Goethe in der koreanischen Kultur
Goethe-Rezeption in sozio-kultureller Betrachtung
Prof. Kim Tschong-Dae, Seoul
I. Einführung
II. Goethe in den 20er und 30er Jahren
1920 wurde Die Leiden des jungen Werthers in gekürzter Freiübersetzung publiziert, die wahrscheinlich nach der Vorlage einer japanischen Übersetzung erfolgte.| 1. Goethes Leben und Werke 2. Die Literatur-Kunst Goethes 3. Goethes Lyrik 4. Goethes Maximen und Xenien 5. Goethe und Ich (8 Personen) 6. Ausgewählte lyrische Gedichte Goethes 7. Lebenschroniken von Goethe |
Der Germanist Seo Hang-Seog, der an der Kaiserlichen
Universität Tokyo studierte, schreibt
in seinem Aufsatz: "... wenn man Goethes Gedichte chronologisch
anordnet, scheinen sie nichts anders als
seine Autobiographie selbst zu sein. Goethe
war fähig, seine schönen oder traurigen
Erlebnisse meisterhaft auszudrücken
und zu verklären, um sie in eine wunderschöne,
literarische Welt zu verwandeln."3
Unter den Autoren von "Goethe und ich" befinden sich Germanisten, Juristen,
Anglisten und ein namhafter Schriftsteller.
Goethe galt also schon seit dem Beginn der
Goethe-Rezeption nicht nur als eine germanistische
Angelegenheit, sondern gehörte zur allgemeinen
humanistischen Bildung der höheren Schicht
der koreanischen Bevölkerung. Die
Tageszeitung Dong-A Ilbo druckte ebenfalls
am 22. März 1932 zu Goethes Todestag
Sonderbeiträge. Unter dem Artikel
"Goethe der Weise" schreibt darin Kim Jin-Seob, der ebenfalls
an der Kaiserlichen Universität Tokyo
Germanistik studierte : "Goethe ist
weder ein Christus, noch ein Theoretiker,
noch ein Sozialreformer. Er war nicht
mehr als ein Mensch, ein Stück Widerspruch.
Er erreichte aber den höchsten
Gipfel der Weisheit, die die Menschen je
erklimmen können."4
In dem Sonderheft wurde im übrigen darauf
hingewiesen, daß demnächst eine
Gedächtnisfeier von einer Schriftstellergruppe
abgehalten würde.
Faust erschien zum ersten Mal 1920 als Teilübersetzung
in der Zeitschrift Cheongnyon sowie in der
Hyeondae.5
1939 erschien nochmals eine Teilübersetzung
von Faust in der Zeitschrift Sihak. In dieser
Einführung macht der Übersetzer
die Leserschaft auf den besonderen Wert des
Werkes mit folgenden Worten aufmerksam:
"Wenn ein Goethe-Interessent 'Faust'
nicht beachten sollte, gleicht das einem
Zoologen, der anhand eines ausgestopften
Tiers seine Forschung anstellt. 'Faust' ist also ein Stück Goldmine
unter den tausend Mineralien im Bergbau."6
Anschließend bemerkt er, daß
er mit seiner eher untreuen freien, leichtverständlichen
Übersetzung eine allgemeine, breite
Verbreitung des Werkes bezweckt hätte.
So wurde die Übersetzung als die
beste in den 30er Jahren hervorgehoben.7
Als Goethes Faust 1913 in japanischer Sprache
von Mori Ogai übersetzt vorlag, soll
er "immenses Aufsehen" erregt haben.8 Daraus läßt sich wohl schließen,
daß die japanische Übersetzung
der koreanischen als beispielhafte Vorlage
gedient haben muß.
III. Goethe inmitten des Korea-Krieges
Nach dem Ausbruch des 2. Weltkrieges verstummte Goethe beinah total über die Nachkriegszeit hinaus bis Anfang der 50er Jahre.IV. Goethe in den 80er und 90er Jahren
Die Koreanische Goethe-Gesellschaft wurde anläßlich des 150. Todestages von Goethe 1982 in Seoul gegründet. Zu der Zeit herrschte in Korea eine militärische Diktatur. Das war für koreanische Intellektuellen keine günstige Zeit, sich für Goethes Literatur zu interessieren. Angesichts der heftigen, politischen Auseinandersetzungen in Korea schien Goethe als Repräsentant der deutschen Literatur vorläufig an Bedeutung zu verlieren. Die politisch engagierten Schriftsteller wie Brecht, Böll und ähnliche Schriftsteller traten immer mehr in den Vordergrund.| Deutschland ahmte mich nach, und Frankreich mochte mich lesen. | ||
| England! freundlich empfingst du den zerrütteten Gast. | ||
| Doch was fördert es mich, daß auch sogar der Chinese | ||
| Malet, mit ängstlicher Hand, Werthern und Lotten auf Glas?10 | ||
Wenn Goethe heute aus Italien seine Reise
nach Ostasien ausdehnen würde, würde
er wohl die hiesige Lage der Germanistik
etwas anders bewerten.
Die Koreanische Goethe-Gesellschaft veranstaltete
anläßlich des 250. Geburtstages
1999 in Zusammenarbeit mit dem Seoul Arts
Center und dem Goethe-Institut Seoul ein
17tägiges Goethe-Festival.
Das Festival bestand aus einem recht bunten
Programm, wie einem Symposium, Leseabend,
Liederabend und Theateraufführungen.
Allerdings habe ich, einer der Mitveranstalter,
mit gewisser Sorge dem Festival entgegengesehen,
ob genügend Zuschauer und Teilnehmer
in die recht großen Veranstaltungsräume
kommen würden. Das Festival verlief
unerwartet erfolgreich, in den letzten Tagen
war das Theater ausverkauft.
Goethe zählt in Korea zu den physiognomisch
wohlbekannten Persönlichkeiten der Weltliteratur,
nachdem er an seinem 250. Geburtsjahr durch
verschiedene Massenmedien mit dem Gemälde
von Tischbein und Stieler vor die Augen der
Bürger gerückt wurde.
Auch erwähnenswert, daß in Korea
in diesem August die Briefmarken zum Gedächtnis
an Goethe herausgebracht wurden. Ein
Mitglied der Koreanischen Goethe-Gesellschaft,
zugleich Goethe-Philaterist hat sich dafür
eingesetzt diese Goethe-Sondermarke herauszubringen.
Nebenbei bemerkt, wurde in Nordkorea
bereits 1982 aus Anlaß des 150. Geburtstags
eine Goethe-Briefmarke herausgebracht.
Außerdem wurde anläßlich
des Goethe-Festivals im März 1999 eine
Anzahl von Telefonkarten unverkäuflich
herausgebracht, auf der das wohlbekannte
Goethe-Gemälde von Tischbein abgebildet
ist.
Und noch zu erwähnen ist, daß
im März 1999 aus Anlaß des 250.
Geburtsjahres an der Hankuk-Universität
ein Denkmal aufgestellt wurde, auf dem das
Goethe-Gedicht Gingo Biloba jeweils in koreanischer und deutscher Sprache
steht.
Anläßlich des Goethe-Festivals
konnte man in fast allen wichtigen Zeitungen
Artikel über Goethe lesen. Erstaunlich
zu erfahren, daß die meisten koreanischen
Massenmedien angesichts des Festivals wohlwollende
Artikel veröffentlichten. Das
ist als ein Zeichen zu verstehen, daß
das Interesse an Goethe in Korea auf recht
breiter Basis vorhanden sein muß.
So scheint der Eindruck geweckt zu werden,
daß anhand einer "Wünschelrute"
von Eichendorff die Goethe-Lieder zu jeder
Zeit ins Leben gerufen werden.
Hier parodiere ich in Anlehnung an Eichendorff,
wie es in Korea gegenwärtig mit Goethe
aussieht:
| Schläft ein Goethe-Lied in allen Winkeln
Koreas, Die da träumen seit Anfang diesen Jahrhunderts, Und Seoul hebt an zu singen, Triffst du nur das Zauberwort. |
Wenn man in Korea fragte, "Spieglein,
Spieglein, wer ist der schönste und
am meisten bekannte Dichter der Welt?",
so würde das wahrscheinlich antworten.
"Goethe". Goethe ist
mit Deutschland so eng verbunden, daß
die meisten gebildeten koreanischen Bürger
Goethe dem Namen nach kennen. Es mag
aber auch Leute geben, die Goethe als Ministerpräsident
der Weimarer Republik verkennen. Jedenfalls
besteht in Korea eine namhafte Basis für
Goethe. So ist es kein Wunder, daß
die Übersetzung von Goethes Italienischer Reise 1997 zum Bestseller wurde. Der dickleibige
bibliophile Übersetzungsband wurde von
einem kleinen neulich gegründeten Verlag
herausgebracht. Der Hardcover des Buches
ist mit dem Tischbeins Goethe-Bild im klassischen
Ton dezent verziert.
Trotz des hohen Preises des Buches und trotz
der augenblicklichen Wirtschaftskrise in
Korea wurden innerhalb von einem Jahr mehr
als 50.000 Exemplare der Übersetzung
auf dem Buchmarkt abgesetzt.
Außerdem ist erwähnenswert, daß
eine kleine Firma durch den werbeffektiven
Namen "Lotte" innerhalb von 3 Jahrzehnten
in Korea zu einem erfolgreichen Großkonzern
gewachsen ist. Der Konzernchef Shin
Gyuk-Ho, der 1942 als armer Junge nach Japan
auswanderte, gründete 1948 in Tokyo,
nachdem er durch die Produktion von Kaugummi
zu Reichtum gekommen war, eine Aktiengesellslchaft
mit einer Kapitaleinlage von 1 Million Yen.
Er soll sich lange überlegt haben,
auf welchen Namen er seine Aktiengesellschaft
taufen sollte, um Kunden auf lange Zeit anzulocken.
Dabei kam er auf die Romanfigur Charlotte
von Goethes Werther. Er soll den Briefroman in seinen
jungen Jahren mit größter Begeisterung
gelesen haben. Seine Begründung
für die Wahl des Namens 'Lotte' war,
daß er diese für eine Idealfigur
hielt, die wegen ihrer Schönheit und
ihres makellosen Charakters von allen geliebt
werden könne. Er bemerkte auch,
daß der Name freundlich klinge und
eine gewisse Nähe ausdrücke, einfach
zu behalten sei und sich unvergeßlich
dem Gedächtnis einpräge.11 Er erinnerte sich später, daß
seine Idee, dem Geschäft den Namen Lotte
gegeben zu haben, seine allerbeste und eine
geradezu geniale gewesen sei und, daß
sie seinem Geschäft die größten
Ernten eingebracht hätte. In den
70er Jahren baute die Firma unter dem Namen
Lotte ein exklusives Hotel in Seoul, das
damals den wirtschaftlichen Aufstieg Koreas
symbolisierte. Der Namensgeber zählt
heute zu den erfolgreichsten Geschäftsleuten
in Asien. Er ist ein Werther-Fan gewesen,
genauso wie es der legendäre Korse war,
der sogar auf dem Feldzug nach Ägypten
Die Leiden des jungen Werthers las.
Die heute in Deutschland aufgeworfene Frage,
ob angesichts der "veränderten
Bedürfnisse der Gegenwart" von
Goethe überhaupt noch etwas zu lernen
sei,12 kann gerade deswegen in der gegenwärtigen
koreanischen Gesellschaft mit 'ja' beantwortet
werden.
Angesichts der augenblicklichen Lage scheint
in Korea die Klassik an etwas mehr Bedeutung
zu gewinnen, somit Goethe mehr gefragt zu
sein als sonst.
Erst nach der Stabilisierung der politischen
Lage 1993 scheint es, daß man sich
zunehmend wieder für Goethe interessiert.
D.h. die Koreaner befinden sich seit
den 90er Jahren, trotz der Nord-Süd-Konfrontation,
politisch in einer relativ stabilen Lage,
wie Deutschland zu Goethes Zeit vor der Französischen
Revolution. Hierin liegt vielleicht
der Grund, warum Goethe gerade heute die
Chance hat, seine alte wohlbewährte
Position in Korea weiterhin zu verstärken.
Goethe kann für heutige Koreaner als
Alternative für die Neuhumanisierung
im enthumanisierten Zeitalter gelten.
Zeitbewußte Koreaner können etwa,
nach Max Weber, statt mechanistischer Versteinerung
animalische Humanisierung bei Goethe suchen
und finden.
Goethe wird als der prominenteste Repräsentant
der spezifisch bürgerlichen Kultur angesehen.
Die Koreaner können mit ihm ihren Nachholbedarf
an humanistischer Bildung befriedigen.
Goethes Dichtung ist sprachlich verständlich,
stilistisch schön und wohlklingend,
ohne Schärfe aber ausgewogen und harmonisch,
für gestreßte Menschen eine wohltuende,
erholsame "Salve", die gerade von
Koreanern genossen werden sollte, um im nächsten
Millennium zu gebildeten Weltbürgern
zu werden.
Goethe ist attraktiv genug, in einer kultivierten,
freidenkerischen Gesellschaft als fakultativer
Religionsersatz eine Rolle spielen zu können.
Die den gesamten Globus umfassende humanistische
Idee Goethes bringt die durch rapiden Sozialwandel
entfremdeten Bürger zusammen.
Goethes Werke sind unisexueller Natur, für
jedes Geschlecht von Beduetung, sie sind
für jedes Alter lesbar, und sie besitzen
kaum deutschtümelnde Elemente, sind
gleich einem Urei kosmopolitisches Gemeingut der Menschheit.
Martin Walser sieht keinen Anlaß mehr
gegen Goethes Gleichgewichtskunst zu protestieren.
Walser hebt bei der Auseinandersetzung
zwischen ihm und Ignatz Bubis mit Recht hervor,
daß der deutsche Idealismus und sein
Hang zum Bekenntnis "immer noch vom
Rest der Welt trennt."13
In Seoul findet fast seit einem Dezennium
eine monatliche Lesung statt, in der von
einer Anzahl von Germanisten im kleinen Kreis
Goethe gelesen wird. Gegenwärtig
steht der West-östlicher Divan auf dem Programm. Nach den Lesungen
sitzt man bei Speis und Trank zwanglos und
gesellig zusammen, um der Sitte der Goethe-Zeit
in Weimar nachzugehen.
Inmitten des Dickichts von Hochhäusern
in Seoul sucht der Kreis dem deutschen Idealismus
anhänglich eine ökologische Nische
und hat da einen erträglicheren Lebensspielraum
gefunden. Oder, wenn ich hier Martin
Walser nochmals zitieren darf, möchte
sich der Kreis "vom Rest der Welt trennen".
Goethe wird mit seinem Gingo Biloba weiterhin in Seoul salonfähig bleiben.
Anmerkungen
1) Kim Hak-Dong, Die Aufnahme der Goetheschen Literatur und ihr Einfluß, in: Koreanisch-Deutsche Literaturbeziehung, hrsg. von Yoo-Yung Lee, Seoul 1976, S. 133.