Goethe und Österreich
Prof. Werner M. Bauer, Innsbruck
Die Rezeption eines Autors in einem anderen,
wenn auch gleichsprachlichen benachbarten
Land und doch in einem verschiedenen Kulturkreis,
überdies die Rezeption eines Autors,
der sich selbst zunehmend als exemplarisch
ansieht und auch von seiner Umgebung und
einer einflußreichen Gruppe im reflektierenden
Publikum als "klassisch" ausgerufen
wird, besteht im wesentlichen aus drei Vorgängen:
I. Aus persönlichen Beziehungen zu Lebzeiten.
Darunter sind Kontakte mit Menschen
des privaten Freundes- und Bekanntenkreises
gemeint und solche mit Menschen der Öffentlichkeit
und von kultureller Bedeutung, sowie persönliches
Kennenlernen des anderen Landes durch Anschauung.
II. Die Verbreitung der Werke und die Akzeptanz
des Beispielhaften und Normgebenden ihrer
ästhetischen Struktur und der Persönlichkeit
ihres Verfassers, mithin die Bedeutung von
Autor und Werk.
III. Die Bildung eines Mega-Praetexts aus
der Bedeutung von Autor und Werk, der den
Hintergrund für Auswahl und Adaption
bestimmter Texte gemäß der eigenen
Situation der Rezipierenden bildet.
I. Persönliche Beziehungen zu Lebzeiten
Es ist bekannt,
daß Goethe von den Kernländern
der Habsburgermonarchie kaum etwas gesehen
hat. Er ist nie in Wien gewesen, er
durchquerte dreimal Tirol - während
der Reise nach Italien 1786 und auf dem Hin-
und Rückweg nach und von Venedig 1790.
Vorarlberg sah er auf der Rückreise
aus Italien 1788, und in Italien selbstverständlich
die damals österreichischen Städte
Millano, Como und Mantua. Auch unternahm
er einmal 1790 eine kurze Reise von Schlesien
aus in das österreichische Galizien.
Ebenso bekannt
und in allen Einzelheiten
des sozialen Umgangs und des geographischen
Aufenthalts belegt, sind seine Badeaufenthalte
im österreichischen Böhmen. Teils
verklärend, teils vereinnahmend berichtet
die Literatur- und Kulturgeschichte, daß
er zwischen 1785 - 1823 insgesamt über
drei Jahre seines Lebens als Kurgast in berühmten
Badeorten Nordböhmens verbrachte, nämlich
in Karlsbad (1785, 1786, 1795, 1806-08, 1810-12,
1818-20, 1823) Marienbad (1821-23), Franzensbad
(1808), Teplitz (1810, 1812-13) und Eger(1791,
1794).
Baden und Badeaufenthalte
mit Schwimm-, Guß-
und Trinkkuren waren im 18. und später
im 19. Jahrhundert eine Grundtherapie gegen
Fettleibigkeit, diverse Leber- und Nierenleiden
sowie gegen allgemeines Unbehagen. Goethe,
hier im Gegensatz zu den meisten Vertretern
bürgerlich-städtischer Lebensform,
war als Anhänger Rousseaus durchaus
ein Vertreter des kalten naturbelassenen
Badens und Schwimmens in Flüssen und
Seen: Die von ihm erbrachten Zeugnisse reichen
von seiner Studentenzeit in Leipzig, über
diverse Schweizer Abenteuer bis nach Weimar
mit winterlichen Schwimmpartien in der Ilm
und seinen Reisen, wo Bäder in der Lahn,
im Rhein und im Tiber geschildert und in
dichterischen Texten integriert werden. Manchmal
wurden Badeaufenthalte aus gesundheitlichen
Gründen durch häusliche Trink-
und Badekuren ersetzt, doch ungern: Die Badeaufenthalte
dienten Goethe, ganz wie für seine dichterischen
und nichtdichterischen Zeitgenossen, der
Flucht vor der Alltagsmisere mit ihren diversen
Verpflichtungen und Querelen und der Verbindung
mit dem Kennenlernen eines fremden Landes
mit seiner Bevölkerung, Geschichte,
Landschaft und Geologie sowie der Begegnung
mit Persönlichkeiten aus der großen
Welt der Diplomatie und der Welt der Künste.
Vor allem traf
sich die europäische politische und
kulturelle Oberschicht in den böhmischen
Bädern, die keineswegs auf das österreichische
Element allein beschränkt war, und deren
Vertreter ein buntes Spektrum mitteleuropäischer
Herrscher, Politiker, Diplomaten, Wissenschaftler
und Künstler darstellten. So trat
Goethe in den böhmischen Bädern
u.a. in kürzer oder länger andauernden
Verkehr mit Zar Alexander I., Kaiserin Maria
Ludovika v. Österreich, August Prinz
von Preusen, mit den Fürsten Blücher,
Liechtenstein, Ligne, Metternich und Schwarzenberg,
den Grafen Auersperg, Reinhard und Sternberg,
mit Beethoven und Maria Szymanowska und mit
einer Reihe bedeutender Persönlichkeiten
aus dem böhmischen katholischen Klerus.
In Böhmen gewann Goethe vermutlich
jenen Eindruck einer offenen deutsch-kosmopolitschen
geistigen Landschaft und Gesellschaft, die
ihn zum Konzept seiner Vorstellung von Weltliteratur
und Weltkultur führte - dies alles innhalb
Europas erträumt. Freilich reichen
seine Berührungen mit Österreich
in eine frühere Zeit zurück, nämlich
bis in die Zeit der Aufklärung unter
Joseh II. und des ausgehenden 18. Jahrhunderts.
Die Begegnungen mit einer Reihe von österreichischen
Schaupielern, die Goethe während seiner
Tätigkeit als Weimaraner Theaterdirektor
kennenlernte, sowie die Bekanntschaften mit
Joseph Schreyvogel, dem späteren Sekretär
und heimlichen Intendanten des Wiener Hofburgtheaters,
und mit Joseph v. Retzer verliefen nicht
harmonisch - zu sehr waren jene für
Goethe noch Zeugen einer Zeit des späten
Rokoko mit seiner überindividuellen
rhetorischen Gemeinschaftskultur, welche
durch die Geniezeit und die Klassik in Deutschland
als überwunden erachtet war. Goethes
innere Distanz zur osterreichischen Literatur
zeigte sich auch gegenüber Grillparzer,
mit dem er zwar freundlich über die
auch in Weimar aufgeführte Sappho spricht, dessen Erschütterung über
die Begegnung mit dem "Klassiker"
aber mit peinlicher Berührung übergangen
wird. So viel über die biographische
Seite, die durch die Begegnung mit der aus
Linz stammenden Marianne von Willemer eine
poetische Bereicherung erfuhr, und durch
den Briefwechsel mit einer Reihe von Persönlichkeiten
aus der Wiener Gesellschaft (unter ihnen
Joseph v. Spaun, Karoline Pichler, Cornelia
v. Eiskeles, Graf Purgstall, Graf Harrach,
Marianne v. Eybenberg) und mit bekannten
Musikern (Beethoven, Schubert, Dietrichstein
und Tomaschek) die Grenzen der konventionellen
Kenntnis österreichischer Verhältnisse
nicht überschritt.
II. Die Verbreitung von Goethes Werke
Die Verbreitung
von Goethes Werken und die
Akzeptanz ihrer Beispielhaftigkeit setzte
früh in Österreich ein. Allerdings
müssen hier zwei Momente berücksichtigt
werden: einerseits die säkularisierte
Neuordnung der Zensur unter Joseph II.(Juni
1781), die zwar die Person des Monarchen
jeder Kritik überließ, die Stützen
des Staates aber, wie Religion, Familie und
öffentliche Sittlichkeit nach wie vor
als Kriterien nun auch der sog. "schönen
Künste und der freyen Wissenschaften"
der Zulassung von Büchern voranstellte.
Dies wurde nun so geregelt, daß
keine geistlichen Instanzen mehr zwischen
dem Zugriff des Herrschers und den schreibenden
Untertanen liegen konnten. Anderseits
konstantierte der Habsburgerstaat nach diesen
Zensurlockerungen, daß die physische
Produktion von Buchern ebenso nicht behindert
werden dürfe, da die Importe im Ausland
produzierter, die Aufklärung fördernder
Werke zu teuer seien. Daher wurden
schon unter Maria Theresia Nachdruckprivilegien
verliehen, welche die habsburgischen Buchdrucker
und Verleger, besonders das allbeherrschende
Verlagshaus Thomas Trattner, praktisch zum
Raubdruck ermutigten und auf den Buchmessen
in Leipzig und Frankfurt der allgemeinen
Verachtung preisgaben. Auf dieser dubiosen
Basis ist die erste Welle der Goethe-Rezeption
nach Österreich getragen worden.
Wir wissen,
daß Goethe bis in die Mitte
der 80ger Jahre primär als der Dichter
des Werther bekannt war, ein Bekanntheitsgrad, der ihm
selbst nicht angenehm war. Im Unterschied
etwa zur Götz-Rezeption, die sich in der Diskussion um
dramentheoretische Fragen abspielte, und
die eine Reihe von Nachahmungen in der Gattung
der Ritterstücke hervorrief, betrafen
die Auseinandersetzungen um den Werther offenbar
das Lebensgefühl einer ganzen Generation.
Hier wurde weniger um ein Stück Literatur
gestritten, als vielmehr um die Prinzipien
bürgerlicher Lebensordnung. Wobei
das Einschreiben des Werther in den Index der verbotenen Literatur in
Wien weniger eine die Zeitgenossen rührende
Liebesgeschichte betraf als vielmehr die
durchaus verständliche theologische
Frage des Selbstmords. Die Weigerung
Werthers, sich den Zwängen des prosaischen
Weltzustands der bürgerlichen Gesellschaft
zu unterwerfen, hatte den Protest der Aufklärer
(z.B. Nicolais) auf den Plan gerufen. In
diese Kerbe schlugen auch die Verbieter des
Romans in Österreich. Darüber
hinaus mochte auch - wenn man òberhaupt
das Buch genau las - jene Szene als Begründung
eines Verbots gelten, in der der junge Werther
aus der adeligen Gesellschaft höflichst
hinausgewiesen wird. Die Frage des
im katholischen Raum streng verabscheuten
und kriminalisierten Selbstmordes tat ein
Übriges, um den Werther zum Tabu zu erklären. Übrigens
war das spätere 19. Jahrhundert wenig
dazu geneigt, sich mit Werther zu identifizieren, und hier wirkte in Österreich
das Mißtrauen nach, das eine ursprünglich
überindividuelle Rhetorikkultur im Gefolge
einer staatlichen Aufklärung dem subjektiven
Genieprinzip entgegenbrachte. Dies
war der Grund für die häufigen
Travestien und Parodien, die das Werther-Thema
in Österreich erfahren hat, die soweit
gehen, daß sich Werther und Lotte im
Elysium zu einem glücklichen Paar wieder
finden und ein großartiges Feuerwerk
das ganze tragische Stück beschließt.
L.A.Hofmanns Schauspiel Das Werther-Fieber (1785) und Ferdinand Kringsteiners Posse
mit Gesang Werthers Leiden (1807) bezeugen das ganz anders geartete
Bewußtsein einer Gesellschaft, die
dem übertriebenen Subjetivismus der
Sturm- und Drangbewegung und der autonom
eingesetzten Instanz des Subjekts als Maßstab
der Weltordnung sehr skeptisch gegenüber
stand. So wurde 1781 ein Werther-Stück
im Prater aufgeführt (von Mellina) Werthers Zusammenkunft mit Lottchen im Elysium, in dem die treue Geliebte aus Gram über
Werthers Tod ebenfalls ins Grab sinkt, um
ihn im Jenseits desto fester in die Arme
schließen zu können - begleitet
von einer "starken Canonade" -
also einem Feuerwerk. Daraus resultierte
aber ein gewisses Unverständnis gegenüber
dem neuen, zukunftweisenden Sprachstil: Was
1778 Gottlieb Leon im Wienerischen Musenalmanach mit seinem rokokohaften Stereotypen Mayenlied als Travestie zu Goethes Mayfest (1775) kreierte, fand seine Untermauerung
in der gegen die Geniebewegung gerichteten
Schrift des bayrischen Rhetoriklehrers Ludwig
Fronhofer: Deutschlands belletristisches göldenes
Jahrhundert (1779), sowie in einer Reihe von satirischen
Schriften österreichischer Josephiner,
in denen das zeitgenössische deutsche
Geniewesen lächerlich gemacht wurde,
so z.B. in Jospeh Friedrich Kepplers Der Kapotrock (1782) und in dem direkt gegen die zeitgenössischen
deutschen Erscheinungen samt Sturm und Drang
und Klassik gerichteten Roman des Wiener
Freimaurers und Aufklärers Johann Pezzl
Ulrich von Unkenbach und seine Steckenpferde (1800-01).
Grundlagen
für diese eher negative oder
ironische Goethe-Rezeption waren folgende
Ausgaben Goethischer Schriften:
J. W. v. Goethe:
Goethes Schriften, Wien und Leipzig 1788. Dies war die erste
privilegierte Goethe-Ausgabe, von Kaiser
Joseph II. am Ende seiner Regierungszeit
privilegiert. Sie war mit einer Vignette
der Vorarlberger Malerin Angelika Kauffmann
ausgestattet.
In der Wiener
Zeitschrift Prometheus, hrsg. v. Leo v. Seckendorf und J. Ludwig
Stoll, erschien das Pandora-Fragment Goethes
1808.
Blumen des Guten, Schönen und Wahren. Eine Auswahl der schönsten Novellen
aus den Werken Schillers, Goethes, Wielands,
Pesth 1810. Hier werden Texte Goethes
erstmalig in eine offizielle Chrestomathie
aufgenommen.
J. W. v. Goethe;
Sämmtliche Schriften, Wien A. Straus 1810-1817 in 26 Bänden.
Diese Ausgabe ist die erste bis zum
Endjahr der Erscheinung vollständige
Gesamtausgabe, allerdings ein sog. "Schwarzdruck",
d.h. der Autor war in die Bearbeitung der
Ausgabe nicht eingebunden und auch finanziell
ausgeschlossen. Allerdings war gerade diese
Ausgabe der Ausgangspunkt der Kenntnis der
Goetheischen Schriften in Österreich
und mancher Anregung auch für nichtliterarische
Gebiete, z.B. für die Musiker Beethoven
und Schubert.
Wichtig für
die Verbreitung und die
Originalität der Goetheschen Schriften
war die Bekanntschaft und die Gönnerschaft
Metternichs. Dieser setzte es durch,
das Goethes Werke: Die vollständige Ausgabe
letzter Hand, Stuttgart bei Cotta 1827 - 42, in 60 Bänden,
das Privilegium des Nachdruckverbots erhielten.
Metternich hatte Goethe nach der Völkerschlacht
bei Leipzig aufgesucht. Weiters begegnete
er ihm im Juli und August 1818 in Karlsbad
und verschaffte ihm die Ehrenmitgliedschaft
in der Wiener Kaiserlichen Akademie der Künste
und den Leopold-Orden. Das Erreichen des
Privilegs war schwierig, da vom deutschen
Bundestag ein Privilegium gegen den Nachdruck
aus formalen Gründen nicht erreicht
werden konnte. Metternich setzte es
aber durch, daß die einzelnen Regierungen
zur Verleihung des Privilegs aufgefordert
wurden, und bemühte sich tatsächlich,
daß das Schreiben in kürzester
Frist ausgestellt und Goethe übermittelt
wurde. Seither war einer breiten Rezeption
von Goethes Werken in den österreichischen
Ländern nichts entgegenstehend.
III. Der Mega-Praetext des Klassikers Goethe
Der lateinische
Terminus "classicus"
bedeutete ursprünglich einen römischen
Bürger der höchsten Steuerklasse,
der auf Grund seines Vermögens und seiner
geistigen Fähigkeiten zur Elite seines
Staates zählte (Servius Tullius). Seit
dem Grammatiker Gellius (2. Jh. n.Chr.) ist
ein "klassischer Schriftsteller"
ein Schriftsteller, der bestimmte Normen,
akzeptierte Vorbilder und eine bestimmte
Epoche der kulturellen Vergangenheit zum
Muster seines eigenen Schaffens erhebt.
Seit der Renaissance
und dem Humanismus des
15. Jahrhunderts meint der Terminus "klassisch"
die vorbildhafte Orientierung an der antiken
griechischen Literatur des 5. und 4. Jahrhunderts,
speziell in Athen, und an der lateinischen
Literatur unter der späten Römischen
Republik und unter der ersten Epoche des
romischen Prinzipats (sog. "Goldenes
Zeitalter der römischen Literatur").
In der Epoche der Romantik mit ihrer
Entdeckung der nationalsprachlichen und nationalstaatlichen
Eigenentwicklungen meint der Terminus ''Klassik"
die kulturellen und künstlerischen Leistungen
einer Nation, aus denen eine bestimmte verbindliche
Repräsentanz ihrer Eigenschaften und
ihrer Geschichte abgelesen werden kann. Die
Verbindung des Klassik-Begriffs mit zentralistischer
sprachlicher Normgebung und Vorbildwirkung
ist evident und eine der wichtigen Fragestellungen
der Geschichte der deutschsprachigen Literatur.
Der Grund mancher Unsicherheiten in
dieser Diskussion aber liegt in dem im deutschen
Sprachraum gültigen Begriff des "Klassikers".
Einerseits meint er die Nachfolge nach bestimmten,
durch die Antike festgelegten Vorbildern,
anderseits aber die Identität zwischen
einem Autor und der Fragestellung seines
Diskurses, mithin zwischen Individuum und
Geschichte. Aus diesen Perspektiven
ergibt sich die Klassikdiskussion.
In der deutschen
Literatur des 18. Jahrhunderts
fand um die Mitte des 18. Jahrhunderts ein
kulturgeschichtlicher Paradigmenwechsel statt.
Goethe hat rückwirkend in seinem Sammeiband
"Winckelmann und sein Jahrhundert"
(1805) von der unzerstückten Natur der
Griechen gesprochen, in der "jene kaum
heilbare Trennung der gesunden Menschenkraft
noch nicht vorgegangen sei." Goethes
Aussage weist auf das oft formulierte Ziel
der europäischen Renaissance-Bewegungen
hin, nämlich auf die Wiederherstellung
eines Persönlichkeits- und Gesellschaftszustandes,
in dem der Einzelne mit dem Wertgefüge
seiner Sozietät identisch sein und sich
daher ungebrochen in ihr verwirklichen konnte.
Damit enthüllte sich in der europäischen
Ideengeschichte das Ideal vom tüchtigen,
mit sich in der Welt identischen antiken
Menschen schließlich unter dem Einflus
Rousseaus als politische Metapher von der
Zuerkennung des Naturrechts an alle Mitglieder
der Gesellschaft.
Ganz anders
präsentiert sich "Klassik"
in der Literatur der habsburgischen Länder.
Hatte sich im 17. Jahrhundert die Reform
des Martin Opitz hier auf Grund der vielfaltigen
regional- und fremdsprachlichen Verhältnisse
nicht durchsetzen können, so verblieb
eine durch die Gegenreformation aufgebaute
grostenteils lateinische Rhetoriküberlieferung
die überindividuelle Grundlage des literarischen
Lebens. Daß ein solches Initiativ
zu einem großen Teil aus eben dieser
Rhetorik bestehen konnte, wurde beim Darstellen
der Literaturentwicklung der Erblande meist
übersehen. Dagegen spricht keineswegs
die musikalisch-theatralische Schwerpunktsetzung
mit ihrer hoch entwickelten italienischsprachigen
Textierungs- und Librettotechnik der Antikenoper,
die von Metastasio bis Da Ponte reicht und
den spätbarocken Hof in Wien kennzeichnet.
Unter dem Einfluß der jesuitischen
Tradition und ihres instrumentalen Humanismus
kann österreichische Literatur bis in
die Zeit Josephs II. noch immer unter dem
Begriff der Stilübung angesehen werden.
Das heißt als Fähigkeit,
zuerst in lateinischer und dann in deutscher
Sprache an Schule und Universität zeitgenössische
Wissenschaft zu vermitteln, in der Historiographie
das Kaiserhaus apologetisch zu verherrlichen
und feudales Gesellschaftszeremoniell mit
literarischen Arabesken auszustatten. Das
geschah auf der Grundlage jesuitisch - humanistischer
Tradition und ihres Gebrauchs im Rahmen liturgischer
Anlässe und schulisch-theologischer
Gelehrsamkeit. Diese Instrumentalisierung
ließ einen Literaturbegriff jenseits
des Alltagsgebrauchs als autonomen Wertbereich,
wo sich Utopie darstellen konnte, nicht zu.
Daher bleibt die literarische Kultur
auch der späteren österreichischen
Aufklärung überindividuell und
rhetorisch, auch als das genormte literarische
Deutsch durch kaiserliche Erlässe (Presburger
Spracherlasse von 1785) schon lange offizielle
Amts- und auch Pressesprache war.
Aus dieser
Überlieferung heraus bedeutet
"klassisch" in der Literatur Österreichs
im beginnenden 19. Jahrhundert keinesweg
Literatur im Dienst eines bestimmten Menschenideals
oder eines Kampfes um eine neuzugründende
Identität. Deswegen konnte es
auch nicht zu jenem Gegensatz zwischen "Klassisch"
und "Romantisch" kommen, dessen
Basis ja die Identitätssuche ist, die
in der deutschen Romantik von der "progressiven
Universalpoesie" über die Mittelalterbegeisterung
bis zum staatlichen und sprachlichen Nationalismus
reicht. Für Grillparzer etwa bedeutet
klassisch die an der Antike orientierte,
aber nicht von ihr abernommene Vollkommenheit:
"Das Unterscheidende des Romantischen
gegenüber dem Klassischen ist, das ersteres
blos die Gemüthswirkung bezweckt, gleichwieviel
auf welche Art sie bewirkt wird, das Interessante,
das Geistreiche, daß Bedeutende, ja
das Häßliche, alles ist ihr willkommen,
wenn nur die beabsichtigte Aufregung dadurch
hervorgebracht wird. Die alte Kunst
aber ging blos auf das Schöne, d.h.
auf jene Gemüthserhebung, die einzig
und allein aus dem sinnlich vollkommenen
Eindruck entspringt."
Dieses Ideal
einer österreichischen
Klassik war - durch die politische Gegebenheit
eines kulturellen traditionsreichen Mittelpunkts,
nämlich einer Residenz, - gegeben gewesen,
aber durch den zunehmenden Nationalismus
nach 1848 in Frage gestellt worden.
Tschechische, ungarische und italienische
Literatur pochten auf ihre Rechte der - mißverständlich
vermißten - Eigenständigkeit.
Die deutschsprachigen Teile der Monarchie
orientierten sich zunehmend am übrigen
deutschen Sprachraum und nach 1866 und 1871
am 2. Kaiserreich. 1855-56 war von
dem Privatdozenten Joseph Tomaschek die erste
Vorlesung an der Wiener Universität
über die Schriften Goethes gehalten
worden. Am 15. Mai 1878 fand unter
dem Vorsitz von Karl Julius Schröer,
einem Germanisten an der Technischen Hochschule
in Wien die Gründungsversammlung des
Wiener Goethe-Vereins statt, der nach dem
Vorbild der schon lange existierenden Schiller-Gesellschaft
Goethe und seinem Werk zur entsprechenden
Würdigung und Rezeption verhelfen sollte.
Allerdings
verbot schon - im Unterschied
zum Schiller-Verein - Goethes Werk und Leben
eine allzuenge nationale Bindung. Unter
den ersten Mitgliedern des Wiener Goethe-Vereins
waren Dichter und Schiriftsteller, Journalisten
und Politiker, Wissenschaftler und Diplomaten,
Künstler und Theaterintendanten. Diese
Mitgliedschaft bot einen reprasentativen
Querschnitt durch die sog. 2. Wiener Gesellschaft,
also durch das wirtschaftlich und bildungsmäßig
dominierende Bürgertum liberaler Prägung,
das die österreichische intellektuelle
Gesellschaft so entscheidend prägte.
Unter Goethes Bild versammelte sich eine
Gesellschaft unterschiedlicher politischer
und ethnischer Prägung, vereinnahmt
aber durch die Hinwendung zu der Dichterpersonlichkeit,
die zugleich die Utopie einer deutschen und
weltliterarischen Bildung verkörperte.