Goethe und Amerika
Prof. Walter Hinderer, Princeton
I
Ein paar Monate
vor der Unabhängigkeitserklärung
der Vereinigten Staaten von Amerika schrieb
der bereits im Dienste des herzoglichen Hofes
zu Weimar stehende berühmte Verfasser
des Werther an Lavater (6. März l776): "Ich
bin nun eingeschifft auf der Woge der Welt
- voll entschlossen: zu entdecken, gewinnen,
streiten, scheitern, oder mich mit aller
Ladung in die Luft zu sprengen".
Sprach man in Philadelphia von absoluter
Volkssouveränität, so regierte
im kleinen Weimar ein aufgeklärter Absolutismus,
der Goethe wenig gestört zu haben scheint.
Wir wissen: er war kein Freund gewaltsamer
Veränderungen und hielt es selbst mit
Napoleon, als eine solche Haltung unpopulär
geworden war. Auf der anderen Seite
läßt er seinen Wilhelm in der
Theatralischen Sendung (V, 13) verkünden: "Gewiß,
unter Guten ist die republikanische Form
die beste und einzige". In Wilhelm Meisters Lehrjahren kehrt Lothario aus Amerika mit dem festen
Vorsatz in seine Heimat zurück: "Hier
oder nirgends ist Amerika". Jedoch
macht er dort die ebenso bezeichnende wie
frustrierende Erfahrung, daß er zu
Hause nicht so tätig ist wie er es in
der Fremde war, und er kommt zu dem einschränkenden
Urteil: "Ein verständiger Mensch
ist viel für sich, aber fürs Ganze
ist er wenig". Mit anderen Worten:
Es ist "ein Hauptfehler gebildeter Menschen,
daß sie alles an eine Idee, wenig oder
nichts an einen Gegenstand wenden mögen".
Obwohl die
Dichotomie zwischen alter und neuer Welt
auch in den Wanderjahren auftaucht, ist sie ganz anders gewichtet:
Amerika wird jetzt von den Romanfiguren als
Ausweg aus der europäischen Misere verstanden.
Im dritten Buch (3. Kapitel) begründet
Wilhelm die Motive der Auswanderer folgendermaßen:
"Ein Vorhaben wie das ausgesprochene
kann vielleicht nur in einer neuen Welt durchgeführt
werden, wo der Geist Muth fassen muß
zu einem unerläßlichen Bedürfniß
neue Mittel auszuforschen, weil es an den
herkömmlichen durchaus ermangelt.
Da regt sich Erfindung, da gesellt sich die
Kühnheit, die Beharrlichkeit der Notwendigkeit
hinzu". Man sieht hier deutlich,
wie das Thema Amerika gerade auch im Zusammenhang
der Turmgesellschaft in den Vordergrund rückt.
Die Wanderer werden aus ökonomischen,
sozialen, politischen und selbst naturwissenschaftlichen
Gründen zu Auswanderern. "In
der alten Welt ist alles Schlendrian",
heißt es im Roman, "wo man das
Neue immer auf die alte, das Wachsende nach
starrer Weise behandeln will. Dieser
Conflict ... zwischen Todten und Lebendigen,
er wird auf Leben und Tod gehen, man wird
erschrecken, man wird untersuchen, Gesetze
geben und nichts ausrichten".
Man könnte
einwenden, daß es sich bei den von
mir angeführten Zitaten bloß um
Meinungen fiktionalisierter Personen handelt
und keineswegs um Ansichten des Verfassers.
Daß die neue Welt ein Thema war,
das Goethe früh beschäftigt hat,
läßt sich allerdings leicht durch
persönliche Äußerungen belegen.
Wie sehr die Europamüdigkeit und
Europaskepsis im 18. und 19. Jahrhundert
verbreitet war, sei außerdem wenigstens
mit zwei Beispielen veranschaulicht. Der
Abbé Ferdinando Galiani schrieb am
18. Mai 1776, also etwa zwei Monate vor der
amerikanischen Unabhängigkeitserklärung,
an Madame d'Epinay: "Der Zeitpunkt ist
nunmehr, da wir den völligen Zusammenbruch
Europas und eine Auswanderung nach Amerika
erwarten müssen. Alles hier ...
wird zum Verderbnis, die Religion, die Gesetze,
die Künste und Wissenschaften, und all
das strebt nach Erneuerung in Amerika".
Der Abbé empfiehlt außerdem
der gnädigen Frau: "Kaufen Sie
kein Haus in der Chaussee d'Autin, sondern
in Philadelphia". Selbst der österreichische
Legationsrat und ehemalige Verfasser der
Lucinde, Friedrich Schlegel, spekulierte um 1816:
"Ob nicht vielleicht Europa ganz zerstört
und Wüste werden dürfte und die
allgemeine Erwartung eines neuen Weltalters
in Amerika doch gegründet sei? - Und
könnten nicht auch die Deutschen an
der neuen Gestaltung und Veränderung
Amerikas teilnehmen? ... Vielleicht
wird doch beides zugleich statt haben - ein
Wiederaufbau Europas nach der Zerstörung
und eine Reifwerdung der Menschenkultur in
Amerika".
Es ist schon bemerkenswert, daß der
urbane Europäer und Italienfan Goethe
aus vielen Gründen das umfangreiche
europäische Bildungspacket als belastend
empfindet und im Gespräch mit Boisserée
am 2. August 1815 im Kontext seiner Farbenlehre
und Metamorphose der Pflanzen spekuliert:
"Was hätte und müßte
man nicht alles herausfördern können,
wenn man vierzig bis fünfzig Jahre alles,
was von außen her kömmt, beiseite
lassen konnte - was möchte daraus geworden
sein, wenn ich mit wenigen Freunden vor dreißig
Jahren nach Amerika gegangen wäre und
von Kant usw. nichts gehört hätte?"
In der Tat gab es solche Pläne,
bevor die Einladung von Carl August nach
Weimar erfolgte. Überspitzt
formuliert könnte man sagen: bereits
für den Verfasser Werthers gab es die Alternative zwischen einem klassisch-europäischen
und einem amerikanischen Lebenslauf. Man
könnte auch von Fluchtmöglichkeiten
sprechen, mit denen sich ein kreatives Individuum
von den schädlichen Einschränkungen
von außen befreien wollte. Goethe
sprengte sich also keineswegs, wie er es
in dem Brief an Lavater burschikos formulierte,
"mit aller Ladung in die Luft",
sondern er flieht 1786 klammheimlich nach
Italien. "Hätte ich nicht
den Entschluß gefaßt", so
kommentiert er dann durchaus glaubhaft, "so
wär' ich rein zu Grunde gegangen".
Doch es hätte für ihn zweifelsohne
auch die weitaus radikalere Fluchtmöoglichkeit
Amerika gegeben, die er dann in seinem Roman
Wilhelm Meisters Wanderjahre als fiktionale Wirklichkeit darstellt. Was
wäre wohl aus Goethe in Amerika geworden?
Hätte er die Dichtung zugunsten
von Politik und Wissenschaft aufgegeben?
Hätten in der neuen Welt überhaupt
Werke wie Tasso, Iphigenie, Wilhelm Meister oder die Wahlverwandtschaften entstehen können? Gewiß,
solche Fragen sind müßig, aber
Goethe hat sie selbst gestellt und sie haben
sein Verhältnis zum Thema Amerika geprägt.
II
Durchmustert
man deutsche Romane und Sachberichte zum
Thema "Amerika" im 17., 18. und
19. Jahrhundert, so fällt auf, daß
die beschriebene Neue Welt oft mehr ein schöner
Ort utopischer Träume und Wunschvorstellungen
ist als erlebte und erfahrene Wirklichkeit.
Nicht von ungefahr werden um die Mitte des
19. Jahrhunderts in Ferdinand Kürnbergers
Roman Der Amerika-Müde (1855) die Hoffnungen auf den "Heiland"
Amerika Schritt für Schritt abgebaut.
Die idealisierten Vorstellungen der
Auswanderer, die einen Ausweg aus der europäischen
Misere suchten, erweisen sich noch im 20.
Jahrhundert nicht selten als Selbsttäuschungen.
Mit anderen Worten: die projizierte neue
Welt ist im Grunde die alte minus ihrer Fehler
und Mängel, eine Art "Insel Felsenburg"
oder ein Konstrukt, in dem die Imagination
kompensatorisch die Realität korrigiert
hat.
Dabei mußte
sich im 17. Jahrhundert Deutschland "bei
der Entdeckung und Eroberung der neuen Welt
mit einer Zuschauerrolle begnügen"1. Wer in Deutschland "nach der
Kenntniß ausländischer Sachen"
strebte, konnte "weder zu Wasser / noch
zu Lande / fort", wie Erasmus Francisci
in der Vorrede zu seiner Darstellung Ost- und West-Indischer wie auch
Sinesischer Lust- und Stats-Garten (1668) bemerkt, "weil es sein Amt und
Beruff / oder andre Ungelegenheiten nicht
zugeben: so reiset er gleichsam zu Papier
/ in den Schrifften andrer Personen / tapfer
herum / und schauet also der Welt zu / durch
fremde Augen". Im Grunde läßt
sich diese amüsante Feststellung auch
noch für Goethes fiktionale Umschreibungen
und sachdienliche Verwertungen im Kontext
seiner wissenschaftlichen Interessen reklamieren.
Wie schon Francisci notiert, kann man
auch bei Goethe beobachten, wie die Papierreisen
in die neue Welt durch die Optik der alten
gesehen werden. Bereits vor Rousseau
taucht im 17. Jahrhundert die Dichotomie
von heiler Natur und verderblicher Zivilisation
auf. Sie ist allerdings kritisch
auf den Gegensatz von amerikanischen Heiden
und europäischen Christen bezogen. Eberhard
Guerner Happel verkündet deshalb im
3. Teil seiner Grösten Druckwürdigkeiten
der Welt (1687): "In America wohnen zwar viel
einfältige blinde Heyden / aber es finden
sich hingegen viel Christen / die recht abgeschäumte
Buben sind / und sich den Lastern hundert
mahl mehr ergeben / alß die gebohrne
Americaner"2. Was die Kenntnis des Nordens Amerikas
betrifft, so steht im 17. Jahrhundert im
Mittelpunkt Virginia. Die Geschichte der
indianischen Prinzessin Pocahontas wird dann im 18. Jahrhundert ebenso die
Phantasie der Schriftsteller anregen wie
die von Inkle und Yariko3 , wofür sich auch Hinweise bei Goethe
finden4. Im Oktober 1766 berichtet der Siebzehnjährige
von den Schwierigkeiten, ein Stück über
diesen Gegenstand zu schreiben, der durch
eine Erzählung Gellerts so populär
geworden war. Der Kult des "edlen
Wilden", des Naturmenschen, fand allgemein
schnelle Verbreitung. Er wurde in unterschiedlicher
Weise befördert durch Albrecht von Hallers
Lehrgedicht Die Falschheit menschlicher Tugenden (1730), Voltaires L'Ingénu (1767), Cumberlands West Indian (1767) und Vogels Adaption von Federicis
Der Amerikaner (1799), die in Weimar zu einem großen
Erfolg wurde.
Das Naturkind
als Wille und Vorstellung unterzog allerdings
schon Haller einer Überprüfung.
Glorifiziert er noch in seinem Lehrgedicht
als moralisches Modell den Huronen vom Michigansee,
der "singt, wenn man ihn quält,
... lacht, wenn man ihm droht", und
dergestalt demonstriert, daß der "unbewegte
Sinn ... in keinen Schmerzen" erliegt
, so urteilt er vorsichtiger in Ueber den Ursprung des Uebels (1734), daß die Huronen, die "an
Mischigans beschneyten Ufern wohnen",
die "Kraft von Blut und Recht erkennen"5. Nichtsdestoweniger weist der eingebaute
moralische Kompaß auch beim Wilden
darauf hin, daß nur dann ein Mensch
"verwildert, dem eingebohrnes Licht"
nicht "sein erstes Urtheil spricht".
Genau genommen ist freilich im positiven
Fall der edle Wilde kein Wilder mehr, d.h.
er gleicht nicht mehr dem Wild, wie es in
der 2. Auflage heißt, weil er sich
an das Licht der Vernunft hält.
In Voltaires ironischer Darstellung dient
der "Herr Naturmensch", der Hurone,
dazu, aus naiver Perspektive das Sentimentalische
der sogenannten zivilisierten Welt als fragwürdig
erscheinen zu lassen.
Wie dem auch
sei, der Hurone gehört zu Goethes Wortschatz
und taucht bei ihm in verschiedenen Zusammenhängen
auf6. Im 16. Buch des 4. Teils von Dichtung
und Wahrheit schildert Goethe selbst, wie
die neugierige Gesellschaft den jungen erfolgreichen
Autor als "quasi Fremden" betrachtete,
einmal als Bär, "dann wieder als
Hurone Voltaires, Cumberlands Westindier,
als Naturkind". Das Naturgenie
erhielt von seinen ebenfalls vom Naturkult
befallenen Freunden ohnedies den Spitznamen
"der Hurone". Noch im November
1792 bemüht er im Rückblick die
Huronen-Chiffre, um seine spezifische Situation
im Kontext der Zeit zu beschreiben.
Mein "Talent gab mir einen ehrenvollen
Platz in der Gesellschaft", heißt
es unmißverständlich in der Campagne in Frankreich, "aber meine heftige Leidenschaft für
das, was ich als wahr und naturgemäß
erkannte, erlaubte sich manche gehässige
Ungezogenheit gegen irgend ein scheinbar
falsches Streben; weswegen ich mich auch
mit den Gliedern jenes Kreises zuzeiten überwarf,
ganz oder halb versöhnte, immer aber
im Dünkel des Rechthabens auf meinem
Wege fort ging. Dabei behielt ich etwas
von der Ingenuität des Voltairischen
Huronen noch im späteren Alter, so daß
ich zugleich unerträglich und liebenswürdig
sein konnte". Mit dem Indianischen,
Huronischen in seiner Existenz signalisiert
Goethe seine Außenseiterrolle, das
Eigene, das von seiner Umwelt eben als das
Fremde, Anstössige, ja als "gehässige
Ungezogenheit" ausgelegt wurde.
Genau genommen war es jene Eigenschaft, die
Schiller in seinem bekannten Brief an Goethe
vom 23. August 1794 nicht ohne diplomatische
Bewunderung folgendermaßen charakterisierte:
"In Ihrer richtigen Intuition liegt
alles und weit vollständiger, was die
Analysis mühsam sucht, und nur weil
es als ein Ganzes in Ihnen liegt, ist Ihnen
Ihr eigener Reichtum verborgen". Schiller
unterscheidet hier Goethes naive Existenz,
also seine huronische von seiner sentimentalischen.
Im Jahre 1805 identifiziert Goethe die Chiffre
direkt mit dem Talent des Naturdichters.
Über Gottlieb Hiller merkt er an: "Er
ist eine Art von Hurone, der eben deswegen
und nur insofern gefällt"7.
Das Thema Amerika hat zweifelsohne in Goethes
Werken und Schriften von 1807 bis zu seinem
Lebensende massive Spuren hinterlassen, sodaß
längere Zeit die Ansicht Walter Wadepuhls
rekapituliert wurde: "A critical and
chronological study of the topic Goethe's Interest in the New World suggests that until 1807 he had little interest
in, and surely no definite attitude toward,
the new continent"8. Nichtsdestoweniger wies gerade Wadepuhl,
wie Harold Jantz zu Recht bemerkt, auf eine
Reihe von früheren Äußerungen
Goethes hin, die Amerika betreffen9. Sie beweisen immerhin, daß
er regen Anteil an den Reisen von Cook und
den englischen Wissenschaftlern Banks und
Solander nahm. Wie sehr ihn naturgeschichtliche
und geographische Fragestellungen im Hinblick
auf die neue Welt interessiert haben, beweisen
nicht nur die amerikarelevanten Bücher
in seiner Privatbibliothek, sondern auch
die verschiedenen Titel, die er zum Thema
aus der großherzoglichen Bibliothek
entliehen hat10. Die verschiedenen Werke geben Auskunft
über Botanik, Geologie, Geographie,
Geschichte, Mineralogie und Bergbau der neuen
Welt. Wenn man auch annehmen muß,
daß Goethe nicht alles lückenlos
gelesen hat, so kann man doch mit einiger
Wahrscheinlichkeit behaupten, daß er
für die damalige Zeit relativ vielseitige
Kenntnisse der Neuen Welt besaß.
Für den
bescheidenen Wissensstand in Sachen Amerika
liefert das im 18. Jahrhundert fleißig
konsultierte Große vollständige Universallexikon (1732) von Johann Heinrich Zedler ein beredtes
Beispiel. Es wird hier berichtet, daß
sich die Gelehrten immer noch streiten, "ob
die Menschen (die Amerikaner) durch das Fretum
Anianum, oder durch die Schiffahrten der
Phönicier und Carthaginenser, oder auf
eine andere Art dahingekommen" und daß
Amerika "aus 2. Halb-Insuln, die zu
Panama, oder Nobre de Dios durch eine Land-Enge 17 Meilen breit zusammengefüget,
und Isthmus Panamicus genennet wird". Als Hauptteile
werden außerdem Mexiko, Neu-Mexiko,
Florida und Canada erwähnt. Canada
wiederum wird in verschiedene "Landschaften"
oder Provinzen eingeteilt wie Neu-Frankreich,
Louisiana, Virginia, Neu-Schweden, Neu-Holland und Neu-Engelland,
und die große "Insel California"erwähnt.
Die eingeborenen Amerikaner, zu denen
auch von Hallers, Voltaires und Goethes "Huronen"
gehören, beschreibt der Artikel ebenso
kurz und bündig wie europachauvinistisch
so: sie sind "alle tückisch, wild,
grausam, und von recht böser Art. Die
tugendsamsten unter allen sind diejenigen,
die in dem eigentlichen so genannten Peru
wohnen. Vor Zeiten gab es auch Menschen-Fresser
in America ... Jedoch der bißherige
Umgang mit den Europäern hat die Wildheit
der Americaner um ein ziemliches gemindert,
und sie viel leutseliger gemacht"11. Immerhin wird nicht verschwiegen,
daß die Spanier "sehr grausam
mit den Einwohnern umgingen, und ihrer viel
Millionen umgebracht".
Die zum Teil
ausführlichen Rezensionen, die Goethes
Freund Johann Heinrich Merck in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen über amerikarelevante Publikationen
veröffentlichte, unterscheiden sich
prononciert von den tradierten Vorstellungen,
wie sie Zedlers Universallexikon vermittelte.
Nicht von ungefähr wurden Inkle und
Yariko und Voltaires Hurone zu Symbolen des
Naturkults, der im Sturm und Drang auch das
Klischee vom "edlen Wilden" propagierte.
Obwohl Goethe in einem Brief an Charlotte
von Stein am 21. August 1784 sich über
eine Vorstellung eines indianischen Kriegstanzes
in voller Kostümierung durch Braunschweiger
Veteranen, die in Amerika gekämpft hatten,
mockierte12, erinnerte er in seiner Farbenlehre durchaus positiv an einen "hessischen
Offizier, der aus Amerika kam, sein Gesicht
nach Art der Wilden mit reinen Farben bemalte,
wodurch eine Art von Totalität entstand,
die keine unangenehme Wirkung tat."
Interessant ist in diesem Zusammenhang ein
Hinweis auf den Künstler Benjamin West,
ein enger Freund von Angelica Kauffmann,
der in Pennsylvania in der Nähe der
Mohawks-Indianer aufgewachsen war,13 und sich von 1760 bis 1763 in Rom zu Studienzwecken
aufhielt und später zum englischen Hofmaler
anvancierte. Konfrontiert mit der berühmten
Statue des Apollo Belvedere, soll er ausgerufen
haben: "My God, how like it is to a
young Mohawk warrier!" Aufgefordert,
diesen Ausspruch näher zu begründen,
gab er eine detaillierte Auskunft über
indianische Erziehung, indianische Verhaltensweisen
bis hin zu einem spezifischen Körperausdruck,
der seiner Beschreibung nach auffallende
Ähnlichkeit mit dem Apollo Belvedere
aufwies. Ob Goethe, der West schätzte,
diese Geschichte kannte, wissen wir nicht,
aber Wests Bild Pylades und Orest, über das Lavater sich auch in seinen
Physiognomischen Fragmenten verbreitete, und das Gemälde Tod des Generals Wolfe in der Schlacht bei
Quebis (1768) waren ihm zumindest über Kupferstichadaptionen
bekannt. Im Vergleich mit einer Darstellung
von Schwerins Tod des Berliner Malers Johann Christoph Frisch
rühmt Goethe die Komposition Wests,
mit der "dieser Künstler gewissermasen
das Sujet erschöpft" habe. An
einem anderen populären Gemälde
eines amerikanischen Malers, John Trumbulls
The Battle of Bunker Hill, das um 1785 in London entstand, notiert
Goethe in einem Brief an Schiller (30.8.1797)
"Vorzüge des Künstlers und
Fehler des Liebhabers." Zu den
Vorzügen rechnet er die "sehr charakteristischen
und vortrefflich tockierten Portraitgesichter"
ebenso wie die Komposition, dagegen tadelt
er die "Disproportionen der Körper
untereinander und ihrer Teile."
Text und Bild
haben also gleichermaßen dazu beigetragen,
Goethes Amerikakenntnis und Amerikainteressen
zu befördern. Nichsdestoweniger ist
die Frage berechtigt: was hat Goethe vor
1807 über Amerika wirklich gewußt?
War sein Bewußtsein dergestalt von
der Antike absorbiert, daß er in dieses
"verteufelt weite" Land Amerika
abschiebt, "wen er in seiner Dichtung
nicht brauchen kann", wie Ernst Beutler
auf Grund von Werken wie die Mitschuldigen, Stella oder dem Großkophta feststellt. Doch hat der junge Goethe
den "Indianer als Typ des romantisch
edlen, tragischen Helden" wirklich nicht
gekannt, wie Beutler behauptet? War
für ihn der "amerikanische Held"
nur der "weiße Mann, der Entdecker
und Feiheitsstreiter"? Die zerstreuten
Belege sprechen dagegen. Selbst die
technischen Vorteile der neuen Welt, die
auch der amerikamüde Bertolt Brecht
nicht aufhörte zu rühmen, hat der
nicht eben seetüchtige Goethe ironischerweise
in Italien, dem Land seiner Sehnsucht, zu
schätzen gelernt. In seiner Italienischen Reise notiert er am 29. Marz 1787, offenbar erleichtert:
"Die ganze Nacht ging das Schiff ruhig
fort. Es war in Amerika gebaut, schnell
segelnd, inwendig mit artigen Kämmerchen
und einzelnen Lagerstätten eingerichtet."
III
Wenn Friedrich
Schlegel in seinem oft zitierten Athenäumsfragment
ein literarisches (Wilhelm Meister), ein philosophisches (Fichtes Wissenschaftslehre) und politisches Ereignis (Französische
Revolution) als die wichtigsten Tendenzen
des Zeitalters reklamiert, so fällt
auf, daß eine einschneidende Zäsur
im politischen Selbstverständnis auch
des europäischen Bürgertums ausgespart
wurde: die Unabhängigkeitserklärung
der Vereinigten Staaten vom 4. Juli 1776.
Der Freiheitskampf der amerikanischen Kolonien
wurde ebenso von Wieland und Klopstock wie
von Lavater, Goethe, Lenz, Klinger, Schubart
und Schiller mit persönlichem Engagement
verfolgt. Der politisch hellsichtige
Wieland, der schon 1773 im Teutschen Merkur die amerikanische Revolution voraussagte,
rühmte dergestalt: "Es ist ein
labender Anblick für den Menschenverstand,
ein tugendhaftes Volk zu sehen!". Er
konnte es sich nicht versagen, dieses Volk,
das so "standhaft und unerschütterlich"
auf den "unverlierbaren Rechten der
Menschheit" beharrte, mit den "besten
Helden und Heldinnen im Plutarch" zu
vergleichen.15 Man fand also die antiken politischen
Ideale in der neuen Welt wiederhergestellt.
Herder ging sogar noch einen Schritt weiter,
indem er 1780 in einer Schrift behauptete,
daß "die Wissenschaften, wenn
sie vielleicht in Europa verfallen sein werden,
in Amerika mit neuer Blüte und neuen
Fruchten aufgehen würden."
Goethes Äußerung
vom 25.2.1824, die Eckermann überliefert,
scheint im Rückblick das erwähnte
Fragment Friedrich Schlegels zu korrigieren.
Er spricht hier nachdrücklich
von den "größten Weltbegebenheiten",
dessen "lebendiger Zeuge" er war,
nämlich dem "Siebenjährigen
Krieg", "der Trennung Amerikas
von England", "der Französischen
Revolution und der ganzen Napoleonischen
Zeit bis zum Untergange des Helden und den
folgenden Ereignissen". Auch Goethe
trug sich wie andere Stürmer und Dränger
zeitweise mit dem Gedanken, nach Amerika
auszuwandern. In Dichtung und Wahrheit (Teil IV, Buch 19) berichtet er, wie Lili
Schönemann 1775 bereit schien, mit ihm
nach Amerika zu gehen, und fügt erklärend
hinzu: "Amerika war damals vielleicht
noch mehr als jetzt das Eldorado derjenigen,
die in ihrer augenblicklichen Lage sich bedrängt
fanden". Dieses Auswanderer-Syndrom
galt freilich fürs 19. Jahrhundert noch
in größerem Mase als fürs
18. Jahrhundert. Mit der Lebensgeschichte
des Freundes Heinrich Julius von Lindau,
der in der amerikanischen Revolution fiel,
und dessen Schützling Peter im Baumgarten16, der wahrscheinlich in Amerika, wie es in
vielen solchen Fällen heißt, "verschollen"
ist, wurde Goethe persönlich mit diesem
Syndrom konfrontiert. Noch am 10. Mai
1819 erklärt er in Gegenwart des Bostoners
Joseph Green Cogswell amerikabegeistert:
"Wären wir zwanzig Jahre jünger,
so segelten wir noch nach Nordamerika".
Daß Goethe hier keineswegs nur
in Anwesenheit seines amerikanischen Gastes
diplomatisierte, belegt eine andere Aufzeichnung
von Kanzler Müller. Sie überliefert,
wie Goethe "sehr launig" den jungen
Gräfinnen von Egloffstein, Caroline
und Julia, "Amerika und die dortige
Kolonisierung" schildert, was die jüngere
zum Entsetzen der älteren in der "Lust
des Auswanderns" bestärkt zu haben
scheint. Fast sieht es so aus, als
habe er die erregte Diskussion unter den
Geschwistern durch Humor beschwichtigen helfen.
"Die einsame Spinnerin an den
Grenzen von Indiana", so merkt Müller
an, "gab zu heiteren Witzen Anlaß".
Obwohl sich
Goethe 1786 für eine klassische Bildungsreise
entschieden hatte und nicht für einen
amerikanischen Lebenslauf, für die kulturelle
Wiege Europas und nicht das Experiment der
neuen Welt, schien er sich zuweilen nach
einem Neuanfang gesehnt zu haben - losgelöst
von allem Ballast der kontinentalen Kultur
und Tradition. In diesem Sinne ist auch
der 1827 entstandene Spruch an die Vereinigten
Staaten zu lesen:
|
Amerika, du hast es besser
Als unser Kontinent, das alte,
Hast keine verfallenen Schlösser
Und keine Basalte.
Dich stört nicht im Innern
Zu lebendiger Zeit
Unnützes Erinnern
Und vergeblicher Streit. |
Wenn er sich bei der Lektüre von Heinrich
von Struves Beiträgen zur Mineralogie und Geologie
des nördlichen Amerika's (1822) notiert, daß jener "Weltteil
glücklich zu preisen, daß er vulkanische
Wirkungen entbehrt, wodurch denn die Geologie
der neuen Welt einen weit festern Charakter
zeigt als der alten, wo nichts mehr auf festem
Fuß zu stehen scheint", so beruht
das eindeutig auf Mißinformation. In
dem Gedanken an Amerika suchte Goethe eine
Entlastung von dem müßigen Streit
zwischen Neptunisten und Vulkanisten, den
er auch im Faust II thematisiert hat. Diese wissenschaftliche
Auseinandersetzung enthielt für ihn
ebenso regressive Tendenzen wie die romantische
Utopie nach rückwärts. Ein
Kontinent ohne Basalt würde jeder Fehde
den Boden entziehen und die fehlenden Ruinen
ließen eine falsche Romantik erst gar
nicht aufkommen. Daß die wachsenden
intellektuellen Anforderungen auch Gefahren
für hoffnungsvolle junge Talente mit
sich brachten, darüber informiert ein
Gespräch mit Eckermann (am 15.2.1824).
"Als ich achtzehn war", kommentierte
Goethe die Situation nicht ohne Ironie, "war
Deutschland auch erst achtzehn, da ließ
sich noch etwas machen; aber jetzt wird unglaublich
viel gefordert, und es sind alle Wege verrannt".
Der Bildungsanspruch ist dergestalt ausgeufert,
daß ein junger Mensch leicht die Übersicht
verliert und sich zersplittert. Wäre
er jung, so würde er auswandern, doch
dann korrigierte er sich sofort und meinte,
als wolle er die Äußerung in seinem
Spruch Amerika du hast es besser zurücknehmen: "Ja selbst wenn
ich nach Amerika flüchten wollte, ich
käme zu spät, denn auch dort wäre
es schon zu helle".
Goethe hatte
um diese Zeit schon eine Reihe vielversprechender
junger Amerikaner kennengelernt, die zum
Teil in Göttingen studierten und den
berühmten Dichter in Weimar besuchten.
Zu ihnen gehörten der redegewandte
Edward Everett, seit 1815 Professor in klassischer
Philologie an der Harvard Universität,
später Gouverneur von Massachusetts,
Botschafter in London, Präsident der
Harvard Universität, Staatssekretär
und Senator; George Ticknor, der spätere
Verfasser einer Geschichte der spanischen Literatur, die Humboldt rühmte; Theodore Lyman,
später Bürgermeister von Boston;
Joseph Green Cogswell, der nach seiner Rückkehr
aus Deutschland Professor für Mineralogie
an der Harvard Universität wurde und
den Goethe besonders schätzte; George
Bancroft, Verfasser einer zehn Bände
umfassenden Geschichte der Vereinigten Staaten, später Botschafter in London und
Berlin, wo er sich mit Ranke und Theodor
Mommsen befreundete. Ein Goethe-Besuch
in Weimar schien für junge und ältere
Repräsentanten der amerikanischen Elite
fast obligat gewesen zu sein. Zweifelsohne
hatte Madam de Staëls Buch De L'Allemagne dazu beigetragen, den Ruhm Goethes inernational
zu verbreiten. Nichtsdestoweniger ist
erstaunlich, wieviele Amerikaner Goethe ab
1810 in seinem Haus am Frauenplan besucht
haben. Das Resultat dieser Besuche
läßt sich mit Johannes Urzidil
in einem Satz zusammenfassen: "Jeder
dieser amerikanischen Gäste trug in
seiner Art zur Amerika-Kenntnis Goethes bei".17 Die Information, die er aus der Lektüre
vieler amerikaspezifischer Schriften bezog,
erweiterte sich laufend durch die vielseitigen
Begegnungen sowohl mit namhaften als auch
weniger bekannten Vertretern der neuen Welt.
Goethes Amerikainteressen
haben sich im Laufe der Zeit zweifelsohne
intensiviert und ausgefächert. Am
10. Mai 1819 schrieb beispielsweise der junge
Minerologe und Chemiker Cogswell an den Historiker
Bancroft: "America in all its relations
is now [Goethe's] paramount study",
and Bancroft seinerseits teilt dem damaligen
Präsidenten der Harvard Universität
am 20. November 1819 mit: "Goethe ...
spoke of America, as if our country was one
of the objects that most interested him in
his old age".18 Es war in demselben Jahr (10. Mai
1819), als Goethe in Gegenwart des jungen
Cogswell in einer Unterhaltung über
den neuen Kontinent an die schon zitierte
Vorstellung eines amerikanischen Lebenslaufs
anknüpfte: "Wären wir zwanzig
Jahre jünger, ... so segelten wir noch
nach Nordamerika". Kein Wunder
also, daß der Autor von Wilhelms Meisters Wanderjahren seine wichtigsten Romanfiguren an seiner
statt nach Amerika schickte, um wenigstens
auf diese Weise, gewissermaßen in effigie,
seine utopischen Hoffnungen zu verwirklichen.
Auch er reiste "gleichsam zu Papier",
wie Erasmus Francisci in seinem Reisebericht
so launig bemerkte, "weil es sein Amt
und Beruff / oder andere Ungelegenheiten"
eben nicht anders erlaubten.
So sehr auch
die mannigfachen Gespräche mit der jungen
amerikanischen Elite und eingehende Lektüre
Goethes Amerikakenntnis im Laufe der Zeit
weiter differenziert haben, das Jahr 1826
brachte eine weitere Steigerung. Es
handelt sich um das Reisetagebuch des hochbegabten
zweiten Sohnes Carl Augusts und Luises, Prinz
Bernhard von Sachsen-Weimar. So wie
Goethe 1786 nach Italien, ins Land seiner
Sehnsucht für zwei Jahre aufgebrochen
war, reiste Prinz Bernhard 1825 nach Nordamerika,
um sich einen Wunsch zu erfüllen, der
ihn von Kindheit an begleitete. "Je
mehr ich nach und nach die alte Welt kennen
lernte, desto größer wurde das
Verlangen nach der neuen", bekannte
er im Vorwort zu seinem Reisejournal.
Er schildert mit wachen Augen und einem erstaunlich
ausgewogenen Urteil das Land und die Menschen,
den Alltag und die Einrichtungen, die Sitten
und Gebräuche auf eine dergestalt anschauliche
Weise, daß man gut verstehen kann,
daß sich Goethe 1826 den ganzen Sommer
über mit dem Tagebuch und relevanter
Literatur über Amerika beschäftigte.
Zuweilen hat man bei der Lektüre
den Eindruck, daß sich Bernhard gleich
Wilhelm an die Empfehlungen des alten Meisters
gehalten und "ein ausfuhrliches Reisejournal
mit ... geographischen, statistischen und
merkantilischen Bemerkungen" (IV,17)
verfasst hat.
Vergleicht man Bernhards Amerikabericht mit
den Amerikadarstellungen, die Goethe in den
Wanderjahren in den verschiedensten Bereichen, sei es
nun uber Technik, Natur, Okonomie oder Gesellschaft,
Religion und Politik, offeriert, so möchte
man es durchaus für wahrscheinlich halten,
daß die maßgeblichen Mitglieder
der Turmgesellschaft das Reisejounal mit
der gleichen Begeisterung und Hingebung wie
ihr Verfasser gelesen haben. Der Prinz
durchreiste innerhalb von einem Jahr einen
großen Teil des damaligen Amerikas.
Er besuchte Boston, New York, Philadelphia,
Baltimore, Washington, Virginia, die Carolinas,
New Orleans, fuhr den Mississippi und Ohio
hinauf, und kehrte über Pittsburgh und
Philadelphia wieder nach New York zurück.
Er beobachtet und interpretiert, zieht Vergleiche,
unterhält sich mit Bauern, Handwerkern
und Politikern, besichtigt Schulen und Universitäten,
Krankenhäuser und Gefängnisse,
militärische Einrichtungen und Museen.
Im Weißen Haus wurde der Prinz vom
Präsidenten empfangen, in Boston unterhielt
er sich mit dessen Vater, dem legendären
John Adams, und auf dem Monticello in Virginia
war er Gast des berühmten Thomas Jefferson.
Fühlte er sich von dem "ehrwürdigen
Mitstifter der amerikanischen Unabhängigkeit",
dem 90jährigen John Adams, "tief
ergriffen", so schildert er den 82jährigen
Jefferson so: "Er war eine hohe Gestalt,
von schlichtem Aussehen, mit langen, weißen
Haaren. Im Gespräch war er sehr
munter, und seine Geisteskräfte, so
wie sein Gehör und Gesicht, schienen
mit dem zunehmenden Alter durchaus nicht
abgenommen zu haben".
Man kann sich auch ohne viel Phantasie vorstellen,
wie stark das Reisejounal und die mündlichen
Berichte des Sohnes von Carl August auf Goethe
gewirkt haben mußten. Seine Neugierde
auf die neue Welt wurde dadurch nur noch
verstärkt. Er beginnt sich nun
auch mit den sechs Romanen James Fenimore
Coopers intensiv zu beschäftigen und
zwar im Original. Dabei ist es keineswegs
nur der Stoff, der ihn fasziniert, sondern
im gleichen Mase die narrative Technik. "Nicht
leicht sind Werke mit so großem Bewußtsein
und solcher Konsequenz durchgeführt
als die Cooperschen Romane", bewundert
Goethe an dem jüngeren Kollegen.
Während der Lektüre am "letzten
Mohican", wie Goethe sich ausdrückt,
schrieb er an seiner Novelle fort und entwirft
das "Schema zum Mann von funfzig Jahren"
(Tagebuch-Einträge vom 16.10 ; 24.10.1826).
Sind also am Ende in die Wanderjahre nicht nur stofflich-inhaltliche Elemente
aus Amerika eingegangen, sondern auch romantechnische
Rezepte? Es wäre sicher eine Untersuchung
wert.
IV
Zum Abschluß
möchte ich wenigstens noch ein Thema
streifen, das ich bis jetzt ausgeklammert
habe, nämlich Amerika und Goethe.19 Da der Weimarer Klassiker am 11. August
1819, veranlaßt durch entsprechende
Ansuchen von Edward Everett und Cogswell,
der Bibliothek der Harvard University ein
Bücherpaket mit einer handschriftlichen
Widmung übersandt hat und außerdem
der Kontakt mit Studenten und Professoren
dieser Universität ungewöhnlich
lebhaft gewesen ist, hätte man annehmen
können, daß Cambridge in New England
die Schaltstelle der amerikanischen Goethe-Rezeption
geworden wäre. Zwar erfreute sich
Hermann und Dorothea und Faust das Wohlwollen der Gebildeten, aber Die Wahlverwandtschaften werden selbst von sogenannten Goethefreunden
als problematisch und unsittlich abgelehnt.
Hinzu kam, daß die Harvard University
ausgerechnet den Burschenschaftler Karl Follen
als ersten Professor für Deutsch einstellte.
In seiner Perspektive war Goethe natürlich
ein unverantwortlicher Fürstenknecht
und Feind der Demokratie. Die Einstellung
veränderte sich erst in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das
sogenannte "St. Louis Movement"
erhob den Weimarer Dichter nicht nur auf
das Podest der Weltliteratur, sondern machte
aus Faust einen Amerikaner, der einen wilden
Kontinent in einen wohnlichen Ort für
rationale Menschen verwandelt hat. Goethes
Faust II als amerikanisches Buch und Faust als Propagandist
des amerikanischen Mythos, das ist bezeichnenderweise
auch das Fazit, das der umfangreiche Faust-Kommentar
von Denton J. Snider vermittelt. Es
kann keine Frage sein, daß Goethe im
19. und 20. Jahrhundert zum bekanntesten
deutschen Autor avancierte, dem dann später
nur noch Thomas Mann an die Seite rückte.
Die beachtlichen Goethe-Sammlungen
in Harvard und Yale werden inzwischen auch
von deutschen Fachleuten konsultiert. Aber
auch andere Universitäten - wie beispielsweise
Princeton - können nicht nur authentische
Manuskripte, Erstausgaben, sondern auch Aquarelle
und Zeichnungen Goethes vorzeigen.
Mag angesichts der Fragmentarisierung literaturwissenschaftlicher
Methoden und der Überbetonung theoretischer
Fragestellungen im Augenblick die Goetheforschung
nicht mehr im Vordergrund stehen wie noch
zu Zeiten von Bernhard Blume, Stuart Atkins,
Oskar Seidlin und Victor Lange, so beschicken
nichtsdestoweniger die jüngeren Kollegen
nach wie vor das Jahrbuch der American Goethe
Society. Goethe hat in der Tat wie
wenige deutsche Autoren eine Heimat in der
neuen Welt gefunden. Einst ließ
er seinen Lothario das Motto ausgeben: "Hier
oder nirgends ist Amerika", aber man
sollte nicht vergessen, daß er ihn
zurückschickt ins Land der unbegrenzten
Möglichkeiten. Freilich ließe
sich das Motto dann auch umdrehen und der
Amerikaner Lothario könnte nach der
Übersiedlung behaupten: "Hier oder
nirgends ist Europa".
Anmerkungen
1) Volker Meid: Francisci, Happel und Pocahontas.
Amerikanisches in der deutschen Literatur
des 17. Jahrhunderts. In: Amerika in der
deutschen Literatur. Hrsg. v. Sigrid Bauschinger,
Horst Denkler und Wilfried Malsch. Stuttgart
1975. S. 17-27 (S. 18).
2) Ebd., S. 19.
3) Vgl. ebd., S. 21.
4) Siehe auch Harold Jantz: America and the
Younger Goethe. In: MLN Vol. 97 (1982), S.
515-545 (S. 523).
5) Vgl. dazu Karl S. Guthke: Edle Wilde mit
Zahnausfall. Albrecht von Hallers Indianerbild.
In: Amerika in der deutschen Literatur (Anm.
l) S. 28-44 (S. 33).
6) Vgl. Jantz (Anm. 4) S. 526ff.
7) Zit. bei Jantz, ebd., S. 528.
8) Walter Wadepuhl: Goethe's Interest in
the New World. Jena 1934. S. 8f.
9) Jantz (Anm. 4) S. 516.
10) Vgl. Wadepulil (Anm. 8) S. 77-85.
11) Großes vollständiges Universallexikon
von Johann Heinrich Zedler, 1732. Neudruck
Graz 1961. Bd. l. Sp. 1723.
12) Vg. Jantz (Anm. 4) S. 532f.
13) Ebd., S. 533ff.
14) Ernst Beutler: Von der Ilm zum Susquehanna.
Goethe und Amerika in ihren Wechzelbeziehungen.
In: E.B.: Essays um Goethe. Bremen 61957. S. 580-629 (S. 583).
15) Vgl. Johannes Urzidil: Das Gluck der
Gegenwart. Goethes Amerikabild. Zurich-Stuttgart
1958. S. 8f.
16) Vgl. dazu Ernst Beutler: Peter im Baumgarten.
In: E. B.: Essays um Goethe. Bremen
61953. S. 444-459.
17) Urzidil (Anm. 15) S. 33.
18) Abgedruckt in: Mittheilungen aus dem
Goethe- und Schiller-Archiv. Briefwechsel
zwischen Goethe und Amerikanern. In: Goethe
Jahrbuch, vol. 25 (1904) S. 3-37.
19) Zum Thema siehe Thomas L. Buckley: The
Bostonian Cult of Classicism: The Reception
of Goethe and Schiller in the Literary Reviews
of the North American Review, Christian Examiner, and the Dial, 1817-1865. In: The Fortunes of German Writers
in America: Studies in Literary Reception.
Ed. by Wolfgang Elfe, James Hardin, and Gunther
Holst. South Carolina 1992. S. 27-40.
