Deutsche Leitseite Japanische Leitseite
Aktuelle Mitteilungen Bibliothek Dokumentations-
archiv
Kultur-
austausch
Aktuelle Mitteilungen Bibliothek Dokumentations-
archiv
Kultur-
austausch
Links Publikationen Goethe-Symposium Links Publikationen Goethe-Symposium


Goethes Faust auf der koreanischen Bühne

Überlegungen zur Rezeption in Korea

Prof. Rhie Won-Yang, Ansan



I. Vorbemerkungen

     Die Bühnengeschichte von Goethes Faust in Korea hat erst mit der Erstaufführung des Faust I im Jahre 1966 ihren Anfang genommen.  Sie hat also keine lange Tradition aufzuweisen.  Das steht einerseits mit der allgemeinen geschichtlichen Entwicklung des Landes im 20. Jahrhundert in Zusammenhang, zum anderen hat Korea keine lange Theatertradition im europäischen Sinne. Das Theater europäischer Prägung, "Shinguek" ("neues Theater") genannt, wurde erst Anfang dieses Jahrhunderts über Japan eingeführt.  Mit dem Ende des 2. Weltkriegs ging zwar auch die 36jährige japanische Kolonialzeit in Korea zu Ende, aber die darauffolgende politische Entwicklung wie die Teilung des Landes und der Korea-Krieg (1950-53) waren alles andere als günstig für den Aufbau einer neuen Theaterkultur.

     Es wäre sicher eine lohnende Arbeit zu untersuchen, warum in Korea, das im Laufe der Zeit auf vielen anderen Gebieten eine eigenständige Hochkultur entwickeln konnte, keine bühnenfähige Dramatik und Theaterkultur entstanden sind.  Einer der mutmaßlichen Gründe ist ohne Zweifel im strengen kunstfeindlichen Konfuzianismus zu suchen, der 500 Jahre lang als Staatsdoktrin der autoritären letzten Chosun-Dynastie diente.  Alle gesellschaftlichen und menschlichen Beziehungen wurden nach einer hierachischen Ordnung des Konfuzianismus festgelegt und das feste soziale Gefüge erlaubte keine öffentliche Auseinandersetzung zwischen einigermaßen gleichberechtigten Partnern.  Ohne ein Zugeständnis zum emanzipatorischen, demokratischen Individualismus kann sich keine Dramatik entwickeln.  Dramatik setzt Konflikte und deren Lösungsversuche in zwischenmenschlichen Beziehungen voraus.  Es versteht sich von selbst, daß der koreanischen Literatur, da sich keine bühnenfähige Theaterform entwickelt hat, auch die literarische Gattung Dramatik fremd war.  Da Korea keine klassische Theatertradition mit nationaler Dramatik hat und sich folglich auch nach dem 2. Weltkrieg keine ausgeprägte Theaterkultur etablieren konnte, gibt es auch in der Schule kaum Dramenunterricht bzw. regelmäßige Theaterbesuche.

     Wenn man im allgemeinen von der Komplexität der Rezeptionsvoraussetzungen bzw. der "Kulturalität von Literatur"1 bei der Aufnahme fremdsprachiger Literatur spricht, erhöht sich deren Grad erheblich im Bereich des Theaters, da die traditionelle und strukturelle Verschiedenheit der Vermittlungsinstanz "Theater" beider Länder das Verständnis entscheidend erschweren kann.2  Abgesehen vom Koreanischen Nationaltheater in der Hauptstadt Seoul und von einigen städtischen Bühnen wird der ganze Theaterbetrieb von kleinen privaten Theatergruppen als Kommerztheater aufrechterhalten.  Die kommerziellen Theatergruppen, die in den meisten Fällen allein auf eigene Einnahmen angewiesen sind, müssen bei den in den letzten Jahren enorm gestiegenen Produktionskosten und künstlerisch-ästhetischen Ansprüchen der Zuschauer um Überlebenschancen kämpfen.  Es ist deshalb fast ein Wunder, wenn trotz alledem die eine oder die andere gelungene Inszenierung zustande kommt.  Ohne finanzstarke Sponsoren wie Firmen, Banken, große Tageszeitungen, Rundfunkanstalten sind aber keine größeren Aufführungen zu bewerkstelligen.  Diese grundlegenden Tatsachen der koreanischen Theatertradition und -wirklichkeit sollten in der Rezeptionsforschung fremdsprachiger Dramtik gebührend berücksichtigt werden.

     Da bereits einige Untersuchungen über die Goethe- bzw. Faust-Rezeption in Korea vorliegen3, möchte ich mich in folgenden Ausführungen nur auf die koreanische Bühnengeschichte des Faust beschränken.

II. Eine koreanische Bühnengeschichte von Goethes Faust?

     Die Pionierarbeiten und die Bemühungen einiger engagierter Literaten und Theaterleuten, die in Japan Germanistik bzw. europäische Literatur studiert und Goethe und seine literarischen Werke u.a.m. in den 20er und 30er Jahren in Korea vorgestellt und Faust teilweise übersetzt hatten, reichten aber bei weitem nicht zu einer Theateraufführung aus.  Man hatte noch lange zu warten, bis endlich die Aufführung des Faust zustande kommen konnte.  Da die ersten Übersetzer und Multiplikatoren bei der allerersten Bekanntmachung und Vorstellung von Goethe und dessen literarischen Werken Goethe als Genie und größten deutschen Dichter im Range von Dante, Shakespeare und Tolstoi eingeführt haben, hat sich gleich eine Goethe-Verehrung in Korea eingebürgert.  Goethe ist in der Vorstellung der breiten Bevölkerung als Autor von Die Leiden des jungen Werthers und Faust populär.

     Seit der koreanischen Erstaufführung des Faust I im Jahre 1966 wurden in den letzten drei Jahrzehnten nur dieses Hauptwerk des Dichters siebenmal und einmal eine Parodie Faust in Bluejeans inszeniert.  Goethes andere dramatische Dichtungen waren bis jetzt auf der koreanischen Bühne so gut wie unbekannt.  Daß Goethe auch andere Dramen außer Faust geschrieben hat, hat man erst in diesem Jahr auf dem Goethe-Festival, das anläßlich des 250jährigen Jubiläums des Dichters vom Seoul Arts Center veranstaltet wurde, richtig zur Kenntnis genommen.  Vom 26. März bis zum 11. 1999 April führte man unter dem Titel "Goethe-Festival" Theateraufführungen, Filmvorführungen, Lesungen der Gedichte, Ausstellungen und Konzerte durch.  Im Rahmen der "szenischen Lesung" wurden drei Stücke wie Stella, Iphigenie und Faust I + II inszeniert.  Selbst der Veranstalter und andere Beteiligte des Goethe-Festivals waren über den allgemein großen Publikumszuspruch überrascht.  Vor allem schenkten die großen Tageszeitungen und Rundfunkanstalten, die sonst Kunst und künstlerische Ereignisse ziemlich stiefmütterlich behandeln, dem Goethe-Festival ungewöhnlich große Aufmerksamkeit.  Die Zeitungen berichteten, meistens verziert mit einem Goethe-Porträt wie z. B. Tischbeins Goethe in der Campagna, dem Goethe-Schiller Denkmal in Weimar oder anderen Standard-Fotos, von Anfang März bis Anfang April konzentriert über die bevorstehenden Veranstaltungen.4  Auch der Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Tokyo Gebhard Hielscher bestätigt in seinem Bericht Goethe im Gingko-Land die Popularität Goethes unter Koreanern und den Erfolg der Jubiläumsveranstaltungen.5

     Der Grad der nach wie vor anhaltenden Popularität von Goethe und dessen Hauptwerk läßt sich auch an der Tatsache ermessen, daß zur Zeit über zwanzig Faust-Ausgaben im Sortimentsbuchhandel erhältlich sind.6  Natürlich sollte man hier genauer differenzieren, ob Teil I und Teil I in einem Band oder dieselben Übersetzungen doppelt bzw. mehrfach in zwei oder gar drei Verlagen erschienen sind.  Hierbei spielen sicher unlautere Geschäftspraktiken der Verlage eine Rolle.  Vergleichende Untersuchungen über die Übersetzungsqualität und das Nieveau und den Umfang der leserfreundlichen Kommentare usw. wären hier vonnöten.7  Wie dem auch sei, sei an dieser Stelle nur festgehalten, daß sich Faust als Hauptwerk des größten deutschen Dichters Goethe großer Beliebtheit beim koreanischen Lesepublikum erfreut.

     Da der Verfasser der Ansicht ist, daß die koreanischen Inszenierungen direkt oder indirekt von der Entwicklung der Faust-Aufführungen in Deutschland beeinflußt werden, hat er auch Parallelen und Vorbilder aus der deutschen Bühnengeschichte, die zum Verständnis der koreanischen Aufführung Anhaltspunkte geben oder zumindest als Orientierung dienen, mit einbezogen.  Die Aufführungen werden nach ihrer chronologischen Reihenfolge behandelt.

     Trotz der relativ kurzen Bühnengeschichte des Faust und der oben dargestellten mangelhaften Dokumentation ist es anläßlich des 250jährigen Jubiläums des Dichters an der Zeit, eine Bilanz der bisherigen koreanischen Faust-Inszenierungen zu ziehen und über zukünftige Perspektiven nachzudenken.  Zum ersten Mal ist ja auch der II. Teil des Faust, wenn auch mit einer drastisch verkürzte Bühnenfassung in eingeschränkter Form der szenischen Lesung in diesem Jahr zur Aufführung gelangt.

III. Analyse der Faust-Inszenierungen in Korea

     Die Bühnengeschichte des Faust in Korea weist einige charakteristische Grundzüge auf. Seit der koreanischen Erstaufführung im Jahre 1966 gab es in den letzten drei Jahrzehnten insgesamt sieben Faust-Inszenierungen und eine Faust-Parodie.  Angesichts der Tatsache, daß Korea keine lange Theatertradition und kein gut ausgebautes Theaterwesen hat, ist es immerhin eine beachtliche Zahl. Seit der Erstaufführung gilt Faust immer als Prestigeobjekt, gehört zum festen Repertoire größerer angesehener Theatergruppen, und namhafte Regisseure haben den Ehrgeiz, einmal Faust zur Aufführung zu bringen.  Jede Faust-Aufführung mit Star-Besetzung ist in gewissen Abständen immer ein großer Publikumserfolg.  Das hat unter anderem mit der Goethe-Verehrung der Koreaner zu tun.  Den meisten Koreanern ist Goethe kaum als Dramatiker oder als Theatermann, sondern nur als Faust-Autor bekannt.  In der Vorstellung der meisten Koreaner hat sich deshalb im Laufe der Zeit so eine unlösbare Einheit "Goethe = Faust = großer deutscher Geist" herausgebildet.  Bis zum Goethe-Festival in diesem Jahr ist außer dem Faust kein anderes Drama von Goethe zur Aufführung gelangt.  Da man im allgemeinen den Autor Goethe und den Protagonisten seines Hauptwerks Faust nicht auseinanderhält, sondern fast gleichsetzt, hat sich ein positives und idealisiertes Faust-Bild herausgebildet.  Aufgrund der langen Tradition der konfuzianischen Gelehrtenverehrung in Korea wird kaum die problematische Seite der Hauptgestalt gesehen, sondern der strebsame Faust wird als großer Gelehrter und Wissenschaftler idealisiert.  Nur die vorletzte Inszenierung des Jahres 1997 und die ihr vorangegangene Faust-Parodie (1995) bilden eine Ausnahme.  Der Erfolgsregisseur LEE Youn-Taek hat in seiner umstrittenen Inszenierung mit dieser Tradition gebrochen und eine provokative Interpretation gewagt.  Im folgenden wollen wir im einzelnen auf die jeweilige Inszenierung eingehen.

(1) Die koreanische Erstaufführung (= Eine Einstudierung der Theatergruppe "Tschang Jo" am Koreanischen Nationaltheater, Altes Haus in Myeong-Dong, Seoul)
Goethes Faust I ; Premiere am 31. 10. 1966

     Der Regisseur SUH Hang-Suk (1900-1985) gehörte zur ersten Generation der Studenten, die in Japan europäische Literatur studiert hatten und war von 1953 bis 1961 Direktor des Koreanischen Nationaltheaters.  Sein lang gehegter Wunsch, als Germanist und Theatermann Faust ins Koreanische zu übersetzen und die koreanische Erstaufführung zustande zu bringen, sollte erst 1966 in Erfüllung gehen.  Von dieser legendären Aufführung gibt es außer ein paar Fotos keine schriftlichen Zeugnisse und Dokumente, so daß es fast unmöglich ist, sie annährend exakt zu beschreiben.  Die hektographierte Bühnenfassung von 1977 hat einen Umfang von 167 Seiten.  Da die Bühnenfassung in Prosa pro Seite 13 Zeilen hat, dürfte sie weit weniger als 2000 Verse enthalten.  Die Aufführungszeit betrug drei Stunden.  Man kann nur aufgrund einiger Augenzeugenberichte ein paar Anhaltspunkte sammeln und mehr oder weniger Mutmaßungen über die Inszenierung anstellen.  Auf jeden Fall war die Erstaufführung so ein großer Publikumserfolg, daß sie gleich im darauffolgenden Monat wiederholt werden mußte.  Man kann auch annehmen, daß die Bevölkerung damals kulturhungriger bzw. zumindest kulturell interessierter war als heute.  Damals gab es sicher weniger kulturelle Veranstaltungen und die Ansprüche der Zuschauer waren auch nicht so hoch wie heute.  Für den damaligen Faust-Darsteller CHANG Min-Ho, der in seiner 50jährigen Schauspieler-Laufbahn als Mitglied des Nationaltheater-Ensembles insgesamt viermal Faust gespielt hat, war es der Anfang seiner Faust-Karriere.  In einem Interview, das der Verfasser mit ihm geführt hat, erzählte er, daß man sich bei der Erstaufführung und bei der zweiten Aufführung im Jahre 1977 vor allem darum bemüht habe, trotz der unvermeidlichen Kürzungen eine dem Goetheschen Original möglichst getreue Inszenierung zu erreichen.  SUH Hang-Suk mochte vielleicht ein qualifizierter Germanist und Übersetzer gewesen sein, aber er war beileibe kein talentierter Regisseur.  Da die Proben aufgrund seiner häufigen Abwesenheit und Unfähigkeit als Regisseur ins Stocken geraten seien, habe der Regisseur LEE Hae-Rang einspringen und die Inszenierung retten müssen.8

(2) Die zweite Inszenierung (= Die erste Einstudierung des Nationaltheater-Ensembles)
Goethes Faust I ; Premiere am 29. 6. 1977

(3) Die 3. Inszenierung (= Die 2. Einstudierung des Nationaltheater-Ensembles in deutsch-koreanischer Zusammenarbeit; aus Anlaß des 100. Jubiläums der deutsch-koreanischen Beziehungen)
Goethes Faust I ; Premiere am 26. 10. 1984

     Aus Anlaß des 100. Jubiläumsjahres der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Korea und Deutschland wurde Faust in deutsch-koreanischer Zusammenarbeit am Nationaltheater aufgeführt.  Unter der Gastregie von Dieter Giesing aus Hamburg spielten die besten Schauspieler des Nationaltheater-Ensembles.  Dem Team der Gastregie gehörten auch der Bühnen- und Kostümbildner Manger und Musiker Hansgeorg Koch an.  Die bisherigen Bemühungen in Korea, Faust adäquat auf die Bühne zu bringen, fanden in dieser repräsentativen Inszenierung ihre Vollendung.  Die Hauptdarsteller CHANG Min-Ho als Faust und KWON Seong-Deok als Mephisto zeigten ihre höchsten schaupielerischen Leistungen.  Der Regisseur Giesing legte großen Wert darauf, daß Goethes Faust trotz der Streichungen in originaler Szenenfolge und großer Texttreue zur Darstellung kam.  Der gesamte Eindruck der Aufführung wirkte damals sowohl in der Schauspielerführung als auch im Bühnenbild und Kostüm sehr modern.

     Das Bühnenbild und die Kostüme waren in ihrer schlichten Kargheit und Nüchternheit beeindruckend und erinnerten im großen und ganzen an das Prinzip der "Entrümpelung" in der berühmten Hamburger Inszenierung des Jahres 1957/58 von Gustaf Gründgens und Teo Otto.9  Im Studierzimmer beispielsweise, einem geschlossenen Raum mit kaltem Neonlicht in der Mitte der Bühne, gab es überhaupt keine Möbel wie etwa Schreibtische, Regale, Laborgeräte oder andere Utensilien, sondern es lagen nur stapelweise Bücher auf dem Fußboden.  Durch diese Bücherhaufen bewegte sich Faust und später dann auch Mephisto.  An der kahlen Wand hing nur die Zeichnung "Der Mensch" von Leonardo da Vinci (1485/59). Als Faust und Mephisto für ihre Weltfahrt das Studierzimmer verlassen wollten, ging eine papierene Wand auf Mephistos Händeklatschen entzwei und machten ihnen den Weg frei.  Für die Szene "Vor dem Tor" ließ man einen großen halbdurchsichtigen Vorhang fallen und auf der Vorderbühne spielte man die Volksszene.  In der Szene "Walpurgisnacht" stand ein Podium aus 20 Fernsehgeräten, die jeweils rechts und links um einen großen Bildschirm in der Mitte in zweier Reihen gruppiert waren.  Auf den Monitoren flimmerten verschiedene, z.T. pornographische Bilder, und Mephisto dirigierte auf dem Podium mit einem Megaphon die Hexen, die davor und darauf live agierten.  In der Kerker-Szene saß Gretchen in der Neonkühle eines vergitterten hohen Käfigs, der sich auf der Mitte der Bühne befand.

     Bei der ehrwürdigen Faust-Darstellung des CHANG Min-Ho trugen vor allem die effektvollen Zaubereien des Mephisto beispielsweise in Auerbachs Keller und die komödiantisch-schalkhafte Verkörperung des Mephisto durch KWON Seong-Deok zur Belustigung der Zuschauer bei.  Bei dem meisterhaften Spiel der "Schülerszene", der Szene "Garten" usw. brach das Publikum in schallendes Gelächter aus.  Die erste Erscheinung des Mephisto wurde auch nicht "mystisch" mit Nebelschwaden, sondern einfach auf komödiantischer Weise bewerkstelligt: in der Szene "Vor dem Tor" wird der Pudel, der seine Kreise um Faust zieht, nur angedeutet.  Im Studierzimmer versteckt er sich gekrümmt unter seinem Mantel hinter einen Bücherstapel, bellt bei Fausts Bibelübersetzung, "schwillt" und steht am Ende als Mephisto da.  Er trägt keine Hörner, und seine Augenbrauen sind auch nicht a la Gründgens hochgezogen.  Abgesehen von dem langen rot-schwarzen Mantel mit einem hohen Kragen trägt er keine besonderen teuflischen Züge und ist einfach der "vermenschlichte" Geselle der Hauptgestalt.  Der Mephisto-Darsteller KWON Seong-Deok zeigte gerne und genußvoll, daß er sich über seine eigene Schalkhaftigkeit und Gerissenheit freute.

     Da der Verfasser als dramaturgischer Mitarbeiter auch an der Inszenierung beteiligt war, kann er sich gut an die anfänglichen Schwierigkeiten erinnern, die sich aufgrund der kulturellen Unterschiede zwischen dem deutschen Regisseur und dem koreanischen Ensemble ergaben.  Während die koreanischen Schauspieler von Anfang an eine fertige Regiekonzeption vom Regisseur erwarteten, wollte er den Schauspielern nichts aufzwingen, in Proben schrittweise durch Korrekturen sein Regiekonzept entwickeln.  Daher foderte er von ihnen eigene Ideen und Vorschläge.  Am Anfang wollte dieses Zusammenspiel nicht funktionieren.  Erst nach einiger Zeit konnten sich die beiden Parteien auf einen Arbeitsmodus einigen.  Ein anderes Problem war die blutjunge Schaupielerin, die Gretchens Part übernehmen sollte.  Da sie ihre Rolle beim besten Willen nicht einüben konnte, war sie am Anfang das Sorgenkind des Regisseurs, aber zum Glück konnte sie sich etwa ab Mitte der vorgesehenen Probenzeit entwickeln und schließlich ein gutes Gretchen abgeben.  Diese in schauspielerischer, bühnen- und kostümbildnerischer und musikalischer Hinsicht mustergültige Faust-Inszenierung ist als ein großartiges Theaterereignis aufgenommen worden.

(4) Die 4. Inszenierung (= Eine Aufführung der Theatergruppe "Puhwal" )
Goethes Faust I ; Premiere am 18.10. 1991

(5) Eine Aufführung der Faust-Parodie Faust in Bluejeans - eine Tragikomödie in drei Akten
U: 5.4.1995 am Shilheom-Theater in Abkujeong-Dong, Seoul; Text und Regie: LEE Youn-Taek

     Inhaltlich scheint das Stück aber auf den ersten Blick bloß eine banale Geschichte zu sein, die bis auf die Namen der Hauptgestalten mit Goethes Faust höchstens nur entfernte Gemeinsamkeiten aufweist und eher einer Trivialdramatik zuzurechnen ist.  Dem ist auch zum größten Teil zuzustimmen.  Dieses Stück lebt in erster Linie nicht von seiner literarischen, sondern eher von seiner dramatisch-theatralischen Qualität.  Mit diesem Stück verarbeitet der Autor / Regisseur die Schlüsselerlebnisse aus der jüngsten koreanischen Vergangenheit im letzten Vierteljahrhundert.  So versetzt diese Faust-Adaption den Protagonisten in die koreanische Zeitgeschichte, arbeitet in die dramatische Handlung eigene politisch-soziale Erfahrungen ein und begreift Faust als eine Figur, die als Intellektueller ihrer politisch-gesellschaftlichen Verantwortung gegenüber versagt.

     Bei näherem Betrachten der Bühnenfassung stellt sich aber deutlich heraus, daß der Autor / Regisseur das Wesentliche des Goetheschen Faust präzise erfaßt und schöpferisch auf die koreanischen Verhältnisse der Gegenwart übertragen hat.  Außer der vordergründigen Kritik am opportunistischen Verhalten und am politisch-sozialen Versagen des Protagonisten als Intellektuellen enthält das Stück auch eine wesentliche Moral: es erzählt nämlich die tragische Geschichte Gretchens, die in einer typisch konfuzianischen Männergesellschaft vergewaltigt - sie wurde tatsächlich in ihrer ersten Haft vergewaltigt10 und hatte eine Abtreibung - , mißbraucht und schließlich vernichtet wird.  Es hat sich auch herausgestellt, daß sogar Faust damals in ihr keine emanzipierte und politisch aktive, sondern eine häusliche Ehefrau erwartet hatte.  Die scheinbar moderne und liberale koreanische Gesellschaft erzwingt eine bestimmte Frauenrolle als gehorsame Ehefrau, erlaubt keine Emanzipation und schon gar nicht Einmischung in die Politik.  Gretchen, die dieser gesellschaftlichen Erwartung nicht entspricht und aus der Rolle fällt, wird nicht nur nicht toleriert, sondern vergewaltigt und vernichtet.  Am Ende wird sie zwischen Faust und Valentin zerrieben.  Von den drei Hauptgestalten des Stückes ist Gretchen die einzige Person, die vor der Realität nicht die Flucht ergreift und in direkter Konfrontation schließlich untergeht.

     Aus der jüngsten deutschen Bühnengeschichte von Goethes Faust könnte man meiner Meinung nach ein paralleles Beispiel anführen: Faust in der Inszenierung von Gabriele Gysi in Tübingen 1994 und in Schwerin 1998.11  Für ein kleines Ensemble von nur vier Personen stellte sie eine Strichfassung aus beiden Teilen des Faust her und spielte diese an einem Abend.  Auch bei ihrer Version geht Gretchen zwischen den beiden Männern Faust und Valentin zugrunde.  In Bezug auf Brechts Urfaust-Inszenierung im Jahre 1952/1953 in Potsdam bzw. Ostberlin sagt die Regisseurin folgendes: "Ein Mann, der sich verliebt.  Ein Mädchen, das sich verliebt.  Der Bruder ist eifersüchtig.  Das Mädchen wird verlassen.  Eigentlich was fürs Kino.  Auch das steckt im Faust, der Tragödie erstem Teil."12

     Lassen Sie uns noch ein bißchen bei der Bühnenfassung verweilen!  Der Prolog besteht aus dem "Vorspiel auf dem Theater" und der "Zueignung".  Nach einer Eröffnungsmusik aus dem Faust von Berlioz treten zwei Schauspieler, die später in der Spielhandlung Gretchen und Mephisto spielen, auf und führen zur Einstimmung ein scheinbar privates Gespräch.  In dessen Verlauf weist die Schauspielerin darauf hin, daß sie das "Vorspiel auf dem Theater" aus dem Original zu spielen hätten.  Dies sei der Spielerei des boshaften Regisseurs zu verdanken, fügt sie hinzu.  Nun wird die sogenannte Originalfassung des Vorspiels, nämlich eine starke Bearbeitung davon gegeben.  Die folgende "Zueignung", die nur diesen Namen trägt und mit dem Original herzlich wenig zu tun hat, wird von Mephisto in der Form von Deklamation, Song, Monolog und Dialog vorgetragen.  Nach einer Musik aus dem Faust von Gounod beginnt der erste Akt mit der Szene "Nacht".  Allerdings beginnt sie nicht mit dem berühmten Eingangsmonolog der Hauptgestalt, sondern mit der Wagner-Szene.  Am Ende des dritten Aktes tritt Faust mit seinem Assistenten Wagner vor den Vorhang und wendet sich an das Publikum.  "Faust: (mit Tränen in den Augen) Ich ... liebe trotzdem diese Welt.  Auf der anderen Seite des Berges ... wer weiß, ob da neue Hoffnungen als Illusion sichtbar werden.  Ist es nicht so, liebe Studenten?"13  Diese epische Publikumsanrede am Schluß entlarvt einerseits das soeben Gezeigte als Theater, andererseits deutet sie an, daß es trotz allem einen schwachen Ausblick utopischer Hoffnung gibt.  Als Valentin mit einem Küchenmesser rasend über Faust und Mephisto herfällt, wird er kurzerhand von diesem überwältigt.  Da das Spiel durcheinander zu geraten droht, erscheint der Inspizient auf der Bühne und brüllt die Darsteller an und schimpft, daß sie anstatt einer Romanze eine Schweinerei inszenierten.  Es läßt sich eine ganze Reihe von Beispielen anführen, die die epische Struktur des Stückes nachweisen.  Der Regisseur hat sich ausdrücklich zu Brechts epischem Theater und seinem realistischen Theaterprinzip bekannt.

     Epische Grundstrukturen scheinen im allgemeinen seine Stücke und Inszenierungen zu beherrschen.  Nicht nur die typisch epischen Strukturen und Elemente der Bühnenfassung, sondern auch das Derbe, Komische und Satirische des Spiels bringt dieses Stück in die Nähe des epischen Theaters von Bertolt Brecht und in diesem speziellen Fall an dessen Urfaust-Inszernierung im Jahre 1952/53 heran.

     Viele direkte, indirekte und manchmal versteckte Anspielungen, Zitate und Zitatfetzen aus Goethes Faust durchziehen das Stück und bereiten sowohl Kennern als auch Nichtkennern des Faust Theatervergnügen.  Faust-Kenner können in vielen Anspielungen mit großer Freude feststellen, wie genuin der Autor die Motive und Probleme des Goetheschen Originals auf die koreanische Verhältnisse übertragen hat.  Nichtkenner können wiederum Gefallen und Spaß an satirischen Darstellungen der jüngsten koreanischen Zeitgeschichte finden.  Der weltfremde Wissenschaftler Faust steht hilf- und verständnislos seinem aufsässigen Assistenten Wagner gegenüber, der sich beispielsweise nicht besonders für Wissenschaft interessiert, sondern sich lieber mit Computer-Spielen und Comic-Heften beschäftigt.  Anstatt zielstrebig für seine Promotion zu arbeiten, schreibt er in Fausts Augen minderwertige Gebrauchstexte für den Rundfunk.  Fausts hohe Wissenschaft interessiert nicht einmal seine Studenten.  Zu seinem Ärger begeistert sich seine eigene Ehefrau für banale alltägliche Familienstücke im Fernsehen.  Dies würde ein Kenner als eine Anspielung auf das "Vorspiel auf dem Theater" bzw. auf die Tatsache, daß Goethe als Intendant des Weimarer Hoftheaters trotz seines ästhetischen Bildungsideals der Vorliebe der Masse entsprechen mußte.  Die Masse der damaligen Theaterbesucher zog die Rührstücke von Kotzebue und Iffland klassischen Dramen mit hohem literarischen Anspruch vor.  Auf der anderen Seite ist auch der allgemeine Trend in der gesellschaftlichen Entwicklung in den achtziger und neunziger Jahren zu beobachten, daß mit dem zunehmenden Wohlstand eine Verbreitung der konsumorientierten Massenkultur und somit eine Verflachung des geistigen Klimas einhergeht.  In einer solchen gesellschaftlichen Atmosphäre haben Geisteswissenschaftler wie Faust keine Chance mehr und werden mit der Gefahr konfrontiert, einer völligen Bedeutungs- und Wirkungslosigkeit anheimzufallen.

     Fausts "Eröffnungsmonolog", der allerdings nicht am Anfang des ersten Aktes, sondern erst nach der anfänglichen Wagner-Szene erfolgt, büßt sowohl durch die Umstellung als auch durch die Verstümmelung das lange tradierte Gewicht ein.

     Der Erfolgsregisseur LEE Youn-Taek inszenierte auch dieses Stück wie immer als Schaustück, in dem alle theaterwirksamen Mittel zur Anwendung kamen.  Die erstklassige Besetzung der drei Hauptrollen, YUN Ju-Sang als Faust, CHANG Du-Yi als Mephisto und YUN So-Jung als Gretchen trägt vor allem schauspielerisch zum Publikumserfolg bei.  Insbesondere die hervorragende schauspielerische Leistung und das harmonische Zusammenspiel der drei Protagonisten hebt eine Theaterkritik hervor.14  Musikalische und tänzerische Einlagen trugen auch zur Steigerung der musicalartigen Theatereffekte bei.  Von der klassischen Musik bis zum zeitgenössischen Rap konnte man live wie elektronisch alles hören.  Die pralle Erotik kommt auch nicht zu kurz.  Im zweiten Akt, in dem Faust und Gretchen nach etwa einem Vierteljahrhundert ihre alte Liebe neu zu beleben suchen und Valentin in der Eifersuchtsszene ums Leben kommt, gehen Mephisto und Bunny Girl, sprich Marthe, ins Bett.  Nach ihrem schattenspielartig hinter dem halbdurchsichtigen Vorhang vollzogenen Geschlechtsakt unterhalten sie sich freimütig im darauffolgenden Intermezzo darüber.  Auf diese Art und Weise kommen in dieser Faust-Parodie Kenner und Nichtkenner auf ihre Kosten und können sich ergötzen.  Mit der Faust-Parodie ist dem Autor / Regisseur ein kritisches aktuelles Zeitstück geglückt.

(6) Die 5. Inszenierung (= Eine Einstudierung des Youtheaters)
Goethes Faust I ; Premiere am 1.2. 1996

(7) Die 6. Inszenierung (= Die 3. Einstudierung des Nationaltheater-Ensembles)
Goethes Faust I ; Premiere am 17. 11. 1997

     Während die Aufführung des Faust in Bluejeans in einem kleinen Privattheater stattfand und in der koreanischen Theaterszene eine eher marginale Rolle gespielt hatte, war die Aufführung von Goethes Faust I im Jahre 1997 in der Inszenierung desselben Regisseurs LEE Youn-Taek am koreanischen Nationaltheater ein umstrittenes Theaterereignis in der koreanischen Öffentlichkeit.  Mit dieser Aufführung sollte der krönende Abschluß einer 50jährigen künstlerischen Laufbahn einer berühmten Schauspielerpersönlichkeit CHANG Min-Ho gefeiert werden.  Der 70jährige greise Schauspieler hat 50 Jahre lang nur dem Theater treu gedient und war darauf stolz, daß er von der koreanischen Erstaufführung des Faust im Jahre 1966 an schon dreimal Faust gespielt hat.  Für koreanische Verhältnisse doch eine beachtliche Faust-Karriere!  Durch seinen Spitznamen "Faust-Chang" fühlte er sich immer geehrt.  Nun war aber die Bühnenfassung, in der er den Protagonisten zu spielen hatte, alles andere als konventionell und die ehrwürdige Hauptgestalt war nirgends zu finden.  Was ist das Neue und Außergewöhnliche an diesem Faust?

     Auf Grund einer neuen Rohübersetzung des Faust stellte der Regisseur eine Bühnenfassung aus 15 Szenen her.  Bei seiner Bühnenbearbeitung hat er nicht nur die Szenen gekürzt und umgestellt, sondern auch viel um- und neugeschrieben und vor allem den koreanischen Verhältnissen angepaßt.  Die so aktualisierte Version versetzt Faust in die gegenwärtige koreanische Welt und somit ist von dem alten Nimbus des Protagonisten als großen Gelehrten nicht viel übrig geblieben.  Die Bühnenfassung bzw. die Inszenierung hat mit der koreanischen Faust-Tradition - wenn man in Korea überhaupt davon sprechen kann - radikal gebrochen.  Von dem ersten Bekanntwerden des Goetheschen Hauptwerks an hat sich in der Vorstellung der Koreaner ein mehr oder weniger ideales Faust-Bild herausgebildet, das sicherlich im Zusammenhang mit der konfuzianischen Gelehrtenverehrung stand.  Der größte deutsche Dichter Goethe und der Held seines Hauptwerks werden nicht auseinandergehalten, sondern fast gleichgesetzt.  D.h. auf Grund der Goethe-Verehrung entwickelte sich im Laufe der Zeit, wenn auch vage, ein idealisiertes Faust-Bild.  Die wenigen vorangegangenen Faust-Inszenierungen in Korea versuchten mehr oder weniger, den großen Gelehrten und idealen Menschen Faust herauszuarbeiten und zu vermitteln.  Im Brechtschen Sinne könnte man auch hier im gewissen Sinne von einer "Einschüchterung durch die Klassizität"15 sprechen.

     In der Version des Regiestars LEE Youn-Taek aber wird Faust als ein greiser Gelehrter wie der 70jährige Schauspieler dargestellt, der weitgehend den Kontakt mit der Bevölkerung verloren hat und isoliert in seinem Studierzimmer Bücherwissenschaft betreibt.  Faust wird hier zu einem opportunistischen Intellektuellen und sozialen Versager.  Diese Interpretation, die er erstmals in seiner vorangegangenen Faust-Parodie erprobt hat, konnte zum zweiten Mal im größeren Rahmen zur vollen Ausgestaltung gelangen. Gretchen ist nicht mehr das schöne Mädchen, das die reine Unschuld verkörpert.  Sie ist ein Mädchen aus der heutigen koreanischen Gesellschaft, das in der zentralen Hochschuleingangsprüfung zweimal durchgefallen ist und als Teilzeitkellnerin in einem Bierlokal jobbt.  Mephistopheles ist kein böser Teufel mehr, sondern ein Spielleiter und Begleiter Fausts, der die Spielhandlung vorantreibt, in Gang hält und manchmal Faust in gröbster Form ausschimpft.  Im folgenden wollen wir nun auf einige charakteristische Merkmale dieser Inszenierung näher eingehen.

     Der Regisseur LEE Youn-Taek gibt das Stück konsequent als episches Drama.  Bevor der Vorhang aufgeht, sitzen davor der Theaterdirektor, der Regisseur und der Schauspieler in normaler Alltagskleidung und spielen rauchend das aktualisierte "Vorspiel auf dem Theater", das sich auf den konkreten Anlaß der bevorstehenden Aufführung bezieht.  Der Theaterdirektor klagt darüber, daß immer mehr Zuschauer dem Theater fernblieben und deshalb häufig vor einem halb leeren Haus gespielt werden müsse.  Trotz dieser miserablen Situation müsse man jetzt Faust spielen, denn der ehrwürdige Schauspieler Herr CHANG Min-Ho habe sich dieses Drama als Jubiläumsaufführung seiner 50jährigen Bühnenlaufbahn gewünscht.  Aber ein klassisches Drama wie Faust sei doch seiner Meinung nach schon veraltet und nicht mehr geeignet, die Masse wieder ins Theater zu locken.  Er bittet darum den Regisseur, dieses Theaterstück erfolgreich zu inszenieren und damit auch unter Beweis zu stellen, daß das Theater nach wie vor Spaß und Nutzen bieten kann.  Der Regisseur aber sieht sich außerstande, der diversen Erwartung der unberechenbaren Zuschauer zu entsprechen.  Er möchte lieber in die Berge gehen, um dort ohne den Zwang, immer dem Publikum gefallen zu müssen, Theater machen zu können.  Erst dann könnten vielleicht Inszenierungen von bleibendem Wert für die Nachwelt entstehen.  Dagegen wehrt sich der Schauspieler vehement und argumentiert, daß er auf keinen Fall für die Nachwelt, sondern für das jetzige Publikum, das sich gerade heute abend im Theater eingefunden hat, spiele.  Als der Regisseur widerstrebend den Auftrag annimmt, beginnt auf der oberen Bühne schon der "Prolog im Himmel" und er sitzt unten an der Rampe allein.  Der Herr beauftragt ihn, die Rolle des Mephistopheles zu übernehmen und Faust anzustacheln.  Als Zeichen des Auftrags nimmt er aus der Hand des Herrn einen Regie-Stab in Empfang und beginnt sogleich mit der Handlung.  Am Ende des Spiels wird er wieder wie am Anfang in normaler Arbeitskleidung an der Rampe sitzen und seinen letzten Satz "Sie ist gerichtet" sagen.  Die Stimme des Herrn aus dem "Prolog" erklingt: "Ist gerettet!"  Damit ist der große epische Rahmen gegeben.

     Faust wird schon in dem Zwiegespräch zwischen dem Herrn und Mephisto im "Prolog im Himmel" als ein unnützer Intellektueller bezeichnet, der als Bücherwurm in völliger Isolation und Entfremdung von der Masse sein Leben fristet.17  In seinem Eröffnungsmonolog stellt sich Faust als 70jähriger Gelehrter vor, der an die 40 Jahre gelehrt habe.  Auch Kostüm und Maske unterstreichen den Alltag eines alten Wissenschaftlers: er trägt ein normales weisses Hemd und eine alltägliche Hose.  Aus diesem engen Arbeitszimmer, das mit vielen Büchern vollgestopft ist und seine Welt darstellt, möchte er ausbrechen.  Im weiteren Verlauf des Monologs betont er mit Nachdruck, daß er in einem "Kerker" (V. 398; Bühnenfassung, S. 9) stecke.  Tatsächlich wird er nach dem Liebesabenteuer mit Gretchen als greiser Gelehrter wieder in dieses Studierzimemer zurückkehren.  Die letzte Szene "Kerker" spielt sich wieder im Stüdierzimmer des Stuckanfangs ab.  Das verwirrte und wahnsinnige Gretchen kommt mit leeren Windeln - sie hat inzwischen bei einem Kurpfuscher abgetrieben - und will hier ihr Baby stillen.  Damit kommt auch szenisch und bildlich zum Ausdruck, daß Faust trotz seiner momentanen Verjüngung sein Fluchtversuch aus "seinem Kerker" nicht gelungen ist.  Zum letzten Male versucht er vergeblich, aus diesem "Kerker" mit Gretchen zu fliehen.  Er hält das ohnmächtige Gretchen in den Armen und ruft verzweifelt: "Die Zeit, verweile doch, du bist so schön!".  Verweist die Vorwegnahme dieser Stelle auf den II. Teil oder ist sie nur ironisch gemeint?

     Bei der Beschwörung des Erdgeistes erscheint ein "Pockengeist" in einer schwarzen Kutte aus Leinen.  Diese aus dem Schamanismus bekannte häßliche und schreckliche Gestalt ist eine vertraute Erscheinung in der Vorstellungswelt des volkstümlichen Aberglaubens in Korea.  Der Pockengeist vollführt tänzerische Bewegungen des Maskentanzes und bezeichnet sich als "derjenige Brandstifter, der sich zwischen Geburt und Tod, zwischen den wechselvollen Zeiten der Welt hin- und herbewegt und den Lebensfunken anzündet."(Bühnenfassung, S. 10)  Bevor er wieder verschwindet und Faust allein läßt, tanzen sie eine Weile gemeinsam.

     Nach der Verjüngungskur im "Krämerladen der Hexe", einem schaurigen und grotesken Gerippen- und Skelettenkabinett, wird Faust im wörtlichen Sinne des Wortes neugeboren.  Nach der Einnahme einer Tinktur und einer Hautoperation wird er im siedenenden Kessel eingetaucht.17  Da der neugeborene Faust wirklich ein Mann in den Zwanzigern ist, wird er von einem zweiten Darsteller gespielt.  Der zweite Faust tritt in den Szenen "Keller"(II), "Gretchens Stube + der Nachbarin Zimmer", "Keller"(III) und "In der Kirche + Valentinszene" auf.  In seiner ganzen Verhaltensweise und Haltung wirkt er aber nicht wie ein Jugendlicher von heute, sondern wie ein verträumter Jüngling.  Die Weltfremdheit des greisen Titelhelden scheint sich im verjüngten Faust in anderer Form zu wiederholen.

     In der Szene "Gretchens Stube" der Bühnenfassung, in der die Szenen bei Gretchen und Frau Marthe - diese ist Gretchens Wirtin - als Simultanszenen zusammengefaßt sind, leiert der unbeholfene Liebhaber Faust Gretchen gegenüber mechanisch seine auswendig gelernten abgedroschenen Zitate aus klassischen Werken herunter.  Mephisto und Frau Marthe haben keine Hemmungen, gleich geile Wörter zu wechseln und für einen kurzen Seitensprung sofort ins Bett zu gehen.  Die Bettszene findet in einem Zimmer statt, das sich auf der oberen Bühne befindet und wie eine Prostituierten-Kabine aussieht.  Verglichen mit der "Garten"-Szene des Goetheschen Originals, in der Gretchens 'reine Liebe' zu Faust mit den Bemühungen von Marthe gegenüber Mephisto in subtiler Weise im Kontrast gezeigt wird, verstößt die geradezu obszöne Direktheit und Derbheit gegen den guten Geschmack.  Auf der anderen Seite gibt diese Szene zum Nachdenken Anlaß: ob Gretchen wirklich eine Verkörperung der reinen Unschuld darstellt und die Liebe zwischen ihr und Faust eine idealisierte Form der Liebe ist. Wie ist Gretchen hier dargestellt?  Als Faust im Überschwang der Verliebtheit ihr die schöne Hand küssen will, erschrickt sie und sagt, daß ihre Hand schmutzig sei und wegen ihrer Arbeit im Bierlokal nach Alkohol stinke.  Verfremdungseffekte dieser Art finden sich überall in der Bühnenfassung.  Im nächsten Moment fällt sie aber Faust gleich um den Hals und erzählt über ihre Herkunft.  Sie sei ein Mädchen vom Lande, das wegen der edrückenden häuslichen Arbeiten das Elternhaus verlassen habe und in die Hauptstadt geflohen sei.  Deshalb sei sie kein 'vornehmes Fräulein'.  In einem Atemzug gesteht sie aber auch, daß sie ein Kind von Faust haben will.  Anstatt des tastenden Religionsgesprächs fordert sie in der zweiten "Keller"-Szene Faust direkt auf, mit ihr zur Trauung in die Kirche zu gehen.  So gesehen ist Gretchens Liebe zu Faust nicht ganz frei von Egoismus und Sexualität.  Auch im Original will sie in der Liebe zu Faust "vergehen" (V. 3413) und verheimlicht ihre Sehnsucht nach der sexuellen Vereinigung mit ihrem Geliebten nicht.  Ihr "Busen", ja ihr "Schoß drängt sich nach ihm hin", heißt es im Urfaust.18

     Mephistopheles scheint fast kein Teufel mehr zu sein, sondern fungiert in der Spielhandlung, wie der epische Rahmen der Bühnenfassung seine Rolle schon vorgegeben hat, als Spielleiter und Begleiter des Protagonisten.  Allerdings ist er eher ein derber Antreiber Fausts, poltert gern und kann sich in Schimpftiraden gegen diesen ergehen.  Er trägt einen schwarzen Anzug, einen schwarzen Mantel und einen schwarzen Hut.  Abgesehen von seinem kahlen Kopf hat er keine auffällige oder stilisierte Teufelsmaske.

     Die Volksszenen "Vor dem Tor" und "Keller" bevölkern verschiedene Menschen aus der gegenwärtigen koreanischen Gesellschaft.  In der Szene "Vor dem Tor" beispielsweise treten Fabrikarbeiter, Studenten, Bürger, Bettler und Antidemo-Polizisten auf und politisieren.  Es wird über die aktuellen Probleme der Politik, über korrumpierte Wahlpraktiken usw. geredet und geschimpft.

     Während der komödiantisch-derben Aufführung, die im stets ausverkauften Haus stattfand, wurde viel gelacht. Darf man aber in einer Aufführung des Hauptwerks des größten deutschen Dichters Goethe - das Stück heißt ja ausdrücklich 'Tragödie' - lachen und sich belustigen?  Darf man so ein klassisches Stück aus der Weltliteratur in fast entstellter Fassung spielen?  Wo liegt die Grenze der Aktualisierung und des Regietheaters usw.?  Trotz des großen Publikumserfolgs war diese Inszenierung in der koreanischen Öffentlichkeit sehr umstritten.  Im Pro und Kontra dieser Aufführung haben sich deutlich zwei Parteien gebildet.  Die mehr oder weniger literarisch gebildeten Zuschauer der älteren Generation fanden diese Aufführung ärgerlich und lehnten sie durchweg ab.  Aber in den jüngeren und jungen Zuschauern, die sich über das vielfältige Bühnenspektakel amüsieren durften, fand diese Inszenierung ein dankbares Publikum.  Die berufsmäßige Theaterkritik war auch kritisch und teilweise ablehnend.  Außer vielen Vorankündigungen in den Tageszeitungen, in denen in der Hauptsache die bisherigen künstlerischen Leistungen des Jubilars hervorgehoben wurden, beschäftigten sich lediglich zwei Kritiken mit der neuen Faust-Interpretation.  AHN Tschi-Un kommt in seiner Kritik zur Schlußfolgerung, daß dieser Aufführung eine entstellte Bühnenfassung, die viele Abweichungen vom Original aufweist, zugrunde liege.  Deshalb sei sie nur eine Fortsetzung der vorherigen Faust-Parodie Faust in Bluejeans (1995) sei.19  Die Kritikerin KIM Mi-Do hob einerseits die generell gelungene Modernisierung des Faust hervor, aber andererseits fand sie die übertrieben modische Tagesaktualität störend.  Außerdem leide der Regisseur unter dem Zwang, daß man unbedingt koreanische traditionelle Elemente wie beispielsweise die Erscheinung des Pockengeistes usw. verwenden müsse.20

     Über den außergewöhnlichen Publikumserfolg dieser Inszenierung schreibt Georg Blume in seinem Artikel Flucht in die Träume in der renommierten Wochenzeitung Die Zeit, der sich mit der damals ausgebrochenen Finanzkrise in Korea befaßt.

     An dieser Stelle wollen wir nicht näher darauf eingehen, aber das Erfolgskonzept des Regisseurs scheint eben in dieser "Ästhetik der Vielfalt" zu bestehen, die auf Kosten der anderen ästhetischen Qualitaten den Unterhaltungswert einer Aufführung in den Vordergrund stellt.  Mit Sicherheit kann aber hier festgehalten werden, daß die literarische Qualität, eben die 'Poetizität'21 des Originaltextes, darunter leidet und zum erheblichen Teil verloren geht.  Man sollte gründlich darüber nachdenken, ob nun die Verluste, die sich bei einer solchen Inszenierungspraxis zwangsläufig ergeben, mit dem vordergründigen Publikumserfolg zu rechtfertigen sind.  Ohne Zweifel ist es eines der Verdienste dieser neunen Faust-Interpretation, daß man endlich die sogenannte "Einschüchterung durch die Klassizität"22 überwinden konnte.  Auf dieser Basis könnte vielleicht ein neuer, unvoreingenommener Zugang zum Hauptwerk Goethes gefunden werden.  Dank des Zeit-Artikels wurde man auch in Deutschland auf diese Inszenierung aufmerksam, und es wäre fast ein Gastspiel im Rahmen des 250. Goethe-Jubiläums in Deutschland zustande gekommen.

(8) Die 7. Inszenierung (= Die erste Gesamtinszenierung aus Anlaß des 250. Geburtstags von Goethe)
Goethes Faust, Teil I + II ; Premiere der szenischen Lesung am 27. 03. 1999, Seoul Arts Center

     Die Korrektur bzw. Ergänzung der letzten umstrittenen Faust-Inszenierung ließ aber nicht lange auf sich warten.  Die als "szenische Lesung" (= reading presentation) angekündigte Faust-Aufführung, die im Rahmen des Goethe-Festivals von 26. März bis 11. April 1999 im Arts Center in Seoul stattfand, war mit allen ihren naturgegebenen Einschränkungen für das koreanische Publikum eine angenehme Überraschung.  Die Darsteller hielten zwar jeweils die Bühnenfassung in einer Hand, aber daraus lesend vollbrachten sie ihre schauspielerischen Aktionen.  Da die Deklamation des Dramentextes sachgemäß im Vordergrund stand und die Theatralik der darstellerischen Aktion, des Bühnenbildes und Kostüms dementsprechend eingeschränkt war, konnten sich sowohl die Schauspieler als auch die Zuschauer viel mehr auf den Text konzentrieren.  Da die beiden Teile an einem Abend gegeben wurden, dauerte die Vorstellung von 7.30 bis kurz nach 11.30 Uhr mit einer Pause nach dem I. Teil.  In dieser vierstündigen Aufführung nahm das Publikum das Bühnengeschehen mit Begeisterung und Konzentration auf.  Von Langeweile konnte gar keine Rede sein!  In der Bühnengeschichte des Faust in Korea war diese Aufführung ein durchaus denkwürdiges Theaterereignis, weil auch der II. Teil der Tragödie zum allerersten Mal, wenn auch stark gekürzt, in 'theatralischer Form' dem koreanischen Publikum präsentiert werden konnte.  Damit konnte meiner Ansicht nach eine der ersten Voraussetzungen für eine künftige Aufführung der beiden Teile des Faust geschaffen werden, da die Öffentlichkeit in der koreanischen Theaterszene auf die Einheit des Faust I und II aufmerksam gemacht wurde.  Außerdem ist zu erwarten, daß auch das Publikum dadurch zur eingehenden Lektüre des II. Teils angeregt und angeleitet wird.

     Auf der nackten Bühne - nur schwach angedeutete gothische Wände waren im Hintergrund zu sehen - spielte man ohne interpretatorische Mithilfe des Bühnenbildes und begnügte sich gelegentlich mit einigen unbedingt notwendigen Versatzstücken.  Kostüm und Maske kamen auch mit sehr wenigem Aufwand aus.  Alle Darsteller trugen fast die ganze Zeit geringfügig stilisierte Mäntel bzw. Umhänge.  Man wußte aber aus der Not eine Tugend zu machen.  Auf der leeren Spielfläche konnten verschiedene Räumlichkeiten und Phantasiewelten frei geschaffen werden und deshalb gab es natürlich keine Umbauprobleme.

Was die schauspielerischen Leistungen betrifft, war der Darsteller des Mephistopheles KANG Shin Il an erster Stelle zu nennen.  Durch sein witziges, schalkhaftes und souveränes Spiel bestach er das Publikum und wußte es über vier Stunden lang 'bei der Stange zu halten'.  Trotzdem war aber seine Spielweise keineswegs aufdringlich.  Verglichen mit ihm führte der Protagonist Faust, verkörpert durch den Schauspieler SHIN Yong Wook, schauspielerisch eher ein Schattendasein.  Das mag u. a. an der Rolle liegen.

     Zwei dramaturgische Eingriffe haben der Regisseur Kim Kwang-Lim und die Dramaturgin KIM Miy He vorgenommen.  Erstens mußten sie, um beide Teile des Faust an einem Abend spielen zu können, das ganze Stück von 12 111 auf ca. 42 000 Verse drastisch kürzen.  Zum anderen führten sie den Erzähler "Goethe" ein und ließen ihn "Zueignung" als Vorspiel und andere 'Brückentexte' in der Bühnenfassung vorlesen.  Durch die drastische Kürzung des Stückes entstand dann insgesamt ein "Faust-Digest", dessen Parallele in der deutschen Bühnengeschichte in der Darmstädter Inszenierung von Istvan Bödy und Ingo Waßerka im Jahre 1975 gefunden werden kann.22  Daß so eine Aufführung einer radikal gekürzten Fassung in vieler Hinsicht problematisch ist, brauchte nicht eigens zu betont zu werden.

     Von den drei Prologen wird nur die "Zueignung" von der Erzählerfigur "Goethe" vorgelesen.  Daran schließt sich direkt die Szene "Nacht" an.  Danach tritt der Erzähler "Goethe" insgesamt dreimal im I. Teil auf: erstens vor dem Erscheinen des Erdgeistes in dem Eröffnungsmolog Fausts (Bühnenfassung, S. 3), zweitens an der Stelle der "Hexenküche" (Bühnenfassung, S. 28) und drittens am Anfang der Szene "Wald und Höhle" (Bühnenfassung, S. 45).  Der Monolog Fausts wird durch den Auftritt des Erzählers "Goethe" als Brückentextsprecher bei Vers 413 unterbrochen.

     Im Anschluß an die Szene "Auerbachs Keller in Leipzig" tritt nun der Erzähler auf und faßt den ganzen Verjüngungsvorgang des Helden in der "Hexenküche" und dessen Folgen inhaltlich zusammen.  Der erste Teil des Brückentextes ist die Verjüngung und der zweite Teil sind die voraussichtlichen Folgen davon.  Nach dieser Überleitung kann jetzt die Szene "Straße" beginnen.


     Auf Grund dieser Brückentexte des Erzählers "Goethe" kann hier folgendes festgehalten werden: 1. In den Brückentexten kommentiert der Erzähler die Spielhandlung, faßt sie zusammen und leitet zur nächsten Handlung über.  2. Dank der Brückentexte können ganze Szenen wie beispielsweise "Hexenküche", "Marthens Garten", "Zwinger", der große Teil des 4. Aktes in Faust II (V. 10240-11042) usw. gänzlich ausgespart oder aber wesentlich gekürzt werden.  3. Faust wird in diesen Erzählerpassagen immer direkt angesprochen.  4. Zum letzten Mal tritt der Erzähler in der Szene "Grablegung" des 5. Aktes im II. Teil und verkündet zweimal: "Die Seele Fausts, seine unsterbliche Seele, wird von den Engeln in den Himmel gehoben."(Bühnenfassung, S. 119)  Damit wird der große epische Bogen der ganzen Dichtung, der am Anfang mit der "Zueignung" beginnt, geschaffen.

     Wenn man hier wiederum nach Parallelen in der deutschen Bühnengeschichte des Faust Umschau halten wollte, könnte man v. a. die Urfaust-Inszenierung von Egon Monk und Bertolt Brecht des Jahres 1952/53 nennen.24  Brecht gab den Urfaust auch als ein episches Spiel.  In dieser Inszenierung hat Brecht auch eigene Brückenverse verwendet, die die Handlungs- und Inhaltslücken füllen sollten.  Während aber Brecht in seiner Inszenierung einen der Darsteller vor den geschlossenen Vorhang treten und die jeweiligen Zwischentexte vorlesen ließ, war die Funktion des Erzählers in der Seouler Inszenierung des Jahres 1999 vollkommen in den Text integriert.  Der epische Erzähler "Goethe" und seine Zwischentexte in der koreanischen Aufführung sind ein integrierter Bestandteil der ganzen Spielhandlung.  In Dieter Dorns Münchner Inszenierung (1987)25 werden auch der Herr im "Prolog im Himmel" und Faust in der "Anmutigen Gegend" in der Pose Goethes in der Campagna gezeigt.  Goethe bildet sozusagen dezent den Rahmen der ganzen Aufführung.

     Die Theaterkritiken, die sich mit den drei Aufführungen von Stella, Iphigenie und Faust, die im Rahmen des 250. Jubiläums des größten deutschen Dichters Goethe stattfanden, beschäftigten, standen in gar keinem Verhältnis zu den zahl- und umfangreichen Vorankündigungen in der Presse.  Lediglich eine einzige kurze Kritik ist in dem Maiheft der Monatszeitschrift The Auditorium erschienen.26  Nach einer ausführlichen Erläuterung über die in Korea zum ersten Mal erprobte Form der szenischen Lesung geht die Kritikerin KIM Kwang-Sun hier nur flüchtig auf die Aufführung des Faust ein.  Darin wird die theatergeschichtliche Bedeutung der Tatsache, daß Faust II in Korea die Erstaufführung erlebt habe und vielleicht diese Form der Präsentation für den II. Teil eher geeignet sein könnte, hervorgehoben. Andererseits wird auch das Problem der drastischen Kürzung, insbesondere des II. Teils zur Sprache gebracht.  Außerdem habe die Zwischenform von Lesung und halber Aktion die Schauspieler eher verwirrt.

     Auch in einer Diskussionsrunde der Theaterkritiker "Über die Aufführungen des Monats"27 kamen die Aufführungen des Goethe-Festivals zur Erörterung.  Eine Teilnehmerin der Diskussion LEE Mi-Won meint: "Bei dem ersten Versuch der szenischen Lesung haben sich allem Anschein nach die drei Regisseure von einem verschiedenen Verständnis des Begriffes "szenischer Lesung" leiten lassen.  Im Falle von "Stella" sah es fast wie eine richtige Aufführung aus.  Wegen der üppigen Anwendung der epischen Techniken konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, als befände man sich auf einem Brecht Theater-Festival.  (...)  Die Aufführung des Faust sei eine sehr lange gewesen.  Trotzdem war es keine Aufführung des unverkürzten Originals.  Es wäre der Form der szenischen Lesung gerechter gewesen, wenn man ohne den I. Teil, der ja mehrmals in Korea zur Aufführung kam, nur den II. Teil, in dem der Protagonist Faust in der Welt der griechischen Mythologie nach dem Ursprung der Menschheitsgeschichte sucht, behandelt hätte. (...)"28  Nach Meinung des Kritikers KIM Yun-Cheol besteht die Bedeutung des Theaterereignisses gerade darin, daß Faust II überhaupt zur Erstaufführung in Korea kam und damit die Neugierde des Publikums geweckt werden konnte.  Außerdem könne diese Form der kostengünstigen Aufführung auch dazu dienen, eine breitere Bevölkerungsschicht für Literatur und Theaterkunst zu interessieren.  Bei der allgemeinen Tendenz des Primats der Körpersprache auf dem Theater, so die Kritikerin KIM Bang-Ok, hätten die Aufführungen des Goethe-Festivals in der neuen Form der szenischen Lesung wieder an die Wichtigkeit der Worte von dramatischen Texten erinnert.

     In ihren schriftlichen Berichten, die die Studenten der Lehrveranstaltung "Deutsche Klassik" des Verfassers im letzten Semester nach dem Theaterbesuch geschrieben haben, äußerten sie sich alle einhellig sehr positiv über die Aufführung des Faust.  Da sie im voraus gründlich auf den Theaterbesuch vorbereitet wurden, waren sie auch besser als normale Zuschauer in der Lage, die Aufführung zu würdigen.

     Trotz aller Einschränkung der theatralischen Darbietungsform "szenische Lesung" wurde, so kann an dieser Stelle festgehalten werden, die letzte Inszenierung des Faust im Rahmen des 250. Jubiläums-Veranstaltungen von Publikum und Kritik positiv aufgenommen.  Die Aufführungen waren immer gut besucht und die meisten Zuschauer blieben auch bis zum Ende.  Was die Publikums- information und -erziehung angeht, ist aber viel zu wünschen übriggeblieben.  Obwohl das Programmheft für die meisten Zuschauer die einzige Möglichkeit der Information darstellt, ist es inhaltlich nicht so ergiebig.  Das gemeinsame Programmheft enthält bezüglich der Faust-Aufführung nur eine Einführung in die Form der szenischen Lesung von der Dramaturgin KIM Miy-He und eine kurze Inhaltsangabe des Faust I und II.  Daß auch der II. Teil im Anschluß an den I. Teil am gleichen Abend zur Aufführung kommt, ist in der Titelangabe "Faust" nicht explizit angegeben.

IV. Ausblick und Schlußfolgerungen

     Im III. Teil meiner Ausführungen habe ich sieben Faust-Inszenierungen und eine Faust-Parodie in chronologischer Reihenfolge behandelt. Diese Inszenierungen, die seit der Erstaufführung im Jahre 1966 bis zur Jubiläumsaufführung des I. und II. Teils aus Anlaß des 250. Geburtstages von Goethe in diesem Jahr zustande kamen, machen die ganze Bühnengeschichte des Faust in Korea aus.  Aus der obigen Darstellung können folgende Schlußfolgerungen gezogen werden:

     Obwohl die Zahl der Faust-Inszenierugen, die in einem Zeitraum von etwa drei Jahrzehnten in Korea zustande kamen, nicht sehr groß ist, kann sie angesichts der mangelhaften Lage des Theaters in Korea als beachtlich bezeichnet werden.  Die koreanische Nation hat sich auch auf ihre eigene Weise theatralisch mit dem Hauptwerk des größten deutschen Dichters auseinandergesetzt und dadurch auch am internationalen Diskurs über eines der wichtigsten Werke der Weltliteratur teilgenommen.

     Im Laufe der Zeit hat sich herausgestellt, daß jede Faust-Aufführung in gewissen zeitlichen Abständen immer ein Publikumserfolg wird.  Dies ist ein sicherer Beweis der ungebrochenen Popularität von Goethe bzw. von dessen Hauptwerk bei Koreanern.  Dieses Potential sollte zur weiteren Beschäftigung mit Goethes Faust und schließlich zur Entwicklung der koreanischen Theaterkultur genützt werden.

      Faust gilt als Prestigeobjekt und gehört fast zum Standardrepertoire jedes angesehenen Theaters.  Die bekannteste Schauspielerpersönlichkeit CHANG Min-Ho identifiziert sich mit der Titelrolle.  Faust ist die Rolle seines Lebens.  Er würde gerne als 80jähriger noch einmal Faust auf der Bühne übernehmen, bekannte er sich neulich dem Verfasser gegenüber.

     Ein klassisches Werk wie Faust sollte ohne modische Bearbeitung und werkfremde Eingriffe dem Originaltext getreu aufgeführt werden.

     Wir sind an einem Zeitpunkt angelangt, was die Übersetzungsqualität des Faust und die inszenatorische Erfahrung des koreanischen Theaters betrifft, gemeinsam über die Gesamtaufführung des Stückes Überlegungen anzustellen und sie auch in den nächsten Jahren anzustreben. Auch die Regisseure, die meinen 'Faust-Fragebogen' beantwortet haben, bekunden ohne weiteres ihre Absicht, in Zukunft wenn möglich den ganzen Faust zu inszenieren.

     Für ein so großes Vorhaben müssen auch begleitende Maßnahmen der Publikumserziehung wie die Publikation von ausführlichen Broschüren und Programmbüchern, Publikumsinformationen und Publikumsgespräche, Schulbesuche usw. ergriffen werden.  Dafür ist eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen dem Theater und der Hochschule bzw. den Schulen, zwischen Theaterleuten und Germanisten wünschenswert und erforderlich.

     Das Programmheft, das gewöhnlich aus formellen Grußworten und Porträtfotos der Darsteller besteht, sollte inhaltlich verbessert werden und mehr nützliche Dokumente und Materialien zum Verständnis des Dramas und der Aufführung enthalten.

     Die Theaterkritiken sollten ausführlicher auf die Aufführungen eingehen und die jeweilige Aufführung differenzierter besprechen.

     Es sollte ein Archiv oder ein Theatermuseum eingerichtet werden.  Theatergeschichtliche Dokumente sollten systematisch gesammelt, archiviert und den Interessenten zugänglich gemacht werden.

     Es sollte so etwas wie ein Faust-Forum geschaffen werden.


Anmerkung

1.  K. Esselborn (1999): Deutsche Gegenwartskunde anhand von Gegenwartliteratur, Vortragsmanuskript, 29.5.1999 in Seoul, S.18.

2.  Vgl. H. Kraus (1994): Aspekte der Brecht-Rezeption in Frankreich. In: H. Koopmann/Th. Stammen (Hg.), Bertolt-Brecht - Aspekte seines Werkes, Spuren seiner Wirkung, Munchen, S, 221.

3.  Vgl. KOH Wee-Kong: Faust-Übersetzungen in Korea, in: Ponyok-Yonku, 1994/2, S. 47-68.

4.  Die Sammlung von Zeitungsartikeln des Seoul Arts Center zählt etwa 30. Vgl. The Kyeong-Hyang Shinmun, 25.01.99 usw.

5.  Vgl. G. Hielscher: Goethe im Gingko-Land. Südkorea fiebert dem 250. Geburtstag des Dichters entgegen. Süddeutsche Zeitung, 7.4.1999.

6.  Die Buchhandlung 'Kyobo Book Centre' bietet 21 u. 'Young Poong Bookstore' 32 Faust-Ausgaben. Die kor. Nationalbibliothek führt in ihrem Bestand 54 Faust-Ausgaben von 1956 bis 1995; die ersten Faust-Übersetzungen: KYE Yong-Mook, Faust I, 1956; LEE Man-Sung, Urfaust.; Faust I, 1958; KIM Dal-Ho, Faust I+II, 1963.

7.  Vgl. CHANG-Chin-Gill (1994): Ein kritischer Vergleich verschiedener koreanischer Faust-Übersertzungen. In Ponyok-Yonku, 1994/2, S. 108-143. (kor.)

8.  Das Interview fand am 20.07.1999 im Dongsung Art Centre, Seoul statt.

9.  Vgl. B. Mahl (1998): Goethes Faust auf der Bühne. Stuttgart, S. 141-146.

10. Eine zeitgeschichtliche Anspielung: in den achtziger Jahren wurde eine Studentin in Untersuchungshaft von einem für sie zuständigen Polizeikommissar sexuell mißbraucht und ihr Fall wurde ein Politikum.

11. Vgl. B. Mahl (1998): S. 245.

12. Ebda.

13. LEE Youn-Taek: Faust in Bluejeans, Bühnenfassung, S. 36.

14. Son Sook: Das harmonische Zusammenspiel der drei Schauspieler. The Chosun Ilbo, 20.4.1995.

15. Vgl. Brecht: GW 17, 1275-1277.

16. Vgl. Faust-Bühnenfassung (1997): S. 7.

17. Diese Verjungungsszene erinnert an die entsprechende Szene in der Kolner Inszenierung von Jurgen Flimm, die am 9. Juni 1983 im Schauspielhaus Premiere hatte; Buhnenbild: Erich Wonder. Vgl. Zum Augenblicke sagen, verweile doch! (1985) S. 95, 98 f.

18. Vgl. Faust, I. Teil, V. 3406 f.; Urfaust, V. 1098 f.

19. Ahn Tschi-Un, 'Theaterkritik'. The Hankyoreh, 21.11.1997. Der Regisseur bestreitet aber entschieden, das sein Faust in Bluejeans und seine Faust-Inszenierung eine Faust-Parodie seien. Vgl. LEE Youn-Taek: Jetzt-Hier-Unser Theaterstil (1999), S. 22.; Faust-Fragebogen (15.07.1999).

20. Kim Mi-Do, 'Ein kühnes, aber gefährliches Unternehmen'. The Auditorium, 1997/12, S. 194-197.

21. Vgl. Ulrich Suerbaum: Vorwort zu W. Shakespeare, King Lear/Konig Lear. Stuttgart 1992. S. 8. (= RUB 9444)

22. Vgl. Anmerk. 15.

23. Vgl. B. Mahl (1998): S. 154-156.

24. Vgl. B. Mahl (1998): S. 192-197.

25. Ebda.: S. 187-190., S. 186.

26. KIM Kwang-Sun: Goethes dramatische Texte in der Form der szenischen Lesung. In: The Monthly Music & Performing Arts Maganzine Auditorium, 1999/5, S.192-193.

27. Über die Aufführungen des Monats". In: The Korean Theatre Review, 1999/5, S. 6-9.

28. Ebda., S. 7.




     

Deutsche Leitseite Japanische Leitseite
Aktuelle Mitteilungen Bibliothek Dokumentations-
archiv
Kultur-
austausch
Aktuelle Mitteilungen Bibliothek Dokumentations-
archiv
Kultur-
austausch
Links Publikationen Goethe-Symposium Links Publikationen Goethe-Symposium