Englische Literatur als Weltliteratur
Prof. Terence James Reed, Oxford
Der Titel bedeutet
keineswegs, dass die englische Nationalliteratur
in den Rang der Weltliteratur schlechthin
erhoben werden soll. Man hat bei uns
schon genug unter dem Besitz einer zur lingua
franca gewordenen Weltsprache zu leiden, der zur Folge hat, dass unsere
Landsleute fremden Kulturen gegenüber
immer fauler und weniger unternehmungslustig
werden, was unter anderem schlechte Zeit
für Germanistik bedeutet. Diese
aktuelle Klage ist, wie ich meine, am Eingang
einer Betrachtung über Goethes Konzept
der Weltliteratur nicht fehl am Platz.
Goethe hat mit dem von ihm geprägten
Begriff das genaue Gegenteil einer Hegemonie
(wessen auch immer) gemeint. Vielmehr
sollten die Nationalliteraturen und ihre
lebendigen Vertreter, die Schriftsteller,
von gleich zu gleich und auf Gegenseitigkeit
miteinander kommunizieren und aufeinander
produktiv einwirken. Der Gedanke ist
bei Goethe allerdings erst dann entstanden,
als sich die deutsche Literatur - in erheblichem
Maß dank seiner eigenen Leistung -
fest etabliert hatte und einen Gleichheitsanspruch
ruhig erheben durfte. Sogar das früher
kulturell dominante Frankreich hatte sie
spätestens seit Mme. de Staëls
Deutschland-Buch (1810) als ein Kraftzentrum
anerkannt, von dem neue Impulse ausgingen,
die die franzõsische Romantik dann
befruchtet haben. So war es für
den deutschen Schriftsteller endlich möglich,
nicht mehr aus Ressentiment und frustriertem
Geltungsbedürfnis, wie sie noch 1795
im Aufsatz Literarischer Sansculottismus im Hinblick auf die kaum überwundenen
Schwierigkeiten der deutschen Kulturszene
nachklingen, sondern von einer starken Position
aus zu argumentieren, freilich auch dann
ohne triumphalen Ton.
Ich möchte im folgenden Goethes Umgang
mit englischer Literatur skizzieren, zum
Teil um den Prozess des weltliterarischen
Austauschs als solchem am Werk zu zeigen,
zum Teil um spezifische Eigenschaften hervortreten
zu lassen, die ausgerechnet diese Literatur
für Goethe wichtig werden ließen.
Also englische Literatur als Fallstudie
für Weltliteratur.
Es handelt sich dabei um die mit Abstand
intensivste Beschäftigung Goethes mit
einer modernen Literatur überhaupt,
er hat ihr auch eine fast vorbehaltlose Bewunderung
entgegengebracht. Mit welchem Hinweis
dem Nationalstolz nicht gefrönt werden
soll, oder wennschon ein bisschen, so soll
er mit der Einschränkung "fast vorbehaltlos", auf die noch zurückzukommen
sein wird, in Grenzen gehalten werden. Im
Ernst aber: was wir am Ende bewundern, ist
das Ergebnis der für beide Seiten fruchtbaren
Wechselwirkung über Raum und Zeit hinweg,
eben "Weltliteratur" als grenzübergreifender
Besitz einer Weltgemeinschaft von Literaturfreunden.
Wenn hier von Stolz die Rede sein darf,
dann nicht von einem menschlich-allzumenschlichen,
sondern von einem menschheitlichen.
Entsprechend herrschen beim weltliterarischen
Prozess, anders als bei den Kontroversen
und Streitigkeiten innerhalb einer Nationalliteratur,
Offenheit, Neugierde und Dankbarkeit, bis
hin zu einer Bescheidenheit in eigener Sache,
die manchmal zu weit geht, etwa als Goethe
zu Eckermann sagt, "unsere eigene Literatur",
die deutsche also, sei "größtenteils
aus der ihrigen" - d. h. der englischen
- "hergekommen". Goethe nennt
Shakespeare, Fielding, Goldsmith, die ihm
früher wichtig gewesen, er nennt aber
auch als beispielhafte Zeitgenossen Lord
Byron und Sir Walter Scott, ohne anzudeuten,
wieviel diese Neueren mittlerweile ihm selbst
schuldig geworden waren. Ist zum Beispiel
Götz von Berlichingen aus der Shakespeare-Begeisterung des jungen
Goethe hervorgegangen, so hat Goethes grundlegendes
Geschichtsdrama mächtig auf die englische
Literatur zurückgewirkt. Der junge
Walter Scott war dermaßen davon begeistert,
dass er es - freilich eher schlecht als recht
- übersetzt und als seine allererste
Veröffentlichung herausgebracht hat.
Trotz der vielen Schnitzer bei der
Übertragung, die auf Scotts oft ungenaues
Verständnis des Textes deuten, war für
ihn der Götz weit darüber hinaus ein entscheidender
Wegweiser zum neuen Geschichtsroman, als
dessen Erfinder der Schotte in die Literaturgeschichte
eingehen sollte. Oder als zweites Beispiel
der weltliterarischen Retourkutsche: Goethes
Werther soll laut Dichtung und Wahrheit eine ihrer Wurzeln in der englischen Friedhofs-
Dichtung des frühen 18. Jhs., in düsteren
Hamlet-Stimmungen und Ossian-Landschaften
gehabt haben (WA I, 28, S. 213ff). Der
durch den Roman ausgelöste "Wertherismus"
hat dann aber nach England zurückgewirkt
und neben dem Faust, vor allem dessen frühen Szenen, das
romantisch-existenzielle Leiden Lord Byrons
und seiner Helden, z.B. Manfred, mitbestimmt,
das sich bald zum analogen Phänomen
des "Byronismus" auswuchs und wiederum
nach Deutschland zurückwirkte, unter
anderem auf den frühen Heine, etwa des
Almansor. Inzwischen hatte der alte Goethe
1824 dem Bewunderer und von ihm bewunderten
Byron im Sinn der an Werther und Torquato Tasso gewonnenen und in der Trilogie der Leidenschaft neuerdings wieder bewährten Weisheit
den Rat erteilt, sich selbst zu erkennen
und durch dichterische Katharsis zu gesunden:
"Er wage selbst sich hoch beglückt
zu nennen,/ Wenn Musenkraft die Schmerzen
überwindet,/ Und wie ich ihn erkannt
mög' er sich kennen" (An Lord Byron,
FA 2, 584). Über diesen eher schon
ethischen als dichterischen Fragen verliert
Goethe die Probleme der Manier und des Stils
keineswegs aus den Augen: "Wenn man
den Inhalt meiner 'Römischen Elegien'
in den Ton und die Versart von Byrons 'Don
Juan' übertragen wollte, so müßte
sich das Gesagte ganz verrucht ausnehmen"
(Eckermann 25.2.1824). Genauer als
mit diesem Urteil über die Form-Gehalt-Beziehung
der beiden Dichtwerke könnte es der
Literaturwissenschaftler nicht treffen.
Es ging aber bei Goethe nicht um distanziert-wissenschaftliche
Erkenntnis, sondern um schöpferische
Fühlungnahme. Zwar ist bei der
weltliterarischen Wechselwirkung Distanz
im Spiel, sie ist aber eine rein geographisch-interkulturelle,
und sie bewirkt nicht kuhle Objektivität
sondern rezeptive Herzlichkeit. Ja
der geographische Abstand scheint fast die
Voraussetzung zu sein für Herzlichkeit
und ein gerechtes Urteil. Dieses Paradoxon
ist bei Goethe von früh bis spät
ein Leitmotiv. So berichtet er, dass
schon sein Straßburger Freundeskreis
Shakespeare "alle Gerechtigkeit, Billigkeit
und Schonung" zugewendet habe, "die
wir uns unter einander selbst versagen"
(WA I, 28, S.71). Und ein halbes Jahrhundert
später begrüßt Goethe eine
ähnlich fremdenfreundliche Sympathie,
die in der anderen Richtung, von England
(genauer: von Schottland) nach Deutschland
gewirkt hat. Das in Carlyles Biographie
vorgelegte Schillerbild sei, heißt
es, "so klar und so gehörig, als
es kaum aus der Ferne zu erwarten gewesen",
was sofort dahingehend berichtigt wird, dass
es gerade an der Ferne und dem "guten
Willen" des von fern herüberschauenden
Biographen gelegen habe: "Denn gerade
daß der Schottländer den deutschen
Mann mit Wohlwollen anerkennt, ihn verehrt
und liebt, dadurch wird er dessen treffliche
Eigenschaften am sichersten gewahr und vermag
sich zu einer Klarheit über seinen Gegenstand
zu erheben, zu der sogar Landsleute des Trefflichen
in früheren Tagen nicht gelangen konnten"
(WA I, 412, 302). Und es heißt weiter als
Erklärung des heimatlichen Unverständnisses:
"Denn die Mitlebenden werden an vorzüglichen
Menschen gar leicht irre; das Besondere der
Person stort sie, das laufende bewegliche
Leben verruckt ihre Standpunkte, hindert
das Kennen und Anerkennen eines solchen Mannes."
Es scheint also fast so zu sein, als stünden
sich die Menschen innerhalb der eigenen Kultur
zu nahe, um einander unvoreingenommen zu
rezipieren. (Äußerliche
Distanz als Bedingung der innerlichen Nähe
- das muss, nebenbei gesagt, für den
interkulturellen Literaturfreund ermutigend
und bestätigend wirken.) Dass
übrigens Goethe seinerseits auf den
jungen Carlyle dann mächtig gewirkt,
ihn durch den ethischen Inhalt seiner Schriften
praktisch vor der Verzweiflung gerettet hat,
fügt der weltliterarischen Kette einen
weiteren Ring hinzu.
Die weltliterarische Konversation mit England
hat damit angefangen, das der junge Goethe
englisch dichtete. Das ist selbstverständlich
auf seine Lektüre zurückzuführen,
etwa des Auswahlbandes von Dodd, Beauties of Shakespeare. Von der kaum erlernten Fremdsprache
drängte es Goethe offenbar, schöpferischen
Gebrauch zu machen, er hat sich in ihr geradezu
getummelt. Erhalten sind vergnügliche
Briefe in englischer Sprache an die Schwester
Cornelia, die ausgeformte Gedichte enthalten
(es gibt übrigens auch welche auf französisch:
schon in dieser Vielfalt der Sprachpraxis
kündigt sich der weltliterarische Impuls
früh an). Die in den englischen
Briefen belegten Sprachkenntnisse, vor allem
das Stilgefühl und die schöpferische
Unternehmungslust, sind eindrucksvoll genug,
um die unfreiwillige Komik der gelegentlichen
sprachlichen Mißgriffe reichlich aufzuwiegen.
Frappierend ist, dass gleich das erste Gedicht
auch inhaltlich an ein Grundproblem der interkulturellen
Beziehungen Deutschlands im 18. Jh. rührt.
Der Titel lautet, Song over the Unconfidence towards Myself, also "Lied über das Unvertrauen
zu mir selbst". Bei einer Literatur,
die noch in den Kinderschuhen steckte - die
Stichworte "Kindheit", "kindlich"
und "kindisch", "Wiege"
und "Schule", finden sich auf Schritt
und Tritt in den kritischen Diskussionen
der Zeit, vor allem in bezug auf Theater
und Drama -, war das im Gedicht angesprochene
"Unvertrauen gegenüber sich selbst"
ein wichtiger individual- wie kulturpsychologischer
Faktor. Der Begriff Kindheit bedeutete
vorerst lediglich die kulturelle Minderjährigkeit,
sie implizierte noch nicht einen Neuanfang
mit frischen Kräften. Dieses Kind
hatte noch Vormünder, die Franzosen
nämlich, wie es höchste Instanzen
wie Gottsched und Friedrich II. verordnet
hatten und für selbstverständlich
hielten. So stand ein deutscher Schriftsteller
vor der Frage, wie der Ausgang aus der Unmündigkeit
erst zu schaffen sei, damit er sich, wie
es in Dichtung und Wahrheit heißt, "durch Widerspruch"
entwickeln und endlich "bei sich zu
Hause" sein konnte (WA I, 27, S. 72).
Der Weg zur Unabhängigkeit ging - diesen
Weg hat man immerhin eingeschlagen - über
eine andere Abhängigkeit, eben die von
englischen Mustern. Diese konnte freilich
für eine Wahlverwandtschaft ausgegeben
werden, die erst die wahren dichterischen
Kräfte der Deutschen freisetzen werde.
Das waren bekanntlich Position und
Zielsetzung der Vorkämpfer Lessing und
Herder. Bei Goethe jedoch wird die
Hinwendung zur englischen Kultur als ein
glatter Übergang dargestellt, den sein
Straßburger Freundeskreis auf eigene
Faust geschafft habe. Man habe hier
"an der Grenze Frankreichs" dessen
Lebensweise, Dichtung, Kritik und Philosophie
abgelehnt. Dadurch drohte aber eine
Lucke zu klaffen, man hatte sich gleichsam
kulturlos gemacht und wäre folglich
auf die "rohe Natur", also den
total neuen Anfang angewiesen gewesen, wäre
nicht das Modell Shakespeare gewesen (WA
I, 28, S. 71). Dieser war aber von
den maßgeblichen Instanzen gerade wegen
primitiver Naturrohheit abgelehnt, etwa in
De la littérature allemande Friedrichs des Großen. Dieses
Urteil hat Goethe nicht bestritten, aber
umgepolt und umgewertet. Seine frühe
Shakespeare-Begeisterung galt in der Tat
der fast rohen Natur der englischen Stücke.
So steht in der Rede Zum Shakespeares Tag (1771) der Ausruf "Natur! Natur! Nichts
so Natur als Shakespeares Menschen"
(WA I, 37, S. 133). Schon die Satzform
mit ihrer harten Fügung von Adverb und
Substantiv - "so Natur", nicht
etwa "so naturlich" oder "so
sehr Natur", sondern unmittelbar "so
Natur" -, bereits diese Formulierung
drückt die Unmittelbarkeit der mimetischen
Wirkung Shakespeares und den Abstand zu aller
französisch-erkünstelten Kunst
denkbar konkret aus.
Nun war es gewiss eine Täuschung, falls
Goethe wirklich gemeint hat, bei Shakespeare
liege keine Täuschung durch Kunst vor.
Das hat aber nicht gehindert, dass das Shakespeare-Erlebnis
auf Goethes eigene Kunst produktiv gewirkt
hat. Von der Position aus, Shakespeares
Schöpfungen seien nichts als Natur,
konnte Goethe vor allen Dingen die "Fesseln"
abschütteln, in die die Regelpoetik
die "Einbildungskraft" geschlagen
hatte. Er schreibt hörbar aus
der Situation seines streitbaren Götz
heraus: er will nämlich den "Herren
der Regeln" und ihren leidigen dramatischen
Einheiten "Fehde" ankündigen
und "ihre Türne zusammenschlagen"
(WA I, 37, S. 131). Nicht von ungefähr
gebraucht er in diesem Feldzug die Sprache
seiner geschichtlichen Figur, denn gerade
der schwer zu fassende Geschichtsstoff musste
als Inbegriff des breiten, unregelmäßigen
Lebens die Konventionen des "regelmäßigen
Theaters" sämtlich in Frage stellen.
Auch darin war Shakespeare mit seinen
formal recht wilden Historien vorangegangen.
Wer im Drama "hundert Auftritte einer Weltbegebenheit
mit dem Arm umfaßt", wie es Herder
in seinem Shakespeare-Essay dem großen
Dramatiker bescheinigte, läßt
alle Regelängstlichkeit absurd erscheinen.
Goethe geht aber mindestens implizit noch
weiter und eröffnet mithilfe Shakespeares
den Ausblick auf eine ganz anders imaginativ
freie Kunstpraxis und -rezeption. Im
Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit
ließ sich gegen die Regelpoetik der
Spieß leicht umdrehen, so dass ausgerechnet
Shakespeare als Beispiel und Bürge für
eine neuartige Kunst dastand. Paradoxerweise
waren es gerade die "Herren der Regeln",
die sich recht eigentlich nach der "rohen
Natur" richteten, denn mit ihrer Forderung
nach strenger Einhaltung der Einheiten von
Raum und Zeit verwechselten sie den Bühnenraum
mit wirklichem Raum und die Dauer der abendlichen
Vorführung mit wirklicher Zeit. In
der Sprache der damaligen Ästhetik formuliert,
sie behandelten Bühne, Handlung und
Schauspieler als "natürliche Zeichen",
d.h. als Gegenstände, deren Naturform
als Kunstmittel glattweg übernommen
werden durfte. Bei Shakespeare hingegen,
dessen mitunter fast formlos scheinendes
Drama im Vergleich etwa zur kompakten Eleganz
eines Racine schwer auf die Bühne zu
bringen war und ist, wird Theaterkunst eben
nicht mit den Wirklichkeitskonstituenten
der Theaterstätte verwechselt. Wirklichkeit
wird bei Shakespeare überhaupt nicht
penibel nachgeahmt, sondern sie wird erst
durch einen Appell an die Einbildungskraft
der Zuschauer konstituiert. Dabei sind
die theatralischen Mittel, selbst die Schauspieler
und Schauspielerinnen von Fleisch und Blut
inbegriffen, eigentlich "willkürliche
Zeichen", wie der Terminus damals lautete,
also Formen, die keinen eigenen Sinn haben,
sondern durch Übereinkunft als Sinnträger
eingesetzt werden. Durch sie soll bei
Shakespeare der Zuschauer in die freie Raum-Zeit
der Phantasie befördert werden.
Das hat der junge Goethe wohl intuitiv gefasst
und in den Metaphern seiner Shakespeare-Rede
ausdrücken wollen. "Natur"
bedeutet also doch nicht "rohe Natur",
sondern eine Kunst, bei der die Mittel weder
dem Regelzwang unterstehen noch zum Selbstzweck
erstarrt sind. Am Rande bemerkt: im Prolog
des Geschichtsdramas Heinrich V. stellt Shakespeare selber das Prinzip auf,
dass bei der Kunst alles am "seh"-willigen
Publikum liege, auf dessen "imaginary
forces" ("Vorstellungskräfte")
der Dichter wirken müsse. Diese
kurze aber überaus prägnante Stelle
enthält im Keim die ganze Lehre des
künstlerischen Scheins, wendet sie übrigens
auch schon selber an, indem sie mit dem dichterischen
Wort Wirklichkeiten mächtig heraufbeschwört.
An diese programmatische Konzeption
knüpft Goethe im Aufsatz Shakespeare und kein Ende an (1813/17, Abschnitt "Shakespeare
als Dichter überhaupt"). Er
zieht dort auch die letzte logische Folge,
dass man Shakespeare am besten nicht erst
aufgeführt sieht, sondern vorgelesen
hört, so dass man nicht "durch
schickliche noch unschickliche Darstellung
zerstreut" wird, denn "er spricht
an unseren inneren Sinn", womit doch
wohl die reine Einbildungskraft gemeint ist.
Aber so oder so, mit oder ohne theatralische
Verwirklichung behält das Shakespearesche
Werk für G. nach wie vor das Geheimnis
der Wirklichkeit selbst: "wir erfahren
die Wahrheit des Lebens und wissen nicht
wie" (WA I, 411, S. 53ff).
Durch Shakespeares Beispiel war also für
den jungen Goethe die Kluft zwischen Natur
und Kunst enger, oder doch das zum Sprung
hinüber notwendige Selbstvertrauen stärker
geworden. Dieses wurde freilich durch
Herders bissigen Kommentar zum Ur-Götz, "daß ihn [das heißt, Goethe]
Schäckessp. ganz verdorben" habe
(Goethe an Herder, z. 10.7.1772), in Grenzen
gehalten. Was keineswegs bloß
als die bei Herder übliche Häme
aufzufassen ist. Es war die Warnung
vor einer kreativen Übermacht, die die
Kraft eines jungen Schöpfers auch lahmlegen
konnte. Die Mahnung wurde von Goethe
auch beherzigt, zumindest klingt sie in seiner
späteren Äußerung noch nach,
Shakespeare sei "gar zu reich und gewaltig",
eine "produktive Natur" dürfe
"alle Jahre nur ein Stück von ihm lesen, wenn sie nicht
an ihm zugrunde gehen" wolle (zu Eckermann,
25.12.1825; vgl. Maximen und Reflexionen, hrsg. Max Hecker Nr. 516). Schon
auf den jungen Wilhelm Meister hat die Shakespeare-Lektüre
so stark gewirkt, "daß er darinne
fortzufahren nicht imstande war" (Theatralische Sendung, V, 10). Auch für ihn scheint
es sich weniger um Kunst zu handeln als um
eine Offenbarung von Wirklichkeit schlechthin:
Shakespeares Werke seien, heißt es,
"keine Gedichte, [sondern] man glaubt
vor den aufgeschlagenen Büchern des
Schicksals zu stehen, in denen der Sturmwind
des bewegtesten Lebens saus't und sie mit
Gewalt rasch hin und wieder blättert"
(ebda). Das wird für Wilhelm entsprechend
zum Anreiz, "in der würklichen
Welt schnellere Schritte vorwärts zu
thun, [sich] in die Fluth der Schicksale
zu mischen" (ebda). Kunst wirkt
sich eben in dem und auf das Leben aus.
Allerdings sieht Wilhelm Meister ein, was
der Shakespeare-Redner noch nicht ausdrücklich
sagte, daß Shakespeares Figuren nur
natürlich zu sein scheinen, denn wir sehen "diese geheimnisvollsten
und zusammen-gesetztesten Geschöpfe
der Natur" handeln, als wären sie
Uhren mit kristallenem Gehäuse. Das
heißt, wir durchschauen und verstehen
sie, wie wir die Menschen im wirklichen Leben
nie so restlos verstehen. Diese Einsicht
nimmt aber der Hingerissenheit Wilhelms nichts;
was ja zu seiner in der fragmentarischen
ersten Romanfassung noch ungebrochenen, noch
nicht als Irrweg verworfenen theatralischen
Sendung paßt.
Hier darf von einem weiteren englischen Modell
die Rede sein. Der Ur- Meister ist eben noch kein Bildungsroman, in dem
der theatralische Irrtum aus vollen Bechern
geschlürft werden soll, sondern es ist
ganz eindeutig ein pikaresker Roman, der
um den historisch authentischen Kern des
Nationaltheatergedankens der siebziger und
achtziger Jahre kreist und davon zusammengehalten
wird. Das macht ihn zu einem Projekt
in der Manier Henry Fieldings, dessen Romane
(Joseph Andrews, Geschichte des Tom Jones) frühen Kritikern wie Wieland, Lessing
und Blankenburg bereits als Klassiker der
aufkommenden Romangattung galten. Mit
seinem humoristisch robusten Realismus stach Fielding vom modischen sentimentalen
Moralisieren eines Richardson als "natürlich"
ab. Insofern lief bei Goethe der anhand
von Shakespeares Dichtungen angeknüpfte
Faden einer lebensnahen, nicht künstlichen
Kunst, die für England typisch sei,
auf anderer Ebene und in einer anderen Gattung
weiter. Allerdings nicht sehr viel
weiter, weil die Theatralische Sendung bald abgebrochen wurde, um bei der späteren
Umgießung als Wilhelm Meisters Lehrjahre etwas ganz anderes zu werden, das die ganze
Geschichte des deutschen Romans geprägt
hat. Sieht man also die Theatralische Sendung rein füur sich als ein in der Nachfolge
Fieldings stehendes Werk an, nicht etwa als
bloße Vorform der in Konzeption und
Ausführung völlig verwandelten
Lehrjahre, so wird klar, daß am Meister-Projekt
ein wichtiger sozialrealistischer Ansatz
vorhanden war und zu nichts wurde. Goethes
formaler Rückzug vom Realismus läuft
gleichsam parallel zur Verwerfung von Wilhelms
Theaterleidenschaft als reinem Irrtum.
Der Realismus verlangt aber Realitäten,
die zur Darstellung anregen. Im Rückblick
erschienen Goethe die im Meister behandelten Realitäten fast als der
Kunst unwürdig: "herumziehendes
Komödiantenvolk und armselige Landedelleute"
stellten "den elendesten Stoff"
dar, "der sich nur denken lasse",
und zwar wiederum im Kontrast zur englischen
Literatur. Hier seien ganz anders würdige
Stoffe vorrätig. Der "Zauber"
der Romane Walter Scotts, heißt es,
ruhe "auch auf der Herrlichkeit der
drei britischen Königreiche und der
unerschöpflichen Mannigfaltigkeit ihrer
Geschichte"(zu Kanzler Müller,
17.9.1833). Das ist für Goethe
auch kein Einzelfall. Selbst ein Armeleutekind,
wie der andere Schotte Robert Burns, hat
nach Goethes Würdigung immerhin den
Vorteil genossen, in eine rege Volksliedtradition
hineingeboren zu sein und für die eigenen
Lieder "sogleich empfängliche Ohren"
gefunden zu haben (zu Eckermann 3.5.1827).
Auch der wegen seines Landpriester-Romans von Goethe hochgeschatzte Goldsmith
möge "dankbar anerkennen, daß
er ein Engländer ist und die Vorteile,
die ihm sein Land, seine Nation darbietet,
hoch anrechnen". Der unentbehrliche
gesellschaftliche Stoff, über den der
- übrigens nicht englische sondern irische
- Romancier (bekanntlich wurde die englische
Literatur weitgehend von Schotten und Iren
geschaffen) der Stoff also, über den
Goldsmith verfügen konnte, wird von
Goethe in einer zum Inselreich geistreich
passenden Metapher evoziert. Von der
Familie des Landpriester von Wakefield heißt es nämlich: "auf der
reichen, bewegten Woge des englischen Lebens
schwimmt dieser kleine Kahn, und in Wohl
und Weh hat er Schaden oder Hülfe von
der ungeheuren Flotte zu erwarten, die um
ihn hersegelt" (WA I, 27, S. 344). Selbst
Shakespeare, der sich "zum Weltgeist
gesellt", sei darum nicht weniger auf
"die zivilisierte Welt [und] ihre Schätze"
angewiesen gewesen: "Künste und
Wissenschaften, Handwerke und Gewerbe, alles
reicht seine Gaben dar. Shakespeares
Dichtungen sind ein großer, belebter
Jahrmarkt, und diesen Reichtum hat er seinem
Vaterlande zu danken" (WA I, 411, S. 55). Auch bei anderen englischen
Autoren meint Goethe bis in einzelne Motive
und Effekte hinein die prägende gesellschaftliche
und geschichtliche Wirklichkeit ausmachen
zu können. Am Verlorenen Paradies John Miltons etwa, der als Puritaner und
Cromwell-Sekretär der republikanischen
Partei im Bürgerkrieg des 17. Jhs. angehörte,
hebt er hervor, der Dichter wisse sich gerade
"als verunglückter Revolutionär
besser in die Rolle des Teufels als des Engels
zu schicken" (an Schiller, 31.7.1799).
Ähnlich sei das in Goethes Augen
allzu starke polemisch-oppositionelle Moment
in Byrons Werken eine Auswirkung des Parteigeists,
den sich der Dichter als Lord im Oberhaus
nicht genug habe vom Herzen reden können
(zu Eckermann, 25.12. 1825).
Goethes Anerkennung fremden stofflichen Reichtums
und sonstiger Vorteile anderer Kulturen ist
die Kehrseite seiner wiederholten Klage über
die deutsche Situation. Der Aufsatz
Literarischer Sansculottismus (1795) enthält im Keim eine Literatursoziologie,
die dann in Dichtung und Wahrheit verschiedentlich (z.B. am Anfang des 10.
Buchs) weiter ausgebaut wird. Wo auch
immer der späte Goethe in Europa hinschaute,
glaubte er Gesellschaften zu sehen - das
Renaissance-Italien Tassos oder das Frankreich
des Zeitgenossen Béranger (zu Eckermann,
3.5.1827) -, die den Dichtern Stoff und Anregung
boten und dem vollendeten Werk eine freundliche
Aufnahme bereiteten. Selbst bei den
griechischen Tragödien heißt es,
man solle "mehr die Zeit und die Nation
bewundern, in der sie möglich waren,
als die einzelnen Verfasser" (zu Eckermann,
ebenda). Es handelt sich bei Goethe
nicht so sehr um den Ausdruck der Volkssubstanz
in dichterischen Werken, wie ihn die Romantiker
erhofften, sondern um die Praxis öffentlicher
literarischer Kommunikation, wie sie sich
in reifen Kulturen längst eingebürgert
hatte, bei einer verspäteten Kulturnation
aber erst mühsam erarbeitet werden mußte.
So hängt die Literatur für
Goethe nicht nur eng mit der Nation zusammen,
sie hängt letztlich von ihr ab. Auch
hier handelt es sich also, freilich in viel
weiterem Sinn als beim realistischen Impuls
bestimmter Gattungen und Werke, um die Lebensnähe
literarischer Kunst.
Das Motiv "Lebensnähe" ist
auch bei Goethes Interesse für den englischen
Charakter vorhanden, (vgl. etwa Geschichte der Farbenlehre, Abschnitt "Anglomanie", WA II,
4, S. 141f), der in seinen Augen vor allen
Dingen eine praktische ist und insofern eine
Folie zum deutschen Wesen bildet. In
diesem Sinn wünscht der Italienreisende,
er hätte einen "klugen Engländer
zum Vater gehabt", der ihm die Mühe
erspart hätte, "dass ich das alles
allein, ganz allein habe erwerben und erobern
müssen und noch muss" (5. Okt.
1786). Goethe als Engländer! Nebenbei
gefragt: was für einer wäre er
gewesen? Eckermann meint gelegentlich,
Goethe wäre als gemäßigter
Reformer gegen Missbräuche angegangen. "Wofür
halten Sie mich?" erwiderte Goethe.
"Ich hatte sollen Missbräuchen
nachspüren [...], ich, der ich in England
von Missbräuchen würde gelebt haben?
- In England geboren, wäre ich
ein reicher Herzog gewesen, oder vielmehr
ein Bischof mit jährlich 30 000 Pfund Sterling Einkünfte"
(zu Eckermann, 19. März 1830).
Ein überaus praktisch ausgerichteter
Engländer also!
Es kann freilich auch als Kehrseite der Medaille
heißen, Engländer seien "als
solche ohne eigentliche Reflexion" (zu
Eckermann, 24.2.1825). Er nennt uns
auch gelegentlich "Pedanten", freilich
im Bereich der Farbentheorie, wo England
den großen Nachteil besitzt, dass es
den Erzfeind Isaac Newton geboren hat. Bei
aller Bewunderung für Shakespeare listet
Goethe einmal die Schwächen englischer
Stücke aus nicht genannten Federn auf,
als da sind 'Das Verruchte des Stoffs, das
Absurde der Form, verwerfliche Handlungen."
Um mit dem Gesamturteil zu schließen:
"Vermaledeites englisches Theater!"
(MuR 958; HA 12, 501). Wir sind jetzt,
wie Sie sehen, bei den eingangs versprochenen
Vorbehalten angekommen, die - allen Scherz
beiseite -interessant sind, weil sie zeigen,
dass man bei weltliterarischen Kontakten
nie so ganz leichtes Spiel hat. Widerstande
melden sich eben. Bezeichnenderweise richten sie sich
aber bei Goethe - einmal von Newton abgesehen
- nicht gegen Menschen. Der Einzelfigur
aus anderen Zeiten und Kulturen tritt er
immer herzlich gegenüber. Goethe
ist insofern eine wandelnde Widerlegung der
These Harold Blooms, der zufolge jeder Dichter
seinen Vorgängern gegenüber ausschließlich
Rivalitätsgefühle und Angst -"
the anxiety of influence" - empfindet.
Goethes negative Reaktionen gelten
allenfalls überpersönlichen Phänomenen
oder Gruppen, wie eben dem "vermaledeiten
englischen Theater". Tiefschurfender
allerdings ist folgende, soweit ich sehe
nie beachtete Stelle aus einem Brief vom
Dezember 1786 aus Rom an Charlotte von Stein:
"Heute Nacht hatte ich halb angenehme,
halb ängstliche Träume.[...] Deine
Schwester und die kleine Schardt [...] erzählten
mir, du lesest jetzt mit vieler Freude die
englischen Dichter und ich sah zugleich zum
Fenster hinaus einen anmutigen grünen
Berg mit Lorbeerhecken und Schneckengängen
die hinauf führten. Man sagte
mir es sey der englische Parnaß.
Ich dachte [,] darüber wird sie mich
leicht vergessen und schalt auf die englischen
Dichter und verkleinerte sie." (WA IV,
8, 99). Hier spricht tatsächlich
eine Furcht vor der Konkurrenz, die sich
aus dem Unbewußten emporringt, wo sie
zusehends mit ganz anderen, nicht rein literarischen
Impulsen verflochten war.
Trotzdem - oder vielleicht gerade deswegen
- bietet die englische Literatur in der Person
ihres größten Dichters den Maßstab,
an dem sich Goethe zeitlebens gemessen zu
haben scheint. So bezieht sich die
Formel im späten Essaytitel "...und
kein Ende" auf seine eigene nie aussetzende
Beschäftigung mit Shakespeare.
Dieser spukt im ganzen Goetheschen Werk so
hin und wieder, bald ostentativ, bald heimlich,
in Stoff, Motiv und Anspielung. In
Ilmenau verkörpert für Goethe das "nächtliche
Gelag" im finsteren Wald gleich den
vertriebenen Hof aus Wie's Euch gefällt wieder. In Wilhelm Meisters Lehrjahren sind Charakter und Schicksal Hamlets zunächst
Gegenstand ausführlicher Debatten, verflechten
sich aber allmählich mit der eigentlichen
Bildung Wilhelms. Bereits der junge
Goethe sieht sich in ferner Zukunft als "Greisen
im Moor" (An Schwager Kronos), ein halbes Jahrhundert später bittet
der Greis gewordene die "getreuen Weggenossen"
ihn in seinem letzten Liebesgram "allein
am Fels, in Moor und Moos" zu lassen
(Marienbader Elegie), was beides ein Echo Shakespearescher Tragik,
eine Anspielung auf das Los des in der Wüstenei
ausgesetzten König Lear sein dürfte.
"Ein alter Mann ist stets ein König
Lear", heißt es verallgemeinernd
in einem der späten Zahmen Xenien (FA II, 623). Auch im Sehnen
Fausts, der "die Zaubersprüche
ganz und gar verlernen" möchte,
um "Natur, vor dir ein Mann allein"
zu stehen, klingt Shakespeare nach, nämlich
die Schlussrede Prosperos im Sturm , "Hin sind meine Zauberein: / Was
von Kraft mir bleibt, ist mein". Bei
solchen Parallelen handelt es sich aber längst
nicht mehr um Nachahmung, man rührt
vielmehr an Archetypisches und Vorgeprägtes,
das neu erfahren und variiert wird. Vollends
als der alte Lyriker Im ernsten Beinhaus Hamlets Anrede an Yoricks Schädel nachspielt,
geschieht es eindeutig, um über Schillers
Schädel ganz andere, un- und gegen-hamletische
Gedanken und Gefühle anzustimmen und
aus dem herkömmlichen memento mori ein nachdrückliches memento vivere zu machen. Hier ist eindeutig ein
Selbstvertrauen erreicht, das es ruhig mit
Shakespeare aufnimmt und selbst mit diesem
"Einzigen" (Zwischen beiden Welten) am Ende einen Umgang von gleich zu gleich
pflegt.