Goethes Faust auf der koreanischen Bühne
Überlegungen zur Rezeption in Korea
Prof. Rhie Won-Yang, Ansan
I. Vorbemerkungen
Die Bühnengeschichte
von Goethes Faust in Korea hat erst mit der Erstaufführung
des Faust I im Jahre 1966 ihren Anfang genommen. Sie
hat also keine lange Tradition aufzuweisen.
Das steht einerseits mit der allgemeinen
geschichtlichen Entwicklung des Landes im
20. Jahrhundert in Zusammenhang, zum anderen
hat Korea keine lange Theatertradition im
europäischen Sinne. Das Theater europäischer
Prägung, "Shinguek" ("neues
Theater") genannt, wurde erst Anfang
dieses Jahrhunderts über Japan eingeführt.
Mit dem Ende des 2. Weltkriegs ging
zwar auch die 36jährige japanische Kolonialzeit
in Korea zu Ende, aber die darauffolgende
politische Entwicklung wie die Teilung des
Landes und der Korea-Krieg (1950-53) waren
alles andere als günstig für den
Aufbau einer neuen Theaterkultur.
Es wäre
sicher eine lohnende Arbeit zu untersuchen,
warum in Korea, das im Laufe der Zeit auf
vielen anderen Gebieten eine eigenständige
Hochkultur entwickeln konnte, keine bühnenfähige
Dramatik und Theaterkultur entstanden sind.
Einer der mutmaßlichen Gründe
ist ohne Zweifel im strengen kunstfeindlichen
Konfuzianismus zu suchen, der 500 Jahre lang
als Staatsdoktrin der autoritären letzten
Chosun-Dynastie diente. Alle gesellschaftlichen
und menschlichen Beziehungen wurden nach
einer hierachischen Ordnung des Konfuzianismus
festgelegt und das feste soziale Gefüge
erlaubte keine öffentliche Auseinandersetzung
zwischen einigermaßen gleichberechtigten
Partnern. Ohne ein Zugeständnis
zum emanzipatorischen, demokratischen Individualismus
kann sich keine Dramatik entwickeln. Dramatik
setzt Konflikte und deren Lösungsversuche
in zwischenmenschlichen Beziehungen voraus.
Es versteht sich von selbst, daß
der koreanischen Literatur, da sich keine
bühnenfähige Theaterform entwickelt
hat, auch die literarische Gattung Dramatik
fremd war. Da Korea keine klassische
Theatertradition mit nationaler Dramatik
hat und sich folglich auch nach dem 2. Weltkrieg
keine ausgeprägte Theaterkultur etablieren
konnte, gibt es auch in der Schule kaum Dramenunterricht
bzw. regelmäßige Theaterbesuche.
Wenn man im
allgemeinen von der Komplexität der
Rezeptionsvoraussetzungen bzw. der "Kulturalität
von Literatur"1 bei der Aufnahme fremdsprachiger Literatur
spricht, erhöht sich deren Grad erheblich
im Bereich des Theaters, da die traditionelle
und strukturelle Verschiedenheit der Vermittlungsinstanz
"Theater" beider Länder das
Verständnis entscheidend erschweren
kann.2 Abgesehen vom Koreanischen Nationaltheater
in der Hauptstadt Seoul und von einigen städtischen
Bühnen wird der ganze Theaterbetrieb
von kleinen privaten Theatergruppen als Kommerztheater
aufrechterhalten. Die kommerziellen
Theatergruppen, die in den meisten Fällen
allein auf eigene Einnahmen angewiesen sind,
müssen bei den in den letzten Jahren
enorm gestiegenen Produktionskosten und künstlerisch-ästhetischen
Ansprüchen der Zuschauer um Überlebenschancen
kämpfen. Es ist deshalb fast ein
Wunder, wenn trotz alledem die eine oder
die andere gelungene Inszenierung zustande
kommt. Ohne finanzstarke Sponsoren
wie Firmen, Banken, große Tageszeitungen,
Rundfunkanstalten sind aber keine größeren
Aufführungen zu bewerkstelligen. Diese
grundlegenden Tatsachen der koreanischen
Theatertradition und -wirklichkeit sollten
in der Rezeptionsforschung fremdsprachiger
Dramtik gebührend berücksichtigt
werden.
Da bereits
einige Untersuchungen über
die Goethe- bzw. Faust-Rezeption in Korea vorliegen3, möchte ich mich in folgenden Ausführungen
nur auf die koreanische Bühnengeschichte
des Faust beschränken.
II. Eine koreanische Bühnengeschichte
von Goethes Faust?
Die Pionierarbeiten
und die Bemühungen einiger engagierter
Literaten und Theaterleuten, die in Japan
Germanistik bzw. europäische Literatur
studiert und Goethe und seine literarischen
Werke u.a.m. in den 20er und 30er Jahren
in Korea vorgestellt und Faust teilweise übersetzt hatten, reichten
aber bei weitem nicht zu einer Theateraufführung
aus. Man hatte noch lange zu warten,
bis endlich die Aufführung des Faust zustande kommen konnte. Da die ersten
Übersetzer und Multiplikatoren bei der
allerersten Bekanntmachung und Vorstellung
von Goethe und dessen literarischen Werken
Goethe als Genie und größten deutschen
Dichter im Range von Dante, Shakespeare und
Tolstoi eingeführt haben, hat sich gleich
eine Goethe-Verehrung in Korea eingebürgert.
Goethe ist in der Vorstellung der breiten
Bevölkerung als Autor von Die Leiden des jungen Werthers und Faust populär.
Seit der koreanischen
Erstaufführung des Faust I im Jahre 1966 wurden in den letzten drei
Jahrzehnten nur dieses Hauptwerk des Dichters
siebenmal und einmal eine Parodie Faust in Bluejeans inszeniert. Goethes andere dramatische
Dichtungen waren bis jetzt auf der koreanischen
Bühne so gut wie unbekannt. Daß
Goethe auch andere Dramen außer Faust geschrieben hat, hat man erst in diesem
Jahr auf dem Goethe-Festival, das anläßlich
des 250jährigen Jubiläums des Dichters
vom Seoul Arts Center veranstaltet wurde,
richtig zur Kenntnis genommen. Vom
26. März bis zum 11. 1999 April führte
man unter dem Titel "Goethe-Festival"
Theateraufführungen, Filmvorführungen,
Lesungen der Gedichte, Ausstellungen und
Konzerte durch. Im Rahmen der "szenischen
Lesung" wurden drei Stücke wie
Stella, Iphigenie und Faust I + II inszeniert. Selbst der Veranstalter
und andere Beteiligte des Goethe-Festivals
waren über den allgemein großen
Publikumszuspruch überrascht. Vor
allem schenkten die großen Tageszeitungen
und Rundfunkanstalten, die sonst Kunst und
künstlerische Ereignisse ziemlich stiefmütterlich
behandeln, dem Goethe-Festival ungewöhnlich
große Aufmerksamkeit. Die Zeitungen
berichteten, meistens verziert mit einem
Goethe-Porträt wie z. B. Tischbeins
Goethe in der Campagna, dem Goethe-Schiller Denkmal in Weimar oder
anderen Standard-Fotos, von Anfang März
bis Anfang April konzentriert über die
bevorstehenden Veranstaltungen.4 Auch der Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Tokyo Gebhard Hielscher bestätigt
in seinem Bericht Goethe im Gingko-Land die Popularität Goethes unter Koreanern
und den Erfolg der Jubiläumsveranstaltungen.5
Der Grad der
nach wie vor anhaltenden Popularität
von Goethe und dessen Hauptwerk läßt
sich auch an der Tatsache ermessen, daß
zur Zeit über zwanzig Faust-Ausgaben im Sortimentsbuchhandel erhältlich
sind.6 Natürlich sollte man hier genauer
differenzieren, ob Teil I und Teil I in einem
Band oder dieselben Übersetzungen doppelt
bzw. mehrfach in zwei oder gar drei Verlagen
erschienen sind. Hierbei spielen sicher
unlautere Geschäftspraktiken der Verlage
eine Rolle. Vergleichende Untersuchungen
über die Übersetzungsqualität
und das Nieveau und den Umfang der leserfreundlichen
Kommentare usw. wären hier vonnöten.7 Wie dem auch sei, sei an dieser Stelle
nur festgehalten, daß sich Faust als Hauptwerk des größten deutschen
Dichters Goethe großer Beliebtheit
beim koreanischen Lesepublikum erfreut.
Da der Verfasser
der Ansicht ist, daß die koreanischen
Inszenierungen direkt oder indirekt von der
Entwicklung der Faust-Aufführungen in Deutschland beeinflußt
werden, hat er auch Parallelen und Vorbilder
aus der deutschen Bühnengeschichte,
die zum Verständnis der koreanischen
Aufführung Anhaltspunkte geben oder
zumindest als Orientierung dienen, mit einbezogen.
Die Aufführungen werden nach ihrer
chronologischen Reihenfolge behandelt.
Trotz der relativ
kurzen Bühnengeschichte
des Faust und der oben dargestellten mangelhaften
Dokumentation ist es anläßlich
des 250jährigen Jubiläums des Dichters
an der Zeit, eine Bilanz der bisherigen koreanischen
Faust-Inszenierungen zu ziehen und über zukünftige
Perspektiven nachzudenken. Zum ersten
Mal ist ja auch der II. Teil des Faust, wenn auch mit einer drastisch verkürzte
Bühnenfassung in eingeschränkter
Form der szenischen Lesung in diesem Jahr
zur Aufführung gelangt.
III. Analyse der Faust-Inszenierungen in Korea
Die Bühnengeschichte
des Faust in Korea weist einige charakteristische
Grundzüge auf. Seit der koreanischen
Erstaufführung im Jahre 1966 gab es
in den letzten drei Jahrzehnten insgesamt
sieben Faust-Inszenierungen und eine Faust-Parodie. Angesichts der Tatsache,
daß Korea keine lange Theatertradition
und kein gut ausgebautes Theaterwesen hat,
ist es immerhin eine beachtliche Zahl. Seit
der Erstaufführung gilt Faust immer als Prestigeobjekt, gehört zum
festen Repertoire größerer angesehener
Theatergruppen, und namhafte Regisseure haben
den Ehrgeiz, einmal Faust zur Aufführung zu bringen. Jede
Faust-Aufführung mit Star-Besetzung ist in
gewissen Abständen immer ein großer
Publikumserfolg. Das hat unter anderem
mit der Goethe-Verehrung der Koreaner zu
tun. Den meisten Koreanern ist Goethe
kaum als Dramatiker oder als Theatermann,
sondern nur als Faust-Autor bekannt. In der Vorstellung
der meisten
Koreaner hat sich deshalb im Laufe der Zeit
so eine unlösbare Einheit "Goethe
= Faust = großer deutscher Geist"
herausgebildet. Bis zum Goethe-Festival
in diesem Jahr ist außer dem Faust kein anderes Drama von Goethe zur Aufführung
gelangt. Da man im allgemeinen den
Autor Goethe und den Protagonisten seines
Hauptwerks Faust nicht auseinanderhält,
sondern fast gleichsetzt, hat sich ein positives
und idealisiertes Faust-Bild herausgebildet.
Aufgrund der langen Tradition der konfuzianischen
Gelehrtenverehrung in Korea wird kaum die
problematische Seite der Hauptgestalt gesehen,
sondern der strebsame Faust wird als großer
Gelehrter und Wissenschaftler idealisiert.
Nur die vorletzte Inszenierung des
Jahres 1997 und die ihr vorangegangene Faust-Parodie (1995) bilden eine Ausnahme. Der
Erfolgsregisseur LEE Youn-Taek hat in seiner
umstrittenen Inszenierung mit dieser Tradition
gebrochen und eine provokative Interpretation
gewagt. Im folgenden wollen wir im
einzelnen auf die jeweilige Inszenierung
eingehen.
(1) Die koreanische Erstaufführung (=
Eine Einstudierung der Theatergruppe "Tschang
Jo" am Koreanischen Nationaltheater,
Altes Haus in Myeong-Dong, Seoul)
Goethes Faust I ; Premiere am 31. 10. 1966
Der Regisseur
SUH Hang-Suk (1900-1985) gehörte
zur ersten Generation der Studenten, die
in Japan europäische Literatur studiert
hatten und war von 1953 bis 1961 Direktor
des Koreanischen Nationaltheaters. Sein
lang gehegter Wunsch, als Germanist und Theatermann
Faust ins Koreanische zu übersetzen und die
koreanische Erstaufführung zustande
zu bringen, sollte erst 1966 in Erfüllung
gehen. Von dieser legendären Aufführung
gibt es außer ein paar Fotos keine
schriftlichen Zeugnisse und Dokumente, so
daß es fast unmöglich ist, sie
annährend exakt zu beschreiben. Die
hektographierte Bühnenfassung von 1977
hat einen Umfang von 167 Seiten. Da
die Bühnenfassung in Prosa pro Seite
13 Zeilen hat, dürfte sie weit weniger
als 2000 Verse enthalten. Die Aufführungszeit
betrug drei Stunden. Man kann nur aufgrund
einiger Augenzeugenberichte ein paar Anhaltspunkte
sammeln und mehr oder weniger Mutmaßungen
über die Inszenierung anstellen. Auf
jeden Fall war die Erstaufführung so
ein großer Publikumserfolg, daß
sie gleich im darauffolgenden Monat wiederholt
werden mußte. Man kann auch annehmen,
daß die Bevölkerung damals kulturhungriger
bzw. zumindest kulturell interessierter war
als heute. Damals gab es sicher weniger
kulturelle Veranstaltungen und die Ansprüche
der Zuschauer waren auch nicht so hoch wie
heute. Für den damaligen Faust-Darsteller
CHANG Min-Ho, der in seiner 50jährigen
Schauspieler-Laufbahn als Mitglied des Nationaltheater-Ensembles
insgesamt viermal Faust gespielt hat, war
es der Anfang seiner Faust-Karriere. In einem Interview, das
der Verfasser mit ihm geführt hat, erzählte
er, daß man sich bei der Erstaufführung
und bei der zweiten Aufführung im Jahre
1977 vor allem darum bemüht habe, trotz
der unvermeidlichen Kürzungen eine dem
Goetheschen Original möglichst getreue
Inszenierung zu erreichen. SUH Hang-Suk
mochte vielleicht ein qualifizierter Germanist
und Übersetzer gewesen sein, aber er
war beileibe kein talentierter Regisseur.
Da die Proben aufgrund seiner häufigen
Abwesenheit und Unfähigkeit als Regisseur
ins Stocken geraten seien, habe der Regisseur
LEE Hae-Rang einspringen und die Inszenierung
retten müssen.8
(2) Die zweite Inszenierung (= Die erste
Einstudierung des Nationaltheater-Ensembles)
Goethes Faust I ; Premiere am 29. 6. 1977
(3) Die 3. Inszenierung (= Die 2. Einstudierung
des Nationaltheater-Ensembles in deutsch-koreanischer
Zusammenarbeit; aus Anlaß des 100.
Jubiläums der deutsch-koreanischen Beziehungen)
Goethes Faust I ; Premiere am 26. 10. 1984
Aus Anlaß
des 100. Jubiläumsjahres der Aufnahme
diplomatischer Beziehungen zwischen Korea
und Deutschland wurde Faust in deutsch-koreanischer Zusammenarbeit am
Nationaltheater aufgeführt. Unter
der Gastregie von Dieter Giesing aus Hamburg
spielten die besten Schauspieler des Nationaltheater-Ensembles.
Dem Team der Gastregie gehörten
auch der Bühnen- und Kostümbildner
Manger und Musiker Hansgeorg Koch an. Die
bisherigen Bemühungen in Korea, Faust
adäquat auf die Bühne zu bringen,
fanden in dieser repräsentativen Inszenierung
ihre Vollendung. Die Hauptdarsteller
CHANG Min-Ho als Faust und KWON Seong-Deok
als Mephisto zeigten ihre höchsten schaupielerischen
Leistungen. Der Regisseur Giesing legte
großen Wert darauf, daß Goethes
Faust trotz der Streichungen in originaler Szenenfolge
und großer Texttreue zur Darstellung
kam. Der gesamte Eindruck der Aufführung
wirkte damals sowohl in der Schauspielerführung
als auch im Bühnenbild und Kostüm
sehr modern.
Das Bühnenbild
und die Kostüme
waren in ihrer schlichten Kargheit und Nüchternheit
beeindruckend und erinnerten im großen
und ganzen an das Prinzip der "Entrümpelung"
in der berühmten Hamburger Inszenierung
des Jahres 1957/58 von Gustaf Gründgens
und Teo Otto.9 Im Studierzimmer beispielsweise, einem
geschlossenen Raum mit kaltem Neonlicht in
der Mitte der Bühne, gab es überhaupt
keine Möbel wie etwa Schreibtische,
Regale, Laborgeräte oder andere Utensilien,
sondern es lagen nur stapelweise Bücher
auf dem Fußboden. Durch diese
Bücherhaufen bewegte sich Faust und
später dann auch Mephisto. An
der kahlen Wand hing nur die Zeichnung "Der
Mensch" von Leonardo da Vinci (1485/59).
Als Faust und Mephisto für ihre Weltfahrt
das Studierzimmer verlassen wollten, ging
eine papierene Wand auf Mephistos Händeklatschen
entzwei und machten ihnen den Weg frei. Für
die Szene "Vor dem Tor" ließ
man einen großen halbdurchsichtigen
Vorhang fallen und auf der Vorderbühne
spielte man die Volksszene. In der
Szene "Walpurgisnacht" stand ein
Podium aus 20 Fernsehgeräten, die jeweils
rechts und links um einen großen Bildschirm
in der Mitte in zweier Reihen gruppiert waren.
Auf den Monitoren flimmerten verschiedene,
z.T. pornographische Bilder, und Mephisto
dirigierte auf dem Podium mit einem Megaphon
die Hexen, die davor und darauf live agierten.
In der Kerker-Szene saß Gretchen
in der Neonkühle eines vergitterten
hohen Käfigs, der sich auf der Mitte
der Bühne befand.
Bei der ehrwürdigen
Faust-Darstellung
des CHANG Min-Ho trugen vor allem die effektvollen
Zaubereien des Mephisto beispielsweise in
Auerbachs Keller und die komödiantisch-schalkhafte
Verkörperung des Mephisto durch KWON
Seong-Deok zur Belustigung der Zuschauer
bei. Bei dem meisterhaften Spiel der
"Schülerszene", der Szene
"Garten" usw. brach das Publikum
in schallendes Gelächter aus. Die
erste Erscheinung des Mephisto wurde auch
nicht "mystisch" mit Nebelschwaden,
sondern einfach auf komödiantischer
Weise bewerkstelligt: in der Szene "Vor
dem Tor" wird der Pudel, der seine Kreise
um Faust zieht, nur angedeutet. Im
Studierzimmer versteckt er sich gekrümmt
unter seinem Mantel hinter einen Bücherstapel,
bellt bei Fausts Bibelübersetzung, "schwillt"
und steht am Ende als Mephisto da. Er
trägt keine Hörner, und seine Augenbrauen
sind auch nicht a la Gründgens hochgezogen.
Abgesehen von dem langen rot-schwarzen
Mantel mit einem hohen Kragen trägt
er keine besonderen teuflischen Züge
und ist einfach der "vermenschlichte"
Geselle der Hauptgestalt. Der Mephisto-Darsteller
KWON Seong-Deok zeigte gerne und genußvoll,
daß er sich über seine eigene
Schalkhaftigkeit und Gerissenheit freute.
Da der Verfasser
als dramaturgischer Mitarbeiter
auch an der Inszenierung beteiligt war, kann
er sich gut an die anfänglichen Schwierigkeiten
erinnern, die sich aufgrund der kulturellen
Unterschiede zwischen dem deutschen Regisseur
und dem koreanischen Ensemble ergaben. Während
die koreanischen Schauspieler von Anfang
an eine fertige Regiekonzeption vom Regisseur
erwarteten, wollte er den Schauspielern nichts
aufzwingen, in Proben schrittweise durch
Korrekturen sein Regiekonzept entwickeln.
Daher foderte er von ihnen eigene Ideen
und Vorschläge. Am Anfang wollte
dieses Zusammenspiel nicht funktionieren.
Erst nach einiger Zeit konnten sich
die beiden Parteien auf einen Arbeitsmodus
einigen. Ein anderes Problem war die
blutjunge Schaupielerin, die Gretchens Part
übernehmen sollte. Da sie ihre
Rolle beim besten Willen nicht einüben
konnte, war sie am Anfang das Sorgenkind
des Regisseurs, aber zum Glück konnte
sie sich etwa ab Mitte der vorgesehenen Probenzeit
entwickeln und schließlich ein gutes
Gretchen abgeben. Diese in schauspielerischer,
bühnen- und kostümbildnerischer
und musikalischer Hinsicht mustergültige
Faust-Inszenierung ist als ein großartiges
Theaterereignis aufgenommen worden.
(4) Die 4. Inszenierung (= Eine Aufführung
der Theatergruppe "Puhwal" )
Goethes Faust I ; Premiere am 18.10. 1991
(5) Eine Aufführung der Faust-Parodie Faust in Bluejeans - eine Tragikomödie
in
drei Akten
U: 5.4.1995 am Shilheom-Theater in Abkujeong-Dong,
Seoul; Text und Regie: LEE Youn-Taek
Inhaltlich
scheint das Stück aber auf den ersten
Blick bloß eine banale Geschichte zu
sein, die bis auf die Namen der Hauptgestalten
mit Goethes Faust höchstens nur entfernte Gemeinsamkeiten
aufweist und eher einer Trivialdramatik zuzurechnen
ist. Dem ist auch zum größten
Teil zuzustimmen. Dieses Stück
lebt in erster Linie nicht von seiner literarischen,
sondern eher von seiner dramatisch-theatralischen
Qualität. Mit diesem Stück
verarbeitet der Autor / Regisseur die Schlüsselerlebnisse
aus der jüngsten koreanischen Vergangenheit
im letzten Vierteljahrhundert. So versetzt
diese Faust-Adaption den Protagonisten in die koreanische
Zeitgeschichte, arbeitet in die dramatische
Handlung eigene politisch-soziale Erfahrungen
ein und begreift Faust als eine Figur, die
als Intellektueller ihrer politisch-gesellschaftlichen
Verantwortung gegenüber versagt.
Bei näherem
Betrachten der Bühnenfassung stellt
sich aber deutlich heraus, daß der
Autor / Regisseur das Wesentliche des Goetheschen
Faust präzise erfaßt und schöpferisch
auf die koreanischen Verhältnisse der
Gegenwart übertragen hat. Außer
der vordergründigen Kritik am opportunistischen
Verhalten und am politisch-sozialen Versagen
des Protagonisten als Intellektuellen enthält
das Stück auch eine wesentliche Moral:
es erzählt nämlich die tragische
Geschichte Gretchens, die in einer typisch
konfuzianischen Männergesellschaft vergewaltigt
- sie wurde tatsächlich in ihrer ersten
Haft vergewaltigt10 und hatte eine Abtreibung - , mißbraucht
und schließlich vernichtet wird. Es
hat sich auch herausgestellt, daß sogar
Faust damals in ihr keine emanzipierte und
politisch aktive, sondern eine häusliche
Ehefrau erwartet hatte. Die scheinbar
moderne und liberale koreanische Gesellschaft
erzwingt eine bestimmte Frauenrolle als gehorsame
Ehefrau, erlaubt keine Emanzipation und schon
gar nicht Einmischung in die Politik. Gretchen,
die dieser gesellschaftlichen Erwartung nicht
entspricht und aus der Rolle fällt,
wird nicht nur nicht toleriert, sondern vergewaltigt
und vernichtet. Am Ende wird sie zwischen
Faust und Valentin zerrieben. Von den
drei Hauptgestalten des Stückes ist
Gretchen die einzige Person, die vor der
Realität nicht die Flucht ergreift und
in direkter Konfrontation schließlich
untergeht.
Aus der jüngsten deutschen Bühnengeschichte
von Goethes Faust könnte man meiner Meinung nach ein
paralleles Beispiel anführen: Faust in der Inszenierung von Gabriele Gysi in
Tübingen 1994 und in Schwerin 1998.11 Für ein kleines Ensemble von
nur vier Personen stellte sie eine Strichfassung
aus beiden Teilen des Faust her und spielte diese an einem Abend. Auch
bei ihrer Version geht Gretchen zwischen
den beiden Männern Faust und Valentin
zugrunde. In Bezug auf Brechts Urfaust-Inszenierung im Jahre 1952/1953 in Potsdam
bzw. Ostberlin sagt die Regisseurin folgendes:
"Ein Mann, der sich verliebt. Ein
Mädchen, das sich verliebt. Der
Bruder ist eifersüchtig. Das Mädchen
wird verlassen. Eigentlich was fürs
Kino. Auch das steckt im Faust, der Tragödie erstem Teil."12
Lassen Sie uns noch ein bißchen bei
der Bühnenfassung verweilen! Der
Prolog besteht aus dem "Vorspiel auf
dem Theater" und der "Zueignung".
Nach einer Eröffnungsmusik aus
dem Faust von Berlioz treten zwei Schauspieler, die
später in der Spielhandlung Gretchen
und Mephisto spielen, auf und führen
zur Einstimmung ein scheinbar privates Gespräch.
In dessen Verlauf weist die Schauspielerin
darauf hin, daß sie das "Vorspiel
auf dem Theater" aus dem Original zu
spielen hätten. Dies sei der Spielerei
des boshaften Regisseurs zu verdanken, fügt
sie hinzu. Nun wird die sogenannte
Originalfassung des Vorspiels, nämlich
eine starke Bearbeitung davon gegeben. Die
folgende "Zueignung", die nur diesen
Namen trägt und mit dem Original herzlich
wenig zu tun hat, wird von Mephisto in der
Form von Deklamation, Song, Monolog und Dialog
vorgetragen. Nach einer Musik aus dem
Faust von Gounod beginnt der erste Akt mit der
Szene "Nacht". Allerdings
beginnt sie nicht mit dem berühmten
Eingangsmonolog der Hauptgestalt, sondern
mit der Wagner-Szene. Am Ende des dritten
Aktes tritt Faust mit seinem Assistenten
Wagner vor den Vorhang und wendet sich an
das Publikum. "Faust: (mit Tränen in den Augen) Ich ... liebe trotzdem diese Welt.
Auf der anderen Seite des Berges ... wer
weiß, ob da neue Hoffnungen als Illusion
sichtbar werden. Ist es nicht so, liebe
Studenten?"13 Diese epische Publikumsanrede am Schluß
entlarvt einerseits das soeben Gezeigte als
Theater, andererseits deutet sie an, daß
es trotz allem einen schwachen Ausblick utopischer
Hoffnung gibt. Als Valentin mit einem
Küchenmesser rasend über Faust
und Mephisto herfällt, wird er kurzerhand
von diesem überwältigt. Da
das Spiel durcheinander zu geraten droht,
erscheint der Inspizient auf der Bühne
und brüllt die Darsteller an und schimpft,
daß sie anstatt einer Romanze eine
Schweinerei inszenierten. Es läßt
sich eine ganze Reihe von Beispielen anführen,
die die epische Struktur des Stückes
nachweisen. Der Regisseur hat sich
ausdrücklich zu Brechts epischem Theater
und seinem realistischen Theaterprinzip bekannt.
Epische Grundstrukturen
scheinen im allgemeinen seine Stücke
und Inszenierungen zu beherrschen. Nicht
nur die typisch epischen Strukturen und Elemente
der Bühnenfassung, sondern auch das
Derbe, Komische und Satirische des Spiels
bringt dieses Stück in die Nähe
des epischen Theaters von Bertolt Brecht
und in diesem speziellen Fall an dessen Urfaust-Inszernierung im Jahre 1952/53 heran.
Viele direkte,
indirekte und manchmal versteckte
Anspielungen, Zitate und Zitatfetzen aus
Goethes Faust durchziehen das Stück und bereiten
sowohl Kennern als auch Nichtkennern des
Faust Theatervergnügen. Faust-Kenner können in vielen Anspielungen
mit großer Freude feststellen, wie
genuin der Autor die Motive und Probleme
des Goetheschen Originals auf die koreanische
Verhältnisse übertragen hat. Nichtkenner
können wiederum Gefallen und Spaß
an satirischen Darstellungen der jüngsten
koreanischen Zeitgeschichte finden. Der
weltfremde Wissenschaftler Faust steht hilf-
und verständnislos seinem aufsässigen
Assistenten Wagner gegenüber, der sich
beispielsweise nicht besonders für Wissenschaft
interessiert, sondern sich lieber mit Computer-Spielen
und Comic-Heften beschäftigt. Anstatt
zielstrebig für seine Promotion zu arbeiten,
schreibt er in Fausts Augen minderwertige
Gebrauchstexte für den Rundfunk. Fausts
hohe Wissenschaft interessiert nicht einmal
seine Studenten. Zu seinem Ärger
begeistert sich seine eigene Ehefrau für
banale alltägliche Familienstücke
im Fernsehen. Dies würde ein Kenner
als eine Anspielung auf das "Vorspiel
auf dem Theater" bzw. auf die Tatsache,
daß Goethe als Intendant des Weimarer
Hoftheaters trotz seines ästhetischen
Bildungsideals der Vorliebe der Masse entsprechen
mußte. Die Masse der damaligen
Theaterbesucher zog die Rührstücke
von Kotzebue und Iffland klassischen Dramen
mit hohem literarischen Anspruch vor. Auf
der anderen Seite ist auch der allgemeine
Trend in der gesellschaftlichen Entwicklung
in den achtziger und neunziger Jahren zu
beobachten, daß mit dem zunehmenden
Wohlstand eine Verbreitung der konsumorientierten
Massenkultur und somit eine Verflachung des
geistigen Klimas einhergeht. In einer
solchen gesellschaftlichen Atmosphäre
haben Geisteswissenschaftler wie Faust keine
Chance mehr und werden mit der Gefahr konfrontiert,
einer völligen Bedeutungs- und Wirkungslosigkeit
anheimzufallen.
Fausts "Eröffnungsmonolog",
der allerdings nicht am Anfang des ersten
Aktes, sondern erst nach der anfänglichen
Wagner-Szene erfolgt, büßt sowohl
durch die Umstellung als auch durch die Verstümmelung
das lange tradierte Gewicht ein.
Der Erfolgsregisseur
LEE Youn-Taek inszenierte
auch dieses Stück wie immer als Schaustück,
in dem alle theaterwirksamen Mittel zur Anwendung
kamen. Die erstklassige Besetzung der
drei Hauptrollen, YUN Ju-Sang als Faust,
CHANG Du-Yi als Mephisto und YUN So-Jung
als Gretchen trägt vor allem schauspielerisch
zum Publikumserfolg bei. Insbesondere
die hervorragende schauspielerische Leistung
und das harmonische Zusammenspiel der drei
Protagonisten hebt eine Theaterkritik hervor.14 Musikalische und tänzerische
Einlagen trugen auch zur Steigerung der musicalartigen
Theatereffekte bei. Von der klassischen
Musik bis zum zeitgenössischen Rap konnte
man live wie elektronisch alles hören.
Die pralle Erotik kommt auch nicht
zu kurz. Im zweiten Akt, in dem Faust
und Gretchen nach etwa einem Vierteljahrhundert
ihre alte Liebe neu zu beleben suchen und
Valentin in der Eifersuchtsszene ums Leben
kommt, gehen Mephisto und Bunny Girl, sprich
Marthe, ins Bett. Nach ihrem schattenspielartig
hinter dem halbdurchsichtigen Vorhang vollzogenen
Geschlechtsakt unterhalten sie sich freimütig
im darauffolgenden Intermezzo darüber.
Auf diese Art und Weise kommen in dieser
Faust-Parodie Kenner und Nichtkenner auf ihre
Kosten und können sich ergötzen.
Mit der Faust-Parodie ist dem Autor
/ Regisseur ein kritisches aktuelles Zeitstück
geglückt.
(6) Die 5. Inszenierung (= Eine Einstudierung
des Youtheaters)
Goethes Faust I ; Premiere am 1.2. 1996
(7) Die 6. Inszenierung (= Die 3. Einstudierung
des Nationaltheater-Ensembles)
Goethes Faust I ; Premiere am 17. 11. 1997
Während
die Aufführung des
Faust in Bluejeans in einem kleinen Privattheater stattfand
und in der koreanischen Theaterszene eine
eher marginale Rolle gespielt hatte, war
die Aufführung von Goethes Faust I im Jahre 1997 in der Inszenierung desselben
Regisseurs LEE Youn-Taek am koreanischen
Nationaltheater ein umstrittenes Theaterereignis
in der koreanischen Öffentlichkeit.
Mit dieser Aufführung sollte der
krönende Abschluß einer 50jährigen
künstlerischen Laufbahn einer berühmten
Schauspielerpersönlichkeit CHANG Min-Ho
gefeiert werden. Der 70jährige
greise Schauspieler hat 50 Jahre lang nur
dem Theater treu gedient und war darauf stolz,
daß er von der koreanischen Erstaufführung
des Faust im Jahre 1966 an schon dreimal Faust gespielt
hat. Für koreanische Verhältnisse
doch eine beachtliche Faust-Karriere! Durch
seinen Spitznamen "Faust-Chang"
fühlte er sich immer geehrt. Nun
war aber die Bühnenfassung, in der er
den Protagonisten zu spielen hatte, alles
andere als konventionell und die ehrwürdige
Hauptgestalt war nirgends zu finden. Was
ist das Neue und Außergewöhnliche
an diesem Faust?
Auf Grund einer
neuen Rohübersetzung
des Faust stellte der Regisseur eine Bühnenfassung
aus 15 Szenen her. Bei seiner Bühnenbearbeitung
hat er nicht nur die Szenen gekürzt
und umgestellt, sondern auch viel um- und
neugeschrieben und vor allem den koreanischen
Verhältnissen angepaßt. Die
so aktualisierte Version versetzt Faust in
die gegenwärtige koreanische Welt und
somit ist von dem alten Nimbus des Protagonisten
als großen Gelehrten nicht viel übrig
geblieben. Die Bühnenfassung bzw.
die Inszenierung hat mit der koreanischen
Faust-Tradition - wenn man in Korea überhaupt
davon sprechen kann - radikal gebrochen.
Von dem ersten Bekanntwerden des Goetheschen
Hauptwerks an hat sich in der Vorstellung
der Koreaner ein mehr oder weniger ideales
Faust-Bild herausgebildet, das sicherlich
im Zusammenhang mit der konfuzianischen Gelehrtenverehrung
stand. Der größte deutsche
Dichter Goethe und der Held seines Hauptwerks
werden nicht auseinandergehalten, sondern
fast gleichgesetzt. D.h. auf Grund
der Goethe-Verehrung entwickelte sich im
Laufe der Zeit, wenn auch vage, ein idealisiertes
Faust-Bild. Die wenigen vorangegangenen
Faust-Inszenierungen in Korea versuchten mehr
oder weniger, den großen Gelehrten
und idealen Menschen Faust herauszuarbeiten
und zu vermitteln. Im Brechtschen Sinne
könnte man auch hier im gewissen Sinne
von einer "Einschüchterung durch
die Klassizität"15 sprechen.
In der Version
des Regiestars LEE Youn-Taek
aber wird Faust als ein greiser Gelehrter
wie der 70jährige Schauspieler dargestellt,
der weitgehend den Kontakt mit der Bevölkerung
verloren hat und isoliert in seinem Studierzimmer
Bücherwissenschaft betreibt. Faust
wird hier zu einem opportunistischen Intellektuellen
und sozialen Versager. Diese Interpretation,
die er erstmals in seiner vorangegangenen
Faust-Parodie erprobt hat, konnte zum zweiten
Mal im größeren Rahmen zur vollen
Ausgestaltung gelangen. Gretchen ist nicht
mehr das schöne Mädchen, das die
reine Unschuld verkörpert. Sie
ist ein Mädchen aus der heutigen koreanischen
Gesellschaft, das in der zentralen Hochschuleingangsprüfung
zweimal durchgefallen ist und als Teilzeitkellnerin
in einem Bierlokal jobbt. Mephistopheles
ist kein böser Teufel mehr, sondern
ein Spielleiter und Begleiter Fausts, der
die Spielhandlung vorantreibt, in Gang hält
und manchmal Faust in gröbster Form
ausschimpft. Im folgenden wollen wir
nun auf einige charakteristische Merkmale
dieser Inszenierung näher eingehen.
Der Regisseur
LEE Youn-Taek gibt das Stück
konsequent als episches Drama. Bevor
der Vorhang aufgeht, sitzen davor der Theaterdirektor,
der Regisseur und der Schauspieler in normaler
Alltagskleidung und spielen rauchend das
aktualisierte "Vorspiel auf dem Theater",
das sich auf den konkreten Anlaß der
bevorstehenden Aufführung bezieht. Der
Theaterdirektor klagt darüber, daß
immer mehr Zuschauer dem Theater fernblieben
und deshalb häufig vor einem halb leeren
Haus gespielt werden müsse. Trotz
dieser miserablen Situation müsse man
jetzt Faust spielen, denn der ehrwürdige Schauspieler
Herr CHANG Min-Ho habe sich dieses Drama
als Jubiläumsaufführung seiner
50jährigen Bühnenlaufbahn gewünscht.
Aber ein klassisches Drama wie Faust sei doch seiner Meinung nach schon veraltet
und nicht mehr geeignet, die Masse wieder
ins Theater zu locken. Er bittet darum
den Regisseur, dieses Theaterstück erfolgreich
zu inszenieren und damit auch unter Beweis
zu stellen, daß das Theater nach wie
vor Spaß und Nutzen bieten kann. Der
Regisseur aber sieht sich außerstande,
der diversen Erwartung der unberechenbaren
Zuschauer zu entsprechen. Er möchte
lieber in die Berge gehen, um dort ohne den
Zwang, immer dem Publikum gefallen zu müssen,
Theater machen zu können. Erst
dann könnten vielleicht Inszenierungen
von bleibendem Wert für die Nachwelt
entstehen. Dagegen wehrt sich der Schauspieler
vehement und argumentiert, daß er auf
keinen Fall für die Nachwelt, sondern
für das jetzige Publikum, das sich gerade
heute abend im Theater eingefunden hat, spiele.
Als der Regisseur widerstrebend den
Auftrag annimmt, beginnt auf der oberen Bühne
schon der "Prolog im Himmel" und
er sitzt unten an der Rampe allein. Der
Herr beauftragt ihn, die Rolle des Mephistopheles
zu übernehmen und Faust anzustacheln.
Als Zeichen des Auftrags nimmt er aus
der Hand des Herrn einen Regie-Stab in Empfang
und beginnt sogleich mit der Handlung. Am
Ende des Spiels wird er wieder wie am Anfang
in normaler Arbeitskleidung an der Rampe
sitzen und seinen letzten Satz "Sie
ist gerichtet" sagen. Die Stimme
des Herrn aus dem "Prolog" erklingt:
"Ist gerettet!" Damit ist
der große epische Rahmen gegeben.
Faust wird
schon in dem Zwiegespräch
zwischen dem Herrn und Mephisto im "Prolog
im Himmel" als ein unnützer Intellektueller
bezeichnet, der als Bücherwurm in völliger
Isolation und Entfremdung von der Masse sein
Leben fristet.17 In seinem Eröffnungsmonolog stellt
sich Faust als 70jähriger Gelehrter
vor, der an die 40 Jahre gelehrt habe. Auch
Kostüm und Maske unterstreichen den
Alltag eines alten Wissenschaftlers: er trägt
ein normales weisses Hemd und eine alltägliche
Hose. Aus diesem engen Arbeitszimmer,
das mit vielen Büchern vollgestopft
ist und seine Welt darstellt, möchte
er ausbrechen. Im weiteren Verlauf
des Monologs betont er mit Nachdruck, daß
er in einem "Kerker" (V. 398; Bühnenfassung,
S. 9) stecke. Tatsächlich wird
er nach dem Liebesabenteuer mit Gretchen
als greiser Gelehrter wieder in dieses Studierzimemer
zurückkehren. Die letzte Szene
"Kerker" spielt sich wieder im
Stüdierzimmer des Stuckanfangs ab. Das
verwirrte und wahnsinnige Gretchen kommt
mit leeren Windeln - sie hat inzwischen bei
einem Kurpfuscher abgetrieben - und will
hier ihr Baby stillen. Damit kommt
auch szenisch und bildlich zum Ausdruck,
daß Faust trotz seiner momentanen Verjüngung
sein Fluchtversuch aus "seinem Kerker"
nicht gelungen ist. Zum letzten Male
versucht er vergeblich, aus diesem "Kerker"
mit Gretchen zu fliehen. Er hält
das ohnmächtige Gretchen in den Armen
und ruft verzweifelt: "Die Zeit, verweile
doch, du bist so schön!". Verweist
die Vorwegnahme dieser Stelle auf den II.
Teil oder ist sie nur ironisch gemeint?
Bei der Beschwörung
des Erdgeistes erscheint
ein "Pockengeist" in einer schwarzen
Kutte aus Leinen. Diese aus dem Schamanismus
bekannte häßliche und schreckliche
Gestalt ist eine vertraute Erscheinung in
der Vorstellungswelt des volkstümlichen
Aberglaubens in Korea. Der Pockengeist
vollführt tänzerische Bewegungen
des Maskentanzes und bezeichnet sich als
"derjenige Brandstifter, der sich zwischen
Geburt und Tod, zwischen den wechselvollen
Zeiten der Welt hin- und herbewegt und den
Lebensfunken anzündet."(Bühnenfassung,
S. 10) Bevor er wieder verschwindet
und Faust allein läßt, tanzen
sie eine Weile gemeinsam.
Nach der Verjüngungskur
im "Krämerladen
der Hexe", einem schaurigen und grotesken
Gerippen- und Skelettenkabinett, wird Faust
im wörtlichen Sinne des Wortes neugeboren.
Nach der Einnahme einer Tinktur und
einer Hautoperation wird er im siedenenden
Kessel eingetaucht.17 Da der neugeborene Faust wirklich
ein Mann in den Zwanzigern ist, wird er von
einem zweiten Darsteller gespielt. Der
zweite Faust tritt in den Szenen "Keller"(II),
"Gretchens Stube + der Nachbarin Zimmer",
"Keller"(III) und "In der
Kirche + Valentinszene" auf. In
seiner ganzen Verhaltensweise und Haltung
wirkt er aber nicht wie ein Jugendlicher
von heute, sondern wie ein verträumter
Jüngling. Die Weltfremdheit des
greisen Titelhelden scheint sich im verjüngten
Faust in anderer Form zu wiederholen.
In der Szene
"Gretchens Stube"
der Bühnenfassung, in der die Szenen
bei Gretchen und Frau Marthe - diese ist
Gretchens Wirtin - als Simultanszenen zusammengefaßt
sind, leiert der unbeholfene Liebhaber Faust
Gretchen gegenüber mechanisch seine
auswendig gelernten abgedroschenen Zitate
aus klassischen Werken herunter. Mephisto
und Frau Marthe haben keine Hemmungen, gleich
geile Wörter zu wechseln und für
einen kurzen Seitensprung sofort ins Bett
zu gehen. Die Bettszene findet in einem
Zimmer statt, das sich auf der oberen Bühne
befindet und wie eine Prostituierten-Kabine
aussieht. Verglichen mit der "Garten"-Szene
des Goetheschen Originals, in der Gretchens
'reine Liebe' zu Faust mit den Bemühungen
von Marthe gegenüber Mephisto in subtiler
Weise im Kontrast gezeigt wird, verstößt
die geradezu obszöne Direktheit und
Derbheit gegen den guten Geschmack. Auf
der anderen Seite gibt diese Szene zum Nachdenken
Anlaß: ob Gretchen wirklich eine Verkörperung
der reinen Unschuld darstellt und die Liebe
zwischen ihr und Faust eine idealisierte
Form der Liebe ist. Wie ist Gretchen hier
dargestellt? Als Faust im Überschwang
der Verliebtheit ihr die schöne Hand
küssen will, erschrickt sie und sagt,
daß ihre Hand schmutzig sei und wegen
ihrer Arbeit im Bierlokal nach Alkohol stinke.
Verfremdungseffekte dieser Art finden
sich überall in der Bühnenfassung.
Im nächsten Moment fällt
sie aber Faust gleich um den Hals und erzählt
über ihre Herkunft. Sie sei ein
Mädchen vom Lande, das wegen der edrückenden
häuslichen Arbeiten das Elternhaus verlassen
habe und in die Hauptstadt geflohen sei.
Deshalb sei sie kein 'vornehmes Fräulein'.
In einem Atemzug gesteht sie aber auch,
daß sie ein Kind von Faust haben will.
Anstatt des tastenden Religionsgesprächs
fordert sie in der zweiten "Keller"-Szene
Faust direkt auf, mit ihr zur Trauung in
die Kirche zu gehen. So gesehen ist
Gretchens Liebe zu Faust nicht ganz frei
von Egoismus und Sexualität. Auch
im Original will sie in der Liebe zu Faust
"vergehen" (V. 3413) und verheimlicht
ihre Sehnsucht nach der sexuellen Vereinigung
mit ihrem Geliebten nicht. Ihr "Busen",
ja ihr "Schoß drängt sich
nach ihm hin", heißt es im Urfaust.18
Mephistopheles
scheint fast kein Teufel mehr
zu sein, sondern fungiert in der Spielhandlung,
wie der epische Rahmen der Bühnenfassung
seine Rolle schon vorgegeben hat, als Spielleiter
und Begleiter des Protagonisten. Allerdings
ist er eher ein derber Antreiber Fausts,
poltert gern und kann sich in Schimpftiraden
gegen diesen ergehen. Er trägt
einen schwarzen Anzug, einen schwarzen Mantel
und einen schwarzen Hut. Abgesehen
von seinem kahlen Kopf hat er keine auffällige
oder stilisierte Teufelsmaske.
Die Volksszenen
"Vor dem Tor" und
"Keller" bevölkern verschiedene
Menschen aus der gegenwärtigen koreanischen
Gesellschaft. In der Szene "Vor
dem Tor" beispielsweise treten Fabrikarbeiter,
Studenten, Bürger, Bettler und Antidemo-Polizisten
auf und politisieren. Es wird über
die aktuellen Probleme der Politik, über
korrumpierte Wahlpraktiken usw. geredet und
geschimpft.
Während
der komödiantisch-derben
Aufführung, die im stets ausverkauften
Haus stattfand, wurde viel gelacht. Darf
man aber in einer Aufführung des Hauptwerks
des größten deutschen Dichters
Goethe - das Stück heißt ja ausdrücklich
'Tragödie' - lachen und sich belustigen?
Darf man so ein klassisches Stück
aus der Weltliteratur in fast entstellter
Fassung spielen? Wo liegt die Grenze
der Aktualisierung und des Regietheaters
usw.? Trotz des großen Publikumserfolgs
war diese Inszenierung in der koreanischen
Öffentlichkeit sehr umstritten. Im
Pro und Kontra dieser Aufführung haben
sich deutlich zwei Parteien gebildet. Die
mehr oder weniger literarisch gebildeten
Zuschauer der älteren Generation fanden
diese Aufführung ärgerlich und
lehnten sie durchweg ab. Aber in den
jüngeren und jungen Zuschauern, die
sich über das vielfältige Bühnenspektakel
amüsieren durften, fand diese Inszenierung
ein dankbares Publikum. Die berufsmäßige
Theaterkritik war auch kritisch und teilweise
ablehnend. Außer vielen Vorankündigungen
in den Tageszeitungen, in denen in der Hauptsache
die bisherigen künstlerischen Leistungen
des Jubilars hervorgehoben wurden, beschäftigten
sich lediglich zwei Kritiken mit der neuen
Faust-Interpretation. AHN Tschi-Un kommt
in seiner Kritik zur Schlußfolgerung,
daß dieser Aufführung eine entstellte
Bühnenfassung, die viele Abweichungen
vom Original aufweist, zugrunde liege. Deshalb
sei sie nur eine Fortsetzung der vorherigen
Faust-Parodie Faust in Bluejeans (1995) sei.19 Die Kritikerin KIM Mi-Do hob einerseits
die generell gelungene Modernisierung des
Faust hervor, aber andererseits fand sie die übertrieben
modische Tagesaktualität störend.
Außerdem leide der Regisseur
unter dem Zwang, daß man unbedingt
koreanische traditionelle Elemente wie beispielsweise
die Erscheinung des Pockengeistes usw. verwenden
müsse.20
Über den
außergewöhnlichen
Publikumserfolg dieser Inszenierung schreibt
Georg Blume in seinem Artikel Flucht in die Träume in der renommierten Wochenzeitung Die Zeit, der sich mit der damals ausgebrochenen
Finanzkrise in Korea befaßt.
An dieser Stelle
wollen wir nicht näher darauf eingehen,
aber das Erfolgskonzept des Regisseurs scheint
eben in dieser "Ästhetik der Vielfalt"
zu bestehen, die auf Kosten der anderen ästhetischen
Qualitaten den Unterhaltungswert einer Aufführung
in den Vordergrund stellt. Mit Sicherheit
kann aber hier festgehalten werden, daß
die literarische Qualität, eben die
'Poetizität'21 des Originaltextes, darunter leidet und
zum erheblichen Teil verloren geht. Man
sollte gründlich darüber nachdenken,
ob nun die Verluste, die sich bei einer solchen
Inszenierungspraxis zwangsläufig ergeben,
mit dem vordergründigen Publikumserfolg
zu rechtfertigen sind. Ohne Zweifel
ist es eines der Verdienste dieser neunen
Faust-Interpretation, daß man endlich die
sogenannte "Einschüchterung durch
die Klassizität"22 überwinden konnte. Auf dieser
Basis könnte vielleicht ein neuer, unvoreingenommener
Zugang zum Hauptwerk Goethes gefunden werden.
Dank des Zeit-Artikels wurde man auch in Deutschland auf
diese Inszenierung aufmerksam, und es wäre
fast ein Gastspiel im Rahmen des 250. Goethe-Jubiläums
in Deutschland zustande gekommen.
(8) Die 7. Inszenierung (= Die erste Gesamtinszenierung
aus Anlaß des 250. Geburtstags von
Goethe)
Goethes Faust, Teil I + II ; Premiere der szenischen Lesung
am 27. 03. 1999, Seoul Arts Center
Die Korrektur
bzw. Ergänzung der letzten
umstrittenen Faust-Inszenierung ließ aber nicht lange
auf sich warten. Die als "szenische
Lesung" (= reading presentation) angekündigte
Faust-Aufführung, die im Rahmen des Goethe-Festivals
von 26. März bis 11. April 1999 im Arts
Center in Seoul stattfand, war mit allen
ihren naturgegebenen Einschränkungen
für das koreanische Publikum eine angenehme
Überraschung. Die Darsteller hielten
zwar jeweils die Bühnenfassung in einer
Hand, aber daraus lesend vollbrachten sie
ihre schauspielerischen Aktionen. Da
die Deklamation des Dramentextes sachgemäß
im Vordergrund stand und die Theatralik der
darstellerischen Aktion, des Bühnenbildes
und Kostüms dementsprechend eingeschränkt
war, konnten sich sowohl die Schauspieler
als auch die Zuschauer viel mehr auf den
Text konzentrieren. Da die beiden Teile
an einem Abend gegeben wurden, dauerte die
Vorstellung von 7.30 bis kurz nach 11.30
Uhr mit einer Pause nach dem I. Teil. In
dieser vierstündigen Aufführung
nahm das Publikum das Bühnengeschehen
mit Begeisterung und Konzentration auf. Von
Langeweile konnte gar keine Rede sein! In
der Bühnengeschichte des Faust in Korea war diese Aufführung ein durchaus
denkwürdiges Theaterereignis, weil auch
der II. Teil der Tragödie zum allerersten
Mal, wenn auch stark gekürzt, in 'theatralischer
Form' dem koreanischen Publikum präsentiert
werden konnte. Damit konnte meiner
Ansicht nach eine der ersten Voraussetzungen
für eine künftige Aufführung
der beiden Teile des Faust geschaffen werden, da die Öffentlichkeit
in der koreanischen Theaterszene auf die
Einheit des Faust I und II aufmerksam gemacht wurde. Außerdem
ist zu erwarten, daß auch das Publikum
dadurch zur eingehenden Lektüre des
II. Teils angeregt und angeleitet wird.
Auf der nackten
Bühne - nur schwach
angedeutete gothische Wände waren im
Hintergrund zu sehen - spielte man ohne interpretatorische
Mithilfe des Bühnenbildes und begnügte
sich gelegentlich mit einigen unbedingt notwendigen
Versatzstücken. Kostüm und
Maske kamen auch mit sehr wenigem Aufwand
aus. Alle Darsteller trugen fast die
ganze Zeit geringfügig stilisierte Mäntel
bzw. Umhänge. Man wußte
aber aus der Not eine Tugend zu machen. Auf
der leeren Spielfläche konnten verschiedene
Räumlichkeiten und Phantasiewelten frei
geschaffen werden und deshalb gab es natürlich
keine Umbauprobleme.
Was die schauspielerischen Leistungen betrifft,
war der Darsteller des Mephistopheles KANG
Shin Il an erster Stelle zu nennen.
Durch sein witziges, schalkhaftes und souveränes
Spiel bestach er das Publikum und wußte
es über vier Stunden lang 'bei der Stange
zu halten'. Trotzdem war aber seine
Spielweise keineswegs aufdringlich. Verglichen
mit ihm führte der Protagonist Faust,
verkörpert durch den Schauspieler SHIN
Yong Wook, schauspielerisch eher ein Schattendasein.
Das mag u. a. an der Rolle liegen.
Zwei dramaturgische
Eingriffe haben der Regisseur
Kim Kwang-Lim und die Dramaturgin KIM Miy
He vorgenommen. Erstens mußten
sie, um beide Teile des Faust an einem Abend spielen zu können, das
ganze Stück von 12 111 auf ca. 42 000
Verse drastisch kürzen. Zum anderen
führten sie den Erzähler "Goethe"
ein und ließen ihn "Zueignung"
als Vorspiel und andere 'Brückentexte'
in der Bühnenfassung vorlesen. Durch
die drastische Kürzung des Stückes
entstand dann insgesamt ein "Faust-Digest", dessen Parallele in der deutschen
Bühnengeschichte in der Darmstädter
Inszenierung von Istvan Bödy und Ingo
Waßerka im Jahre 1975 gefunden werden
kann.22 Daß so eine Aufführung
einer radikal gekürzten Fassung in vieler
Hinsicht problematisch ist, brauchte nicht
eigens zu betont zu werden.
Von den drei
Prologen wird nur die "Zueignung"
von der Erzählerfigur "Goethe"
vorgelesen. Daran schließt sich
direkt die Szene "Nacht" an. Danach
tritt der Erzähler "Goethe"
insgesamt dreimal im I. Teil auf: erstens
vor dem Erscheinen des Erdgeistes in dem
Eröffnungsmolog Fausts (Bühnenfassung,
S. 3), zweitens an der Stelle der "Hexenküche"
(Bühnenfassung, S. 28) und drittens
am Anfang der Szene "Wald und Höhle"
(Bühnenfassung, S. 45). Der Monolog
Fausts wird durch den Auftritt des Erzählers
"Goethe" als Brückentextsprecher
bei Vers 413 unterbrochen.
Im Anschluß
an die Szene "Auerbachs
Keller in Leipzig" tritt nun der Erzähler
auf und faßt den ganzen Verjüngungsvorgang
des Helden in der "Hexenküche"
und dessen Folgen inhaltlich zusammen. Der
erste Teil des Brückentextes ist die
Verjüngung und der zweite Teil sind
die voraussichtlichen Folgen davon. Nach
dieser Überleitung kann jetzt die Szene
"Straße" beginnen.
Auf Grund dieser
Brückentexte des Erzählers
"Goethe" kann hier folgendes festgehalten
werden: 1. In den Brückentexten kommentiert
der Erzähler die Spielhandlung, faßt
sie zusammen und leitet zur nächsten
Handlung über. 2. Dank der Brückentexte
können ganze Szenen wie beispielsweise
"Hexenküche", "Marthens
Garten", "Zwinger", der große
Teil des 4. Aktes in Faust II (V. 10240-11042) usw. gänzlich ausgespart
oder aber wesentlich gekürzt werden.
3. Faust wird in diesen Erzählerpassagen
immer direkt angesprochen. 4. Zum letzten
Mal tritt der Erzähler in der Szene
"Grablegung" des 5. Aktes im II.
Teil und verkündet zweimal: "Die
Seele Fausts, seine unsterbliche Seele, wird
von den Engeln in den Himmel gehoben."(Bühnenfassung,
S. 119) Damit wird der große
epische Bogen der ganzen Dichtung, der am
Anfang mit der "Zueignung" beginnt,
geschaffen.
Wenn man hier
wiederum nach Parallelen in
der deutschen Bühnengeschichte des Faust Umschau halten wollte, könnte man v.
a. die Urfaust-Inszenierung von Egon Monk und Bertolt Brecht
des Jahres 1952/53 nennen.24 Brecht gab den Urfaust auch als ein episches Spiel. In dieser
Inszenierung hat Brecht auch eigene Brückenverse
verwendet, die die Handlungs- und Inhaltslücken
füllen sollten. Während aber
Brecht in seiner Inszenierung einen der Darsteller
vor den geschlossenen Vorhang treten und
die jeweiligen Zwischentexte vorlesen ließ,
war die Funktion des Erzählers in der
Seouler Inszenierung des Jahres 1999 vollkommen
in den Text integriert. Der epische
Erzähler "Goethe" und seine
Zwischentexte in der koreanischen Aufführung
sind ein integrierter Bestandteil der ganzen
Spielhandlung. In Dieter Dorns Münchner
Inszenierung (1987)25 werden auch der Herr im "Prolog im
Himmel" und Faust in der "Anmutigen
Gegend" in der Pose Goethes in der Campagna
gezeigt. Goethe bildet sozusagen dezent
den Rahmen der ganzen Aufführung.
Die Theaterkritiken,
die sich mit den drei
Aufführungen von Stella, Iphigenie und Faust, die im Rahmen des 250. Jubiläums des
größten deutschen Dichters Goethe
stattfanden, beschäftigten, standen
in gar keinem Verhältnis zu den zahl-
und umfangreichen Vorankündigungen in
der Presse. Lediglich eine einzige
kurze Kritik ist in dem Maiheft der Monatszeitschrift
The Auditorium erschienen.26 Nach einer ausführlichen Erläuterung
über die in Korea zum ersten Mal erprobte
Form der szenischen Lesung geht die Kritikerin
KIM Kwang-Sun hier nur flüchtig auf
die Aufführung des Faust ein. Darin wird die theatergeschichtliche
Bedeutung der Tatsache, daß Faust II in Korea die Erstaufführung erlebt
habe und vielleicht diese Form der Präsentation
für den II. Teil eher geeignet sein
könnte, hervorgehoben. Andererseits
wird auch das Problem der drastischen Kürzung,
insbesondere des II. Teils zur Sprache gebracht.
Außerdem habe die Zwischenform
von Lesung und halber Aktion die Schauspieler
eher verwirrt.
Auch in einer
Diskussionsrunde der Theaterkritiker
"Über die Aufführungen des
Monats"27 kamen die Aufführungen des Goethe-Festivals
zur Erörterung. Eine Teilnehmerin
der Diskussion LEE Mi-Won meint: "Bei
dem ersten Versuch der szenischen Lesung
haben sich allem Anschein nach die drei Regisseure
von einem verschiedenen Verständnis
des Begriffes "szenischer Lesung"
leiten lassen. Im Falle von "Stella"
sah es fast wie eine richtige Aufführung
aus. Wegen der üppigen Anwendung
der epischen Techniken konnte man sich des
Eindrucks nicht erwehren, als befände
man sich auf einem Brecht Theater-Festival.
(...) Die Aufführung des
Faust sei eine sehr lange gewesen. Trotzdem
war es keine Aufführung des unverkürzten
Originals. Es wäre der Form der
szenischen Lesung gerechter gewesen, wenn
man ohne den I. Teil, der ja mehrmals in
Korea zur Aufführung kam, nur den II.
Teil, in dem der Protagonist Faust in der
Welt der griechischen Mythologie nach dem
Ursprung der Menschheitsgeschichte sucht,
behandelt hätte. (...)"28 Nach Meinung des Kritikers KIM Yun-Cheol
besteht die Bedeutung des Theaterereignisses
gerade darin, daß Faust II überhaupt zur Erstaufführung
in Korea kam und damit die Neugierde des
Publikums geweckt werden konnte. Außerdem
könne diese Form der kostengünstigen
Aufführung auch dazu dienen, eine breitere
Bevölkerungsschicht für Literatur
und Theaterkunst zu interessieren. Bei
der allgemeinen Tendenz des Primats der Körpersprache
auf dem Theater, so die Kritikerin KIM Bang-Ok,
hätten die Aufführungen des Goethe-Festivals
in der neuen Form der szenischen Lesung wieder
an die Wichtigkeit der Worte von dramatischen
Texten erinnert.
In ihren schriftlichen
Berichten, die die
Studenten der Lehrveranstaltung "Deutsche
Klassik" des Verfassers im letzten Semester
nach dem Theaterbesuch geschrieben haben,
äußerten sie sich alle einhellig
sehr positiv über die Aufführung
des Faust. Da sie im voraus gründlich auf
den Theaterbesuch vorbereitet wurden, waren
sie auch besser als normale Zuschauer in
der Lage, die Aufführung zu würdigen.
Trotz aller
Einschränkung der theatralischen
Darbietungsform "szenische Lesung"
wurde, so kann an dieser Stelle festgehalten
werden, die letzte Inszenierung des Faust im Rahmen des 250. Jubiläums-Veranstaltungen
von Publikum und Kritik positiv aufgenommen.
Die Aufführungen waren immer gut
besucht und die meisten Zuschauer blieben
auch bis zum Ende. Was die Publikums-
information und -erziehung angeht, ist aber
viel zu wünschen übriggeblieben.
Obwohl das Programmheft für die
meisten Zuschauer die einzige Möglichkeit
der Information darstellt, ist es inhaltlich
nicht so ergiebig. Das gemeinsame Programmheft
enthält bezüglich der Faust-Aufführung nur eine Einführung
in die Form der szenischen Lesung von der
Dramaturgin KIM Miy-He und eine kurze Inhaltsangabe
des Faust I und II. Daß auch der II. Teil im Anschluß
an den I. Teil am gleichen Abend zur Aufführung
kommt, ist in der Titelangabe "Faust" nicht explizit angegeben.
IV. Ausblick und Schlußfolgerungen
Im III. Teil
meiner Ausführungen habe ich sieben
Faust-Inszenierungen und eine Faust-Parodie in chronologischer Reihenfolge behandelt.
Diese Inszenierungen, die seit der Erstaufführung
im Jahre 1966 bis zur Jubiläumsaufführung
des I. und II. Teils aus Anlaß des
250. Geburtstages von Goethe in diesem Jahr
zustande kamen, machen die ganze Bühnengeschichte
des Faust in Korea aus. Aus der obigen Darstellung
können folgende Schlußfolgerungen
gezogen werden:
Obwohl die
Zahl der Faust-Inszenierugen, die in einem Zeitraum von
etwa drei Jahrzehnten in Korea zustande kamen,
nicht sehr groß ist, kann sie angesichts
der mangelhaften Lage des Theaters in Korea
als beachtlich bezeichnet werden. Die
koreanische Nation hat sich auch auf ihre
eigene Weise theatralisch mit dem Hauptwerk
des größten deutschen Dichters
auseinandergesetzt und dadurch auch am internationalen
Diskurs über eines der wichtigsten Werke
der Weltliteratur teilgenommen.
Im Laufe der
Zeit hat sich herausgestellt,
daß jede Faust-Aufführung in gewissen zeitlichen Abständen
immer ein Publikumserfolg wird. Dies
ist ein sicherer Beweis der ungebrochenen
Popularität von Goethe bzw. von dessen
Hauptwerk bei Koreanern. Dieses Potential
sollte zur weiteren Beschäftigung mit
Goethes Faust und schließlich zur Entwicklung der
koreanischen Theaterkultur genützt werden.
Faust gilt als Prestigeobjekt und gehört
fast zum Standardrepertoire jedes angesehenen
Theaters. Die bekannteste Schauspielerpersönlichkeit
CHANG Min-Ho identifiziert sich mit der Titelrolle.
Faust ist die Rolle seines Lebens.
Er würde gerne als 80jähriger
noch einmal Faust auf der Bühne übernehmen,
bekannte er sich neulich dem Verfasser gegenüber.
Ein klassisches
Werk wie Faust sollte ohne modische Bearbeitung und werkfremde
Eingriffe dem Originaltext getreu aufgeführt
werden.
Wir sind an
einem Zeitpunkt angelangt, was
die Übersetzungsqualität des Faust und die inszenatorische Erfahrung des koreanischen
Theaters betrifft, gemeinsam über die
Gesamtaufführung des Stückes Überlegungen
anzustellen und sie auch in den nächsten
Jahren anzustreben. Auch die Regisseure,
die meinen 'Faust-Fragebogen' beantwortet haben, bekunden
ohne weiteres ihre Absicht, in Zukunft wenn
möglich den ganzen Faust zu inszenieren.
Für ein
so großes Vorhaben müssen
auch begleitende Maßnahmen der Publikumserziehung
wie die Publikation von ausführlichen
Broschüren und Programmbüchern,
Publikumsinformationen und Publikumsgespräche,
Schulbesuche usw. ergriffen werden. Dafür
ist eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen
dem Theater und der Hochschule bzw. den Schulen,
zwischen Theaterleuten und Germanisten wünschenswert
und erforderlich.
Das Programmheft,
das gewöhnlich aus
formellen Grußworten und Porträtfotos
der Darsteller besteht, sollte inhaltlich
verbessert werden und mehr nützliche
Dokumente und Materialien zum Verständnis
des Dramas und der Aufführung enthalten.
Die Theaterkritiken
sollten ausführlicher
auf die Aufführungen eingehen und die
jeweilige Aufführung differenzierter
besprechen.
Es sollte ein
Archiv oder ein Theatermuseum
eingerichtet werden. Theatergeschichtliche
Dokumente sollten systematisch gesammelt,
archiviert und den Interessenten zugänglich
gemacht werden.
Es sollte so
etwas wie ein Faust-Forum geschaffen werden.
Anmerkung
1. K. Esselborn (1999): Deutsche Gegenwartskunde
anhand von Gegenwartliteratur, Vortragsmanuskript,
29.5.1999 in Seoul, S.18.
2. Vgl. H. Kraus (1994): Aspekte der
Brecht-Rezeption in Frankreich. In: H. Koopmann/Th.
Stammen (Hg.), Bertolt-Brecht - Aspekte seines
Werkes, Spuren seiner Wirkung, Munchen, S,
221.
3. Vgl. KOH Wee-Kong: Faust-Übersetzungen
in Korea, in: Ponyok-Yonku, 1994/2, S. 47-68.
4. Die Sammlung von Zeitungsartikeln
des Seoul Arts Center zählt etwa 30.
Vgl. The Kyeong-Hyang Shinmun, 25.01.99 usw.
5. Vgl. G. Hielscher: Goethe im Gingko-Land.
Südkorea fiebert dem 250. Geburtstag
des Dichters entgegen. Süddeutsche Zeitung,
7.4.1999.
6. Die Buchhandlung 'Kyobo Book Centre'
bietet 21 u. 'Young Poong Bookstore' 32 Faust-Ausgaben.
Die kor. Nationalbibliothek führt in
ihrem Bestand 54 Faust-Ausgaben von 1956
bis 1995; die ersten Faust-Übersetzungen:
KYE Yong-Mook, Faust I, 1956; LEE Man-Sung,
Urfaust.; Faust I, 1958; KIM Dal-Ho, Faust
I+II, 1963.
7. Vgl. CHANG-Chin-Gill (1994): Ein
kritischer Vergleich verschiedener koreanischer
Faust-Übersertzungen. In Ponyok-Yonku,
1994/2, S. 108-143. (kor.)
8. Das Interview fand am 20.07.1999
im Dongsung Art Centre, Seoul statt.
9. Vgl. B. Mahl (1998): Goethes Faust
auf der Bühne. Stuttgart, S. 141-146.
10. Eine zeitgeschichtliche Anspielung: in
den achtziger Jahren wurde eine Studentin
in Untersuchungshaft von einem für sie
zuständigen Polizeikommissar sexuell
mißbraucht und ihr Fall wurde ein Politikum.
11. Vgl. B. Mahl (1998): S. 245.
12. Ebda.
13. LEE Youn-Taek: Faust in Bluejeans, Bühnenfassung,
S. 36.
14. Son Sook: Das harmonische Zusammenspiel
der drei Schauspieler. The Chosun Ilbo, 20.4.1995.
15. Vgl. Brecht: GW 17, 1275-1277.
16. Vgl. Faust-Bühnenfassung (1997):
S. 7.
17. Diese Verjungungsszene erinnert an die
entsprechende
Szene in der Kolner Inszenierung von Jurgen
Flimm, die am 9. Juni 1983 im Schauspielhaus
Premiere hatte; Buhnenbild: Erich Wonder.
Vgl. Zum Augenblicke sagen, verweile doch!
(1985) S. 95, 98 f.
18. Vgl. Faust, I. Teil, V. 3406 f.; Urfaust,
V. 1098 f.
19. Ahn Tschi-Un, 'Theaterkritik'. The Hankyoreh,
21.11.1997. Der Regisseur bestreitet aber
entschieden, das sein Faust in Bluejeans
und seine Faust-Inszenierung eine Faust-Parodie
seien. Vgl. LEE Youn-Taek: Jetzt-Hier-Unser
Theaterstil (1999), S. 22.; Faust-Fragebogen
(15.07.1999).
20. Kim Mi-Do, 'Ein kühnes, aber gefährliches
Unternehmen'. The Auditorium, 1997/12, S.
194-197.
21. Vgl. Ulrich Suerbaum: Vorwort zu W. Shakespeare,
King Lear/Konig Lear. Stuttgart 1992. S.
8. (= RUB 9444)
22. Vgl. Anmerk. 15.
23. Vgl. B. Mahl (1998): S. 154-156.
24. Vgl. B. Mahl (1998): S. 192-197.
25. Ebda.: S. 187-190., S. 186.
26. KIM Kwang-Sun: Goethes dramatische Texte
in der Form der szenischen Lesung. In: The
Monthly Music & Performing Arts Maganzine
Auditorium, 1999/5, S.192-193.
27. Über die Aufführungen des Monats".
In: The Korean Theatre Review, 1999/5, S.
6-9.
28. Ebda., S. 7.