Goethe und die japanische Mentalität
Prof. Naoji Kimura, Tokyo
Das Thema des
vorliegenden Referats ist dreigliedrig: es
besteht aus den Fragen nach Goethe, japanisch
und Mentalität. Wer Goethe eigentlich
gewesen ist, weiß man mehr oder weniger
in den Gebildetenkreisen von Ost und West,
also auch in Japan. Im großen
und ganzen kann man ihn als menschlich, liberal,
humanistisch und universal bezeichnen. Daher
kommt denn auch die Bezugnahme auf die japanische
Mentalität in diesem Goethe-Symposium
mit den beiden Generalthemen "Goethes
Weltbürgertum" sowie "Goethe
und die Nationalkulturen". Unter
Mentalität versteht man nach dem englischen
Wort mentality die Denk- und Verhaltensweise eines Menschen
bzw. einer Menschengruppe. Auf den
internationalen Mentalitätsdiskurs kann
im Rahmen dieses Beitrags nicht eingegangen
werden.1 So geht es im folgenden grundsätzlich
darum, wie die Japaner über den deutschen
Dichter des 18. Jahrhunderts denken, und
wie sie sich ihm gegenüber verhalten.
Zu befragen ist insbesondere die spezifisch
japanische Haltung Goethe gegenüber,
und zwar in welcher Hinsicht sie zu ihm positiv
eingestellt sind. Die negative Haltung
ist seit den Tagen eines Ludwig Börne,
Heinrich Heine oder Wolfgang Menzel überall
fast gleich: ablehnend aus religiöser,
ethischer und nicht zuletzt politischer Motivation.
Sie kann hinsichtlich der heutigen
Themenaufstellung außer acht gelassen
werden, es sei denn, daß sie anders
motiviert ist wie beim kritischen Kulturvergleich.
Von den eben genannten drei Teilfragen ist
formal von entscheidender Bedeutung, was
eigentlich mit "japanisch" gemeint
ist, während die Mentalität begrifflich
inhaltsbezogen ist. Dabei kann wohl
ein renommierter Japaner insofern als Repräsentant
der japanischen Mentalität stehen, als
er Goethekenner und einflußreicher
Autor ist wie z.B. der Literaturkritiker
Kamei Katsuichiro. Ist doch seine Denk-
und Verhaltensweise durch seine zahlreichen
Essaybände recht bekannt. Darüber
hinaus verfaßte er selbst eine 6bändige
japanische Geistesgeschichte. Sonst
verfällt man leicht in die methodische
Aporie, ganz allgemein von den Japanern zu
sprechen und ohne schriftliche Zeugnisse
ihre angebliche Mentalität als typisch
japanisch hinzustellen. Es gibt in
Japan allerdings viele andere Goethekenner
oder Goetheforscher, deren Goethebilder als
aufschlußreiche Beispiele für
die japanische Mentalität herangezogen
werden könnten. Aber sie sind
so zahlreich und verschiedenartig, daß
es mir wiederum schwerfällt, eine richtige
Auswahl im begrenzten Zeitraum zu treffen.
Der Versuch würde schließlich
darauf hinaus laufen, eine japanische Geistesgeschichte
der neueren Zeit im Spiegel der Goethe-Rezeption
in Japan zu schreiben. Ich habe dies
zwar als meine Lebensaufgabe vor, fürchte
aber aus technischen Gründen, in diesem
Referat fast nur meine eigenen Betrachtungen
über das Verhältnis der japanischen
Gebildeten zu Goethe anzustellen.2 Es geht dabei in erster Linie um folgende,
in großen Zügen gemeinsame Charakteristika
wie 1) künstlerisches Dasein, 2) humane
Religiosität, 3) dialetisches Denken,
4) Neigung zum Ausgleich 5) Weltimmanenz
und 6) Bildungsfreudigkeit. Dazu soll
noch thesenhaft die Goethe-Rezeption in Japan
als ein japanischer Versuch der Assimilation
an die europäische Kultur interpretiert
werden.
Bei aller methodischen
Schwierigkeit erscheint mir doch Kamei Katsuichiro
vorzüglich dazu geeignet, in Bezug auf
Goethe diese japanische Mentalität zu
demonstrieren.3 Denn er hinterließ wie kaum
ein anderer Intellektueller in Japan so viele
schriftliche Zeugnisse über seine Goethe-Erlebnisse,
die nun im 6. Band seiner umfangreichen Gesamtausgabe
zusammengestellt sind. Es sind namentlich
die Werke: Die Menschenerziehung. Ein Versuch zu Goethe,
Über den Glauben, Die Wandlungen meines
Geistes, Ein Zeitgenosse der modernen Geschichte,
Meine Lebensanschauung, in denen Goethe seit seinem politischen
Gesinnungswechsel vom aktiven Marxismus zu
einer ästhetisch-religiösen Lebenshaltung
eine tiefgreifende Rolle gespielt hat.
Unter den Miszellen im Anhang finden sich
auch einige autobiographische Skizzen über
seine innere Begegnung mit Goethe, die sich
alle als bekenntnishaft erweisen. Die
Gestalt des Romanhelden in Die Leiden des jungen Werther bewunderte er seinerzeit deshalb, weil Werther
bis zum Tode an seiner Liebe festhielt, dagegen
er selbst wie Judas seine innerste Überzeugung
verriet und doch noch sein jugendliches Scheitern
überleben wollte. Aber nicht zu
vergessen ist, daß Goethe selbst trotz
seiner Anfänge im Sturm und Drang immer
vor dem politischen Märtyrertod die
Lebenskunst höher bewertete und in schwierigen
Lebenssituationen zum literarischen Schaffen
und Reisen seine Zuflucht nahm. So
liebte Kamei ebenfalls die japanischen Dichter
der alten und neueren Zeit wie Saigyo, Basho
oder Shimazaki Toson, die sich auf die Wanderschaft
begaben, um durch das Dichten am Leben bleiben
zu können.4 In einem solchen künstlerischen
Dasein ist schon die grundlegende Wahlverwandtschaft
zwischen Goethe und Kamei, und somit den
Japanern überhaupt zu suchen. Vor dem Engagement für den Marxismus
in seiner Studentenzeit hatte Kamei in der
Kindheit das protestantische Christentum
kennengelernt, ohne die Taufe zu empfangen,
und beim Deutschunterricht auf der Oberschule
bereits einige Texte von Goethe gelesen.
Als er sich von der Politik abwandte
und über Eckermanns Gesprächen mit Goethe wieder zum deutschen Dichter fand, kam es
ihm vor allen Dingen darauf an, nach seinem
inneren Scheitern eine geistige Wiedergeburt
wie Goethe auf der Italienreise zu erleben.
Das bedeutet prinzipiell, daß
Kamei dessen Motto "Gedenke zu leben!"
in Wilhelm Meisters Lehrjahren sowie das andere weniger bekannte Motto
"Gedenke zu wandern!" in Wilhelm Meisters Wanderjahren theoretisch wie praktisch nachvollziehen
wollte. Wie sein Lieblingsautor Shimazaki
Toson, der nach dem Selbstmord seines Freundes
Kitamura Tokoku um so entschiedener den Willen
zum Leben gefaßt hatte,5 ging er in der Tat oft auf die Wanderschaft
und besuchte die Tempel in der naturschönen
und kunstreichen Gegend um die älteste
Kaiserstadt Nara. Auf diese Weise ist
im Laufe der Jahre aus dem einstigen Marxisten
ein buddhistischer Ästhet geworden,
was sich besonders im Alter an vielen japanischen
Intellektuellen, die sich in der Jugend intensiv
mit der westlichen Bildung abgegeben haben,
beobachten läßt. Ein Beispiel
dafür ist der Kulturphilosoph Watsuji
Tetsuro, der später noch erwähnt
werden soll.
Goethes Faust wird in einem der populärsten Essays
von Kamei "Über die Vergänglichkeit
der Liebe" oft erwähnt, so daß
mittels der Lektüre von Kameis Schriften
eine indirekte andauernde Beeinflussung der
japanischen Jugend durch Goethe annehmbar
ist. Wenn auch in entscheidender Weise,
so stellt Goethe für Kamei jedoch nur
einen seiner geistigen Meister dar, die ihn
im Leben begleitet haben, und mit denen er
sich ständig auseinandergesetzt hat.
So ging er im obengenannten Essay von
Paul Valérys Discours en l'honneur de Goethe aus, dessen japanische Übersetzung
im Jahre 1935 erschienen war, und endete
mit dem Bekenntnis zum japanischen Religionsstifter
Shinran, dem er wie auch der andere Goethe-Verehrer
Kurata Hyakuzo mit dessen Drama Der Mönch und seine Schüler endgültig huldigt. In den dazwischen
liegenden Ausführungen zitiert er neben
biblischen Stellen viel mehr als Goethe andere
Autoren wie Pascal, Tolstoi oder die japanischen
Denker Uchimura Kanzo sowie Kurata Hyakuzo.
Kamei benimmt sich in religiösen
Dingen wie Goethe selbst als "Hypsistarier",
d.h. Anhänger einer Sekte derjenigen,
"welche, zwischen Heiden, Juden und
Christen geklemmt, sich erklärten, das
Beste, Vollkommenste, was zu ihrer Kenntnis
käme, zu schätzen, zu bewundern,
zu verehren und, insofern es also mit der
Gottheit im nahen Verhältnis stehen
müsse, anzubeten."6 Sehnsucht nach dem Leben, Erlebnis
der inneren Wiedergeburt und Erlösungsbedürftigkeit
in der Schönheit verbinden sich ohne
weiteres mit dieser synkretistischhumanen
Religiosität bei Goethe. Nicht
umsonst ist Kamei dem protestantischen Denker
Uchimura Kanzo zugetan, der wohl den rigoristischen
Christen Dante dem einst geschätzten
Goethe vorzog, aber wie dieser gegen alle
Kirchlichkeit eingestellt war. Jeder
nicht dezidiert antireligiöse Japaner
würde gern das allgemein menschliche
Glaubensbekenntnis, wie es in in Goethes
Dramenfragment Die Geheimnisse ausgesprochen ist, unterschreiben.
Die Hauptmotive
bei Kamei kreisen, wie für viele gebildete
Japaner, um Natur, Kunst, Liebe und Schuld
sowie Leben und Tod. Selbstverständlich
stellen sie alle bis auf das Schuldproblem
das Hauptanliegen Goethes dar. Während
diese Motive beim deutschen Dichter auf der
abendländischen Kulturtradition beruhen,
sind sie freilich bei den vorwiegend nichtchristlichen
Japanern von anderer Herkunft. Schematisch
vereinfacht, könnte man ihre Naturanschauung
im Grunde auf den Shintoismus, ihre Kunstanschauung
auf den Buddhismus, ihre Lebensanschauung
auf den Konfuzianismus zurückführen,
wenngleich diese drei religiösen Elemente
meist in einer ethischästhetischen
Haltung verschmolzen sind. Nicht zu
übersehen ist dabei der Einfluß
des Taoismus mit seiner Dialektik von Yin und Yang auf die japanische Kunstanschauung, ja auf
die Lebensauffassung der Japaner überhaupt.7 Auch der Haiku-Dichter Basho war literarisch
von der taoistischen Lebenshaltung inspiriert.
In Japan hat sich gewiß aus dem
Tao, das mit dem Schriftzeichen für
"Weg" ausgedrückt wird, eine
andersartige, auf der Vorstellung des Lebensweges
beruhende Kunstauffassung in allen Bereichen
der Künste entwickelt. Da aber
die ursprüngliche dialektische Denkweise
ebenfalls bei Goethe von fundamentaler Bedeutung
ist, soll zunächst darauf eingegangen
werden, um die weitere geheime Affinität
zwischen Goethe und den Japanern als ein
"offenbares Geheimnis" aufzuzeigen.
Goethes morphologische
Begriffe für die Dialektik in der Natur
sind bekanntlich Polarität und Steigerung,
und ihr dichterischer Ausdruck ist das Gedicht
"Gingo biloba", das nicht nur in
Japan, sondern auch in Korea und China sehr
beliebt ist. Theoretisch sind sie in
den Maximen und Reflexionen folgendermaßen umschrieben: "Grundeigenschaft
der lebendigen Einheit: sich zu trennen,
sich zu vereinen, sich ins Allgemeine zu
ergehen, im Besondern zu verharren, sich
zu verwandeln, sich zu spezifizieren und,
wie das Lebendige unter tausend Bedingungen
sich dartun mag, hervorzutreten und zu verschwinden,
zu solideszieren und zu schmelzen, zu erstarren
und zu fließen, sich auszudehnen und
sich zusammenzuziehen."8 Und in einer Aufzeichnung zeigt Goethe,
wie mannigfaltig die Polarität sowohl
im Materiellen als auch im Geistigen hervortritt:
"Dualität der Erscheinungen als
Gegensatz: Wir und die Gegenstände,/
Licht und Finsternis, Leib und Seele,/ Zwei
Seelen,/ Geist und Materie,/ Gott und die
Welt,/ Gedanke und Ausdehnung,/ Ideales und
Reales,/ Sinnlichkeit und Vernunft,/ Phantasie
und Verstand,/ Sein und Sehnsucht,/ Zwei
Körperhälften,/ Rechts und Links,/
Atemholen./ Physische Erfahrung: Magnet."9 Im Sinne von Yin und Yang kann man das Weibliche und das Männliche,
das Nachgiebige und das Starke, Erde und
Himmel u.a.m. hinzufügen. Bedenkt
man, daß in der chinesischen Philosophie
taoistischer Prägung diese kosmologischen
Begriffe ihren gemeinsamen Ursprung in einem
Absoluten haben, so liegt ihre Verwandtschaft
mit Goethes Begriffen von Polarität
und Steigerung auf der Hand.
Wie polare Gegensätze bei Goethe sich
zu einer höheren Einheit steigern, schließt
sein dialektisches Denken die beiden Pole
nicht im Sinne von "Entweder-Oder"
gegenseitig aus, sondern läßt
sie vielmehr in der Art und Weise von "Sowohl-Als-auch"
zu ihrem relativen Recht kommen. Diese
Denkweise wirkt sich bei ihm auch als eine
Lebenshaltung aus. So konnte er als
Dichter die Ausschließlichkeit in der
griechischen Tragödie nicht vertragen.
Nach seiner Ansicht spricht Aristoteles
in seiner Poetik nicht von der Wirkung, sondern von der Konstruktion
der Tragödie und versteht unter Katharsis
eine "aussöhnende Abrundung, welche
eigentlich von allem Drama, ja sogar von
allen poetischen Werken gefordert wird."10 Mit der Meinung, daß die Tragödie
mit Ausgleichung, mit Versöhnung solcher
Leidenschaften wie Mitleid und Furcht zuletzt
auf dem Theater ihre Arbeit abschließen
müsse, kommt Goethe der japanischen
Neigung zum Ausgleich sehr entgegen. Über
Watsuji Tetsuros kulturphilosophisches Werk
Fudo, das vom menschlichen Zwischensein aus den
Zusammenhang von Klima und Kultur erörtert,
wird beispielsweise in der Einleitung der
Übersetzer in Gegenüberstellung
zum abendländischen Logozentrismus wie
folgt bemerkt: "Dies ist eine zutreffende
Beschreibung der Denksituation des modernen
Japan, einer Denksituation, die aus europäischer
Sicht voller Widersprüche ist. Sie
mag chaotisch anmuten, aber sie ist schöpferisch,
denn sie läßt Spannungen und Widersprüche
nebeneinander bestehen und versucht, sie
auszuhalten, ohne sofort nach Lösungen
im Sinne eines 'Entweder-Oder' zu suchen."11 An einer anderen Stelle wird die theoretische
Schwäche Watsujis merkwürdigerweise
auf die Intuition mit Goethe-Bezug zurückgeführt:
"Watsujis Freunde nannten ihn einen
Menschen, der, wie Goethe, zur unmittelbaren
Schau einer Idee fähig war und erst
in einem zweiten Schritt sich um die Formulierung
einer Theorie bemühte."12
Es fragt sich
allerdings, ob es nicht ein fatales Mißverständnis
auf seiten der Japaner ist, sich wegen einer
angeblichen Affinität der dialetktischen
Denkweise zu dem deutschen Dichter Goethe
hingezogen zu fühlen, oder ob die abendländische
Geisteshaltung wirklich so logozentrisch
ist wie allgemein angenommen wird. Gibt
es doch in der abendländischen Philosophie
immer sowohl den Rationalismus als auch den
Irrationalismus, und Goethes nicht logische,
sondern intuitive Weltanschauung beruht nachweislich
gerade auf der pansophisch-kabbalistischen
Tradition im 16. Jahrhundert, die mit der
europäischen Aufklärung wenig zu
tun hat.13 Näher betrachtet, erweist sich
jedoch Goethes Lebenshaltung als weltzugewandter,
erlebnishafter und gesellschaftsbezogener,
so daß die Japaner der Gegenwart leichter
Zugang zu Goethe finden als zur alten taoistischen
oder konfuzianischen Philosophie. Im
Zuge der westlich ausgerichteten Erziehung
und Allgemeinbildung haben sie sich mittlerweile
bewußt oder unbewußt auch christliches
Gedankengut angeeignet. Dafür
ist dann ein treffender Begriff von Weltfrömmigkeit
im Jahre 1941 aus Goethes Wortgebrauch weiter
entwickelt worden. Das Wort, das ursprünglich
der pietistischen Hausfrömmigkeit gegenübergestellt
war, hat nämlich durch Eduard Spranger
den nachstehend umschriebenen Bedeutungsgehalt
erhalten: "Gerade am Diesseits kann
sich eine Art des Erlebens entzünden,
die von eigner Glut und Innigkeit ist; wenn
man die Geschichte des Protestantismus verfolgt,
so wird man finden, daß in seiner modernen
Entwicklung immer mehr ein Zug von Innerlichkeit
hervortritt, dem nur wenig anhaftet von dem
alten Trieb des 'Schwing dich über die
Natur'! Wir dürfen von einem neuen
Stil des religiösen Lebens reden, den
man als weltverbundene Frömmigkeit,
als Weltfrömmigkeit bezeichnen kann."14
Bekanntlich
war Eduard Spranger ein paar Jahre zuvor
als Gastwissenschaftler in Japan, und damals
wurde sein Buch Goethes Weltanschauung ins Japanische übersetzt. Wenn
man im obigen Zitat "die Geschichte
des Protestantismus" mit der Literatur
der Goethezeit ersetzt, die ja zum großen
Teil von den protestantischen Dichtern und
Philosophen hervorgebracht worden ist, so
kann man sich des Eindrucks nicht erwehren,
wie wenn hier gleichfalls die Lebenshaltung
der gebildeten Japaner beschrieben wäre.
Solange sie guten Willens sind, sind
sie von Natur nicht areligiös, wollen
vielmehr Humanisten im englischen Sinne sein.
Dann finden sie eben in Goethe ihr
Ideal von Mensch und Leben verwirklicht.
Dabei gilt er trotz des Nationalsozialismus
als Symbol deutscher Kultur, als Verkörperung
der "Nation der Dichter und Denker".
Auch die Japaner haben es am eigenen
Leibe erfahren, wie leicht die Humanität
durch einen überspannten Nationalismus
zu ihrem Gegenteil umschlagen kann. Um
Grillparzers Gedankengängen zu folgen,
so liegt die Inhumanität heute noch
überall dort auf der Lauer, wo die Humanität
nicht mit Anstrengung erstrebt wird und in
den kriegerischen Auseinandersetzungen der
Bestialität des Menschen die Zügel
schießen läßt.
Wie schon mit
diesem Hinweis angedeutet, beurteilen die
Japaner im allgemeinen Goethe mehr aus ethisch-subjektivem
als aus ontologischobjektivem Gesichtspunkt.
Ästhetisch ist er für sie von vornherein
kein Problem. Seine Welthaftigkeit,
wie sie ontologisch in dem erweiterten Begriff
der Weltfrömmigkeit vorliegt, wird aber
auch von Kamei nicht genug nachvollzogen.
Zwar sieht er ein, daß Goethes
Italienische Reise bei aller Beschreibung persönlicher
Reiseerlebnisse voll von objektiven Beobachtungen,
Erkenntnissen und Wertschätzungen ist,
die sich auf Land und Leute sowie Natur und
Kunst beziehen. Aber seine im Geiste
Goethes unternommene Reise in die Umgebung
von Nara ist hauptsächlich ästhetisch-künstlerisch
ausgerichtet und nicht so weltzugewandt wie
bei Goethe in Italien, den Paul Valéry
mit Recht als "Homme d'Univers"
bezeichnete. Den hier vorliegenden
Unterschied zwischen Ost und West stellte
denn auch Watsuji Tetsuro angesichts der
europäischen Naturauffassung sehr zutreffend
fest: "Wir sind zum Beispiel überrascht,
mit welch großem naturwissenschaftlichen
Interesse Goethe, der europäische Dichter
schlechthin, die Natur betrachtete. In
Europa wendet man sich mit seinem Verlangen
nach Unendlichkeit einzig und allein an Gott,
nicht an die Natur. Und auch da, wo
ihr Ehre erwiesen wird, sieht man sie bestenfalls
als eine Schöpfung Gottes an, als etwas,
in dem Gott oder die Vernunft sich offenbaren.
Im Osten hingegen wurde die Natur wegen
ihrer Irrationalität nie als etwas zu
Eroberndes erachtet, sondern als etwas, dem
eine unendliche Tiefe innewohnt. Basho, der für den Osten typische Dichter,
hatte nicht nur eine ästhetische, sondern
auch eine ethische, ja religiöse Beziehung
zur Natur, jedoch nicht das geringste intellektuelle
Interesse an ihr."15
An dieser Stelle kann man aus Goethes intellektuellem Interesse an der Natur auf einen wesentlichen Unterschied zur japanischen bzw. fernöstlichen Naturanschauung hinweisen. Denn intellegere bedeutet im Lateinischen "zwischen den Zeilen lesen", und das Interesse, das aus dem Lateinischen inter esse, d.i. "dazwischen sein" kommt, ist nicht soziologischer Art wie das "Zwischensein" bei Watsujis klimatologischem Denken, sondern vielmehr kognitiver Art. Der an der Natur interessierte Abendländer befindet sich zwischen Subjekt und Objekt, die beide logoshaft sind, und liest in dem großen Buch der von Gott geschaffenen Natur. Dadurch ist die europäische Naturanschauung deutlich vertikal ausgerichtet, auch wenn sie die horizontale Weite nicht ausschließt. Dagegen zeigt die japanische bzw. fernöstliche Naturanschauung in agnostischer Haltung nur die horizontale Richtung, indem sie sich ausschließlich an die umgebende Natur oder an die menschliche Gesellschaft wendet. Wie vorhin erwähnt, beschränkt sich Kameis Goethe-Verständnis auf die eine Seite von dessen Natur- und Kunstanschauung, die auf das engste miteinander verbunden sind. Daß daran auch das ethische Element nicht fehlt, kommt z.B. in Goethes bekanntem Sonett zum Audruck, das als sein Bekenntnis zum klassischen Kunst- und Lebensideal schlechthin gilt:16
| Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen Und haben sich, eh' man es denkt, gefunden; Der Widerwille ist auch mir verschwunden, Und beide scheinen gleich mich anzuziehen. Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen! Und wenn wir erst in abgemeßnen Stunden Mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden, Mag frei Natur im Herzen wieder glühen. So ist's mit aller Bildung auch beschaffen: Vergebens werden ungebundne Geister Nach der Vollendung reiner Höhe streben. Wer Großes will, muß sich zusammenraffen; In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister, Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben. |
In diesem Sonett
finden sich, abgesehen von Natur und Kunst,
die schon generell besprochen worden sind,
tatsächlich noch Stichworte, die die
gebildeten Japaner wie Kamei Katsuichiro
unbedingt anziehen: Geist, Bildung, Vollendung,
Streben, Meister, Gesetz und Freiheit. Der
spezifisch japanische Geist kann wie bei
der sog. Japanischen Romantischen Schule
in der Kriegszeit leicht zum Nationalismus
ausarten. Aber eine Art Spiritualismus,
wie sie im Bushido vorliegt, gehört
trotz allem zur japanischen Tradition.17 Bildung und Vollendung gehören
ebenfalls unter dem Einfluß der Wilhelm Meisters Lehrjahre zum japanischen Lebensideal, und das faustische
Streben ist es, das heute noch die moderne
japanische Ideologie der Arbeit ausmacht.
Solange es sich nicht politisch auswirkt,
sondern künstlerisch oder wissenschaftlich
aktiviert wird, erweist es sich dann als
ein Streben nach Meisterschaft. Meister
in der Kunst gilt oft gleichzeitig als Meister
im Leben, weil beides sich vielfach zu einer
ästhetisch-ethischen Haltung der Lebenskunst
zusammenschließt, in der die Harmonie
von Gesetz und Freiheit verwirklicht wird,
wie Konfutse in seinen Gesprächen mit
den Jüngern sprach: "Mit siebzig
konnte ich meines Herzens Wünschen folgen,
ohne das Maß zu übertreten."18 Zur geistigen Entwicklung bis dahin
sagte er, er sei fünfzehn gewesen, und
sein Wille habe aufs Lernen gestanden, mit
dreißig habe er fest gestanden, mit
vierzig habe er keine Zweifel mehr gehabt,
mit fünfzig sei ihm das Gesetz des Himmels
kund gewesen, und mit sechzig wäre ein
Ohr aufgetan. Es ist das Bildungsideal,
das seit Jahrhunderten im Fernen Osten gegolten
hat. Sato Issai, ein konfuzianischer
Gelehrter in der Edo-Zeit, hinterließ
wohl im Anschluß daran den folgenden
Spruch:" Wenn man in der Jugend lernt,
leistet man im Mannesalter etwas; wenn man
im Mannesalter lernt, schwächt man sich
im Greisenalter nicht ab; wenn man im Greisenlater
lernt, stirbt man auch nach dem Tode nicht
aus." Darin zeigt sich deutlich
genug das faustische Bildungsstreben in altjapanischer
Form.
Zum Schluß
möchte ich noch auf meine eingangs aufgestellte
These, die Goethe-Rezeption in Japan stelle
einen japanischen Versuch dar, sich an die
europäische Kultur zu assimilieren,
zurückkommen. Es geht um eine
gewisse Analogie zur geistig-kulturellen
Assimilation der deutschen Juden von Rahel
Levin bis zu den Kölner Juden des Jahres
1932, deren Gemeinderabbiner Dr. Kober in
einer Sabbat-Predigt sagte: "Das Judentum
huldigt dem Manne, dessen höchster Ruhmestitel
war: 'Denn ich bin ein Mensch gewesen', dem
Dichter, der in seinem 'Faust' jenen sittlichen
Idealismus uns erschließt, der da lehrt,
festen Fuß zu fassen auf realem Boden
der Welt, das optimistische Glaubensbekenntnis
von dem endlichen Siege des 'Reiches Gottes
auf Erden'."19 Es ist in der Tat dieses echte und
hohe Menschentum Goethes, das seit der Meiji-Zeit
die zum großen Teil nichtchristlichen
Japaner anzog, zumal sie als die verspätete
Nation wie die Deutschen sich in der realen
Welt der Politik und Wirtschaft so schnell
wie möglich zu etablieren suchten.
Die Gründe
für jene jüdische Goethe-Verehrung
liegen einerseits im Prinzip Liberalismus
und Humanismus, deren Tendenz etwa in der
deutschsprachigen Prager Literatur der Jahrhundertwende
bemerkbar ist.20 Im einzelnen handelt es sich dabei
u.a. um "Goethe den Integrierenden für
die nach Emanzipation und seelischer Orientierung
suchende Sonderexistenz, ... die Ausrichtung
auf die anerkannte nationale Größe,
die besondere Hinwendung zu Faust und zum
Faustischen".21 Andererseits ist es der deutsche Nationalismus,
in dem Goethe vor allem seit Herman Grimm
immer mehr zum Nationaldichter heraufstilisiert
wurde, und an dem die assimilierten jüdischen
Bürger um der Symbiose willen regen
Anteil haben wollten. Es ist doch auffällig,
daß Ludwig Geiger noch vor der Gründung
der Goethe-Gesellschaft in Weimar 1880 das
Goethe-Jahrbuch herauszugeben begann und
es bis 1913 fortführte. Auch war
Eduard von Simson der erste Präsident
der Weimarer Goethe-Gesellschaft. Die
Goethe-Philologie begründete als erster
Michael Bernays mit seiner Textkritik des
Werther-Romans.22 Dann wurden die meisten Goethe-Biographien
von den Autoren jüdischer Herkunft wie
Albert Bielschowsky, Richard M. Meyer, Eduard
Engel, Friedrich Gundolf bis schließlich
Richard Friedenthal geschrieben. Außerdem
wurde Grimms Deutsches Wörterbuch von Salomon Hirzel in Verlag genommen, der
auch die große Materialsammlung Der junge Goethe zuerst in drei Bänden herausgegeben
hat.
Die ersten
japanischen Goethe-Verehrer kannten diese
Zusammenhänge sicherlich nicht. Aber
unbewußt sahen sie in der Goethe-Rezeption
wahrscheinlich die aussichtsreiche Möglichkeit,
Anschluß an die deutsche Kultur und
darüber hinaus an die europäische
Zivilisation zu finden. Denn Goethe
galt schon lange als der größte
Dichter Deutschlands und wurde außerdem
von den großen Geistern Europas weitgehend
hochgeschätzt. Man kann nicht
genug betonen, daß es das Europa im
Zeichen des allgemeinen Nationalismus im
19. Jahrhundert war, das Japan nach der Meiji-Restauration
unter dem Sammelbegriff des Westens kennengelernt
hat. Dieses Europa hatte die Aufklärung,
die Französische Revolution, die Industrialisierung
sowie den Materialismus nach dem Idealismus
durchgemacht und erwies sich durch die allgemeine
Säkulalisierung auf allen Gebieten des
Geisteslebens als sehr ambivalent. So
haben die Japaner denn auch das Christentum
beider Konfessionen, das trotz allem neben
der griechisch-römischen Antike die
Grundlage der europäischen Kultur ist,
meist durch Urteile seiner Gegner vermittelt
zur Kenntnis genommen. Auch haben sie
die Antike, durch die deutsche Klassik stark
beeinflußt mehr von der griechischen
als von der römischen Seite kennengelernt.
Daraus ergab sich ein liberales Europabild,
das der Geisteshaltung eines Goethe sehr
gut entsprach. Wenn die Japaner heute
noch diesen Dichter als Symbol deutscher
Kultur verehren, ist es hoffentlich nicht
wie bei den Kölner Juden des Jahres
1932 "das halb illusionäre, halb
verzweifelte Sich-Klammern an Goethe als
einen Garanten für den humanen Kern
des Deutschtums".23 Ich möchte nicht glauben, daß
die japanische Goethe-Verehrung illusionär
gewesen ist, ich möchte auch nicht behaupten,
daß die Japaner an Goethe aus Verzweifelung
festhalten. Aber zumindest ich bin, offen
gestanden, ein wenig Goethe-müde.
Anmerkungen
1) Vgl. Peter Dinzelbacher (Hrsg.): Europäische
Mentalitätsgeschichte. Stuttgart 1993.
2) Näheres vgl. Naoji Kimura: Jenseits
von Weimar. Goethes Weg zum Fernen Osten.
Bern 1997.
3) Näheres vgl. auch Iwao Tanaka: Katsuichiro
Kamei und Goethe. Ein Fall der Goethe-Rezeption
in Japan. In: Japanisches Goethe-Jahrbuch
40. Band. Tokyo 1998. S. 129-144.
4) Vgl. Keiko Hartwieg-Hiratsuka: Saigyo-Rezeption.
Das von Saigyo verkörperte Eremiten-Ideal
in der japanischen Literaturgeschichte. Europäische
Hochschulschriften. Frankfurt a.M. 1984.
5) Über den literarhistorischen Zusammenhang
vgl. Wolfgang Schamoni: Kitamura Tokoku.
Die frühen Jahre. Von der "Politik"
zur "Literatur". Wiesbaden 1983.
6) An Sulpiz Boisserée, 22.3.1831.
7) Vgl. J.C. Cooper: Was ist Taoismus? Der
Weg des Tao - eine Einführung in die
uralte Weisheitslehre Chinas. Bern 1993;
Raymond Smullyan: Das Tao ist Stille. Frankfurt
a.M. 1994.
8) Goethes Werke. Hamburger Ausgabe. Bd.
12, S. 367.
9) Goethes Werke. Hamburger Ausgabe. Bd.
13, S. 559.
10) Goethes Werke. Hamburger Ausgabe. Bd.
12, S. 343.
11) Watsuji Tetsuro: Fudo - Wind und Erde.
Übersetzt und eingeleitet von Dora Fischer-Barnicol
und Okochi Ryogi. Darmstadt 1992. S. XIX.
12) Ebd. S. XIII.
13) Es gibt darüber eine einschlägige
Fachliteratur, die hier nicht eigens angegeben
werden soll. Damit ist aber nicht Rudolf
Steiners theosophische oder anthroposophische
Goethe-Deutung gemeint, obwohl sein Kommentar
zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften
heute noch brauchbar ist.
14) Zitiert in: Grimms Deutsches Wörterbuch,
Bd. 28, Spalte 1575. .
15) Watsuji a.a.O., S. 179.
16) Goethes Werke. Hamburger Ausgabe. Bd.
1, S. 245.
17) Von einem bedeutenden japanischen Christen
der Meiji-Zeit stammt immerhin Inazo Nitobe:
Bushido. Die innere Kraft der Samurai. Mit
einer Einleitung von Rinaldo Massi und einem
Essay von Julius Evola. Interlaken 1985.
18) Kungfutse / Gespräche (Lun Yü),
verdeutscht und erläutert von Richard
Wilhelm. Düsseldorf-Köln 1955,
S. 42.
19) Zitiert bei Wilfried Barner: Jüdische
Goethe-Verehrung vor 1933. In: Stéphane
Moses / Albrecht Schöne (Hrsg.), Juden
in der deutschen Literatur. Ein deutsch-israelisches
Symposion. Suhrkamp taschenbuch 2063. Frankfurt
a.M. 1986. S. 127-151: hier S. 144.
20) Vgl. Eduard Goldstücker: Die Prager
deutsche Literatur als historisches Phänomen.
In: Weltfreunde. Konferenz über die
Prager deutsche Literatur 1965. Prag 1967,
S. 21-45: hier S. 29.
21) Näheres vgl. W. Barner a.a.O.
22) Vgl. Naoji Kimura: Die Anfänge der
Goethephilologie in Wien. In: Studien des
Instituts für die Kultur der deutschsprachigen
Länder, Nr. 16, Sophia-Universität.
Tokyo 1998, S. 46-64: hier S. 49.
23) W. Barner, S. 147.