Goethes Faust
Die Tragödie der modernen Übereilung.
Dr. Manfred Osten, Bonn
Im globalen Dorf,
hier, wo die Fahne der digitalen Ubiquität
und organisierten Gleichzeitigkeit weht,
und wo der Schweizer Uhrenfabrikant Hayek
schon die uns gemäße Cyberzeit
mit fünfhundert "Beats" (jeder
"Beat" = 86,4 Sekunden) für
den modernen ortlosen Internet-Tag beschert
hat, hier dürften wir ihn wohl endlich
los sein, den inzwischen zweihundertfünfzigjährigen
Olympier und Geheimrat. Jenen Goethe
also, von dem ohnehin schon Nietzsche mutmaßte,
er sei in der Geschichte der Deutschen ein
Zwischenfall ohne Folgen.
Mag sein, doch erweist sich die Sache bei
näherem Hinsehen wider alles Erwarten
als kompliziert. Denn zumindest einer
scheint schon lange vor uns aufgebrochen
zu sein ins globale Dorf: Dr. Faust.
Er hat uns früh erkannt mit seiner Verwünschung
aller Langsamkeit: "Fluch vor allem
der Geduld!" Und er hat sie auch lange
vor uns schon erfunden: die Ablösung
der Zeit vom Raum, das rasant beschleunigte
Lebenstempo in Gestalt seines Weggefährten
mit Namen Mephisto. Faust begab sich
also schon vor mehr als zweihundert Jahren
bereitwillig unters Joch jener Eile, die
bekanntlich des Teufels ist?
Es ist jedenfalls ein sehr modernes Joch,
das Goethe in genialer Wortschöpfung
als "veloziferisch" bezeichnet:
als Verschränkung von Velocitas (die
Eile) und Luzifer. Faust ist immerhin
"avant la lettre", er will bereits
mehr als er weiß. Er erscheint
als der moderne Blitzkrieger der Erfüllung
jener Wünsche einer Forderungs- und
Anspruchsgesellschaft, die alles will, und
zwar sofort. Und was Luzifer alias
Mephisto der Ungeduld Fausts andient, sind
denn auch schon jene Instrumente des Veloziferischen,
deren Erscheinungsformen am Ende des 20.
Jahrhunderts zwar andere Namen tragen, aber
dieselben Dinge meinen: der schnelle Degen,
die schnelle Liebe, der schnelle Mantel,
das schnelle Geld und zum Schluß: der
schnelle Mord (an Philemon und Baucis). Und
Fausts globales Dorf, von Mephistos Gnaden,
gebietet bereits perfekt über virtuelle
Welten, wie wir sie heute mit Videoclips
und beim Zappen zwischen TV-Kanälen
kreieren. Sein virtuelles Arsenal reicht
von Walpurgisnächten aller Art bis zur
heraufzitierten schönen Helena, von
den archaischen Tiefen der Mütter bis
zum Lärm längst geschlagener Schlachten.
Es sind immer rascher wechselnde Filmschnittsequenzen
einer Beschleunigungskultur mit Luzifer als
omnipotentem Artifex einer (kaiserlichen
Hof- und) Unterhaltungsgesellschaft, die
sich bereits im Zeichen grandioser Oberflächlichkeit
und eines perfekten Zeitmanagements zu Tode
amüsiert.
Deutlich sichtbar werden auch schon die modernen
Formen der Versklavung: Fausts Unterwerfung
unter das Diktat der Eile, die erzwungene
Adaptation seiner Sinne an eine beschleunigte
Wahrnehmung und sein (schließlich mit
Erblindung erkaufter) Glaube an eine unbegrenzte
Fortschrittsdynamik. Faust hat sich
Luzifer unterworfen im Namen einer Wette,
deren ultima causa sein Fluch der Geduld
ist: seine Verweigerung des Augenblicks zugunsten
der Ungeduld. Kafka, der ein Jahrhundert
später Weimar besucht und dort nachts
die Steine des Goethe-Hauses streichelt,
wird in sein Tagebuch dann den Satz notieren:
"Es ist Ungeduld, die den Menschen aus
dem Paradies vertrieb und ihn daraus immer
weiter entfernt". Was Faust (und
seine modernen Nachfahren) aus dem Paradies
vertreibt, bringt Mephisto hellsichtig auf
die Formel: "Ihm hat das Schicksal einen
Geist gegeben, der ungebändigt immer
vorwärts drängt und dessen übereiltes
Streben der Erde Freuden überspringt".
Fausts "übereiltes Streben"
ist vor allem gekennzeichnet durch moderne
Diskontinuitäten: am Ende steht Fausts
gewaltsame Zerstörung der tradierten
Welt der beiden Alten: Philemon und Baucis.
Wenn Goethe statuiert: "Das Leben hat nur insofern einen Sinn,
als es eine Folge hat", so war es für ihn vor allem die Französische
Revolution, die mit eben dieser "Folge",
mit dem langsam Gewachsenen, dem Althergebrachten,
gründlich gebrochen hatte. Zugleich
hatte sich der Rhythmus des Daseins ruckartig
geändert, um sich auf nie dagewesene
Weise zu beschleunigen. Anstelle des alten
Andante, des bedächtigen Fortschreitens,
war eine alle Lebensverhältnisse erfassende
Akzeleration getreten. Was Goethe früh
bemerkte, hat Nietzsche (in Menschliches
Allzumenschliches) spät mit den
Worten diagnostiziert: "Aus Mangel an Ruhe läuft unsere
Zivilisation in eine neue Barbarei aus. Zu
keiner Zeit haben die Tätigen, das heißt,
die Ruhelosen, mehr gegolten. Es gehört
deshalb zu den notwendigen Korrekturen, welche
man am Charakter der Menschheit vornehmen
muß, das beschauliche Element in großem
Maße zu verstärken."
Daß unsere
Zivilisation aus Mangel an Ruhe in eine neue
Barbarei ausläuft, das hatte Goethe
bereits 1778 in Berlin bemerkt. Mit
dem Ergebnis, daß er sein Leben lang
ein konsequenter Berlinverweigerer geblieben
ist. Schon 1766 (in Leipzig) hatte
er über Berlin notiert, "daß jetzo in ganz Europa kein
so gottloser Ort" zu finden sein möchte. Gleichwohl
hat er diesen Ort dann doch besuchen müssen:
Im Mai 1778, in Begleitung seines Herzogs
Carl August, erkennt er, "an der Quelle des Krieges" sitzend, jene Tendenzen der Moderne, die
er rund fünfzig Jahre später, im
November 1825 dingfest machen wird. In
einem von ihm zu späterer Verwendung
zurückbehaltenen Postscriptum seines
Briefes an den Juristen und Verwaltungsbeamten
im preußischen Dienst, Nicolovius,
gelingt ihm die Formel der Moderne: "alles veloziferisch". In dem genannten Brief heißt
es hierzu kommentierend: "Für das größte Unheil
unsrer Zeit, die nichts reif werden läßt,
muß ich halten, daß man im nächsten
Augenblick den vorhergehenden verspeist,
den Tag im Tage vertut, und so immer aus
der Hand in den Mund lebt, ohne irgend etwas
vor sich zu bringen. Haben wir doch
schon Blätter für sämtliche
Tageszeiten, ein guter Kopf könnte wohl
noch eins und das andere interpolieren. Dadurch
wird alles, was ein jeder tut, treibt, dichtet,
ja was er vorhat, ins Öffentliche geschleppt.
Niemand darf sich freuen oder leiden,
als zum Zeitvertreib der übrigen; und
so springt's von Haus zu Haus, von Stadt
zu Stadt, von Reich zu Reich und zuletzt
von Weltteil zu Weltteil, alles veloziferisch".
Im Mai 1778 hatte
Goethe dieses "größte Unheil
unserer Zeit" lokalisiert mit den Worten:
"Schon in ruhigen - weniger noch in
unruhigen - Zeiten sollte man nicht nach
Berlin streben". Und lange bevor
denn auch tatsächlich im 20. Jahrhundert
die veloziferischen Drehbücher des Ersten
und Zweiten Weltkrieges in Berlin geschrieben
wurden, hat Goethe das Drehbuch jener Akzelerationen
der Modernität geschrieben, das uns
erst jetzt - im Zeitalter digitaler Lichtgeschwindigkeit
- einzuholen beginnt: Faust, als das Gleichnis
für die Tragödie der Übereilungen
der Moderne. Für die Zukunft der Vergangenheit
dieses Werks dürfte jedenfalls immer
noch und entsprechend jenes Wort anwendbar
sein, das Friedrich Schlegel über Goethes
Wilhelm Meister notiert: es ist
ein Werk, das "mehr weiß als es sagt, und mehr
will, als es weiß".
Goethes Faust
also als ein seismographisches Frühwarnsystem,
eine frühe Ahnung, daß mit dem Epochenbruch
der Französischen Revolution und den Blitzsiegen
Napoleons das Menschheitsschiff sich nicht nur von den
alten Bindungen losgerissen hatte, sondern insgesamt
umgerüstet wurde zu jenem Schnelldampfer, der
dann im 20. Jahrhundert den Namen "Titanic"
erhalten sollte. Goethe sah offenbar die Gespenster
nicht mehr aus der Vergangenheit, sondern aus der Zukunft
auf uns zukommen. Dem Komponisten und Töpfermeister
Zelter, jenem Mann, dem er das brüderliche "Du"
anbietet und der für ihn in Berlin so etwas wie ein
personifizierter Anti-Faust ist, ein Vorposten nicht-veloziferischer
Gesinnung im "neuen Babylon" der Übereilungen,
ihm schreibt er denn auch in diesem Sinne unter dem 6. Juni 1825:
"Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert und
wonach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe
und alle mögliche Fazilitäten der Kommunikation sind
es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten,
zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit
zu verharren".
Goethe also ein "Stabilitätsnarr",
wie ihn Heinrich Heine als Protagonist einer
Generation mit bereits gesteigertem Lebenstempo
bezeichnet hat? War er der Anwalt einer
"Stabilität", mit der Goethe
bewußt gegen die Romantiker opponierte,
die er verstand als eskapistische Zeitreisende,
die in seinen Augen aus dem Heute in die
Vergangenheit flüchteten? Hatte
Goethe selber eine bessere Antwort auf die
"veloziferische" Akzeleration aller
Lebensverhältnisse durch das "überhandnehmende
Maschinenwesen"? Er sieht sich jedenfalls
in den Wanderjahren seines Wilhelm Meister vor die höchst
problematische Alternative gestellt: Flucht
oder Mitläufertum. Eine Alternative,
von der er selber sagt: "ein doppelter
Weg, einer so traurig wie der andere: entweder
selbst das Neue zu ergreifen und das Verderben
zu beschleunigen, oder aufzubrechen, die
Besten und Würdigsten mit sich fort
zu ziehen und ein günstigeres Schicksal
jenseits der Meere zu suchen. Eins wie das
andere hat sein Bedenken, aber wer hilfts
uns die Gründe abwägen, die uns
bestimmen sollen?"
Goethe hat diese Frage nicht beantwortet.
Er hat sie aber auch nicht auf Schriftdistanz
gehalten, sondern er hat die Widersprüche,
die sich hieraus - auch für ihn selber
- ergaben, ertragen und ausgetragen im Sinne
seines Verdikts: die "Widersprüche
statt sie zu vereinigen disparater zu machen".
Das hat ihn freilich nicht daran gehindert,
dem veloziferischen "Enthusiasmus der
Zerstörung" zumindest für
die eigene Person dezidiert einen "Enthusiasmus
der Ordnung" entgegenzusetzen.
Schon möglich, daß er hierbei
inzwischen den Nachgeborenen erscheint als
ein "mürrischer Fährmann,
der den Bestand des alten Europa in die neue
Zeit zu bringen versucht" (Thomas Steinfeld).
Das Unzeitgemäße seiner
auf Dauer und Kontinuität gründenden
Ritardando-Kultur hat er jedenfalls selber
(gegenüber Eckermann) resümiert
mit den Worten: "Meine ganze Zeit wich
von mir ab". Oder, wie es ein
Jahrhundert später Walter Benjamin sagen
wird: Goethe habe "mit System und Gründen
einen Widerstand gegen ... Geschichte und
Politik seines Volkes in sich entdeckt und
aufgezogen, der aus seinem Innersten kam".
Goethes Einsicht "Die ungeheuerlichste
Kultur, die ein Mensch sich geben kann, ist
die Überzeugung, daß die anderen
nicht nach einem fragen" kulminiert
schließlich in seinem Entschluß,
den 2. Teil des Faust zu versiegeln und den
eigenen Zeitgenossen vorzuenthalten. Er
begründet diesen Entschluß gegenüber
Wilhelm von Humboldt mit den Worten: "Verwirrende
Lehre zu verwirrtem Handeln waltet über
die Welt". Ihm war bewußt,
daß dem veloziferischen Zeit-Geist
jedes Verständnis für die sehr
ernsten Scherze und Warnungen im "Faust"
fehlen würde, daß dieses Werk
nämlich "wie ein Wrack in Trümmern"
und vom "Dünenschutt der Stunden"
überschüttet daliegen würde.
Ein Schicksal, das dem zweiten Teil
der Tragödie denn auch in der Tat widerfahren
ist.
Was Goethe im 2. Teil des Faust
versiegelte, und den Zeitgenossen vorenthielt,
waren vor allem "Kainszeichen der Selbstzerstörung",
wie sie im 5. Akt der Tragödie sichtbar
werden. Goethe gibt hier den Blick frei auf
die beiden großen Phänomene aller
Übereilungen: Irrtum und Gewalt, die
er offenbar auch als die eigentlichen Konstanten
der Historie verstanden hat. Gegenüber
dem Kanzler von Müller bemerkt er (am
17.12.1824) jedenfalls: "Und doch kann eigentlich niemand aus
der Geschichte etwas lernen, denn sie enthält
ja nur eine Masse von Torheiten und Schlechtigkeiten". Torheiten und Schlechtigkeiten sind auch
im "Faust" die Resultate des veloziferischen
Strebens. Faust irrt, weil er sich übereilt,
weil er auf Grund seiner Ungeduld unfähig
ist, klug zu sein zur rechten Zeit. "Wären wir klug zur rechten Zeit,
wäre Weisheit weit und breit", hatte Goethe im West-östlichen
Divan gedichtet. Faust nimmt - mit
Hilfe Mephistos - immer wieder Zuflucht zu
den "Schlechtigkeiten" der Gewalt.
Er hat sie bereits im ersten Teil der Tragödie
ungeduldig praktiziert, etwa bei der Tötung
von Gretchens Bruder. Jetzt, im zweiten Teil
der Tragödie, als ihm seine drei eiligen
Gesellen die Nachricht vom Tode der beiden
Alten, Philemon und Baucis, bringen, erkennt
er - zu spät - die fatale Folge seiner
Übereilung: "Geboten schnell, zu schnell getan".
Fausts Leugnung der Gegenwart im Namen einer
veloziferisch antizipierten Zukunft kulminiert
im 5. Akt allerdings nicht nur in Irrtum
und Gewalt, in Torheit und Schlechtigkeit.
Goethe antizipiert hier auch jenes andere
Phänomen der Übereilung, das erst
Heidegger in Sein und Zeit als
eines der zentralen Themen der Moderne wieder
neu reflektieren wird: die Sorge. Die Sorge
als Personifikation eines hypertroph zukunftsorientierten
Bewußtseins läßt Faust erblinden
mit den Worten: "Die Menschen sind im ganzen Leben blind,
so werde du es auch am Ende". Erst die Sorge ermöglicht endgültig
das apokalyptische Szenarium des Veloziferischen:
Fausts Untergang im Zeichen von Blindheit
und Verblendung. Faust beschäftigt sich
- bereits erblindet - mit modernen "Visionen":
mit einem groß angelegten Entsumpfungs-Projekt
im Zeichen der Eile: "Was ich gedacht, ich eil' (!) es zu
vollbringen". Faust begeht hier denn auch den letzten,
den irreversiblen Irrtum: er hört das
Klirren der Spaten und glaubt, die Arbeit
gelte einem Graben. In Wahrheit gräbt
man sein eigenes Grab. Es ist die höhnische
Ironisierung des veloziferischen Aktionismus
einer wahren "Sumpf-Szene", in
der sich Irrtum und Gewalt zu einer schauerlichen
Utopie verschränken, denn Faust glaubt
mit freiem Volk auf freiem Grund zu stehen.
In Wahrheit sind es bereits die Zwangsarbeiter
der Moderne, die für ihn arbeiten. Von
Menschenopfern ist die Rede, und vom Jammer,
der die Nächte füllt.
Selten ist eindringlicher mit aller auf Kontinuität
gründender Kultur gebrochen worden,
als mit der Ermordung von Philemon und Baucis.
Fausts Vergangenheitshaß, seine Leugnung
jeder Kultur des Erinnerns und des Gedächtnisses,
antizipiert hier gleichsam das Muster abrupter
Kontinuitätsrisse der deutschen Geschichte
- bis hin zur Jugendrevolte der sechziger
Jahre unseres Jahrhunderts. Eine Diskontinuität,
der mit der Abschaffung des Literaturkanons
und der Einführung einer "Gefälligkeitspädagogik"
dann jener (auch Goethe selber erfassende)
Bruch mit der Vergangenheit gelang, den Lew
Kopelew als eine "Kulturrevolution"
besonderer Art qualifiziert hat: Sie habe
in Deutschland stattgefunden, und es habe
keines Mao-Tse Tung bedurft.
Goethe, der im Wilhelm Meister
warnt, man dürfe das Alte nicht aus
den Augen verlieren, weil es ein "Gegengewicht dessen (sei), was in der Welt so schnell wechselt und
sich verändert", hat versucht, den Schritt in die emanzipierte
Wildnis der modernen Beschleunigung hinauszuzögern.
Er wollte hinauszögern, weil er wußte,
daß mit der Ermordung von Philemon
und Baucis jene Rückspiegel zerbrechen
würden, ohne die die Humanität
nicht zu haben ist. Denn das Leben wird zwar
nach vorwärts gelebt, aber nur nach
rückwärts verstanden.
Das neue Tempo des Lebens hatte vor allem
Napoleon exemplarisch bestimmt. Er hat nicht
nur als erster den modernen Bewegungskrieg
praktiziert ("man muß in erster Linie durch
die Beine seiner Soldaten siegen"). Er hat auch als Politiker ein bis dahin
unbekanntes Tempo eingeführt. Die Geschwindigkeit
("élan et vitesse"), dieses Geheimnis seiner Person und seiner
Erfolge, hatte er Europa aufgezwungen als
modernes Lebensgefühl. Wenn heute der
französische Geschwindigkeits-Philosoph
Paul Virilio den Tempo-Rausch zum alles beherrschenden
Merkmal des technischen Zeitalters erklärt
und über "schneller werdende Innovationszyklen,
Datenautobahnen und virtuelle Mobilität" klagt, so ist dies letztlich die (verspätete)
Diagnose dessen, was Goethe bereits als das
"Veloziferische" erkannt und mit
einer Tiefenschärfe analysiert hat,
die ihresgleichen sucht. Und wenn (in den
USA) bereits der Begriff der "Eilkrankheit"
kursiert, die sich unter anderem in der Unfähigkeit
zu angenehmen Erinnerungen äußert,
so hat Goethe im Faust die Anamnese
dieser Krankheit eindringlich geliefert.
Das gilt auch für Goethes Einsicht in
die eigentliche Ursache dieser Krankheit.
Es ist ein letztlich ahistorischer, ein ontologischer
Quellgrund, den Goethe in seinen Maximen und Reflexionen andeutet mit dem Wort: "Theorien sind
gewöhnlich Übereilungen des ungeduldigen
Verstandes, der die Phänomene gerne
los sein möchte". Ein Sachverhalt,
für den Goethe auch die Kurzformel bereithält,
daß für den Menschen "alles
Faktische bereits Theorie" sei. Das
heißt, Goethe war davon überzeugt,
daß der Mensch auf Grund der ungeduldigen
Tendenzen seines Verstandes unfähig
ist, die Phänomene rein anzuschauen.
Wobei für Goethe allein die Phänomene
entscheidend waren. Was wir uns dabei
denken, ist letztlich gleichgültig.
Die Natur unseres Verstandes also als
der Grund unserer Irrtümer. Oder
wie es Goethe formuliert hat: "Laß
dich nicht vom Widerspruch beirren. Sobald
wir sprechen, beginnen wir zu irren".
Der Fortschritt reduziert sich damit
letztlich auf ein bloßes Fortschreiten
von alten zu neuen Irrtümern. Wobei
die letzten Wahrheiten sich dann, wie Nietzsche
vermutete, "als unsere unwiderlegbaren
Irrtümer" erweisen. Goethes
Resümée fällt jedenfalls
relativ pessimistisch aus. In den Maximen und Reflexionen finden sich die Worte:
"Alle Verhältnisse der Dinge (sind) wahr - Irrtum allein in dem Menschen. An
ihm (ist) nichts wahr, als daß er irrt, sein
Verhältnis zu sich, zu andern, zu den
Dingen nicht finden kann". Und gegenüber dem böhmischen
Grafen Sternberg hat er den Menschen denn
auch definiert als "ein dunkles Wesen. Er weiß nicht,
wer er ist, noch woher er kommt, noch wohin
er geht. Und ich selber will es auch nicht
wissen".
Goethe hat vor diesem düsteren Hintergrund
konsequent festgehalten an einer Kultur der
"slow motion", einer Ritardando-Kultur,
deren Bedeutung uns erst heute einzuholen
beginnt. Denn unsere Epoche der totalen Mobilmachung,
deren Kommunikationstechnologie bereits alle
Geschwindigkeitsbeschränkungen überschritten
hat und sich dem rasenden Stillstand nähert,
hat als Paradox inzwischen eine gegenläufige
Hoch-Technologie der Verlangsamung hervorgebracht:
Airbag, ABS-Systeme, Anrufbeantworter sind
Beispiele einer immer aufwendiger werdenden
Brems- und Selektions-Technologie im Zeichen
der Akzeleration.
Wobei durchaus in der Kunst gegenläufige
Tendenzen bereits im 19. Jahrhundert erkennbar
werden. Etwa in den langsamen Zeitmaßen
des späten Wagner (Parsifal).
Später dann in der Aufhebung einer durchgängigen
Rhythmus-Fixierung in der seriellen Musik.
Oder in der Ritardando-Prosa Adalbert Stifters
und ihrer Weiterführung bei Peter Handke.
Goethes eigenes Werk weist bereits paradigmatisch
in diese Richtung. Es ist eine gegen den
Zeit-Geist gerichtete Kultur des Raum-Geistes.
Das heißt: Goethe entwickelt gegen
den gesteigerten Zeitbegriff seiner Epoche
eine retardierende Kultur des Anschauens.
So konfrontiert er denn auch bewußt
im Faust den Protagonisten dieser
Anschauungs-Kultur, Lynkeus, mit dem veloziferischen
Aktivisten Faust. Gegen die seine eigene
Natur zerstörende Blindheit Fausts setzt
Goethe bewußt auf ein Ansehen der Natur.
Um ihr Ansehen und das Ansehen des Betrachtenden
zu retten, läßt er Lynkeus die
provokativ positiven Worte sprechen: "so seh ich in allem die ewige Zier.
Und wie mirs gefallen, gefall ich auch mir". Die Anschauung also als das große
Widerlager Goethes gegen die übereilenden
Tendenzen seines Jahrhunderts und die philosophischen
Systementwürfe seiner Zeit. Er hat dieses
Widerlager an anderer Stelle auf den Punkt
gebracht mit den Worten: "Denken ist interessanter als Wissen,
aber nicht als Anschauen".
Goethe, dem die Gegenwart die einzige Göttin
war, die er anbetete, hat für seine
eigene Person im geduldigen Anschauen der
Phänomene den Raum der Gegenwart zu
weiten versucht. Das heißt: er hat
den Abstand zwischen Begehren und Besitzen
verlängert, den Faust bis zur Gleichzeitigkeit
verkürzt. Goethe hat hierbei die Natur
verstanden als die verläßlichste
Gegenwelt des Veloziferischen, als die letzte
große Bastion gegen die beginnende
Mobilmachung seines Jahrhunderts: "Die Natur ist die große Ruhe
gegenüber unserer Beweglichkeit" lautet seine Devise. Die dann Nietzsche
übernehmen wird mit dem Satz: "Die Natur ist das große Rettungsmittel
der modernen Seele".
Faust, den Mephistos Magie der "Übereilungen"
vom Anschauen der Natur entfernt hat, erkennt
dieses "Rettungsmittel" zu spät:
"Könnt ich Magie von meinem Pfad
entfernen, stünd ich Natur vor dir allein,
dann wär es wert ein Mensch zu sein". Eine Einsicht, die bereits vorausweist
auf den kulturkritischen Pessimismus Paul
Virilios, der in seiner Lehre von der Geschwindigkeit
(Dromologie) diagnostiziert, daß inzwischen
durch Simulationstechniken Widerstände
und Distanzen in virtuelle Realitäten
verwandelt werden. Fausts melancholische
Klage "Konnt ich Magie von meinem Pfad entfernen" hat Virilio indes um eine neue Perspektive
ergänzt. Zukunft gäbe es nur noch
nach der Zerstörung, äußerte
er kürzlich in einem Zeitungsinterview.
Vielleicht meint Martin Walser genau dies,
wenn er die Weimarer Klassik definiert als
"ein grandioses Schönheitspflaster
auf einem fürchterlichen Mal"?