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<Dokumentationsarchiv 1998-2005>
2006 April -
Vorträge, Symposion und Lesung
2005 April - 2006 März
Symposien, Vorträge und Lesungen
Filmvorführungen
2004 April - 2005 März
Vorträge, Symposion und Lesung
2003 April - 2004 März




Vorträge, Symposion und Lesung
2002 April - 2003 März
Vorträge und Lesungen
Filmvorführungen
2001 April - 2002 März
Vorträge und Lesungen
Vorlesung am Community College
"Deutchland.  Der Bund und die Länder"
2000 April - 2001 März
Vorträge und Lesungen
Vorlesung am Community College
"Fünfzig Jahre Bundesrepublik Deutschland"
1999 April - 2000 März
Symposium: Goethejahr 1999
Goethe - Wirkung und Gegenwart
In Kooperation mit dem Goethe-Institut Tokyo
Vorträge und Lesungen
Vorlesung am Community College
"Der geschichtliche Hintergrund der EU"
1998 April - 1999 März
Symposium: Die EU und die deutschsprächigen Länder
Symposium: Die Schweiz -- Kontinuität und Wandel
aus Anlass des 80. Geburtstags von Professor Emeritus Dr. Thomas Immoos-
Vorträge und Lesungen
Ausstellung: Eine Austellung zum Domjubiläum 1998
Menschen, Engel, Ungeheuer   Ausstattungsdetails des Kölner Doms

2004 April - 2005 März
Vortrãge, Symposion und Lesung
Vortrag von
Dr. Antje Vollmer
(Vizeprädentin des Deutschen Bundestages)
Zeit: Donnerstag, 22. April 2004
15.00-16.00
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek, L-911
Lesung von
Heinz D. Heisl, Östereichischem Schriftsteller
Text: die rechtfertigung des alltäglichen oder drei worthäuser in der straße des jungen er
Zeit: Montag, 24. Mai 2004
15.30-17.00
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek, L-921
Vortrag von
Frank Hartmann
(Erster Sekretär der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland
Thema: Die Rolle Deutschlands in der EU
Zeit: Dienstag, 08. Juni 2004
15.30 - 17.00
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek, L-812
Lecture Concert
Ausführende: Karin Mikami (Vorlesung und Klavierbegleitung)
Tetsuo Ogawa (Barit
on)
Thema: ”Die schöne Müllerin” 
(Wilhelm Müller / Franz Schubert)
Zeit: Donnerstag, 10. Juni 2004
17.00-18.30
Ort: Sophia-Universität, 6.Gebäude,Catholic-Center,Saal(Untergeschoss)
Vortrag von
Pascal Lamy(
EU Trade Commissioner)
Thema: Globalisation and Trade : how do we ensure there is space for development?
Zeit: Dienstag, 22. Juni 2004, 14.00 - 15.00
Ort: Sophia-Universität, 10.Gebäude,Aula
Vortrag von
Annette Schörner, Inahberin/Geschäftführein Iris GmbH(Umwelttechnische Beratung) Dozentin an der Waseda-Universität
Thema: Umwelterziehung in Deutscland
Zeit: Dienstag, 29. Juni 2004, 17.00 - 18.30
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek, L-812
Vortrag von
O. Univ.-Prof. Dr. Herbert Zeman (Universität Wien)
Thema: Die Innovation und Tradition. Die Dichtung von Thomas Bernhard.
Zeit: Dienstag, 12. Okt. 2004, 17.00-18.30
Ort: Tokubetsu-Kaigishitsu (7-1411), 14.Stock imGebäude Nr.7, Sophia-Universität
Lesung von
Josef Winkler
Zeit: Dienstag, 11. Nov. 2004, 15.30-17.00
Ort: Konferenzzimmer der Bibliothek L-812, Sophia-Universität
Vortrag von
Prof. Dr. Dietmar Goltschnigg
(Universität Graz)
Thema: Sozial- und kulturgeschichtliche Voraussetzungen der Wiener Moderne unter besonderer Berücksichtigung von Arthur Schnitzlers 'Leutnant Gustl'
Zeit: Montag, 15. Nov. 2004, 15.30-16.45
Ort: Konferenzzimmer der Bibliothek L-812, Sophia-Universität
Vortrag und Diskussion
Bundeskanzler Dr. Gerhard Schröder
Thema: "Deutschland und Japan" "Diskussion mit Studenten"
Zeit: Freitag, 10. Dezember 2004, 10:00-11:30
Ort: Aula, 10-go-kan, Sophia-Universität Tokyo
Mittelalter-Symposion
Thema: Exklusion und Toleranz in der deutschen Literatur des Mittelalters
Zeit: Samstag, 26. März, 14.00-17.45
Ort: Bibliothek L-812

2003 April - 2004 März
Vortrãge, Symposion und Lesung
Vortrag von Univ.-Prof. Dr. Wendelin Schmidt-Dengler
(Professor fü
r Neuere deutsche Literatur an der Universität Wien)
Thema: Hugo von Hofmannsthal heute: Zum Problem
des Klessischen in der Moderne
Zeit: Montag, 14. Juli 2003
15.30-17.00 Uhr
Ort: Konferenzzimmer der Bibliothek L-812
Vortrag von Prof. Dr. Naoji Kimura (Ehrenprofessor der Sophia-Universität)
Thema: Lob der Goethephilologie. Unzeitgemäße Betrachtungen über die Germanistik
Zeit: Samstag, 27. Sept 2003, 15.30-16.30
Ort: Konferenzzimmer Nr. 6 im Sophia-House
Sprache: japanisch
Vortrag von Prof. Dr. Wolfgang Wiesmüller (Universität Innsbruck)
Thema : Geschichte als kritischer Spiegel der Gegenwart.
Zu Adalbert Stifters historischem Roman "Witiko"
Zeit : Donnerstag, 16. Okt. 2003, 17.00-18.30
Ort : Konferenzzimmer der Bibliothek L-911, Sophia-Universität
Vortrag von Prof. Dr. Gerhard Neumann (Universität München)
Thema : Mythologie blanche'-Metaphern als generative Kerne in Kleists "Penthesilea"-
Zeit : Freitag, 24. Okt. 2003, 15,30-17,00
Ort : Konferenzzimmer der Bibliothek L-812, Sophia-Universität
Vortrag Prof. Hans-Thies Lehmann
(Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main)
Thema : "Emilia Galotti" Regie : Michael Thalheimer
Zeit : Donnerstag, 30. Oktober 2003, 16.00-17.00
Ort : Konferenzzimmer der Bibliothek L-812, Sophia-Universität
Symposion
Thema : Mittelalter als Ausgangspunkt der europäischen Kultur
Zeit : Samstag, 1. November 2003, 14:00-18:00
Europe Now ― Sophia EU Lecture Series
Prof. Giuseppe SCHIAVONE
Theme : The Enlargement Process and the Foreign Policy Role of the EU
Zeit : Mittwoch, 5. November 2003, 15:30-17:00
Ort : Konferenzzimmer der Bibliothek L-812, Sophia-Universität
Sprache : englisch
Lesung von Margit Schreiner (Österreichische Schriftstellerin)
Text : Heißt lieben
Zeit : 10. Nov. (Mon) 15.30 Uhr
Ort : Konferenzzimmer der Bibliothek L-812, Sophia-Universität

2002 April - 2003 März
Vortrãge und Lesungen
Lesung von Thomas Brussig
Text: Leben bis Männer
Zeit: Donnerstag, 6. Juni 2002
15.30-17.00 Uhr
Ort: Konferenzzimmer der Bibliothek L-812
Vortrag von Dr. Dietmar Goltschnigg (Universität Graz)
Thema: Krieg und Frieden in Dürrenmatts weltpolitischer Tragikomödie "Achterloo"
Zeit: Donnerstag, 3. Oktober 2002
15.30-17.00
Ort: Konferenzzimmer der Bibliothek L-812
Vortrag von Prof. Hans-Thies Lehmann
(Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main)
Thema: Deutsches Theater seit der Vereinigung
Zeit: Donnerstag, 24. Oktober 2002
13.30-15.00
Ort: Konferenzzimmer der Bibliothek L-812
Lesung von Herrn Wolf Haas
(österreichischer Schriftsteller)
Text: Komm, süßer Tod
Zeit: Donnerstag, 14. November 2002
15.30-17.00
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek, L-812
Einladung zu einem Lecture Concert
Goethe-Gedichte in Vertonungen von Franz Schubert
Thema: Mignon und der Harfenspieler
aus Wilhelm Meisters Lehrjahre
Programm: Kennst du das Land, wo die Zitronen Blüh'n
Mignon1, 2 und 3
Der Sänger
Gesänge des Harfenspielers 1, 2 und 3
Nur wer die Sehnsucht kennt (Duett)
Ausführende: Karin Mikami (Vorlesung und Klavierbegleitung)
Nobuko Tsuboda (Mezzo-Sopran)
Tetsuo Ogawa (Bariton)
Zeit: Freitag, 6. Dezember, 17.00-18.30
Ort: Sophia-Universität, Gebäude Nr.8 Raum 410
Vortrag von Univ. Prof. Dr. Karl Acham
(Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Soziologie)
Thema: "Mythos und Moderne"
Zeit: Mittwoch, 12. Februar, 17.15-18.45
Ort: Konferenzzimmer der Bibliothek L-812 , Sophia-Universität
Filmvorführungen
Mittwoch, 8.Mai: "Nordkurv"
Mittwoch, 5.Juni: "Helden wie wir"

2001 April - 2002 März
Vortrãge und Lesungen
Lesung von Frau Liesl Ujvary
Zeit: Freitag, 18. Jan, 2002, 15.30 - 17.00
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek, Zimmer L-812
Text: Im Wahrheitsraum
Keine Anmeldung nötig.

Lesung von Herrn Robert Menasse
Zeit: Dienstag, 20. November 2001, 15.30 - 17.00
Ort: Sophia-Universität, Gebäude Nr. 7, Tokubetsu Kaigishitsu
Text: Die Vertreibung aus der Hölle (2001)


Vorlesung von Dr. Matthias Frese
(Westfälisches Institut für Regionalgeschichte)
Thema: Die 1960er Jahre als "Wendezeit" der Bundesrepublik.
Demokratisierung und gesellschaftlicher Aufbruch.
Zeit: Dienstag, 6. November 2001, 15.30 - 17.00
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek, Zimmer 812
Inhalt: Die 1960er Jahre sind die Phase des politischen, sozialen und kulturellen Um- und Aufbruchs und zugleich eine Phase scharfer innenpolitischer Auseinandersetzungen (z.B. Generationskonflikt).  Der Vortrag skizziert zunächst die politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Bereiche und diskutiert anschließend einzelne Problemfelder: das Verhältnis von Politik und Öffentlichkeit, die Planung gesellschaftlicher Bereiche als Reformprinzip, Lebensstile im Wandel.

Lesung von Herrn Martin R. Dean
Zeit Donnerstag, 4. Oktober 2001, 15.15 - 17.00
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek L-812
Text: "Die verborgenen Gãrten"
"Monsieur Fume oder Das Glück der Vergeßlichkeit"
Martin R. Dean, geboren 1955 in Menziken/Aargau, studierte Philosophie und lebt als Schriftsteller und Essayist in Basel.
Werke: Verborgenen Garten (1982), Die gefiederte Frau (1984), Der Mann ohne Licht (1988), Außer mir. Ein Journal (1990), Der Guayanaknoten (1994), Die Ballade von Billie und Joe (1997), Monsieur Fume oder Das Glück der Vergeßlichkeit (1998).  Weitere Veröffentlichungen in Anthologien, Zeitschriften, Zeitungen und Katalogen.  Sein Werk wurde in mehrere Sprachen übersetzt und mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet.

Gesprächskonzert mit Prof. Dr. Karin Mikami und Tetsuo Ogawa, Bariton
Vortrag und Klavier: Karin Mikami
Gesang: Tetsuo Ogawa (Bariton)
Thema: Goethes Wortsymbolik --- Schuberts Klngbild
   <Licht und Schatten im Menschenleben>
Zeit: Freitag, 13. Juli 2001, 15.30-
Ort: Große Aula im Gebäude Nr. 10 der Sophia-Universität
Vortrag: Japanisch



Lecture by Prof. Dr. Peter Baron
(HypoVereinsbank. Chairman of HVB Asia Limited)
Theme: "Restructuring EUROland"
Date: Tuesday, June 26th, 2001
Time: 15:15-17:00
Place: Conference Room No.812 (8th floor), Central Library, Sophia University at Yotsuya
Language: English
Discussion: Questions and answers in Japanese, German or English
Resumé: Japanese and German
Contents: government control and ownership - privatization - capital markets - tax reform - shareholder value - unemployment - new jobs - productivity - sustainable growth - social security
Vorlesung am Community College
Deutschland. Der Bund und die Länder(Japanisch)
Ziel dieser Veranstaltung ist es, die Verfassung und Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zu studieren. Sehr im Unterschied zu anderen europäischen Landern, etwa Frankreich, ist Deutschland ein Bundes-Staat.  Es gibt 16 selbständige Länder, die zusammen einen Bund bilden, der eine sehr komplizierte Geschichte und Struktur hat.
16. April Die einleitende Vorlesung
charakterisiert das Verhältnis von Bund und Ländern, vor allem im Bereich der Gesetzgebung und Finanzen.
Die folgenden 10 Veranstaltungen analysieren die Eigenarten bestimmter Bundesländer (Geschichte, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur, Landschaft, etc.):
23. April Bayern
7. Mai Baden Württemberg
14. Mai Hessen, Saarland, Rheinland-Pfalz
21. Mai Nordrhein-Westfalen
28. Mai Niedersachsen
6. Juni Bremen, Hamburg
11. Juni Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt
18. Juni Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern
25. Juni Potsdam, Berlin
2. Juli Wiedervereinigung.  Alte und neue Bundesländer
Wichtig ist dieser Überblick, um die Widersprüche, die schwachen und starken Seiten der Bundesrepublik zu verstehen.
9. Juli Die abschliesende Vorlesung
skizziert Chancen für die Zukunft Europas, Chancen für Europa, Chancen für Deutschland, die sich aus dieser Länder-Vielfalt und bundesstaatlichen Ordnung ergeben: Mit den Regionen werden in der Europäischen Union die (Bundes-)Länder an Bedeutung gewinnen; in dem Verhältnis von Bund und Ländern ist vielleicht auch eine Analogie verborgen, die für die politische Neuordnung der souveränen Staaten in der Europäischen Union von Bedeutung werden könnte.

2000 April - 2001 März
Vortrãge und Lesungen






Vortrag von Prof. Dr. Ulrich Herbert
(Universität Freiburg. i. Br.)
Professor für Neuere und Neueste Geschichte, spez.: Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg, Zwangsarbeiterentschädigung und Entschädigung allgemein, Geschichte der ausländische Arbeiter in Deutschland, Holocaust-Forschung, rechte Intellektuelle von Weimar bis Bundesrepublik, NS-Eliten in der Bundesrepublik, Liberalisierungsprozesse in der BRD 1950-1975
Thema: Liberalisierungsprozesse der Bundesrepublik Deutschland, 1950 bis 1975
Zeit: Dienstag, 27. Februar 2001, 15:00-17:00
Ort: Sophia-Universität, 8-307
Inhalt: Die neuere Forschung zur Geschichte der NS-Diktatur zeigt, wie stark Politik und Ideologie der Nationalsozialisten die deutsche Bevölkerung bis 1945 beeinflußt und geprägt haben.  Gleichwohl wurde die Bundesrepublik Deutschland bereits in den 1970er Jahren weltweit als gefestigte westliche Demokratie mit einer ausgeprägten liberalen politischen Kultur angesehen.  Zwischen den 50er und den frühen 70er Jahren hat also offenbar ein bemerkenswerter Wandlungsprozess stattgefunden, während dessen Staat und Gesellschaft der Bundesrepublik tiefgreifend liberalisiert worden sind.  Dieser Liberalisierungsprozeß steht im Mittelpunkt der in dem Vortrag angestellten Überlegungen.


Vorlesung von Herrn Naoki Sato (mit Dias, auf japanisch)
(Kurator am Nationalmuseum für westliche Kunst)
Thema: Kaiseridee und Kunst.  Von Karl dem Großen bis zur Renaissance.
Zeit: Dienstag, 21. Nov. 2000, 15.30 - 17.00
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek L-812


Lesung von Robert Schindel
(Österreichischer Schriftsteller)
Text: Gebürtig
Zeit: Montag, 6. Nov. 2000, 15.30 - 17.00
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek L-812


Vortrag von Prof. Dr. Bernd Martin
(Universität Freiburg i. Br.)
Thema: Heidegger zwischen Marburg und Freiburg (1923-28)
Zeit: Freitag, 20. Okt 2000, 16.00 - 17.30
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek L-812
Exposé:       Verkehrs- und Wohnverhältnisse in Marburg, 1923.
       Das klotzig-dumpfe Haus in der Schwanallee Nr. 21; Umzug in die Villa am Südrand der Altstadt, Barfüßertor 15.  Hannah Arendt wohnte zwei Semester lang in der Nähe, Lutherstraße 6.  Ihr Mansardenzimmer und die Hütte in Todtnauberg im Hochschwarzwald wurden der Raum, in dem "Sein und Zeit" entstand.
      Martin Heidegger, geb. 1889; Promotion 1913; Habilitation 1915; 1917 Heirat mit Elfride Petri, wird 1917, 1920; 1922 für eine Professur in Marburg empfohlen.  Zum 1. Oktober 1923 tritt Heidegger seinen Dienst an der Philipps-Universität an.  Er verdankt die Berufung der Protektion von Edmund Husserl.
      Schwierigkeiten der Wohnungssuche zur Zeit der Hyperinflation, Sommer 1923.  Lebenskosten, Gehalt. (später, 1934 in Freiburg, gehört Heidegger zu den Spitzenverdiener der Professorenschaft).  Ausenseiterrolle (Skianzug; "existentieller Anzug").  3000 Studierende, "bieder und ohne besondere Antriebe", mehr als Dreiviertel in Verbindungen organisiert. Konkurrenz zwischen Nicolai Hartmann (Nachtmensch) und Heidegger (Frühaufsteher).  Die Studenten hören bei dem Neuen.  Hartmann resigniert und geht 1925 nach Köln.  Vorliebe des Philosophenkönigs für die völkisch gesunden Kräfte der Jugend.  Wissenschaftlich und menschlich verbunden nur mit Rudolf Bultmann, dem protestantischen Theologen ("Jesus", 1926).  Heidegger profiliert sich als aggressiver Atheist.
      Hannah Arendt, 1906 in Hannover geboren, Jüdin, in Königsberg aufgewachsen: mit 18 Jahren Beginn des Studiums in Marburg.  Das Liebesverhältnis, bis 1928.  Elisabeth Blockmann (1892-1972), Halbjüdin, Jugendfreundin von Heideggers Frau.  Die Höhe der Schwarzwald-Berge als eine Bedingung für die schöpferische Arbeit.  Der Panoramablick von oben.  Die Frage nach der Zeitbebundenheit eines philosophischen Werkes.  Gibt es eine Beziehung zwischen der geistige Disponiertheit Heideggers und den völkischen Vorstellungen des Nationalsozialismus?  Philosoph der "konservativen Revolution".  Es gibt keinen "Rassebegriff" wie im NS.  Aber es finden sich Wegbereiter kommender Größe bei Heidegger.
       Berufung als Nachfolger von Nicolai Hartmann zum Ordinarius in Marburg.  Nach wiederholtem Zögern stimmt das Kultusministerium in Berlin im November 1927 zu.  Jedoch in Freiburg hat die Berufungskommission sich Heidegger als Nachfolger Husserls auserkoren (Dezember 1927).  Am 1. April 1928 nimmt Heidegger den Ruf nach Freiburg an.  Erwerb eines Grundstücks und Bau des Hauses am Rötebuck 47.  Heideggers Hinterlassenschaft in Marburg sind Animosiäten.  Sein politisches Handeln seit 1933 wird von Marburg aus kritisch beäugt.  Auch in Freiburg bleibt Heidegger weithin isoliert.  Sein Rektorat scheitert, und die Partei ist ihm nicht wohlgesonnen.  Als die Front sich dem Schwarzwald nähert, bricht Heidegger physisch zusammen.  Der große Aufbruch, in Marburg begonnen, in Freiburg fortgeführt, endet 1945 in Meßkirch.  Das Platon-Zitat (Politeia, VI. Buch 497d, Tá gár dê megála pánta episphalê, "Alles Große steht im Sturm"; "Alles Große verfällt leicht." ), mit dem Heidegger seine Freiburger Antrittsvorlesung geschlossen hatte, holte den Philosophen 12 Jahre später ein.

Vortrag von Dr. Shingo Yoshida
Thema: "Fragen zur japanisch-deutschen Kommunikation"
      - 30jährige Erfahrungen im internationalen Rundfunk -
Zeit: Donnerstag, 13. Juli 2000, 15.30-17.00
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek L-812

Lesung von Antonio Fian
Text: Büchermacher und Auf halber Höhe
Zeit: Dienstag, 27. Juni 2000, 15.30-17.00
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek L-812

Lesung von Dr. Paul Nizon
Thema: Auf der Suche nach der Schönheit
Zeit: Dienstag, 16.Mai 2000, 15.30Uhr
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek L-812

Vortrag von Herrn Richard Kühnel
Thema: Die aktuelle politische Situation in Österreich
Zeit: Dienstag, 25.April 2000, 15.30Uhr
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek L-812



Vorlesung am Community College
Sophia Community College   2000
"Fünfzig Jahre Bundesrepublik Deutschland"
17. Apr. Einleitung - der Weg zur EU
24. Apr. Der Bundestag und das Wahlverfahren
08. Mai Die Bundeskanzler
15. Mai Die Beziehung zwischen Frankreich und Deutschland
22. Mai Die Ostpolitik
29. Mai Die deutsche Gesellschaft - aus der Sicht der Soziolinguistik
05. Jun. Die Überwindung der Vergangenheit
12. Jun. Das Verlagswesen. Übersetzungen
19. Jun. Philosophie: "Katastrophe und Wiedergeburt - von Walter Benjamin zu Heiner Müller"
26. Jun. Literatur von Böll bis Grass
03. Jul. Das Grundgesetz und die Vereinigung
10. Jul. Ausblick - das Zukunftsbild Deutschlands in Europa

                   


1999 April - 2000 März
Symposium
Goethejahr 1999
                Goethe - Wirkung und Gegenwart
           In Kooperation mit dem Goethe - Institut Tokyo
Zeit: 28. und 29. Oktober 1999
Ort: Große Aula im Gebäude Nr. 10 der Sophia-Univ.
Konferenzzimmer der Bibliothek L-921
Donnerstag, 28. Okt. 1999
Moderation: Prof. Heinz T. Hamm, Tokyo
Musikalische
Umrahmung:
Studentenorchester
Johannes Brahms: Sextett B-Dur op.18, 2. und 4. Satz
Begrüßung: Prof. William Currie
Rektor der Sophia-Universität
Eröffnung: Dr. Uwe Kaestner
Botschafter der Bundesrepublik Deutschland
Begrüßung: Dr. Heinz-Hugo Becker
Direktor Goethe-Institut Tokyo
Festvortrag: Bildung als "deutsche Ideologie" ?
Prof. Wilhelm Voßkamp, Köln
Filmvorführung: Faust (Inszenierung: Gustaf Gründgens)
Goethe und die chinesische Klassik
Prof. Zhang Yushu, Beijing
Goethes Faust - die Tragödie der modernen Übereilung
Dr. Manfred Osten, Bonn
Goethe in der koreanischen Kultur
Prof. Kim Tschong-Dae, Seoul
"Hier, oder nirgends ist Amerika." Anmerkungen zu Goethe und die neue Welt
Prof. Walter Hinderer, Princeton
Kaffeepause
Podiumsdiskussion: Goethes Weltbürgertüm  im Bau
Alle Referenten des Tages
Empfang im Sophia-House
Begrüßung: Prof. Toshiaki Koso
Kanzler der Sophia-Universität
Freitag, 29.Okt.1999
 Moderation: Prof. Jean-Claude Hollerich, Tokyo
Goethes Faust auf der koreanischen Bühne. Überlegungen zur Rezeption in Korea
Prof. Rhie Won-Yang, Ansan
Schweizer Spuren in Goethes Werk
Prof. Adolf Muschg, Zürich
Goethe-Rezeption in China. Von Wertherfieber zuWerther-Übersetzungseifer
Prof. Yang Wuneng, Chengdu
Goethe in Österreich
Prof. Werner M. Bauer, Innsbruck
Filmvorführung: Die Leiden des jungen Werther
(Inszenierung: Marco Arturo Marelli)
Englische Literatur als Weltliteratur
Prof. T. J. Reed, Oxford
Goethe und die japanische Mentalität
Prof. Naoji Kimura, Tokyo
Der fremde Goethe. Die Deutschen und ihr Dichter
Prof. Lothar Ehrlich, Weimar
Kaffeepause
Podiumsdiskussion: Goethe und die Nationalkulturen  im Bau
Alle Referenten des Tages
Abschlußansprache:
Prof. Naoji Kimura
Mit Unterstützung der Botschaften der Schweiz, Österreichs und der Bundesrepublik Deutschland sowie der Lufthansa, der Swissair, der Kulturstiftung Pro Helvetia und der Goethe-Gesellschaft in Japan


Vortrãge und Lesungen
Vortrag von Prof. Dr. Walter Gebhard, Bayreuth
Thema: Nietzsche und Goethe
Zeit: 21.Dezember 1999, 15.00 Uhr
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek L-812

Kolloquium mit Botschafter Luxemburgs Pierre Gramegna
Thema: "Luxemburg und Japan"
Zeit: Donnerstag, 16. Dezember 1999, 15:30 Uhr
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek L-314

Vortrag von Herrn Volker Klein,
dem Generalsekretär des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin
Thema: Gegenwärtige deutsch-japanische Beziehungen
Zeit: Mittwoch, 7.Juli 1999, 15:00 Uhr
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek, L-812

Vortrag von Prof.Dr. Peter Wiesinger (Universität Wien)
Thema: Wie österreichisch ist die österreichische Gegenwartsliteratur unter sprachlichen Aspekten?
Zeit: Sonntag, 23. Mai 1999, 14:00 Uhr
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek  L-812
Exposé: Die deutsche Schriftsprache ist keine Einheitssprache, sondern gliedert sich in regionale Varietäten, deren eine das österreichische Deutsch ist. Wie sich die österreichischen Schriftsteller der Gegenwart in ihren Werken zum österreichischen Deutsch und zur allgemeinen deutschen Schriftsprache verhalten, soll an ausgewählten Beispielen aufgezeigt werden.
Vorlesung am Community College

Sophia Community College     WS 1999/2000
­ Der geschichtliche Hintergrund der EU ­
05.Okt. Die EU und das europäische Mittelalter Naoji Kimura
12.Okt. Entstehung und Untergang des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation Akio Nakai
19.Okt. Die Aufklärung und Europa Jean-Claude Hollerich
26.Okt. Maria Theresia und ihre Zeit Reiko Kitajima
09.Nov. Die politische ldee der Romantik Tomoyuki Sato
16.Nov. Wiener Kongreß und März-Revolution Akio Nakai
30.Nov. Die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie Yasusada Yawata
07.Dez. Preußen und das Deutsche Reich Heinz T.Hamm
14.Dez. Weimarer Republik und die Demokratie Heinz T.Hamm
21.Dez. Der Europagedanke von Coudenhove-Kalergi Jean-Claude Hollerich
11.Jan. Europa unter dem Dritten Reich Shigeko Inoue
18.Jan. Bundesrepublik Deutschland 1949-1999 Naoji Kimura


                   


1998 April - 1999 März
Symposien
Symposium: "Die EU und die deutschsprachigen Länder"
Zeit: 12.-13. Dezember 1998
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek L-921
12. Dezember
Moderation: Prof. Heinz T. Hamm
Begrüßung durch den österreichischen Botschafter Dr. Martin Vukovich
Die europäische Vereinigung aus der Sicht der internationalen Politik
Prof. Kuniko Inoguchi
Was ist Europa?
Prof. Jean-Claude Hollerich
Die Erneuerung Europas
Prof. Helmut Loiskandl
Die EU und die deutsche Wirtschaft
Dr. Ulrich Junker
Gesandter an der Deutschen Botschaft
Die EU und die Umweltpolitik
Pierre Gramegna, Botschafter Luxemburgs
Podiumsdiskussion
13. Dezember
Moderation: Prof. Jean-Claude Hollerich
Der Euro und Japan
Senior Economist Tadahiro Yoshino
Die EU, Deutschland und Frankreich
Prof. Masaharu Nakamura
Die EU und die nationale Gesetzgebung
Prof. Tadashi Takizawa
Die EU, NATO, Mittel-und Osteuropa
Prof. Shigeo Mutsushika
Die EU und die nationalen Kulturen
Prof. Takashi Miyajima
Podiumsdiskussion
Abschlußansprache Prof. Naoji Kimura


Symposium: Die Schweiz -- Kontinuität und Wandel
aus Anlass des 80. Geburtstags von Professor Emeritus Dr. Thomas Immoos -
Zeit: 24. Oktober 1998
Ort : Sophia-Universität, Bibliothek L-921
Moderation: Prof. Jean-Claude Hollerich
Eröffnungsrede vom Präsidenten der Sophia-Universität, Prof. Keiji Ohtani
Begrüssung durch den Botschafter der Schweiz in Tokyo
Dr. Johannes J. Manz
Festansprache: "Mein Leben in Japan als Schweizer"
Prof. Dr. Thomas Immoos, Tokyo
Die Bedeutung der Schweiz für Europa
Dr. Robert Schneebeli, Zürich
Einige strukturelle Aspekte der Gesellschaft in der Schweiz -- u.a. Frauen und Minoritäten
Prof. Dr. René Levy, Lausanne
Ein Land der kulturellen Multiplizität
Prof. Yasusada Yawata, Tokyo
Einführung des "Euro" und die schweizerische Wirtschaft
Yoshiro Okamoto, Sapporo
Podiumsdiskussion
Abschlußansprache Prof. Dr. Naoji Kimura
Vortrãge und Lesungen
Kolloquium mit Prof. Dr. Kurt Biedenkopf, Ministerpräsident von Sachsen
Thema: "Sachsen, Deutschland und Osteuropa"
Zeit: Dienstag, 16. Februar 1999, 15:30 Uhr
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek L-314

Vortrag von Dr. Felix Philipp Ingold, St.Gallen
Thema: Wie entsteht ein literarischer Text?
Die Frage nach dem Autor
Zeit: Dienstag, 17. November 1998, 15.00 Uhr
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek L-812

Vortrag von Prof. Dr. Eduard Goldstücker, Prag
Thema: Jüdische Literatur deutscher Sprache in Prag
Zeit: Mittwoch, 7. Oktober 1998, 15.00 Uhr
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek L-812


Vortrag von Herrn Frank Elbe,
Botschafter der Bundesrepublik Deutschland
Thema: Die Rolle Deutschlands nach der Vereinigung
Zeit: 7.Mai 1998
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek L-921
Ausstellung

Eine Austellung zum Domjubiläum 1998
Menschen, Engel, Ungeheuer   Ausstattungsdetails des Kölner Doms.
Fotografien von Reinhard Matz und Axel Schenk
Zeit: 6.- 8.Mai 1998
Ort: Sophia-Universität, Bibliothek 9.Stock



                   


Die Rolle Deutschlands nach der Vereinigung
Vortrag von Herrn Frank Elbe, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Studentinnen und Studenten!

Es ist für mich eine große Freude, von der so traditionsreichen Sophia-Universität eingeladen zu werden und hier über Deutschland sprechen zu dürfen, über die Entwicklung der Beziehungen zwischen Deutschland und Japan, aber auch vielleicht über die Beziehungen zwischen Europa und Asien.
Ich möchte zunächst zum Ausdruck bringen, daß ich sehr gerne deutscher Botschafter in Japan bin. Seit Dezember vergangenen Jahres bin ich in Japan, davor war ich vierein- halb Jahre als Botschafter in Indien. In der kurzen Zeit, die ich hier bin, konnte ich mir ein Bild machen von der Liebenswürdigkeit, der Anständigkeit, dem Fleiß und auch der Anstrengungsbereitschaft der Menschen in diesem Land. Ich bin beeindruckt, welche Sympathie meinem Land, meinen Mitarbeitern an der Botschaft von Japan und den Menschen hier entgegengebracht wird.

Ich bin gebeten worden, etwas über die Entwicklung der Nachkriegsgeschichte Deutschlands zu erzählen. Das will ich gerne tun. Ihr Land und unser Land haben in der Nachkriegsgeschichte einen nahzu identischen Anfang gemacht. Wir haben uns aus einer Situation der militärischen Niederwerfung, der kriegerischen Zerstörung, vielleicht sogar der moralischen Zerstörung, hocharbeiten müssen, um unseren Platz in der internationalen Gemeinschaft erneut einnehmen zu können. Das war, soweit Deutschland betroffen war, eine außerordentliche schwierige Situation. Deutschland war 1945 nahezu völlig zerstört. Wir haben durch den Krieg etwa ein Drittel des Terri-toriums Deutschlands verloren, und wir sind in der Nachkriegsphase durch eine sehr komplizierte Periode der Anpassung gegangen.

Unmittelbar nach der Konferenz von Potsdam 1945 zeichnete sich ab, daß Deutschland, wie auch die übrigen Staaten Mitteleuropas und Westeuropas nicht sicher waren vor den aggressiven Ambitionen des sowjetischen Führers Stalin. Wir erlebten, daß der oberflächliche Konsens zwischen den Alliierten, der solange bestanden hatte, als sie mit Deutschland in Krieg waren, zerbrach. Wir erlebten, wie Stalin ein europäisches Land nach dem anderen übernahm, indem die bürgerlichen Regierungen, zum Beispiel in Polen, in der Tschechoslowakei, in Bulgarien, in Rumänien, in Ungarn, durch Marionettenregierungen der kommunistischen Partei ersetzt wurden. In Europa ging ein Eiserner Vorhang herunter. Ich habe die überwiegende Zeit meines Lebens in Bonn gelebt. Bonn liegt 275 km von der Grenze entfernt, die Deutschland teilte. Jenseits dieser Grenze unterhielt die Sowiet-Union 42 Divisionen, die im Falle eines direkten Durchmarsches Bonn in drei bis vier Stunden erreicht hätten. Bonn lag wie die meisten deutschen Städte im Zielbereich der sowjetischen Kurzstrecken-Raketen vom Typ Scud. Und man kann davon ausgehen, daß Bonn, weil es ja die Hauptstadt Deutschlands war, auch einbezogen war in die Zielplanung der sowjetischen Mittelstrecken-Raketen vom Typ SS 20. Sie müssen sich dann vorstellen, daß Berlin wie eine kleine, ungeschützte Insel mit seinen zwei Millionen Einwohnern mitten im Gebiet der sowjetisch besetzten Zone, beziehungsweise der späteren DDR liegt.
Das war die Situation der unmittelbaren Konfrontation, wie sie Europa erlebte, bis in das Jahr 1989, als die Mauer in Berlin fiel. Für uns war diese Situation nicht nur in einem hohen Maße unangenehm, sie war in einem hohen Maße bedrohlich. Denn die Gefahr einer militärischen Konfrontation war ja, zumindestens theoretisch, nicht auszuschließen. Und Deutschland, zusammen mit einigen anderen Nachbarn, wäre dann das Schlachtfeld, erneut das Schlachtfeld Europas geworden.

Man hat dann Mitte der 60er Jahre darüber nachgedacht, wie man diesen gefährlichen Zustand der Spannung auflösen könnte. Es gab 1968 unter den Mitgliedsstaaten der NATO eine Überlegung, wie man eine neue Politik begründen könnte, die auf eine Entspannung der Situation in Europa gerichtet war. Da hat man in Brüssel ein Dokument verabschiedet, das in die Geschichte eingegangen ist, als der "Harmel-Bericht". Ein Bericht, der nach dem früheren belgischen Außenminister Pierre Harmel benannt worden ist. Dieser Harmel-Bericht hatte eine neue Doktrin ("flexible response"), und zwar war das eine Mischung zwischen ausreichender militärischer Sicherheit auf der einen Seite, und einer Politik der Zusammenarbeit, der Entspannung und der Abrüstung auf der anderen Seite. Wenn Sie sich einmal vorstellen, wie die alten Griechen ihre Plastiken gestaltet haben, so gibt es in der Sprache der Kunst den Begriff Standbein und Spielbein. Das Standbein war für den Westen in der damaligen Zeit die militärische Sicherheit durch die Zugehörigkeit zur NATO, der Atlantischen Allianz. Und das Spielbein war eine Politik, die darauf abgestellt war, vorsichtig mehr Bewegungsfreiheit im Umgang mit den Staaten Europas zu schaffen.

Das war der Beginn der Ostpolitik. Es war der Beginn einer Politik der Versöhnung mit den osteuropäischen Staaten, der Normalisierung mit diesen Staaten. Das war der Beginn einer vorsichtigen Politik der Vertrauensbildung und der Abrüstung. Das war 1968. Wir sind diesen Weg gemeinsam mit den europäischen Staaten sehr zielstrebig und konsequent gegangen. In vielen kleinen Schritten. Das war gelegentlich ein ganz mühsamer Prozeß! Und wenn Sie die Zeitspanne von 1968 bis 1989 sehen, - das war das Jahr, in dem die Mauer gefallen ist -, so sind das zwar 21 Jahre mühsamer Politik, der Vertrauensbildung und der Zusammenarbeit, was sich dann aber letztlich ausgezahlt hat. Im Zuge dieser Politik haben wir eine Reihe von Verträgen abgeschlossen mit unseren europäischen Nachbarn. Zunächst einmal mit der Deutschen Demokratischen Republik, die kein westeuropäischer Nachbar war, sondern der zweite deutsche Staat. Dann haben wir Verträge abgeschlossen mit Moskau, Warschau und Prag und damit die Grundlage geschaffen für einen Prozeß in Europa, der in die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) einmündete.

Gleichzeitig zu diesen Bemühungen um mehr Entspannung und Zusammenarbeit in Europa zwischen den kapitalistischen Ländern und den kommunistischen Ländern vollzog sich in Westeuropa der Prozeß der europäischen Integration. Die Staaten Westeuropas, die durch eine glückliche Fügung der Geschichte von den Aggressionsplänen Stalins verschont worden waren, rückten einander. Auch zunächst in ganz kleinen und bescheidenen Schritten! Es fing an mit einem Vertrag über die Montanunion. Das war ein Vertrag über die Kohle- und Stahlindustrie. Diesen Vertrag unterschrieben Frankreich, Belgien, die Niederlande, Luxemburg und Deutschland. Und das Wesentliche war, das war immerhin noch in der Mitte der 50er Jahre, das hier ganz wesentliche Interessen der betroffenen Staaten miteinander verbunden wurden, kommerzielle Interessen, weil das Stahlgebiet Elsaß-Lothringen verbunden wurde mit dem Kohlegebiet in Deutschland an der Ruhr. Die Kanalisierung des Flusses Mosel schuf für die französische Stahlindustrie eine Verbindung zum offenen Meer, zum Hafen in Rotterdam. Ich erzähle das so ausführlich, weil es ganz wichtig ist, um zu verstehen, was in Europa damals vorgegangen ist, was in Europa die Treibkraft der europäischen Integration ist, und was in der
Zukunft weiterhin in Europa geschehen wird.
Sie müssen sich das mal so vorstellen, nach dem Zweiten Weltkrieg gab es viele kluge Menschen, die gesagt haben, diese Katastrophe darf sich nicht wiederholen. Wir müssen an eine europäische Friedensordnung herangehen. Das war nach dem Zweiten Weltkrieg nichts Neues, denn nach dem Ersten Weltkrieg (191-1918) hatte bereits ein österreichischer Europäer, Graf Richard von Coudenhove-Kalergi (1894-1972) für den Gedanken einer europäischen Union geworben. Obwohl dieser Gedanke in seiner ganzen intellektuellen und moralischen Fülle zur Verfügung stand, ist die Europa-Idee nicht aufgegriffen worden. Sie hat auch die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges nicht verhindert. Es mußste also im Grunde genommen noch etwas anderes hinzukommen. Zu der politischen und moralischen Einsicht mußte noch etwas hinzutreten, was ich benennen würde "die Mobilisierung von wirtschaftlichen Interessen". Diese Mobilisierung von wirtschaftlichen Interessen hat letztlich den Erfolg der europäischen Integration entscheidend mitbestimmt. Diese hat angefangen mit der Montanunion. Als Nächstes erfolgte die gemeinsame Agrarpolitik, und dann zeichnete sich in Europa ab, was phänomenal war. Plötzlich konnten die Politiker nicht mehr so, wie sie wollten. Sie konnten das Rad der Geschichte nicht mehr zurückdrehen, weil die wirtschaftlichen Kräfte so stark geworden waren, daß die Veränderung dieses Prozesses der Disposition der Politiker entzogen war.
Ich will Ihnen das an einem Beispiel erklären. Irgendwann kam General De Gaulle auf den Gedanken, mit dem Austritt aus dem Gemeinsamen Markt zu spielen. Inzwischen hatten aber die französischen Bauern so viele Vorteile von der gemeinsamen Agrarpolitik, "daß sie große Demonstrationen vor dem Präsidentenpalast in Paris veranstalteten, mit den Lastwagen Blockaden durchführten und Kartoffeln und Rüben vor den Präsidentenpalast schütteten." Das heißt, aus dem allmählichen wirtschaft-lichen Zusammenwachsen war inzwischen ein politischer Sachzwang geworden. Es ist wichtig, die Entwicklung in dieser Perspektive einmal zu sehen, weil das im Grunde genommen der Kerngedanke einer jeden regionalen Zusammenarbeit ist. Wir sagen in Deutschland, "Handel schafft Wandel". Prozesse werden sehr stark verändert über wirtschaftliche Interessen.
Wenn die natürlich eingebunden werden in politische und moralische Überlegungen so wie das im Grunde genommen jetzt seit einigen Jahrzehnten in Europa geschieht, ist das eine großartige Entwicklung. Wichtig ist zu sehen, daß regionale Zusammenarbeit aber über die wirtschaftlichen Beziehungen, Elemente der Konfliktbegrenzung und der Konflikteindämmung enthält, und damit sicherheitspolitische Elemente, die nicht nur wirtschaftliche Prosperität in der entsprechenden Region sichern, sondern auch sicherheitspolitische Stabilität. So konnten dann aus früheren Gegnern, aus Erzfeinden wie Frankreich und Deutschland, plötzlich Verbündete werden. Der Lauf der Geschichte ging weiter. Wir hatten großartige Erfahrungen gemacht in der Europäischen Gemeinschaft, wir waren inzwischen auf zwölf Staaten angewachsen. Wir machten auch bedeutende Fortschritte in unseren Beziehungen zu den osteuropäischen Staaten (Polen, Tschechoslowakei, Sowjet-Union). Der KSZE-Prozeß schritt voran. Es wurden in mehreren Stufen vertrauensbildende Maßnahmen beschlossen. Es gab die ersten großen Erfolge auf dem Gebiet der Abrüstung. Insbesondere wurde der Vertrag über die vollständige Eliminierung der amerikanischen und sowjetischen Mittelstrecken-Raketen abgeschlossen, im Jahre 1988, und man spürte damals in Europa, daß irgend etwas sich bewegen würde. Ich muß Ihnen sagen, als jemand, der damals unmittelbar an dem Geschehen beteiligt war, ich habe an alles gedacht, nur nicht an den Fall der Mauer. Ich habe mir vorgestellt eine weitere Normalisierung Europas in vielen Schritten, bis man schließlich so eine Art "geordnetes Miteinander" finden würde, zwischen Ost und West.

Dann fiel die Mauer, am 9. November 1989. Ich war dem Tag mit Bundeskanzler Helmut Kohl und mit Außenminister Hans-Dietrich Genscher in Polen zu einem Besuch. Wir sind direkt am nächsten Tag zurückgeflogen nach Berlin, um an diesem Ereignis teilzunehmen. Wir haben dann in relativ kurzem Abstand durch Verhandlungen erreicht, daß die Einheit Deutschlands wieder hergestellt wurde. Das geschah am 12. Dezember 1990, nicht ganz ein Jahr nach dem Fall der Berliner Mauer. An diesem Datum wurde der sogenannte Zwei-plus-Vier-Vertrag in Moskau unterzeichnet, der die Einheit Deutschlands und die volle Souveränität der Bundesrepublik Deutschland wieder herstellte. Wir waren bis zu diesem Zeitpunkt zwar ein großer Wirtschaftsfaktor in der Welt, aber wir waren nicht souverän. Am 3. Oktober vollzog sich dann der feierliche Akt der Wiederherstellung der deutschen Einheit.

Und was ist seitdem passiert? Wir haben dieses Einigungswerk mit außerordentlichen finanziellen Aufwendungen in Angriff genommen. Wir haben jedes Jahr etwa hundert Milliarden US Dollar transferiert zum Aufbau der zerstörten Wirtschaft in der DDR. Inzwischen zeigen diese Anstrengungen Wirkung. Wir haben dort eine gute Infrastruktur, insbesondere im Bereich Verkehr und Telekommunikation. Und allmählich fängt dieses Deutschland an, wieder zusammenzuwachsen. Wichtig ist aber an dieser ganzen Geschichte, daß die Einheit Deutschlands erreicht wurde mit dem Willen und der Zustimmung unserer europäischen Nachbarn. Das ist das erste Mal in der Geschichte Deutschlands, daß wir mit allen unseren neuen Nachbarstaaten ein friedliches und normales Verhältnis unterhalten.

Europa wird sich nun weiterentwickeln. Wir haben vor ein paar Tagen die europäische Währungsunion beschlossen, das heißt, es wird in Zukunft eine gemeinsame Währung von nunmehr elf europäischen Staaten geben. Es wird in weiterer Zukunft eine gemeinsame Wirtschaftspolitik geben, es wird eine Wirtschaftsunion entstehen. Die Verträge von Maastricht sehen nicht nur die Währungs-, sondern auch die Wirtschafts-union vor. Es ist eine beschlossene Sache, daß in einigen Jahren die Europäische Union anwachsen wird, von jetzt 15 Staaten auf dann 26 Staaten. Die Europäische Union ist bereits der größte Wirtschaftsfaktor der Welt. Es geht um 380 Millionen Menschen, die ein Bruttosozialprodukt erwirtschaften, das 15% höher ist als das der Vereinigten Staaten und 65% höher als das Japans. In wenigen Jahren werden wir über 450 Millionen Menschen sein. Diese Europäische Union beabsichtigt nicht, zu einer Festung zu werden. Sie beabsichtigt nicht, zu einem Bollwerk zu werden, das sich wirtschaftlich abschottet gegenüber dem Rest der Welt. Die Europäische Union ist als eine offene Einheit angelegt, die ihren Beitrag leisten will zur internationalen Arbeitsteilung und zur Förderung des Welthandels. Das bedeutet für Japan, daß Japan stärker als bisher sich interessieren muß dafür, was in Europa vor sich geht.

Und Ich wünsche Ihnen, daß meine japanischen Freunde die europäische Entwicklung nicht nur aus der Optik, aus der Brille der Vereinigten Staaten von Amerika und Großbritaniens sehen. Das gilt um so mehr, als man in Amerika jetzt inzwischen anfängt, die Entwicklung der Europäischen Union sehr ernst zu nehmen und vor allen Dingen sich darauf einzustellen, daß es eine gemeinsame europäische Währung gibt. Wenn es so ist, dann stellt sich die Frage, warum sollte Japan immer hinter dieser Entwicklung hinterherhinken? Warum sollte es sich nicht sein eigenes Urteil bilden über die Entwicklung in Europa, und warum sollte es nicht die Chancen begreifen, die in einer Kooperation zwischen Japan und Europa liegen.
Wir treten in das Zeitalter der Globalisierung. Die technischen Prozesse, die zur Globalisierung geführt haben, zum Beispiel die Erfindung des Mikrochips, sind irreversibel. Das heißt, der ganze Prozeß der Globalisierung kommt auf uns zu, ob wir es wollen oder nicht, wir können es nicht abwenden. Aber wir brauchen die Globalisierung auch nicht zu begreifen als einen Schicksalsschlag. Sie ist eine Chance. Die Globalisierung wird uns einem stärkeren Wettbewerb aussetzen, einem Wettbewerb mit darwinistischen Zügen. Und ich gehe davon aus, daß sich in diesem Wettbewerb nur derjenige durchsetzen wird, dem es gelingt, das qualitativ beste Produkt zu den günstigsten ökonomischen Bedingungen herzustellen. Das heißt, über das Überleben von Volkswirtschaften entscheiden in der Zukunft Qualität und Produktivität. Wenn das aber so ist, dann führt das auch zu der Einsicht, daß einzelne Firmen, vielleicht sogar einzelne Volkswirtschaften überfordert sind, um diesem hohen Standard von Qualität und Produktivität zu entsprechen.
Darum sollte man darüber nachdenken, ob es nicht sinnvoll ist, in eine Phase neuer wirtschaftlicher Kooperation einzutreten, indem man die intellektuellen und finanziellen Ressourcen zusammenführt, um synergetische Effekte und strategische Allianzen zu schaffen, nach dem Motto, "laßt uns die Entwicklungen aufgreifen, die wir allein nicht bewältigen können, wohl aber gemeinsam." Da sehe ich ein enorm wichtiges Potential von Möglichkeiten zwischen der Nummer Zwei der Weltwirtschaft, nach dem klassischen Standard, nämlich Japan, und der Nummer Drei der Weltwirtschaft, nämlich Deutschland. Lassen Sie uns stärker darüber nachdenken, wie wir unsere Ressourcen zusammenführen können, um wirtschaftliche Prosperität und politische Stabilität zu schaffen. Denn wenn die Welt infolge eines ruinösen Wettbewerbs auseinanderfällt, und wirtschaftliche und soziale Disparitäten verschärft werden, ist das eine Bedrohung des Weltfriedens. Insofern ist Kooperation nicht nur eine Norm der Geschichte, sondern ist ein Gebot der Sicherheit.

Ich möchte, bevor ich schließe, Ihnen etwas sagen, was mir persönlich am Herzen liegt. Gegenwärtig reden alle von der "Krise". Wenn Sie die Zeitungen aufschlagen, Ihre japanischen oder auch die ausländischen, muß es ja um Asien ganz schrecklich bestellt sein, und Japan muß es auch ganz schrecklich gehen. Ich war in der vorigen Woche auf einer Konferenz des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft in Peking. Eine solche Konferenz findet alle 2 Jahre statt, und dort waren, raten Sie bitte, 850 Industriebosse aus Deutschland. Die haben alle ein großes Interesse an Asien. Was ist daran bemerkenswert? Hier zeigt sich deutlich, daß die deutsche Wirtschaft an die Perspektiven dieses Wirtschaftsraumes glaubt und sich nicht erschüttern läßt durch die "Krise". Die deutsche Wirtschaft glaubt, daß die Krise bewältigt werden kann. Und ich bin der Meinung, daß China enorme moralische und intellektuelle Ressourcen hat, wenn es darum geht, eine Krise zu bewältigen. Es hat eine hohe Fähigkeit zur Regeneration.
Verehrte Anwesende, ich möchte Ihnen sagen, daß ich Japan nicht nur als ein Land ansehe, das von Skandalen, von Korruption und von kriminellen Machenschaften erschüttert ist. Sondern Japan ist ein Land, in dem Anständigkeit, Fleiß und Anstrengungsbereitschaft hohe Werte sind. Japan hat eine enorme Kraft zur Regeneration. Ich möchte Ihnen als deutscher Botschafter sagen, daß Sie mehr Vertrauen in sich haben müssen, wenn wir Vertrauen in Sie haben.
Vielen herzlichen Dank!



                                       


Eröffnungsrede vom Präsidenten der Sophia-Universität, Prof. Keiji Ohtani

Es ist mir eine Ehre heute Seine Exzellenz Dr. Johannes Manz, den Botschafter der Schweiz, zusammen mit zwei eminenten Forschern dieses Landes, hier begrüßen zu dürfen. Der Anlass unserer Zusammenkunft ist das internationale Symposium "Die Schweiz-Kontinuität und Wandel". Dieses Symposium wird abgehalten, um Prof. em. Thomas Immoos zu seinem 80. Geburtstag zu ehren. Es sei mir erlaubt, ihm an dieser Stelle meine Glückwünsche zu übermitteln.

Die Schweiz hat vor einigen Jahren das siebenhundertjährige Jubiläum ihrer Entstehung gefeiert. Im Februar 1864 haben die Schweiz und Japan bereits sowohl diplomatische als auch Handelsbeziehungen eröffnet-die Schweiz war damit das achte Land, mit dem ein Friedens-und Handelsvertrag abgeschlossen wurde. Aimé Humbert, der offizielle Vertreter der Schweiz bei diesen Verhandlungen, war ein scharfer Beobachter der damaligen japanischen Gesellschaft und hat seine Eindrücke in zwei Bildbänden zusammengefasst. Die beiden Bände wurden 1870 in Paris veröffentlicht, mit dem Resultat, dass Japan nicht nur der Schweiz, sondern ganz Europa vorgestellt wurde.

Die erste japanische Delegation, die die Schweiz im Jahre 1867 besuchte, war noch eine Delegation der Tokugawa-Regierung. Das Ziel ihrer Europareise war die Weltausstellung in Paris, jedoch standen Genf und Berlin auch auf ihrem Reiseprogramm. Iwakura besuchte dann die Schweiz im jahre 1873. Eine offizielle diplomatische Vertretung konnte aber erst 1879 zustande kommen, als der Gesandte für Frankreich auch die Vertretung Japans in der Schweiz übernahm. Die Schweiz wurde unserem Lande zum ersten Mal in Fukuzawas Buch "Verträge mit elf Ländern" vorgestellt. Als dann am Anfang der Meijizeit Schillers "Wilhelm Tell" übersetzt wurde, wurde der Freiheitskämpfer Tell zum Symbol für die Bürgerrechte der Meijizeit, da die literarische Figur Wilhelm Tells als historisch interpretiert wurde. 1904 veröffentlichte der Sozialist Abe das Buch "Das ideale Land-die Schweiz". wo die Schweiz voller Bewunderung Darstellung fand. Diese Buch wurde 1947 neu aufgelegt und hat so die japanische Nachkriegsgesellschaft deutlich beeinflusst. So entstand in Japan das Bild der Schweiz als eines Landes der Demokratie und der ständigen Neutralität.

Ich möchte meine Ansprache damit beenden, indem ich meiner Hoffnung Ausdruck verleihe, dass dieses Symposium das gegenseitige Verständnis unserer beider Länder fördere und vertiefe.


                               


Begrüssung durch Botschafter Dr. Johannes J. Manz

Sehr verehrter Herr Rektor
Sehr verehrter, lieber Herr Immoos
Meine sehr verehrten Damen und Herren Professoren
Liebe Freunde der Schweiz

Es ist mir eine grosse Freude und Ehre zugleich, heute an Sie einige Worte der Begrüssung richten zu dürfen. Eine Ehre, weil dieses Symposium aus Anlass des 80. Geburtstages von Prof. Thomas Immoos veranstaltet wird, der sich - ich sage es ohne zu zögern - wie kein anderer Schweizer im Laufe der letzten 47 Jahre um die Interessen unseres Landes in Japan verdient gemacht hat. Eine Freude aber auch, weil sich hier, in der Bibliothek der Sophia Universität, so viele Freunde meines Landes zusammengengefunden haben, um sich mit "Kontinuität und Wandel in der Schweiz" auseinander zu setzen.

Meine Damen und Herren
Dieses Jahr können wir nicht nur den 80. Geburtstag von Herrn Immoos, sondern auch 50 Jahre Immenseemission im Norden Japans, in Morioka, feiern. Diese zwei Jubiläen, personell und ideell eng miteinander verbunden, rechtfertigen es, dass wir den heutigen Tag besonders festlich begehen!

Lieber Herr Immoos,
wir haben uns seit meiner Ankunft in Japan verschiedentlich gesehen, in kleinem Kreise zum intimen Gespräch und an grösseren Veranstaltungen. Dabei konnte ich viel von Ihnen lernen: Über Japan, über die Japaner, über die Arbeit der Immenseemission in Morioka und über die Geschichte der Schweizer in Japan, durch Sie so trefflich in Wie die Eidgenossen Japan entdeckten (OAG aktuell, Tokio 1982) dargestellt.
Gestatten Sie mir heute, für ein Mal über Ihr Leben und Wirken zu sprechen:

In Priester in Ewigkeit (Goldau 1988), Lebenslied - Autobiographie in Versen (Tokio 1978) oder Der Sänger von Edenhall (Tokio 1962) berichten Sie selber über Ihren Lebensweg. Es wird mir kaum möglich sein, Ihre Biographie in so poetische Bilder zu fassen, wie sie diese Titel heraufbeschwören können: lassen wir einige Höhepunkte für sich sprechen:
1951 Ankunft in Japan,
1960 Doktorat, These "Friedrich Rückerts Aneignung des Shi-King"
1962 Sophia Universität, Professor für deutsche Literatur
1983 Grosses Ehrenzeichen der Republik Österreich
1985 Gastprofessor für Religionswissenschaft, Universität Wien
1988 Kulturpreis des Kantons Schwyz
Obwohl unvollständig, umreissen diese biographischen Angaben doch die drei Schwerpunkte Ihrer akademischen Arbeit und die drei geographischen Pole Ihres Lebens: Religionswissenschaft, Philosophie und Psychologie einerseits, die Schweiz, Japan und Österreich
anderseits.
In Das Gold im Wachs (1988), der Festschrift zu Ihrem 70. Geburtstag, lassen sich Einzelheiten nachlesen, deren Aufzählung die beschränkte Zeit mir leider verwehrt.

Lieber Herr Immoos
Es gibt aber auch einen ganz persönlichen Bezug zwischen Ihnen und der Schweizer Botschaft, Blutsbande sozusagen. Nicht ein Spiel um eine Seele (Fribourg, 1944), sondern eine ernste, lebensbedrohende Situation.
1979 mussten Sie sich einer Herzoperation unterziehen, einem schweren Eingriff, Im Rahmen einer verzweifelten Suche nach einer bestimmten Blutgruppe, wurden die Ärzte auf der Schweizer Botschaft in Tokio fündig, welche so mithelfen konnte, Ihr Leben zu retten. Zum Glück auf Dauer: Seit 1979 sind fast 20 Jahre vergangen, und am 15. September konnten Sie den 80. Geburtstag feiern!
Herzliche Gratulation!

Sehr verehrte Gäste
Ich danke Ihnen allen dafür, dass Sie sich heute hier so zahlreich an der Sophia Universität eingefunden haben. Damit beweisen Sie, wie gross das Interesse auch in Japan ist, über Kontinuität und Wandel in der Schweiz informiert zu werden, Hoffen wir, dass das Symposium nicht zum Schluss kommt, die Schweizer seien "Das unwandelbare Volk" (Tokio 1972), wie Prof. Immoos 1972 ein Buch über Japan getitelt hat!
Mit Ihrer Anwesenheit erweisen Sie dem Jubilar Ehre und Freude.
Gerade er, der seit 1946 ausserhalb der Schweiz Wohnsitz hat, blieb unserem Land besonders eng verbunden. Und damit auch der Frage, welche Werte erhaltenswert sind und welche dem Wandel unterworfen werden müssen. "Die Schweiz-Kontinuität und Wandel": Eine gerade heute ausserordentlich aktuelle Frage.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.




                                          


Abschlußansprache
Naoji Kimura


Zum Abschluß des erfolgreich verlaufenen Schweizer-Symposiums freue ich mich, als Institutsleiter ein paar Worte sagen zu dürfen. Zunächst danke ich aufrichtig, sowohl den Referenten, die mit ihren Vorträgen zum besseren Verständnis der Schweiz beigetragen haben, als auch meinen Kollegen im Institut, die das Symposium rechtzeitig angeregt haben. Denn ich hatte es eigentlich nur zum glücklichen Abschluß zu führen, ohne es selbst genügend vorbereitet zu haben.

Ich möchte dann nicht verabsäumen, Herrn Professor Thomas Immoos zum achtzigsten Geburtstag noch einmal recht herzlich zu gratulieren. Es ist selten, daß einem Wissenschaftler zu Ehren ein Symposium veranstaltet wird. Die Festschrift Das Gold im Wachs hat er schon im Jahre 1988 erhalten, und im gleichen Jahr hat ihm auch die Zeitschrift Beiträge zur deutschen Literatur der Sophia-Universität eine Sondernummer gewidmet.

Ich persönlich kenne Pater Immoos seit meiner Studentenzeit, d.h. er ist vor vielen Jahren einmal mein Lehrer gewesen, und später habe ich in der deutschen Literaturabteilung über zwanzig Jahre einer seiner Kollegen sein dürfen. Vor einer Woche war ich an einer Tagung in Darmstadt beteiligt und habe Herrn Professor Peter von Matt wiedergesehen. Er hat mir erzählt, wie Sie, Pater Immoos, Anfang der 60er Jahre zu seinem Erstaunen - Herr von Matt war ja damals noch ein junger Student - mit einer Doktorarbeit bei Emil Staiger in Zürich anfingen. Darauf hin habe ich ihm meinerseits mitgeteilt, das Sie in den letzten Jahrzehnten zwei Operationen überstanden und auch nach der Emeritierung an der Universität Wien als Gastprofessor für Religionsgeschichte und Theaterwissenschaft weiterhin gelehrt haben.

Vielleicht erinnern Sie sich daran, daß ich als junger Dozent an der japanischen Ausgabe des Heftes Nippon-Helvetia 1864 - 1964 aus Anlaß des 100jährigen Bestehens der Staatsbeziehungen zwischen der Schweiz und Japan mitarbeitete. Ich habe darin den Artikel "Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz und Japan" sowie Ihren aufschlußreichen Aufsatz "Kulturelle Beziehungen im Barocktheater. Der erste Japandruck in der Schweiz. Japanische Themen im Schweizer Barocktheater" ins Japanische übersetzt.

Sehr verehrter, lieber Pater Immoos, ich freue mich also, daß unsere Bekanntschaft sich über dreißig Jahre aufrecht erhalten hat und meine vielfachen Beziehungen zur Schweiz bei dieser Gelegenheit wunderbar erneuert worden sind. Ich wünsche Ihnen alles Gute, vor allem viel Gesundheit, und hoffe, daß ein Stück von "Hoher Himmel Enges Tal", wie die Ausstellung "Buchkunst Schweiz" auf der Frankfurter Buchmesse 1998 geheißen hat, in Ihnen lange verkörpert bleiben wird. 



                                        


Die Eu und die deutschsprachigen Länder

Das vorliegende Forschungsprojekt bezweckt, auf Grund der seit seiner Gründung vom Institut für die Kultur der deutschsprachigen Länder erzielten Forschungsergebnisse den Integrationsprozeß Europas zu untersuchen. Es handelt sich dabei unter dem juristischen, politologischen, ökonomischen, historischen, kulturellen und internationalen Gesichtspunkt um die interdisziplinäre Analyse dessen, was dieses Europa für äußere und innere Einflüsse auf die Gesellschaft der deutschsprachigen Länder, vor allem auf die Bundesrepublik Deutschland ausübt. Der europäische Integrationsprozeß wird dabei nicht nur generell aus dem Standpunkt der internationalen Politologie untersucht, sondern auch Spezialprobleme wie Rechtgebung, Politik, Kultur, Sprachen, Minoritäten, die von einem solchen Integrationsprozeß beeinflußt werden. Analysiert wird auch der gesellschaftliche Wandel im Deutschland nach der Wiedervereinigung bzw. in den deutschsprachigen Ländern überhaupt im Zusammenhang mit dem Integrationsprozeß Europas, insbesondere mit den deutsch-französischen Beziehungen, die gleichsam im Mittelpunkt dieses Prozesses stehen. Auf der anderen Seite werden ebenfalls die Wirkungen des Euro, die gesellschaftlich und wirtschaftlich sowohl für Europa als auch für Japan von großer Tragweite sind, aus verschiedenen Aspekten untersucht. Durch eine solche Analyse wie auch Untersuchung soll Ausschau nach der europäischen Gesellschaft im 21. Jahrhundert gehalten werden. Diese Forschung bezieht sich also schließlich auf die Kulturwissenschaften überhaupt. Vgl.: Internationale Kulturwissenschaften Sektion X



                                              


Begrüßungsansprache durch den österreichischen Botschafter
und Vertreter der EU-Präsidentschaft
Dr. Martin Vukovich


Wenn man Luxemburg, dem europäischsten aller EU-Mitgliedsstaaten, eine Sonderstellung einräumt, dann kann man wohl von zwei deutschsprachigen Ländern innerhalb der Europäischen Union sprechen, nämlich Deutschland und Österreich. Wann die beiden übrigen deutschsprachigen Länder Europas, die Schweiz und Liechtenstein, dem wirtschaftlich und politisch zusammenwachsenden Kerneuropa als Mitglieder beitreten werden, läßt sich derzeit nicht absehen.

Es ist sicherlich von Interesse, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der deutschsprachigen Länder in Bezug auf den europäischen Integrationsprozeß zu analysieren. Als Vertreter der derzeitigen EU-Präsidentschaft in Tokio - Österreich führt im zweiten Halbjahr 1998 erstmals den Vorsitz im Rat der Europäischen Union - werde ich versuchen, dies anhand historischer und politischer Fakten zu tun.

Eingangs möchte ich betonen, daß es innerhalb der EU selbstverständlich keinen deutschsprachigen Block gibt. Die 15 EU-Mitgliedsstaaten versuchen, ihre oft sehr divergierenden nationalen Interessen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, wobei es bei Abstimmungen im Rat die unterschiedlichsten Koalitionen in Sachfragen geben kann.

Was Deutschland und Österreich bezüglich des europäischen Einigungsprozesses verbindet, ist eine sehr ausgeprägte prointegrative Haltung, eine weitgehende Abkehr von nationalstaatlichem Denken, die aus den leidvollen Erfahrungen der jüngeren Geschichte resultiert. Dem europäischen Integrationsprozeß, der schon bald nach dem Ende des 2. Weltkrieges eingeleitet wurde, liegt das politische Motiv zu Grunde, die Volkswirtschaften und das politische Handeln der europäischen Staaten so eng miteinander zu verflechten, daß Kriege auf europäischem Boden nie wieder möglich werden. Die Gründungsväter der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, des ersten supranationalen Zusammenschlusses in Europa, Konrad Adenauer, Robert Schumann und Alcide de Gasperi, hatten sich eine dauerhafte Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich zum Ziel gesetzt. Diese wurde in einem Kerneuropa von zunächst sechs Mitgliedsstaaten verwirklicht.

Ein weiterer wichtiger Motor für den europäischen Einigungsprozeß war die politisch-ideologische Spaltung Europas infolge des kalten Krieges und die militärische Bedrohung Westeuropas durch das sowjetische Imperium. Durch die Schaffung eines politisch gefestigten, wirtschaftlich prosperierenden und sozial gerechten Kerneuropa, in dem die Prinzipien der Demokratie verwirklicht und die Menschenrechte geachtet werden, konnte ein Bollwerk gegen die kommunistische Gefahr aus dem Osten errichtet werden. Auch in dieser Hinsicht war der europäische Einigungsprozeß im Zusammenwirken mit den Bemühungen des NATO-Bündnisses um militärischen Schutz Westeuropas ein voller Erfolg.

Österreich stand dem europäischen Integrationsprozeß von allem Anfang an mit großer Sympathie gegenüber. Immerhin hat ein Österreicher mit japanischer Mutter, Graf Richard Coudenhove Kalergi, in den 20er Jahren die Paneuropa-Bewegung gegründet. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, in dem ab Mitte des 13. Jahrhunderts zumeist habsburgerische Kaiser von Wien aus regierten, und später die multinationale österreichisch-ungarische Donaumonarchie werden häufig als Vorläufer eines vereinten Europa angesehen. Nach dem Zerfall ihres übernationalen Reiches und den tragischen Folgen des aggressiven Nationalismus im 2. Weltkrieg hatten die Österreicher den sehnlichen Wunsch, am Aufbau eines neuen friedlichen Europa mitzuwirken. Schon bald nach Wiedererlangung seiner vollen Souveränität durch den Staatsvertrag von 1955 wurde Österreich Mitglied des Europarates in Straßburg, einer europäischen Organisation, die sich die Festigung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sowie die Wahrung der Menschenrechte zum Ziel gesetzt hatte. Ein Beitritt zu der 1958 gegründeten EWG wurde jedoch dem neutralen Österreich aufgrund der Logik des Kalten Krieges verwehrt. Die Sowjetunion nannte die EWG den wirtschaftlichen Unterbau der NATO. Österreich beteiligte sich daraufhin an der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA), die zahlreichen Ländern als Warteraum bis zu ihrer späteren Aufnahme in die Europäische Gemeinschaft diente.

In der Folge hat sich Österreich jahrzehntelang intensiv bemüht, durch eine Politik der Verständigung und der Kooperation über die damalige politisch-ideologische Trennlinie in Europa hinweg, zu einer Überwindung der Teilung des europäischen Kontinents beizutragen. Als schließlich der Eiserne Vorhang, der über 40 Jahre lang bloß 50 km östlich von Wien verlief, im Jahre 1989 beseitigt wurde, hat Österreich sofort seine Absicht bekundet, der Europäischen Gemeinschaft beizutreten. Der Beitrittsantrag wurde übrigens von der österreichischen Bundesregierung bereits im Juli 1989, also einige Monate vor dem Sturz der kommunistischen Regime in Mittel- und Osteuropa, nach Brüssel geschickt. Am 1. Jänner 1995 ist Österreich gemeinsam mit Finnland und Schweden in die Europäische Union, wie sich das Kerneuropa nunmehr nannte, aufgenommen worden. Die Zahl der Mitglieder der EU hat sich damit auf 15 erhöht.

Bei einer Konferenz der Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten über eine Reform der Institutionen der Union, die im Juni 1997 in Amsterdam mit einem Kompromiß zu Ende gegangen ist, hat sich Österreich unter anderem für effizientere Entscheidungsmechanismen der EU und für Mehrheitsbeschlüsse in Fragen der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) eingesetzt. Das Versagen Europas bei der Beilegung der blutigen Konflikte im ehemaligen Jugoslawien hat die Notwendigkeit verdeutlicht, daß die EU endlich außen- und sicherheitspolitisch handlungsfähig werden muß. Die diesbezüglichen Ideen konnten aber leider nur teilweise verwirklicht werden.

Österreich und Deutschland gehören zu den 11 EU-Mitgliedsstaaten, die am 1. Jänner 1999 den Euro als gemeinsame europäische Währung einführen werden. Die bevorstehende Vollendung der Wirtschafts- und Währungsunion stellt den bedeutendsten Schritt zur wirtschaftlichen und politischen Integration Europas dar, seit der Gründung der EWG vor 40 Jahren. Österreich tritt aber nicht nur für eine weitere Vertiefung der europäischen Integration ein, es befürwortet gleichzeitig auch eine geographische Erweiterung der EU. Unter der österreichischen Präsidentschaft haben unlängst die ersten substantiellen Verhandlungen mit den sechs Beitrittskandidaten, Polen, Tschechien, Ungarn, Slowenien, Estland und Zypern begonnen.

Die in Zentraleuropa gelegenen EU-Staaten Österreich und Deutschland haben ein natürliches Interesse, daß ihre östlichen Nachbarn in die Stabilitätszone der EU eingebunden werden. Allerdings müssen die Volkswirtschaften der Beitrittswerber auf den Beitritt vorbereitet werden, damit es zu keinen allzu großen Wanderungsbewegungen von Arbeitskräften und Wettbewerbsproblemen kommt. Hier gibt es begreifliche Sorgen in den östlichen Landesteilen Österreichs und wahrscheinlich auch Deutschlands. Die Osterweiterung der EU wird daher noch etliche Jahre auf sich warten lassen und sorgfältiger Vorbereitung bedürfen.

Es bleibt zu hoffen, daß die kommende Osterweiterung der EU eines Tages auch durch eine Westerweiterung ergänzt werden wird. In Norwegen hat sich die Bevölkerung bereits zweimal, 1972 und 1994, bei Volksabstimmungen gegen eine EG- bzw. EU-Mitgliedschaft ausgesprochen. Es ist daher nicht anzunehmen, daß die norwegische Regierung in absehbarer Zeit einen neuerlichen Vorstoß in diese Richtung wagen wird. In der Schweiz und damit auch in Liechtenstein zeichnet sich hingegen in der Öffentlichkeit ein langsamer Meinungsumschwung zugunsten eines EU-Beitrittes ab. Die Nachteile eines Abseitsstehens werden für die Schweizer Wirtschaft immer deutlicher spürbar.

Mit der Einführung des Euro wird die wirtschaftliche und politische Bedeutung der EU, als einer der großen Akteure im Weltgeschehen weiter zunehmen. Dieser Tatsache ist man sich auch in Japan bewußt. Die seit Anfang der 90er Jahre deutlich intensiver gewordenen Beziehungen zwischen der EU und Japan haben das Potential zu einer umfassenden Partnerschaft, die nicht nur Handel und Wirtschaft zum Gegenstand hat, sondern in der es auch eine breitgefächerte wissenschaftlich-technische Kooperation sowie eine Abstimmung in Fragen der internationalen Politik gibt.

Die deutschsprachigen Länder zählen zu den engagiertesten Verfechtern der europäischen Einigungsidee. Ich bin sicher, daß die deutsche EU-Präsidentschaft, die am 1.1.1999 die österreichische ablösen wird, mit großem Elan die anstehenden Reformvorhaben der EU in den Bereichen Agrar- und Strukturpolitik sowie Haushaltsfinanzierung zu einem guten Abschluß bringen wird.

Ich danke den Organisatoren dieses Symposiums für ihre lobenswerte Initiative und wünsche den Teilnehmern eine anregende zweitägige Diskussion.


                                         


Abschlußansprache
Naoji Kimura


Am 12. und 13. Dezember, also in dem Monat Shiwasu, wo auf japanisch sogar der sonst würdige Schulmeister geschäftig zu laufen pflegt, erlaubte sich das Institut für die Kultur der deutschsprachigen Länder, das lange geplante Symposium "Die EU und die deutschsprachigen Länder" zu veranstalten. Der vorgesehene Termin ist gerade auf den Zeitpunkt gefallen, an dem laut KURIER ONLINE Forum "Der Countdown zum Europäischen Rat von Wien am 11. und 12. Dezember läuft". Es war deshalb von besonderer Bedeutung, daß das Symposium durch Herrn Botschafter Dr. Martin Vukovich als den Vertreter des derzeitigen EU-Präsidentschaftslandes Österreich eröffnet werden konnte. Zudem war Herr Gesandter Dr. Ulrich Junker von der Bundesrepublik Deutschland, die ab 1. Januar 1999 die nächste Präsidentschaft der EU übernehmen sollte, dankenswerterweise bereit, einen Vortrag über "die EU und die deutsche Wirtschaft" zu halten.

Bei dieser Gelegenheit lassen Sie mich bitte etwas von meinen persönlichen Erlebnissen und meinen daraus gebildeten Ansichten über Europa erzählen. Als ich im Jahre 1959 zum erstenmal nach Deutschland fuhr, bestand Europa mit einem Wort aus den Ländern am Rhein. Da der Eiserne Vorhang bereits vorhanden war, erwies sich die bald befestigte deutsch-deutsche Grenze faktisch als Trennlinie zwischen West- und Osteuropa. Nach der Adenauer-Ära war nicht mehr viel von dem christlichen Abendland die Rede. Man konnte daher jenseits des Eisernen Vorhangs den östlichen Teil Europas nicht deutlich gewahr werden. Umgekehrt läßt sich wohl sagen, das der Begriff Europa, als die EWG gegründet wurde und sich im Laufe der Jahre zur EG entwickelte, auf Westeuropa in diesem Sinne beruht hat. Sowohl Westdeutschland als auch Frankreich waren damals auf einen gegenseitigen Zusammenhalt angewiesen. Aber nach 40 Jahren, als die Berliner Mauer fiel, traten mir auf einmal die Elbe/Moldau mit Dresden und Praha, die Oder an der deutsch-polnischen Grenze und die Weichsel, an der Warschau liegt, in den Gesichtskreis. Ja, als die Sowjetunion aufgelöst wurde, zeigte sich mir auch noch die Wolga in weiter Ferne, kamen doch fast unerwartet die sogenannten Wolga-Deutschen zum Vorschein.

Im Zuge der ethnischen Streitigkeiten im früheren Jugoslawien erschien mir dann die Donau, die von Schwaben in Deutschland bis zum Schwarzen Meer in der Türkei verschiedene Länder im Balkan durchfließt, äußerst wichtig für das Verständnis Europas. Der Donau-Kulturraum umfaßte für mich bisher die Städte von Regensburg und Passau über Linz bis Wien. Aber er erstreckt sich nunmehr von Wien weiter nach Budapest bis Belgrad. Denn ich habe gemerkt, daß die Länder an den Ufern der Donau, die einst zur österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie gehörten, eigentlich Osteuropa ausmachen, während Polen eher als Mitteleuropa anzusprechen ist. Der Begriff von Europa hat sich auf diese Weise in meinen Augen vor und nach dem Fall der Berliner Mauer beträchtlich geändert. Um zu begreifen, warum Großbritannien sich heute noch gewissermaßen vom Kontinentaleuropa distanziert, bin ich denn auch einmal nicht mit dem Eurostar durch den unterseeischen Tunnel, sondern eigens mit der Fähre von Dover nach Calais gefahren. Über die Sonderstellung der Schweiz in Europa haben wir bei dem im vergangenen Oktober stattgefundenen Symposium "Die Schweiz - Kontinuität und Wandel" nachgedacht.

Mir schwebt dabei freilich die weltumspannende menschliche wie dichterische Größe Goethes, der nicht nur deutsch, sondern fast immer europäisch gedacht und empfunden hat. Dafür ist aber aus Anlaß seines 250. Geburtsjahrs ein internationales Symposium im Oktober 1999 vorgesehen. Es sei hier nur noch darauf hingewiesen, daß alle Vortragstexte dieses EU-Symposiums zusammen mit den Diskussionsbeiträgen in einem Dokumentationsband gedruckt werden. Zum Schluß möchte ich den Referenten sowie allen meinen Kollegen und Mitarbeitern, die zum reibunslosen Verlauf des Symposiums verholfen haben, meinen herzlichen Dank aussprechen.


                                              


Gespräch mit Prof. Dr. Kurt Biedenkopf, Ministerpräsident des Freistaates Sachsen


(Heinz Hamm)
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, die Sophia-Universität hat im Dezember 1998 ein Symposium veranstaltet über "Deutschland in Europa". Was bei dieser Veranstaltung zu kurz kam, waren die neuen Bundesländer und die östlichen Nachbarn Deutschlands, und ein Thema, worüber Sie oft gesprochen haben, welche Rolle in dem neuen Europa die Regionen und Bundesländer spielen werden.
Jeder der hier Anwesenden interessiert sich sehr für Deutschland. Wir kennen die meisten Daten und Fakten. Aber wir können uns nur schwer die Gefühle, die Bewertungen, die wirkliche Situation, in der die Menschen in Sachsen leben, vorstellen.

(MP Biedenkopf)
Darum will ich zunächst gerne etwas sagen über den Prozeß der Transformation der Länder im Osten Deutschlands und dann vielleicht noch etwas zu dem Problem der Regionen.
Die Transformation in Deutschland, in den ostdeutschen Ländern, ist ein Sonderfall. Wir haben Transformationen in Polen, in Tschechien, in Slowakien, in Ungarn, in Estland, in Litauen, in all den Regionen östlich der Oder und Neiße, die in ihrer historischen und kulturellen Qualität zu dem Kerneuropa gehören. Diese Regionen sollte man nicht, was ja bei Polen offensichtlich ist, zu Osteuropa rechnen, sondern zu Westeuropa. In Polen ist das bereits durch die katholische Religion definiert, bei Ungarn zum Teil auch, bei Tschechien auch. Der Sonderfall in Ostdeutschland hat seine Ursache darin, daß der Transformationsprozeß hier innerhalb eines Landes stattfindet. Das hängt mit der deutschen Teilung zusammen. Die deutsche Teilung hat im deutschen Sprach- und Kulturgebiet zwei getrennte Staaten hervorgebracht, die alte Bundesrepublik und die ehemalige DDR. Diese Staaten haben Eigengesetzlichkeiten entwickelt, haben verschiedene Regierungssysteme gehabt, in der DDR, unter dem Einfluß der Sowjet-Union, ein Einparteiensystem (SED) und eine zentrale Planwirtschaft, in Westdeutschland eine demokratische Verfassung und eine marktwirtschaftliche Ordnung, eine zunehmende Integration in Westeuropa mit den gleichen Grundansichten und Grundelementen staatlicher Verfaßtheit. Aber unbeschadet dieser 40jährigen Trennung mit sehr unterschiedlichen Prägungen der Bevölkerung haben sich beide deutsche Teile mehr oder weniger bewußt und intensiv immer als Deutschland empfunden, sie hatten vor allem die Sprache gemeinsam, die Kultur, die Geschichte und die deutsche Nation.
Dazu muß man wissen, daß die deutsche Nation sich bis Mitte des 19. Jahrhunderts anders definierte als die französische oder die britische. Die deutsche Nation hat sich bis Mitte des 19. Jahrhunderts definiert als ein gemeinsamer Sprach- und Kulturraum. Deutschland hat nie das Problem gehabt, daß innerhalb der staatlichen Grenzen unterschiedliche Sprachräume bestanden, wie das zum Beispiel in Großbritannien und Frankreich der Fall war. So daß Deutschland nie auf einen staatlichen Zusammenschluß angewiesen war, um ein gemeinsames Sprach- und Kulturgebiet zu haben. Noch 1860/1870 kann man in deutschen Texten, zum Beispiel in Lexika, nachlesen, daß die deutsche Nation so stark ist, daß sie mehrere Staaten tragen kann. Die Deutschen haben sich über Jahrhunderte kulturell, geistig, aber nicht staatlich definiert. Eine der Folgen davon war, daß es auf dem Boden der Deutschen Nation viele Staaten gab. Einer dieser Staaten war Sachsen.
Sachsen ist als staatlich verfaßte geographische Einheit etwa 1000 Jahre alt. Das Jahr 936 ist der offizielle Gründungszeitpunkt (936 bis 973 Otto I. der Große), als eine Burg in Meißen gebaut wurde, um die Besiedlung dieser Gebiete gegen die Sorben, einen slawischen Stamm, der dort vorher schon lebte, zu schützen und die Christianisierung voranzutreiben. Man betrachtet 936 als eine Art Gründungsdatum für das spätere Sachsen. Die Tatsache, daß diese Region eine tausendjährige Geschichte staatlicher Verfaßtheit hatte, spielt in diesem Teil Deutschlands eine große Rolle. Die Bevölkerung lebt heute noch in dem unmittelbaren Bewußtsein ihrer historischen Tradition. Sie pflegt diese Tradition.
Der am meisten bekannte Regent in Sachsen ist August der Starke, der vor 300 Jahren regiert hat (1670 bis 1733, von 1694 als Friedrich August I. Kurfürst von Sachsen, von 1670 bis 1706, 1709 bis 1733 König von Polen). August der Starke fehlt bei keinem großen sächsischen Volksfest. Er wird zusammen mit seiner berühmtesten Mätresse, der Gräfin Cosel (1680 bis 1765, Reichsgräfin seit 1707), von Schauspielern dargestellt. Sie wissen vielleicht, daß dieser Kurfürst sich an einem Wettbewerb um die polnische Krone erfolgreich beteiligt hat. Der polnische Adel wollte einen König haben. Man hatte keinen, also hat man einen Wettbewerb veranstaltet. Heute würde man sagen, man hat den König von Polen "ausgeschrieben". Es haben sich mehrere Kandidaten beworben. Im letzten Durchgang waren es noch ein französischer Prinz und August der Starke. Und es wird berichtet, daß August der Starke die größeren Ressourcen bei der Bestechung des Wahlkomitees hatte. So konnte er sich mit russischer Hilfe gegen seinen Rivalen durchsetzen und wurde König von Polen. Das ist noch heute wichtig, weil die Polen sich gerne an diese
Personalunion erinnern. Wir haben 1997 in Warschau und in Dresden die dreihundertjährige Wiederkehr der Wahl August des Starken zum König von Polen gefeiert, in Warschau unter Teilnahme des polnischen Präsidenten und unseres Bundespräsidenten. Das ist nur ein kleines Indiz dafür, daß wir es hier mit einer historisch geprägten Landschaft zu tun haben, die auf eine jahrhunderte lange Geschichte zurückblickt und deshalb auch eine große Eigenständigkeit empfindet, eine große regionale Identität.

Die ostdeutschen Länder wurden, im Wesentlichen durch Peußen definiert, durch preußische Provinzen. Sie sind zum erstenmal in ihrer heutigen Formation, zum Teil als preußische Provinzen, in der Weimarer Republik entstanden, wurden dann von den Nazis aufgelöst, sind nach dem Zweiten Weltkrieg wieder entstanden und wurden von der sowjetischen Besatzungsmacht und dem DDR-Regime wieder aufgelöst.
Der Integrationsprozeß unterscheidet sich auch darum von den Vorgängen in den anderen Ländern, die ich erwähnt habe, weil er von Westdeutschland getragen wird, zu einem erheblichen Teil. Westdeutschland hat von Anfang an keinen Zweifel daran gelassen, daß es seine Wirtschaftskraft einsetzen wird, um den Osten des wieder vereinigten Deutschlands aufzubauen. Dabei hat eine Rolle gespielt, daß die deutsche Teilung eine Folge des Zweiten Weltkriegs war, und daß die Menschen, die im östlichen Teil Deutschlands lebten, in besonderer Weise Opfer des Zweiten Weltkrieges und seiner Folgen geworden sind. Während Westdeutschland nach 1948 das Land aufbauen konnte, mit sehr großzügiger Hilfe erst der Vereinigten Staaten, und dann sehr stark gefördert durch das Interesse der westeuropäischen Länder und der USA an einer Integration Westdeutschlands in Europa und an einer Revitalisierung der Verteidigungsfähigkeit Deutschlands während des Kalten Krieges - hat Ostdeutschland in hohem Umfang Reparationen zahlen müssen an die Sowjet-Union, und die DDR wurde dann durch das kommunistische Regime daran gehindert, eine dem Westen vergleichbare Entwicklung zu nehmen. Ganz im Gegenteil, die zentralplanwirtschaftliche Ordnung hat die Leistungsfähigkeit des Landes mehr erschüttert als entwickelt. Das war am Anfang nicht so deutlich, wurde aber immer sichtbarer in den 70er Jahren, bis dann in den 80er Jahren erkennbar wurde, daß die DDR wirtschaftlich keine Überlebenschance hatte. Dazu gibt es auch interne Untersuchungen der kommunistischen Regierung, insbesondere der kommunistischen Sicherheitspolizei, des Staatssicherheitsdienstes (Stasi), der die Parteileitung davon unterrichtet hat, im Frühjahr 1989, daß die DDR zahlungsunfahig sei.
Die ökonomische Seite des Transformationsprozesses wurde also nachhaltig durch die Wirtschaftskraft von Westdeutschland mitgetragen. Was man, zumindestens am Anfang, zuwenig berücksichtigt hat, waren die nicht-ökonomischen Faktoren dieses Prozesses. Wir hatten es mit einer Bevölkerung zu tun, die zwar in ihrer großen Mehrheit den Kommunismus ablehnte, aber sich in der gegebenen Situation zurechtfinden mußte, die Mauer, der Stacheldraht, keine Möglichkeit des Ausweichens, die Sowjet-Union als Quasi-Besatzungsmacht, das Regime in Ostberlin unterhalten und aufrechterhalten von der Sowjet-Union. Die Menschen haben sich in dieser Situation recht und schlecht eingerichtet, soweit sie nicht selbst an der Gestaltung der Situation beteiligt waren.
Aber 40 Jahre einer solchen Entwicklung sind sehr prägend. Das gilt nicht nur für die Ökonomie, das gilt auch für die Lebensverhältnisse und die Bewertung von Lebensverhältnissen. Es war immer ein Ziel des kommunistischen Systems, zu einer möglichsten Gleichbehandlung der Bevölkerung zu kommen, d.h. eine möglichst weitgehende Gleichheit zu verwirklichen. Deshalb gab es praktisch nur zwei oder drei Autotypen, wobei das eigentliche Auto im Grunde nur ein Typus war, natürlich der Trabant. Die Wohnverhältnisse waren praktisch für alle Bevölkerungsteile ähnlich, wenn man nicht zur Nomenklatura gehörte. Die Einkommen lagen nicht sehr weit auseinander, eins zu drei war die Einkommensbreite, also das niedrigste Einkommen Eins, die höchsten Einkommen Drei. In konkreten Zahlen, zwischen 600/700 und 2000 Mark, d.h. man hat dem Wunsch der Menschen nach Gleichbehandlung übermäßig entsprochen, dafür aber keine Freiheiten gewährt.
Dieses System hat sich zunehmend erschöpft und zunehmend weniger Unterstützung gefunden. Das Zweite war, wie in allen kommunistischen Systemen, man hat die gesamte erwerbsfähige Bevölkerung, also die Bevölkerung von 15 bis 65 Jahren, beschäftigt, mit irgendwelchen Tätigkeiten, auch wenn diese Tätigkeiten völlig unproduktiv waren. Man kann sagen, daß es in der DDR eine verdeckte Arbeitslosigkeit von 25 bis 30% gab. Aber diese verdeckte Arbeitslosigkeit war für die Menschen ein normaler Zustand. Die Arbeit wurde auf diese Weise der wichtigste Ort sozialer Verbindung und Vernetzung. Es gab kein Vereinsleben. Es gab die Kirche, wo man in gewissem Umfange geschützt war. Aber es war im Wesentlichen die Partei, die die ganze Infrastruktur zur Verfügung stellte. Der Arbeitsplatz war der Raum, in dem man noch am meisten geschützt war, und es war der Raum, wo man mit den Anderen in Beziehung kam. Es war auch der Raum, von dem die soziale Sicherheit ausging. Die Arbeitsplätze waren unkündbar. Wenn man einen Arbeitsplatz hatte, hatte man ihn immer. Genauso wie die Wohnung unkündbar war.
Diese unfreie, aber durch eine umfassende, wenn auch eher bescheidene soziale Absicherung stabilisierte Gesellschaft war die Erfahrung eines wesentlichen Teils der ostdeutschen Bevölkerung. Die ostdeutsche Bevölkerung hatte keine Erfahrung mit der Dynamik freiheitlicher Ordnung, hatte keine Erfahrung mit Wettbewerb, hatte keine Erfahrung mit Märkten. Der Grundsatz war, was produziert wird, wird verkauft. Nach der Wende lautete plötzlich der Grundsatz, was verkauft werden kann, wird produziert. Daran kann man den grundlegenden Wandel erkennen, an diesen beiden Sätzen, dem die ganze Gesellschaft ausgesetzt war. Die Übernahme individueller Risiken war jedenfalls nicht in dem Umfang geübt und gelernt, wie das für eine offene Gesellschaft nötig ist. Es gab also eine Fülle von Defiziten. Diese Defizite mußten ausgeglichen und aufgearbeitet werden. Das wurde nicht dadurch leichter, daß mit der deutschen Einheit 20% der Bevölkerung, nämlich der Bevölkerung in der damaligen DDR, und 80% der Bevölkerung zusammenkamen, und die 80% naturgemäß die 20% dominiert haben. Der Westen war der ostdeutschen Bevölkerung in allen wesentlichen Elementen der modernen industriellen Demokratie voraus, Gesetzgebung, Wettbewerb, Weltläufigkeit, internationale Erfahrung, und vieles andere mehr.
Das hat am Anfang dazu geführt, daß diese Menschen in Ostdeutschland sich als Menschen zweiter Klasse vorkamen. Nach der Freude über die Einheit gab es einen Rückschlag, und zwar einen ziemlich heftigen. Und eine meiner wichtigsten Aufgaben war es, den Menschen in Ostdeutschland klarzumachen, daß sie eine außerordentlich wertvolle eigene Erfahrung mitbringen, daß ihr bisheriges Leben keineswegs umsonst war, daß wir diese Erfahrung auch in Zukunft gebrauchen und sei es zu dem Zweck, uns vor vergleichbaren Erfahrungen zu schützen. Und daß sie eine Reihe von Eigenschaften entwickelt hatten in diesem System, die wertvoll waren. Zum Beispiel die Fähigkeit zur Improvisation, die man ja in allen Gesellschaften erlernt, in denen alles knapp ist, und in denen es keine Märkte gibt. Also die osteuropäische Bevölkerung ist ein Meister in dieser Hinsicht, so wie die Westdeutschen auch während der Kriegsjahre Meister in der Improvisation waren.
Inzwischen sind viele dieser Probleme nicht mehr so dominierend. Aber es wird schwierig bleiben, das Gefühl zu überwinden, daß man einen wesentlichen Teil seines Lebens, wenn nicht verloren hat, so doch unter Bedingungen hat leben müssen, die die Menschen vieler Chancen beraubt haben, die sie gehabt hätten, unter Bedingungen der Freiheit. Für die Sachsen war die Tatsache, daß sie eine so starke regionale Bindung an ihr eigenes Land hatten, in diesem Prozeß ein großer Vorteil. Sie hatten etwas, worauf sie stolz sein konnten, was sonst niemand hat, was auch nicht in erster Linie ökonomisch wichtig war. Das war die Kultur, die Geschichte, das waren die Universitäten, die wir inzwischen erneuert haben, und auch die industrielle Geschichte, auf der wir heute wieder aufbauen. Bei den Thüringern ist es ähnlich, obwohl Thüringen keine jahrhundertelange staatliche Verfaßtheit erlebt hat. Sondern Thüringen ist als Bundesland erst im Jahre 1919 entstanden, nach dem Ersten Weltkrieg. Aber es gibt dort eine starke regionale Bindung, die sich unabhängig von der staatlichen Verfaßtheit entwickelt hat.
Man kann heute sagen, daß ein großer Teil des Anpassungsprozesses bewältigt worden ist. Die älteren Menschen fühlen sich in der neuen Situation auch ökonomisch sehr gut, weil sie aus einer Zeit sehr schlechter Alterseinkommen in eine Zeit gekommen sind, in der sie die gleichen Alterseinkommen haben wie die Menschen in Westdeutschland. Diese Alterseinkommen werden zu einem wesentlichen Teil durch Westdeutschland subventioniert. Von Anfang an wurde die Bevölkerung im Sozialen gleich behandelt, was natürlich enorme Kosten verursacht. Denn die Wirtschaft in Ostdeutschland ist immer noch weit zurück im Verhältnis zu der in Westdeutschland. Das hängt mit einer ganzen Reihe von Gründen zusammen, insbesondere die Zerstörung der Infrastruktur, die Ausbeutung der Umwelt, die Ausbeutung des Kapitalstocks in den Betrieben, die Überalterung, die Wettbewerbsunfähigkeit der Betriebe in Ostdeutschland, aber das ist jetzt zu einem guten Teil überwunden.
Wir haben immer noch eine ganze Reihe von Menschen, 5 bis 10% als untere Grenze, von denen man sagen kann, daß sie Verlierer der Einheit sind, oder die sich selbst als Verlierer der Einheit sehen. Das sind Menschen, die zur Zeit der Vereinigung etwa 50 Jahre alt waren, und die sich sehr darauf gefreut haben, in einem späteren Leben die Chancen einer freien Gesellschaft mitzugenießen und zu benutzen. Und die dann die Erfahrung machen mußten, daß man sie nicht mehr braucht, weil es viel zu viele Angebote an Arbeitskräften gab im Verhältnis zu dem, was in einer hochentwickelten Industriegesellschaft nachgefragt wird. Es gab auch keine wesentlichen Alternativen für Arbeit als Integrationsform. Nicht alle haben das gut verkraftet. Und es gibt Verlierer der Einheit, was wir nicht als einen Nachteil empfinden, das ist die frühere Nomenklatura, die ihre Privilegien verloren hat, ihre Vorzüge, ihre besseren Alterssicherungen, ihre Hervorhebungen. Das sind auch eine ganze Menge Personen. Allein im Staatssicherheitsdienst haben mehr als 100 000 Menschen gearbeitet. Wenn man alle diese staatlichen Tätigkeiten, die für eine Diktatur notwendig sind, zusammenrechnet, dann kommt man auf etwa 800 000 Beschäftigte (Ostdeutschland hat etwa 10 000 000 Beschaftigte) etwa 8%. Viele von denen haben einen Neubeginn gewagt, und es ist ihnen auch gelungen. Aber viele fühlen sich auch zurückgesetzt, obwohl sie einen Neubeginn geboten bekommen haben.

So viel vielleicht zu Beginn.


Was die Regionen angeht? Europa ist immer ein Kontinent der Regionen gewesen. Frankreich und Großbritannien haben darum in der Zeit, als sich dort der Nationalstaat entwickelt hat, die regionale Indentität unterdrückt, weil es vor allem auch sprachliche Identitäten waren, und Französisch oder Englisch sollte die dominierende Sprache und damit die dominierende Kultur werden. Es zeigt sich jetzt, daß die europäische Integration diese kulturellen und sprachlichen Regionen wieder frei setzt. Ende der 50er Jahre schon wurde von Wissenschaftlern behauptet, daß die europäische Einigung nur unter gleichzeitiger Entwicklung der regionalen Struktur Europas möglich sei. Ich bin auch dieser Ansicht. Europa ist als zentralistisch regiertes Gebilde nicht funktionstüchtig.
Wenn Europa eine politische Integration anstrebt, kann diese Integration auch nicht dauerhaft durch die Nationalstaaten geleistet werden. Es muß eine stärkere Dezentralisation stattfinden, kulturell ist diese ohnehin schon vorhanden. Die Basken melden sich wieder, und zwar nicht nur in der ETA-Form, genauso wie Katalonien, unter Hinweis auf ihre Eigensprachlichkeit und auf ihre unterschiedliche geschichtliche und kulturelle Identität. Das bedeutet nicht, daß Europa deswegen auseinander läuft. Ganz im Gegenteil! Wir müssen uns nur an die Zeiten vor dem 17. Jahrhundert erinnern, als Europa wesentlich besser in der Lage war, in regionalisierten Formen zu existieren, vor allem in dem großen Verband des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.
Bezogen auf die Gegenwart bedeutet dies eine stärkere Regionalisierung vieler staatlicher Aufgaben, so wie wir es in Deutschland innerhalb der bundesstaatlichen Ordnung schon tun. Die Bundesländer sind wesentlich an der europäischen Politik durch Deutschland beteiligt, und sie legen auch großen Wert darauf, beteiligt zu sein. Insofern sind die deutschen Länder eine Art Ansporn für andere Regionen, ähnliche Voraussetzungen zu schaffen oder zu erkämpfen, um diese Regionalisierung zu stabilisieren. Eine Antwort auf die Entwicklung ist der "Ausschuß der Regionen", der durch die jüngsten europäischen Vertragsänderungen eingesetzt worden ist. Dieser
Ausschuß der Regionen soll eine Art Repräsentant des regional strukturierten Europas werden.
Noch hat der Ausschuß sehr wenig zu sagen, aber das wird nicht so bleiben. Man wird diese regionale Basis nutzen, um eine Menge Probleme, die örtlicher oder regionaler Natur sind, dort zu lösen, wo sie hingehören, und damit einer sonst inhärenten Zentralisierung, zumindestens der bürokratischen Prozesse, zu begegnen.


(Heinz Hamm)
Herr Ministerpräsident, herzlichen Dank für Ihre Ausführungen.

(Alexander Bürkner)
Herr Ministerpräsident, Sie haben sehr eindrucksvoll dargestellt den Unterschied im Osten und im Westen und das Zusammenwachsen. Kommt jetzt, nach dem Regierungswechsel, eher aus Westdeutschland eine neue Dimension in die Politik und vielleicht auch in die deutsche Kultur. Wir haben eine Rot-Grüne-Regierung, die bestimmte Veränderungen der sozialen Wertstruktur beabsichtigt. Oder wie schätzen Sie die Situation ein?

(MP Biedenkopf)
Also, die Veränderung der Wertstruktur hat längst stattgefunden. Wenn Sie signifikante Veränderungen der Wertstruktur in Deutschland beobachten, dann fängt das bei 1968 an, also bei den Bewegungen, die sich gegen einen restaurativen Prozeß im Nachkriegsdeutschland, aber auch im Nachkriegseuropa gewendet haben, ausgelöst durch die vergleichbare Entwicklung in den USA, die durch den Vietnam-Krieg entstand, durch die Verweigerung der jüngeren Leute, die politische Legitimierung für diesen Krieg zu akzeptieren. Es ist gar keine Frage, daß sich in Europa tiefgreifende Veränderungen wichtiger Wervorstellungen, etwa zu Ehe, Familie, zur Kindererziehung, in den letzten dreißig, vierzig Jahren entwickelt haben. Soweit es um das Verständnis ökologischer Prozesse geht, waren die Grünen dafür wesentlich verantwortlich, in Form von Greenpeace oder anderen Bewegungen, aus denen ja diese Partei entstanden ist. Ich glaube nicht, daß die Grünen jetzt noch eine sehr prägende Wirkung haben. Das Meiste von dem, was die Grünen an ideologischen oder weltorientierten, oder im echten Sinne des Wortes politisch inhaltlichen Initiativen und Veränderungen hervorbringen wollten, haben sie inzwischen bewirkt. Was jetzt passiert, ist bei den Grünen ein tiefer Ernüchterungsprozeß, mit dem sie nicht gerechnet haben. Weil sie nicht damit gerechnet haben, daß das Regieren auf der nationalen Ebene etwas völlig anderes ist als auf der Länderebene. Auf der Länderebene gleichen sich Fehlentscheidungen im Wettbewerb der Länder relativ schnell aus, oder die Länder haben davon einen Nachteil. Es ist aber dann nicht der Nachteil der ganzen Nation. In dem Augenblick, in dem man jetzt diese relativ unbefangene (um nicht zu sagen naïve) Form der politischen Programmatik auf nationaler Ebene umsetzen will, stößt man auf viel größere Widerstände. Und was die neue Regierung in den ersten 120 Tagen erfahren hat, ist, daß diese Widerstände außerordentlich groß sind. Und deshalb hat jetzt ein Prozeß der Ernüchterung und der Pragmatisierung eingesetzt, von dem man nicht weiß, wie er sich auf die Grünen auswirken wird. An sich haben die Grünen, wie fast alle Bürgerbewegungen, die Opposition zum Bestehenden als Kohäsionskraft gebraucht, und für eine solche politische Bewegung ist es nicht risikolos, jetzt selbst zu regieren oder mitzuregieren, und sich dann an sehr harten Widerständen zu stoßen. Sie können das an der Reaktion des Bundeskanzlers ablesen, der ziemlich unverblümt der grünen Partei sagt, wo die Grenzen des Machbaren sind, und daß der große Koalitionspartner nicht bereit ist, alle politischen Anliegen der Grünen zu seinen eigenen Anliegen zu machen. Er hat ja kürzlich die Grünen zurückgewiesen, nach der Hessen-Wahl, in der die Grünen verloren haben, etwa 40% ihrer Wähler von der vorausgegangenen Landtagswahl. Gerhard Schröder sagte, es mache keinen Sinn, die Aufmerksamkeit vorrangig auf Minderheiten-Themen zu richten. Wie das später ausgeht, das kann man noch nicht sagen. Ich nehme an, daß die grüne Partei sich zu einer ökologischen FDP entwickelt. Denn zumindesten die jüngeren Wähler kommen aus demselben Bereich. Die Grünen sind zu einem erheblichen Teil Kinder aus bürgerlichen Familien gewesen, gerade in Hessen. Und die Frage ist, ob diese Kinder bürgerlicher Familien jetzt noch bereit sind, für die Grünen als Ausdruck einer gewissen Konfrontation zur älteren Generation zu stimmen, wenn die Grünen jetzt durch die Mitregierung gezwungen sind, pragmatisch zu werden.

(Takeshi Kawasaki)
Herr Ministerpräsident, vor etwa einem halben Jahr, im August 1998, habe ich in Bischofswerda an einer Wahlkampfveranstaltung von Ihnen teilgenommen. Ich gehörte zu einer Gruppe von ausländischen Wahlbeobachtern, die vom DAAD gefördert wurde. Sie haben uns damals die Grundlagen Ihrer Regierungspolitik dargelegt. Das war für uns sehr interessant und beeindruckend. Wir haben mit Ihnen darüber diskutiert, wie Sie den sozialdemokratischen Vorsitzenden im Bezug auf eine soziale Politik einschätzen. Herr Lafontaine hat natürlich ein anderes Programm als die CDU. Er ist nicht im traditionellen Sinn von der Gewerkschaftspolitik der SPD bestimmt, sondern von der Neuen Linken. Er hatte auch, als er noch Kanzler-Kandidat war, Streit mit den Gewerkschaften. Sie haben uns in Bischofswerda erklärt, daß die CDU im Hinblick auf nötige Reformen des Sozialwesens mit einer SPD unter Herrn Lafontaine zusammenarbeiten könnte. Wie denken Sie heute, nach dem Regierungswechsel, darüber?

(MP Biedenkopf)
Im Augenblick haben wir ja keine "SPD unter Herrn Lafontaine", sondern eine SPD unter Herrn Schröder. Herr Schröder ist der Bundeskanzler.

(Takeshi Kawasaki)
Aber Herr Lafontaine ist Parteivorsitzender.

(MP Biedenkopf)
Ja, aber für einen Parteivorsitzenden ist es eine völlig andere Situation, wenn er nicht mehr Oppositonsführer ist. Der Bundeskanzler ist nach dem Grundgesetz sehr stark. Der Bundeskanzler hat die Richtlinienkompetenz, und wenn Herr Lafontaine den Bundeskanzler nicht gefährden will, dann muß er diese Richtlinienkompetenz akzeptieren. Und wenn er ihn gefährdet, schadet er seiner eigenen Partei. Denn dann geht er ja das Risiko ein, daß die SPD in der nächsten Bundestagswahl die Wahlen verliert.
Die Unterschiede in den sozialpolitischen Fragen, über die wir in Bischofswerda gesprochen haben, sind zwischen den beiden großen Volksparteien nicht sehr groß. Beide Volksparteien suchen nach der Antwort auf die schwierige Frage, wie sich dieses Sozialsystem weiterentwickeln soll. Und beide sehen noch keine Lösung. Beide haben bisher auch nicht die politische Kraft bewiesen, Veränderungen von dem Umfang in Gang zu setzen, wie zum Beispiel Premierminister Blair in England, obwohl er auch Sozialdemokrat ist. Wir haben es mit höchst unterschiedlichen Sozialdemokraten zu tun. Wir haben mehr sozialistische Sozialdemokraten, wie in Frankrech, wir haben mehr bürgerliche Sozialdemokraten, wie in Großbritannien. Es findet eher eine Konvergenz der bürgerlichen Parteien statt im bezug auf ihre Antworten auf neue Probleme, und ich glaube, was wir damals besprochen haben, ist heute noch genauso gültig. Gerhard Schröder ist in vielen wichtigen Fragen der CDU näher als dem Linken Flügel der SPD. Es gibt ja gute Argumente für die Behauptung, daß Gerhard Schröder von seinem Wahlsieg selbst außerordentlich überrascht gewesen ist, und daß er es vorgezogen hätte, in einer großen Koalition mit der CDU zu regieren. Das ist auch ein Grund für die relative Rücksichtslosigkeit, die Gerhard Schröder im Verhältnis zu den Grünen an den Tag legt. Gerhard Schröder wußte wahrscheinlich, daß die Rot-Grüne-Koalition in der Sozialpolitik enorme Widerstände im Linken Flügel der SPD auslöst, und bei einigen anderen Minderheiten-Themen, wie er das genannt hat, enorme Widerstände bei den Grünen provoziert. Und das ist ja im Augenblick auch der Fall. Und er hatte sich erhofft, möglicherweise, ich habe mit ihm noch nicht darüber gesprochen, daß er mit einer Großen Koalition mehr Gelegenheit gehabt hätte, weil sie eine sehr viel größere Mehrheit hätte, auch sehr schwierige Fragen zu entscheiden, und dabei auch Gegenstimmen in Kauf zu nehmen. Aber nun ist es mal, wie es ist, und man wird im Lauf der Zeit, wenn man gut beraten ist, auf beiden Seiten, der SPD und der CDU, den Versuch machen müssen, in den Bereichen der Alterssicherung vor allen Dingen, oder auch der Arbeitsmarktpolitik grundlegend neue Konzepte zu verwirklichen, weil die jetztigen Maßnahmen nicht zukunftsfähig sind, was auch zunehmend von Wissenschaftlern so gesehen wird.
Der Finanzminister Lafontaine ist wieder ein ganz anderes Thema. Herr Lafontaine läßt sich von wirtschaftspolitischen Theoremen leiten, die bei der überwiegenden Mehrheit der Wirtschaftswissenschaftler als überholt gelten und keinen großen Anhang mehr finden. Er konzentriert sich, das ist mein Eindruck, im Augenblick mehr auf Europa. Ich glaube, es wird ihm nicht gelingen, den Bundeskanzler, gegen dessen Willen, in die Parteidisziplin zu zwingen. D.h. er wird gehalten sein, den Inhalt der Parteidisziplin so zu definieren, daß der Bundeskanzler sich dem anschließen kann. Und das bedeutet eine stärkere Betonung der Mitte. Bundeskanzler Schröder ist ein Mann, der eine wichtige Aufgabe des Bundeskanzlers in der Moderation gesellschaftlicher Konflikte sieht. Er nutzt das Amt, um gesellschaftliche Konflikte zu moderieren und damit einer Lösung zuzuführen. In vielen Fällen geht das auch. Willem Kok hat das genauso gemacht, in den Niederlanden, über eine lange Zeit, insbesondere in der Arbeitsmarktpolitik, aber auch in der Sozialpolitik. Gerhard Schröder wird die Erfahrung machen, daß nicht alles moderierbar ist, sondern daß man bestimmte Grundsatzentscheidungen treffen muß, um damit das Gebiet abzustecken, innerhalb dessen die Moderation stattfindet. Aber er ist noch viel zu kurze Zeit Kanzler, als daß man beurteilen könnte, wie er sich verhalten wird. Da muß man Gerhard Schröder schon ein bis zwei Jahre Zeit lassen, sonst sind die Urteile, die man da fällt, alle sehr vorläufig.

(Pater Immoos)
Darf ich Sie etwas fragen, was nichts mit Politik zu tun hat?

(MP Biedenkopf)
Aber natürlich.

(Pater Immoos)
Als ich in Leipzig war, um einen Vortrag über Shinto zu halten, habe ich gehört, daß man in Leipzig wieder ein Institut für Ostasiatische Studien aufbauen will. Es gab in Leipzig zu Beginn des Jahrhunderts eine große Tradition chinesisch-japanischer Studien. Diese wurden nach dem Zweiten Weltkrieg nach Berlin verlegt.

(MP Biedenkopf)
Also wir sind sehr daran interessiert, diese Tradition wieder aufzubauen, vor allem für die japanischen Studien. Ich bin jetzt nicht genau darüber unterrichtet, wie weit sich das entwickelt hat, aber ich halte eine Konzentration in Berlin schon deshalb nicht für sinnvoll, weil Wettbewerb auch in solchen Bereichen eine Quelle gegenseitigen Ansporns ist, und weil es auch in diesen Fachgebieten inzwischen eine so breite Palette gibt, daß man das gar nicht von einem Institut alleine abdecken kann.

(Naoji Kimura)
Meine Frage schließt sich an Pater Immoos an. Berühmte Orte in Thüringen und Sachsen, in Erfurt und Weimar, in Leipzig und Dresden sind historisch bekannt, aber japanische Touristen finden erst langsam dorthin. Ich kenne kaum einen Japaner, der längere Zeit in Sachsen studiert, oder sogar promoviert hätte. Im sogenannten japanischen Palais in Dresden befinden sich nur wenige Objekte von historischer Bedeutung, und japanische Touristen sind nach dem Besuch des Palais sehr enttäuscht. Mori Ogai hat in Dresden gewohnt, aber das Haus steht nicht mehr.
Die Technische Hochschule wurde nach der Vereinigung zur Technischen Universität erhoben. Welche Fakultäten sind hinzugekommen, um die Forschungsbereiche im Hinblick auf die Geistes- und Sozialwissenschaften zu erweitern? In der DDR-Zeit war der akademische Austausch mit den japanischen Universitäten beschränkt, es wurden kaum Partnerschaften geschlossen. Setzen sie sich als Ministerpräsident dafür ein, Dresden und Leipzig als Universitätsstädte zu entwickeln?

(MP Biedenkopf)
Ich gehe davon aus, daß die Universitäten selbst vieles unternehmen, um so gut und bekannt zu werden, daß sie auch Studenten aus dem Ausland anziehen. Das kann ich als Regierungschef kaum beeinflussen.

(Naoji Kimura)
Über die Finanzen?

(MP Biedenkopf)
Die Finanzen, das bestreiten unsere Universitäten gar nicht, die sind sehr gut. Obwohl Sachsen ein sehr armes Land ist, im Verhältnis zu den westdeutschen Ländern, geben wir pro Kopf der Bevölkerung fast soviel für unsere Universitäten aus wie Baden- Württemberg. Also die Universitäten genießen bei uns eine außerordentlich hohe Priorität. Wir haben vier Universitäten und fünf Fachhochschulen in Sachsen bei einer Bevölkerung von 4,5 bis 5 Millionen Einwohnern, Wir werden diese Entwicklung weiter fördern, weil wir der Meinung sind, daß eine Region wie Sachsen nur dann auf die Dauer zu einer wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Bedeutung finden kann, wenn die Wissenschaften eine hohe Priorität haben. Ich kann mir sehr gut vorstellen, ich bin jetzt nicht unterrichtet, mit wem die Dresdner Universität Partnerschaften hat, aber ich bin ganz sicher, wenn sie noch keine haben, werden sie sie anstreben. Und in der Regel sind diese Partnerschaften dann der Ausgangspunkt für Zusammenarbeit und Studentenaustausch.

(Christiane Langer-Kaneko)
Ich darf dazu sagen, die erste Studentin unserer Abteilung für Deutsche Sprache geht nächste Woche nach Dresden. Es gibt noch keine Partnerschaft, aber wir haben ihr sehr zugeraten, nach Dresden zu gehen.

(Heinz Hamm)
Professor Biedenkopf, Sie sagten, Geld, Arbeit und Wirtschaft ist nicht das Wichtigste, …

(MP Biedenkopf)
… nicht das Einzige,

(Heinz Hamm)
…, sondern setzt Kultur und Geschichte voraus. Ich bin ein Laie, weil ich Theologie und Germanistik studiert habe, aber ich habe den Eindruck, daß die moderne Technologie nur dort ihren Standort sucht, wo die Kultur sehr stark ist.

(MP Biedenkopf)
So ist es.

(Heinz Hamm)
Etwa in Norditalien, oder in Deutschland die Linie Stuttgart, Ulm, Augsburg, München.

(MP Biedenkopf)
und Dresden!

(Heinz Hamm)
Darauf bezieht sich meine Frage, meine Hoffnung. Auf der Linie Thüringen, Leipzig, Dresden (bis Prag), weil hier die Kultur, wie Sie gesagt haben, eine tausendjährige Tiefe hat, und weil es wunderschöne Naturlandschaften gibt, könnten hier nicht moderne Software und Service-Industrien entstehen?

(MP Biedenkopf)
Ja, das ist vollkommen richtig. Wir sind der Meinung, daß die Zukunft Sachsens, wie im übrigen auch ganz Deutschlands, auf einer Trias aufbaut, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Auf keines dieser drei Elemente kann man verzichten. Wir haben einen Investor nach Dresden holen können, aus dem Silicon Valley, ein großes Unternehmen, das so etwas Ähnliches macht wie INTEL, Logistikbausteine. Der Grund der Entscheidung für Dresden war die Kombination des kulturellen Reichtums der Stadt und der technischen Universität mit einer exzellent motivierten Arbeitsbevölkerung. Das waren die Gründe. Der Investor wollte an einem Ort sein, wo eine Universität ist, mit der man zusammenarbeiten kann, von der man in Zukunft Ingenieure bekommt und Wissenschaftler, und man wollte eine kulturelle Umgebung, die die geistige Kreativität anregt, und zwar nicht nur fachspezifisch.
Ähnliche Überlegungen hat die Firma Siemens angestellt, bevor sie mit einer großen Investition im Bereich der Hochtechnologie nach Dresden gegangen ist. Wir haben heute einen Hochtechnologie-Standort in einem vergleichsweise kleinen Land, der schon europäischen Anforderungen genügt. Wir haben in diesem Land die modernste Hochtechnologie-Infrastruktur in Deutschland, und wir bauen zur Zeit eine sogenannte Medien-Universität auf, in Leipzig, in der inzwischen 25 000 Menschen beschäftigt sind. Das ist kein großes Unternehmen, sondern es sind viele kleine und mittlere Betriebe. In dem Maße, wie diese Technologie an Breite gewinnt, werden auch um diese großen Investitionen viele kleine und mittlere Unternehmen entstehen. Ohne Kultur geht das nicht. Es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen einem hohen kulturellen Standard, Theater, Musik, Ausstellungen und der Kreativität auf anderen Gebieten.

(Pater Mohr)
Was tun Sie, und wie sind die Aussichten, um die Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen?

(MP Biedenkopf)
Die Arbeitslosigkeit bekommen wir langfristig bedauerlicherweise in den Griff, weil der Nachwuchs so gering geworden ist, daß wir in etwa 10 Jahren um jeden 16jährigen konkurrieren werden. Kurzfristig geht es nur, wenn man sich intensiv damit befast, um welche Art von Arbeitslosigkeit es sich handelt. Jemand der zwei oder drei Jahre lang arbeitslos ist, braucht eine aktive Mitwirkung, wenn er wieder in den Arbeitsprozeß eingegliedert werden soll. Das muß man auf kommunaler Ebene machen. Eine nationale Wirtschaftspolitik kann da sehr wenig bewirken, erst recht eine europäische Wirtschaftspolitik nicht.
In Deutschland sind 30% der Arbeitslosen auf eine Arbeitslosigkeit von weniger als drei Monaten zurückzuführen. Diese Arbeitslosen haben ihren Arbeitsplatz in einem Unternehmen verloren, weil rationalisiert wurde, oder aus anderen Gründen, die aber innerhalb von drei Monaten einen neuen Arbeitsplatz finden. Diese Arbeitslosigkeit ist der Ausdruck einer Wirtschaft, die sich schnell an veränderte Bedingungen anpassen kann, gesamtwirtschaftlich gesehen, ist das positiv. Da das Einkommen dieser Arbeitslosen gesichert ist, da sie also in dieser Zeit weiter ein Einkommen beziehen, ist hier die Arbeitslosigkeit auch kein eigentliches soziales Problem. Wir müssen uns also vor allem volkswirtschaftlich um die Arbeitslosen kümmern, die nach diesen drei Monaten noch keinen neuen Arbeitsplatz gefunden haben. Die Langzeit-Arbeitslosigkeit ist das Problem.
Es hat sehr lange gedauert, bis man überhaupt bereit war, die Arbeitslosen-Ziffern in dieser Weise zu untersuchen. Es gibt nach wie vor einen starken Widerstand in der deutschen, aber auch in der europäischen Debatte gegen die Aufschlusselung des Phanomens. Man ist gegen die Aufschlüsselung mit dem Argument, man wolle die Arbeitslosigkeit verharmlosen. Die Folge dieser Haltung ist, daß man die Arbeitslosigkeit überhaupt nicht bewältigen kann, weil man in der Regel nach der unterlassenen Diagnose die falschen Therapien anwendet. Inzwischen ist man so weit, und das ist auch parteiübergreifend der Fall, zum Beispiel der Freistaat Sachsen und das Land Nordrhein-Westfalen sind zur Zeit damit beschäftigt, Strategien gegen die Langzeitarbeitslosigkeit zu entwickeln. Hier muß man sehr die Details berücksichtigen. Wir sprechen heute immer davon, daß wir in einer hochkomplexen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung leben, aber ausgerechnet im Bereich der Arbeitslosigkeit verweigern wir uns dieser Komplexität. Die Folge ist eine Ressourcenvergeudung, aber auch eine Vergeudung menschlicher Kräfte, weil man den Menschen immer wieder Hoffnungen macht, und diese Hoffnungen immer wieder enttäuscht werden.

(Gerhard Schepers)
Noch einmal zur deutschen Einheit. Hinterher ist man immer klüger. Kann man aus heutiger Sicht sagen, was man hätte anders oder besser machen sollen?

(MP Biedenkopf)
Das Meiste haben wir richtig gemacht. Insbesondere die Geschwindigkeit des Prozesses war richtig. Die Alternative wäre gewesen, daß man bereit gewesen wäre, das Risiko einzugehen, daß die Leistungsträger aus Ostdeutschland nach Westdeutschland gewandert wären, ehe es zur Einheit gekommen wäre, und dann hätte man Ostdeutschland nicht mehr aufbauen können. Man mußte sehr schnell handeln, denn die Ostdeutschen waren deutsche Bürger. In dem Augenblick, in dem die Mauer gefallen war, waren wir alle Deutsche. Es gab keine ostdeutsche Staatsangehörigkeit aus westdeutscher Sicht. Wir haben die ostdeutsche Staatsangehörigkeit nie anerkannt. Wenn jemand unmittelbar nach dem Fall der Mauer zu einem Landratsamt in Bayern oder Baden-Württemberg gegangen wäre, und einen deutschen Paß beantragt hat, dann hat er den Paß bekommen. Deshalb bildete sich auch sehr schnell ein Strom von Menschen, im Januar 1990 waren es fast 70 000, die von Ost nach West gezogen sind. Das hat auch die damalige Bundesregierung unter Helmut Kohl veranlaßt, entgegen aller Ratschläge, sofortige Verhandlungen über die Wirtschafts- und Währungsunion mit der DDR vorzuschlagen, was richtig war.
Es gibt zwei, drei Dinge, die man sinnvollerweise hätte anders machen sollen. Man hätte den Privatisierungsprozeß anders gestalten sollen. Auch hier muß man sehr in die Details gehen. Man hat die Funktionsweise eines zentralplanwirtschaftlichen Systems nicht ausreichend verstanden. Man hat von den ostdeutschen Unternehmen verlangt, daß sie die Kredite zurückzahlen. Deswegen ist eine große Zahl von Unternehmen pleite gegangen. Das konnte gar nicht anders gehen. Das hat man später korrigiert. Man hat nicht gewußt, daß die DDR ihre Staatsschuld nicht als eine Staatsschuld ausgewiesen hat, sondern als eine Schuld der staatlichen Unternehmen. Die Kredite an die Unternehmen waren nichts anderes als eine Finanzierung der DDR-Staatsschuld. Die Betriebe mußten ihr Geld an den Staat abliefern, und haben dann das Geld, das sie für ihre Produktion gebraucht haben, in Form von Krediten zurückbekommen. Die Folge war, daß die Schulden in den Betrieben und nicht beim Staat entstanden sind. An sich hätte die BRD diese Staatsschuld übernehmen müssen. Das hat die BRD später auch getan, im Rahmen der Treuhand, ungefähr 250 Milliarden. Das war ziemlich genau die Staatsschuld. Aber es war ein Umweg, der vielen Betrieben das Leben gekostet hat.
Das Zweite, was man auch hätte anders machen müssen, ist die Behandlung der Enteignung. Man hat die alten Eigentümer, in sehr rigoroser Weise zum Teil, wieder in ihr Eigentum eingesetzt und hat damit Menschen getroffen, die 30 oder 40 Jahre lang dieses Eigentum gepflegt haben. Das gilt insbesondere für Wohnhäuser. Das hat, verständlicherweise, enorme Ressentiments ausgelöst. Weil die Menschen gesagt haben, Ihr habt im Westen die ganze Zeit gelebt, Ihr konntet Vermögen bilden, wir haben hier die Häuser gepflegt, wir haben darin gewohnt, wir haben sie mit Leben erfüllt, jetzt verlangt Ihr sie zurück, ohne daß wir etwas für unseren Aufwand bekommen. Ich glaube, daß das die beiden wichtigsten Aspekte sind, die mir jetzt einfallen. Ansonsten gibt es eine Eigengesetzlichkeit. Ich kann keine Wirtschafts- und Sozialordnung einrichten, ohne die Rechtsordnung zu übertragen. Wir machen das manchmal zu perfektionistisch, das hat zu Widerständen geführt, aber die sind im Wesentlichen überwunden.

(Heinz Hamm)
Herr Ministerpräsident, es ist Zeit. Wir danken Ihnen sehr für den Vortrag und das Gespräch. Wir wünschen Ihnen und Ihrer Delegation in Japan viel Erfolg. Wir wünschen auch dem Freistaat Sachsen, daß er mit dem neuen Frühling blüht und gedeiht.

(MP Biedenkopf)
Das tut er jetzt.

(Heinz Hamm)
Wir hoffen, daß Sie bald wieder nach Japan kommen!

(MP Biedenkopf)
Ich habe bereits eine Einladung vom Präsidenten des Oberhauses, im nächsten Jahr wiederzukommen, wenn ich wieder gewählt werde, bin ich dann Präsident des Bundesrates, und er möchte gerne den Präsidenten des Bundesrates nächstes Jahr zu Gast haben.

(Heinz Hamm)
An dem Ausgang der Wahl zweifelt ja wohl niemand.

(MP Biedenkopf)
Das ist ganz gefährlich! Sie sollten dem Volkssouverän nie vorher sagen, wie er zu entscheiden hat, dann entscheidet er in der Regel anders.

(Heinz Hamm)
Aber ich meine, daß Sie und Ihr Team stark genug sind, um einen erfolgreichen Wahlkampf zu führen. Also viel Erfolg und eine gute Gesundheit!

(MP Biedenkopf)
Danke schön!


                             


Nietzsche und Goethe
Vortrag an der Sophia-Universität am 21. 12. 1999

Schon der junge Kulturkritiker Nietzsche bezieht Themen und Probleme, auch Stile und Ziele aus dem Vorrat des jugendlichen Goethe-Werkes: Die Geburt der Tragödie preist den Prometheus als "Hymnus der Unfrömmigkeit", ineinem Faible für die "aktive Sünde" wird "der edelste Bildungskampf Goethes" als Beziehungsfolie für die eigenen Ziele aufgebaut. Seit der kindlichen Lektüre der 'Löwennovelle' begleitet Goethe Nietzsche als Wegweiser und Führer, dessen eigene Entwicklung von dem biographischen Raster der Goetheschen Lebensform teilweise strukturiert wird. Obgleich selbst keine so frühen Revolutionen beabsichtigend, empfängt Nietzsche von der prometheischen Potenz des Stürmers und Drängers Impulse für die Entwicklung des Immoralisten-Bildes: Er bewundert die lange Zeit der Jugendrevolten bei seinem Vorbild und bedenkt das Resultat, einen lange Leidenserfahrenen vor sich zu haben. Ihm ist die Faust- und Helena-Thematik als Reflexionsmodell einer "Gier zum Dasein" nach Schopenhauers Lebensphilosophie wiederholt zitiertes Bild, von dem er sich bald absetzen wird, sobald sich nämlich die Konturen einer grundsätzlich vitalistischen Immoralität abzeichnen. Nietzsche schätzt Goethe wegen seiner präsumtiv/prätentiösen Selbstbeziehung, die alles Außerordentliche an sich wie naturnotwendig versteht, vor allem aber wegen des historischen Mißerfolges, den Goethe als Objekt der christlich-moralischen Entrüstung im 19. Jahrhundert erzielt: Der Theologie-Kritiker, der schließlich emanzipierte Freund der Geschlechtlichkeit, aber auch der große Gefährdete bilden den Umriß eines "freigewordenen Geistes", der gerade in seiner Freiheit allein bleibt. Nicht wenig von der eigenen Problematik - auch des hinsichtich seiner kulturellen Bestimmung Irrenden - projiziert Nietzsche in Goethe, so daß sein rezeptives Psychogramm des Dichters fast ein Schlüssel seiner Selbstinterpretation wird.
Goethe als Genosse des Leidens am "Bildungsphilister" - von den Unzeitgemäßen Betrachtungen an geht das Thema des Leidens an Deutschland durch Nietzsches Gesamtwerk. Bildeten Antike (und in merkwürdiger Einssetzung damit anfänglich auch Wagners Musik) und dann Goethes Existenz und Werk Markierungen, zu denen ein Kulturvolk auf dem Weg zu seiner Zukunft wallfahren sollte, so bleibt der Überhang des Veralteten - oder der schlechten Modernität - doch das Stigma des 'moralisch' zurückgebliebenen Volkes. Ein Stigma auch der intellektuellen Schwäche: "Volk, welches sich der Intelligenz eines Luther unterordnet!", "Deutschland, das vom Mittelalter zugerichtete Volk", - so stöhnt Nietzsche, der sich alsbald gezwungen sieht, Goethe zu expatriieren, um seine abendländische Rolle fixieren zu können. Ein Ereignis des 18. Jahrhunderts, das eben dieses 18. Jahrhundert zu überwinden versuchte. Napoleon schält sich in Nietzsches teils anti-, teils überhistorischen Argumentationen als neue und radikalere Markierung für das Bild des Vollmenschen heraus, an der sich nun auch Goethe messen lassen muß.
Daß Goethe selbst teilweise ein rückwärts gewandter Poet blieb, zeigt sich für Nietzsche an seiner Faust-Dichtung. Sie wird besonders dem mittleren, fortschrittsbewußten Nietzsche zum Erweis des Nachzüglerhaften. Bei weitem zu wenig radikal, bei weitem zu stark an der Schablone der Machtverwerfung hängend, von einem "obsoleten Hexenglauben" abhängig scheint Nietzsche gerade dieses Werk, zu dem das 19. Jahrhundert als Identifizierungsopus emporblicken wollte. In zahlreichen Zitaten parodiert Nietzsche besonders auch bildungsbürgerlich tradierte Sentenzen und Strukturen des Faust. Sowohl das Erkenntnisproblem wie die Fassung des Mephistopheles bleiben für Nietzsche weit, und endgültig, hinter dem Horizont der modernen Erkenntnisanstrengung zurück: 1882 heißt es "ich lache über Faust", oder: "Faustproblem überwunden, mit der Metaphysik". Ähnlich wie im Bereich der prometheisch-vitalistischen Sichten sieht sich Nietzsche als Überbieter Goethes, er wünscht sich auch einen vielfach überbotenen Mephisto, wenn es sich antreibt zu einem " bösen Buch".
Die besondere Nähe von Nietzsches Naturauffassung zum Spinozistisch-Goetheschen Erbe ist vielfach konstatiert worden. Statt des Willens zum Ende - den Nietzsche bei Faust dargstellt sieht, sofern es sich bei ihm um einen spezifisch modernen Menschen des schwachen Willens handelt - soll mit Goethe ein Wille zur Erde gewonnen und gesteigert werden. Wie im Sozialpsychologischen arbeitet Nietzsche gerne auch hier mit einer historischen Reihe: Spinoza - Lessing - Goethe - Nietzsche. Wenn die Erde als Orientierung für das starke und nicht mehr vom 'Geist' geschwächte Leben ausgegeben wird, ist zu fragen, welche neuartigen Restriktionen in der Andacht zum Kleinen, zum Leben mitbedacht werden müssen. Die jüngste Forschung hat einen einsinnigen Weg von einer "Herren"-Auffassung, wie sie im Faust vorliege, zu der Nietzsches feststellen zu können geglaubt. Hier wird man unterscheiden müssen, in welchem Diskurs die unterschiedlichen Positionen Nietzsches jeweils eingesetzt werden. Die derzeit in Deutschland wieder akut gemachte Frage einer "Biopolitik" (Sloterdijk-Diskussion) legt differenzierte Forschung darüber nahe, wie sich die Lebenspraxisforderungen in- und außerhalb der jeweiligen, ihrerseits von theoretischen Vorannahmen abgeleiteten Theoriediskussion artikulieren.
In einem längeren philosophischen Schlußteil soll Goethes und Nietzsches Umgang mit Totalität - gerade als Natur-Totalität - diskutiert werden. Ohne Zweifel hat Nietzsche das Faustische Aktions-Axiom als Leitlinie seiner auf Übermächtigung zielenden späten Philosophie übernommen und radikalisiert. Sein gigantischer Kampf gegen die "unbedingte Ruh" (wie sie am Ende des Einleitungs-Prologs im Faust als beklagenswerter Mangelzustand des Menschseins umrissen wird: "Des Menschen Tätigkeit kann allzuleicht erschlaffen, / Er liebt sich bald die unbedingte Ruh; drum geb ich gern ihm den Gesellen zu", Vers 34O-2) trägt Züge der Angst-Obsession.Seine Imagination "jenes furchtbaren Künstler-Egoismus, der wie Erz blickt und sich im 'Werke' wie die Mutter in ihrem Kinde, in alle Ewigkeit voraus gerechtfertigt weiss", beansprucht eine Übersteigung von Rechtfertigung mit zwei sich ergänzenden Modellen - das eine biologisch (im Mutter-Vergleich), das andere ästhetisch (im Kunstvergleich). Ein Vergleich mit Goethe wird zeigen, daß dessen Frage stellung tatsächlich pränietzscheanisch war, - daß es aber zu großen Irrtümmern führen würde, a) einmal den Faust nur als positiv intendierte Figur zu sehen, b) die Gleichsetzung dieses Bildes mit dem Zarathustra anzunehmen, wobei wieder der Zarathustra als Figur totalistisch vereinseitigt und um seine kritische Dimension verkürzt würde, c) als Superzeichen all dieser Gleichsetzungen dann einfachhin die "Postmoderne" zu akkreditieren, - als wäre nicht im Zarathustra selbst eine andere , und dem Kleinkarierten der Postmoderne entsprechende Lebensform des Unverbindlichen dargestellt. Goethes Umgang mit Totalität ist auf Lebensformaxiome bezogen und setzt dafür ein polares und synthetisches Denken ein. Nietzsche strengt sich an, einen einzigen monothematischen Ursprung und eine monologisch sich selbst bestätigende Lebensphilosophie ins Recht zu setzen: "Die Welt ist Wille zur Macht, - und nichts außerdem".




Begrüßung:
Prof. Toshiaki Koso,
Kanzler der Sophia-Universität



Exzellenz(en),
sehr geehrte Kollegen,

erlauben Sie mir als Kanzler der Sophia-Universität jetzt das Wort zu ergreifen.

Goethe- im Jahr 1999 an einer Jesuiten-Universität in Japan... sicherlich keine Selbstverständlichkeit:

"Ich bin in der Stadt herumgegangen... die... neue wohlbebaute Häuser hat. In der Kirche hängt ein Bild, wo das versammelte Konzilium einer Predigt des Jesuitengenerals zuhört. Ich möchte wohl wissen, was er ihnen aufgebunden hat..."

Nun, ich möchte Ihnen hier nichts aufbinden, diese Worte Goethes stammen aus der Italienischen Reise. Die Stadt, die hier erwähnt wird, ist nicht Tokyo, sondern Trient... und der Jesuitenorden war zu der Zeit aufgehoben. Auch in seinem langen römischen Aufenthalt erwähnt Goethe die Gesellschaft Jesu kaum. Franz Xaver, dessen Jubiläum wir dieses Jahr auch feiern, wird nur am Rande erwähnt.

Jedoch, auch lobende Worte finden sich bei Goethe:"Ich verfügte mich gleich in das Jesuitencollegium, wo das jährliche Schauspiel gegeben ward... Hier ist nicht Klugheit, wie man sie sich in Abstracto denkt, es ist eine Freude an der Sache dabei, ein Mit- und Selbstgenuß, wie er aus dem Gebrauche des Lebens entspringt."(Italienische Reise, 3. September, Regensburg).

Die Worte Goethes sind eine Mahnung an uns, dieser ganzheitlichen humanistischen Tradition treu zu bleiben. Ihre Worte an diesen beiden Tagen, liebe Kollegen, ist Ansporn an uns, Raum zu schaffen für den Menschen, einen Raum der Begegnung zwischen Ost und West. Ich danke Ihnen für Ihre Vorträge, ich danke ganz besonders dem Goethe-Institut für diese Möglichkeit des gemeinsamen Studierens und Nachdenkens- doch, grau ist alle Theorie, jetzt steht das gemeinsame Feiern an.

                                        

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