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Goethe-Rezeption in China
Von Wertherfieber zu "Werther"-Übersetzungsübereifer

Prof. Yang Wuneng, Chengdu



Deutschland ahmte mich nach, und Frankreich mochte mich lesen,
England! freundlich empfingst du den zerrütteten Gast.
Doch was fördert es mich, daß auch sogar der Chinese
malet, mit ängstlicher Hand, Werthern und Lotten auf Glas?

     So Goethe über Goethe-Rezeption, und zwar über das viel besprochene Wertherfieber!  Was könnte es auch sonst sein?

      Leider ist es aber nur ein Trugbild, sofern die Rede vom Chinesen ist.  Denn diese Verse aus den Venezianischen Epigrammen1 entstanden im Jahre 1789, als China noch unter dem Mandschu-Regime fast völlig von der Außenwelt abgeschnitten war und Goethe mit seinem Werther in dem Land noch so gut wie unbekannt.  Ein Wertherfieber also konnte im damaligen China überhaupt noch nicht auftreten.2  Die Begegnung Chinas mit Goethe fand erst statt, nachdem der Kanonendonner des Opiumkrieges (1839-1842) die Mandschuherrscher aus ihrem Tagtraum vom "Himmelreich in der Mitte der Welt" unsanft hoch geschreckt und den Zaun der Autarkie ganz gebrochen hatte.3

I

     Ma Junwu ( 1882-1939 ), der erste Goethe-Übersetzer in China, war ein Revolutionär und Genosse von Dr. Sun Yat-sen.  Er studierte von 1902 bis 1906 in Japan, konnte gut Japanisch, Englisch und Deutsch und schrieb selbst Gedichte.  Im Jahre 1914 publizierte er seinen berühmten Gedichtband Ma Junwu shigao (Gedichte Ma Junwus) in Shanghai.  Darin sind auch seine Übersetzungen von Goethes Mignon-Lied "Kennst du das Land..." sowie von einem Werther-Auszug enthalten.  Im Vorwort von Ma heißt es, daß diese Übersetzungen zwischen 1902 und 1903 entstanden.  Während bei Mignon die Ausgangssprache Deutsch war, wurde der Werther-Auszug aus einer englischen Übersetzung ins Chinesische wieder übertragen, und es handelt sich bei Werther nur um einen Ausschnitt aus den sogenannten Ossianliedern, welchen der Übersetzer selbst mit Klagelied Armins auf seine Tochter am Meeresufer betitelte.  Im Vergleich zum Original ist es eher eine freie Nachdichtung als Übersetzung im eigentlichen Sinne.4  Dagegen mag uns die Einführung von Ma vor dem Klagelied für uns noch interessanter und wichtiger sein. Es heißt: "Alle Chinesen, die nur ein wenig in den westlichen Werken gelesen haben, müssen Guitui (Goethe) kennen.  Er ist der größte deutsche Dichter, mit dem sich weder vorher noch nachher jemand messen konnte.  Und das Buch Weite zhi Yuan (Die Leiden des jungen Werther) ist nun wahrhaftig das erste Meisterwerk, das er der Gesellschaft schenkte..."5

     Ein ebenso erfolgreicher Übersetzer wie Ma Junwu war damals Zhao Bizhen.  Er hat u. a. die Biographien der sechs großen deutschen Dichter von Ohashi Shintaro aus dem Japanischen ins Chinesische übertragen.  Eine von diesen 1903 in Shanghai, Verlag Zuoxin She, publizierten Biographien heißt Kete Zhuan, d. h. Biographie von Goethe.  Darin erfuhr das chinesische Publikum zum ersten Mal ziemlich ausführlich und systematisch von Goethes Leben und Werk.  So konnte man zum Beispiel auch über Werther, seine Entstehungsgeschichte und Wirkung lesen.6

     Doch ist es für unsere Fragestellung viel wichtiger als Ma Junwu shigao und Kete zhuan das Büchlein San ye ji - auf deutsch Kleeblatt.  Es erschien 1920 in Shanghai und hat Dutzende von Briefen aufgenommen, die von den drei damals noch jungen, später aber sehr bekannten Schriftstellern aneinander geschrieben wurden.  Dieses Büchlein verdankte seinen Titel der Tatsache, daß ein Kleeblatt drei Blätter hat und ein Symbol der Freundschaft zwischen den drei Korrespondierenden gewesen sein mag.  Es waren Guo Moruo (1892-1978), Tian Han (1898-1968) und Zong Baihua (1897-1987).  Die beiden ersten, Guo Moruo und Tian Han, studierten damals noch in Japan, während der ältere Zong Baihua Redakteur eines berühmten Tageblattes in Shanghai war.  Zu ihrem Kleeblatt hat jeder von ihnen ein kurzes Vorwort geschrieben, in dem jeweils die wichtigsten Aspekte der Korrespondenz hervorgehoben werden sollten.

     Tian Han sagt: "Wir schrieben diese Briefe nicht mit der Absicht , sie zu publizieren.  Sie wuchsen und vermehrten sich aber im Hin und Her und drehen sich um einen Mittelpunkt, um Goethe nämlich. All die Briefe von uns stehen in engem Zusammenhang miteinander, in einen Band aufgenommen ähneln sie Werthers Leiden; nachdem Goethe sein Buch veröffentlicht hatte, entstand ein großes Werther Fieber in der deutschen Jugend!  Nun erscheint unser Kleeblatt, und in der chinesischen Jugend muß ein großes Kleeblatt Fieber entstehen!"

     Um die ihm scheinbare Parallelität zwischen Werther und Kleeblatt zu betonen, schrieb Tian Han die hier fettgedruckten Wörter so auf deutsch. Nur das von ihm vorausgesagte Kleeblatt Fieber ist leider nie aufgetreten.

     Zong Baihua meinte in seinem Vorwort: "Es ist ein dringendes, hautnahes Sozial- und Moralproblem, was die Veröffentlichung dieses Buches motivierte ...  Kurz gesagt, es geht um die Eheschließung, genauer gesagt: 1. um das Problem der freien Liebe; 2. um das Problem der durch die Eltern bestimmten Ehe; 3. um das Problem der freien Liebe derjenigen, die unter der durch die Eltern bestimmten Ehe leiden; und 4. um das Problem des Konflikts zwischen der freien Liebe und der durch die Eltern bestimmten Ehe und um das Problem der aus diesem Konflikt entstandenen schlechten Folgen ..."

      Zong Baihua sprach hauptsächlich von dem Motiv der Publikation des Buchs: Es soll ein dringendes Sozial- und Moralproblem der damaligen Zeit, nämlich "das Problem des Konflikts zwischen der freien Liebe und der durch die Eltern bestimmten Ehe" aufwerfen und diskutieren.

      Guo Moruo hat dagegen nur ein paar Verse aus dem Faust, nämlich "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust ...!" übersetzt und läßt "es als sein Vorwort gelten".  Denn in diesen Versen wie er meinte wurden auch seine eignen Widersprüche und Kummer, die eben aus dem von Zong Baihua besprochenen Problem entstanden, völlig ausgedrückt.7

     Allein aus diesen Vorworten kann man sehen, wie die jungen Literaten in China damals schon für Goethe schwärmten und welche Sozialverhältnisse sie dazu führten.  Die drei Korrespondierenden scheinen zwar von verschiedenen Dingen zu sprechen, doch sind ihre Worte gleichwohl von demselben Zeitgeist geprägt.  Dieser Zeitgeist war nichts anderes als der Geist der Umwälzung und Rebellion im Sinne der "Vierten Mai"-Bewegung.  Nun suchte man mit der fortschrittlichen humanistischen Ideologie des Westens die verfaulte chinesische Tradition in der sozialen Struktur wie auch in der Ethik zu überwinden.  Eben deshalb beriefen sich die jungen Literaten auf Goethe und waren so begeistert von Goethes Werken.  Ihre Vorworte zu dem Kleeblatt sowie ihre vom 3. Januar bis zum 3. März datierten Briefe zeigen uns, daß China sozial und geistig endlich reif war, Goethe und seinen Werther zu rezipieren.

      So ist die Vorgeschichte der Werther- , ja Goethe-Rezeption in China überhaupt mit der "Vierten Mai"-Bewegung abgeschlossen.  Diese Bewegung brach im Jahre 1919 in Peking aus, gilt als eine richtige Revolution für neue Kultur, neue Ethik wie für Demokratie und Wissenschaft, bildet die Wasserscheide zwischen dem alten und dem modernen China.

II

     Die drei Briefschreiber lasen nicht nur Goethes repräsentative Werke wie Faust und Werther mit Begeisterung, sondern spornten auch einander an, Goethe eingehend zu erforschen und planmäßig zu vermitteln.  Aber wozu das?  Guo Moruo antwortete: "Ich denke, daß wir die Werke von Goethe so viel wie möglich üersetzen und erforschen müssen, da seine Zeit -- die Zeit des "Sturm und Drang" -- unserer Zeit sehr ähnlich ist! Von ihm können wir viel lernen!"8

      Das heißt hauptsächlich von dem jungen Goethe des 'Sturm und Drang' und seinem rebellischen Geist lernen.

Gesagt, getan!  Guo Moruo z. B. war noch 1919 in Japan schon im Begriff, Goethes Faust und Die Leiden des jungen Werther zu übertragen.  1922, im Höhepunkt der "Vierten Mai"-Bewegung wurde seine Werther-Übersetzung im Verlag Taidong Shuju in Shanghai veröfentlicht, was für die Goethe-Rezeption in China von äußerst großer Bedeutung war.  Das Büchlein schlug in China wie einst in Deutschland und Europa ein wie eine Bombe, so daß sein Verfasser Goethe beim chinesischen Publikum, insbesondere unter den Jugendlichen, über Nacht populär wurde.

      Die Werther-Übersetzung von Guo Moruo ist das erste wichtige Werk Goethes, das das chinesische Publikum in vollem Wortlaut zu lesen bekam.  Für die Übersetzung hat er das sogenannte Baihua wen, d. h. die allgemein verständliche Umgangssprache gebraucht, was sicher auch zu ihrer Popularität sehr beigetragen hat.  Wie sich manche Zeitgenossen erinnern, wirkte seine Sprache einst sowohl gefühlvoll-mitreißend als auch lyrisch-schön.9  Es verwundert eben deshalb nicht, daß das Büchlein die Leserwelt faszinierte, sobald es erschien.  Viele unglückliche Liebhaber, die unter der durch die Eltern arrangierten, unfreiwilligen Ehe litten, empfanden große Sympathie mit dem jungen Werther und ließen sich von dessen Schicksal zu Tränen rühren.  Es wurde schnell Mode, daß Liebende einander Werther-Übersetzung schenkten und sich gegenseitig anspornten, dem Herzensbund treu zu bleiben.10  Eine Zeitlang sangen die Jugendlichen allenthalben: Jeder Jüngling sehnt sich, so zu lieben; / Jedes Mädchen, so geliebt zu werden ...  Und in diesem Gesang hörte man einen leidenschaftlichen Protest gegen die feudalistische Unterdrückung menschlicher Triebe, ja ein mutiges Anprangern der alten sittlichen Normen.  Denn dem konfuzianischen Sittenkodex gemäß galten damals freie Liebe zwischen Mann und Frau wie auch Freitod aus Liebeskummer noch als schwere Verbrechen.  Die unglücklich Liebenden hatten in kummervoller Sehnsucht zu schmachten.11  Nun bekamen die sentimentalen jungen Leute ein Vorbild in Werther, mit dem sie sich identifizieren konnten.

      Es gibt nicht wenige Belege für Wertherfieber in zwanziger und dreißiger Jahren in China.  Eine Jungfrau namens Shen, die später Professorin an der Nankinger pädagogischen Hochschule wurde, war z. B. so begeistert für Werther, daß sie sich auch "Weide" (so die Transkription für Werther) umnannte.  Es gab sogar einige, die sich wie Werther mit Selbstmord von ihrem Liebeskummer und unglücklichem Schicksal zu befreien suchten.  Ein gewisser Cao Xuesong z. B. wollte mit einem von ihm selbst verfaßten Drama Die Leiden des jungen Werther in den Fluß Wusong jiang springen.

      Kurzum, mit der sehr gelungenen Werther-Übersetzung von Guo Moruo entstand ein wahres Wertherfieber in China.  Und Goethes Name blieb von nun an wie einst in Deutschland lange mit diesem seinem Jugendwerk untrennbar verbunden.

      Warum konnte das Büchlein in dem weit entfernten China, in einem anderen Kulturkreis und einer anderen Zeit eine ebenso große Wirkung haben wie einst in Europa?

     Die Gemeinsamkeit von Gedanken und Gefühlen der Menschheit ist notwendige Voraussetzung für Verständnis und Sympathie.  Der große poetische Reiz des Originals wie der Übersetzung spielen dabei ebenfalls eine wichtige Rolle.  Der wichtigste Grund ist jedoch in den Sozial- und Zeitverhältnissen des damaligen China zu suchen.

     " Die Wirkung dieses Bühleins war groß, ja ungeheuer, und vorzüglich deshalb, weil es genau in die rechte Zeit traf.  Wenn es nur eines geringen Zündkrauts bedarf, um eine gewaltige Mine zu entschleudern,so war auch die Explosion, welche sich hierauf im Publikum ereignete, deshalb so mächtig, weil die junge Welt sich schon selbst untergraben hatte, und die Erschütterung deswegen so groß, weil ein jeder mit seinen übertriebenen Forderungen, unbefriedigten Leidenschaften und eingebildeten Leiden zum Ausbruch kam."12

      Was einst Goethe zur Ursache des Wertherfiebers in Deutschland sagte, paßt ungefähr auch für das China der zwanziger Jahre.  Wie Guo Moruo bereits im Kleeblatt bemerkte, ähnelte die Zeit um die "Vierte Mai"-Bewegung in China in vielerlei Hinsicht dem deutschen "Sturm und Drang". Auch die chinesische Gesellschaft, besonders aber die junge Welt, war dabei, "sich selbst zu untergraben".  Es kam hinzu, daß "das Problem der freien Liebe", "das Problem des Konflikts zwischen der freien Liebe und der durch die Eltern bestimmten Ehe" schon ein "dringendes, hautnahes Sozial- und Moralproblem" geworden war, wie Zong Baihua in seinem Vorwort zu Kleeblatti betonte.  Die Auflehnung der jungen Generation gegen die konventionelle, fremdbestimmte Eheschließung bildete also einen wichtigen Aspekt des großen Kampfes gegen die überkommene feudalistische Tradition, bildete einen unentbehrlichen Teil der Forderung nach freier Entfaltung des Individuums.  Der Roman Werther, der von einer unglücklichen Liebe und von der Auflehnung des jungen Helden gegen die soziale, moralische und religiöse Konvention handelt, fand bei der chinesischen Jugend deshalb auch ungeheure Bewunderung und enthusiastische Aufnahme.  Er wurde von dem breiten Publikum damals aber nur als eine Liebestragödie verstanden, und dabei legte man auf seinen sozialethischen wie zeitkritischen Inhalt und Ton einen großen Wert.

     Apropos: So wie Werther der beliebteste deutsche Roman ist, sind Immensee von Theodor Storm und Kabale und Liebe von Friedrich Schiller auch nicht zufällig die beliebteste deutsche Novelle bzw. das beliebteste deutsche Theaterstück.  Denn alle drei haben dieselbe Thematik und dieselbe Melancholie, die der chinesischen Mentalität damals entsprach und seinem literarischen Geschmack schmeichelte.  Das Wertherfieber in China ist deshalb keineswegs ein Zufall.13  Neben den Zeitverhältnissen ist es auch der Melancholie, der Sentimentalität und dem Gefühlsüberschwang in dem Roman zu verdanken.

III

     Auch die literarische Welt wurde schnell von dem Wertherfieber, das unter den Jugendlichen um sich griff, angesteckt.  Der Übersetzung von Guo Moruo folgten bald ein Duzend andere von verschiedenen Übersetzern und Verlagen, welche aber alle mit demselben Titel Shaonian weite zhi fannao versehen wurden.  Das bedeutet, daß Guo Moruos Formulierung des Romantitels für das Publikum schon zu einem festen Begriff geworden und von großer Attraktion war.  Unter allen Übersetzungen genoß die Guo Moruos die größte Popularität.  Sie wurde noch im August 1923 schon zum vierten und im August 1924 zum achten Mal aufgelegt und erreichte schon eine Verkaufszahl mit 5 Stellen.

      "Ohne Übernahme von anderen könnte sich der Mensch nicht erneuern, ebenfalls die Literatur und Kunst, " so sagte Lu Xun,14 der Vater der neuen chinesischen Literatur.  Und von Goethe, namentlich von seinem Werther hat die neue chinesische Literatur, die im Verlauf der "Vierten Mai"-Bewegung geboren wurde, auch nicht wenig übernommen.  Zum Beispiel tauchten wie über Nacht viele Erzählungen und Novellen in Briefform des europäischen Stils in China damals auf. Nach Vergleich dieser Werke mit Werther bin ich überzeugt, daß sie alle in gewisser Weise von diesem beeinflußt worden sind. Dafür spricht:

A. daß sie alle in den Jahren erschienen, in denen das Wertherfieber in China um sich griff und somit die Wahrscheinlichkeit der Ansteckung recht groß war;
B. daß sie fast nur Briefe enthalten, die der jeweilige Protagonist an seine Vertrauten schrieb, also wie Werther eine Art innerer Monolog darstellen;
C. daß ihre Helden wie Werther auch meist unglückliche Liebhaber oder Weltwanderer oder Außenseiter der Gesellschaft sind;
D. daß ihre Haupthandlung oft bittere Lebenserfahrungen, insbesondere die unglückliche Liebe des Protagonisten schildert;
E. daß sie fast ausnahmslos mit dem Tod oder Selbstmord des Protagonisten enden oder mit dessen verzweifelter Weltflucht;
F. zuletzt sind noch ihre auffällige Sentimentalität und Melancholie, ihre starke Neigung zum Weltschmerz und zur Zeitkritik, ihr ausgeprägtes Selbstmitleid und Selbstausdruck, ihre leidenschaftliche Forderung nach der freien Entfaltung der Persönlichkeit und der freien Eheschließung zu nennen.15

     1928 erschien in Shanghai noch eine Tragödie in vier Akten, die eine augenscheinliche Dramatisierung des Romans Die Leiden des jungen Werther ist.  Der Verfasser ist der oben erwähnte Cao Xuesong, der sich als "einen wirklich am Wertherfieber erkrankten Jugendlichen" bezeichnete.  Sein Werther-Drama, das ganz sinniert und dennoch "Die Leiden des jungen Werther" betitelt wurde, wirkte leider eher komisch als rührend, war ein totaler Mißerfolg, dafür aber als ein überzeugender Beleg des Wertherfiebers in China jedoch von Wert und Interesse.16

     Ebenso wichtig ist uns der Roman Ziye, dessen deutsche Übersetzung Shanghai im Zwielicht heißt.  Denn sein Autor Mao Dun (1896-1981) gilt als der bedeutendste Schriftsteller nach Lu Xun und Guo Moruo in der Geschichte der neuen chinesischen Literatur.  Der Roman Shanghai im Zwielicht (1932) ist nicht nur das wichtigste Werk von ihm selbst, sondern bildet auch einen Merkstein in der chinesischen Literaturgeschichte.  Mit ihm entstand der erste große moderne Roman Chinas, in dem die Widersprüche und Krisen der chinesischen Gesellschaft in den dreißiger Jahren realistisch und lebendig dargestellt wurde.  Und in diesem wichtigen Werk kommt Goethes Briefroman Werther als Liebesgeschenk, als ein bedeutsames "Dingsymbol" mehrmals vor.  Denn die Protagonistin Madame Lin Peiyao und ihr Liebhaber Lei Ming gehörten eben zu den für Wertehr begeisterten Jugendlichen und wollten sich in ihrer unglücklichen Liebe jeweils mit Lotte und Werther identifizieren.  Zu der mannigfaltigen Wirkung von Werther in Ziye ist sehr viel zu sagen.17

     Es seien nicht zuletzt noch die Einflüsse des Werther auf Guo Moruo (1892-1979) zu erwähnen.  Er ist nicht nur einer der Bahnbrecher der neuen chinesischen Literatur, sondern auch als derjenige Chinese, der den größten Beitrag zur Goethe-Rezeption in China geleistet hat.  Eben durch seine hervorragende Werther-Übersetzung wurde das Wertherfieber, ja die die erste Goethe-Welle überhaupt ausgelöst.  Als Werther-Übersetzer bekam er freilich auch von diesem mitreißenden Roman nicht wenige Einflüsse und Anregungen.18  In der Einführung seiner Übersetzung lobte Guo Moruo mit Nachdruck Goethes Geist der Selbstverwirklichung und zählte seine fünf Sympathien in Gedanken und Gefühlen mit dem Werther-Autor Goethe auf:  1. Die Subjektivität; 2. Der Pantheismus; 3. Das Lobsingen auf die Natur; 4. Die Sehnsucht nach dem naiven Leben; 5. Die Kinderliebe.  Die angebliche Sympathie ist in der Tat auch eine Art Einfluß.  Denn durch sie wird die vorhandene Tendenz bei dem Betreffenden jedenfalls verstärkt, bei Guo Moruo zum Beispiel war das die Subjektivität und der Pantheismus.  Er nannte Goethe einen großen subjektivistischen Dichter.  Auch er selbst war ein großer Subjektivist.  In seinen früheren Werken, insbesondere in Den Göttinnen ist üerall ein großgeschriebenes Ich, ein mit dem Weltall zur Einheit verschmolzenes Ich zu betrachten.

     Diese subjektivistische Tendenz ist aber nicht allein für Guo Moruo, sondern auch für die Dichter in der literarischen Gesellschaft Chuangzao she um ihn, ja sogar für die chinesische Literatur während der "Vierten Mai"-Bewegung überhaupt charakteristisch.  Man spricht deshalb nicht ohne Recht von einer romantischen Generation in der damaligen chinesischen Literatur, und Guo Moruo mit seiner einst zügellosen, feurigen Leidenschaft und Phantasie wurde als ihr Repräsentant, als der Repräsentant der modernen romantischen Dichtung in China anerkannt.

     Die Einflüsse des Werther auf die neue chinesische Literatur sind wirklich groß.  Um die Förderung der "literarischen Erneuerung seit der Reformbewegung 1898" durch Einführung der ausländischenLiteratur zu veranschaulichen, hat Cai Yuanpei (1868 -1940) in seinem Artikel Die chinesische Kultur seit 35 Jahren nur ein einziges Buch als Beispiel angeführt, es war Goethes Werther.19

IV

     In den anschließenden Jahrzehnten wurde Goethe in China wie allgemein bekannt durch das für mein Land und Volk schicksalhafte Zeitgeschehen in den Hintergrund gedrängt, so war auch sein Werther lange nur noch ein Begriff in der Literaturgeschichte.  Erst in der Renaissance nach der kulturfeindlichen "Kulturrevolution" haben die Chinesen Goethe wieder entdeckt, und heute ist Werther wieder wie einst sehr beliebt und populär.  Die auch in China ungewöhnlich große Auflagenzahl meiner neuen Werther-Übersetzung von ungefähr 1,5 Million Exemplaren kann davon überzeugen.  Sie wurde seit 1981 allein bei dem Beijinger Staatsverlag Renmin wenxue chubanshe mehr als fünfzehnmal in 6 Ausgaben mit unterschiedlicher Gestaltung nachgedruckt und immer wieder schnell vergriffen.  Dazu kommen noch Nachdrucke in anderen Verlagen mit oder ohne Genehmigung, und neben meiner Übersetzung ist noch eine weitere von Herrn Hou Junji in Shanghai, die auch eine ungefähr so große Auflage erfahren hat.

     Die Popularität des Werther im heutigen China mögen auch die zahlreichen Leserbriefe belegen, die ich als sein Übersetzer in den letzten Jahren bekam.  Sie zeigen uns, daß das Leseverhalten dem Zeit- und Gesinnungswandel entsprechend auch anders geworden ist.  Die meisten Chinesen lesen es, weil sie Hochachtung vor Goethes Genie hegen und das Buch poetisch schön finden. Sie lesen es wie gewöhnliche Leser die Klassiker nur zur Bereicherung ihrer Kenntnisse und zum literarischen Genuß.  Es sind in China nur noch einige wenige Werther-Begeisterte, die sich wie ihre Großeltern einst mit dem unglücklichen Protagonisten identifizieren oder gar eine Beispiel von ihm nehmen wollen.20

     Es war im Oktober 1982, etwa ein Jahr nach der Erscheinung meiner Werther-Übersetzung, als mir der folgende Brief von einem Unbekannten in meine Hände gelangte: "Ich bin ein junger Literaturfreund, habe Ihnen ein wichtiges Werk zur Bewertung zu schicken. Mein Büchlein heißt Das aus dem Meer geborgene Manuskript.  Es handelt von dem Schicksal eines jungen Autors ..."

     Diesen Brief, der mit einer chinesischen Pinsel sehr ordentlich auf einem Blatt weißes Papier geschrieben wurde, vor den Augen haltend sah ich sogleich, daß es sehr wahrscheinlich um eine neue Wertheriade in China ging.  Bald bekam und durchlas Das aus dem Meer geborgene Manuskript.  Es weist wirklich eine augenscheinliche Affinität zu Werther auf, obwohl der Hintergrund und die Handlung im gegenwärtigen China, genauer gesagt in China kurz nach der "Kulturrevolution" angesiedelt sind.21

     In den letzten mehr als 15 Jahren, als die Reform und Öffnung in China immer mehr in die Tiefe und Breite ging, als sich die "sozialistische Marktwirtschaft" erfolgreich durchsetzte, gelangte auch die Vermittlung des größten deutschen Dichters zu einer erfreulichen, nie dagewesenen Blüte.  Aber wo Licht ist, da auch Schatten, und in der sozialistischen Marktwirtschaft Chinas wuchert auch die Profitgier und der Mammonismus, so daß eine neue Redensart "Yiqie xiang qian kan" entstanden ist.  Das ausgesprochene Qian bedeutet im chinesischen Ohr sowohl vorn oder vorwärts als auch Geld, deshalb heißt die Redensart "Yiqie xiang qian kan" nicht nur "Alles beurteile man vorwärtssehend", sondern auch "Alles richtet sich nach dem Geld".

     Da alles sich nun einmal nur nach Geld, nach Gewinn, nach Profit richtet, tritt man das Prinzip, die Moral, die Ehre und dergleichen oft bewußt oder unbewußt mit Füßen.  Sprechen wir nur von dem Verlagswesen, so wütete seit einigen Jahren der nach der Gründung der Volksrepublik schnell verschwundene Raubdruck und das nur noch selten vorgekommene Plagieren wieder, auch allerlei Verfälschung und Pfuscherei ist gang und gäbe.

     Da die beiden vor 1982 jeweils von mir und Herrn Hou Junji neu übertragenen Werther schnell eine Art Bestseller geworden sind und ihre Auflagezahl Jahr für Jahr in Höhe von Zehntausenden stand, konnten sich viele andere Verlage nicht eher beruhigen, als sie auch ihren eignen Werther auf den Markt gebracht hatten.  So erschienen ab 1992, also zehn Jahre nach unseren Übersetzungen wieder mehr als zehn weitere.  Die Qualität der jüngeren und jüngsten Werther ist selbstverständlich sehr ungleich.  Darunter findet man zwar mit Freude bewundernswerte, gewissenhafte Arbeiten von meinen verehrten Fachkollegen.  Doch ist es auch nicht zu verhehlen, daß man in nicht wenigen Neusprößlingen unehrliche Pfuscherei, ja gar Plagiate entdeckt hat.  Zum Beispiel wurde mein Urheberrecht als Übersetzer und Autor schon mehrmals sowohl durch profitgierige Verlage als auch durch unverschämte Plagiatoren verletzt.22  In einer statistischen Tabelle der plagiierten Üersetzungen der ausländischen Klassiker steht mein Werther unglücklicherweise an der allerersten Stelle.23  Ich bedaure es wirklich, daß man in China heute auch mit Goethe, namentlich mit seinem Werther Profit zu machen sucht.

     So gibt es in China heute kein Wertherfieber mehr, statt dessen doch ein neues Werther-Übersetzungsfieber oder sagen wir -Übersetzungsübereifer, welches seinesgleichen nicht nur in China sondern vielleicht auch in der Welt nicht kennt.  Den Roman Werther schätzen und rezipieren die Chinesen heute zwar hauptsächlich aus der ästhetisch-belletristischen Perspektive, doch verschmäht man es nicht, auch den kommerziellen Wert darin zu erschließen.

     Die Goethe-Rezeption in Chiina ist ein Teil der neuen chinesischen Literatur- und Geistesgeschichte.  Von dem in den zwanziger und dreißiger Jahren wuchernden Wertherfieber zu dem die negative Seite der eigenartigen chinesischen Marktwirtschaft kennzeichnenden Werther-Übersetzungsübereifer - es ist eine den aufmerksamen Beobachter gar verblüffende Wandlung. Sie bildet nicht nur ein wichtiges wie interessantes Kapitel der Goethe-Rezeption in China, sondern spiegelt auch den tiefgehenden Wandel der chinesischen Gesellschaft wie des chinesischen Geistes und der chinesischen Mentalität in dem letzten Jahrhundert wider.


Anmerkungen

Goethe Werke, Hamburger Ausgabe Band 1, S. 179.

2  Goethes Illusion beruht auf dem Gerücht, daß jemand in der Kapitänskabine eines Handelsschiffes, das 1779 von Ostindien zurückkehrte und vor Glückstadt in Holstein anlegte, einige Glasbilder mit Werther und Lotte gesehen habe. Gesetzt den Fall, solche Bilder hätten wirklich existiert, dann hatte der chinesische Glasmaler dennoch nicht wissen können, um wen es sich bei den Dargestellten handelte. Er hatte vermutlich nur getan, was sein Kunde, der europäische Händler, forderte. Und dieser verstand natürlich sehr gut, dem einheimischen Geschmack mit der beliebten Werther-Romanze zu schmeicheln. Siehe: Richard Wilhelm Goethe und die chinesische Kultur, in "Jahrbuch des freien Deutschen Hochstifts" 1927 und vgl. Richard Ullmann Goethe in China - Eine Aufführung der 'Stella' auf der jungchinesichen Bühne, Sonderdruck aus dem "Ostasiatischem Rundschau", Heft 6 vom 16 März 1932.


3  Goethe und sein Werther wurden zum ersten Mal von Li Fengbao, dem Konsul des Qing-Kaiserreichs in Deutschland, zufälligerweise erwähnt, und zwar in seiner Tagebuchnotitz am 29. November 1878. Vgl. Yang Wuneng "Goethe in China - 1899-1999", Peter Lang Verlag 2000, S. 17-19.


4  Im Vergleich zu dem nachgedichteten Klagelied ist uns die Mignon-Übersetzung von Ma Junwu viel kostbarer, weil mit ihr die Vermittlung Goethes, ja der deutschen Literatur überhaupt begonnen wurde.


5  In Nanshe kancong Band 9, Steindruck, Verlag Wenming shuju, Shanghai 1914.

6  Vgl. Goethe in China - 1899-1999, S. 26.


7  San ye ji (das Kleeblatt), Verlag Yadong shuju, Shanghai 1920.

8  Ebd., S. 18.


9  Zum Beispiel Xiong Yufang schrieb in seinem Artikel Dule 'Shaonian weite zhi fannao' zhihou (Nach der Lektüre von 'Die Leiden des jungen Werthers' in "Xuedeng" 24. 11. 1924: "Die Übersetzung von Go Moruo ist relativ gelungen, sie stellt das Publikum zufrieden, besteht aus lebendigen Worten und stellt eine lebendige Literatur. "

10  Zum Beispiel das Liebespaar Lei Ming und Lin Peiyao in dem nachher noch zu behandelnden Roman Shanghai im Zwielicht von Mao Dun.


11  Zum Beispiel die Protagonisten in der sehr populären Volksdichtung Liang Shanbo und Zhu Yingtai sowie die Hauptfiguren Jia Baoyu und Lin Daiyu in dem großen klassischen Roman Traum der roten Kammer, deren leidvolles Schicksal jedermann in China kennt.


12  Goethe Werke, Band 9, S. 580.


13  Richard Ullmann schien anderer Meinung zu sein, indem er schrieb: "Man möchte sich wundern, daß gerade dieses Stück (Stella gemeint) und Clavigo und der "Werther" zuerst ins Chinesische übertragen wurden. Sprechen diese Werther und Lotten, weichliche Enthusiasten und gefühlsselige Frauenzimmer , wirklich so eindringlich zu den Chinesen der Gegenwart? Dämmert bei ihnen ein ähnliches Zeitalter herauf wie das, welches bei uns der Sturm und Drang einleitete? Sind die Menschen, die Menschlichkeiten und ihre Kämpfe den beiden Zeiten gemeinsam? Wohl geht ein Zug des Weltschmerzes, ein Gefühl der Zeitwende durch das junge China, aber eine tiefere Gemeinsamkeit mit unserer Geniezeit fehlt durchaus ... was den Chinesen an solchen westlichen Werken reizt, ist zum ersten der Name Goethes, zum zweiten die scheinbar einfache und mit wenig Mitteln darstellbare Liebesgeschichte, nicht etwa das sittlich geistige Problem. Siehe: Goethe in China - Eine Aufführung der 'Stella' auf der jungchinesischen Bühne, in: Ostasiatische Rundschau, Heft 6 vom März 1932.

14  Lu Xun: Nalai zhuyi (Doktrin des Übernehmens), in: Luxun quanji (Gesammelte Werke von Lu Xun) Band 6, S. 44-47.


15  Vgl. Goethe in China -- 1899 - 1999, S. 80-85.

16  Ebd, S. 85-87.


17  Ebd, S. 87-102.


18  Ebd, S. 126-127.


19  Siehe Cai Yuanpeis Werke, Verlag Zhonghua shuju 1959, S. 280.

20  Vgl. Goethe in China - 1899 -1999, S. 138-141.


21  Ebd., S. 141-143.


22  China hat vor Jahren das Welturheberrechtsabkommen unterzeichnet und auch eigene diesbezüglichen Gesetze erlassen.

23  Vgl. Lin Li: Fanyi ye yao dajia (Auch in der literarischen Übersetzung ist Verfälschung zu bekämpfen ), in: Wenhui dushu zhoubao 4. April 1998, Shanghai.




     

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