist auf den ersten Blick verwunderlich,
daß Goethe Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten
zwischen diesem "durch und durch deutschen
Gedicht" und dem fremdartigen chinesischen
Roman festgestellt hat. Aber wenn man
genauer hinschaut, wird man Goethe schon
zustimmen. Auch die Heldin des Romans
Hao Qiu zhuan könnte als eine heldenhafte Mädchengestalt
betrachtet werden, bloß mit einem Unterschied:
Dorothea schützte eine Wöchnerin
vor den fremden Eindringlingen, während
Binxin die Machenschaften der mächtigen
Gegner mit Intelligenz und Unerschrockenheit
zum Scheitern brachte und ihre Ehre erfolgreich
verteidigte.
Goethe hat das Wesentliche dieses Romans
begriffen, das Menschliche herausgeholt und
es gar nicht fremdartig oder befremdend gefunden.
Alles, was man als unnatürlich
betrachtet und für tadelnswert hält,
findet Goethe nicht abstoßend. Indem
er Hao Qiu Zhuan mit Hermann und Dorothea gleichsetzte, wurde das Gemeinsame der beiden
Völker, das Menschliche hervorgehoben.
Durch die Lektüre dieses chinesischen
Romans gewann Goethe einen Einblick in das
Wesen der Chinesen und in ihre Familien-
und Gesellschaftsverhältnisse.
Außer Hao Qiu zuan hat Goethe 1825 noch einen anderen chinesischen
Roman gelesen, der Yu Qiaoli heißt, in dem geschildert wird, wie
sich ein begabter junger Student, der sich
durch hervorragende dichterische Begabung
auszeichnete, unter unterschiedlichen Umständen
nacheinander in zwei bildschöne Mädchen
verliebte, die zufälligerweise Cousinen
waren. Bei dieser Gattenwahl spielt
das Dichten eine entscheidende Rolle, denn
sowohl der junge Student, als auch die beiden
heiratsfähigen Mädchen messen die
Partnerin bzw. den Partner hauptsächlich
an der dichterischen Begabung. In dem
Roman wurde auch gezeigt, daß das Dichten
nicht nur für die Karriere der Beamten-Anwärter
bei den staatlichen Examina eine entscheidende
Rolle spielte, sondern auch im Leben der
vornehmen Beamten im Amt wie im Ruhestand
stets einen großen Platz einnahm. Den
Lesern im monogam orientierten Europa muß
aufgefallen sein, daß zwei Cousinen
vor der Eheschließung und im Eheleben
die Liebe eines Mannes in großer Harmonie
teilen können, ohne jegliche Eifersucht.
Daher wurde dieser Aspekt unterstrichen
und die französische Übersetzung
führte auch den Titel Iu Kiao li ou les deux cousines. Daß ein junger Dichter und
zugleich ein werdender Mandarin sich in zwei
Mädchen oder sich zwei Mädchen
in einen dichterisch begabten jungen Mann
verlieben konnten, scheint den Meister der
Liebeslyrik Goethe nicht verwundert zu haben,
dessen Liebesflammen sich bei liebenswürdigen
Mädchen leicht entzünden konnten.
Es muß ihn sicherlich die Tatsache
beeindruckt haben, daß sich in China
Dichter und Mandarin oft in Personalunion
befanden, wodurch er sich sehr angesprochen
fühlte.
Angeregt durch diese chinesischen Romane
und die chinesische Lyrik schrieb Goethe
im Mai und Juni 1827 chinesisch- deutsche Jahres -und Tageszeiten, in denen er sich wie ein chinesischer Mandarindichter
fühlt.
Es ist Goethe gelungen, sich in die Lebensatmosphäre,
in die Lage der fremden Völker zu versetzen,
wobei er auch an seine eigene Situation und
seine eigenen Probleme als Mandarin-Dichter
erinnert wurde. Gelangweilt durch die
alltäglichen amtlichen Belästigungen,
manchmal ermüdet durch den Machtkampf
am Hof oder im Amt, nicht selten auch um
Intrigen und Gefahren zu entgehen, sucht
man sich im Freien zu erholen, dichtend und
trinkend, am Bächlein, mit gleichgesinnten,
gleichfühlenden Freunden zuammen. Frei
vom Amt, über allen weltlichen Sorgen
und Kummer erhaben, verschmilzt man mit der
Natur, indem man sie bewundert, genießt
und damit das seelische Gleichgewicht zu
finden trachtet. Nur wer selbst solche
Erlebnisse oder ähnliche Empfindungen
gehabt hat, wird auf diese Art und Weise
singen und dichten, dessen Seele wird im
selben Rhythmus vibrieren. Man identifiziert
sich mit seinen Dichterkollegen im fernen
Osten, verbunden durch das Menschliche. Das
Alles findet Niederschlag in Gedichten wie
dem folgenden:
| Sag, was könnte uns Mandarinen, Satt zu herrschen, müd zu dienen, Sag, was könnt uns übrigbleiben, Als in solchen Frühlingstagen Uns des Nordens zu entschlagen Und am Wasser und im Grünen Fröhlich trinken, geistig schreiben, Schal auf Schal, Zug in Zügen?11 |
Chinesische Leser, die mit der Lektüre
der chinesischen Mandarin-Dichter aufgewachsen
sind, könnten sich, wenn sie sich näher
mit Goethe beschäftigen, sehr leicht
in seine Lage und seine Zeit versetzen, denn
auch seine chinesischen Dichterkollegen stießen
auf ähnliche Dilemmata. Unsere
"Mandarin -Dichter befanden sich oft
in einer heiklen Situation, wo der schlecht
beratene Kaiser, umgeben von schmeichlerischen
Höflingen und Eunuchen, machtgierigen
hohen Beamten und ränkesüchtigen
und hinterlistigen Konkubinen, die aufrichtigen
und unbestechlichen guten Beamten verbannte
und seine Günstlinge mit Machtpositionen
und Reichtum willkürlich beschenkte.
Unsere Mandarin-Dichter, der eigenen
Ohnmacht und der gegnerischen Übermacht
bewußt, hüllten sich in ein rätselhaftes
Schweigen, indem sie Zuflucht in der Dichtkunst
und Pinselmalerei suchten. Sie waren
zu stolz, um zu klagen oder ihre Enttäuschung
offen und direkt zu zeigen. Sie waren
auch zu klug, um ihre Unzufriedenheit laut
werden zu lassen. Es ist natürlich eine
Schwäche, die aber sehr menschlich ist."12
Diese Gedichte von Goethe waren auch ein
Gruß des deutschen Dichters an den
Fernen Osten. Dieser Gruß aber
bedeutet, daß sich das Abendland, seines
ewigen Strebens und Streitens überdrüssig,
an der ruhigen, pittoresken, beschaulichen
und idyllischen Natur des Morgenlandes sich
wieder erquicken möchte.
Lange Jahre hindurch wurde das Goethe-Bild
in China nach folgendem Urteil von Friedrich
Engels bestimmt. "Es ist ein fortwährender
Kampf in ihm (Goethe) zwischen dem genialen
Dichter, den die Misere seiner Umgebung anekelt,
und dem behutsamen Frankfurter Ratsherrnkind
bzw. Weimarschen Geheimrat, der sich genötigt
sieht, Waffenstillstand mit ihr zu schließen
und sich an sie zu gewöhnen. So ist
Goethe bald kolossal, bald kleinlich; bald
trotziges, spottendes, weltverachtendes Genie,
bald rücksichtsvoller, genügsamer,
enger Philister."13 In der jüngsten Vergangenheit
wurde diese Meinung Engels' bei uns in China
überspitzt durch manche ultralinken
Ideologen, deren Urteile über Goethe
an die der Radikalen grenzten, die nach Goethes
Tod eine Zeitlang tobten, so daß der
Weise zu Weimar während der Kulturrevolution
auch mit seinen Dichterkollegen der chinesischen
Literatur und der Weltliteratur das Schicksal
teilen mußte, aus sämtlichen Buchhandlungen
und Bibliotheken verbannt und als giftiges
Unkraut verworfen zu werden.
Obwohl Engels betonte: "Wir machen überhaupt
weder vom moralischen noch vom Parteistandpunkte,
sondern höchstens vom ästhetischen
und historischen Standpunkte aus Vorwürfe"14, wurde Goethe von diesen Kulturdespoten
und Kulturnihilisten gemäß der
absurdesten Politik verurteilt, die auf der
Theorie der Klassendiskriminierung basierte,
weil er als Sohn eines Ratsherrn aus einer
Familie der Ausbeuterklasse stammte und als
Geheimrat des Herzogtums Weimar zweifellos
ein echter Fürstenknecht war.
Solche Absurditäten, unter denen die
Chinesen zehn Jahre zu leiden hatten, sind
glücklicherweise endlich überwunden.
Jetzt können wir von der menschlichen
Sicht aus den großen Dichter bewerten,
indem wir versuchen, uns in seine Lage und
in seine Zeit zu versetzen. Sonst würden
wir doch den Fehler machen, a la Börne
und Menzel Goethe zu tadeln und ihm zuzumuten,
mit einem roten Käppchen auf dem Kopf,
die Marseillaise und "ça ira
ça ira" lauthals singend, mit
Sansculotten zusammen hinter den Barrikaden
zu kämpfen, gegen das morsche Regime
der Feudalherren.
Wir haben unsere Mandarin-Dichter nie für
übermenschliche Genies gehalten, von
denen man Außerordentliches erwarten
könnte, warum sollten wir Goethe für
einen Übermenschen halten und von ihm
verlangen, vorbehaltlos die Revolution zu
begrüßen, ganz egal, welcher Art
sie ist, trotz des unsinnigen Blutvergießens
und zahlreicher unschuldiger Opfer. Zwar
streben alle Aufrichtigen und Rechtschaffenen
nach einer gerechten Gesellschaft und begrüßen
die Revolution, wodurch die Menschenrechte
und ein gerechtes Gesellschaftssystem statt
dem der Ausbeutung und Klassendiskriminierung
zustandekommen wird. Ganz im Sinne des Humanismus.
Auch Goethe, der sich der deutschen
Misere voll bewußt war, wünschte
sehr die totale Veränderung der Situation
in Deutschland durch eine ideale Revolution,
die er innerlich begrüßte. Aber
wenn viele Greueltaten wegen der menschlichen
Schwäche während der Revolution
verübt werden, dann verblaßt deren
Nimbus und die ursprüngliche Sympathie
könnte schnell in Antipathie umschlagen.
Das ist nicht nur bei Goethe, sondern
auch bei vielen seiner Zeitgenossen der Fall.
Wer die jüngste Vergangenheit
in China und Deutschland erlebt hat, wird
ihren Umschlag der Einstellung zur Revolution
ohne weiteres verstehen.
Auch der starke Riese hat schwache Stunden.
Wir wissen, daß Goethe auch ein Mensch ist, der
gern klagt und menschlich schwache Momente
hat. Er klagt über sein Unwohlsein,
über seine Schlaflosigkeit und Appetitlosigkeit
und vor allem über Mangel an Schöpfungskraft.15 Dazu über den Druck und Zwang
aller Art, worunter er leiden mußte.
Als ihn Eckermann zu beruhigen vesuchte,
erklärte Goethe: "Ich habe schon
zu viel solcher Zustände durchlebt und
habe schon gelernt zu leiden und zu dulden."16 Das sagte ein Mann, der das Leben,
der alle Seiten des Lebens genau kennengelernt
hat, ein Mann, der sich lange Jahre mit der
chinesischen Philosophie und Literatur beschäftigt
hat.
Daher sprach Goethe über die chinesische
Literatur mit Begeisterung und Anerkennung:
"Es unterscheidet sich wieder dadurch,
daß bei ihnen (den Chinesen) die äußere
Natur neben den menschlichen Figuren immer
mitlebt. Die Goldfische in den Teichen
hört man immer plätschern, die
Vögel auf den Zweigen singen immerfort,
der Tag ist immer heiter und sonnig, die
Nacht immer klar; vom Mond ist immer viel
die Rede, allein er verändert die Landschaft
nicht, sein Schein ist so helle gedacht wie
der Tag selber. Und das Innere der Häuser
so nett und zierlich wie ihre Bilder."17 Deutlich ist hier der Eindruck, den Goethe
aus der chinesischen klassischen Poesie und
der chinesischen Malerei bekommen hat.
Beeindruckt war Goethe nicht nur durch die
Natur, die in der chinesischen Literatur
geschildert wurde, sondern auch durch die
strenge Mäßigung, die in China
herrscht und in der chinesischen Philosophie
wurzelt. Der Faustsche Geist ermutigt
uns zum Streben. Aber das ewige, fortwährende
Streben muß immer ein Ziel haben: zum
Wohl der Menschheit, nicht Streben um des
Strebens willen. Man darf das Streben
nicht verabsolutieren. Vor allem in
Zeiten des Chaos, in denen er lebte. Er
wandte sich nun an den Meister im Fernen
Osten und der Faust-Verfasser hat die Weisheit
des Fernen Ostens begriffen, wo die Harmonie
und die Mäßigung betont wurden.
Das Menschliche steht vor dem Individuellen.
Man muß stets Rücksicht
nehmen auf die Mitmenschen. Auf die
Frage seines Schülers: "Gibt es
ein Wort, nach dem man das ganze Leben hindurch
handeln kann?" antwortet der Meister
Konfuzius: "Die Nächstenliebe.
Was du selbst nicht wünschest,
tu nicht an anderen."18 Eine Weisheit des Konfuzianismus,
die der Nächstenliebe der Christen gleichkommt.
"Eben durch diese strenge Mäßigung
in allem hat sich denn auch das chinesische
Reich seit Jahrtausenden erhalten und wird
dadurch ferner bestehen"19, so bewertete er China, nachdem er sich
mit der chinesischen Literatur, dem Abbild
der chinesischen Realität, beschäftigt
hat. Enttäuscht durch die politischen
Wirrnisse in Europa fand Goethe in der chinesischen
Philiosophie die Harmonie, die Entsagung
und die Mäßigung, die uns auch
als Schlüssel dienen könnten, um
die späteren Werke Goethes zu verstehen.
Wie zum Beispiel den Roman Die Wahlverwandtschaften. Der Dichter hat in diesem Roman nicht
nur die dämonische Kraft geschildert,
sondern auch die Mäßigung und
Entsagung plastisch dargestellt.
Dieser Roman, der manchen Linientreuen irgendwie
verdächtig vorkam, wurde während
der Herrschaft der heuchlerischen Puritaner
bewußt oder unbewußt ignoriert,
so daß dieser Roman in der Kurzen Geschichte der deutschen Literatur der Peking-Universität, die im Jahre
1959 herauskam, nur mit einem einzigen, lakonischen
Satz bedacht wurde: "Im Jahre 1808 erschien
der Roman die Wahlverwandtschaften. "Wenn wir heute aus menschlicher
Sicht diesen Roman betrachten, können
wir ihn ohne weiteres verstehen. Man
redet von dem Dämon, dem Blitzeffekt,
von der Leidenschaft, der latenten Leidenschaft,
von der Elektrizität, der Chemie der
Leidenschaften, kurzum, von dem Ausbruch
der leidenschaftlichen Gefühle in der
Liebe, der sich in den folgenden zwei Szenen
zeigt: Die erste Szene, in der Eduard an der Handschrift
von Ottilie merkt, daß sie ihn liebt,
daher seine Handschrift so gut nachgeahmt
hat. Begeistert und ekstatisch hob Eduard
"seine Arme empor: du liebst mich! Rief
er aus: Ottilie, du liebst mich! Und sie
hielten einander umfaßt."20
Und die zweite Szene: Als sich die
beiden nach einer langen Trennung am See
wieder trafen, fliegt er "auf sie zu
und liegt zu ihren Füßen."21 "Sie wähnten, sie glaubten
einander anzugehoren; sie wechselten zum
erstenmal entschiedene freie Küsse und
trennten sich gewaltsam und schmerzlich."22 Leidenschaftliche, aber doch gemäßigte
Gefühle, denn Ottilie sagte ganz offen:
"Bedenke, was wir beide Charlotten schuldig
sind. Sie muß unser Schicksal
entscheiden, laß uns ihr nicht vorgreifen.
Ich bin die Deine, wenn sie es vergönnt;
wo nicht, so muß ich dir entsagen."23 Man merkt schon, daß das Mädchen
bereit ist, zu entsagen. Es ward ihr
auf einmal klar, "daß ihre Liebe,
um sich zu vollenden, völlig uneigennützig
werden müsse;" und sie glaubt,
"in manchen Augenblicken"[...]"diese
Höhe schon erreicht zu haben. Sie
wünschte nur das Wohl ihres Freundes,
sie glaubt sich fähig ihm zu entsagen,
sogar ihn niemals wiederzusehen, wenn sie
ihn nur glücklich wisse. Aber
ganz entschieden war sie für sich, niemals
einem andern anzugehören."24 Die Reinheit ihres Herzens und ihrer
Liebe liegt ja gerade in Edelmut und Uneigennützigkeit.
Nicht die Besitzgier ist das Zeichen
der Liebe, auch nicht die Wollust durch die
fleischliche Liebe ist der Höhepunkt
der Wonne in der Liebe, sondern der Wunsch,
die geliebte Person glücklich zu machen
und glücklich zu wissen, also die uneigennützige,
selbstlose und aufopfernde Liebe gilt als
der Höhepunkt. Eine ungeschriebene
These für den Westen wie für den
Osten. Nur wer uneigennützig liebt,
kann die Selbstachtung bewahren. Das
bedeutet aber gar nicht, daß Ottilie
Eduard nicht liebt, das hat mit Prüderie
oder Frigidität nichts zu tun. Im
Tagebuch schrieb Ottilie folgendes Bekenntnis
nieder: "Ein Leben ohne Liebe, ohne
die Nähe des Geliebten, ist nur eine
comédie à tiroir, ein schlechtes
Schubladenstück."25
Daher ist plötzlich die Entsagung der
einzige mögliche Ausdruck der Liebe.
Und das Mädchen, das keinen Ausweg
sah, entschloß sich, auf ihre eigene
Art zu entsagen. Seit der Begegnung
mit Eduard im Wirtshaus hat sie kein einziges
Wort mit ihm gewechselt, ein meisterhafter
Zug von Goethe, denn in solchen Augenblicken
gilt der Vers des chinesischen Dichters der
Tang-Dynastie Bai Jüyi: "In diesem
Moment besagt das Schweigen viel mehr als
Reden." Und sie schweigt, bis
zum letzten Augenblick ihres kurzen Lebens.
Goethe redete davon, die Chinesen denken,
handeln und empfinden wie die Deutschen,
denn auch wir Chinesen sind von seinen Heldinnen
wie Ottilie in den Wahlverwandtschaften angezogen, ein unschuldiges, lebenstüchtiges,
liebenswürdiges Mädchen mit einer
natürlichen Anmut, das einen "unendlichen
Zauber auf sinnige Männernaturen"
ausübte.26 In der Gesellschaft wurde sie von allen
bewundert. "Obgleich Ottilie sehr einfach
gekleidet ging, so war sie doch, oder so
schien sie wenigstens immer den Männern
die schönste."27 Goethe zeigt uns die unscheinbare
und doch gewaltige Anziehungskraft Ottilies.
Und diese Art von Schönheit kommt
auch bei den chinesischen Lesern an und macht
sie beliebt bei den Chinesen. Es handelt
sich um eine besondere Art von Schönheit.
Eine Schönheit, die auch dem ästhetischen
Geschmack der Chinesen entspricht.
Goethe sagte einmal von Raffael: "Raffael
gräzisiere nirgends, aber er fühle,
denke und handle wie ein Grieche."28 Diese Bemerkung gilt sicher für alle,
die in ihren Werken das Menschliche darstellen
und verewigen. Lesen wir die chinesisch-deutschen Jahres-und Tageszeiten, so wollen wir auch sagen: Goethe fühlt,
denkt und handelt wie ein chinesischer Mandarindichter
und ein chinesischer Dichtermandarin, also
ein Mensch wie Chinesen, wie wir alle.
Die Tatsache, daß in den letzten zwanzig
Jahren so viele Werke von Goethe ins Chinesische
übersetzt worden sind, auch Naturwissenschaftler
an der Peking-Universität, besuchten
eifrig die Versammlung, auf der über
den Faustschen Geist gesprochen wurde, beweist,
daß sich Goethe in China großer
Beliebtheit erfreut. Goethe hat in
den zwanziger und dreißiger Jahren
mit seinem Werther die chinesische Jugend animiert und heute
spornt er uns mit seinem Faust zur Tat und zum Streben an, damit wir die
verlorene Zeit wieder zurückgewinnen
könnten. Mit der Zeit werden immer
mehr Chinesen den großen deutschen
Dichter kennen und schätzen lernen.
Anmerkungen
1 Siehe Goethe Handbuch, hrsg.
von Bernd Witte, Hans Dietrich Dahnke, Regine
Otto und Peter Schmidt, Stuttgart, Weimar,
1996 Bd.1, S.235.
2) Johann Wolfgang von Goethe:
Sämtliche Schriften, hrsg. von Ernst
Beutler, München Zürich, Bd 1,
S.229.
3) Goethe: Sämtliche Schriften,
Bd 3, S.524.
4) Hao Qiu zuan, Hao-Ch'iu chuan und Haoh Kioh
Tschwen sind verschiedene Transkriptionen
desselben chinesischen Titels.
5) Haoh Kioh Tschwen d.i. Die angenehme Geschichte
des Haoh Kioh, Ein chinesischer Roman in
vier Bänden, Leipzig 1766, S.XXII,
6)
Hao-Ch'iu Chuan, in: Kindlers Literaturlexikon,
B.10, S.4276.
7) Johann Peter Eckermann: Gespräche mit
Goethe, hrsg. von Ernst Beutler, München
Zürich, 1976, S..227.
8)
Hermann Hettner: Geschichte der deutschen
Literatur im achtzehnten Jahrhundert, Berlin
Weimar, 1979, B.2, S.487.
9) Ebd.
10) Hettner, Bd 2, S.488.
11) Johann Wolfgang Goethe: Werke in 6. Bänden,
Frankfurt am Main, 1981, Bd 1, S.311-312.
12) Zhang Yushu: Das Menschliche ist nie und
nirgends fremd, in: Begegnung mit dem Fremden,
Akten des VIII.Internationalen Germanisten-Kongresses,
Tokyo 1990, hrsg.von Eijiro Iwasaki, München
1991, Bd 1, S.111.
13)
Friedrich Engels: Deutscher Sozialismus in
Versen und Prosa, in : Marx-Engels-Lenin
über Kunst und Literatur, hrsg. von
Maximilian Jakubietz und Hans Koch, Leipzig,
1958, S.131.
14) Ebd, S.132.
15) Eckermann: Gespräche mit Goethe, S.75.
16) Ebd.
17) Ebd, S. 227.
18) Lun Yü, Gespräche von Konfuzius,
herausgegeben und übersetst von Richard
Wilhelm, München, 1989, S.159.
19) Eckermann: Gespräche mit Goethe, S.228
20) Goethe: Sämtliche Schriften, Bd 9. S.96-97.
21) Ebd, S.236-237.
22) Ebd, S.238.
23) Ebd, S.238.
24) Ebd, S.205.
25) Ebd, S.207.
26) Hermann Hettner: Geschichte der deutschen
Literatur im achtzehnten Jahrhundert, Bd
2, S.708.
27) Goethe: Sämtliche Schriften, Bd 9, S.166.
28) Hermann Hettner: Geschichte der deutschen
Literatur im achtzehnten Jahrhundert, Bd
2, S.488.