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Der fremde Goethe. Die Deutschen und ihr Dichter


Prof. Lothar Ehrlich, Weimar



     Die nationale Wirkung Goethes in Deutschland setzte mit der Veröffentlichung der Leiden des jungen Werthers im Jahre 1774 mit größter Intensität ein, da dieser Roman unmittelbar die Mentalitätslage des zeitgenössischen Lesepublikums und der Literaturkritik traf.  Am Anfang stand also durchaus kein der Nation "fremder" Dichter, sondern ein von den intellektuellen Eliten begeistert als "eigener" empfundener, mit dessen Lebensgefühl sie sich identifizierten.  In Dichtung und Wahrheit hat Goethe über diese wirkungsästhetische Situation geschrieben: "Denn wie es nur eines geringen Zündkrauts bedarf, um eine gewaltige Mine zu entschleudern, so war auch die Explosion, welche sich hierauf im Publicum ereignete, deßhalb so mächtig, weil die junge Welt sich schon selbst untergraben hatte, und die Erschütterung deswegen so groß, weil ein jeder mit seinen übertriebenen Forderungen, unbefriedigten Leidenschaften und eingebildeten Leiden zum Ausbruch kam."1

     Die sensationelle nationale wie internationale Aufnahme des Romans begründete Ludwig Tieck 1828 mit folgenden Worten: "Ein Dichter ist darum noch nicht da, wenn er geschrieben hat oder gedruckt ist; das haben alle Zeitalter bewiesen.  Ein Element, eine geistige Aufregung, ein Bedürfnis nach ihm, ein Hungern und Dürsten nach seinen Herrlichkeiten muß schon da sein, dann nur kann er wirken und andere Bedürfnisse des Geistes wecken, um auch diese zu befriedigen."2  In ähnlicher Weise, wenn auch nicht mit gleichem Erfolg, hatte Goethe den zeitgenössischen geistigen und ästhetischen Bedürfnissen mit seinem Geschichtsdrama Götz von Berlichingen (1773) entsprochen: die notwendige Überwindung des klassizistischen französischen Dramas und Theaters und die Hinwendung zu einer gleichermaßen genialisch wie volkstümlich definierten nationalen Kunst, die ihre Wurzeln nicht in der antiken Dramaturgie, sondern im elisabethanischen Volkstheater haben sollte.  In beiden Fallen kamen Goethes Intentionen des fruhen Sturm und Drang der Mentalität jener deutschen Eliten entgegen, die ihre Lebensansprüche nicht mehr nur mit (oft einseitig) aufgeklärter Rationalität, sondern vor allem mit hoher Emotionalität artikulierten.

     Der Werther-Roman entfaltete am Beispiel der Liebe im Kontext einer maximalen Selbstverwirklichungsbehauptung des Individuums in leidenschaftlicher Explosivität eine tragische Konstellation, die sich im erklärten Widerspruch zu gesellschaftlicher Normalität und Disziplin begriff.  Goethes frühe Dichtung wirkte derart aggressiv, daß die staatlichen und kirchlichen Ordnungsmächte gegen ihre enorme Wirkung anzugehen versuchten, weil sie die sittlichen und religiösen Grundlagen der Gesellschaft erschüttert sahen.  Eine regelrechte Werther-Krankheit kursierte damals in Deutschland.  Eine solche außergewöhnliche Breitenwirkung hat Goethe in seiner literarischen Entwicklung indessen nicht noch einmal erreicht.

     Zwischen 1775 und 1788, in seinem ersten Weimarer Jahrzehnt und während der Italienreise, blieb Goethe von der öffentlichen literarischen Kommunikation im wesentlichen abgekoppelt - abgesehen eben von anhaltender Werther-Rezeption. Und als er in den neunziger Jahren mit neuen Produktionen wieder in das nationale literarische Leben eintrat, zeigte sich sein Publikum enttäuscht, weil er mit seinen Dichtungen nicht mehr den Erwartungshorizont und den Geschmack der Leser traf.  In den folgenden Jahrzehnten verstärkte sich die Entfremdung Goethes vom deutschen Publikum, ließ das Interesse an seinen Werken nach.  Gleichzeitig wurde er jedoch von den geistigen Eliten zum "Statthalter des poetischen Geistes auf Erden",3 wie Novalis im Athenäum verkündete, stilisiert, und dies bei aller gleichzeitig einsetzenden Opposition.

     Die Distanz Goethes zu seinen früheren Lesern und damit die entstehende Fremdheit in der deutschen Nation, thematisierte der Dichter in der zweiten Römischen Elegie (und zwar in einer nicht veröffentlichten Variante), in der er sich nicht nur vom Werther und der zeitgenössischen Rezeption abgrenzte, sondern insgesamt von seiner fruhen Lebens- und Schaffensepoche:

"Fraget nun wen ihr auch wollt! mich werdet ihr nimmer erreichen
Schöne Damen und Herren der feineren Welt!
Ob denn auch Werther gelebt? ob denn auch alles fein wahr sey?
Welche Stadt sich mit Recht Lottens der Einzigen rühmt?
Ach, wie hab ich so oft die thörigten Blätter verwünschet,
Die mein jugendlich Leid unter die Menschen gebracht.
Wäre Werther mein Bruder gewesen, ich hätt ihn erschlagen,
kaum verfolgte mich so rächend sein trauriger Geist."4

     Die Verabschiedung des Sturm und Drang und damit auch des extrem emotionalen Werther während der Italienreise und die Neugewinnung geistiger, ästhetischer, auch strategischer Positionen in den neunziger Jahren schloß allerdings eine weitgehende Reduzierung früherer Wirkungspotentiale ein, wodurch Goethe dem deutschen Publikum "fremder" wurde.  Schon ein zeitgenössischer Rezensent hat die Diskrepanz zwischen erklärter Absicht und tatsächlicher Wirkung Goethes in einer Besprechung von Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795) benannt: "Die Aufmerksamkeit des Publikums war nicht wenig auf die Erscheinung desselben gespannt, und es war dazu berechtigt, durch jenes frühere Kunstwerk, welches derselbe Dichter in seiner Jugend, in der nämlichen Gattung, so unnachahmlich schön dargestellt hatte, und welches von allen gebildeten Nationen mit ungeteiltem Beifall aufgenommen ward.  Die Hoffnung, etwas dem ähnliches in dieser neuen Dichtung zu finden, wird man jedoch in mehr denn einer Hinsicht getäuscht finden.  Ein so großes Publikum, als Werther gefunden hat, wird 'Meister' nie gewinnen."5

     Dies allerdings war die Wahrheit, und sie sollte es bleiben.  Andererseits hoben die Frühromantiker gerade die geschichtliche Bedeutung und den nationalliterarischen Rang des Wilhelm Meister hervor und stellten ihn in Hinblick auf die bürgerlich-moderne Individual- und Gesellschaftsproblematik in einen Zusammenhang mit der französischen Revolution.  An diese programmatische Wertschätzung hat die deutsche Rezeption freilich nicht anknüpfen können.  Allzusehr kollidierte Goethes universelle Intention, die zu sehr komplexen ästhetischen Gestaltungsweisen führte, mit den Erwartungen des Publikums, die der Dichter seinerseits immer entschiedener ignorierte.

     Das betrifft nun erst recht den späten Goethe und seinen symbolisch-allegorischen Darstellungsstil, etwa in Faust. Der Tragödie zweiter Teil oder in Wilhelm Meisters Wanderjahre oder Die Entsagenden.  Der eingeschriebene Verständnishorizont dieser aufs Gesetz allen Seins und aller Entwicklung zielenden Dichtungen verstieß gegen die unentwickelten Lesegewohnheiten des Publikums, natürlich nicht nur des deutschen.  Von daher mußte der größte Dichter seiner Nation subjektiv eigentlich immer fremder werden, obwohl er später objektiv ihren kulturellen Identitätsbestrebungen diente.  Hier schon war also ein Problem der deutschen Goethe-Rezeption angelegt, das sich immer weiter verschärfte: der Widerspruch zwischen nationaler Relevanz des Dichters und realer Wirkungslosigkeit seiner Werke, vor allem als es seit der Grundung des deutschen Kaiserreichs 1871 zu einer stärkeren, auch offiziellen Aneignung kam.

     In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es in Deutschland zwar auch schon Formen eines Goethekults, etwa bei Rahel und Karl August Varnhagen von Ense, doch in der Romantik, der revolutionär-demokratischen Literatur, aber auch bei Jean Paul, Kleist und Hölderlin und schließlich im Vormärz war eher eine kritische Haltung charakteristisch.  In der politisch, volkstümlich und auch operativ orientierten Literatur nach der Juli-Revolution von 1830, zumal in der entstehenden biedermeierlichen und vormärzlichen Massenliteratur wurde Goethes "klassisches" kulturelles Dichtungsprogramm abgelehnt.  Aber auch die die nationalliterarische Entwicklung in ihren Spitzenleistungen prägenden Schriftsteller des Vormärz nahmen zumeist ein ablehnendes Verhältnis zu Goethe ein, dessen Stellung schon in den zwanziger Jahren verbreitet als anachronistisch empfunden wurde.  Das betrifft Ludwig Börne und das "Junge Deutschland" genauso wie Georg Büchner, Christian Dietrich Grabbe und Heinrich Heine, der den literarischen Umbruch in Deutschland wiederholt markierte: "Meine alte Prophezeiung von dem Ende der Kunstperiode, die bey der Wiege Goethes anfing und bey seinem Sarge aufhören wird, scheint ihrer Erfüllung nahe zu seyn.  Die jetzige Kunst muß zu Grunde gehen, weil ihr Prinzip noch im abgelebten, alten Regime, in der heiligen römischen Reichsvergangenheit wurzelt."6

     Im Kontext dieses Wandels der Funktion und Wirkung der Literatur, und Heine ist nur ihr größter nationalliterarischer Repräsentant, geriet Goethe immer mehr ins Abseits, und viele Schriftsteller vollzogen einen radikalen Traditionsbruch.  Nur einige Autoren - wie Friedrich Hebbel7 oder Karl Immermann8 - versuchen eine Anknüpfung und Fortführung der klassischen Tradition.  Die Deutschen selbst lasen Goethe in dieser Zeit nur wenig, zumal die im Vormärz einsetzende Medialisierung zu einer weiteren Konzentration des Leserinteresses auf Zeitschriften und Zeitungen führte.  Goethe war aus dem öffentlichen kollektiven Gedächtnis der Deutschen in den Jahrzehnten vor der Reichsgründung von 1871 nahezu verschwunden.

     Für das erste Goethe-Gedenkjahr, zu seinem 100. Geburtstag 1849, gilt daher was Viktor Hehn 1887 in seiner Untersuchung ?Goethe und das Publikum" festgestellt hat: "[...] das hundertste Jahr nach Goethes Geburt bezeichnet den tiefsten Stand seines Ansehens in der Nation: es war von der Nichtachtung fast bis zur Verachtung gesunken."9  Goethe war, vor allem wegen seiner schwer verstandlichen Dichtungsweise, die durch die Opposition in Romantik und Vormärz nicht zugänglicher wurde, zu einem fremden Dichter der Deutschen geworden, die nach der gescheiterten Revolution von 1848 sich vornehmlich auf Schiller als identitätsstiftende Kultfigur konzentrierten, und dies besonders im Gedenkjahr 1859.10

     Allerdings war im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach bereits zwei Jahre früher - 1857 - zum 100. Geburtstag von Goethes Freund, dem Großherzog Carl August, mit dem von Ernst Rietschel geschaffenen Doppeldenkmal ein Bauwerk errichtet worden, das nach 1871 und nach Gründung der Weimarer Institute 1885 zu der nationalen Kultstätte in Deutschland avancieren sollte.11  Fortan bildeten beide Dichter zusammen das Symbol nationaler Klassikerverehrung, die sich zudem immer stärker auf den Ort Weimar festlegte.  Die Gründung des Goethe-Nationalmuseums, des Goethe-Archivs (sehr bald Goethe- und Schiller-Archiv) und der Goethe-Gesellschaft 1885 und der Beginn der Arbeiten an der sog. ?Sophienausgabe" impulsierten die dynastische und bürgerliche Rezeption, die den Dichter immer mehr zu einem "Olympier" stilisierte, zum Repräsenten eines humanen "Geistes von Weimar", der sehr bald als Topos einem politischen "Geist von Berlin" gegenübergestellt wurde.

     Auch Gustav von Loeper sprach auf der Hauptversammlung der Goethe-Gesellschaft 1890 in diesem Sinne über "Berlin und Weimar"12 und kündigte an, daß die literarische Vereinigung durch wissenschaftliche und kulturelle Tätigkeit Politik und Kultur, Macht und Geist zu vermitteln bestrebt sei.  Daraus wurde freilich nichts.  Immer deutlicher stellte sich vielmehr heraus, daß die politische und die mentale Entwicklung im Kaiserreich, bei aller Inanspruchnahme Goethes, in eklatanten Widerspruch geriet zur Humanität seines Werkes.  In den Jahrzehnten vor 1900 setzte sich der Prozeß der Entfremdung der Deutschen von Goethe fort, und dies trotz staatlich begünstigter gesellschaftlicher und individueller Rezeption, zumal im deutschen Bildungsbürgertum.  Schon 1880 hatte Friedrich Nietzsche, der als ein ausgezeichneter Goethekenner gelten darf, im Nachtrag zu Menschliches, Allzumenschliches die Befürchtung ausgesprochen, daß Goethe "in der Geschichte der Deutschen ein Zwischenfall ohne Folgen"13 bleiben würde.  Und der radikale Kritiker nicht nur des deutschen Kaiserreichs, sondern auch der Deutschen und ihrer ambivalenten Mentalität sollte leider Recht behalten, jedenfalls bis 1945.

     Der heroisch-kultische Rekurs auf Goethe und sein objektiv und gemeinschaftlich determiniertes Tatethos geriet real in einen gravierenden Gegensatz zur politischen Geschichte der deutschen Nation.  Seine Aneignung durch das deutsche Bürgertum vollzog sich im Kontext des modernen Zivilisationsprozesses, der auch in Deutschland zu spezifischen Ausprägungen führte und dabei die Fremdheit Goethes bestätigte.  Für die Entwicklung im Kaiserreich war signifikant eine "Verschiebung der Priorität von humanistischen, moralischen Idealen und Werten [...] zu nationalistischen Wertungen", die letztlich in einer "Unterordnung moralischer oder menschheitlicher Werte unter nationale Werte" kulminierte.14  Die Realität der nationalen Identitätssuche der Deutschen ließ den humanen, liberalen und weltbürgerlichen Geist der Weimarer Klassik nicht zur gesellschaftlichen Wirksamkeit gelangen.  Vielmehr triumphierte im wirtschaftlich und am Ende auch kriegerisch expandierenden Reich nicht der "Geist von Weimar", sondern der "Geist von Berlin" bzw. "Geist von Potsdam", der Geist des preußischen Militarismus.  Die Aporien deutscher Politik und Kultur bestimmten auch den Umgang mit Goethe, der die Identität Deutschlands symbolisieren sollte, obwohl die Nation sich habituell von ihm entfernte.

     Die Paradoxie der politischen Instrumentalisierung Goethes und seiner Fremdheit im Kaiserreich war freilich nicht eine temporäre Erscheinung, sondern führte am Ende in die extrem inhumane Praxis des Dritten Reichs.  Und der fremde, aber immer verehrte Goethe sollte diesen Weg ständig begleiten.  War in diesem Sinn die Divergenz von proklamierter Goethe-Rezeption und politischer und mentaler Entwicklung mit dem Ersten Weltkrieg auf einen Hohepunkt gelangt, so stellte die Geschichte der Weimarer Republik den letztlich gescheiterten Versuch dar, klassische Humanität praktisch zur Geltung zu bringen.  Friedrich Ebert hatte am 6. Februar 1919 in seiner Rede vor der Nationalversammlung im Deutschen Nationaltheater eben diesen Anspruch verkündet: "[...] müssen wir hier in Weimar die Wandlung vollziehen, vom Imperialismus zum Idealismus, von der Weltmacht zur geistigen Größe [...]  Jetzt muß der Geist von Weimar, der Geist der großen Philosophen und Dichter, wieder unser Leben erfüllen."15

     Daß sich die Weimarer Republik von diesen ohnehin überzogenen staatsutopischen Vorstellungen sehr bald verabschiedete, aus welchen wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Gründen, innen- wie außenpolitischen, auch immer, zeigte sich beizeiten und besonders eindringlich an Goethes Wirkungsstätte - in Thüringen und seiner Hauptstadt Weimar.  Hier war schon seit der Jahrhundertwende der Gegensatz von Goethe-Kult und tatsächlicher Entfernung von seinem Werk gravierend hervorgetreten.  Denn gerade diese Stadt war zum Anziehungspunkt konservativer, völkischer und nationalistischer, auch antisemitischer Milieus geworden, die sich hier, gerichtet gegen den gesellschaftlichen Modernisierungsprozeß in den politischen und industriellen Metropolen Deutschlands, niederließen.  Die Übersiedlung von Adolf Bartels 1896 aus Berlin gab dazu das Signal.  Von den national bekannten Intellektuellen wäre vor allem Friedrich Lienhard zu nennen, dessen Wege nach Weimar. Beiträge zur Erneuerung des Idealismus (1908) den Dichter und die Stadt zu einem Refugium erhoben, von dem aus eine stille Besinnung auf klassische Werte erfolgen sollte, die in Thuringen vorzüglich völkisch und nationalistisch fundiert werden konnte.  Hier wurde der den Deutschen fremde Goethe als ein intimer Vertrauter empfunden und mißverstanden.  Diese scheinbar unpolitische, auf die humanen Werte gerichtete, national-konservativ orientierte Rezeption dominierte insgesamt im Bildungsbürgertum, auch in Weimar mit seinen bedeutenden kulturellen und wissenschaftlichen Erinnerungsstätten und den ständigen nationalen Erbeinszenierungen.

   Den in der Weimarer Republik fremden Goethe dokumentierten zumal die Feiern zu seinem 100. Todestag 1932, unmittelbar vor Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur.  Zwar beabsichtigten die vom Reich organisierten, international angelegten Veranstaltungen, gleichsam vor dem Ende der Republik nochmals Goethes Humanität und Liberalität, auch sein Weltbürgertum zu zitieren, doch wurde offensichtlich, daß alle Versuche, den "Geist von Weimar" gesellschaftlich zu realisieren, bereits gescheitert waren.  Obwohl die Deutschen den Dichter als ihr großes humanes Vorbild feierten, blieb er ihnen weiter fern, und die Republik lag in ihren letzten Zügen.  Die Thüringer NSDAP, die schon seit 1930 staatliche Kultur- und Erbepolitik betrieb,16 boykottierte die nationale republikanische Festlichkeit und propagierte und inszenierte einen völkischen Goethe.  Adolf Bartels etwa veröffentlichte: Goethe der Deutsche und Goethe und der Nationalsozialismus.

     Thomas Mann charakterisierte in seiner "Goethereise" die Atmosphäre in der Stadt der deutschen Klassik am Ende der Weimarer Republik: "Ganz eigenartig berührte die Vermischung von Hitlerismus und Goethe.  Weimar ist ja eine Zentrale des Hitlerismus.  Überall konnte man das Bild von Hitler bzw. in nationalsozialistischen Zeitungen ausgestellt sehen.  Der Typus des jungen Menschen, der unbestimmt entschlossen durch die Stadt schritt und sich mit dem römischen Gruß grüßte, beherrscht die Stadt."17  Aber nicht nur die Jugend Weimars und Deutschlands war, um Max Kommerell zu zitieren, "ohne Goethe".18  Die Feststellung traf wohl auf die Mehrheit der Deutschen zu, die 1933 nicht rationalen aufklärerischen Werten, sondern irrationalen nationalsozialistischen Parolen folgten.  Sollte sich Nietzsches Prophezeiung vom "Zwischenfall ohne Folgen" erneut bestätigen?  Leider ja.

     Die "Habitusentwicklung" der Deutschen führte im Dritten Reich nun zum vollständigen "Zusammenbruch der zivilisatorischen Selbstkontrollen"19, und dies war wiederum von politisch instrumentalisierter Rezeption Goethes begleitet.  Seine paradoxe Wirkungsgeschichte erfuhr in diesem geschichtlichen Kontext ihre extreme Ausprägung, insofern aber auch ihren Endpunkt.  Zu keinem Zeitpunkt war Goethe den Deutschen so fern und so fremd wie in der Zeit des Nationalsozialismus, sieht man von Vertretern des antifaschistischen Widerstandskampfes und der "inneren Emigration" ab.  Freilich gab es auch zwischen 1933 und 1945 in Deutschland eine produktive individuelle Beschäftigung mit Goethe, etwa bei humanistischen Gelehrten und Bildungspraktikern wie Max Kommerell,20 Wilhelm Flittner, Reinhard Buchwald und Hermann Nohl oder Schriftstellern wie Hans Carossa, der 1938 auf einer Hauptversammlung der Goethe-Gesellschaft über "Wirkungen Goethes in der Gegenwart" sprach.  Die Tätigkeit dieser bedeutendsten deutschen literarischen Gesellschaft in Weimar und in den Ortsvereinigungen unter den Präsidenten Julius Petersen und Anton Kippenberg (seit 1938) im Spannungsfeld von Gleichschaltung und Verweigerung wäre speziell zu würdigen.21

     In der Öffentlichkeit des Dritten Reichs herrschte vor eine propagandistisch motivierte nationalsozialistische Verfälschung Goethes, die allerdings seine prinzipielle Nichtanschließbarkeit an die zeitgenössische Ideologie deutlich zu erkennen gab.  Der Dichter wurde, wie andere auch, vereinahmt, vor allem in Weimar, dem neben Bayreuth von den Nationalsozialisten am häufigsten mißbrauchten kulturellen Inszenierungsort.22  Hier fanden nicht nur die Jahrestagungen literarischer Gesellschaften statt, sondern auch regelmäßige Schriftstellertreffen, Wochen des Buches, Festspiele der Jugend u.a., die immer auch auf Goethe Bezug nahmen.  Ein besonders penetrantes Beispiel propagandistischen Misbrauchs stellt die Rede von Reichsjugendführer Baldur von Schirach "Goethe an uns" zur Eröffnung der "Weimar-Festspiele der deutschen Jugend" am 14. Juni 1937 dar, die in der Aufforderung gipfelte, dem Führer bedingungslos zu folgen: "Du [deutsche Jugend] handelst im Sinne des Mannes, dem du dienst, wenn du den Inhalt alles dessen, was der Begriff Weimar und Goethe umschließt, in dich aufnimmst und in deinem treuen und tapferen Herzen einschließt, damit du immer weißt, worum es geht, wenn du für Deutschland kämpfen mußt."23  Der Abstand zur aufklärerischen Humanität Goethe konnte nicht größer sein.

     Die prinzipielle geistige Fremdheit, die so extrem in der Geschichte seiner nationalen Wirkung noch nicht hervorgetreten war, blieb indessen den führenden Propagandisten der nationalsozialistischen Ideologie nicht verborgen, was sie freilich nicht hinderte, Goethe zu instrumentalisieren.  Um nur ein Beispiel dafur zu nennen. Im Mythus des 20. Jahrhunderts (1930) von Alfred Rosenberg, der zwar im "Faustischen" "das Wesen von uns" zu erkennen vermeint, ist diese fundamentale Distanz zu Goethe bestätigt: "In den kommenden Jahrzehnten jedoch wird er zurücktreten, weil ihm die Gewalt einer typenbildenden Idee verhaßt war und sowohl im Leben wie im Dichten keine Diktatur eines Gedankens anerkennen wollte."  Rosenberg prognostizierte daher, daß Goethe im ganzen "nicht ein Führer im Kampf um Freiheit und Neugestaltung unseres Jahrhunderts" sein werde.24  Trotzdem entstand eine Fülle propagandistischer Deutungen, die Rosenbergs Einsicht ignorierten und Goethe auf eine ?typenbildende Idee" festlegten.

   Neben dem Faust standen folgende Dichtungen im Zentrum des nationalsozialistischen Rezeptionsinteresses: Götz von Berlichingen, Die Leiden des jungen Werthers und Egmont als "das Deutscheste, was überhaupt in Deutschland geschaffen worden ist."25  Goethes "seherischer Blick in unsere Gegenwart" und dabei die Darstellung der am Wilhelm Meister orientierten ?Gemeinschaftserziehung im weitesten Sinne" wurde gerade in auf die Jugend gerichteten Propagandastrategien besonders akzentuiert: "Über Nacht ist das ganze deutsche Land heute eine große pädagogische Provinz geworden."26  Seine weltbürgerlichen Visionen erfuhren eine völkisch-nationale Verfälschung: "Goethe war während seines ganzen Lebens ein guter Deutscher, auch in seiner Altersperiode trotz Weltliteratur, Orientalismus und übervölkischem Sozialismus."27

     Die Jahre zwischen 1933 und 1945 markierten mithin den Tiefpunkt in der Geschichte der nationalen Goethe-Rezeption: die Deutschen hatten sich, trotz aller - ambivalenter - Bemühungen um sein Werk, nicht als "das Volk Goethes" erwiesen, wie es Richard Alewyn im Goethejahr 1949 in einer Vorlesung "Goethe als Alibi?"28 an der Universität Köln pointierte.  Dennoch wandten sich die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere im Umfeld des Jubiläums wiederum emphatisch ihrem Dichter zu, der ihnen in den letzten Jahrzehnten eigentlich fremd geblieben war.  Die sehr verbreitete Rückbesinnung auf die ethischen Werte der Weimarer Klassik, die man innerlich gerade nicht als Grundlage gesellschaftlicher Tätigkeit respektiert, aber äußerlich kulthaft verehrt hatte, wurde von dem jüdischen Emigranten Alewyn mit großer Entschiedenheit in Zweifel gezogen.

     Alewyn begann seine Vorlesung mit einer damals wohl einigermaßen unverständlichen Einleitung, die indessen die wesentlichen Zusammenhange der Aneignungsgeschichte Goethes seit 1871, aber auch das Verhältnis von Politik und Kultur in der deutschen Geschichte des ausgehenden 19. und vor allem des 20. Jahrhunderts thematisierte: "Es gibt wenig, was auf den Neuankömmling in Deutschland einen so besturzenden Eindruck macht, als die Unbekümmertheit, mit der man sich allerorten schon wieder anschickt, Goethe zu feiern, als ob dies für einen Deutschen die natürlichste Sache von der Welt wäre, als ob gar nichts geschehen wäre, oder als ob irgend etwas damit ungeschehen gemacht werden könne.  Wie war es doch das letzte Mal, damals vor siebzehn Jahren, als wir die Welt nach Weimar luden, um uns als das Volk Goethes akklamieren zu lassen?  Niemand sagte, kaum einer ahnte, was ein Jahr später jedem Kinde offenbar sein mußte, daß wir, seinen Tod feiernd, ihm in Wahrheit zum zweiten Mal und endgültig sein Grab geschaufelt hatten.  Meinen wir, er lasse sich heute, zu seinem zweihundertsten Geburtstag, ebenso leicht wieder ins Leben rufen?"29

Alewyn, der im Goethejahr 1932, als Nachfolger von Friedrich Gundolf, nach Heidelberg berufen, ein Jahr später entlassen und aus Deutschland vertrieben worden war, bezweifelte, daß die Deutschen, nachdem sie mit dem Zweiten Weltkrieg und der Vernichtung der Juden Goethe "endgultig sein Grab geschaufelt" hatten, den ihnen somit fremd gebliebenen Goethe überhaupt noch "feiern" dürften.  Eine künftige Beschäftigung mit Goethe jedenfalls hätte von einer Maxime auszugehen, die im Vorfeld seines 250. Geburtstages, also in diesem Jahr, mindestens in der Kulturstadt Europas die Gemüter heftig erregt hat: "Zwischen uns und Weimar liegt Buchenwald."  So verständlich die gesamtdeutsche Goethe-Verehrung nach 1945 auch gewesen sein mag, Alewyn verwies damals wohl ziemlich als einziger auf deren neuralgischen Punkt: "Man kann natürlich jederzeit erklären, mit dem deutschen Volks nichts mehr zu tun zu haben.  Man kann auch daraus die Frage aufwerfen, wieviel eigentlich Goethe mit den Deutschen zu tun habe.  Was aber nicht geht, sich Goethes zu rühmen und Hitler zu leugnen.  Es gibt nur Goethe und Hitler, die Humanität und die Bestialität.  Es kann, zum mindesten für die heute lebenden Generationen, nicht zwei Deutschlands geben.  Es gibt nur eines oder keines."30

     Zielten diese mahnenden Worte vor allem auf den Umgang der Deutschen mit ihrer Verantwortung für die nationalsozialistische Herrschaft, so dürften sie gleichwohl auch heute noch von Brisanz sein, in einer Zeit erneuter öffentlicher Erinnerung an das Dritte Reich, an die Rolle der geistigen Eliten in den zwei deutschen Diktaturen im 20. Jahrhundert.  Andererseits konnte es sein, daß sich für die "heute lebenden Generationen" die Lage grundlegend verschoben hat, daß nicht mehr so sehr "Buchenwald" zwischen uns und "Weimar" liegt, sondern daß "Buchenwald" in der Öffentlichkeit präsenter ist als Goethe (vom Jubiläum 1999 einmal abgesehen), zwischem dem und uns nun vor allem die extrem medialisierten Erlebnisrituale einer beschleunigten Gesellschaft liegen?  Bruno Preisendörfer schließt im "Freibeuter" die jüngste Reflexion der Maxime Alewyns mit folgender Sentenz ab: "Zwischen Weimar und uns liegt nicht mehr der Weg über den Ettersberg, sondern der um die multikulturindustrielle Welt."31

     1945 indessen wandten sich die Deutschen ihrem fremden Dichter vehement zu, nachdem sie es mindestens zugelassen, wenn nicht sogar schuldhaft mit zu verantworten hatten, daß Goethes Gesinnung, daß der "Geist von Weimar" seiner humanen Substanz endgültig beraubt und durch eine bestialische Praxis pervertiert worden war.  Nicht die Humanität, sondern die Inhumanitäat hatte in der deutschen Geschichte triumphiert.  Nun wandte man sich, im Gefühl der Befreiung vom Nationalsozialismus, dem fremd gebliebenen Goethe zu.  Zugleich trat in den Debatten über die deutsche Vergangenheit die Tendenz wieder hervor, den Klassiker und seine Wirkungsgeschichte von der verhängnisvollen Geschichtsentwicklung, Goethe von Hitler abzutrennen, als ob beides nichts miteinander zu tun hätte.  Jetzt, nach der Zerschlagung der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland, könnte die "Heimkehr zu Goethe", so der Titel eines Aufsatzes von Frank Thiess von 1946, stattfinden, aber ohne das aus der Geschichte Konsequenzen gezogen wurden.  Daß die politische Inanspruchnahme Goethes durch Kaiserreich und Drittes Reich, auch die national-konservative Aneignung durch das deutsche Bildungsbürgertum im Milieu eines kulturellen "Extremismus der Mitte" den Mentalitätswandel der Deutschen mitgeprägt hatte, wurde ebenso ausgeblendet wie eine Mitverantwortung für die Diktatur.  Thiess schrieb damals im Kontext der Auseinandersetzung zwischen den Vertretern der "inneren" und der "äußeren" Emigration: "Ich behaupte und stehe unbedingt zu dieser Behauptung, daß es allein Goethes Geist gewesen ist, der die totale Vergiftung und Selbstzerstorung des deutschen Volkes verhinderte. Aus seinem Geiste heraus erfolgte nicht nur der Kampf der besten Emigranten, sondern auch jene Männer und Frauen, die ich der inneren Emigration zuzähle [...]  Es ist [...] nie so viel Goethe gelesen worden wie in den letzten zwölf Jahren [...]."32

     Daß diese Ansicht die skizzierten Zusammenhänge von Goethe-Aneignung und Mentalitätswandel in Deutschland ignorierte oder verdrängte, war für die Nachkriegssituation symptomatisch, zumal Goethe tatsächlich nichts "verhinderte" hatte und wohl auch nicht hätte verhindern können.  Die Deutschen waren ihm nicht nur fremd geblieben, sondern hatten mehrheitlich bewußte Entscheidungen gegen Aufklärung und Humanität getroffen.  Im Goethejahr wurde dieser Gedanke vor allem von Franz Böhm, dem Rektor der Frankfurter Goethe-Universität, hervorgehoben: "So groß der Einfluß ist, den Goethe auf das Denken, Fühlen und Urteilen zahlloser Deutscher ausgeübt hat, so viel er dazu beigetragen hat, die Deutschen sich als Volk ihrer selbst bewußt werden zu lassen, so ist doch, wie ich glaube, in den Habitus unseres geselligen, bürgerschaftlichen, öffentlichen Lebens wenig Goethesches eingegangen."33  Die Deutschen hätten sich, also auch für Böhm, "nicht als ein Volk Goethes" erwiesen.  Dies war vorsichtig, aber klar formuliert, und zwar nicht von einem Schriftsteller oder Germanisten, sondern von einem Juristen.  Auch Karl Jaspers hatte bereits in seiner Goethe-Preis-Rede ?Unsere Zukunft und Goethe" von 1947 davon gesprochen, daß die kulthafte, geschichtlich wirkungslose Aneignungsweise Goethes durch die Deutschen revidiert werden müßte.34  Trotzdem knüpften die verschiedenen Goethebilder in der Bundesrepublik im wesentlichen an die affirmative und unpolitische nationale Rezeption der Vergangenheit an.  Erst in den späten sechziger Jahren vollzog sich hier im Zusammenhang mit einer kritischen Befragung der Adenauer-Ära und ihrer geschichtlichen Traditionsbildung durch die junge Generation ein gesamtgesellschaftlicher Bruch, der auch das auf einen anscheinend "vertrauten" Goethe zielende Verständnis erschütterte.  Erst zu dieser Zeit setzte sich ein freier, pluralistischer Umgang mit dem Dichter durch, der nun allerdings wiederum stärker in seiner Fremdheit begriffen wurde.  Man kritisierte nun an Goethe vor allem die (unterstellte) Neigung, "sich nach oben zu flüchten: ins Allgemein-Menschliche, zum Idealisch-Erhabenen, zur Autonomie der Schönheit, um dort in Ideen und poetischen Visionen das Leitbild des wahren Menschentums zu feiern."35

     In der westdeutschen Gesellschaft fand also nach 1968 ein Paradigmenwechsel statt - gegen die Klassik und einen literarischen Kanon überhaupt, zumal gegen Goethe, dessen kulturelles Programm als eine anachronistische ästhetische Strategie denunziert wurde.  Seitdem dominierten, bei aller Pluralität und regionalen Differenziertheit, in der Öffentlichkeit, an den Universitäten, in den Theatern und in den Gymnasien Bilder eines fremden Goethe, der überdies gegen die zeitgenössische Moderne ausgespielt wurde.  Die im 20. Jahrhundert fortschreitende "Enteignung" des deutschen Bürgertums von seinen Bildungs- und Kulturwerten36 traf gerade jenen Dichter am gründlichsten, den die Deutschen hundert Jahre für den ihren gehalten hatten, ohne allerdings seine Humanitätskonzepte in ihrem politischen Wirken durchgesetzt zu haben.  Nun sollte ohnehin mit solchen forcierten Annahmen Schluß sein.  Es entwickelte sich eine moderne, multikulturelle Gesellschaft, in der Goethe nicht nur keine normsetzende Funktion mehr hatte, sondern überhaupt keine, und speziell das Wort Max Kommerells von der "Jugend ohne Goethe" gilt unter verÚnderten geschichtlichen Bedingungen weiter.  Die Frage, ob man versuchen sollte, den fremden Goethe in die postmoderne Geschäfts- und Spaßgesellschaft wiedereinzuführen, wird zumeist verneint.  Eine Ausnahme bildet wohl das Jahr seines 250. Geburtstags, in dem es geradezu einen sensationellen Goethe-Boom gibt, der sich indessen oft nicht so sehr auf die Werke richtet, obwohl sie in der Frankfurter und in der Münchner Ausgabe ediert und für heutige Bedürfnisse vorzüglich kommentiert sind, sondern auf die vermeintlich spektakulären Widersprüche der Gestalt des Dichters und seines gesellschaftlichen Umfelds gerade in Weimar.37

     Eine ganz andere Entwicklung nahm die Goethe-Rezeption im Osten Deutschlands, in der DDR.  Dieser Staat war geprägt durch einen in der deutschen Geschichte singulären programmatischen Bezug auf die Weimarer Klassik und speziell auf Goethe, und zwar nicht nur in dem Sinne, daß seine Werke Muster für die Entstehung der sozialistischen Kultur aus dem "Geist von Weimar" darstellten.  Vielmehr verband sich mit der staatlich gelenkten Aneignung sogar die gesellschaftliche Aufgabe, einen "neuen Menschen" für ein "neues, sozialistisches Deutschland" zu bilden und zu erziehen.  Goethe sollte dabei zum "Gemeingut der ganzen Gesellschaft" werden.38  Bei allen Wandlungen der offiziellen öffentlichen und und nicht-öffentlichen, individuellen Goethe-Bilder galt grundsätzlich, daß dieser immer als ein verwandter, keineswegs als fremder Dichter begriffen wurde.  Und dies war der neuralgische Punkt in der Vision von der klassischen deutschen Tradition: die behauptete und maßlos überinterpretierte geistige und ästhetische Nähe von Weimarer Klassik und sozialistischer Gesellschaft.  Goethe wurde insofern zu einer identitätsstiftenden Legitimationsfigur, allerdings nicht nur als Ausdruck vordergründiger Propaganda, sondern der festen Überzeugung, daß die aufklärerisch-klassische Kunst eine Vorstufe für die sozialistische Kultur- und Gesellschaftsentwicklung darstellt.  Diese Konstruktion ist nur dann einigermaßen zu verstehen, wenn die Bedeutung Goethes in der marxistischen Philosophie, in der deutschen Arbeiterbewegung und im antifaschistischen Widerstandskampf (auch in der Koalition etwa mit Thomas Mann) als Fundament für das Erbeverständnis der DDR berücksichtigt wird.

     Der verwandte Goethe repräsentierte den deutschen Gipfelpunkt eines Stranges "progressiver" kulturgeschichtlicher Entwicklung seit der Antike und der Renaissance, die im 19. und 20. Jahrhundert allenfalls von großen kritischen Realisten wie Balzac und Thomas Mann fortgeführt wurde.  Ihr gegenüber stand eine "reaktionäre" Linie, die, um bei der deutschen Literatur zu bleiben, in der Romantik einsetzte und in die "dekadente" bürgerliche Moderne führte.  Diese von Georg Lukács im Exil entworfene schematische Aufspaltung eines ganzheitlichen geistig-kulturellen Prozesses in "Fortschritt und Reaktion"39 grundierte die systematisch betriebene "Erbeaneignung" in der DDR.  Während ein von seinen Widersprüchen gereinigter Goethe als etwas Eigenes betrachtet und deshalb in den Mittelpunkt gerückt wurde ("Goethe- Zentrismus"), blieben die Romantik und die Moderne außerhalb des verordneten Erbehorizontes.  Die Aneignung des "progressiven" Goethe wurdeüberdies mit dem anmaßenden Ziel betrieben, seine humanistischen Ideale in der DDR zu realisieren, "zu vollstrecken".  Die sog. "Vollstreckertheorie" prägte die Goetherezeption in den fünfziger und sechziger Jahren, in der Zeit der Herrschaft Walter Ulbrichts, der die DDR als die Verwirklichung des faustischen Strebens begriffen und mehrfach davon gesprochen hat, daß die Werktätigen der DDR den "Dritten Teil" von Goethes Dichtung durch ihre gesellschaftliche Tätigkeit schrieben.  So versuchte er 1958 auf einer Tagung die sozialistische Entwicklung in der DDR mit folgenden Worten programmatisch zu umreißen: "Wenn ihr wissen wollt, wie der Weg vorwärts geht, dann lest Goethes Faust und Marx' Kommunistisches Manifest."40

     In den frühen siebziger Jahren wurden im kulturpolitischen Verständnis neue, kritische Akzente gesetzt, die an die dialektischen, auch Fremdheit artikulierenden Intentionen von Brecht und Hanns Eisler anknüpften, die bereits in der frühen DDR - in der Urfaust-Inszenierung 1952/53 und in der Oper Johann Faustus (1953) - ihren künstlerischen Ausdruck gefunden und seitdem besonders die Erbeexperimente auf dem Theater geprägt hatten.  Immer stärker traten in den Künsten und in der Literaturwissenschaft kritische Tendenzen hervor, die eine Identifizierung mit Goethe abwehrten und die historischen Widersprüche und Bedingtheiten seiner Existenz und damit eine partielle Fremdheit der Werke hervorhoben.  Trotzdem blieb Goethe bis zuletzt privilegierter Gegenstand innerhalb des fixierten literarischen Kanons.  In seiner Aneignung - von den Künsten bis zum Literaturunterricht wäre im einzelnen zu differenzieren - dominierten auch in den siebziger und achtziger Jahren auf gesellschaftliche "Aktualität" insistierende oder gar aktualisierende Lesarten, die essentielle Momente von Goethes Denken und Dichten wegen ihrer Fremdheit entweder ausblendeten oder als anscheinend eigene umwerteten.

     Die Defizite solch verkürzter, umgedeuteter sozialistischer Bilder bezogen sich vor allem auf Goethes späte konservative evolutionäre Haltung gegenüber dem gesellschaftlichen Prozeß, seine dezidiert kritische Beurteilung von Geschichte und Politik, sein ambivalentes Verhältnis zum ökonomischen und technischen Fortschritt, seine tiefe Skepsis gegenüber einer durch politischen Aktivismus veränderten und beschleunigten modernen Entwicklung, sein Bekenntnis zur Notwendigkeit einer religiösen oder mindestens metaphysischen Fundierung individuellen und gemeinschaftlichen Seins, auf seine Abneigung gegenüber geschlossenen weltanschaulichen Konzepten oder gar Ideologien, die seinem konsequenten Empirismus in der Einheit von "Denken und Tun" widersprachen, auf ethische Grundwerte wie Freiheit, Liberalität, Pluralität, Humanität.  Der Dissens zwischen der sozialistischen Gesellschaftspraxis und Goethes universellem Bildungsprogramm konnte allerdings nicht verhindern, daß das Erbe des auch in dieser Gesellschaft in vielem fremden Goethe im Sinne des Marxismus ?verwandelt und weiter fortgebildet"41 und dabei durch Projektionen zu etwas "Eigenem" werden sollte.

     Am Ende bleibt die Frage: Wie sollten die Deutschen heute mit Goethe umgehen, dessen Fremdheit trotz anhaltender nationaler Rezeption auch in der Gegenwart immer wieder akzentuiert wird?  Wäre es am Ende des "Jahrhunderts der Extreme"42 nicht erst recht möglich, sich mit seinen Welterfahrungen kritisch-produktiv auseinanderzusetzen, ohne wiederum in überzogene und ambivalente Tendenzen seiner Rezeption vom Kaiserreich bis in die DDR zu verfallen, Goethe als "Eigenes" zu suggerieren?  Daß die Aneignung dieses Klassikers den gravierenden Habituswandel der Deutschen, der in den Zweiten Weltkrieg führte, nicht aufhalten oder verhindern konnte, spräche wohl grundsätzlich nicht gegen ein erneutes Interesse an seinen Werken.  Eine solch tiefgreifende, gegen Irrationalität und Inhumanität resistente Wirkung des Dichters auf die Deutschen war wohl ohnehin nicht zu erwarten gewesen, denn dies hätte die Möglichkeiten kultureller Einflußnahmen ohnehin weit überschätzt.  Aber vielleicht könnte man Goethe in seiner geschichtlichen Feme belassen und zugleich bestrebt sein, seine Werke im Hinblick auf ihre Nähe oder, um es anders zu sagen, auf ihre "Modernität" zu befragen.


Anmerkungen

1 Goethes Werke. Herausgegeben im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen (WA). I. Abt., Bd. 28. Weimar 1890, S. 227 f.

2 Goethe im Urteil seiner Kritiker. Dokumente zur Wirkungsgeschichte Goethes in Deutschland. Teil 11773-1832. Herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Karl Robert Mandelkow. München 1975, S. 423. Auf diese vorzügliche vierbändige Sammlung ist grundsätzlich hinzuweisen: Teil II 1832-1870, Teil III 1870-1918, Teil IV 1918- 1982 (München 1975-1984). Vgl. auch Mandelkows zweibändige Darstellung Goethe in Deutschland. Rezeptionsgeschichte eines Klassikers. München 1980, 1989.

3 Goethe im Urteil seiner Kritiker (wie Anm. 2), Teil I, S. 170.

4 WA, I.Abt., Bd. l. Weimar 1887, S. 413.

5 Vgl. Goethe im Urteil seiner Kritiker (wie Anm. 2), Teil I, Text 36.

6 Heinrich Heine: Säkularausgabe. Werke. Briefwechsel. Lebenszeugnisse. Bd. 7. Berlin, Paris 1970, S. 49.

7 Vgl. Joachim Müller: Das Goethebild Friedrich Hebbels. In: Hebbel-Jahrbuch 1965, S. 91-128; Lothar Ehrlich: Hebbel zwischen Klassik und Moderne. In: Hebbel. Mensch und Dichter im Werk. Hrsg. von Ida Koller-Andorf unter Mitarbeit von Hilmar Grundmann. Wien 1992, S. 9-18 (=Schriftenreihe der Friedrich-Hebbel-Gesellschaft Wien, 4).

8 Vgl. Lothar Ehrlich: Immermanns Verhältnis zur Weimarer Klassik. In: Vormärz und Klassik. Hrsg. von Lothar Ehrlich, Hartmut Steinecke und Michael Vogt. Bielefeld 1999, S.81-97.

9 Karl Robert Mandelkow (wie Anm. 2), Bd. l, S. 85.

10 Vgl. Schiller-Zeitgenosse aller Epochen. Dokumente zur Wirkungsgeschichte Schillers in Deutschland. Herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Norbert Oellers. Teil I 1782-1859. Frankfurt a. M. 1970; Teil II 1860-1966. München 1976.

11 Vgl. Lothar Ehrlich: Das Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar. In: Das Kyffhäuser-Denkmal 1896-1996. Ein nationales Monument im europäischen Kontext. Herausgegeben von Gunther Mai. Köln, Weimar, Wien 1997, S. 263-277.

12 Goethe im Urteil seiner Kritiker (wie Anm. 2), Teil III, Text 22.

13 Ebd., Text 4h.

14 Norbert Elias: Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt a. M. 1989, S. 174, 178.

15 Zitiert nach: Karl Robert Mandelkow (wie Anm. 2), Bd. II, S. 9. Vgl. insgesamt dazu: Wege nach Weimar. Auf der Suche nach der Einheit von Kunst und Politik. Herausgegeben von Hans Wilderotter und Michael Dorrmann. Berlin 1999.

16 Vgl. Weimar 1930. Politik und Kultur im Vorfeld der NS-Diktatur. Herausgegeben von Lothar Ehrlich und Jürgen John. Köln, Weimar, Wien 1998.

17 Thomas Mann: Gesammelte Werke in dreizehn Bänden. Frankfurt a. M. 1974. Bd. 13, S. 71.

18 Max Kommerell: Jugend ohne Goethe. Frankfurt a. M. 1931.

19 Norbert Elias (wie Anm. 14), S. 104.

20 Vgl. Karl Robert Mandelkow: Verweigerte Anpassung. Konstanten und Wandlungen des Klassik-Bildes im literaturwissenschaftlichen Werk Max Kommerells. In: Das Dritte Weimar. Klassik und Kultur im Nationalsozialismus. Herausgegeben von Lothar Ehrlich, Jurgen John und Justus H. Ulbricht. Köln, Weimar, Wien 1999, S. 53-63.

21 Vgl. Lothar Ehrlich: Die Goethe-Gesellschaft zwischen Gleichschaltung und Verweigerung. In: Das Dritte Weimar (wie Anm. 20), S. 245-266.

22 Vgl. die Beiträge in: Das Dritte Weimar (wie Anm. 20).

23 Goethe im Urteil seiner Kritiker (wie Anm. 2), Teil IV, Text 33, S. 184.

24 Alfred Rosenberg: Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit. München 1930, S. 515.

25 Adolf Bartels: Das Goethejahr 1932. Goethe und der Nationalsozialismus. In: Deutsches Schrifttum 24 (l 932), Nr. l.

26 Wilhelm Fehse: Goethe im Lichte des neuen Werdens. Braunschweig 1935, S. 153.

27 Adolf Bartels: Goethe der Deutsche. Frankfurt a. M. 1932, S. 187.

28 Richard Alewyn: Goethe als Alibi?. In: Hamburger Akademische Rundschau 3 (1949), Heft 8-10, S. 685-687. Vgl.: Goethe im Urteil seiner Kritiker (wie Anm. 2), Teil IV, Text 56.

29 Ebd, S. 333-334.

30 Ebd., S. 335.

31 Bruno Preisendörfer: Buchenwald ist näher als Weimar. In: Freibeuter, Nr. 80, April 1999,S.101-106.

32 Zitiert nach: Karl Robert Mandelkow (wie Anm. 2), Bd. II, S. 135-136.

33 Goethe im Urteil seiner Kritiker (wie Anm. 2); Teil IV, S. 337.

34 Vgl. Karl Robert Mandelkow (wie Anm. 2), Bd. II, S. 140-141.

35 Die Klassik-Legende. Second Wisconsin Workshop. Herausgegeben von Reinhold Grimm und Jost Hermand. Frankfurt a. M. 1971, S. 11.

36 Vgl. von Georg Bollenbeck: Bildung und Kultur. Glanz und Elend eines deutschen Denkmusters. Frankfurt a. M., Leipzig 1994; Tradition, Avantgarde, Reaktion. Deutsche Kontroversen um die kulturelle Moderne 1880-1945. Frankfurt a. M. 1999.

37 W. Daniel Wilson: Das Goethe-Tabu. Protest und Menschenrechte im klassischen Weimar. München 1999.

38 Karl Marx und Friedrich Engels: Werke. Bd. 18. Berlin 1964, S. 221. Vgl.: Lothar Ehrlich: "Gemeingut der ganzen Gesellschaft". In: Wege nach Weimar (wie Anm. 15), S. 277-290,296-299.

39 Georg Lukács: Skizze einer neueren deutschen Literatur. Berlin 1955, insbesondere S. 12-89.

40 Walter Ulbricht: Zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Aus Reden und Aufsatzen. Bd. VII. Berlin 1964, S. 523. Weitere ähnliche Formulierungen in: Lothar Ehrlich (wie Anm. 38), S. 290, Anm. 32. Vgl. dazu: Lothar Ehrlich: "Faust" im DDR-Sozialismus. In: Faust-Annäherungen an einen Mythos. Herausgegeben von Frank Möbus [u.a.]. Gottingen 1995, S. 332-342.

41 Karl Marx und Friedrich Engels (wie Anm. 38), S. 221.

42 Vgl. Eric Hobsbawn: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Munchen, Wien 1995.



     

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