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Goethe in der koreanischen Kultur
Goethe-Rezeption in sozio-kultureller Betrachtung


Prof. Kim Tschong-Dae, Seoul


I. Einführung


     Mit dem Thema versuche ich aus sozio-kultureller Sicht Goethe-Bilder des 20. Jahrhunderts in Korea chronolgisch aufzuzeigen.  Dabei erlaube ich mir, diese Bilder teilweise in Zusammenhang mit meinem eigenen Germanisten-Werdegang darzustellen.

     Nach Möglichkeit werde ich in meinem heutigen Vortrag vermeiden, dem ohnehin genügend gefeierten junoischen Goethe zusätzlich hagiographische oder kanonisierende Effekte aus Korea hinzuzufügen.  Trotzdem bin ich nicht sicher, ob mir der Versuch gelingen wird, da die kulturell reflektierten koreanischen Goethe-Bilder voll von Bewunderung da stehen und nicht mehr aus der Kulturlandschaft Koreas wegzudenken sind, obwohl Goethe recht eingeschränkt gelesen wurde.

     In Korea hat sich die Goethe-Wirkung seit ihrem Anfang langsam aber stetig vollzogen.  Wenn man hier schon Goethe parodiert: Goethe hat "gleich einem Stern ohne Hast aber ohne Rast" in Korea gewirkt.  Es gab im Prozess der Rezeption immer wieder Motivationen, sich für Goethe von neuem zu interessieren.  Dafür sind die Daten 1932, 1982 und 1999 von Bedeutung.

     1932 wurde aus Anlaß des 100. Todestages ein Sonderheft von der literarischen Zeitschrift Munye-Wolgan herausgegeben. Dabei läßt sich feststellen, daß fast alle Autoren der Beiträge dieses Sonderheftes in Japan studiert hatten.  Von 1910 bis 1945 befand sich Korea unter japanischer Kolonialherrschaft.  So wurde Goethe, bzw. deutsche Literatur über Japan nach Korea überliefert.

     Wie bekannt war Japan seit Ende des 19. Jahrhunderts recht eifrig darin, deutsche Zivilisation und Kultur aufzunehmen.  Dieses Eifer erstreckte sich weiter nach Korea.  Die Kolonialherrschaft baute sogar den Hauptbahnhof Seoul als symbolisches Haupttor zur Kolonie, nach dem Plan des Hauptbahnhofs Tokyo, welcher wiederum nach dem Plan des Magdeburger Hauptbahnhofs entstanden sein soll.  Tatsächlich läßt sich feststellen, daß die Werther-Lotte Wogen von Tokyo aus an die koreanische Küste hinüber rollten.  Nachzuweisen ist, daß Werther bereits in der ersten Phase seiner Rezeption einen raschen Zugang zu den koreanischen Intellektuellen fand.

     Soweit recherchiert tritt der Name Goethe in Korea seit 1907 spärlich in den Geschichtsbüchern entweder als phänomenale weltgeschichtliche Figur knapp erwähnt, oder als Verfasser moralpredigender Maximen bewertet, in Erscheinung.  Seit den 20er Jahren taucht Goethe immer häufiger hie und da in koreanischen Zeitungen und Zeitschriften als Autor von Faust und Werther auf.1

II. Goethe in den 20er und 30er Jahren

     1920 wurde Die Leiden des jungen Werthers in gekürzter Freiübersetzung publiziert, die wahrscheinlich nach der Vorlage einer japanischen Übersetzung erfolgte.

     Zwei Jahre danach reihte sich Goethe in der Zeitschrift Sincheonji in die Liste der größten 8 Dichter der Welt mit Shakespeare, Tolstoi, So Dongpa, Hugo, Ibsen, Zola, Byron ein.

     Ein Jahr danach druckte die Tageszeitung Maeil-Sinmun eine neue Werther-Übersetzung in 40 Fortsetzungen.  Am 16. August 1923, dem ersten Druck-Tag des Werthers schreibt der Übersetzer Hwa Baek einleitend wie folgt:

     "Ich habe mich ehrlich bemüht, mein bestes zu tun, um die Geschichte des mitleidenswürdigen Werther zusammenzutragen, und heute damit meine Leserschaft bekanntzumachen, wofür Sie mir wirklich danken sollen.  Ich bin überzeugt, daß Sie den Geist und Charakter des Werther bewundern und lieben werden.  Sie werden ebenfalls angesichts seines traurigen Schicksals in heiße Tränen ausbrechen.  Wenn einer von Ihnen von denselben Leiden ergriffen sein sollte, würde er durch Werthers trauriges Schicksal getröstet sein.  Falls Sie, meine lieben Leser, weder durch jenen noch durch diesen Fall betroffen sein sollten, möge diese kleine Sammlung von Werthers Geschichten Sie als ein Freund begleiten."2

     Die Tageszeitungen spielten damals als gewichtige Informationsquelle zur westlichen Kultur eine große Rolle.  Wenn man daran denkt, daß die damalige 4 seitige Zeitung länger als einen Monat für Werther reserviert war, läßt sich daraus schließen, daß Goethe für tägliche Zeitungsleser ein Begriff gewesen war, wie Helmut Kohl, der so lanage amtiert hat, oder der Fußballspieler Franz Beckenbauer in den Jahren, als die deutsche Fußballnationalmannschaft die Weltmeisterschaft errang.  Daran kann kaum Zweifel aufkommen, da ein Jahr vorher auch Hermann und Dorothea in 58 Fortsetzungen in der Tageszeitung Chosun-Ilbo gedruckt worden war.  In den 30er Jahren begann Goethes Name immer häufiger und geläufiger schriftlich erwähnt zu werden.  1931 erschien ein Beitrag zur literarischen Welt Goethes in der Zeitschrift Donggwang, wobei bemerkenswerterweise darauf hingewiesen wurde, daß im Wintersemester 1931/32 an der Universität Heidelberg eine Vorlesung von Professor Sickelt über Faust stattfinden würde.

     Und anläßlich des 100. Todesjahres von Goethe 1932 hatten die koreanischen Germanisten angefangen, sich mit Goethe mehr oder weniger wissenschaftlich zu beschäftigen.  Die wichtigen koreanischen Tageszeitungen Dong-A Ilbo, Chosun-Ilbo, sowie die monatliche Literaturzeitschrift Munye-Wolgan hatten untereinander wetteifernd Beiträge zu Goethe und Goethes Werken geliefert.  Die Monatsschrift Munye-Wolgan gab ein Sonderheft heraus, in dem unter anderem folgende Titel stehen:

1. Goethes Leben und Werke
2. Die Literatur-Kunst Goethes
3. Goethes Lyrik
4. Goethes Maximen und Xenien
5. Goethe und Ich (8 Personen)
6. Ausgewählte lyrische Gedichte Goethes
7. Lebenschroniken von Goethe

     Der Germanist Seo Hang-Seog, der an der Kaiserlichen Universität Tokyo studierte, schreibt in seinem Aufsatz: "... wenn man Goethes Gedichte chronologisch anordnet, scheinen sie nichts anders als seine Autobiographie selbst zu sein.  Goethe war fähig, seine schönen oder traurigen Erlebnisse meisterhaft auszudrücken und zu verklären, um sie in eine wunderschöne, literarische Welt zu verwandeln."3


     Unter den Autoren von "Goethe und ich" befinden sich Germanisten, Juristen, Anglisten und ein namhafter Schriftsteller.  Goethe galt also schon seit dem Beginn der Goethe-Rezeption nicht nur als eine germanistische Angelegenheit, sondern gehörte zur allgemeinen humanistischen Bildung der höheren Schicht der koreanischen Bevölkerung.  Die Tageszeitung Dong-A Ilbo druckte ebenfalls am 22. März 1932 zu Goethes Todestag Sonderbeiträge.  Unter dem Artikel "Goethe der Weise" schreibt darin Kim Jin-Seob, der ebenfalls an der Kaiserlichen Universität Tokyo Germanistik studierte : "Goethe ist weder ein Christus, noch ein Theoretiker, noch ein Sozialreformer.  Er war nicht mehr als ein Mensch, ein Stück Widerspruch.  Er erreichte aber den höchsten Gipfel der Weisheit, die die Menschen je erklimmen können."4

     In dem Sonderheft wurde im übrigen darauf hingewiesen, daß demnächst eine Gedächtnisfeier von einer Schriftstellergruppe abgehalten würde.

     Faust erschien zum ersten Mal 1920 als Teilübersetzung in der Zeitschrift Cheongnyon sowie in der Hyeondae.5

     1939 erschien nochmals eine Teilübersetzung von Faust in der Zeitschrift Sihak.  In dieser Einführung macht der Übersetzer die Leserschaft auf den besonderen Wert des Werkes mit folgenden Worten aufmerksam: "Wenn ein Goethe-Interessent 'Faust' nicht beachten sollte, gleicht das einem Zoologen, der anhand eines ausgestopften Tiers seine Forschung anstellt.  'Faust' ist also ein Stück Goldmine unter den tausend Mineralien im Bergbau."6

     Anschließend bemerkt er, daß er mit seiner eher untreuen freien, leichtverständlichen Übersetzung eine allgemeine, breite Verbreitung des Werkes bezweckt hätte.  So wurde die Übersetzung als die beste in den 30er Jahren hervorgehoben.7

     Als Goethes Faust 1913 in japanischer Sprache von Mori Ogai übersetzt vorlag, soll er "immenses Aufsehen" erregt haben.8  Daraus läßt sich wohl schließen, daß die japanische Übersetzung der koreanischen als beispielhafte Vorlage gedient haben muß.

III. Goethe inmitten des Korea-Krieges

     Nach dem Ausbruch des 2. Weltkrieges verstummte Goethe beinah total über die Nachkriegszeit hinaus bis Anfang der 50er Jahre.

     Ich habe in meiner Gymnasialzeit 1952 Goethe kennengelernt.  In dieser Zeit tobte in Korea der Bürgerkrieg.  Nachdem wir unser Schulgebäude militärischen Zwecken überlassen hatten, fand der Schulunterricht im freien statt.  In der Deutschstunde hatten wir vor allem Goethe-Gedichte wie Heidenröslein und Mignonslieder kennengelernt.  Es war so fröhlich und lustig draußen im freien halslaut die Gedichte zu rezitieren oder sogar nach der Melodie zu singen.

     Auch in der Schulzeit hatte ich eines Tages in meiner Klasse ein Bändchen Werther-Übersetzung von einem Schulfreund ausgehändigt bekommen. In der dürftigen Kriegszeit war es gerade Mode unter den Schulkameraden die Lektüre tauschweise kursieren zu lassen.  Das Büchlein war unter uns sehr beliebt.  Niemand durfte es länger als einen Tag für sich behalten, da die Warteliste der Lesekandidaten recht lang war.  Sobald einer ein Buch in die Hand bekam, riskierte man oft, während der Unterrichtsstunde heimlich mit der Lektüre anzufangen, und wurde oft vom Lehrer erwischt.

     Die Leiden des jungen Werthers schienen nicht anders als die Leiden des jungen koreanischen Schülers.  In der traditionell konfuzianistisch disziplinierten Gesellschaft waren die Sitten so streng, daß ein koreanischer Schüler nicht einmal eine Schülerin ohne Schamgefühl, bzw. Schuldgefühl ansprechen mochte.  Daher glich Werther für uns Schüler einem Emotionsaufwiegler.  Die schöne, und liebenswürdige Figur Charlotte kam den Schülern als eine Erlösung vor.  Jeder hätte gern Charlotte innerlich für sich als seine liebe Freundin in Anspruch genommen.  Charlotte war durchaus in der Lage, auch in Korea Goethe zum ruhmhaften Dichter zu machen.

     Diese Charlotte hatte möglicherweise manche Schüler motiviert, zum Studium nach Deutschland zu fahren.  Nach dem Lande von Charlotte und Werther, dahin wollten manche koreanische Studenten zum Studium ziehen.

     Mit mir war es auch nicht anders.  Ich ging nach Deutschland, mich im Sinne von Goethe zu bilden.  Die Wahl der Universität Heidelberg als meine deutsche Alma mater war nicht schwierig zu treffen, da einst Heidelberg, Goethe und Beethoven kulturelles Wahrzeichen Deutschlands waren.

     Meine Freunde wünschten mir kurz vor meinem Abflug nach Deutschland beim Abschied, in naher Zukunft als großer Goethekenner heimzukehren.

     Tatsächlich war damals die Lage der deutschen Literatur in Korea nicht viel anders, als wie ich aus Dichtung und Wahrheit wie folgt zu parodieren habe: Als ich 18 war, war Goethe in Korea auch erst 18, da ließ sich noch etwas machen ...  Die Germanistik war noch eine reine Tafel in Korea, auf die ich mit Lust viel Gutes zu malen hoffte.

IV. Goethe in den 80er und 90er Jahren

     Die Koreanische Goethe-Gesellschaft wurde anläßlich des 150. Todestages von Goethe 1982 in Seoul gegründet.  Zu der Zeit herrschte in Korea eine militärische Diktatur.  Das war für koreanische Intellektuellen keine günstige Zeit, sich für Goethes Literatur zu interessieren.  Angesichts der heftigen, politischen Auseinandersetzungen in Korea schien Goethe als Repräsentant der deutschen Literatur vorläufig an Bedeutung zu verlieren.  Die politisch engagierten Schriftsteller wie Brecht, Böll und ähnliche Schriftsteller traten immer mehr in den Vordergrund.

      Trotzdem wurden während dieser Periode eine große Anzahl der Aufsätze über Goethes Werke, vor allem über Faust publiziert.

     Nach der Statistik über die Anzahl der germanistischen Aufsätze, die in dem Zeitraum von 1945 bis 1986 geschrieben wurden, dominieren die 76 Faust-Aufsätze auffallend. Sie machen ca. 30% aller germanistischen Arbeiten aus.9

     Eine Gruppe der Koreanischen Goethe-Gesellschaft beschäftigt sich seit Jahren gemeinsam mit einem Projekt, Goethes Werke nach der Hamburger Ausgabe zuverlässig und vollständig zu übersetzen.

     Wenn man hier den Blick auf die Geschichte der Goethe-Rezeption in Korea zurückwirft, dauerte es nicht allzu lange, um Goethe in der koreanischen Kultur bekannt zu machen.

     Goethe bemerkt in den Venetianischen Epigrammen die chinesische Rezeption seines Briefromans Die Leiden des jungen Werthers mit Skepsis und begatellisiert sie zu erbärmlichem Kitsch.  Er schreibt wie folgt:
Deutschland ahmte mich nach, und Frankreich mochte mich lesen.
England! freundlich empfingst du den zerrütteten Gast.
Doch was fördert es mich, daß auch sogar der Chinese
Malet, mit ängstlicher Hand, Werthern und Lotten auf Glas?10

     Wenn Goethe heute aus Italien seine Reise nach Ostasien ausdehnen würde, würde er wohl die hiesige Lage der Germanistik etwas anders bewerten.

     Die Koreanische Goethe-Gesellschaft veranstaltete anläßlich des 250. Geburtstages 1999 in Zusammenarbeit mit dem Seoul Arts Center und dem Goethe-Institut Seoul ein 17tägiges Goethe-Festival.

     Das Festival bestand aus einem recht bunten Programm, wie einem Symposium, Leseabend, Liederabend und Theateraufführungen.

     Allerdings habe ich, einer der Mitveranstalter, mit gewisser Sorge dem Festival entgegengesehen, ob genügend Zuschauer und Teilnehmer in die recht großen Veranstaltungsräume kommen würden.  Das Festival verlief unerwartet erfolgreich, in den letzten Tagen war das Theater ausverkauft.

     Goethe zählt in Korea zu den physiognomisch wohlbekannten Persönlichkeiten der Weltliteratur, nachdem er an seinem 250. Geburtsjahr durch verschiedene Massenmedien mit dem Gemälde von Tischbein und Stieler vor die Augen der Bürger gerückt wurde.

      Auch erwähnenswert, daß in Korea in diesem August die Briefmarken zum Gedächtnis an Goethe herausgebracht wurden.  Ein Mitglied der Koreanischen Goethe-Gesellschaft, zugleich Goethe-Philaterist hat sich dafür eingesetzt diese Goethe-Sondermarke herauszubringen.  Nebenbei bemerkt, wurde in Nordkorea bereits 1982 aus Anlaß des 150. Geburtstags eine Goethe-Briefmarke herausgebracht.

     Außerdem wurde anläßlich des Goethe-Festivals im März 1999 eine Anzahl von Telefonkarten unverkäuflich herausgebracht, auf der das wohlbekannte Goethe-Gemälde von Tischbein abgebildet ist.

     Und noch zu erwähnen ist, daß im März 1999 aus Anlaß des 250. Geburtsjahres an der Hankuk-Universität ein Denkmal aufgestellt wurde, auf dem das Goethe-Gedicht Gingo Biloba jeweils in koreanischer und deutscher Sprache steht.

     Anläßlich des Goethe-Festivals konnte man in fast allen wichtigen Zeitungen Artikel über Goethe lesen.  Erstaunlich zu erfahren, daß die meisten koreanischen Massenmedien angesichts des Festivals wohlwollende Artikel veröffentlichten.  Das ist als ein Zeichen zu verstehen, daß das Interesse an Goethe in Korea auf recht breiter Basis vorhanden sein muß.

     So scheint der Eindruck geweckt zu werden, daß anhand einer "Wünschelrute" von Eichendorff die Goethe-Lieder zu jeder Zeit ins Leben gerufen werden.

     Hier parodiere ich in Anlehnung an Eichendorff, wie es in Korea gegenwärtig mit Goethe aussieht:

Schläft ein Goethe-Lied in allen Winkeln Koreas,
Die da träumen seit Anfang diesen Jahrhunderts,
Und Seoul hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.

     Wenn man in Korea fragte, "Spieglein, Spieglein, wer ist der schönste und am meisten bekannte Dichter der Welt?", so würde das wahrscheinlich antworten.  "Goethe".  Goethe ist mit Deutschland so eng verbunden, daß die meisten gebildeten koreanischen Bürger Goethe dem Namen nach kennen.  Es mag aber auch Leute geben, die Goethe als Ministerpräsident der Weimarer Republik verkennen.  Jedenfalls besteht in Korea eine namhafte Basis für Goethe.  So ist es kein Wunder, daß die Übersetzung von Goethes Italienischer Reise 1997 zum Bestseller wurde.  Der dickleibige bibliophile Übersetzungsband wurde von einem kleinen neulich gegründeten Verlag herausgebracht.  Der Hardcover des Buches ist mit dem Tischbeins Goethe-Bild im klassischen Ton dezent verziert.

     Trotz des hohen Preises des Buches und trotz der augenblicklichen Wirtschaftskrise in Korea wurden innerhalb von einem Jahr mehr als 50.000 Exemplare der Übersetzung auf dem Buchmarkt abgesetzt.

     Außerdem ist erwähnenswert, daß eine kleine Firma durch den werbeffektiven Namen "Lotte" innerhalb von 3 Jahrzehnten in Korea zu einem erfolgreichen Großkonzern gewachsen ist.  Der Konzernchef Shin Gyuk-Ho, der 1942 als armer Junge nach Japan auswanderte, gründete 1948 in Tokyo, nachdem er durch die Produktion von Kaugummi zu Reichtum gekommen war, eine Aktiengesellslchaft mit einer Kapitaleinlage von 1 Million Yen.  Er soll sich lange überlegt haben, auf welchen Namen er seine Aktiengesellschaft taufen sollte, um Kunden auf lange Zeit anzulocken.  Dabei kam er auf die Romanfigur Charlotte von Goethes Werther.  Er soll den Briefroman in seinen jungen Jahren mit größter Begeisterung gelesen haben.  Seine Begründung für die Wahl des Namens 'Lotte' war, daß er diese für eine Idealfigur hielt, die wegen ihrer Schönheit und ihres makellosen Charakters von allen geliebt werden könne.  Er bemerkte auch, daß der Name freundlich klinge und eine gewisse Nähe ausdrücke, einfach zu behalten sei und sich unvergeßlich dem Gedächtnis einpräge.11  Er erinnerte sich später, daß seine Idee, dem Geschäft den Namen Lotte gegeben zu haben, seine allerbeste und eine geradezu geniale gewesen sei und, daß sie seinem Geschäft die größten Ernten eingebracht hätte.  In den 70er Jahren baute die Firma unter dem Namen Lotte ein exklusives Hotel in Seoul, das damals den wirtschaftlichen Aufstieg Koreas symbolisierte.  Der Namensgeber zählt heute zu den erfolgreichsten Geschäftsleuten in Asien.  Er ist ein Werther-Fan gewesen, genauso wie es der legendäre Korse war, der sogar auf dem Feldzug nach Ägypten Die Leiden des jungen Werthers las.

     Die heute in Deutschland aufgeworfene Frage, ob angesichts der "veränderten Bedürfnisse der Gegenwart" von Goethe überhaupt noch etwas zu lernen sei,12 kann gerade deswegen in der gegenwärtigen koreanischen Gesellschaft mit 'ja' beantwortet werden.

     Angesichts der augenblicklichen Lage scheint in Korea die Klassik an etwas mehr Bedeutung zu gewinnen, somit Goethe mehr gefragt zu sein als sonst.

     Erst nach der Stabilisierung der politischen Lage 1993 scheint es, daß man sich zunehmend wieder für Goethe interessiert.  D.h. die Koreaner befinden sich seit den 90er Jahren, trotz der Nord-Süd-Konfrontation, politisch in einer relativ stabilen Lage, wie Deutschland zu Goethes Zeit vor der Französischen Revolution.  Hierin liegt vielleicht der Grund, warum Goethe gerade heute die Chance hat, seine alte wohlbewährte Position in Korea weiterhin zu verstärken.

     Goethe kann für heutige Koreaner als Alternative für die Neuhumanisierung im enthumanisierten Zeitalter gelten.  Zeitbewußte Koreaner können etwa, nach Max Weber, statt mechanistischer Versteinerung animalische Humanisierung bei Goethe suchen und finden.

     Goethe wird als der prominenteste Repräsentant der spezifisch bürgerlichen Kultur angesehen.  Die Koreaner können mit ihm ihren Nachholbedarf an humanistischer Bildung befriedigen.

     Goethes Dichtung ist sprachlich verständlich, stilistisch schön und wohlklingend, ohne Schärfe aber ausgewogen und harmonisch, für gestreßte Menschen eine wohltuende, erholsame "Salve", die gerade von Koreanern genossen werden sollte, um im nächsten Millennium zu gebildeten Weltbürgern zu werden.

     Goethe ist attraktiv genug, in einer kultivierten, freidenkerischen Gesellschaft als fakultativer Religionsersatz eine Rolle spielen zu können.

     Die den gesamten Globus umfassende humanistische Idee Goethes bringt die durch rapiden Sozialwandel entfremdeten Bürger zusammen.

     Goethes Werke sind unisexueller Natur, für jedes Geschlecht von Beduetung, sie sind für jedes Alter lesbar, und sie besitzen kaum deutschtümelnde Elemente, sind gleich einem Urei kosmopolitisches Gemeingut der Menschheit.

     Martin Walser sieht keinen Anlaß mehr gegen Goethes Gleichgewichtskunst zu protestieren.  Walser hebt bei der Auseinandersetzung zwischen ihm und Ignatz Bubis mit Recht hervor, daß der deutsche Idealismus und sein Hang zum Bekenntnis "immer noch vom Rest der Welt trennt."13

     In Seoul findet fast seit einem Dezennium eine monatliche Lesung statt, in der von einer Anzahl von Germanisten im kleinen Kreis Goethe gelesen wird.  Gegenwärtig steht der West-östlicher Divan auf dem Programm.  Nach den Lesungen sitzt man bei Speis und Trank zwanglos und gesellig zusammen, um der Sitte der Goethe-Zeit in Weimar nachzugehen.

     Inmitten des Dickichts von Hochhäusern in Seoul sucht der Kreis dem deutschen Idealismus anhänglich eine ökologische Nische und hat da einen erträglicheren Lebensspielraum gefunden.  Oder, wenn ich hier Martin Walser nochmals zitieren darf, möchte sich der Kreis "vom Rest der Welt trennen".

     Goethe wird mit seinem Gingo Biloba weiterhin in Seoul salonfähig bleiben.

Anmerkungen

1)  Kim Hak-Dong, Die Aufnahme der Goetheschen Literatur und ihr Einfluß, in: Koreanisch-Deutsche Literaturbeziehung, hrsg. von Yoo-Yung Lee, Seoul 1976, S. 133.

2)  Zit. nach: Kim Hak-Dong, Ebenda, S. 150.

3)  Zit. nach: Kim Hak-Dong, Ebenda, S. 166.

4)  Zit. nach: Kim Hak-Dong, Ebenda, S. 171.

5)  Kim Hak-Dong, Ebenda, S. 143.

6)  Zit. nach: Kim Hak-Dong, Ebenda, S. 181.

7)  Vgl. Kim Hak-Dong, Ebenda, S. 181.

8)  Takahashi Yoshito in seinem Vortrag auf der Goethe-Tagung in Weimar, Mai 1999.

9)  Lee Choong-Sup, Bibliographie der koreanischen Germanistik, Seoul 1987, S. 203ff.

10)  Goethe, Werke, Hamburger Ausgabe, Bd. 1, Hamburg 1969, S. 179.

11)  Die zwanzigjährige Geschichte der Konditorei Lotte, 1968.

12)  Literaturmagazin 2. Von Goethe lernen? Fragen der Klassikrezeption, hrsg. von Hans Christoph Buch, Reinbek 1974, S.7.

13)  Spiegel, Nr. 53 / 28.12.1998, S.51.




     

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