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Goethes Faust

Die Tragödie der modernen Übereilung.


Dr. Manfred Osten, Bonn



     Im globalen Dorf, hier, wo die Fahne der digitalen Ubiquität und organisierten Gleichzeitigkeit weht, und wo der Schweizer Uhrenfabrikant Hayek schon die uns gemäße Cyberzeit mit fünfhundert "Beats" (jeder "Beat" = 86,4 Sekunden) für den modernen ortlosen Internet-Tag beschert hat, hier dürften wir ihn wohl endlich los sein, den inzwischen zweihundertfünfzigjährigen Olympier und Geheimrat.  Jenen Goethe also, von dem ohnehin schon Nietzsche mutmaßte, er sei in der Geschichte der Deutschen ein Zwischenfall ohne Folgen.


     Mag sein, doch erweist sich die Sache bei näherem Hinsehen wider alles Erwarten als kompliziert.  Denn zumindest einer scheint schon lange vor uns aufgebrochen zu sein ins globale Dorf: Dr. Faust.  Er hat uns früh erkannt mit seiner Verwünschung aller Langsamkeit: "Fluch vor allem der Geduld!" Und er hat sie auch lange vor uns schon erfunden: die Ablösung der Zeit vom Raum, das rasant beschleunigte Lebenstempo in Gestalt seines Weggefährten mit Namen Mephisto.  Faust begab sich also schon vor mehr als zweihundert Jahren bereitwillig unters Joch jener Eile, die bekanntlich des Teufels ist?

     Es ist jedenfalls ein sehr modernes Joch, das Goethe in genialer Wortschöpfung als "veloziferisch" bezeichnet: als Verschränkung von Velocitas (die Eile) und Luzifer.  Faust ist immerhin "avant la lettre", er will bereits mehr als er weiß.  Er erscheint als der moderne Blitzkrieger der Erfüllung jener Wünsche einer Forderungs- und Anspruchsgesellschaft, die alles will, und zwar sofort.  Und was Luzifer alias Mephisto der Ungeduld Fausts andient, sind denn auch schon jene Instrumente des Veloziferischen, deren Erscheinungsformen am Ende des 20. Jahrhunderts zwar andere Namen tragen, aber dieselben Dinge meinen: der schnelle Degen, die schnelle Liebe, der schnelle Mantel, das schnelle Geld und zum Schluß: der schnelle Mord (an Philemon und Baucis).  Und Fausts globales Dorf, von Mephistos Gnaden, gebietet bereits perfekt über virtuelle Welten, wie wir sie heute mit Videoclips und beim Zappen zwischen TV-Kanälen kreieren.  Sein virtuelles Arsenal reicht von Walpurgisnächten aller Art bis zur heraufzitierten schönen Helena, von den archaischen Tiefen der Mütter bis zum Lärm längst geschlagener Schlachten.  Es sind immer rascher wechselnde Filmschnittsequenzen einer Beschleunigungskultur mit Luzifer als omnipotentem Artifex einer (kaiserlichen Hof- und) Unterhaltungsgesellschaft, die sich bereits im Zeichen grandioser Oberflächlichkeit und eines perfekten Zeitmanagements zu Tode amüsiert.

     Deutlich sichtbar werden auch schon die modernen Formen der Versklavung: Fausts Unterwerfung unter das Diktat der Eile, die erzwungene Adaptation seiner Sinne an eine beschleunigte Wahrnehmung und sein (schließlich mit Erblindung erkaufter) Glaube an eine unbegrenzte Fortschrittsdynamik.  Faust hat sich Luzifer unterworfen im Namen einer Wette, deren ultima causa sein Fluch der Geduld ist: seine Verweigerung des Augenblicks zugunsten der Ungeduld.  Kafka, der ein Jahrhundert später Weimar besucht und dort nachts die Steine des Goethe-Hauses streichelt, wird in sein Tagebuch dann den Satz notieren: "Es ist Ungeduld, die den Menschen aus dem Paradies vertrieb und ihn daraus immer weiter entfernt".  Was Faust (und seine modernen Nachfahren) aus dem Paradies vertreibt, bringt Mephisto hellsichtig auf die Formel: "Ihm hat das Schicksal einen Geist gegeben, der ungebändigt immer vorwärts drängt und dessen übereiltes Streben der Erde Freuden überspringt".

     Fausts "übereiltes Streben" ist vor allem gekennzeichnet durch moderne Diskontinuitäten: am Ende steht Fausts gewaltsame Zerstörung der tradierten Welt der beiden Alten: Philemon und Baucis. Wenn Goethe statuiert: "Das Leben hat nur insofern einen Sinn, als es eine Folge hat", so war es für ihn vor allem die Französische Revolution, die mit eben dieser "Folge", mit dem langsam Gewachsenen, dem Althergebrachten, gründlich gebrochen hatte. Zugleich hatte sich der Rhythmus des Daseins ruckartig geändert, um sich auf nie dagewesene Weise zu beschleunigen. Anstelle des alten Andante, des bedächtigen Fortschreitens, war eine alle Lebensverhältnisse erfassende Akzeleration getreten. Was Goethe früh bemerkte, hat Nietzsche (in Menschliches Allzumenschliches) spät mit den Worten diagnostiziert: "Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Tätigen, das heißt, die Ruhelosen, mehr gegolten. Es gehört deshalb zu den notwendigen Korrekturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muß, das beschauliche Element in großem Maße zu verstärken."

     Daß unsere Zivilisation aus Mangel an Ruhe in eine neue Barbarei ausläuft, das hatte Goethe bereits 1778 in Berlin bemerkt.  Mit dem Ergebnis, daß er sein Leben lang ein konsequenter Berlinverweigerer geblieben ist.  Schon 1766 (in Leipzig) hatte er über Berlin notiert, "daß jetzo in ganz Europa kein so gottloser Ort" zu finden sein möchte.  Gleichwohl hat er diesen Ort dann doch besuchen müssen: Im Mai 1778, in Begleitung seines Herzogs Carl August, erkennt er, "an der Quelle des Krieges" sitzend, jene Tendenzen der Moderne, die er rund fünfzig Jahre später, im November 1825 dingfest machen wird.  In einem von ihm zu späterer Verwendung zurückbehaltenen Postscriptum seines Briefes an den Juristen und Verwaltungsbeamten im preußischen Dienst, Nicolovius, gelingt ihm die Formel der Moderne: "alles veloziferisch".  In dem genannten Brief heißt es hierzu kommentierend: "Für das größte Unheil unsrer Zeit, die nichts reif werden läßt, muß ich halten, daß man im nächsten Augenblick den vorhergehenden verspeist, den Tag im Tage vertut, und so immer aus der Hand in den Mund lebt, ohne irgend etwas vor sich zu bringen.  Haben wir doch schon Blätter für sämtliche Tageszeiten, ein guter Kopf könnte wohl noch eins und das andere interpolieren.  Dadurch wird alles, was ein jeder tut, treibt, dichtet, ja was er vorhat, ins Öffentliche geschleppt.  Niemand darf sich freuen oder leiden, als zum Zeitvertreib der übrigen; und so springt's von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt, von Reich zu Reich und zuletzt von Weltteil zu Weltteil, alles veloziferisch".

     Im Mai 1778 hatte Goethe dieses "größte Unheil unserer Zeit" lokalisiert mit den Worten: "Schon in ruhigen - weniger noch in unruhigen - Zeiten sollte man nicht nach Berlin streben".  Und lange bevor denn auch tatsächlich im 20. Jahrhundert die veloziferischen Drehbücher des Ersten und Zweiten Weltkrieges in Berlin geschrieben wurden, hat Goethe das Drehbuch jener Akzelerationen der Modernität geschrieben, das uns erst jetzt - im Zeitalter digitaler Lichtgeschwindigkeit - einzuholen beginnt: Faust, als das Gleichnis für die Tragödie der Übereilungen der Moderne. Für die Zukunft der Vergangenheit dieses Werks dürfte jedenfalls immer noch und entsprechend jenes Wort anwendbar sein, das Friedrich Schlegel über Goethes Wilhelm Meister notiert: es ist ein Werk, das "mehr weiß als es sagt, und mehr will, als es weiß".

     Goethes Faust also als ein seismographisches Frühwarnsystem, eine frühe Ahnung, daß mit dem Epochenbruch der Französischen Revolution und den Blitzsiegen Napoleons das Menschheitsschiff sich nicht nur von den alten Bindungen losgerissen hatte, sondern insgesamt umgerüstet wurde zu jenem Schnelldampfer, der dann im 20. Jahrhundert den Namen "Titanic" erhalten sollte.  Goethe sah offenbar die Gespenster nicht mehr aus der Vergangenheit, sondern aus der Zukunft auf uns zukommen. Dem Komponisten und Töpfermeister Zelter, jenem Mann, dem er das brüderliche "Du" anbietet und der für ihn in Berlin so etwas wie ein personifizierter Anti-Faust ist, ein Vorposten nicht-veloziferischer Gesinnung im "neuen Babylon" der Übereilungen, ihm schreibt er denn auch in diesem Sinne unter dem 6. Juni 1825: "Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert und wonach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle mögliche Fazilitäten der Kommunikation sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren".

     Goethe also ein "Stabilitätsnarr", wie ihn Heinrich Heine als Protagonist einer Generation mit bereits gesteigertem Lebenstempo bezeichnet hat?  War er der Anwalt einer "Stabilität", mit der Goethe bewußt gegen die Romantiker opponierte, die er verstand als eskapistische Zeitreisende, die in seinen Augen aus dem Heute in die Vergangenheit flüchteten?  Hatte Goethe selber eine bessere Antwort auf die "veloziferische" Akzeleration aller Lebensverhältnisse durch das "überhandnehmende Maschinenwesen"? Er sieht sich jedenfalls in den Wanderjahren seines Wilhelm Meister vor die höchst problematische Alternative gestellt: Flucht oder Mitläufertum.  Eine Alternative, von der er selber sagt: "ein doppelter Weg, einer so traurig wie der andere: entweder selbst das Neue zu ergreifen und das Verderben zu beschleunigen, oder aufzubrechen, die Besten und Würdigsten mit sich fort zu ziehen und ein günstigeres Schicksal jenseits der Meere zu suchen. Eins wie das andere hat sein Bedenken, aber wer hilfts uns die Gründe abwägen, die uns bestimmen sollen?"

     Goethe hat diese Frage nicht beantwortet.  Er hat sie aber auch nicht auf Schriftdistanz gehalten, sondern er hat die Widersprüche, die sich hieraus - auch für ihn selber - ergaben, ertragen und ausgetragen im Sinne seines Verdikts: die "Widersprüche statt sie zu vereinigen disparater zu machen".  Das hat ihn freilich nicht daran gehindert, dem veloziferischen "Enthusiasmus der Zerstörung" zumindest für die eigene Person dezidiert einen "Enthusiasmus der Ordnung" entgegenzusetzen.  Schon möglich, daß er hierbei inzwischen den Nachgeborenen erscheint als ein "mürrischer Fährmann, der den Bestand des alten Europa in die neue Zeit zu bringen versucht" (Thomas Steinfeld).  Das Unzeitgemäße seiner auf Dauer und Kontinuität gründenden Ritardando-Kultur hat er jedenfalls selber (gegenüber Eckermann) resümiert mit den Worten: "Meine ganze Zeit wich von mir ab".  Oder, wie es ein Jahrhundert später Walter Benjamin sagen wird: Goethe habe "mit System und Gründen einen Widerstand gegen ... Geschichte und Politik seines Volkes in sich entdeckt und aufgezogen, der aus seinem Innersten kam".

     Goethes Einsicht "Die ungeheuerlichste Kultur, die ein Mensch sich geben kann, ist die Überzeugung, daß die anderen nicht nach einem fragen" kulminiert schließlich in seinem Entschluß, den 2. Teil des Faust zu versiegeln und den eigenen Zeitgenossen vorzuenthalten.  Er begründet diesen Entschluß gegenüber Wilhelm von Humboldt mit den Worten: "Verwirrende Lehre zu verwirrtem Handeln waltet über die Welt".  Ihm war bewußt, daß dem veloziferischen Zeit-Geist jedes Verständnis für die sehr ernsten Scherze und Warnungen im "Faust" fehlen würde, daß dieses Werk nämlich "wie ein Wrack in Trümmern" und vom "Dünenschutt der Stunden" überschüttet daliegen würde.  Ein Schicksal, das dem zweiten Teil der Tragödie denn auch in der Tat widerfahren ist.

     Was Goethe im 2. Teil des Faust versiegelte, und den Zeitgenossen vorenthielt, waren vor allem "Kainszeichen der Selbstzerstörung", wie sie im 5. Akt der Tragödie sichtbar werden.  Goethe gibt hier den Blick frei auf die beiden großen Phänomene aller Übereilungen: Irrtum und Gewalt, die er offenbar auch als die eigentlichen Konstanten der Historie verstanden hat.  Gegenüber dem Kanzler von Müller bemerkt er (am 17.12.1824) jedenfalls: "Und doch kann eigentlich niemand aus der Geschichte etwas lernen, denn sie enthält ja nur eine Masse von Torheiten und Schlechtigkeiten".  Torheiten und Schlechtigkeiten sind auch im "Faust" die Resultate des veloziferischen Strebens.  Faust irrt, weil er sich übereilt, weil er auf Grund seiner Ungeduld unfähig ist, klug zu sein zur rechten Zeit.  "Wären wir klug zur rechten Zeit, wäre Weisheit weit und breit", hatte Goethe im West-östlichen Divan gedichtet.  Faust nimmt - mit Hilfe Mephistos - immer wieder Zuflucht zu den "Schlechtigkeiten" der Gewalt.  Er hat sie bereits im ersten Teil der Tragödie ungeduldig praktiziert, etwa bei der Tötung von Gretchens Bruder.  Jetzt, im zweiten Teil der Tragödie, als ihm seine drei eiligen Gesellen die Nachricht vom Tode der beiden Alten, Philemon und Baucis, bringen, erkennt er - zu spät - die fatale Folge seiner Übereilung: "Geboten schnell, zu schnell getan".

     Fausts Leugnung der Gegenwart im Namen einer veloziferisch antizipierten Zukunft kulminiert im 5. Akt allerdings nicht nur in Irrtum und Gewalt, in Torheit und Schlechtigkeit.  Goethe antizipiert hier auch jenes andere Phänomen der Übereilung, das erst Heidegger in Sein und Zeit als eines der zentralen Themen der Moderne wieder neu reflektieren wird: die Sorge.  Die Sorge als Personifikation eines hypertroph zukunftsorientierten Bewußtseins läßt Faust erblinden mit den Worten: "Die Menschen sind im ganzen Leben blind, so werde du es auch am Ende".  Erst die Sorge ermöglicht endgültig das apokalyptische Szenarium des Veloziferischen: Fausts Untergang im Zeichen von Blindheit und Verblendung.  Faust beschäftigt sich - bereits erblindet - mit modernen "Visionen": mit einem groß angelegten Entsumpfungs-Projekt im Zeichen der Eile: "Was ich gedacht, ich eil' (!) es zu vollbringen".  Faust begeht hier denn auch den letzten, den irreversiblen Irrtum: er hört das Klirren der Spaten und glaubt, die Arbeit gelte einem Graben.  In Wahrheit gräbt man sein eigenes Grab.  Es ist die höhnische Ironisierung des veloziferischen Aktionismus einer wahren "Sumpf-Szene", in der sich Irrtum und Gewalt zu einer schauerlichen Utopie verschränken, denn Faust glaubt mit freiem Volk auf freiem Grund zu stehen.  In Wahrheit sind es bereits die Zwangsarbeiter der Moderne, die für ihn arbeiten.  Von Menschenopfern ist die Rede, und vom Jammer, der die Nächte füllt.

     Selten ist eindringlicher mit aller auf Kontinuität gründender Kultur gebrochen worden, als mit der Ermordung von Philemon und Baucis.  Fausts Vergangenheitshaß, seine Leugnung jeder Kultur des Erinnerns und des Gedächtnisses, antizipiert hier gleichsam das Muster abrupter Kontinuitätsrisse der deutschen Geschichte - bis hin zur Jugendrevolte der sechziger Jahre unseres Jahrhunderts.  Eine Diskontinuität, der mit der Abschaffung des Literaturkanons und der Einführung einer "Gefälligkeitspädagogik" dann jener (auch Goethe selber erfassende) Bruch mit der Vergangenheit gelang, den Lew Kopelew als eine "Kulturrevolution" besonderer Art qualifiziert hat: Sie habe in Deutschland stattgefunden, und es habe keines Mao-Tse Tung bedurft.

     Goethe, der im Wilhelm Meister warnt, man dürfe das Alte nicht aus den Augen verlieren, weil es ein "Gegengewicht dessen (sei), was in der Welt so schnell wechselt und sich verändert", hat versucht, den Schritt in die emanzipierte Wildnis der modernen Beschleunigung hinauszuzögern.  Er wollte hinauszögern, weil er wußte, daß mit der Ermordung von Philemon und Baucis jene Rückspiegel zerbrechen würden, ohne die die Humanität nicht zu haben ist. Denn das Leben wird zwar nach vorwärts gelebt, aber nur nach rückwärts verstanden.

     Das neue Tempo des Lebens hatte vor allem Napoleon exemplarisch bestimmt.  Er hat nicht nur als erster den modernen Bewegungskrieg praktiziert ("man muß in erster Linie durch die Beine seiner Soldaten siegen").  Er hat auch als Politiker ein bis dahin unbekanntes Tempo eingeführt.  Die Geschwindigkeit ("élan et vitesse"), dieses Geheimnis seiner Person und seiner Erfolge, hatte er Europa aufgezwungen als modernes Lebensgefühl.  Wenn heute der französische Geschwindigkeits-Philosoph Paul Virilio den Tempo-Rausch zum alles beherrschenden Merkmal des technischen Zeitalters erklärt und über "schneller werdende Innovationszyklen, Datenautobahnen und virtuelle Mobilität" klagt, so ist dies letztlich die (verspätete) Diagnose dessen, was Goethe bereits als das "Veloziferische" erkannt und mit einer Tiefenschärfe analysiert hat, die ihresgleichen sucht.  Und wenn (in den USA) bereits der Begriff der "Eilkrankheit" kursiert, die sich unter anderem in der Unfähigkeit zu angenehmen Erinnerungen äußert, so hat Goethe im Faust die Anamnese dieser Krankheit eindringlich geliefert.

     Das gilt auch für Goethes Einsicht in die eigentliche Ursache dieser Krankheit.  Es ist ein letztlich ahistorischer, ein ontologischer Quellgrund, den Goethe in seinen Maximen und Reflexionen andeutet mit dem Wort: "Theorien sind gewöhnlich Übereilungen des ungeduldigen Verstandes, der die Phänomene gerne los sein möchte".  Ein Sachverhalt, für den Goethe auch die Kurzformel bereithält, daß für den Menschen "alles Faktische bereits Theorie" sei.  Das heißt, Goethe war davon überzeugt, daß der Mensch auf Grund der ungeduldigen Tendenzen seines Verstandes unfähig ist, die Phänomene rein anzuschauen.  Wobei für Goethe allein die Phänomene entscheidend waren.  Was wir uns dabei denken, ist letztlich gleichgültig.  Die Natur unseres Verstandes also als der Grund unserer Irrtümer.  Oder wie es Goethe formuliert hat: "Laß dich nicht vom Widerspruch beirren.  Sobald wir sprechen, beginnen wir zu irren".  Der Fortschritt reduziert sich damit letztlich auf ein bloßes Fortschreiten von alten zu neuen Irrtümern.  Wobei die letzten Wahrheiten sich dann, wie Nietzsche vermutete, "als unsere unwiderlegbaren Irrtümer" erweisen.  Goethes Resümée fällt jedenfalls relativ pessimistisch aus. In den Maximen und Reflexionen finden sich die Worte: "Alle Verhältnisse der Dinge (sind) wahr - Irrtum allein in dem Menschen.  An ihm (ist) nichts wahr, als daß er irrt, sein Verhältnis zu sich, zu andern, zu den Dingen nicht finden kann".  Und gegenüber dem böhmischen Grafen Sternberg hat er den Menschen denn auch definiert als "ein dunkles Wesen.  Er weiß nicht, wer er ist, noch woher er kommt, noch wohin er geht. Und ich selber will es auch nicht wissen".

     Goethe hat vor diesem düsteren Hintergrund konsequent festgehalten an einer Kultur der "slow motion", einer Ritardando-Kultur, deren Bedeutung uns erst heute einzuholen beginnt.  Denn unsere Epoche der totalen Mobilmachung, deren Kommunikationstechnologie bereits alle Geschwindigkeitsbeschränkungen überschritten hat und sich dem rasenden Stillstand nähert, hat als Paradox inzwischen eine gegenläufige Hoch-Technologie der Verlangsamung hervorgebracht: Airbag, ABS-Systeme, Anrufbeantworter sind Beispiele einer immer aufwendiger werdenden Brems- und Selektions-Technologie im Zeichen der Akzeleration.

     Wobei durchaus in der Kunst gegenläufige Tendenzen bereits im 19. Jahrhundert erkennbar werden.  Etwa in den langsamen Zeitmaßen des späten Wagner (Parsifal).  Später dann in der Aufhebung einer durchgängigen Rhythmus-Fixierung in der seriellen Musik.  Oder in der Ritardando-Prosa Adalbert Stifters und ihrer Weiterführung bei Peter Handke.  Goethes eigenes Werk weist bereits paradigmatisch in diese Richtung.  Es ist eine gegen den Zeit-Geist gerichtete Kultur des Raum-Geistes.  Das heißt: Goethe entwickelt gegen den gesteigerten Zeitbegriff seiner Epoche eine retardierende Kultur des Anschauens.  So konfrontiert er denn auch bewußt im Faust den Protagonisten dieser Anschauungs-Kultur, Lynkeus, mit dem veloziferischen Aktivisten Faust. Gegen die seine eigene Natur zerstörende Blindheit Fausts setzt Goethe bewußt auf ein Ansehen der Natur.  Um ihr Ansehen und das Ansehen des Betrachtenden zu retten, läßt er Lynkeus die provokativ positiven Worte sprechen: "so seh ich in allem die ewige Zier.  Und wie mirs gefallen, gefall ich auch mir".  Die Anschauung also als das große Widerlager Goethes gegen die übereilenden Tendenzen seines Jahrhunderts und die philosophischen Systementwürfe seiner Zeit.  Er hat dieses Widerlager an anderer Stelle auf den Punkt gebracht mit den Worten: "Denken ist interessanter als Wissen, aber nicht als Anschauen".

     Goethe, dem die Gegenwart die einzige Göttin war, die er anbetete, hat für seine eigene Person im geduldigen Anschauen der Phänomene den Raum der Gegenwart zu weiten versucht.  Das heißt: er hat den Abstand zwischen Begehren und Besitzen verlängert, den Faust bis zur Gleichzeitigkeit verkürzt. Goethe hat hierbei die Natur verstanden als die verläßlichste Gegenwelt des Veloziferischen, als die letzte große Bastion gegen die beginnende Mobilmachung seines Jahrhunderts: "Die Natur ist die große Ruhe gegenüber unserer Beweglichkeit" lautet seine Devise.  Die dann Nietzsche übernehmen wird mit dem Satz: "Die Natur ist das große Rettungsmittel der modernen Seele".

     Faust, den Mephistos Magie der "Übereilungen" vom Anschauen der Natur entfernt hat, erkennt dieses "Rettungsmittel" zu spät: "Könnt ich Magie von meinem Pfad entfernen, stünd ich Natur vor dir allein, dann wär es wert ein Mensch zu sein".  Eine Einsicht, die bereits vorausweist auf den kulturkritischen Pessimismus Paul Virilios, der in seiner Lehre von der Geschwindigkeit (Dromologie) diagnostiziert, daß inzwischen durch Simulationstechniken Widerstände und Distanzen in virtuelle Realitäten verwandelt werden.  Fausts melancholische Klage "Konnt ich Magie von meinem Pfad entfernen" hat Virilio indes um eine neue Perspektive ergänzt. Zukunft gäbe es nur noch nach der Zerstörung, äußerte er kürzlich in einem Zeitungsinterview.  Vielleicht meint Martin Walser genau dies, wenn er die Weimarer Klassik definiert als "ein grandioses Schönheitspflaster auf einem fürchterlichen Mal"?



     

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