Goethes Schweizer Reisen
Prof. Adolf Muschg, Zürich
Meine Damen und Herren,
"Goethes Schweizer Reisen" - ich
freue mich, daß ich unter den Mitreisenden
heute morgen auch offizielle Vertreter meines
Landes begrüßen darf. Ich
bin nur nicht sicher, ob ich es ihnen recht
machen kann, denn von der Schweiz als Nation wird in meinem Vortrag
kaum die Rede sein. Und von der Frage
einmal abgesehen, ob die Eidgenossenschaft,
also ein im Grunde noch immer spätmittelalterlich
strukturiertes Bündnis kleiner Staatswesen
ohne kulturelle, sprachliche, konfessionelle
Einheit, nur - bestenfalls - dem Willen zu sich selbst -:davon abgesehen also, ob
eine solche Konföderation überhaupt
in die Klasse "Nation" fällt,
kann von ihr zur Zeit von Goethes Reisen
auch im übrigen Europa noch nicht so
recht die Rede sein. Diese Reisen fallen
alle drei noch ins 18. Jahrhundert, die Nation
aber, wie wir sie verstehen und auch fürchten
gelernt haben, als Grundlage streitbarer
Identität und Exklusivität, kurzum
des Nationalismus: diese Nation ist ein Produkt,
aber auch ein Mythos des 19. Jahrhunderts,
das nicht ganz legitime Kind der Französischen
Revolution. Denn: dieser Nationalismus
entstand ja erst wirklich als Reaktion auf
die napoleonische Ausdehnung der Grande Nation,
und diese wiederum war in ihrem Ursprung
nicht nur eine "République une
et indivisible" gewesen, sondern der
Hort neuer Menschen- und Bürgerrechte,
deren historische Stunde gekommen war - Universalien
also, welche dazu bestimmt waren, die Grenzen
der Nationalität zu überschreiten.
Trotzdem haben sie natürlich die
traditionellen Staatsgebilde, Monarchien
und Fürstentümer im Zeichen kriegerischer
Auseinandersetzungen und französischer
Fremdherrschaft erreicht - so auch die Schweiz
1798, ein Jahr nach Goethes letzter Schweizer
Reise, als die Intervention französischer
Revolutionsheere die Herrschaft der Gnädigen
Herren beendete und mit der Volksherrschaft
zugleich den "helvetischen" Zentralstaat
oktroyierte - gegen den verzweifelten Widerstand
gerade jener frommen "Urschweiz",
die sich seit dem Spätmittelalter bestimmter
demokratischer Rechte, hoher Autonomie und
korporativer Freiheiten - das hieß:
reichsunmittelbarer, und zugleich: reichsferner
- Privilegien erfreut hatte. Als dieses hatte damals das importierte französische
Revolutions-Modell keinen Bestand.
Als solches aber erwies es sich auch in der
Schweiz, gerade in der Schweiz als unüberwindlich.
Denn es führte - durch heftige innere
und äußere Erschütterung
- schließlich zum modernen Bundesstaat,
der ersten und nach 1848 einzigen Bundesrepublik
in Europa.
Aber diese stand zur Zeit von Goethes Reisen
noch in weitem Feld. Und ich will Sie
hier ja nicht mit Schweizer Geschichte traktieren,
sondern von Goethes Schweiz reden, und damit meine ich weniger
sein Bild der Schweiz, was ein anderes unerschöpfliches,
aber in Tokyo vielleicht doch nicht ganz
brennendes Thema wäre. Ich möchte
vielmehr davon reden, wie die Schweiz, die
Goethe bereiste, diesen Reisenden gebildet, wozu sie ihn gebildet hat, was er an ihr gefunden
hat, gesucht oder ungesucht, wozu sie ihm
verholfen, woran sie ihn gehindert, womit
sie ihm gedient haben mag. Ich suche
also nicht, quasi als verspäteter Fremdenführer,
Goethe Spuren in der Schweiz auf (als wäre
sie ein schon bekanntes Land) sondern ich
suche die Spur, die die Schweiz in Goethes
Topographie, der Arbeit am Werk seines Lebens,
gezeichnet hat. Dabei setze ich voraus,
das die Schweiz, die ein Reisender des 18.
Jahrhunderts vorfand, natürlich kein
Natur-Produkt war, obwohl man sie gerade
als solches gefeiert und gesucht hat, sondern
eine durch bestimmte kulturelle Erwartungen
formierte Modell-Landschaft. Seit die
Welt durch Reisende entdeckt wird, sind sie
ja - bei allen Strapazen - niemals nur, oder
auch nur zuerst, durch reale Ländern
gereist, sondern durch die Bilder, die sie
sich von ihnen gemacht haben. Und selbst
wenn die Erfahrung diesen Bildern eigentlich
kraß entgegenstehen und widersprechen
mußte, reicht sie oft jahrhundertelang
nicht aus, Bilder zu korrigieren. Marco
Polo, der berühmte erste China-Reisende,
hat von der Chinesischen Mauer nichts berichtet,
dem einzigen Bauwerk, das angeblich selbst
vom Mond aus mit bloßem Auge zu sehen
ist. Der Schluß, daß der
bei seinen venezianischen Landsleuten als
"Milion", als Prahler und Hochstapler
verschriene Marco Polo gar nicht in China
gewesen sei, wäre dennoch ebenso voreilig
wie derjenige, daß er die Mauer nicht
gesehen hat: sie kann für seine kulturelle Wahrnehmung, die sein Realitätsmodell
bestimmte, ganz einfach nicht des Aufhebens
würdig gewesen sein - ganz im Gegensatz
zu den Fabelwesen, die er in China beschrieben
hat und nach unserer Realitätsvermutung unmöglich gesehen
haben konnte - nach der seinen aber sehr
wohl gesehen haben mußte, um sein Abenteuer glaubwürdig zu machen
und zu legitimieren.
Die Aufzählung dessen, was ein Reisender
des 18. Jahrhunderts in der Schweiz gesehen
haben mußte, würde den Rahmen
meines Vortrags sprengen - ich muß
mich mit der Erinnerung begnügen, das
es literarisch vermittelte Modelle des Landes
waren, was ihrer Realität natürlich
nichts wegnimmt, sondern sie überhaupt
erst begründet. Wie die Schweiz
ohne diese Vermittlung aussah, etwa für
ihre Bewohner, die darin ackern und rackern
mußten, können wir nur vermuten,
nicht sagen. Denn es ist von ihnen
selbst "naturgemäß"
nicht gesagt worden, sie hatten gar keinen
Anlaß dazu. Des Aufhebens wert
wird eine Gegend nur durch den fremden Blick, dem sie zum Anlaß wird, die
Eigenschaften, die er darin bemerkt, in sein
kulturelles Zeichensystem zu übersetzen;
Literatur ist, per se, eine Sache des Fremdenverkehrs,
bevor die Einheimischen diese Repräsentation
in der Fremdsprache zu ihrer eigenen Sache
machen oder eben nicht; als Wahr-Zeichen
ihrer Identität adoptieren oder - im
Gegenteil - als böse Nachrede verwerfen.
Was wir Realität nennen, entwickelt
und verschiebt sich niemals auf der Ebene
der Realien, sondern ausschließlich
auf der Ebene ihrer Deutung, Bilder werden
nicht durch sogenannte Tatsachen korrigiert,
sondern wiederum durch Bilder, die neue Tatsachen
schaffen. Kultur ist der Streit der
Zeichen um ihre Geltung, der Zeichendeuter
um das Eintreffen ihrer Orakel. Und
der wichtigste Bildträger für diese
Orakel war in der Epoche, von der wir reden,
die literarische Schrift.
Sie hat die Schweiz im 18.Jahrhundert, vor
allem im 18. Jahrhundert zu dem gemacht,
was sie bis heute "ist" - und das
heißt: was Schweiz-Reisende - Schweizer
natürlich eingeschlossen - in ihr zu
sehen vermochten - oder, wenn sie es nicht
sehen konnten, zu sehen strebten, bzw. zu
sehen vornahmen, wenn sie von England - daher
zuerst - oder Deutschland, oder woher immer
in die Schweiz reisten und sie eben so zu
einem Reise- oder gar Wallfahrtsziel machten.
Dank Hallers "Alpen" und
Gessners "Idyllen" war die Schweiz
im Jahrhundert der Empfindsamkeit zum Natur-Park
Europas geworden - Goethe selbst spricht
einmal davon, daß Anleger von Pärken
sich nur an die Landschaft der Schweiz zu
halten brauchten. Gemeint war jetzt
ein Park nicht im französischen, sondern
im englischen Geschmack, in dem die Natur
so weit wie möglich sich selbst überlassen
bleibt ihrer Wildheit (wie bei Shakespeare),
aber auch ihrer Erhabenheit (wie bei Milton),
ihre Einsamkeit nicht zu vergessen, deren
Genuß man sich in eigenen Andachtsstätten
überließ, natürlich mit der
dazu passenden Melancholie. In der
Schweiz nahmen diese Eremitagen den Charakter
von Hütten an, und erinnerten damit
zugleich an die Einfachheit und Unschuld
arkadischer Hirten. In das Szenario
dieser montanen und ländlichen Antike,
welche die Schweiz der zeitgenössischen
Wahrnehmung zu bieten hatte, ließ sich
aber nicht nur der Zug naiver Gefühlsfreiheit,
sondern auch republikanischer Tugend eintragen.
Und so wurde der patriarchalischen Luft der
Geruch gesunder Revolte zugesetzt, wie bei
Haller: "Hier brennt die Liebe frei
und scheut kein Donnerwetter / Wir lieben
vor uns selbst und nicht vor unsere Vätter"!
Niemals zuvor, und nicht mehr seither,
ist die Schweiz so sehr wie im 18. Jahrhundert
ein Herzland des gebildeten Europa gewesen,
eine mit Gefühl und Sehnsucht genutzte
Staffage und Projektionsfläche utopischer
Phantasien, ein Bilder-Fundus, von dem sie
bis heute zehrt und im Zeichen des längst
industriell betriebenen Fremdenverkehrs profitiert.
Unter dem Eindruck der Alpen konstruierte
die Kultur das Natur-Bild, das ihre Defizite
kompensierte, kühner und erhabener als
anderswo. Diese Schweiz war der geeignete
Schauplatz für das "Wunderbare",
mit dem das reformierte Zürich Bodmers
und Breitingers den Diskurs der Aufklärung
ins Gefühlvolle steuerte und mit der
Heiligkeit des Gefühls legitimierte,
das sie bei Milton gefunden hatte und in
Klopstock, dem Epochendichter, wieder erweckte.
"Zurück zur Natur" hieß
aber vor - und auch: gegen - die Rousseausche
Umwendung der Devise in die Politik Richtung
Menschheitsfortschritt: hinab zum Ursprung.
Und so konnte die vorzeitliche Aura,
die um diese Schweiz schwebte, auch zur zeitlosen
werden. In den Alpen, der überlebensgroßen
Topographie, wurde der Englische Garten Europas
zu seiner Ursprungs-Landschaft: in ihrem
Zentrum, dem Gotthard, entsprangen die Ströme
in alle vier Himmelsrichtungen der Zivilisation,
auch der angeblich deutscheste dieser Ströme,
der Rhein - freilich nicht, ohne sich zuvor
über die dramatische Stufe des Rheinfalls
gestürzt zu haben.
So hoch war sie besetzt, die Landschaft,
durch die Goethe 1775 zum ersten Mal gereist
ist, 26jährig, in einer kleinen Gesellschaft
auf der Flucht vor Unfreiheit oder Leere
der großen Gesellschaft - ins Land
der wahren Freiheit, wobei der Seelenadel
mehr zu gelten hatte als derjenige der Geburt,
wie bei den Grafen Stolberg, von denen einer
außerdem, wie Goethe selbst, auch vor
einer verunglückten Liebe floh. Die
Brüder im Sturm und Drang folgten bei
diesem Unternehmen einem doppelten, nur scheinbar
widersprüchlichen Impuls: sie wollten
alle Fesseln und Grenzen sprengen, und sie
suchten die Grenze einer haltbaren Identität.
Indem Goethe Richtung Italien reiste, gehorchte
er einem väterlichen Szenario, und zugleich
dem Bedürfnis, ihm zu entrinnen - wie
der drohenden Bindung an Lilly Schönemann,
wie der stadtbürgerlichen Lebens-Erwartung
überhaupt. Der gelernte Jurist
war aber auch schon ein Dichter, die Differenz
zur gesellschaftlichen Konvention hatte ihn
berühmt gemacht, zugleich hatte er mit
dem Werther den Nachweis geliefert, dass sie nicht zu
leben war: die "zu weit" (Lukács)
gewordene Seele war an sich selbst gescheitert,
als sie sich von der Welt, die ihrem Gefühl
nicht genugtun konnte, getrennt hatte.
Wohin das neue Leben, das ihm neue Bruderschaften,
zumal diejenige mit Herder, führen sollte,
war noch nicht abzusehen, und auch der schönen
Seele, die er sich im Umgang mit Mutters
frommem Frankurter Zirkel anprobiert hatte,
war nicht zu trauen. Es war ein Durchbruch,
wenn nötig: ein Titanensturz fällig,
wie ihn die Natur mit dem Rheinfall inszenierte. Man
reiste in die Schweiz, um Bilder zu finden,
die der eigenen Seele glichen - aber noch
mehr, um Zuflucht zu finden vor der Hauptfrage,
die einen in die Flucht getrieben hatte:
Wer bin ich? oder moderner gesprochen: Was
ist 'Ich'? Diese Zuflucht versprach
der Reisegesellschaft - mehr als alle Naturschönheit
- vor allem ein Mann, der - als Genie der
Physiognomik - in Gesichtern lesen konnte,
auch das Verborgene -: und bei aller weltklugen
Objektivität zugleich im Geruch der
vollkommenen Menschenliebe stand. Goethes
erste Schweizer Reise war eine Wallfahrt
zu Lavater, dem Verheißer einer irdischen
Gemeinschaft der Heiligen - und darin einer
vollkommenen Identität.
Daß diese Verheißung täuschte,
auch wenn Goethe bis zu seiner zweiten Schweizer
Reise vier Jahre später an ihr festzuhalten
schien, lag weniger an Lavater als daran,
daß Goethe sich mit seiner frommen
Utopie selbst betrogen hatte. Was er
sich an Geschwisterlichkeit gewünscht
hätte, läßt sich etwa in
seiner Stella, der Utopie der entkräfteten Eifersucht,
der glücklichen Ehe zu Dritt, mit Händen
greifen: Dispens vom Vater, dem patriarchalischen
Entscheidungs-Diktat über sich und erst
recht: in sich, Stella ist der Versuch, dieser Instanz die Autorität
über die Geschlechtlichkeit, ihre eigentliche
Machtbasis, zu entziehen und die Frauen als
Komplizinnen einer geschwisterlichen Revolte
zu gewinnen. Aber auch wenn Lavater
seinen Goethe "Bruder" nannte:
die Autorität, mit welcher er dabei
für sich die Nachfolge Christi in Anspruch
nahm, besaß den Schlüssel zu Goethes
Natur nicht, und so blieb es nicht aus, daß
der Jünger im Angebot der Lavaterschen
Heilsbotschaft wieder die Sprache väterlicher
Anmaßung vernahm.
Da redete ein anderes, nicht-menschliches
Wallfahrtsziel eine ganz andere Sprache:
ich meine den Gotthard, den äußersten
und auch höchsten Punkt der Reise, auf
dem der Reisende Halt machte - die Zeichnung,
die er davon anfertigen wollte, mißlang.
Und vielleicht ist eben dies das eigentliche
Zeichen, auf das er gewartet hatte: es sollte
ihn in drei Reisen dreimal auf diesen Punkt
zurückführen, der nicht zur Überschreitung
bestimmt war, sondern dazu, daß er
ihn nicht nur zeichnen lernte, sondern auch
das Bezeichnete, den Sinn der Reise, und
damit sich selbst - besser verstand.
Hier war die Grenze, und sie bedeutete etwas.
Was, das wußte er beim ersten
Mal noch nicht. Da war es bedeutsam
genug, daß er dem Gefährten Passavant
- und damit auch dem väterlichen Programm
- den nächsten Schritt verweigerte:
den eigentlich vorgezeichneten Abstieg nach
Italien, Vaters - und erst viel später
auch sein - Gelobtes Land.
Das Zeichen, das wir aus Goethes Biographie
ablesen können, deutet bald nach der
ersten Schweizer Reise in eine andere, unerwartete,
vom Vater, dem Frankfurter Stadtbürger,
jedenfalls nicht gebilligte Richtung: nach
Osten, an den kleinen und eher schäbigen
Hof von Sachsen-Weimar. Es war die
Richtung von Goethes Selbstverpflichtung.
Erst die Abweichung von der väterlichen
ermächtigte ihn dazu, seinerseits gewissermaßen
Vaterstelle zu vertreten, an dem gerade mündig
gewordenen Herzog Carl August, und sich die
Mutter dazu - die Herzoginwitwe Amalia -
diesmal selbst zu wählen. Setzt
man noch das Verhältnis mit Charlotte
von Stein, der Ablösung der geliebten
Schwester Cornelia dazu, bekommt man ein
ganz neues Familienbild - das freilich, auf
anderer Stufe, die Konflikte des primären
wiederholen muß. Die brüderliche
Stellung Goethes zu seinem Fürsten unterlag
nicht nur der Mißdeutung von außen,
ihre Verfänglichkeit beruhte zugleich
darauf, daß der Erzieher des Fürsten
auch sein Diener war, und als Minister sein
abhängiger Günstling. Weniger
problematisch war - wie schon in Frankfurt
- die Beziehung zur adoptierten Mutter, die
ihn - diesmal zum Wohl eines Fürstentums
- in seinen Bestrebungen begünstigte,
wie eine ältere Schwester, die sie den
Jahren nach hätte sein können -
während die ebenfalls ältere Frau,
die in die Position der geliebten Schwester eintrat, zwar zugleich das geschwisterliche
Inzestverbot übernahm, aber diesmal,
ohne ihm die Passion zu ersparen. In
diesen zugleich gehobenen und gedrückten
Verhältnissen rettete er sich in doppelte
Tätigkeit, die bis zu seinem Lebensende
das Schlüsselwort für die Auskunft
aus jeder unübersichtlichen Bedrängnis
werden sollte - in den ersten Weimarer Jahren:
in eine bei weitem mehr als verdoppelte Tätigkeit,
von denen jede für sich schon übergenug
gewesen wäre, ein Leben zu füllen.
Denn neben den sich sprunghaft vermehrenden
Amtspflichten sind diese Jahre auch eine
Zeit fieberhafter literarischer Produktivität,
die sich keineswegs in der gewünschten
höfischen Gebrauchs- und Gelegenheitskunst
erschöpfte, die übrigens auch literarisch
durchaus nicht zu verachten ist. Er
hat lebenswichtige Stoffe, von der Iphigenie bis zum Wilhelm Meister, angegriffen, nur sie - nach Maßgabe
seiner eigenen streng gewordenen Kriterien
- zu vollenden, bekam er die Ruhe nicht. Und diejenige,
bei der er sie suchte und in deren Namen
er nichts so sehr feierte wie Ruhe, Gleichgewicht,
Gelassenheit - gerade Frau von Stein war
eine unerschöpfliche Quelle unlösbarer,
wenn auch geleugneter Konflikte, in denen
ihm der Subtext seiner Passionssprache -"warte
nur, balde / Ruhest du auch" - als kaum
noch verhüllter Todeswunsch entschlüpft.
Das ist der vollkommen veränderte Hintergrund
der zweiten Schweizer Reise, obwohl sie nur
vier Jahre später - 1779 - stattgefunden
hat, sie kann nichts anderes als eine Flucht
sein, aber - in der veränderten Konstellation
- sie kann auch nicht anders, als auf diese
Flucht gewissermaßen ihren Auslöser
mitzuführen, im Sinn eines unerledigten
Geschäfts und einer fortbestehenden
Verpflichtung. Das trifft für die
zweite Schweizer Reise buchstäblich
zu: denn es ist eine Reise mit Carl August,
dem Landesfürsten, persönlich.
Goethe führt ihm gewissermaßen
seine Schweiz vor, noch mehr: er weiht ihn
in sie ein, in alles, was ihm an ihr teuer
ist: von Lavater bis zum Gotthard.
Diese Reise 1779 ist alles Mögliche:
Grand Tour eines jungen Fürsten, auf
der ihm sein Hofmeister Begleitung schuldig
ist, wenn nötig: auch als Arrangeur
galanter Abenteuer, bei welchen Carl August
freilich keiner Nachhilfe bedurfte, Bildungs-
und Abenteuerreise natürlich, bei der
zwei junge Leute - Goethe ist erst dreißig
- gemeinschaftlich und wo nötig inkognito
auf Jagd gehen, diesmal auf Sehenswürdigkeiten,
lebende Legenden und Naturspektakel; aber
auch: Business Trip in das reiche Bern, wo
man sich um Kredite, für das arme Herzogtum
bemüht. Aber was Goethes persönliche
Situation betrifft, bleibt der Ausdruck Flucht
- mit allem Vorbehalt - doch nicht falsch
gewählt. Man kann sie als Vor-Spiel
und Vorbereitung einer größeren
Flucht betrachten: derjenigen 1786 nach Italien,
aber davon abgesehen: Goethe ist schon 1779
in Not, und das er sich inzwischen zur Pflicht
gemacht hat, sie sich zu verbergen und als
Pflicht zu verkleiden, macht sie wahrlich
nicht geringer. War es vier Jahre zuvor
sozusagen der Überfluß an Rollenangeboten,
ein Exzess möglicher Identität, vor welchem er in die Schweiz
floh, so ist es jetzt das Zuviel an Rollenzwang,
das Zuwenig an persönlicher Freiheit und notwendiger Unverantwortlichkeit,
was ihn dort hintreibt. Lautete die
Frage 1775: wer bin ich? so könnte sie
jetzt lauten: was soll ich? hinter der dort,
wo sie nicht mit immer frischer Tätigkeit
zu beantworten ist, eine andere, fundamentalere
droht, mit dem grauen Gesicht der Resignation:
was soll das alles?
Des Treibens insgeheim müde, treibt
es ihn 1779 mit dem Herzog in die Schweiz,
von der er sich wundersame Erfrischung erhofft
- und wenn ich diese Reise ein Vorspiel zur
italienischen genannt habe, so möchte
ich sie jetzt - mit größerer Verwegenheit
- auch das Nachspiel einer andern nennen,
die zwischen 1775 und 1779 stattgefunden
hat und von der ich meine, daß sie
den eigentlichen Höhepunkt seiner Krise
bezeichnet und ihm auch den Ausweg aus ihr
gezeigt hat: die vom Geheimnis umwitterte
Winterreise 1777 in den Harz. Dabei
hat er zwei Geschäfte zu besorgen, ein
ministerielles und ein philanthropisches,
aber was sie ihm zu bedeuten haben, ermißt
er allein. In Wernigerode gilt es den
depressiven jungen Theologen Plessing, der
ihm brieflich sein Herz geöffnet hat,
vor dem Absturz ins Werther-Elend zu bewahren.
In Goslar besucht der das Bergwerk,
um sich für die Erschließung der
Erzvorkommen von Ilmenau kundiger zu machen,
dafür hat ihn der Herzog zuständig
gemacht, und es wird Goethes anspruchsvollstes
Projekt seiner politischen Tätigkeit
werden. Denn von seinem Gelingen hängt
nicht nur objektiv die ökonomische Zukunft
des armen Landes ab, sondern für Goethe
auch: der Sinn, die von der Natur selbst
ausgesprochene Berechtigung seines Umzugs
dahin. Joseph in Ägypten, der
ihm, nachdem er dorthin verkauft wurde, zum
Retter wird und seine Brüder nachziehen
kann, damit sie ihn erkennen: das gehört
zu den frühen Lebensmodellen des jungen
Goethe, auch wenn der Josephs-Roman, den
er damals schreiben wollte, erst zweihundert
Jahre später von Thomas Mann nachgeliefert
wurde.
Die Grube von Ilmenau, die Goethe in vielen
Zeugnissen buchstäblich als sein Kind
anspricht und in seiner Tätigkeit so
behandelt, sollte sich als nicht lebensfähig
erweisen und besiegelte damit am Ende des
Jahrhunderts den Rückzug des Ministers
auf das kulturelle Ressort. Aber in
den 70er Jahren versprach sie noch einen
ökonomischen Durchbruch des Herzogtums
- ohne Revolution. Was den unglücklichen
Plessing betraf, so besuchte ihn Goethe unter
dem Inkognito eines Zeichners aus Gotha,
um ihm, gewissermaßen im Auftrag, die
Antwort Goethes auf seinen Herzenserguß
zu erläutern, hoffentlich mit heilsamem
Effekt. Zwischen Wernigerode und Goslar
aber bestieg der Harzreisende den Brocken,
der um diese Jahreszeit im Schnee für
unzugänglich galt - eine Mutprobe, bei
der er nichts zu verstecken brauchte, denn
ihr Ausgang war ihm selbst nicht bekannt.
Und doch behandelte er ihn wie ein Gottesurteil,
von dem die Gnade seines Lebens abhing. Und
das winterliche Orakel sprach zu ihm - in
Gestalt des Granits, der ihm das Rätsel
offenbarte, wie ein aus drei heterogenen
Elementen - Feldspat, Quarz und Glimmer -
zusammengesetztes Gestein zugleich das festeste
der bekannten Schöpfung sein kann, und
zugleich das ihrem Ursprung nächste
und so das unerschütterliche Fundament,
der Eckstein, auf den die Natur ihr ganzes
bewegliches Gebäude bis hinauf zur Höhe
des Menschen errichtet. Goethe konnte
sich den Granit, anders als die heutige Geologie,
nur als ein aus dem Wasser geborenes Gebilde
denken, denn nur dem Wasser mochte er die
unendliche Geduld zutrauen, das Getrennte
so dauerhaft zu binden. Im Granit,
dem Goethe eine seiner persönlichsten
Naturbetrachtungen gewidmet hat, hatte er
auch das erste Kapitel für einen "Roman
über das Weltall" gefunden, der
ihm damals vorschwebte. In seinem persönlichen
Universum und für die Alchemie seiner
Selbstorganisation wurde er zu einem Stein
der Weisen, der ihm auch - das ist mehr als
ein Wortspiel - erlaubte, d i e
Stein, die zugleich getrennte und symbiotische
Schwester, zu integrieren - die einzige Person,
die in diesen Wochen seine Lebenszeichen
empfing.
Er war nach oben und unten, auf dem Berg
und in der Grube, an seine Grenze gegangen,
und hatte von der Natur die lebensrettende
Versicherung erhalten, nicht nur, daß
er sein dürfe, wie er war : aus Widersprüchen
zusammengesetzt -, sondern daß er damit
ihresgleichen sei, und zwar gerade da, wo
sie sich selbst am ursprünglichsten
und am tragfähigsten zeigt. Höhe
oder Tiefe - auch aus diesem Gegensatz baute
die Natur das Kraftfeld der Polarität
auf und überließ es ihrem bewußten,
geistbegabten Geschöpf zur Steigerung.
Das ist die Sprache der Farbenlehre, die
ihm beim Abstieg vom Brocken als winterliches
Naturschauspiel in die geöffneten Augen
fällt, wie ein Segen, den der Himmel
selbst über die Einweihung des Adepten
spricht. Was in der natürlichen
Welt Polarität heißen darf, begegnet
in der geschichtlichen, der moralischen Welt
als Ambivalenz, welcher der Brocken selbst
als Zeuge dienen kann. Goethes heiliger
Berg ist im Volksglauben ja zugleich der
"Teufelsaltar", der Hexentanzplatz
gewesen, und Goethes Faust wird ihn wieder dazu machen, ohne seine
verwandelnde Kraft darum anschwärzen
zu müssen - im Zweiten Teil, der klassischen Walpurgisnacht, mutiert der Hexenkessel
zum ägäischen Meer, zum Fruchtwasser
des niedersten wie des höchsten Lebens,
zur Nährlösung der Evolution. "Versinke
nun, ich könnt auch sagen: steige"
- der Unterschied zwischen beidem, wie alle
moralisierten, digitalisierten, kalkulierten
Distinktionen lösen sich in der Schöpfungssphäre
auf und sind auch für das Wachstum der
Person nicht zu gebrauchen - sie verlangen
nach der Behandlung der Ironie, die entgegengesetzte
Pole miteinander ins Spiel bringen kann (statt
sie, wie die Pfaffen, gegeneinander auszuspielen).
Denn die Ironie vertritt beim Geist die Stelle,
welche die Mystik für die Seele einnimmt.
Ist das erst die Lehre von Musils "Mann
ohne Eigenschaften"? Für
Goethe, der auf der Harzreise seine Hofeigenschaften
und sogar seinen Namen abgelegt hatte, war
es die Lehre des winterlichen Brockens, die
Goethe mitnahm, damit sie sich in seinem
Leben geduldig entfalte. Noch mehr:
daß sie dieses Leben selbst keineswegs
bruchlos, aber auch nie ohne Zusammenhang
zur Kunst entfalte, um der unvergleichlichen
Monade Goethe gleichsam immer neue Fenster
einzusetzen. Die Lichter, die darin
zu sehen sind konnte nur ein Genie aufstecken,
aber die Klarheit, die von ihnen leuchtet,
könnte für den täglichen Gebrauch
der ganzen Kultur, und der Verbesserung des
Alltags jedes Einzelnen dienen, wenn wir
unsere Augen selbst zu gebrauchen wüßten,
statt ihre Zuständigkeit an Monitore
abzutreten.
Bei Goethe waren sie für die zweite
Reise in die Schweiz gewissermaßen
ganz neu eingestellt - nicht für die
Wahrnehmung der eigenen Person - es ist für
ihn charakteristisch, das er die Philosophie
des "Erkenne dich selbst" zeitlebens
für ein Mißverständnis, einen
unerlaubten Kurzschluss, ja nahezu für
einen Selbstbetrug gehalten hat - aber um
so mehr geöffnet für das Gegenständliche in der Natur. Als ihm später
"gegenständliches" Denken
- zugeschrieben wurde, hat er dankbar von
"bedeutender Fördernis durch ein
einziges geistreiche Wort"geredet.
So ist die zweite Schweizer Reise denn eine
ausgedehnte Studienreise der Gegenständlichkeit,
der Schulung des Auges für seine Objekte,
damit es auch die Botschaft empfange, die
sie aussenden, und nicht diejenige, die es
in sie hineinsieht. Dahinter steht
das neu begründete Vertrauen - Goethe
ist kein Kantianer -, daß die Gegenstände
nicht nur sind, wie sie mir erscheinen, sondern daß
sie mir eben durch ihre Erscheinung sagen,
wie sie gesehen sein wollen: daß ihre
Wirklichkeit von ihrer Wirksamkeit auf einen
ungetrübten Blick nicht zu trennen ist;
kurzum: daß es sich um Korrespondenz,
heimliche - und zugleich für den offenen
Sinn am Tag liegende - Analogie zwischen
Objekt und Subjekt handelt, an der fast alles
Geheimnis, aber nichts rätselhaft ist.
Der Verkehr mit der Natur bedarf des
Tiefsinns nicht, nur der offenen Sinne; dabei
gibt Goethe in seinem Aufsatz "Der Versuch
als Vermittler zwischen Objekt und Subjekt"
den Vortritt an. Der Gegenstand kommt
zuerst; erlaubt man ihm, zu uns zu sprechen,
so erübrigt sich das Raunen oder die
Spekulation des Subjekts von selbst - und
damit, nach Goethes Überzeugung, der
größere Teil seiner Problematik.
Denn die Natur spricht so, daß uns
in ihrer Sprache unser Recht wird (reden
wir ihr hinein, geschieht uns recht, wenn
wir unverstanden bleiben), und daß
wir in der Korrespondenz mit der Natur, die
wir mit allen ihren Geschöpfen teilen,
um so besser aufgehoben sind, je weniger
wir uns selbst dramatisieren, denn auch der
Tod - wie es in einem Aufsatz aus dieser
Zeit heißt, "der Tod ist ihr Kunstgriff,
viel Leben zu haben."
Ein harmloses oder bloß setimentales
Geschäft ist die versuchende Vermittlung
zwischen Objekt und Subjekt also auch auf
dem Zeichenblock nicht, der auf dieser Schweizer
Reise Goethes einer Begleiter ist - auch
da steht bei jedem Strich von Blei oder Kreide
das Leben auf dem Spiel; da ist es nicht
Sache des Todes, sondern der Kunst, "viel
Leben zu haben." Der zweite Hauptbegleiter
natürlich ist der Herzog - um die ständische
Hierarchie zugunsten der geistigen umzukehren,
obwohl der rechte Verkehr mit der Natur seine
Teilnehmer für Goethe lebenslänglich
zu Menschen gleichen Ranges gemacht hat -
in scharfem Gegensatz zu seinem Verhältnis
zur menschlichen Geschichte und ihren zweifelhaften
Größen und Kostgängern: da
war ihm bekanntlich fast jede Ordnung lieber
als die Unordnung. Aber 1779 war es
doch eher Goethe, der den Herzog auf seine
Reise mitnahm; in bestimmtem Sinn: eine Wiederholung
der Harzreise unter schweizerischen und,
was die Berühmtheit der Natur betraf,
größeren Verhältnissen.
Er führte den Herzog auf seinen Berg,
wie der Versucher in der Wüste - und
so lange war es ja nicht her, daß die
Alpen als Wüste, nicht als Denkmäler
des Erhabenen gegolten hatten. Er zeigte
ihm da zwar nicht alle Reiche der Welt, aber
das Tiefste und Höchste, was ihm an
ihr aufgegangen war - damit ihn der Versuchte
anbete? Dafür bestand bei dem
überaus irdischen Carl August keine
Gefahr, dafür gab es auch keine Not;
wohl aber, damit Goethe das Bündnis
mit seinem Herrn unverbrüchlich mache,
im Geiste des Granits, tragfähig für
jede Belastung - zum Beispiel: durch einen
längeren oder auch: literarischen Urlaub
vom Amt, etwa in Italien. So führte
er ihn zum Granit, nur daß der Berg
dazu diesmal nicht der Brocken, sondern der
Gotthard war - auch bei dieser Reise: ihr
eigentliches Zentrum der Anziehungskraft.
Und noch mehr: er mutete seinem jungen Landesherrn
für dieses Wallfahrtsziel nicht nur
eine ordentliche Strapaze zu, sondern eine
veritable Lebensgefahr - eine bei weitem
höhere, als er selbst auf seiner Brockenfahrt
gelaufen war. Denn der winterliche
Aufstieg zu Fuß durch den Tiefschnee
vom Oberwallis über die Furka und das
Urserental zum Gotthardpass wäre auch
heute noch ein objektives Risiko - auch ihre
ortskundigen Führer hätten damals
den deutschen Reisenden keinen Schutz vor
Lawinen zu bieten gehabt.
Für Goethe war es nicht nur ein Tour
de Force, mit dem er die Abenteuerlust seines
Schutzbefohlenen zugleich dampfte und teilte
- es war die Wiederholung eines Experimentum
Crucis, das er, als sein eigener Versucher,
auf dem Harz gegen sich angestrengt hatte.
Auf der zweiten Schweizer Reise erntete
er den Segen, den er sich davon versprach
- ich halte sie darum für seine wichtigste,
und sie ging auch topographisch - oder topologisch
- ganz andere, weitere Wege als die erste.
Sie führte hinter Basel durch die Kalkpforte
des schluchtförmigen Birstals, und sie
zog sich - vom Abstecher ins Bernische und
in sein berühmtes, malerisch-erhabenes
Oberland abgesehen - ausgiebig durch den
Jura hin, die Goethe gewissermaßen
kongeniale, weil vom Meereswasser abgelagerte
Landschaft. Ihre sprachliche, dabei
eher beiläufige Schilderung gehört
zu den Kleinodien Goethescher Prosa und bezeugt
nicht nur die Freiheit des Blicks, die ihm
von dieser großzügigen Naturterrasse
auf Mittelland und Alpen gewährt war,
sie erzählt auch die Geschichte einer
inneren Befreiung. Von da an wird Goethe
für einen immer souveräneren, auch
humorvollen Umgang mit der Natur gerüstet
sein. Der Gotthard, den er mit dem
Herzog über einen Umweg über Genf,
das nahe Savoyen und die ganze Länge
des Wallis erreichte, wird im Zweiten Faust als wahrer Teufelsberg wiederkehren, dessen
Ambivalenz sich jetzt auch gegen Goethes
eigenes "neptunistisches" Credo
wenden darf. Mephisto konterkariert
Fausts erhabene Vision des "Hochgebirges"
mit dessen Herkunft aus dem höllischen
Feuer; und er muß es ja wissen, denn
er ist bei der Schöpfung selbst dabeigewesen.
In der Tat kommt seine Version den Tatsachen,
welche die Geologie festgestellt hat, näher:
der Granit ist kein Sediment, sondern ein
Schmelzgestein und - entgegen Goethes Annahmen
- erdgeschichtlich jung. Aber als Dichter
läßt er den immerhin fundamentalen
Einwand dahingestellt sein, wie er sich auch
seine Bestätigung durch den nicht nur
unverfänglichen, sondern verehrten Alexander
von Humboldt in Ruhe gefallen läßt.
Im Alter hat für seinen sehenden
Blick auch das Objektive ein anderes Gesicht
angenommen, über welches das sehende
Subjekt wieder mitzureden hat. Wie es sieht, bestimmt in immer höherem
Grade - wenn auch nicht, wie bei den heutigen
Konstruktivisten: ausschließlich -
darüber, was es sieht. Noch viel mehr aber kommt
es Goethe jetzt darauf an, wer jemand ist, der etwas so oder auch anders
sieht. Damit schleicht sich in die
wissenschaftliche Methode, wie Goethe sie
sieht, eine neue Verantwortung zugleich mit
einer neuen Freiheit ein. Das Verhältnis
Objekt-Subjekt dereguliert sich gewissermaßen,
verliert das Dogmatische, da jede Seite mit
einem unerwarteten Spielzug der andern zu
rechnen hat - und für die Tücke der Objekte ist ebenso wieder Raum wie für
die demiurgische Phantasie - oder Phantastik
- der Subjekte. Da zeigen sich Gestalten
"wie sie dorthin mein Auge schickt"
ebenso in der imaginären Landschaft
der Klassischen Walpurgisnacht wie heute
unter dem Elektronen - Mikroskop. Der
alte Goethe ist nicht bloß der "moderne"
- dem 19. Jahrhundert, das sich unter diesem
Namen zum "Projekt Fortschritt"
rüstete, in so manchem Stück voraus
- auch in den Stücklein seiner abründig
maliziösen Altersheiterkeit. Er
könnte "postmodern" aussehen,
wüßte das Wort selbst noch, was
es bedeuten soll. Der Witz des alten
Goethe wüßte ihm, wenn man ihn
lesen könnte, schon einen Sinn zu geben
- und hätte ihn damit schon als Nonsense
hinter sich gelassen.
Aber diese in jedem Sinn einsame Souveränität
stand 1779 noch in weitem Feld - und zwanzig
Jahre später, auf Goethes dritter und
letzter Schweizer Reise, in einem vielleicht
noch weiteren. Hatte es schon in der
Reise mit dem Herzog ein quasididaktisches
oder sokratisch-maieutisches Element gegeben:
Carl August sollte nicht nur sehen, was Goethe
an der Natur gesehen hatte, er sollte es
erleben - so ist die Schweiz 1797 zum Schul- und
Repetitionsstoff für Goethe selbst,
und für Goethe allein geworden. Er
nimmt Maß; er stellt seine erste Reise
in die Schweiz, die noch jugendbewegte 1775,
fast peinlich exakt nach, um sich des Abstands
zu versichern, den er sich seither von diesem
Gegenstand, und von jedem, erworben haben
will; es ist der Abstand der Kunst. Noch
mehr - aber auch: verschwiegen - versichert
er sich dabei seiner eigenen Festigkeit,
des Fundaments seiner Identität.
Diese Schweizer Reise 1797, und sie allein,
war grundsätzlich als Transit nach Italien
gedacht - aber um zu ermessen, was dieses
Italien jetzt bedeutet, müssen wir doch
kurz zurückgreifen und die Periode der
vergangenen zwanzig Jahre in ungebührlichem
Schnellauf vorbeiziehen lassen. Als
Goethe 1786 von seinem Weimarer Exil fluchtartig
Urlaub nahm, stellt er damit die mit dem
Herzog auf dem Gotthard erreichte Brüderschaft
auf eine harte Probe - und sie sollte, anders
als die Verbindung mit der geliebten Schwester
Charlotte von Stein, standhalten. Er
reiste nicht mehr in Vaters Italien, aber
das Reiseziel war dennoch, oder nun gerade,
väterlich: es galt Ordnung zu machen,
nämlich das in Weimar hektisch angezettelte
literarische Werk in wirklicher Ruhe zu vollenden
- und nicht derjenigen, die er sich selbst
als tausendfach beschäftigter Minister
und Liebhaber vorgemacht, "statuiert"
hatte. Ein Arbeitsurlaub also, zugunsten
der endlich Gesammelten Werke, nicht ganz ohne testamentarischen Geruch:
mit Faust, Wilhelm Meister, Iphigenie, Tasso und was nicht allem wollte er endlich fertig
werden, für diesen Anspruch auf ein
Stück Unsterblichkeit riskierte er einen
kleinen Tod - denn der Tod, nicht das ganz
neue Leben ist es, der im Motto der nachmaligen
Rechenschaft von dieser Italienischen Reise zitiert wird: "Et in Arcadia ego."
Daß ihn dieser kleine Tod erstmals
"in der Liebesnächte Kühlung"
anwehen sollte, daß er seiner Lebenslegende
hier endgültiger - und fröhlicher
als auf dem Brocken oder am Gotthard das
Motiv "Metamorphose", die Umbildung
der Person im Stirb und Werde hinzufügen
würde - das war zu Beginn der Flucht
noch nicht abzusehen, auch wenn er sich mit
dem schon bekannten Inkognito darauf rüstete.
Aus dem "Zeichner aus Gotha"
war jetzt ein "Maler Miller" geworden
- nicht nur, weil der Reisende nicht als
"Dichter Werthers", sondern weil
er überhaupt nicht (nur) als Dichter,
sondern als Künstler erkannt werden
wollte, eine Option die nicht nur zu seinem
Italien-Bild stimmte, die er sich auch durchaus
real offenhielt. Er hatte zeichnen
gelernt, er begab sich jetzt nicht nur in
ein "malerisches" Land, sondern
in die Gesellschaft von Malern, unsterblicher
und lebender; und um sie - und die Kunst
- zu verstehen, mußte er einer der
ihren werden. Die an Goethe so gern
geübte und mit ihm begründete Erlebnis-Biographik
mag für seine beiden Jahre in Italien
nicht zu entbehren sein, aber sie wird ihnen
auch nicht gerecht: in Fortsetzung seiner
zweiten Schweizer Reise kam es ihm auf die
Versachlichung der Natur an, der draußen wahrgenommenen,
aber auch der in seiner Person wirksamen;
und gerade das "Erlebnis" war der
Schlüssel zu dieser höher entwickelten
Natur nicht. Denn in Italien offenbart
sie sich jetzt im Zeichen der Kunst, und
erlegt ihrem Jünger auf, seinerseits
"Kunst", also ein Individuum zu
werden, das die im Kunstwerk wahrgenommenen
Gesetze und Richtigkeiten auch für sich
selbst beobachtet und zum eigenen Handlungs-Kanon
erhebt. Mag Goethe in den Armen einer
römischen Faustina endlich "die
Liebe gelernt" haben - in erster Linie
lernt er auch sie als Vorlage für das
Kunsthandwerk, wenn er ihr das Maß
der Hexameter, die er ihr widmet, zugleich
auf den nackten Leib tippt. Es geht
ihm mehr als je zuvor um "Schicklichkeit",
ein Wort aus seiner Korrepondenz mit Schiller,
"der Schicklichkeit der Stoffe",
gerade des sinnlichen Rohstoffs - der ihm
(anders als das Erz in der Grube von Ilmenau)
endlich willig zufließt, für das
Geschäft der Kunst.
Als er nach Weimar zurückkehrte, in
den "graulichten Norden", mit dem
klassisch aufbereiteten Misvergnügen,
wußte er sich den vermißten Rohstoff
bald in der Verbindung mit Christiane wieder
zu verschaffen - es war kein Mißverständnis,
wenn die verlassene Schwester von Stein sich
beklagte, das Goethe "sinnlich geworden"
sei. Doch wie hätte sie erkennen
können, daß er die Essenz seiner
italienischen Reise in einer ganz anderen
Form aufgehoben hatte, die für seine
Produktivität viel weiter reichende
"Folge" haben sollte als das Liebesnest
im eigenen Haus. Ich meine: die "Farbenlehre",
die ihm erlaubte, sich mit Italien metaphorisch,
aber auch unabhängig von jeder Topographie
weiterzubeschäftigen. War dies
eine Rückkehr zur "Naturwissenschaft"?
Es war viel mehr: es war die seiner
Alchemie gelungene Synthese von Kunst und
Natur, es zeigte die Natur als Künstlerin am unerschöpflichen
Werk. Und was waren jetzt die Taten
und Leiden der Person - oder auch: der Gesellschaft,
und ihrer Benachteiligten - , neben den "Taten
und Leiden des Lichts"! Goethe
war in Italien auf eine Universalsprache
gestoßen, die für ihn zugleich
ein neues Universum, eine neue Natur, einen
wahre Kunst, und die Rettung des Menschen
bedeutete. Der Regenbogen, die Erfüllung
des Orakels auf dem Brocken, der Verheißung
am Gotthard, wölbte sich über Land
und Meer und versprach ewigen Frieden - sogar
seines Betrachters mit sich selbst. Was
sollte ihn da die Sintflut der Geschichte
kümmern! Die Farbenlehre war eine
von Gott selbst abgesegnete Utopie der Grenze - denn die Farben, die Goethe erkannte,
waren Phänomene des Lebens an der Grenze,
erzeugt kraft der Polarität; sie blühten
in keinem gefangenen Strahl, sondern dort,
wo Hell und Dunkel, Tag und Nacht zusammenstießen;
sie waren eine einzige und doch unendlich
vielfältige Apotheose der sich berührenden
Gegensätze: ihre in sich selbst wieder
steigerungsfähige Steigerung eines Rand-Phänomens.
Es ließ sich - wie auf der Kampagne in Frankreich bewiesen - in jedem Granattrichter mit einer
Scherbe reproduzieren - was hatte daneben
der Donner der Kanonen von Valmy zu bedeuten!
Das sah der Zeitgeist entschieden anders
- s o anders, daß er Goethes
alchemistische Errungenschaft gänzlich
hätte in Frage stellen müssen,
wenn es Goethe beliebt hätte, die Frage
zu vernehmen. Das verbot er sich nach
Kräften - und befand sich damit nicht
einmal in Opposition zur Weltgeschichte,
sondern auf einem andern Stern, also in einer
- je nachdem - phantastischen, ärgerlichen
oder lebenbedrohlichen Minderheit. Gerade
als er meinte gefunden zu haben, was die
Welt im Innersten zusammenhält, hörte
diese Welt überhaupt nicht hin, sie
hatte nicht nur andere Sorgen - sie veranstaltete
eine so andere Geschichte, daß Goethe
nichts von den Naturgesetzen in ihr wiedererkannte,
die ihm gerade heilig geworden waren und
- bei aller Beweglichkeit, die er an ihr
fand - gänzlich unerschütterlich
schienen. Diese Unerschütterlichkeit
zu behaupten, hatte er gerade den rechten
Gefährten, einen Gesetzgeber und Kunstrichter
par excellence gefunden - Schiller; und nun
gerade ließ ihn die Materie, die zu
ordnen gewesen wäre, im Stich.
Der "sausende Webstuhl der Zeit",
dem er Halt zu bieten gewußt hätte,
wob einen ganz anderen Text, strickte an
einer so wenig kommensurablen, dabei so überwältigenden
Welt, das es zur häßlichen, aber
leider lebenfüllenden Strafaufgabe wurde,
sich nicht von ihr mitverstricken zu lassen.
Natürlich kann - und gewiß muß
- man die schöne und auch absurde Insel
der "Deutschen Klassik" vom Meer
her betrachten und an der vermeintlichen
Sintflut messen, der sie mit hohen Dämmen,
wie denjenigen einer Hallig, abgetrotzt wurde.
Die Erlaubnis dazu kann man sich sogar
bei Goethe selbst holen - wie es der hervorragende,
nicht zufällig auswärtige Goethe-Monograph
Nicolas Boyle tut, wenn er mit der kuriosen
Epochenbildung, die eine apolitische und
deutsch-provinzielle Germanistik Goethes
Lebensarbeit appliziert hat, aufräumt
und den vermeintlichen Groß- und Hauptinsulaner
Goethe, vor dessen Größe die übrige
Welt zu versinken hat, nach Europa zurückholt,
wohin er gehört und das er natürlich
- auch als singulärer "Klassiker"
- niemals verlassen hat. Wirklich Epoche
gemacht hat im 18. Jahrhundert nicht Goethe,
sondern der ungeheure Paradigmawechsel, der
in der Französischen Revolution kulminiert
- mißt man sie (wenn überhaupt)
an Goethe, so ist das nicht nur Verhältnisschwachsinn;
man bleibt damit auch ihm den Respekt schuldig,
den er sich gerade durch seine Opposition
zu ihr verdient hat: und man unterschlägt
ihre Wirkung auf ihn, die gerade sein Werk
bezeugt - und vielleicht keines deutschen
Dichters intimer, nämlich bis ins Fundament
seiner Kunst bezeugt; also da, wo es kulturgeschichtlich
zählt. Goethe selbst spricht von
der Passion, die er hat aufwenden müssen,
das "ungeheure" Ereignis der Französischen
Revolution zu "gewältigen"
- und verrät durch diesen bergmännischen
Sprachgebrauch - was man "gewältigt",
ist das in eine ersoffene Grube eingebrochene
Grundwasser - die Verbindung der geschichtlichen
Katastrophe mit einer "natürlichen",
die sein öffentliches Hauptwerk - die
Grube von Ilmenau - verschlungen hat.
Aber wo bei Goethe Wasser im Spiel ist, da
ist nie alles verloren - wie sollte das Menschenwerk,
bergmännisch gesprochen: das "Kunstgezeug"
(die Pumpe) den Eigensinn der Naturkraft
"gewältigen" - und wie dürfte
sie es, da das Element der Zerstörung
zugleich dasjenige ist, das immer neues Leben
erzeugt! An Ende des Zweiten Faust erweist sich das wohlgemeinte Kanalisationswerk
zur Gründung von Neuland nicht nur als
buchstäblich fatale Selbsttäuschung
seines Erbauers - es erweist sich, daß
zu diesem Bau Gewalt nötig gewesen war,
und die schlimmere als diejenige, der man
mit der Melioration zu steuern glaubte: Gewalt
gegen Menschen, Zerstörung "lebensunlebenwerten"
Lebens. Der Zivilisation die Ambivalenz
gegen sich selbst verbieten, heißt:
sie barbarisieren; es heißt: blind
werden für die eigene Verblendung, wie
Faust am Ende seines Lebensgeschäfts.
Aber was für das "Projekt Fortschritt"
gilt, gilt nicht minder für den Versuch
seiner Verhinderung. Die kanonisierte
Kunst - auch: Lebenskunst - erweist sich
entweder ohnmächtig gegenüber dem
realen Leben, das sie zu reglementieren strebt;
oder/und: gewalttätig. In ihrer
Gesetzgebung, grandios und subtil, wie sie
war, hat die deutsche Klassik dem Leben Gewalt
getan - beim richterlichen Schiller tat sie
es geradezu programmatisch, denn "das
Leben" sollte gegen die Imperative des
Erhabenen keine Stimme haben. Und doch
hat Schiller diesem inkalkulablen Leben in
einem Fall die Stimme gelassen, noch mehr:
in diesem Fall hat er sie sogar als Richter
über sein eigenes ästhetisch-moralisches
Tribunal anerkannt. Das war die Stimme
Goethes, den Schiller - das war nicht sein
geringster Stolz - besser zu lesen bestrebt
war als Goethe sich selber las. Goethes
Gegenschenk bestand darin, daß er dem
Gefährten, der kategorisch so viel firmer
auftrat als er, wo immer möglich seine
Stimme überließ - in der Kunst-Praxis
war es nicht immer möglich, etwa beim
"Wilhelm Meister"; aber da durfte
er auch wissen, daß es überflüssig
war: "Gegenüber dem Vortrefflichen
gibt es keine Freiheit als die Liebe".
Aber in der Kunst-Theorie war es nötig,
denn hier erlaubte, nein: gebot ihm Schiller
auch zu wissen, wovon er absehen - wo er
wegsehen durfte.
Dieser Blick war Goethe auf seiner letzten
Schweizer Reise 1797 nicht nur nötig,
er war ihm auch willkommen. Er brauchte
nicht mehr nach Italien zu reisen, um die
Welt - also auch die Schweiz - durch das
in Italien zugeschliffene Glas zu betrachten
- ich wähle diese Brillenträger-Metapher
bewußt provokant. Denn wir wissen
ja, wie sehr Goethe mit dieser Sehhilfe,
der optischen Krücke, auf Kriegsfuß
stand: doch bei seiner letzten Schweizer
Reise hat er sie gebraucht. Aber da
er das Bleibende seiner Italienreise ja längst
gerettet hatte - in der "Farbenlehre",
bei der ihm Schiller gewissermaßen
selbstlos zudiente - brauchte er jetzt nicht
mehr nach Italien zu reisen, und hatte es
ja früher beim zweiten Mal - als Begleiter
der Herzoginwitwe Amalia - auch nur kursorisch
getan. Jetzt verbot es sich also wegen
der Kriegswirren, da war vom Schillerschen
Dédain gegenüber Realien umso
schmerzloser Gebrauch zu machen, als Goethe
auch diesmal das Beste, was er sich von Italien
erhoffen konnte, die Bestärkung im Kunstsinn,
ohnehin zu Gebote stand. Diesmal in
Gestalt des Römer Freundes Johann Heinrich
Meyer, dessen Arbeiten in gemeinsamer Sache
er auch in Stäfa am Zürichsee besichtigen
und besprechen konnte, "Kunscht-Meyers"
Heimatort, von dem er ihn bald nach Weimar
nachzuziehen hoffte. Dort würde
er - nach Schillers Tod - zum Zirkel jener
nicht genialen, aber desto verläßlicheren
Zudiener zu Goethes weiterem Lebenswerk gehören
- jenem gebannten Zirkel, den er für
die letzten Lebensjahrzehnte um sich schlug,
aber durchlässig hielt für jeden
buchenswerten und glaubwürdigen Zeugen
der Großen Veränderung.
So weit über war er 1779 in der Schweiz
noch nicht. Er befestigte sich gegen
die Revolution, die er auch im gelobten Land
der Hirten an vielen untrüglichen Zeichen
nahen fühlte - um so entschiedener setzte
er seine mit Schiller vereinbarte Zeichensetzung
dagegen. Als "Mann von (nahezu)
fünfzig Jahren" erlaubte er sich,
die Schweiz quasi abschließend, nämlich
am Leitfaden der Kunstmäßigkeit
zu überprüfen. Dazu gehörte
die Rekapitulation und, wo nötig: Umschrift
der Erfahrungen, die er vor zwei Jahrzehnten
hier gemacht hatte. Dafür
stellte er - einschließlich den Besuch
am Gotthard - die Reise des Jünglings
beinahe exakt nach, der er 1775 gewesen war
- natürlich ausschließlich Lavaters,
der ihm nichts mehr zu sagen hatte (bald
danach sollte der unermüdliche Nachfolger
Christi einen mutigen Einsatz als Patriot
mit dem Leben bezahlen). Zu Goethes
Kunstbegriff gehörte selbstverständlich
auch das Studium ländlichen Handwerks
an der Schwelle zur Industrie: darüber
würde er, mit Meyers Hilfe, in den Wanderjahren das Triftige referieren - im homerischen
Stil zwar, doch nicht ohne die nötigen
ironischen Widerhaken. 1797 aber erlaubte
er sich noch, die bekannte Szenerie unter
dem Gesichtspunkt ihrer Schicklichkeit, nämlich
für ästhetische Verarbeitung, zu
mustern. Die "Schicklichkeit der
Stoffe" war ein Hauptpunkt der "Weimarer
Klassik" - also brachte er aus der Urschweiz
einen Stoff mit, der sich wohl für solche
Behandlung schickte. Er dachte selbst
an eine Idylle mit einem gekränkten
Hirten und einem "behaglichen Tyrannen".
Aber dann überließ er den
Stoff Schiller, damit der - mit stärkeren
Gründen - ein regelrechtes Schauspiel
daraus mache. Daraus wurde der Wilhelm
Tell, und obwohl an ihm der Kunstverstand
weit stärker beteiligt war als das politische
Engagement - oder vielleicht eben deshalb, wurde der Stoff in dieser Behandlung zum
Gründungsmythos des neuen Bundesstaates,
der einzigen Republik, die auf dem Kontinent
das Jahr 1848 überdauern sollte.
Auf dieses Kern-Stück schweizerischen
Selbstverständnisses hat über hundert
Jahre später wiederum ein anderer Autor,
Max Frisch, reagiert - und seine Behandlung nähert sich viel deutlicher
derjenigen an, die ihr Goethe wollte angedeihen
lassen - nur gibt es jetzt für den "behaglichen
Tyrannen" Gessler im veränderten
Kontext entschieden politische Gründe...
So haben nicht nur Bücher ihre
Schicksale, sondern auch Stoffe - und das
Kennzeichen dieses Schicksals ist seine Ironie,
die List der sich entfaltenden Ambivalenz.
Sie kann bei keinem Versuch, sie zu
fixieren, stehen bleiben.
So ist auch die Schweiz in der von Goethe
1797 fixierten Form nicht stehen geblieben
- er hat es bei ihr kommen sehen; er wußte
es - auch wenn er sich dieses Wissen hie
und da verbot -erst recht von sich selbst.
"Der Mensch ist nur da ganz Mensch,
wo er spielt" - Goethe hat Schillers
großes Wort in den drei Jahrzehnten,
in denen er nur noch in böhmische Bäder
reiste, kleiner fortgeschrieben, aber auch
kühner. Sein Spätwerk kann
Menschen auch da "spielen" lehren,
wo sie nicht mehr "ganz" sind und
sich die Erwartung verbieten müssen,
es jemals zu werden. Dann erst zeigt
sich, ob wir in den Tätigkeiten und
Unterlassungen der Zivilisation jene "sehr
ernsten Scherze" sehen können (so
Goethe über sein letztes Hauptwerk,
den Faust) und noch mehr; ob wir die inzwischen globalen
Scherze, die wir anstellen können, auch
noch selbst verstehen - zum Beispiel: als Verpflichtung gegen
unsere Nachkommen. Aber das ist ein
ganz neues Spiel, von dem wir die Regeln
noch nicht kennen - wer sie immerhin kennen
möchte, für den oder dürfte
die Lektüre Goethes mehr denn je hilfreich
sein. Eine der Regeln für dieses
Spiel hat, glaube oder fürchte ich,
ein anderer großer Dichter, Rilke,
schon früher in unserem nun gerade beendeten
Jahrhundert gefunden: "Was heißt
hier siegen? Überstehn ist alles."